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Die Revolution von 1848 in Norditalien

Subtitle: Verlauf der Ereignisse, Folgen für die habsburgische Reaktion und Bewertung der Rolle Feldmarschall Radetzkys

Scholary Paper (Seminar), 2004, 16 Pages
Author: Malte Koppe
Subject: History - 19. Century

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2004
Pages: 16
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 13  Entries
Language: German
Archive No.: V118426
ISBN (E-book): 978-3-640-21318-4
ISBN (Book): 978-3-640-21327-6
File size: 122 KB

Abstract

3 Die Jahre 1848 und 1849 erschütterten die Grundfeste der alten Ordnung in Europa. Ausgehend von Frankreich, wo nach dem Sturz des Bürgerkönigs Louis Philippe die Republik ausgerufen wurde, verbreiteten sich revolutionäre Ideen in ganz Europa. Besonders in Österreich verbanden und überkreuzten sich soziale, konstitutionelle und eine Vielzahl nationaler Forderungen an das alte Herrschaftssystem. Nachdem die konservativ geprägte Habsburgermonarchie die Französische Revolution und die darauf folgenden Napoleonischen Kriege überdauert hatte, schien es nun, dass das Ende des zentralistischen Kaiserreiches nahe sei. In Wien war die Regierungsgewalt Mitte März 1848 auf ein liberales Ministerium und verschiedene demokratische Organe übergegangen. In Ungarn, Böhmen, Norditalien und Galizien forderten die einzelnen Nationalitäten zuerst Gleichberechtigung und Mitspracherechte, später sogar Autonomie und Unabhängigkeit. Die Monarchie stand einer Vielzahl von Krisenherden gegenüber, trotzdem gelang es ihr, sich in den ereignisreichen Jahren 1848 und 1849 zu behaupten. Einer der ersten Erfolge der Reaktion war die Niederschlagung des Aufstandes in Norditalien und der Sieg über Piemont. Der Erfolg in der Schlacht bei Custozza am 25. Juli 1848 und wenig später die Wiedereroberung Mailands am 9. August markierten vorerst das Ende der national-italienischen Einigungsbestrebungen Lombardo-Venetiens und Piemonts. Vor diesem Hintergrund stellen sich Fragen, die in dieser Darstellung beantwortet werden sollen. Wie verlief der Unabhängigkeitskampf der italienischen Nationalisten? Welche Folgen hatte dieses Ereignis für den weiteren Verlauf der Gegenrevolution? Welche Gründe lassen sich für den Sieg des österreichischen Heeres nach anfänglicher Unterlegenheit finden? Der erste Teil dieser Arbeit enthält eine Betrachtung der Ereignisse des Jahres 1848 in Lombardo-Venetien und Piemont, unterteilt in die Phasen „Vormärz“, „Revolutionäre Ereignisse“ und „Gegenoffensive“. Im zweiten Teil wird die Frage nach der Relevanz des Sieges in Italien für die Gegenrevolution gestellt. Abschießend wird untersucht, welche Rolle die Feldmarschall Radetzkys für den Sieg spielte. Die Darstellungen des ersten Teils stützen sich vor allem auf die Bände „1804 - 1914 - Bürgerliche Emanzipation und Staatszerfall in der Habsburgermonarchie“ in der Reihe „Österreichische Geschichte“ und „Die Revolution im Kaisertum Österreich 1848-1849“. Aus letzterem ist die beigefügte Karte „Der Kampfraum zwischen Mincio und Vicenza“ entnommen worden. Für eine Bewertung der Folgen des Sieges in Italien im dritten Teil der Arbeit sowie für die nähere Informationen zum Wirken Radetzkys erwies sich außerdem die Monographie „The Survival of the Habsburg Empire“ als hilfreich. Details zum österreichischen Militär fanden sich in „Die Habsburgermonarchie 1848-1918 – Die bewaffnete Macht“.


Fulltext (computer-generated)

Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Fachbereich Geschichte/Philosophie

Proseminar: Die Revolution von 1848 in West und Ost

­ Die Revolution von 1848 in Norditalien ­

Verlauf der Ereignisse, Folgen für die habsburgische Reaktion und

Bewertung der Rolle Feldmarschall Radetzkys

Hausarbeit von

Malte Koppe

1. Semester Geschichtswissenschaft (HF),

Politikwissenschaft (NF),

Öffentliches Recht (NF)

Münster, den 14.04.04


Inhaltsverzeichnis

1

Einleitung 3

2

Krieg und Revolution in Norditalien 4

2.1

Der Vormärz in Norditalien 4

2.2

Die revolutionären Ereignisse bis zum Kriegseintritt Piemonts 5

2.3

Der Verlauf der Gegenoffensive 8

3

Die Bedeutung des Sieges für die Reaktion in Österreich 9

4

Der Sieg des österreichischen Heers in Italien ­ Ein Verdienst Radetzkys? 11

5

Schluss 14

6

Literaturverzeichnis 15

2


1 Einleitung

Die Jahre 1848 und 1849 erschütterten die Grundfeste der alten Ordnung in Europa.

Ausgehend von Frankreich, wo nach dem Sturz des Bürgerkönigs Louis Philippe die

Republik ausgerufen wurde, verbreiteten sich revolutionäre Ideen in ganz Europa. Besonders

in Österreich verbanden und überkreuzten sich soziale, konstitutionelle und eine Vielzahl

nationaler Forderungen an das alte Herrschaftssystem. Nachdem die konservativ geprägte

Habsburgermonarchie die Französische Revolution und die darauf folgenden Napoleonischen

Kriege überdauert hatte, schien es nun, dass das Ende des zentralistischen Kaiserreiches nahe

sei. In Wien war die Regierungsgewalt Mitte März 1848 auf ein liberales Ministerium und

verschiedene demokratische Organe übergegangen. In Ungarn, Böhmen, Norditalien und

Galizien forderten die einzelnen Nationalitäten zuerst Gleichberechtigung und

Mitspracherechte, später sogar Autonomie und Unabhängigkeit. Die Monarchie stand einer

Vielzahl von Krisenherden gegenüber, trotzdem gelang es ihr, sich in den ereignisreichen

Jahren 1848 und 1849 zu behaupten. Einer der ersten Erfolge der Reaktion war die

Niederschlagung des Aufstandes in Norditalien und der Sieg über Piemont. Der Erfolg in der

Schlacht bei Custozza am 25. Juli 1848 und wenig später die Wiedereroberung Mailands am

9. August markierten vorerst das Ende der national-italienischen Einigungsbestrebungen

Lombardo-Venetiens und Piemonts.

Vor diesem Hintergrund stellen sich Fragen, die in dieser Darstellung beantwortet werden

sollen. Wie verlief der Unabhängigkeitskampf der italienischen Nationalisten? Welche Folgen

hatte dieses Ereignis für den weiteren Verlauf der Gegenrevolution? Welche Gründe lassen

sich für den Sieg des österreichischen Heeres nach anfänglicher Unterlegenheit finden?

Der erste Teil dieser Arbeit enthält eine Betrachtung der Ereignisse des Jahres 1848 in

Lombardo-Venetien und Piemont, unterteilt in die Phasen ,,Vormärz", ,,Revolutionäre

Ereignisse" und ,,Gegenoffensive". Im zweiten Teil wird die Frage nach der Relevanz des

Sieges in Italien für die Gegenrevolution gestellt. Abschießend wird untersucht, welche Rolle

die Feldmarschall Radetzkys für den Sieg spielte. Die Darstellungen des ersten Teils stützen

sich vor allem auf die Bände ,,1804 - 1914 - Bürgerliche Emanzipation und Staatszerfall in

der Habsburgermonarchie" in der Reihe ,,Österreichische Geschichte" und ,,Die Revolution

im Kaisertum Österreich 1848-1849". Aus letzterem ist die beigefügte Karte ,,Der

Kampfraum zwischen Mincio und Vicenza" entnommen worden.

Für eine Bewertung der Folgen des Sieges in Italien im dritten Teil der Arbeit sowie für die

nähere Informationen zum Wirken Radetzkys erwies sich außerdem die Monographie ,,The

Survival of the Habsburg Empire" als hilfreich.

3


Details zum österreichischen Militär fanden sich in ,,Die Habsburgermonarchie 1848-1918 ­

Die bewaffnete Macht".

2 Krieg und Revolution in Norditalien

2.1

Der Vormärz in Norditalien

Seit dem Wiener Kongress von 1814/15 war Italien in mehrere Teile geteilt. Im Süden befand

sich das doppelte Königreich Sizilien, welches von einer Bourbonischen Dynastie reaktionär

regiert wurde. In Mittelitalien lag der päpstliche Kirchenstaat. Norditalien bestand aus einer

Reihe kleinerer Staaten, die mehr oder weniger unter österreichischem Einfluss standen. Die

folgende Darstellungen bezieht sich ausschließlich auf die beiden direkt zum Habsburgerreich

gehörenden Provinzen Lombardei und Venetien sowie auf die Rolle des unabhängigen

Königreichs Piemont.

Im Jahre 1831 übernahm Graf Radetzky den Oberbefehl über die in Lombardo-Venetien

stationierten habsburgischen Truppen. Der 1766 geborene General blickte bereits auf eine

erfolgreiche Laufbahn zurück und hatte sich in zahlreichen Schlachten ausgezeichnet.

1836 wurde er schließlich zum Feldmarschall befördert und begann in der darauf folgenden

Zeit, seine Soldaten verstärkt auf den Ernstfall einer Volkserhebung vorzubereiten, denn die

Spannungen innerhalb Lombardo-Venetiens nahmen ständig zu. Schon im November 1847

warnte Radetzky, die Revolution werde im März des folgenden Jahres ausbrechen, ,,wenn es

bis dahin hält".1 Die Unzufriedenheit der Bewohner der Lombardei und Venetiens mit dem

österreichischen Besatzung und der eigenen politischen Stellung innerhalb der

Habsburgermonarchie waren ihm nicht entgangen.

Hauptforderung des emanzipierten Bürgertums2 der Provinzen waren Reformen zur

Verbesserung der wirtschaftlichen Stellung des Landes. Schon seit dem Zusammenstoß der

von Papst Pius IX. bewilligten Bürgerwehr mit österreichischen Garnisonen 1846 äußerten

italienische Intellektuelle offen ihre Abneigung gegen die österreichische Besatzung. Am

deutlichsten zeigte sich diese in den Worten des Mailänder Volksschriftstellers Cesare

Correnti: ,,Was ein edles Vasallentum vieler föderierter Staaten unter einem Herrscher sein

konnte, wurde die schlechteste aller Unterwerfungen, die Versklavung eines Volkes durch ein

anderes."3

1 Diakow, J.: Die Erhebung der Italiener gegen Österreich, in: Kiszling, R.: Die Revolution im Kaisertum

Österreich, 1. Bd., Wien 1848, S. 88 (zit.: Diakow).

2 Rumpler, H.: Eine Chance für Mitteleuropa ­ Bürgerliche Emanzipation und Staatsverfall in der

Habsburgermonarchie, in: Wolfram, H. (Hg.): Österreichische Geschichte 1804-1914, Wien 1997, S. 289 (zit.:

Rumpler, 1997).

3 Ebenda.

4


Im Frühjahr 1848 wiederholte Radetzky nochmals seine Befürchtungen und bat Wien um

zusätzliche Truppen. ,,In Mailand, [der] Lombardei und [im] Venetianischen ist Ruhe ­ aber

es glimmt unter der Asche, jenseits der Lombardei geht die Revolution ihren Gang".4

Tatsächlich entluden sich die Spannungen dann erstmals im ,,Mailänder Zigarrenrummel",

einem Boykott des hochbesteuerten Tabaks durch wohlhabende Bürger zur Schädigung des

österreichischen Fiskus. Bei den folgenden Straßenunruhen gab es erste Opfer sowohl auf

österreichischer als auch auf italienischer Seite.

Alan Sked

sieht die beiden Nationalitäten zu

diesem Zeitpunkt bereits als ,,two seperate communities on the verge of war."5

Nachdem Mitte Februar der Ausnahmezustand verkündet worden war, bedurfte es nur noch

eines Funkens, um das von Radetzky beschworene ,,Glimmen unter der Asche" zum Feuer

der Revolution anzuheizen6.

2.2 Die revolutionären Ereignisse bis zum Kriegseintritt Piemonts

Nachdem am 18. März 1848 in Mailand öffentlich verkündet wurde, was sich in Wien bisher

zugetragen hatte, begann die Revolution auch in den italienischen Provinzen. Nach

Straßenkämpfen rund um die örtliche Gemeindeverwaltung, die das Zentrum des Aufstandes

bildete, konnten die Revolutionäre am 22. März die Landeshauptstadt erobern.

Die an verschiedenen Orten in ganz Lombardo-Venetien stationierte und zerstreute Armee

Radetzkys hatte der allgemeinen Erhebung nichts entgegensetzen können und musste sich

zurückziehen. Entsprechend schrieb der Feldmarschall am selben Tag an Minister

Ficquelmont: ,,It is the most frightening decision of my life, but I can no longer hold Milan.

The whole country is uprising".7

Gestärkt durch den Erfolg in Mailand änderten sich auch bald die Forderungen der

Revolutionsführer. Offen verlangten sie die Unabhängigkeit Lombardo-Venetiens und

ignorierten die von Wien unter dem Druck der Ereignisse angebotenen Reformen. Der

Advokat Daniele Manin formulierte es in seinem Pariser Exil so: ,,Wir fordern von Österreich

nicht, sich ziviler oder humaner zu betragen, wir fordern einfach, dass es aus Italien

abzieht!"8. Pietro Kandler, Führer der küstenländischen Italiener, ging sogar so weit, die

4 Ebenda.

5 Sked, A.: The Survival of the Habsburg Empire, London 1979, S. 106 (zit.: Sked).

6 Rumpler, 1997, S. 290.

7 Helfert, J. A. Frhr. von: ,,Cesati und Pillersdorf und die Anfänge der italienischen Einheitsbewegung", in:

Archiv für Österreichische Geschichte, Wien 1902, S. 159 (zit. nach Sked, S. 125).

8 Rumpler (1997), S. 290.

5


Ausdehnung des zu schaffenden italienischen Staates auf die Adria-Küstengebiete Triest,

Istrien und Dalmatien zu fordern.9

Inzwischen war auch Venedig in die Hände der Aufständischen gefallen, außerdem stellte

sich das Königreich Piemont unter König Karl Albert, der von italienischen Nationalisten als

,,Degen Italiens"10 und Vollender der nationalen Einheit gefeiert wurde, an die Seite

Lombardo-Venetiens und erklärte Österreich am 26. März den Krieg. Kampflos erreichten

seine Truppen den Fluss Mincio und begannen, den Rest von Radetzkys Armee, die sich in

eine der dortigen Festungen zurückgezogen hatte, zu belagern. Radetzkys Gesuche nach

Verstärkungen wurden in Wien nicht erhört11, da die Truppen in anderen Landesteilen

gebunden waren. International konnte Wien aufgrund bündnis- und machtpolitischer

Erwägungen keinerlei Unterstützung erwarten12; es musste sich gegen die Revolution aus

eigener Kraft behaupten.

*

Man ist bei der Betrachtung der bisher geschilderten Ereignisse versucht, die Revolution auf

dem Siegeszug zu sehen. Seit den blutigen Aufständen vom 13. März war die Hauptstadt

faktisch in der Hand der revolutionären Nationalgarde, dessen ,,Zentralkomitee" und der

akademischen Legion. Die höfische Autorität war durch die liberale Regierung Kolowrat-

Pillersdorf ersetzt worden.13 Zudem erhoben an verschiedenen Stellen im Reich die anderen

Nationalitäten des Vielvölkerstaates Anspruch auf mehr Autonomie und Reformen.14

In Ungarn war nach Lajos Kossuths ,,Taufrede der Revolution"15, in der er eine Revision der

Beziehungen mit Österreich forderte, die Revolution am 15. März ausgebrochen. In Böhmen

hatten Aufständische am 11. März eine Bürgerversammlung einberufen und auch die Polen

und Ruthenen in Galizien forderten nationale Rechte. Außerdem drohte Österreich seinen

Einfluss auf den deutschen Bund zu verlieren. In der Paulskirche waren durchaus nicht alle

Parteien und Gruppierungen im Bezug auf das zu schaffende Reich für eine großdeutsche

Lösung mit den österreichischen Territorien.

9 Rumpler, H.: Die Revolution der Völker in den habsburgischen Ländern, in: Lill, Rudolf (Hg.): Die Revolution

von 1848/49 in Deutschland und Europa - Beiträge zu einem Karlsruher Symposium, Karlsruhe 1998, S. 85 (zit.:

Rumpler, 1998).

10 Diakow, S. 105.

11 Diakow, S. 90.

12 Bridge, F. R.: Österreich-Ungarn unter den Großmächten, in: Wandruszka, A. / Urbanitsch, P. (Hg.): Die

Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd. VI.1: Die Habsburgermonarchie im System der internationalen

Beziehungen, Wien 1989, S. 206 f.

13 Hantsch, H.: Die Geschichte Österreichs, 2. Bd., Wien 1950, S. 342f. (zit.: Hantsch).

14 Price, R.: ,,Der heilige Kampf gegen die Anarchie" ­ Die Entwicklung der Gegenrevolution, in: Dowe,

D./Haupt, H.-G./Langewiesche, D. ­ Europa 1848, Bonn 1998, S. 45 (zit.: Price).

15 Rumpler (1997), S. 297.

6


Trotz der Auflösungserscheinungen, welche die Monarchie zu diesem Zeitpunkt aufwies,

kommentiert

Helmut Rumpler

den Eintritt Piemonts auf der Seite der Revolutionäre nüchtern

mit dem Satz: ,,Damit war aber die Revolution zu Ende".16 Er kommt aus zweierlei Gründen

zu diesem Schluss:

Zum einen zeigte sich das piemontesische Heer in seinen militärischen Möglichkeiten stark

beschränkt17, außerdem traten bald Meinungsverschiedenheiten in der Koalition der

lombardischen, und venezianischen Aufständischen sowie der piemontesischen Armee auf.

Die Kriegserklärung Piemonts stellt auch aus einem anderen Grund eine Zäsur innerhalb des

italienisch-österreichischen Konflikts dar: Das Königreich Piemont gehörte nicht zur

Habsburgermonarchie.

Johann Christoph Allmayer-Beck

schreibt hierzu: ,,Durch das

Eingreifen von Sardinien-Piemont in die revolutionäre Erhebung Lombardo-Venetiens war

Radetzky zumindest nach außen hin scheinbar vom Odium bewahrt geblieben, seine Waffen

ausschließlich zur Unterdrückung einer innerstaatlichen Freiheitsbewegung verwandt zu

haben."18

Aus der Niederschlagung eines innerstaatlichen Aufstandes wurde somit ein Kampf für die

Einheit des Staates. Im deutschsprachigen Österreich fanden die Ereignisse in Italien große

Beachtung. Noch im März zeigten einige Wiener Radikale durchaus Solidarität für die

italienische Sache19, diese wich im Mai den nationalen Gefühlen und dem Wunsch, die

Reichseinheit zu verteidigen20. Freiwillige der radikal-demokratischen ,,Akademischen

Legion" strömten nach Norditalien. Auch die zuvor Radetzky verweigerten21 regulären

Truppenverstärkungen wurden nun gewährt.

Als erster zählbarer Erfolg Radetzkys muss zweifellos der Sieg von Santa Lucia gelten. Die

kleine Ortschaft westlich von Verona war Schauplatz einer Offensive des piemontesischen

Heeres. König Karl Albert hoffte auf eine allgemeine revolutionäre Erhebung in der nahe

gelegenen Großstadt, welche aber nicht eintrat. Diese Tatsache kann für das Scheitern seines

Angriffs zumindest mitverantwortlich gemacht werden. Was sich nach dem Kriegseintritt

Piemonts angedeutet hatte, fand nun auch faktische Bestätigung: Radetzkys Armee erholte

sich und gewann neues Selbstvertrauen. In Wien wurde aus der Zustimmung für das

Vorgehen des Militärs in Norditalien offene Begeisterung, die besonders auf die Person

16 Rumpler (1997), S. 290.

17 Ebenda.

18 Allmayer-Beck, J.C.: Die bewaffnete Macht in Staat und Gesellschaft, in: Wandruszka, A. / Urbanitsch, P.

(Hg.): Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd. V: Die bewaffnete Macht, Wien 1987, S. 4 (zit. Allmayer-

Beck).

19 Price, S. 51.

20 Wollstein, G.: 1848/49 - Gescheiterte Revolution in Mitteleuropa, Stuttgart 1986,

S. 116 (zit. Wollstein).

21 Diakow, S. 105.

7


Radetzkys fixiert war.22 So komponierte Joseph Strauss Vater den nach ihm benannten

Marsch; der als liberal geltende Dichter Franz Grillparzer veröffentlichte zum Erstaunen der

demokratischen Kräfte in Wien eine Lobeshymne auf den Kommandanten der

österreichischen Truppen in Italien:

Glück auf, mein Feldherr, führe den Streich!

Nicht bloß um des Ruhmes Schimmer,

In deinem Lager ist Österreich,

Wir andern sind einzelne Trümmer.23

Besonders die Zeile ,,In deinem Lager ist Österreich" erlangte große Popularität und fand

auch in der Literatur Niederschlag. Grillparzer betont hier die Loyalität Radetzkys und seiner

Armee zum österreichischen Staat. In dem Gedicht klingt jedoch auch eine gewisse

Unzufriedenheit mit der politischen Situation im Habsburgerreich an. In der Zeile ,,Wir

andern sind einzelne Trümmer" beklagt der Dichter, dass Partikularinteressen einzelner

sozialer wie nationaler Gruppen die Einheit des Staates in Frage stellen. War die

allgegenwärtige Präsenz des Staates im Vormärz von der Bevölkerung weitgehend als negativ

empfunden worden, so hinterließ sein Zurückweichen vor der Revolution eine tiefe

Unsicherheit, die sich schließlich bei einem Großteil der Bevölkerung in eine Abwehrhaltung

gegenüber revolutionärer Ideen wandelte.

2.3 Der Verlauf der Gegenoffensive

Nach der Niederlage von Santa Lucia kapitulierte die Armee Piemonts nicht; König Karl

Albert konzentrierte sich nun darauf, die Stadt Peschiera zu erobern. Gleichzeitig verhandelte

er mit den Revolutionsführern Lombardo-Venetiens über einen Anschluss ihrer Ländereien an

sein Königreich, der im Juni 1848 vollzogen wurde.24

Zwischenzeitlich hatte Wien den Führern der Revolutionäre Friedensverhandlungen

angeboten. Diese forderten allerdings als Bedingung für Gespräche zuerst den Abzug

sämtlicher österreichischer Truppen aus Lombardo-Venetien, was für die Regierung nicht zur

Diskussion stand, da sie die Territorien als rechtmäßigen Teil der Habsburgermonarchie

betrachtete. Radetzkys wurde daher beauftragt, Venedig und die Lombardei

zurückzuerobern25, da die Möglichkeit einer friedlichen Einigung unter diesen

Vorraussetzungen nicht gegeben war. Nach Siegen bei Custozza (25. Juli 1848) und Volta

22 Ebenda, S. 117 ff.

23 Rumpler (1998), S. 85.

24 Diakow, S. 177 und S. 184.

25 Diakow, S. 184.

8


(26./27. Juli 1848) kehrte Radetzky am 9. August nach Mailand zurück. Er konnte nun Wien

berichten, dass ,,der letzte Soldat die Lombardei verlassen [hatte]".26 In der Hauptstadt

herrschte aufgrund dieser Nachricht allgemeine Begeisterung; die Einheit des Vaterlandes war

vorläufig verteidigt worden. Nach den Eroberungen Krakaus (26. April) und Prags (17. Juni)

war ein weiterer großer Sieg für die Reaktion errungen worden. Zwar nahm Piemont im März

1849 die Kampfhandlungen noch einmal auf, doch auch diesmal blieb Radetzky siegreich und

beendete den Konflikt noch im selben Monat. Der piemontesische Herrscher König Albert

dankte daraufhin zugunsten seines Sohne ab.

3 Die Bedeutung des Sieges für die Reaktion in Österreich

Der Sieg in Italien27 markierte die Wende der revolutionären Ereignisse in der

Habsburgermonarchie. In der Literatur werden mehrere Argumente genannt, die diese These

stützen. Am offensichtlichsten ist die Tatsache, dass mit der Befriedung Norditaliens mehr

Truppen zur Verfügung standen28, um gegen das aus dem Reichsverband herausdrängende

Ungarn vorzugehen.29 Bedeutender ist die psychologische Stärkung einzuschätzen, die die

Reaktion aus dem als ,,nationalen Sieg"30 gefeierten Ereignis gewinnen konnte.

Das ,,Gefühl der Lähmung"31, das sich aufgrund des rapiden Verfalls des eigenen Regimes im

März und April unter den Machthabenden in Wien ausgebreitet hatte, war gewichen. Schien

es im Frühling noch, als wäre der habsburgische Staat der Vielzahl an sozialen und nationalen

Forderungen nicht gewachsen, so hatte er nun durch den aus eigener Kraft errungenen Sieg

gegen eine der nationalen Aufstandsbewegung neues Selbstvertrauen gewonnen. Ein Beispiel

hierfür liefert die Tatsache, dass der kaiserliche Hof nach Wien zurückkehrte und seine

Position nun wieder gestärkt sah. Am 18. Mai war er vor den revolutionären Wirren nach

Innsbruck geflohen.

Der Sieg in Italien markiert den Punkt, an dem die Initiative von den Revolutionären auf die

Kräfte der Reaktion überging. Das wichtigste Argument für eine Zäsur nach dem

Waffenstillstand vom 6. August ist somit die Entstehung einer ,,Partei zur Verteidigung des

26 Diakow, S. 197.

27 Der Sieg wurde auch im revolutionären Ausland wahrgenommen. Alan Sked stellt die besondere Bedeutung

des Erfolgs im internationalen Kontext heraus: ,,Radetzky′s victories heralded the triumph of the whole counter-

revolution, not only in the Habsburg Empire but in Europe as a whole." (Sked, Introduction, S. X).

28 Price, S. 62.

29 Alan Sked untersucht, welche Folgen eine Niederlage Österreichs verbunden mit einer Abtretung seiner

italienischen Besitzungen gehabt hätte. Er kommt zu dem Schluss, dass Eingeständnisse gegenüber einer

Volksgruppe die Position von Regierung und Hof gegenüber den anderen Nationalitäten ­ nicht nur militärisch ­

deutlich geschwächt hätten: ,,Under these circumstances their Empire could only have survived ­ if it could have

survived at all ­ in a radically different form." (Sked, Introduction, S. X).

30 Nipperdey, T.: Deutsche Geschichte, Bd. I, München 1983, S. 637.

31 Price, S. 44.

9


Reiches"32, die

Helmut Rumpler

besonders betont.

Günter Wollstein

sieht im österreichischen

Italienkrieg ,,[...] eine Bestätigung vornationaler Traditionen [...]"33. Die Loyalität des Bürgers

zum Gesamtstaat gewann wieder mehr Bedeutung als die Identifikation mit der eigenen

Nationalität, wie oben bereits anhand von Grillparzers Gedicht dargelegt wurde. Sowohl

Wollstein als auch Rumpler weisen nach, dass aufgrund der Bedrohung der Einheit des

Reiches durch Piemont Hofpolitiker, Spitzen der Armee sowie auch gemäßigte Liberale ein

gemeinsames Ziel in der Erhaltung der Habsburgermonarchie hatten und somit eine

Zweckkoalition bildeten. Ab August wurde der konsequent-reaktionäre Kurs von Hof,

Regierung und Militär auch durch das Besitzbürgertum gestützt.34 Noch einmal

Helmut

Rumpler

: ,,So fügte es sich, dass sich das revolutionäre Bürgertum zur Verteidigung des

Gesamtstaates mit den traditionellen Eliten verbündete."35 In Opposition zu dieser Koalition

stand neben den radikalen Demokraten in Wien lediglich der Reichstag. Er ging zwar nicht

soweit, die militärische Niederschlagung der Revolution zu verurteilen, doch lehnte er eine

Beglückwünschung Radetzkys ab. Mit der Verlegung nach Kremsier am 22. November und

der damit verbundenen Abkapselung von den revolutionären Ereignissen wurde er bald darauf

jedoch marginalisiert36; der von ihm erarbeitete Verfassungsentwurf fand schließlich keine

Ratifizierung.

Roger Price

nennt noch weitere Gründe, die das Zusammengehen von ursprünglich

revolutionsfreundlichem,

nach

politischer

Mitbestimmung

strebendem

liberalem

Besitzbürgertum und den konservativen Kräften förderten. Besonders betont er den Wunsch

nach Sicherheit und Schutz des Eigentums, der sich infolge der revolutionären Unruhen unter

den Liberalen ausbreitete.37 Die psychologische Bedeutung des Sieges in Italien als

gesamtnationales Ereignis ist somit nicht abzustreiten. Die von Rumpler beschriebene ,,Partei

zur Verteidigung des Reiches"38 bestand über die beiden Revolutionsjahre hinaus. Nach einer

kurzen Phase der Beteiligung des Volkes am politischen Geschehen war die Initiative in der

Politik wieder auf die konservativen Kreise übergegangen. Diese sollten in den nächsten

Jahren fast uneingeschränkt die Geschicke des Reiches bestimmen.39

32 Rumpler, 1997, S. 291.

33 Wollstein, S. 116.

34 Erich Zöllner weist in der ,,Geschichte Österreichs ­ Von den Anfängen bis zur Gegenwart", Wien 1973, S.

358 f., auch auf das sich verbreitende Desinteresse der ländlichen Bevölkerung an der Revolution nach der

Aufhebung der bäuerlichen Lasten am 7. September 1848 hin; ebenso Hantsch, H.: Die Geschichte Österreichs,

2. Bd., Wien 1950, S. 346.

35 Rumpler, 1997, S. 305.

36 Hantsch, S. 347.

37 Price, S. 52 ff.

38 Price, S. 44.

39 Zöllner, E.: Geschichte Österreichs ­ Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Wien

1973, S. 360.

10


4 Der Sieg des österreichischen Heers in Italien ­ Ein Verdienst Radetzkys?

Nach

Roger Price

ist Reaktion ,,[...] der Versuch, derjenigen, die ihren Status und ihre vitalen

Interessen bedroht sehen oder diese Bedrohung hautnah erfahren haben, ihre verlorene

Autorität wiederherzustellen."40 Diese Definition trifft besonders auf die Situation des

habsburgischen Militärs im Jahre 1848 zu. Der Fortbestand der Monarchie schien im März

des Jahres nicht als gesichert. Offen wurden Pläne für eine nationale Neuordnung des

Vielvölkerstaates diskutiert.41 Mit dem Staat drohte das traditionelle Militärwesen

unterzugehen, war es doch nicht nur Instrument und Diener des Staates, sondern ein

untrennbarer Teil desselben. Die militärischen Führungspersonen rekrutierten sich aus der

adligen Oberschicht; eine heute übliche Trennung zwischen Staat und Militär bestand nicht.

Umgekehrt jedoch wäre ohne das monarchische Staatsystem auch die Fortexistenz des

Militärs in seiner klassischen Form nicht denkbar gewesen. Seit der Französischen Revolution

bestanden alternative Militärformen in Form von allgemeiner Wehrpflicht und der Idee der

,,Volksarmee". In der Literatur wird die bewaffnete Macht daher als einer der wichtigsten

wichtigste Verteidiger der Einheit des Reiches gesehen.

Walter Wagner

stellt hierzu fest:

,,Sie, die kaiserliche Wehrmacht, hatte sich [...] schließlich doch als das gewichtigste

Argument gegen die liberalen und nationalen Strömungen erwiesen."42 Auch Zeitzeugen der

Ereignisse der Jahre 1848 und 1849 kamen zu diesem Schluss. Karl Bigot de St. Quentin,

ranghoher Offizier in der österreichischen Armee formulierte es im August 1850 in der

Broschüre ,,Unsere Armee" so: ,,[...] als die Monarchie in ihren Grundfesten erzitterte und zu

brechen drohte, hat sie die Treue des Heers erhalten." 43

St. Quentin stand mit dieser Ansicht in den Folgejahren der Revolution nicht alleine da. Es

war weitverbreitete Meinung, dass die Monarchie nur durch den Einsatz von Waffengewalt

zusammengehalten worden war. Auch Kaiser Ferdinand war sich dessen bewusst gewesen. Er

hatte sich am 23. August 1849 in einem Armeebefehl bei den Soldaten für ihren Einsatz in

den beiden Revolutionsjahren bedankt.44 Ruhm und Popularität wurde gegen Ende der

Revolution vor allem den Führern der drei größten Armeeverbände, Windischgrätz, Jellaci

und Radetzky, zuteil. Letzter war sowohl bei der Bevölkerung als auch bei den ihm

unterstellen Soldaten besonders hoch angesehen. Die Führung und Behandlung seiner

40 Price, S. 43.

41 Rumpler, 1998, S. 88 f.

42 Allmayer-Beck, S. 2.

43 Ebenda.

44 Armeebefehl vom 23.8.1849 in ,,Österreichischer Soldatenfreund Nr. 112", Wien 1849, S. 521 (zit. nach

Allmayer-Beck, S. 4).

11


Truppen hatte ihm im Laufe der Zeit den Namen ,,Soldatenvater"45 eingebracht. Unter

Zeitgenossen galt Radetzkys als volkstümlicher Offizier.

Bei Ausbruch des Aufstandes in Lombardo-Venetien stellte seine Armee jedoch trotz der

Reformbemühungen seit der Kommandoübernahme im Jahre 1831 ,,keineswegs einen

Eliteverband dar"46. In der langen Friedenszeit seit Ende der Napoleonischen Kriege waren

die Truppen in einen ,,Dornröschenschlaf"47 gefallen, aus dem Radetzky sie durch verstärkt

abgehaltene Übungen zu ,,wecken" versuchte. Später erlangte das von ihm entwickelte

Ausbildungs- und Rekrutierungssystem europäische Berühmtheit, vorerst jedoch griffen seine

Reformen nicht. Vor dem Hintergrund des Rückzuges der kaiserlichen Truppen aus Mailand

im März 1848 stellt sich die Frage, welche Faktoren in knapp vier Monaten wirkten und dazu

beitrugen, das Kräfteverhältnis zwischen Revolution und Reaktion zu kippen.

Alan Sked

bietet zur Beantwortung dieser Frage mehrere Vorschläge an.48 Einen Grund für

den Erfolg Radetzkys sieht er in seinen Führungsqualitäten. Bei Ausbruch der Revolution

herrschte im gesamten Militärapparat Österreichs Verwirrung. Mit der Einberufung des

Reichstages und der Errichtung von Nationalgarden waren die Kompetenzen und die Stellung

des regulären Militärs in Frage gestellt worden.49 Für die Armee Radetzkys erwuchsen aus

dieser Unsicherheit kaum negative Folgen, da sie weit abseits der Ereignisse in Wien

stationiert war und in dem Feldmarschall eine klare Autoritätsperson hatte.50 Den zweiten

Faktor den

Alan Sked

für den Sieg Radetzkys verantwortlich macht, ist die Eigeninitiative und

der Weitblick des Feldherren. Aufgrund seines militärischen Ranges und seines hohen

Ansehens genoss Radetzky weitgehende Entscheidungsfreiheit für das Vorgehen in

Norditalien. Als die Wiener Regierung im Rahmen von Friedensverhandlungen mit den

Aufständischen im Mai und Juni 1848 unter dem Druck der Ereignisse die Abtretung der

Provinzen Lombardei und Venetien erwog, weigerte sich dieser in Überschreitung seiner

Kompetenzen die umstrittenen Gebiete zu räumen51. Dieser Ungehorsam blieb für den

ansonsten loyalen Staatsdiener Radetzkys folgenlos. Es zeigte sich vielmehr, dass die

Einschätzung der Regierung, beide Provinzen seien für den österreichischen Staat verloren,

nicht zutreffend war. Radetzkys Verhalten in dieser Angelegenheit veranlasste Prinz

Schwarzenberg, Vorsitzender der konservativen Regierung im November 1848, zu dem

Auspruch: ,,The Monarchy has been preserved by the insubordination of three generals:

45 Ebenda.

46 Allmayer-Beck, S. 6.

47 Diakow, S. 87.

48 Sked, Introduction, S. X.

49 Allmayer-Beck, S. 4.

50 Sked, Introduction, S. X, ebenso Allmeyer-Beck, S. 5.

51 Stearns, S. 136.

12


Radetzky, who opposed the projects of Hummelauer; [...]"52 Als wichtigster Faktor für seinen

Erfolg muss schließlich das strategische Talent Feldmarschall Radetzkys gelten. Seine

Manöver waren dem gemischten Heer aus regulären piemontesischen Soldaten und

Aufständischen aus Lombardo-Venetien stets voraus. Im Moment der direkten Konfrontation

mit den Aufständischen im März 1848 hatte Radetzky den Rückzug gewählt. Dies war nicht

nur eine Notwendigkeit im Moment der zahlenmäßigen Unterlegenheit, sondern auch ein

geschickter Schachzug, um die Soldaten der politischen Agitation der Revolution zu

entziehen.53 Infolgedessen kam es in seiner Armee nicht zu massenhafter Desertion oder

Meuterei. Nach

Johann-Christoph Allmeyer-Beck

bildete sie eine ,,heile Welt inmitten des

Hexenkessels." Dem hohen strategischen Geschick Radetzkys war es auch zu verdanken, dass

der Vormarsch der Revolution bei Santa Lucia gestoppt werden konnte. Trotz zahlenmäßiger

Unterlegenheit blieben seine Truppen siegreich. Außer

Alan Sked

kommen

Johann-Christoph

Allmeyer-Beck

und

Jaromir Diakow

zu dem Schluss, dass ohne das Wirken der Person

Radetzkys ein Erfolg der österreichischen Truppen in Norditalien nicht denkbar gewesen

wäre.

54

52 Hartley, M.: The Man who saved Austria, London 1912, S. 185. (zit. nach: Sked, Introduction, S. X).

53 Price, S. 57.

54 Thayer, W. R.: The Life And Times of Cavour, Bd. 1, London 1911, S. 153, (zit. nach Sked, Introduction, S.

X); Allmayer-Beck, S. 7; Diakow, S. 87 ff.

13


5 Schluss

Mit dem Sieg über die italienische Nationalbewegung im August 1848 war die Revolution in

der Habsburgermonarchie nicht beendet. Die reaktionären Kräfte in Regierung, Hof und

Militär standen noch vor vielen Herausforderungen. Erst die Rückeroberung Wiens im

Oktober 1848 und der mit russischer Hilfe errungene Sieg gegen das aus dem Reichsverband

herausdrängende Ungarn im August des darauf folgenden Jahres markierten den endgültigen

Sieg der Gegenrevolution. Faktisch war Norditalien dem Habsburgerreich erhalten geblieben,

doch infolge der Unnachgiebigkeit Wiens gegenüber den Forderungen der italienischen

Nationalisten war das Ansehen Österreichs stark beschädigt worden. Vielerorts bestand in

Lombardo-Venetien nach 1848 die Unzufriedenheit mit der eigenen politischen Situation

weiter oder war durch den Waffeneinsatz nur verstärkt worden. Radetzkys Erfolg währte

unter diesen Bedingungen nicht lange. Beginnend im Jahr 1859 vollzog sich parallel zu den

Ereignissen in Deutschland bis 1871 schließlich die Einigung des italienischen Nationalstaats,

dem auch die Lombardei und Venetien unter Herauslösung aus dem habsburgischen

Reichsverband angeschlossen wurden.

In Wien begann 1848 mit der Krönung Franz Joseph I. und der Auflösung des Kremsierer

Reichstages im folgenden Jahr eine Phase relativer innenpolitische Stabilität. Mit der

Niederlage gegen Preußen bei Königgrätz 1866 verlor Österreich allerdings seinen Einfluss

auf die weitere Entwicklung in Deutschland. Durch den österreichisch-ungarischen Ausgleich

im folgenden Jahr wurde das Kaisertum in eine Doppelmonarchie umgewandelt; der

ungarische Teil erlangte damit eine Aufwertung seiner Bedeutung und mehr Autonomie.

Trotz des mit diesen Ereignissen verbundenen Machtverlustes bestand der Vielvölkerstaat bis

ins nächste Jahrhundert und sollte im Jahr 1914 noch Schauplatz von weltpolitisch

bedeutsamen Ereignissen werden.

14


6 Literaturverzeichnis

ALLMAYER-BECK, J.C.: Die bewaffnete Macht in Staat und Gesellschaft, in:

Wandruszka, A. / Urbanitsch, P. (Hg.): Die

Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd. V: Die bewaffnete Macht,

Wien 1987.

BRIDGE, F. R.: Österreich-Ungarn unter den Großmächten, in: Wandruszka,

A. / Urbanitsch, P.(Hg.): Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd.

VI,1: Die Habsburgermonarchie im System der internationalen

Beziehungen, Wien 1989.

DIAKOW, J.: Die Erhebung der Italiener gegen Österreich, in: Kiszling, R.:

Die Revolution im Kaisertum Österreich, Bd. I, Wien 1848.

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HANTSCH, H.: Die Geschichte Österreichs, Bd. II, Wien 1950.

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PRICE, R.: ,,Der heilige Kampf gegen die Anarchie" ­ Die Entwicklung der

Gegenrevolution, in: Dowe, D./Haupt, H.-G./Langewiesche, D.:

Europa 1848, Bonn 1998.

RUMPLER, H.: Eine Chance für Mitteleuropa ­ Bürgerliche Emanzipation

und Staatsverfall in der Habsburgermonarchie, in: Wolfram, H. (Hg.):

Österreichische Geschichte 1804-1914, Wien 1997.

RUMPLER, H.: Die Revolution der Völker in den habsburgischen Ländern, in:

Lill, Rudolf (Hg.): Die Revolution von 1848/49 in Deutschland und

Europa - Beiträge zu einem Karlsruher Symposium, Karlsruhe 1998.

SKED, A.: The Survival of the Habsburg Empire, London 1979.

STEARNS, P. N.: The Revolutions of 1848, London 1847.

WOLLSTEIN, G.: 1848/49 - Gescheiterte Revolution in Mitteleuropa, v

Stuttgart 1986.

ZÖLLNER, E.: Geschichte Österreichs - Von den Anfängen bis zur

Gegenwart, Wien 1973

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