Please wait
Please install the Adobe Flash Player if no e-book is displayed.
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 29 Pages
Author: Mirco Rauch
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Welt, Realitätsverlust, Johann, Wolfgang, Goethes, Roman, Leiden, Werthers, Werther, Goethe, Briefroman
Year: 2008
Pages: 29
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 14 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-21490-7
ISBN (Book): 978-3-640-21496-9
File size: 110 KB
Other users also were interested in the following titles:
Abstract
(...) Auch in Johann Wolfgang Goethes 1774 publiziertem Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ wird der Realitätsverlust durchaus thematisiert: Der Protagonist Werther schreibt fortlaufend Briefe an seinen Freund Wilhelm, aus denen immer deutlicher hervorgeht, dass er selbst in besonderem Maß davon ‚betroffen’ ist. Wohl auch deshalb mehren sich in den letzten Jahren die Versuche, den „Werther“ unter psychoanalytischen Aspekten interpretieren zu wollen. Diese für die „Werther“-Forschung durchaus früchtetragenden Arbeiten konzentrieren ihren Blick allerdings eher auf die melancholische Erkrankung Werthers oder seine Gesamtpersönlichkeit; weniger aber wird darin die Entwicklung seines Realitätsverlustes im Ganzen nachvollzogen. Aus diesem Grund soll deren Analyse Gegenstand der vorliegenden Untersuchung sein. Insbesondere wird der Fragestellung nachgegangen, welche Ursachen, Symptome und Folgen des Realitätsverlustes sich für die Hauptfigur des Romans abzeichnen. Zuerst wird dabei das Interesse auf die Erzählform gestützt, weil es sich – wie bereits erwähnt – bei „Die Leiden des jungen Werthers“ um einen Briefroman handelt, in dem das subjektive Erleben und Empfinden des Protagonisten eine besondere Rolle spielt und auch eine methodische Funktion übernimmt. U.a. lässt sich daraus die Genese des Realitätsverlustes ableiten, auf die das Augenmerk im nächsten Abschnitt der Arbeit zu richten sein wird. Hier sollen insbesondere Werthers Kindheit, seine Flucht in die Isolation und die damit verbundene Ichbezogenheit untersucht werden. Denn aus jenen Ursachen ergibt sich letztendlich Werthers Fehldeutung der Umwelt, die im nächsten Abschnitt der Arbeit unter Berücksichtigung seiner Naturwahr-nehmung und der falschen Interpretation von Lottes Verhalten näher erläutert werden soll, um abschließend die Folgen des Realitätsverlustes für die Hauptfigur offen zu legen. Dabei werden die seelische Erkrankung Werthers, seine gescheiterten Therapieversuche und der schließlich stattfindende Entschluss zum Freitod als wichtigste Merkmale herausgearbeitet. Zitate sind in der vorliegenden Arbeit als solche durch Anführungszeichen kenntlich gemacht und mit einer Fußnote versehen. Alle anderen einge-klammerten Hinweise, wie z.B. (vgl. Kap. 2.1.), sind Binnenverweise dieser Arbeit.
Excerpt (computer-generated)
,,...und die ganze Welt verliert sich um mich her."
Zum Realitätsverlust in Johann Wolfgang Goethes Roman
,,Die Leiden des jungen Werthers"
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
- Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien -
Schriftliche Seminararbeit für das Hauptseminar
,,Goethes Erzählungen"
Wintersemester 2007/2008
Vorgelegt von:
M i r c o R a u c h
1
Inhalt
1. Einleitung 3
2. Subjektivität als Methode 4
2.1. Goethes ,,Werther": Ein klassischer Briefroman? 4
2.2. Der Erzähler 6
3. Ursachen für den Realitätsverlust 8
3.1. Werthers Kindheit 8
3.2. Rückzug in die Isolation 10
3.3. Totalität des Ich 11
4. Fehldeutung der Umwelt 13
4.1. Die Beschreibung der Natur 13
4.2. Überzogene Interpretation von Lottes Verhalten 15
5. Folgen des Realitätsverlustes 19
5.1. Die seelische Erkrankung 19
5.2. Gescheiterte Therapiemaßnahmen 21
5.3. Selbstmord als letzte Konsequenz 23
6. Fazit 25
7. Literaturverzeichnis 27
2
1. Einleitung
,,Der Mensch findet zuletzt in den Dingen nichts wieder, als was er selbst in sie
hineingesteckt hat."
(Friedrich Nietzsche,
Aus dem Nachlass der Achtzigerjahre
)
Mit diesen Worten führt Friedrich Nietzsche aus, dass eine Diskrepanz zwischen
Realität und Wahrnehmung existieren kann, die auf der subjektiven Sichtweise des
Menschen beruht. In der Tat ist dieser manchmal dazu geneigt, bestimmte Umstände
oder Gesten überzubewerten. Oft wird aber durch den kommunikativen Austausch
mit anderen Menschen die subjektive Sichtweise objektiviert und evtl. auch als Irrtum
entlarvt. Allerdings muss dies nicht immer der Fall sein: Der Vorstellungskraft können
Phantasmen entspringen, die auf nahezu sämtliche Bilder der Wahrnehmung
projiziert werden. Die betroffenen Menschen sind folglich nicht (mehr) zu einer
Relativierung ihrer Sicht in der Lage, weil sie Phantasie und Wirklichkeit nicht
voneinander abgrenzen können. So nimmt ihre Fehldeutung der Umwelt derart große
Ausmaße an, dass sie auch für andere Menschen offensichtlich wird. Unter diesen
Umständen spricht man von
Realitätsverlust
. Die Psychoanalyse kennt zahlreiche
Krankheiten und Symptome, die mit jenem Phänomen einhergehen. Diese haben
sich auch teil-weise in der fiktionalen Literatur als Thema etabliert: Vor allem das
Anderssein und -denken der ,kranken′ Figuren und die oft damit verbundene Tragik
hat viele Leser seit jeher fasziniert.
Auch in Johann Wolfgang Goethes 1774 publiziertem Briefroman ,,Die Leiden des
jungen Werthers"1 wird der Realitätsverlust durchaus thematisiert: Der Protagonist
Werther schreibt fortlaufend Briefe an seinen Freund Wilhelm, aus denen immer
deutlicher hervorgeht, dass er selbst in besonderem Maß davon ,betroffen′ ist. Wohl
auch deshalb mehren sich in den letzten Jahren die Versuche, den ,,Werther" unter
psychoanalytischen Aspekten interpretieren zu wollen.
2
Diese für die ,,Werther"-
Forschung durchaus früchtetragenden Arbeiten konzentrieren ihren Blick allerdings
1 Goethe, Johann Wolfgang:
Die Leiden des jungen Werthers. Studienausgabe. Paralleldruck der
Fassungen von 1774 und 1778. Hrsg. von Matthias Luserke.
Stuttgart 2005. Zur Vereinfachung im
Folgenden zitiert mit ,Werther (A)′ (entspricht der Ausgabe von 1774) oder ,Werther (B)′ (entspricht
der Ausgabe von 1778).
2 So z.B. Feise, Ernst:
Goethes Werther als nervöser Charakter.
In: Schmiedt, Helmut (Hrsg.):
Wie
froh bin ich, dass ich weg bin! Goethes Roman ,Die Leiden des jungen Werther′ in literatur-
psychologischer Sicht.
Würzburg 1989; Valk, Thorsten:
Poetische Pathographie. Goethes ′Werther′ im
Kontext zeitgenössischer Melancholie-Diskurse.
In: Golz, Jochen / Zehm, Edith:
Goethe-Jahrbuch
2002, Bd. 119.
Weimar 2003.
3
eher auf die melancholische Erkrankung Werthers oder seine Gesamtpersönlichkeit;
weniger aber wird darin die Entwicklung seines Realitätsverlustes im Ganzen
nachvollzogen. Aus diesem Grund soll deren Analyse Gegenstand der vorliegenden
Untersuchung sein. Insbesondere wird der Fragestellung nachgegangen, welche
Ursachen, Symptome und Folgen des Realitätsverlustes sich für die Hauptfigur des
Romans abzeichnen.
Zuerst wird dabei das Interesse auf die Erzählform gestützt, weil es sich wie
bereits erwähnt bei ,,Die Leiden des jungen Werthers" um einen Briefroman
handelt, in dem das subjektive Erleben und Empfinden des Protagonisten eine
besondere Rolle spielt und auch eine methodische Funktion übernimmt. U.a. lässt
sich daraus die Genese des Realitätsverlustes ableiten, auf die das Augenmerk im
nächsten Abschnitt der Arbeit zu richten sein wird. Hier sollen insbesondere
Werthers Kindheit, seine Flucht in die Isolation und die damit verbundene
Ichbezogenheit untersucht werden. Denn aus jenen Ursachen ergibt sich letztendlich
Werthers Fehldeutung der Umwelt, die im nächsten Abschnitt der Arbeit unter
Berücksichtigung seiner Naturwahr-nehmung und der falschen Interpretation von
Lottes Verhalten näher erläutert werden soll, um abschließend die Folgen des
Realitätsverlustes für die Hauptfigur offen zu legen. Dabei werden die seelische
Erkrankung Werthers, seine gescheiterten Therapieversuche und der schließlich
stattfindende Entschluss zum Freitod als wichtigste Merkmale herausgearbeitet.
Zitate sind in der vorliegenden Arbeit als solche durch Anführungszeichen
kenntlich gemacht und mit einer Fußnote versehen. Alle anderen einge-klammerten
Hinweise, wie z.B. (vgl. Kap. 2.1.), sind Binnenverweise dieser Arbeit.
2. Subjektivität als Methode
2.1. Goethes ,,Werther": Ein klassischer Briefroman?
Die gängige Forschungsliteratur bezeichnet Goethes ,,Werther" oft als Brief-roman.
Weil hier eine Sammlung von Briefen existiert, liegt diese Klassifizierung natürlich
nahe; doch strenggenommen weicht der ,,Werther" von den Werken ab, die zuvor
jener Sonderform des Romans zugeordnet wurden, wie z.B. Rousseaus ,,La Nouvelle
Héloise" (1761). Denn diese literarischen Arbeiten zeichnen sich durch die
wechselnde Korrespondenz mehrerer Schreiberfiguren aus, die allesamt das
Geschehen kommentieren und auch auf die Gefühle der anderen Figuren eingehen
4
können. Somit wird ein fiktiver Austausch der Gedanken gewährleistet, der vor allem
ein geselliges Miteinander reprä-sentiert.3
In Goethes Roman dagegen findet diese Korrespondenz zumindest auf formaler
Ebene nicht statt. Das Geschehen wird nicht mehr aus der Sicht mehrerer
Betrachter geschildert, sondern der Protagonist stellt sich in seinen Briefen lediglich
selbst dar. Diese nehmen in ihrer monologischen Form einen tagebuchähnlichen
Charakter an, und im Gegensatz zu den früheren Briefromanen ist die
polyperspektivische Sicht im ,,Werther" auf eine mono-perspektivische reduziert.
Dadurch entsteht der Eindruck, dass der Held allmählich vereinsamt: Wer Briefe
schreibt, kann in der Regel ein Echo darauf erwarten. Doch Antwortbriefe existieren
in Goethes Roman nicht. Müller-Salget führt dazu aus, dass diese
Monoperspektivität Werther quasi ein Bedürfnis nach Nähe unterstellt, das aber für
ihn unerfüllbar bleibt.4 Der Form des Romans entsprechend scheint dieser Ansatz
plausibel. Allerdings darf dabei nicht außer Acht gelassen werden, dass einige
Textstellen das Echo auf Werthers Briefe, welches er vom Adressaten Wilhelm
erhält, eindeutig belegen. So bezieht sich Werther des öfteren auf dessen
Antwortbriefe, wie z.B. ,,Du fragst, ob du mir meine Bücher schicken sollst?"5 oder
,,Warum ich dir nicht schreibe? Fragst du das und bist doch auch der Gelehrten
einer."6 Im Brief vom 8. August 1771 zitiert Werther sogar einen Briefauszug seines
Freundes:
,,Entweder, sagst du, hast du Hoffnung auf Lotten, oder du hast keine. Gut! im ersten Fall suche sie
durchzutreiben, suche die Erfüllung deiner Wünsche zu umfassen: im andern Fall ermanne dich, und
suche einer elenden Empfindung los zu werden, die alle deine Kräfte verzehren muß."7
Mit Ausnahme dieser direkt auf Wilhelm bezogenen Äußerungen, welche die Fiktion
des Briefwechsels untermauern sollen, bleiben die Briefe Werthers jedoch nur ein
schriftliches Selbstgespräch.
8
Immerhin werden im Unterschied zu den o.g. früheren
Briefromanen die Ereignisse nur aus einer allein für den Erzähler als Wahrheit
3 Vgl. dazu Wegmann, Nikolaus:
Diskurse der Empfindsamkeit: Zur Geschichte eines Gefühls in der
Literatur des 18. Jahrhunderts.
Stuttgart 1988, S. 116.
4 Vgl. Müller-Salget, Klaus:
Zur Struktur von Goethes ,Werther′.
In: Besch, Werner et al. (Hrsg.):
Zeitschrift für Deutsche Philologie, Bd. 100.
Berlin 1981, S. 531.
5 ,,Werther" (B) (Brief vom 13. Mai 1771), S. 15.
6 ,,Werther" (A) (Brief vom 16. Juni 1771), S. 34.
7 ,,Werther" (B) (Brief vom 8. August 1771), S. 89.
8 Vgl. Valk, Thorsten:
Melancholie im Werk Goethes: Genese Symptomatik Therapie.
Tübingen
2002, S. 99.
5
dargestellten Sicht präsentiert, die zunächst unreflektiert bleibt (vgl. dazu auch Kap.
2.2.). Ingrid Engel zufolge ist damit ,,der höchste Grad der Subjektivität erreicht."9
Erzähltechnisch und wirkungsbezogen ergeben sich dadurch aber Probleme,
auf die Flaschka in seinen Ausführungen aufmerksam macht.10 Demzufolge müsse
der Autor auf irgendeine Weise in die Erzählung einbauen, dass die eigentlich nicht
für die Öffentlichkeit bestimmten Briefdokumente an eben diese gelangen; außerdem
könne die Lenkung und Beeinflussung des Lesers durch den Wegfall eines
allwissenden Erzählers entfallen. Mithilfe einer Herausgeber-fiktion werde aber
genau diese ,,epische Überlegenheit des Erzählers"11 wieder hergestellt. In Goethes
,,Werther" gibt sich der fiktive Herausgeber schon im Vorwort als Sammler der
vertraulichen Briefe aus: ,,Was ich von der Geschichte des armen Werthers nur habe
auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammelt und lege es euch hier vor [...]."12
Dadurch entsteht die Fiktion, dass der Leser direkt mit den Aufzeichnungen des
Protagonisten konfrontiert wird.
2.2. Der Erzähler
Wie aus den obigen Ausführungen hervorgeht, eignet sich der Briefroman gut, um
den Gemütszustand der beteiligten Personen unmittelbar darzustellen. Die
Gefühlsregungen der Protagonisten können unreflektiert weitergegeben werden, und
so erhält der Leser Einblicke in deren intimste Angelegenheiten. Dadurch wird er
schnell zum Vertrauten der Romangestalten, die ihm scheinbar das Geschehen
direkt und nur aus ihrer eigenen Sicht mitteilen.
Diese Subjektivität wird in Goethes Roman zugespitzt: Es handelt sich beim
,,Werther" um einen
mono
perspektivischen Briefroman (vgl. Kap. 2.1.), in dem
lediglich die Hauptfigur ihre Eindrücke als homodiegetischer Erzähler schildert.13 Das
9 Engel, Ingrid:
Werther und die Wertheriaden. Ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte.
St. Ingbert 1986,
S. 43.
10 Vgl. Flaschka, Horst:
Goethes ,Werther′. Werkkontextuelle Deskription und Analyse.
München 1987,
S. 184.
11 Ebd.
12 ,,Werther" (B) (Vorwort), S. 7.
13 Vgl. Martinez, Matias / Scheffel, Michael:
Einführung in die Erzähltheorie.
München 2003 (4. Aufl.),
S. 86. Wenn sich an späterer Stelle der fiktive Herausgeber der Briefe zu Wort meldet und
über
Werther spricht, so liegt ein heterodiegetischer Erzähler vor. Als Redakteur und Kommentator
übernimmt er die Rolle eines Rahmenerzählers auf erster Ebene, die als extra-diegetisch bezeichnet
wird. Werthers Briefe sind demnach eine Erzählung innerhalb der Erzählung, die auf einer zweiten,
intradiegetischen, Ebene liegt. Demzufolge existiert im ,,Werther" zuerst ein intradiegetisch-
homodiegetischer Erzähler, der aber durch das ,Ein-schalten′ des fiktiven Herausgebers zum
extradiegetisch-heterodiegetischen Erzähler wird.
6
Comments
No comments yet
Other users also were interested in the following titles:
'Bloß ein dummes malendes Frauenzimmer'? Zur Bedeutung von Weiblichkeit und weiblicher Künstlerschaft in Thomas Manns frühen Erzählungen
Author: Anne-Christin SieversGerman Studies - Modern German Literature, 2006 Download as PDF-file for 14,99 EUR
Arthur Schnitzler: Frau Beate und ihr Sohn - Vergleich mit Thomas Mann: Der Tod in Venedig
Author: Julia HahnGerman Studies - Modern German Literature, 2003 Download as PDF-file for 4,99 EUR
Der Künstler als Lebensform im Frühwerk Thomas Manns am Beispiel "Der Tod in Venedig"
Author: Marko RosteckGerman Studies - Modern German Literature, 2005 Download as PDF-file for 7,99 EUR
Büchners LENZ: eine Analyse seiner geistigen Krankheit
Author: Paola BertolinoGerman Studies - Literature of History, Eras, 2002 Download as PDF-file for 2,99 EUR
Die Darstellung der Schizophrenie in Georg Büchners "Lenz"-Erzählung und deren Zusammenhang mit dem im Text entfalteten Natur- und Menschenbild
Author: Melanie FeurleGerman Studies - Modern German Literature, 2002 Download as PDF-file for 8,99 EUR
This text can be quoted and accessed from this url: