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Alter und HIV/AIDS - Existenzsicherung, Moralität und Rollenwandel im Mwanga District Nordtansanias

Magisterarbeit, 2008, 81 Seiten
Autor: Lena Wilk
Fach: Ethnologie / Volkskunde

Details

Kategorie: Magisterarbeit
Jahr: 2008
Seiten: 81
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 90  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V118482
ISBN (E-Book): 978-3-640-21293-4

Dateigröße: 4277 KB

Zusammenfassung / Abstract

Die Welt wird immer älter: Der Fakt der demografischen Alterung ist heute hinlänglich bekannt und wird vielfach diskutiert, Auswirkungen analysiert und nach Lösungen gesucht. Weniger bekannt ist, dass auch die sogenannten „Entwicklungsländer“ von diesem Prozess betroffen sind. Während man heute in Afrika davon ausgeht, dass 3,1% der Bevölkerung über 60 Jahre alt ist, prognostiziert United Nations (UN) bis zum Jahr 2050 einen Anstieg auf 11,4% (UN/ESA 2007:9). Für Ostafrika im Speziellen wird in der Zeit von 1980 bis 2050 ein Anstieg der Menschen über 75 Jahren um 434% erwartet (Apt 2001:1). Aus diesem Grunde verwundert es nicht, dass alte Menschen in den Entwicklungsländern immer mehr in das Blickfeld von Politik und Forschung rücken, primär mit dem Fokus auf materielle Altersversorgung und Armut. Während der wachstumsorientierten Entwicklungspolitik der 1970er Jahre wurde noch angenommen, dass allgemeine wirtschaftliche Entwicklung automatisch auch alte Menschen erreiche. Außerdem ging man davon aus, dass traditionelle Versorgungssysteme in der Lage seien, das Problem der Altersversorgung aufzufangen und familiäre Lösungen zu finden (Jensen 1998:185). In Zeiten der demografischen Alterung aber auch von niedrigen Wachstumsraten und veränderten Familienstrukturen ist es allerdings heute fraglich, inwieweit Traditionen noch greifen und ob die Versorgung der Senioren noch gewährleistet ist. AIDS – ein Thema, das im Gegensatz zur demografischen Alterung meist direkt mit Afrika verknüpft wird – wirkt in dieser Problematik wie ein Katalysator: Zum einen verstärkt diese Pandemie die gesellschaftliche Alterung, sie greift zum anderen Familienstrukturen zusätzlich an und löst allgemeinen gesellschaftlichen Wandel aus. Armut, AIDS, Alter – Themen die in Bezug auf Afrika nicht weiter getrennt betrachtet werden können. Die vorliegende Arbeit beschreibt auf Basis einer Feldforschung die Situation und das Leben alter Menschen im Kontext von AIDS exemplarisch für den Mwanga Distrikt im Norden Tansanias. Dabei sollen allerdings nicht nur die materielle Versorgung und Altersarmut Beachtung finden, vielmehr wird einen Schritt weiter gegangen: Es wird aufgezeigt, dass AIDS das Leben, das Denken und das Verhalten alter Menschen auf den unterschiedlichsten Ebenen beeinflusst.


Textauszug (computergeneriert)

UNIVERSITÄT ZU KÖLN ­ INSTITUT FÜR VÖLKERKUNDE

Alter und HIV/AIDS - Existenzsicherung,

Moralität und Rollenwandel im Mwanga District

Nordtansanias

Magisterarbeit von Lena Wilk

zur Erlangung des akademischen Grades einer Magistra Artium an der

Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln

KÖLN 2008


Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis i

Danksagung ii

I Einleitung 1

1. Zielsetzung und Fragestellung 1

2. Aufbau der Arbeit und al gemeine Anmerkungen 2

3. Forschungsstand und Quellenlage 3

3.1 Ethnologische Forschung zum Thema HIV/AIDS 3

3.2 Ethnologische Alternsforschung und Gerontologie 4

3.3 Quellenlage und Literatur 6

4. Theorien zu Rol en und Status alter Menschen 6

4.1 Theorien zur Kontinuität von Rollen im Alter 7

4.2 Theorien zum Status alter Menschen 7

II Grundlagen der Feldforschung in Mwanga 8

1. Forschungssituation 8

2. Ort der Feldforschung: Mwanga 9

3. Auswahl der Informanten und Zusammensetzung des Samples 10

4. Methodik 11

III Ethnographische und regionale Rahmenbedingungen und soziale

Transformationsprozesse 12

1. HIV/AIDS 12

1.1 HIV/Aids in Mwanga bzw. Tansania ­ Zahlen und Fakten 12

1.2 HIV-Infektionen im Alter und andere gesundheitliche Aspekte 13

1.3 Alte Menschen in der Entwicklungszusammenarbeit und AIDS-Politik 15

AIDS-Politik Tansanias 15

Alte Menschen in der AIDS-Politik und Entwicklungszusammenarbeit 16

2. ,,Alt sein" bei den Pare 18

2.1 Definition von Alter und ,,mzee" 18

2.2 Traditionel e Rol en alter Menschen und deren Wandel 19

Politische Rol e 19

Beraterfunktion und juristische Rol e 20

Wirtschaftliche Rol e 21

Familiäre Rol en 22

Religiöse Rol e 23

Pädagogische Rolle 23

Kontinuität oder Rückzug? 25

2.3 Status alter Menschen bei den Pare 26

2.4 Staatliche Vorsorge und moderne Vorsorgesysteme 28

2.5 Traditionel e Systeme der Alterssicherung 29

Fürsorgeverpflichtung der Kinder ­ die ,,filial obligation" 29

Patrilokalität 30

Polygynie und seriel e Polygamie 31

Levirat/Witwenerbe und Erbschaft 32

Clansystem 33

Die Rol e der Großfamilie 33


IV Einfluss von HIV/Aids auf das Leben alter Menschen 35

1. Existenzsicherung 35

1.1 Zusätzliche finanzielle Belastungen 35

Pflege von AIDS-Patienten 35

Beerdigungen 37

Versorgung der Waisenkinder 37

1.2 AIDS und traditionelle Existenzsicherungssysteme 38

AIDS und Existenzsicherungsmechanismen der Kernfamilie 38

AIDS und die Rol e der Großfamilie 39

1.3 Innovationen, Lösungsstrategien und die Rol e moderner Institutionen 41

Einkommensgenerierende Aktivitäten 41

Beerdigungsvereine 41

,,Unconditional Cash Transfer" und die staatliche Verantwortung 42

Internationale Entwicklungszusammenarbeit und NROs 44

Christliche Institutionen 45

Muslimische Institutionen 46

2. Rol enwandel 47

2.1 Wandel elternspezifischer Rol en 47

2.2 Wandel der Großelternrol e 48

Aus Spaß wird Ernst ­ Wandel der Autorität 48

Die pädagogische Rol e: Großeltern als Aufklärer? 50

Großeltern als Versorger 51

2.3 Wandel der außerfamiliären Rol en 52

Rol enwandel durch Isolation 52

Übertragung familiärer Rol en auf außerfamiliäre Kontakte 52

3. HIV/AIDS, Alter und Moralität 53

3.1 Fürsorge: Moralische Verpflichtung, Egoismus oder Altruismus? 54

AIDS und Fürsorgeverpflichtungen als Eltern 54

Verantwortungen bei Versorgung der Enkelkinder 55

Individualismus versus Familismus 56

Fazit: Grundlagen für Fürsorge 57

3.2 Moral, Schuld und Bestrafung 59

Schuld ist das Fremde? 59

Schuld in der eigenen Gesel schaft 59

Sanktionen und Lösungsvorschläge 61

3.3 Moral und Stigmatisierung 62

V Zusammenfassung 63

1. Existenzsicherung 63

2. Rol enwandel 64

3. Moralität 65

4. Fazit 66

VI Literaturverzeichnis 67

VII Anhang 72

Anhang A: Tansania, Kilimanjaro Region und der Mwanga Distrikt 72

Anhang B: Informantenverzeichnis 74

Anhang C: Tabel en und Grafiken 75


i

Abkürzungsverzeichnis

AIDS

Acquired Immunodeficiency Syndrome

ART

Antiretrovirale Therapie

GPA

Global Programme on AIDS

GTZ

Deutsche Gesel schaft für Technische Zusammenarbeit GmbH

HAI

HelpAge International

HAT

HelpAge Tanzania

HDI

Human Development Index

HRAF

Human Relation Area Files

EZ

Entwicklungszusammenarbeit

HIV

Human Immunodeficiency Virus

KIWAMWAKU

Kikunde Cha Wanawake Mwanga Kupambana na UKIMWI

(Vereinigung der Frauen Mwangas im Kampf gegen AIDS)

MTP

Medium Term Plan

NACP

National AIDS Control Programme

NGO

Non Governmental Organization

NRO

Nichtregierungsorganisation

OAU

Organization of African Unity

PLWAs

People living with AIDS

Sw.

Suaheli/Swahili

TACAIDS

Tanzania Commission for HIV/AIDS

TSh

Tanzanian Shil ing

UNAIDS

Joint United Nations Programme on HIV/AIDS

UN

United Nations

UNDP

United Nations Development Programme

UNESCO

United Nations Educational, Scientific and Cultural Organisation

UNFPA

United Nations Population Fund

UNICEF

United Nations International Children′s Emergency Fund

URT

United Republic of Tanzania

USAID

U.S. Agency for International Development

UWT

Union of Tanzanian Women

WAA

World Assembly on Aging

WHO

World Health Organisation


ii

Danksagung

Ich danke Herrn Prof. Dr. Bol ig für die Betreuung dieser Arbeit, die ich stets als konstruktiv,

freundlich und motivierend empfand. Ebenso bin ich al en Menschen in Mwanga zu Dank

verpflichtet, die mich bei meiner Feldforschung unterstützt haben (bzw. mir ein zweites

Zuhause gegeben haben), allen voran meinen Informanten, aber auch meinem Übersetzer

Nasibu, Wilson Kivuyo, Mama Halima, Anna von KIWAMWAKU, Mama Rahimu, Mama

Leyla, Fatuma und Grace Msafiri.

Ganz besonders möchte ich mich bei Carmen Blenke bedanken, meiner Mitleidenden,

Nebensitzerin, Motivationstrainerin, Korrekturleserin und amüsanten Gesprächspartnerin in

den vielen Pausen in der Bibliothek. Des weiteren bin ich Olga Prede und Katrin Schneider

für die sorgfältige und schnel e Korrektur von Herzen dankbar. Besonderer Dank gilt

außerdem Dirk Donakowski für seelische und moralische Unterstützung, das Aushalten

meiner Launen, Aufmunterungen, Korrekturlesen und die besten Latte Macchiato der Welt.

Rückblickend auf mein Studium danke ich außerdem meiner Mutter und meinen Großeltern

für ihre Unterstützung. Besonders danke ich meinem Vater, dem ich diese Arbeit widmen

möchte.


1

I Einleitung

Die Welt wird immer älter: Der Fakt der demografischen Alterung ist heute hinlänglich bekannt

und wird vielfach diskutiert, Auswirkungen analysiert und nach Lösungen gesucht. Weniger

bekannt ist, dass auch die sogenannten ,,Entwicklungsländer" von diesem Prozess betroffen

sind. Während man heute in Afrika davon ausgeht, dass 3,1% der Bevölkerung über 60 Jahre

alt ist, prognostiziert United Nations (UN) bis zum Jahr 2050 einen Anstieg auf 11,4% (UN/ESA

2007:9). Für Ostafrika im Speziellen wird in der Zeit von 1980 bis 2050 ein Anstieg der

Menschen über 75 Jahren um 434% erwartet (Apt 2001:1).

Aus diesem Grunde verwundert es nicht, dass alte Menschen in den Entwicklungsländern

immer mehr in das Blickfeld von Politik und Forschung rücken, primär mit dem Fokus auf

materiel e Altersversorgung und Armut. Während der wachstumsorientierten Entwicklungspolitik

der 1970er Jahre wurde noch angenommen, dass allgemeine wirtschaftliche Entwicklung

automatisch auch alte Menschen erreiche. Außerdem ging man davon aus, dass traditionel e

Versorgungssysteme in der Lage seien, das Problem der Altersversorgung aufzufangen und

familiäre Lösungen zu finden (Jensen 1998:185). In Zeiten der demografischen Alterung aber

auch von niedrigen Wachstumsraten und veränderten Familienstrukturen ist es allerdings heute

fraglich, inwieweit Traditionen noch greifen und ob die Versorgung der Senioren noch

gewährleistet ist.

AIDS ­ ein Thema, das im Gegensatz zur demografischen Alterung meist direkt mit Afrika

verknüpft wird ­ wirkt in dieser Problematik wie ein Katalysator: Zum einen verstärkt diese

Pandemie die gesellschaftliche Alterung, sie greift zum anderen Familienstrukturen zusätzlich

an und löst allgemeinen gesel schaftlichen Wandel aus. Armut, AIDS, Alter ­ Themen die in

Bezug auf Afrika nicht weiter getrennt betrachtet werden können.

Die vorliegende Arbeit beschreibt auf Basis einer Feldforschung die Situation und das Leben

alter Menschen im Kontext von AIDS exemplarisch für den Mwanga Distrikt im Norden

Tansanias. Dabei sollen allerdings nicht nur die materielle Versorgung und Altersarmut

Beachtung finden, vielmehr wird einen Schritt weiter gegangen: Es wird aufgezeigt, dass AIDS

das Leben, das Denken und das Verhalten alter Menschen auf den unterschiedlichsten Ebenen

beeinflusst.

1. Zielsetzung und Fragestellung

Im Sinne einer explorativen Studie war die Feldforschung sehr breit und von der Fragestellung

her flexibel angelegt. Im Nachhinein wurden die aussagekräftigsten Ergebnisse unter den drei

Schlagworten ′Existenzsicherung′, ′Rollenwandel′ und ′Moralität′ zusammengefasst. Diese drei

Themengebiete beschreiben die drei Ebenen, auf der sich die Untersuchung bewegt:

a) Welchen Einfluss hat AIDS auf das Überleben/auf die Versorgung älterer Menschen? Auf

dieser Ebene liegt der Fokus auf der materiel en Versorgung, also auf der Befriedigung der

Grundbedürfnisse wie Nahrung, Kleidung und Gesundheit. Hiervon abgeleitet ist ein Ziel,


2

die zusätzlichen Belastungen alter Menschen durch AIDS zu analysieren. Darauf aufbauend

sollen die existierenden traditionellen Systeme der Alterssicherung untersucht werden, ob

sie die zusätzlichen Belastungen tragen können oder ob andere (neue) Institutionen diese

Aufgabe übernehmen können/müssen.

b) Welchen Einfluss hat AIDS auf das soziale Netzwerk alter Menschen? Wandeln sich

Beziehungen und ihre Rol e im sozialen Umfeld? Hierfür wurde sowohl untersucht, welche

Rol en durch AIDS an Bedeutung verlieren, als auch welche neue Rollen alte Menschen

annehmen.

c) Welche Vorstel ungen, Werte und Normen bestimmen das Verhalten und Denken alter

Menschen im Kontext von AIDS? Dabei stehen zum einen die Fürsorgebeziehungen im

Mittelpunkt und die Frage, welche Moralvorstellungen ihnen zu Grunde liegen und ob hier

Wandel zu beobachten ist. Zum anderen soll die moralische Beurteilung von AIDS durch die

Senioren beleuchtet sowie deren Lösungsstrategien aufgezeigt werden.

Das Thema ,,Alter und AIDS" ist komplex und die einzelnen Aspekte sind kaum von einander zu

trennen. Diese Arbeit hat keinen Anspruch auf erschöpfende Behandlung der jeweiligen Fragen,

sie soll Tendenzen und grundlegende Zusammenhänge aufzeigen und Ansatzpunkte für

weitere, tiefer gehende Forschung oder Untersuchungen liefern.

Wichtig ist, dass die Senioren in Mwanga nicht in ihrer Opferrolle beschrieben werden sollen,

sondern als Akteure, die agieren, reagieren und zu Innovationen fähig sind. Im Sinne eines

akteurszentrierten Ansatzes war der Ausgangspunkt dieser Arbeit das Alltagsleben und die

persönliche Perspektive der Interviewpartner.

2. Aufbau der Arbeit und allgemeine Anmerkungen

Die vorliegende Arbeit besteht aus vier großen Themenblöcken. Der erste Teil führt in die

Fragestel ung ein und beleuchtet die bisherige Behandlung des Themas in der Literatur und

Wissenschaft. Außerdem sollen hier theoretische Bezugspunkte erörtert werden. Im zweiten

Kapitel wird der Ablauf und die Methodik der Datenerhebung skizziert sowie das strukturelle

Umfeld der Feldforschung beschrieben. Der Ort der Feldforschung (Mwanga/Tansania) wird

porträtiert und sowohl positive als auch negative Einflüsse auf die Datenerhebung dargelegt.

Das dritte Kapitel basiert bereits zu weiten Teilen auf den erhobenen Daten und betrachtet die

beiden Themenblöcke ′AIDS′ und ′Alter′ separat voneinander und legt damit den Grundstein für

die weitere Analyse. Relevante Aspekte beider Bereiche werden beschrieben und kulturel er

und gesellschaftlicher Wandel wird verdeutlicht.

Das vierte Kapitel bildet den Hauptteil und führt die beiden Themenblöcke ′AIDS′ und ′Alter′

schließlich zusammen. Auf Basis der in Kapitel II dargestellten kulturel en Rahmenbedingungen

wird der Einfluss von HIV/AIDS auf das Leben alter Menschen bewertet.

In der Literatur und im Al tag wird oft nicht zwischen den Begriffen HIV und AIDS getrennt. Auch

in der vorliegenden Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit an einigen Stel en nicht

differenziert. Wo eine klare Unterscheidung nötig schien, ist dies ausreichend verdeutlicht.


3

Ebenfalls aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei al gemeinen Personenbezeichnungen

jeweils nur die männliche Form verwendet. Diese sol als Kurzform für beide Geschlechter

verstanden werden.

3. Forschungsstand und Quellenlage

Die Verknüpfung von HIV/AIDS mit dem Thema Alter ist in der ethnologischen Forschung noch

nicht sehr prominent. Beide Bereiche für sich stel en jedoch klassische und gängige

Themenkreise der Ethnologie dar.

3.1 Ethnologische Forschung zum Thema HIV/AIDS

Unzählige Organisationen, Projekte, Wissenschaftler und Politiker beschäftigen sich mit den

verschiedensten Aspekten und Auswirkungen der globalen AIDS-Epidemie. Nachfolgend wird

dargelegt, welchen besonderen Beitrag die Ethnologie im HIV/AIDS-Bereich leistet und welche

Stärken und Schwächen die ethnologische Forschung diesbezüglich aufweist.

AIDS ist sowohl aufgrund der Verbreitungswege als auch der Auswirkungen eng mit Kultur

verknüpft. Ethnologen verstehen sich als ′Übersetzer′ kultureller Aspekte sowie lokalen Wissens

und durch die Betonung der emischen Sichtweise und durch den Fokus auf die Mikroebene ist

die Ethnologie eine wichtige Ergänzung des al gemeinen Diskurses über HIV/AIDS (Heald

2004:Online1). Die Methoden und Vorgehensweisen der Ethnologie eignen sich in besonderem

Maße zur Erhebung bestimmter AIDS-spezifischer Daten, denn sie verfügen über ein

ausreichendes Maß an Sensibilität und Flexibilität, um trotz der Tabuisierung des Themas eine

Nähe zu den Menschen herstel en zu können.2 Zweifelsohne bereiten Methoden wie die

Teilnehmende Beobachtung bei einem derart sensiblen Thema auch viele Schwierigkeiten.

Viele Aspekte von HIV/AIDS sind in einem äußerst intimen Kontext angesiedelt. Eine wirkliche

,,Teilnahme" ist daher meist nicht möglich oder stel t den Forscher vor große persönliche

Herausforderungen (siehe hierzu Erfahrungsbericht von Dilger 2005:85-91).

Genau genommen wäre es notwendig, zwischen Beiträgen der Ethnologie zur AIDS-Politik und

zur AIDS-Grundlagenforschung zu differenzieren, da die jeweiligen Ansprüche und

Zielsetzungen sehr verschieden sind. Im Fal e von AIDS ist diese Unterscheidung aber oft nicht

zu treffen, da AIDS von Anfang an eine ,,hoch politisierte Krankheit" (Heald 2004:Online1) war

und daher viele Forschungen politisch motiviert sind.

Spätestens seit der Gründung des

Joint United Nations Programme on HIV/AIDS

(UNAIDS) im

Jahr 1995 legt die Politik den Fokus auf lokal vorhandene Strukturen und Kulturen und setzt auf

Partizipation und Mitbestimmung der lokalen Bevölkerung (,,

bottom-up-

Ansatz", Heald

2003:210). Somit müssten ethnologische Forschungen im Grunde zunehmend

Berücksichtigung finden. Dennoch, so bemängelt die Ethnologin Suzette Heald, haben

1 Heald: AIDS und Ethnologie in Afrika. URL: http://www.linksnet.de/textsicht.php?id=1288 (12.02.2008).

2 Im Speziellen trifft dies auf die Teilnehmende Beobachtung, bzw. die ,,dichte Teilnahme" (Spittler 2001:19) zu. Sie

bedeutet nach Spittler nicht nur rein physische Teilnahme, sondern auch soziale Nähe. Soziale Nähe beinhaltet

allerdings Empathie, Einfühlungsvermögen und Mitgefühl (Hauser-Schäublin 2003:38) ­ Attribute welche in

anderen Wissenschaften absichtlich ausgeklammert werden, die aber gerade im Umgang mit Themen wie

Krankheit, Tod und Trauer relevant sein können.


4

Ethnologen ,,nur eine zu vernachlässigende Rol e bei der Formulierung von AIDS-Politiken

gespielt und sind in dem Netzwerk der Interessengruppen und Herrschaftsagenturen

unterrepräsentiert" (Heald 2004:Online1). In der vorliegenden Arbeit fehlt der Raum, um

erschöpfend zu analysieren, ob ethnologische Forschung die notwendige Relevanz erfährt oder

nicht. An dieser Stel e sei nur angemerkt, dass sich aus einer potenziel en engen Verknüpfung

ethnologischer Forschung mit der Politik Vor- und Nachteile ergeben. Einerseits könnten sich

neue Finanzierungsmöglichkeiten für ethnologische Studien eröffnen: Internationale

Organisationen oder auch nationale Entscheidungsträger könnten vermehrt Ethnologen mit

ihren Studien beauftragen. Andererseits liegt hier die Gefahr eines potenziel en Verlustes der

Neutralität und Objektivität des Forschers. Politische Studien dienen meist der Policy- oder

Programmbildung, wodurch ein besonderer Einfluss auf den Ethnologen ausgeübt werden

könnte. Er könnte seine Daten damit nicht vorrangig zur eigenen Theoriebildung sondern zur

Durchsetzung bestimmter Ziele und zur Formulierung von Handlungsanweisungen ,,ausnutzen"

(Dilger 2005:91).3

Ungeachtet der Relevanz der Ethnologie für die Policy-Bildung existiert inzwischen ein breites

Spektrum an Grundlagenforschung. Da diese meist nicht schnellen Ergebnissen verpflichtet ist,

sind hier längerfristige Datenerhebungen und zeitintensive Methoden wie die Teilnehmende

Beobachtung möglich (Heald 2003:218).4 Studien über AIDS ziehen sich durch alle Teilbereiche

der Ethnologie, allen voran aber durch die Medizinanthropologie. Inzwischen gibt es eine

Vielzahl an unabhängigen ethnologischen Publikationen zu verschiedenen kulturel en Aspekten

der Epidemie: Gender und Sexualität (z.B. Schoepf 1995,1997; Baylies/Bujra 2000), Migration

und Modernität (Gronemeyer 2005) und Stigmatisierung (Deacon 2005), um nur wenige zu

nennen.

3.2 Ethnologische Alternsforschung und Gerontologie

Alter und Generationen sind grundlegende Aspekte jeder Kultur. Daher ist Alter seit jeher ein

zentraler Gegenstand der ethnologischen Forschung und Theorie ­ meist jedoch im Kontext

von umfassenden Ethnographien oder unter bestimmten Gesichtspunkten wie Seniorität,

Machtverteilung, Herrschaft oder Altersklassensysteme (Marzi 1998:14ff). In der traditionel en

ethnologischen Altersforschung wurde die Lebensphase des Alters nicht betont, der Blick war

weniger auf das Alter selbst gerichtet, als auf den gesellschaftsstrukturierenden Aspekt der

Altersstufen (Marzi 1990:18, Elwert 1994:261).

In den 1940ern institutionalisierte sich in Deutschland unabhängig von der Ethnologie die

interdisziplinäre Wissenschaft der Gerontologie, auch Alternswissenschaft genannt.5 Diese breit

3 Dilger greift hier eine Diskussion über die Verantwortung der Medizinanthropologie auf. Diskutiert wird, ob

wissenschaftliches Arbeiten und praktisches Engagement getrennt werden können bzw. müssen. Siehe hierzu

Leslie Butt (2002).

4 Bei Evaluationen oder

agency-sponsored researches

ist dies selten möglich, hier kommen schnellere Methoden

wie das KAP Survey (

Assessment of Knowledge, Attitudes, and Practice

) zur Anwendung. Heald erkennt den

Wert solcher Daten, kritisiert aber den Mangel an Holismus, da die Daten nicht im Gesamtkontext der

Gesellschaft interpretiert werden können (Heald 2003:218).

5 Die Herausbildung der Disziplin war ein langsamer Prozess. Wichtige Eckdaten sind die Gründung der

Amerikanischen Gesellschaft für Gerontologie (1945), der Internationalen Gesellschaft für Gerontologie (1950)

und der Deutsche Gesellschaft für Gerontologie (1967) (Baltes/Baltes 1994:6).



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