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Magisterarbeit, 2008, 81 Seiten
Autor: Lena Wilk
Fach: Ethnologie / Volkskunde
Details
Tags: Alter, HIV/AIDS, Existenzsicherung, Moralität, Rollenwandel, Mwanga, District, Nordtansanias
Jahr: 2008
Seiten: 81
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 90 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-21293-4
Dateigröße: 4277 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Die Welt wird immer älter: Der Fakt der demografischen Alterung ist heute hinlänglich bekannt und wird vielfach diskutiert, Auswirkungen analysiert und nach Lösungen gesucht. Weniger bekannt ist, dass auch die sogenannten „Entwicklungsländer“ von diesem Prozess betroffen sind. Während man heute in Afrika davon ausgeht, dass 3,1% der Bevölkerung über 60 Jahre alt ist, prognostiziert United Nations (UN) bis zum Jahr 2050 einen Anstieg auf 11,4% (UN/ESA 2007:9). Für Ostafrika im Speziellen wird in der Zeit von 1980 bis 2050 ein Anstieg der Menschen über 75 Jahren um 434% erwartet (Apt 2001:1). Aus diesem Grunde verwundert es nicht, dass alte Menschen in den Entwicklungsländern immer mehr in das Blickfeld von Politik und Forschung rücken, primär mit dem Fokus auf materielle Altersversorgung und Armut. Während der wachstumsorientierten Entwicklungspolitik der 1970er Jahre wurde noch angenommen, dass allgemeine wirtschaftliche Entwicklung automatisch auch alte Menschen erreiche. Außerdem ging man davon aus, dass traditionelle Versorgungssysteme in der Lage seien, das Problem der Altersversorgung aufzufangen und familiäre Lösungen zu finden (Jensen 1998:185). In Zeiten der demografischen Alterung aber auch von niedrigen Wachstumsraten und veränderten Familienstrukturen ist es allerdings heute fraglich, inwieweit Traditionen noch greifen und ob die Versorgung der Senioren noch gewährleistet ist. AIDS – ein Thema, das im Gegensatz zur demografischen Alterung meist direkt mit Afrika verknüpft wird – wirkt in dieser Problematik wie ein Katalysator: Zum einen verstärkt diese Pandemie die gesellschaftliche Alterung, sie greift zum anderen Familienstrukturen zusätzlich an und löst allgemeinen gesellschaftlichen Wandel aus. Armut, AIDS, Alter – Themen die in Bezug auf Afrika nicht weiter getrennt betrachtet werden können. Die vorliegende Arbeit beschreibt auf Basis einer Feldforschung die Situation und das Leben alter Menschen im Kontext von AIDS exemplarisch für den Mwanga Distrikt im Norden Tansanias. Dabei sollen allerdings nicht nur die materielle Versorgung und Altersarmut Beachtung finden, vielmehr wird einen Schritt weiter gegangen: Es wird aufgezeigt, dass AIDS das Leben, das Denken und das Verhalten alter Menschen auf den unterschiedlichsten Ebenen beeinflusst.
Textauszug (computergeneriert)
UNIVERSITÄT ZU KÖLN INSTITUT FÜR VÖLKERKUNDE
Alter und HIV/AIDS - Existenzsicherung,
Moralität und Rollenwandel im Mwanga District
Nordtansanias
Magisterarbeit von Lena Wilk
zur Erlangung des akademischen Grades einer Magistra Artium an der
Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln
KÖLN 2008
Inhaltsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis i
Danksagung ii
I Einleitung 1
1. Zielsetzung und Fragestellung 1
2. Aufbau der Arbeit und al gemeine Anmerkungen 2
3. Forschungsstand und Quellenlage 3
3.1 Ethnologische Forschung zum Thema HIV/AIDS 3
3.2 Ethnologische Alternsforschung und Gerontologie 4
3.3 Quellenlage und Literatur 6
4. Theorien zu Rol en und Status alter Menschen 6
4.1 Theorien zur Kontinuität von Rollen im Alter 7
4.2 Theorien zum Status alter Menschen 7
II Grundlagen der Feldforschung in Mwanga 8
1. Forschungssituation 8
2. Ort der Feldforschung: Mwanga 9
3. Auswahl der Informanten und Zusammensetzung des Samples 10
4. Methodik 11
III Ethnographische und regionale Rahmenbedingungen und soziale
Transformationsprozesse 12
1. HIV/AIDS 12
1.1 HIV/Aids in Mwanga bzw. Tansania Zahlen und Fakten 12
1.2 HIV-Infektionen im Alter und andere gesundheitliche Aspekte 13
1.3 Alte Menschen in der Entwicklungszusammenarbeit und AIDS-Politik 15
AIDS-Politik Tansanias 15
Alte Menschen in der AIDS-Politik und Entwicklungszusammenarbeit 16
2. ,,Alt sein" bei den Pare 18
2.1 Definition von Alter und ,,mzee" 18
2.2 Traditionel e Rol en alter Menschen und deren Wandel 19
Politische Rol e 19
Beraterfunktion und juristische Rol e 20
Wirtschaftliche Rol e 21
Familiäre Rol en 22
Religiöse Rol e 23
Pädagogische Rolle 23
Kontinuität oder Rückzug? 25
2.3 Status alter Menschen bei den Pare 26
2.4 Staatliche Vorsorge und moderne Vorsorgesysteme 28
2.5 Traditionel e Systeme der Alterssicherung 29
Fürsorgeverpflichtung der Kinder die ,,filial obligation" 29
Patrilokalität 30
Polygynie und seriel e Polygamie 31
Levirat/Witwenerbe und Erbschaft 32
Clansystem 33
Die Rol e der Großfamilie 33
IV Einfluss von HIV/Aids auf das Leben alter Menschen 35
1. Existenzsicherung 35
1.1 Zusätzliche finanzielle Belastungen 35
Pflege von AIDS-Patienten 35
Beerdigungen 37
Versorgung der Waisenkinder 37
1.2 AIDS und traditionelle Existenzsicherungssysteme 38
AIDS und Existenzsicherungsmechanismen der Kernfamilie 38
AIDS und die Rol e der Großfamilie 39
1.3 Innovationen, Lösungsstrategien und die Rol e moderner Institutionen 41
Einkommensgenerierende Aktivitäten 41
Beerdigungsvereine 41
,,Unconditional Cash Transfer" und die staatliche Verantwortung 42
Internationale Entwicklungszusammenarbeit und NROs 44
Christliche Institutionen 45
Muslimische Institutionen 46
2. Rol enwandel 47
2.1 Wandel elternspezifischer Rol en 47
2.2 Wandel der Großelternrol e 48
Aus Spaß wird Ernst Wandel der Autorität 48
Die pädagogische Rol e: Großeltern als Aufklärer? 50
Großeltern als Versorger 51
2.3 Wandel der außerfamiliären Rol en 52
Rol enwandel durch Isolation 52
Übertragung familiärer Rol en auf außerfamiliäre Kontakte 52
3. HIV/AIDS, Alter und Moralität 53
3.1 Fürsorge: Moralische Verpflichtung, Egoismus oder Altruismus? 54
AIDS und Fürsorgeverpflichtungen als Eltern 54
Verantwortungen bei Versorgung der Enkelkinder 55
Individualismus versus Familismus 56
Fazit: Grundlagen für Fürsorge 57
3.2 Moral, Schuld und Bestrafung 59
Schuld ist das Fremde? 59
Schuld in der eigenen Gesel schaft 59
Sanktionen und Lösungsvorschläge 61
3.3 Moral und Stigmatisierung 62
V Zusammenfassung 63
1. Existenzsicherung 63
2. Rol enwandel 64
3. Moralität 65
4. Fazit 66
VI Literaturverzeichnis 67
VII Anhang 72
Anhang A: Tansania, Kilimanjaro Region und der Mwanga Distrikt 72
Anhang B: Informantenverzeichnis 74
Anhang C: Tabel en und Grafiken 75
i
Abkürzungsverzeichnis
AIDS
Acquired Immunodeficiency Syndrome
ART
Antiretrovirale Therapie
GPA
Global Programme on AIDS
GTZ
Deutsche Gesel schaft für Technische Zusammenarbeit GmbH
HAI
HelpAge International
HAT
HelpAge Tanzania
HDI
Human Development Index
HRAF
Human Relation Area Files
EZ
Entwicklungszusammenarbeit
HIV
Human Immunodeficiency Virus
KIWAMWAKU
Kikunde Cha Wanawake Mwanga Kupambana na UKIMWI
(Vereinigung der Frauen Mwangas im Kampf gegen AIDS)
MTP
Medium Term Plan
NACP
National AIDS Control Programme
NGO
Non Governmental Organization
NRO
Nichtregierungsorganisation
OAU
Organization of African Unity
PLWAs
People living with AIDS
Sw.
Suaheli/Swahili
TACAIDS
Tanzania Commission for HIV/AIDS
TSh
Tanzanian Shil ing
UNAIDS
Joint United Nations Programme on HIV/AIDS
UN
United Nations
UNDP
United Nations Development Programme
UNESCO
United Nations Educational, Scientific and Cultural Organisation
UNFPA
United Nations Population Fund
UNICEF
United Nations International Children′s Emergency Fund
URT
United Republic of Tanzania
USAID
U.S. Agency for International Development
UWT
Union of Tanzanian Women
WAA
World Assembly on Aging
WHO
World Health Organisation
ii
Danksagung
Ich danke Herrn Prof. Dr. Bol ig für die Betreuung dieser Arbeit, die ich stets als konstruktiv,
freundlich und motivierend empfand. Ebenso bin ich al en Menschen in Mwanga zu Dank
verpflichtet, die mich bei meiner Feldforschung unterstützt haben (bzw. mir ein zweites
Zuhause gegeben haben), allen voran meinen Informanten, aber auch meinem Übersetzer
Nasibu, Wilson Kivuyo, Mama Halima, Anna von KIWAMWAKU, Mama Rahimu, Mama
Leyla, Fatuma und Grace Msafiri.
Ganz besonders möchte ich mich bei Carmen Blenke bedanken, meiner Mitleidenden,
Nebensitzerin, Motivationstrainerin, Korrekturleserin und amüsanten Gesprächspartnerin in
den vielen Pausen in der Bibliothek. Des weiteren bin ich Olga Prede und Katrin Schneider
für die sorgfältige und schnel e Korrektur von Herzen dankbar. Besonderer Dank gilt
außerdem Dirk Donakowski für seelische und moralische Unterstützung, das Aushalten
meiner Launen, Aufmunterungen, Korrekturlesen und die besten Latte Macchiato der Welt.
Rückblickend auf mein Studium danke ich außerdem meiner Mutter und meinen Großeltern
für ihre Unterstützung. Besonders danke ich meinem Vater, dem ich diese Arbeit widmen
möchte.
1
I Einleitung
Die Welt wird immer älter: Der Fakt der demografischen Alterung ist heute hinlänglich bekannt
und wird vielfach diskutiert, Auswirkungen analysiert und nach Lösungen gesucht. Weniger
bekannt ist, dass auch die sogenannten ,,Entwicklungsländer" von diesem Prozess betroffen
sind. Während man heute in Afrika davon ausgeht, dass 3,1% der Bevölkerung über 60 Jahre
alt ist, prognostiziert United Nations (UN) bis zum Jahr 2050 einen Anstieg auf 11,4% (UN/ESA
2007:9). Für Ostafrika im Speziellen wird in der Zeit von 1980 bis 2050 ein Anstieg der
Menschen über 75 Jahren um 434% erwartet (Apt 2001:1).
Aus diesem Grunde verwundert es nicht, dass alte Menschen in den Entwicklungsländern
immer mehr in das Blickfeld von Politik und Forschung rücken, primär mit dem Fokus auf
materiel e Altersversorgung und Armut. Während der wachstumsorientierten Entwicklungspolitik
der 1970er Jahre wurde noch angenommen, dass allgemeine wirtschaftliche Entwicklung
automatisch auch alte Menschen erreiche. Außerdem ging man davon aus, dass traditionel e
Versorgungssysteme in der Lage seien, das Problem der Altersversorgung aufzufangen und
familiäre Lösungen zu finden (Jensen 1998:185). In Zeiten der demografischen Alterung aber
auch von niedrigen Wachstumsraten und veränderten Familienstrukturen ist es allerdings heute
fraglich, inwieweit Traditionen noch greifen und ob die Versorgung der Senioren noch
gewährleistet ist.
AIDS ein Thema, das im Gegensatz zur demografischen Alterung meist direkt mit Afrika
verknüpft wird wirkt in dieser Problematik wie ein Katalysator: Zum einen verstärkt diese
Pandemie die gesellschaftliche Alterung, sie greift zum anderen Familienstrukturen zusätzlich
an und löst allgemeinen gesel schaftlichen Wandel aus. Armut, AIDS, Alter Themen die in
Bezug auf Afrika nicht weiter getrennt betrachtet werden können.
Die vorliegende Arbeit beschreibt auf Basis einer Feldforschung die Situation und das Leben
alter Menschen im Kontext von AIDS exemplarisch für den Mwanga Distrikt im Norden
Tansanias. Dabei sollen allerdings nicht nur die materielle Versorgung und Altersarmut
Beachtung finden, vielmehr wird einen Schritt weiter gegangen: Es wird aufgezeigt, dass AIDS
das Leben, das Denken und das Verhalten alter Menschen auf den unterschiedlichsten Ebenen
beeinflusst.
1. Zielsetzung und Fragestellung
Im Sinne einer explorativen Studie war die Feldforschung sehr breit und von der Fragestellung
her flexibel angelegt. Im Nachhinein wurden die aussagekräftigsten Ergebnisse unter den drei
Schlagworten ′Existenzsicherung′, ′Rollenwandel′ und ′Moralität′ zusammengefasst. Diese drei
Themengebiete beschreiben die drei Ebenen, auf der sich die Untersuchung bewegt:
a) Welchen Einfluss hat AIDS auf das Überleben/auf die Versorgung älterer Menschen? Auf
dieser Ebene liegt der Fokus auf der materiel en Versorgung, also auf der Befriedigung der
Grundbedürfnisse wie Nahrung, Kleidung und Gesundheit. Hiervon abgeleitet ist ein Ziel,
2
die zusätzlichen Belastungen alter Menschen durch AIDS zu analysieren. Darauf aufbauend
sollen die existierenden traditionellen Systeme der Alterssicherung untersucht werden, ob
sie die zusätzlichen Belastungen tragen können oder ob andere (neue) Institutionen diese
Aufgabe übernehmen können/müssen.
b) Welchen Einfluss hat AIDS auf das soziale Netzwerk alter Menschen? Wandeln sich
Beziehungen und ihre Rol e im sozialen Umfeld? Hierfür wurde sowohl untersucht, welche
Rol en durch AIDS an Bedeutung verlieren, als auch welche neue Rollen alte Menschen
annehmen.
c) Welche Vorstel ungen, Werte und Normen bestimmen das Verhalten und Denken alter
Menschen im Kontext von AIDS? Dabei stehen zum einen die Fürsorgebeziehungen im
Mittelpunkt und die Frage, welche Moralvorstellungen ihnen zu Grunde liegen und ob hier
Wandel zu beobachten ist. Zum anderen soll die moralische Beurteilung von AIDS durch die
Senioren beleuchtet sowie deren Lösungsstrategien aufgezeigt werden.
Das Thema ,,Alter und AIDS" ist komplex und die einzelnen Aspekte sind kaum von einander zu
trennen. Diese Arbeit hat keinen Anspruch auf erschöpfende Behandlung der jeweiligen Fragen,
sie soll Tendenzen und grundlegende Zusammenhänge aufzeigen und Ansatzpunkte für
weitere, tiefer gehende Forschung oder Untersuchungen liefern.
Wichtig ist, dass die Senioren in Mwanga nicht in ihrer Opferrolle beschrieben werden sollen,
sondern als Akteure, die agieren, reagieren und zu Innovationen fähig sind. Im Sinne eines
akteurszentrierten Ansatzes war der Ausgangspunkt dieser Arbeit das Alltagsleben und die
persönliche Perspektive der Interviewpartner.
2. Aufbau der Arbeit und allgemeine Anmerkungen
Die vorliegende Arbeit besteht aus vier großen Themenblöcken. Der erste Teil führt in die
Fragestel ung ein und beleuchtet die bisherige Behandlung des Themas in der Literatur und
Wissenschaft. Außerdem sollen hier theoretische Bezugspunkte erörtert werden. Im zweiten
Kapitel wird der Ablauf und die Methodik der Datenerhebung skizziert sowie das strukturelle
Umfeld der Feldforschung beschrieben. Der Ort der Feldforschung (Mwanga/Tansania) wird
porträtiert und sowohl positive als auch negative Einflüsse auf die Datenerhebung dargelegt.
Das dritte Kapitel basiert bereits zu weiten Teilen auf den erhobenen Daten und betrachtet die
beiden Themenblöcke ′AIDS′ und ′Alter′ separat voneinander und legt damit den Grundstein für
die weitere Analyse. Relevante Aspekte beider Bereiche werden beschrieben und kulturel er
und gesellschaftlicher Wandel wird verdeutlicht.
Das vierte Kapitel bildet den Hauptteil und führt die beiden Themenblöcke ′AIDS′ und ′Alter′
schließlich zusammen. Auf Basis der in Kapitel II dargestellten kulturel en Rahmenbedingungen
wird der Einfluss von HIV/AIDS auf das Leben alter Menschen bewertet.
In der Literatur und im Al tag wird oft nicht zwischen den Begriffen HIV und AIDS getrennt. Auch
in der vorliegenden Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit an einigen Stel en nicht
differenziert. Wo eine klare Unterscheidung nötig schien, ist dies ausreichend verdeutlicht.
3
Ebenfalls aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei al gemeinen Personenbezeichnungen
jeweils nur die männliche Form verwendet. Diese sol als Kurzform für beide Geschlechter
verstanden werden.
3. Forschungsstand und Quellenlage
Die Verknüpfung von HIV/AIDS mit dem Thema Alter ist in der ethnologischen Forschung noch
nicht sehr prominent. Beide Bereiche für sich stel en jedoch klassische und gängige
Themenkreise der Ethnologie dar.
3.1 Ethnologische Forschung zum Thema HIV/AIDS
Unzählige Organisationen, Projekte, Wissenschaftler und Politiker beschäftigen sich mit den
verschiedensten Aspekten und Auswirkungen der globalen AIDS-Epidemie. Nachfolgend wird
dargelegt, welchen besonderen Beitrag die Ethnologie im HIV/AIDS-Bereich leistet und welche
Stärken und Schwächen die ethnologische Forschung diesbezüglich aufweist.
AIDS ist sowohl aufgrund der Verbreitungswege als auch der Auswirkungen eng mit Kultur
verknüpft. Ethnologen verstehen sich als ′Übersetzer′ kultureller Aspekte sowie lokalen Wissens
und durch die Betonung der emischen Sichtweise und durch den Fokus auf die Mikroebene ist
die Ethnologie eine wichtige Ergänzung des al gemeinen Diskurses über HIV/AIDS (Heald
2004:Online1). Die Methoden und Vorgehensweisen der Ethnologie eignen sich in besonderem
Maße zur Erhebung bestimmter AIDS-spezifischer Daten, denn sie verfügen über ein
ausreichendes Maß an Sensibilität und Flexibilität, um trotz der Tabuisierung des Themas eine
Nähe zu den Menschen herstel en zu können.2 Zweifelsohne bereiten Methoden wie die
Teilnehmende Beobachtung bei einem derart sensiblen Thema auch viele Schwierigkeiten.
Viele Aspekte von HIV/AIDS sind in einem äußerst intimen Kontext angesiedelt. Eine wirkliche
,,Teilnahme" ist daher meist nicht möglich oder stel t den Forscher vor große persönliche
Herausforderungen (siehe hierzu Erfahrungsbericht von Dilger 2005:85-91).
Genau genommen wäre es notwendig, zwischen Beiträgen der Ethnologie zur AIDS-Politik und
zur AIDS-Grundlagenforschung zu differenzieren, da die jeweiligen Ansprüche und
Zielsetzungen sehr verschieden sind. Im Fal e von AIDS ist diese Unterscheidung aber oft nicht
zu treffen, da AIDS von Anfang an eine ,,hoch politisierte Krankheit" (Heald 2004:Online1) war
und daher viele Forschungen politisch motiviert sind.
Spätestens seit der Gründung des
Joint United Nations Programme on HIV/AIDS
(UNAIDS) im
Jahr 1995 legt die Politik den Fokus auf lokal vorhandene Strukturen und Kulturen und setzt auf
Partizipation und Mitbestimmung der lokalen Bevölkerung (,,
bottom-up-
Ansatz", Heald
2003:210). Somit müssten ethnologische Forschungen im Grunde zunehmend
Berücksichtigung finden. Dennoch, so bemängelt die Ethnologin Suzette Heald, haben
1 Heald: AIDS und Ethnologie in Afrika. URL: http://www.linksnet.de/textsicht.php?id=1288 (12.02.2008).
2 Im Speziellen trifft dies auf die Teilnehmende Beobachtung, bzw. die ,,dichte Teilnahme" (Spittler 2001:19) zu. Sie
bedeutet nach Spittler nicht nur rein physische Teilnahme, sondern auch soziale Nähe. Soziale Nähe beinhaltet
allerdings Empathie, Einfühlungsvermögen und Mitgefühl (Hauser-Schäublin 2003:38) Attribute welche in
anderen Wissenschaften absichtlich ausgeklammert werden, die aber gerade im Umgang mit Themen wie
Krankheit, Tod und Trauer relevant sein können.
4
Ethnologen ,,nur eine zu vernachlässigende Rol e bei der Formulierung von AIDS-Politiken
gespielt und sind in dem Netzwerk der Interessengruppen und Herrschaftsagenturen
unterrepräsentiert" (Heald 2004:Online1). In der vorliegenden Arbeit fehlt der Raum, um
erschöpfend zu analysieren, ob ethnologische Forschung die notwendige Relevanz erfährt oder
nicht. An dieser Stel e sei nur angemerkt, dass sich aus einer potenziel en engen Verknüpfung
ethnologischer Forschung mit der Politik Vor- und Nachteile ergeben. Einerseits könnten sich
neue Finanzierungsmöglichkeiten für ethnologische Studien eröffnen: Internationale
Organisationen oder auch nationale Entscheidungsträger könnten vermehrt Ethnologen mit
ihren Studien beauftragen. Andererseits liegt hier die Gefahr eines potenziel en Verlustes der
Neutralität und Objektivität des Forschers. Politische Studien dienen meist der Policy- oder
Programmbildung, wodurch ein besonderer Einfluss auf den Ethnologen ausgeübt werden
könnte. Er könnte seine Daten damit nicht vorrangig zur eigenen Theoriebildung sondern zur
Durchsetzung bestimmter Ziele und zur Formulierung von Handlungsanweisungen ,,ausnutzen"
(Dilger 2005:91).3
Ungeachtet der Relevanz der Ethnologie für die Policy-Bildung existiert inzwischen ein breites
Spektrum an Grundlagenforschung. Da diese meist nicht schnellen Ergebnissen verpflichtet ist,
sind hier längerfristige Datenerhebungen und zeitintensive Methoden wie die Teilnehmende
Beobachtung möglich (Heald 2003:218).4 Studien über AIDS ziehen sich durch alle Teilbereiche
der Ethnologie, allen voran aber durch die Medizinanthropologie. Inzwischen gibt es eine
Vielzahl an unabhängigen ethnologischen Publikationen zu verschiedenen kulturel en Aspekten
der Epidemie: Gender und Sexualität (z.B. Schoepf 1995,1997; Baylies/Bujra 2000), Migration
und Modernität (Gronemeyer 2005) und Stigmatisierung (Deacon 2005), um nur wenige zu
nennen.
3.2 Ethnologische Alternsforschung und Gerontologie
Alter und Generationen sind grundlegende Aspekte jeder Kultur. Daher ist Alter seit jeher ein
zentraler Gegenstand der ethnologischen Forschung und Theorie meist jedoch im Kontext
von umfassenden Ethnographien oder unter bestimmten Gesichtspunkten wie Seniorität,
Machtverteilung, Herrschaft oder Altersklassensysteme (Marzi 1998:14ff). In der traditionel en
ethnologischen Altersforschung wurde die Lebensphase des Alters nicht betont, der Blick war
weniger auf das Alter selbst gerichtet, als auf den gesellschaftsstrukturierenden Aspekt der
Altersstufen (Marzi 1990:18, Elwert 1994:261).
In den 1940ern institutionalisierte sich in Deutschland unabhängig von der Ethnologie die
interdisziplinäre Wissenschaft der Gerontologie, auch Alternswissenschaft genannt.5 Diese breit
3 Dilger greift hier eine Diskussion über die Verantwortung der Medizinanthropologie auf. Diskutiert wird, ob
wissenschaftliches Arbeiten und praktisches Engagement getrennt werden können bzw. müssen. Siehe hierzu
Leslie Butt (2002).
4 Bei Evaluationen oder
agency-sponsored researches
ist dies selten möglich, hier kommen schnellere Methoden
wie das KAP Survey (
Assessment of Knowledge, Attitudes, and Practice
) zur Anwendung. Heald erkennt den
Wert solcher Daten, kritisiert aber den Mangel an Holismus, da die Daten nicht im Gesamtkontext der
Gesellschaft interpretiert werden können (Heald 2003:218).
5 Die Herausbildung der Disziplin war ein langsamer Prozess. Wichtige Eckdaten sind die Gründung der
Amerikanischen Gesellschaft für Gerontologie (1945), der Internationalen Gesellschaft für Gerontologie (1950)
und der Deutsche Gesellschaft für Gerontologie (1967) (Baltes/Baltes 1994:6).
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