Text

Mittrauern - eine Form öffentlicher Trauer

Hauptseminararbeit,  2004, 40 Seiten
Preis: 12,99 EUR (E-Book), 17,99 EUR (Buch)
Keine Kommentare, Kommentar schreiben

Details zum Text

Beschreibung

Archivnummer:
V118550
ISBN (E-Book):
978-3-640-21330-6
ISBN (Buch):
978-3-640-21332-0
DOI:
10.3239/9783640213306
Dateigröße:
309 KB

Kategorie:
Hauptseminararbeit
Jahr:
2004
Seiten:
40
Bibliografie:
~ 29   Einträge
Note:
6 von 6
Sprache:
Deutsch

Schlagworte:

Zusammenfassung / Abstract

Die Arbeit geht der Frage nach, warum immer mehr Menschen in der Öffentlichkeit und zu Hause vor dem Fernseher um Verstorbene weinen, die sie vor deren Tod nicht persönlich gekannt hatten. Diese Menschen werden „Mittrauernde“ genannt. Die Einführung eines neuen Begriffs ermöglicht eine Abgrenzung der Mittrauernden von denjenigen Trauernden, die eine nahe stehende Person verloren haben. Es handelt sich um eine Literaturarbeit, wobei festzuhalten ist, dass das Mittrauern in der Fachliteratur noch kaum beschrieben ist. Viele Menschen haben eine grosse Unsicherheit gegenüber Tod und Trauer und blenden den eigenen Tod aus ihrem Leben aus. Vom Tod ihnen fremder Personen hingegen lassen sie sich in Bann ziehen. Das Mittrauern könnte für sie eine Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit den Themen Tod und Trauer sein, eine Auseinandersetzung auf gewisse Distanz. Es wird ausgeführt, dass die Massenmedien beim Entstehen von Mittrauer eine wichtige Rolle spielen: Sie berichten zunehmen über emotionale Themen wie zum Beispiel Katastrophen, Tod und Trauer. Abschliessende Aussagen zu den Beweggründen von Mittrauernden und zu ihren Emotionen lassen sich nicht machen, da es bisher keine empirischen Untersuchungen von Mittrauernde gibt.

Textauszug (computergeneriert)

Seite 2
1. Studienarbeit
an der Hochschule für Angewandte Psychologie
Mittrauern ­ eine Form öffentlicher Trauer
Trix Angst
Vertiefungsrichtung Arbeits- und Organisationspsychologie
Zürich, September 2004
HAP
Hochschule für angewandte Psychologie
Minervastrasse 30, Postfach, 8032 Zürich
Zürcher Fachhochschule

Seite 3
1
V
ORWORT
Während meiner Tätigkeit als Zeitungs- und Fernsehjournalistin war ich immer wieder mit
Tod und Trauer als Nachrichten-Themen konfrontiert. Ich habe 1997 die weltweite Trauer
um Prinzessin Diana und 2000 die schweizweite Trauer um den Kickboxer Andy Hug journa-
listisch miterlebt. Über den Swissair-Absturz 1998 in Halifax und das Attentat im Kantonspar-
lament von Zug 2001 habe ich selber berichtet. Dabei standen die Fragen nach der Art und
Weise sowie nach dem Umfang der Berichterstattung im Zentrum meiner journalistischen
Aufmerksamkeit und derjenigen meiner Berufskolleginnen und -kollegen. Auch die Ursachen
für diese Ereignisse sowie deren Auswirkungen auf die Hinterbliebenen waren Gegenstand
der Medienberichterstattung.
Privat haben mich im Zusammenhang mit den erwähnten Ereignissen immer auch ganz ande-
re Fragen beschäftigt:
Wie kommt es, dass Menschen zu hunderten und zu tausenden an Abdankungsfeiern teilneh-
men und an Unfallorte reisen, um dort Blumen niederzulegen und Kerzen anzuzünden für
Verstorbene, die sie nicht persönlich gekannt hatten?
Warum es zu derartigen Gefühlsausbrüchen, wie man sie zum Beispiel rund um die Trauerfei-
erlichkeiten für Prinzessin Diana mitverfolgen konnten?
Was bewegt diese Menschen dazu, in aller Öffentlichkeit oder auch bei sich zu Hause vor dem
Fernseher über ihnen persönlich nicht bekannte Opfer zu weinen und zu trauern?
Im Rahmen dieser ersten Studienarbeit bot sich mir die Möglichkeit, diesen Fragen nachzuge-
hen. Es ist, wie sich bald heraus stellte, ein noch weitgehend unerforschtes Thema. Trotzdem
will ich versuchen, einen Überblick über mögliche Erklärungsansätze für diese relativ neue
Form der öffentlichen Trauer zu geben.

Seite 4
2
I
NHALTSVERZEICHNIS
I
NHALTSVERZEICHNIS
.......................................................................................................... 2
1.
E
INLEITUNG
.................................................................................................................. 3
2.
G
RUNDSÄTZLICHE
A
SPEKTE ZU
T
OD UND
T
RAUER
...................................................... 5
2.1.
Individuelle Trauer.......................................................................................................7
2.1.1.
Trauerarbeit
......................................................................................................................................... 8
2.1.2.
Trauergemeinschaft
.......................................................................................................................... 9
2.2.
Kollektive Trauer ........................................................................................................ 10
3.
M
ITTRAUERN
...............................................................................................................12
3.1.
Die Rolle der Medien ................................................................................................. 13
3.1.1.
Infotainment
...................................................................................................................................... 14
3.1.2.
Emotionsgehalt von Nachrichten
.............................................................................................. 14
3.1.3.
Nähe und Distanz in den Medien
.............................................................................................. 16
3.1.4.
Medien verstärken Emotionen
.................................................................................................... 17
3.2.
Fallbeispiel ................................................................................................................. 17
3.3.
Weitere Erklärungen für das Mittrauern .................................................................... 19
3.3.1.
Mittrauern um berühmte Verstorbene
...................................................................................... 20
3.3.2.
Mittrauern um unbekannte Opfer
.............................................................................................. 23
3.3.3.
Stellvertretende Trauer
................................................................................................................... 24
4.
D
ISKUSSION
................................................................................................................. 25
5.
A
BSTRACT
.....................................................................................................................31
6.
L
ITERATURVERZEICHNIS
............................................................................................ 32
A
NHANG
.............................................................................................................................. 36

Seite 5
3
1.
E
INLEITUNG
Als im August 2000 der Schweizer Kickboxer Andy Hug in Japan an akuter Leukämie starb,
erfasste eine Welle der Bestürzung und der Trauer die Schweiz und ebbte erst nach der Ab-
dankungsfeier eine Woche später wieder langsam ab. Die Zeitungen berichteten täglich über
Andy Hugs Leben, sein Sterben und über die Frau und den kleinen Sohn, die er zurück liess;
zwei Schweizer Fernsehstationen übertrugen die Trauerfeier im Zürcher Grossmünster live.
So etwas hatte es in der Schweiz noch kaum je gegeben.
Drei Jahre zuvor, im August 1997, war Prinzessin Diana bei einem Autounfall in Paris ums
Leben gekommen. Die Abdankungsfeierlichkeiten haben schätzungsweise 2,5 bis 3 Milliarden
Fernsehzuschauer in 187 Ländern gesehen, zehntausende haben vor Dianas Wohnhaus in
London Blumen niedergelegt und geweint. Das Ausmass an öffentlicher Trauer setzte neue
Massstäbe.
Nach dem Attentat im Kantonsparlament von Zug, bei dem im September 2001 ein Amoktä-
ter 14 Personen und sich selber erschoss, trug die Schweiz Trauer. Die Menschen standen vor
den Kondolenzbüchern Schlange, vor dem Parlamentsgebäude lag wochenlang ein Blumen-
und Kerzenmeer.
Die drei Beispiele haben etwas gemeinsam: Die Menschen, die in emotionaler Aufgewühltheit
Blumen niederlegen und weinen, haben die Verstorbenen in aller Regel nicht persönlich ge-
kannt. Und trotzdem haben sie das Bedürfnis, ihrer Bestürzung und Traurigkeit öffentlich
Ausdruck zu geben. Sie gehören weder zu den Trauerfamilien noch zum Bekanntenkreis der
toten Personen und sind daher nicht direkt vom Verlust eines oder mehrer Menschen betrof-
fen. Diese Menschen werden im Rahmen dieser Studienarbeit ,,Mittrauernde" genannt. Die
Einführung dieses Begriffs ermöglicht eine Abgrenzung gegenüber denjenigen Trauernden,
die persönlich vom Tod einer ihnen nahe stehenden Person betroffen sind (Kapitel 2.1.), so-
wie gegenüber jenen, die direkt, gemeinsam und damit kollektiv von Verlusten, Katastrophen
oder Kriegen heimgesucht werden (Kapitel 2.2.).
Die Fragestellung, die dieser Studienarbeit zugrunde liegt, bezieht sich ausschliesslich auf die
Mittrauernden:

Seite 6
4
Was bewegt Menschen dazu, öffentlich um Verstorbene zu trauern und zu weinen, die sie vor
deren Tod nicht persönlich gekannt hatten?
Dabei wird von folgender Arbeitshypothese ausgegangen:
Je mehr die Menschen den eigenen Tod aus ihrem Leben ausblenden, desto mehr lassen sie
sich vom Tod ihnen fremder Menschen in Bann ziehen.
Die vorliegende Studienarbeit ist eine Literaturarbeit. Beim Mittrauern handelt es sich um ein
relativ neues Phänomen. Nach dem Tod von Prinzessin Diana beschäftigten sich verschiedene
Journalistinnen und Autoren in Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln mit dem wachsenden Mit-
trauer-Bedürfnis der Menschen. Etwas später suchten britische Psychologinnen und Psycho-
logen nach Erklärungen und publizierten ihre Aufsatzserie in der englischen Fachzeitschrift
,,The Psychologist". Umfassende quantitative und qualitative Erhebungen zum Mittrauern
fehlen bisher. Als bedeutsam für die vorliegende Arbeit erwiesen sich die erwähnten britischen
Aufsätze einerseits sowie das Buch ,,Trauer und Beziehung. Systemische und gesellschaftliche
Dimensionen der Verarbeitung von Verlusterlebnissen" von Hans Goldbrunner (1996) anderer-
seits.
Das an die Einleitung anschliessende Kapitel gibt einen Überblick über grundsätzliche Aspek-
te zu Tod und Trauer. Zwei Formen von Trauer werden dort unterschieden: die individuelle
und die kollektive. Diese beiden werden abgegrenzt gegen die Mittrauer, die sich bei Men-
schen zeigt, die von einem Todesfall zwar nicht direkt betroffenen sind, aber trotzdem in der
Öffentlichkeit oder zu Hause weinen. Dem Mittrauern ist das Kapitel 3 gewidmet. Es wird die
Rolle untersucht, die die Massenmedien beim Entstehen von Mittrauer spielen. Als Illustration
dient ein Fallbeispiel: Der ehemalige Chefredaktor der Zeitung ,,Blick" legt seine Überlegun-
gen und Strategien zur Berichterstattung über den Tod des Kickboxers Andy Hug dar. In der
Diskussion in Kapitel 4 geht es darum, die im Theorieteil gewonnenen Erkenntnisse kritisch
zu prüfen und Widersprüchen nachzugehen, sowie die in der Einleitung formulierte Arbeits-
hypothese zu überprüfen und zu diskutieren.

Seite 7
5
2.
G
RUNDSÄTZLICHE
A
SPEKTE ZU
T
OD UND
T
RAUER
In früheren Jahrhunderten haben die Menschen den Tod als gottgegeben oder als Schicksal
hingenommen. Die Verstorbenen wurden gewaschen und in Sonntagskleidern zu Hause auf-
gebahrt. Man stattete den Trauerfamilien Kondolenzbesuche ab und trug schwarz. Am Tag
der Beerdigung ging die Trauergemeinde zum Friedhof, zur Abdankung und anschliessend
zum Leichenmahl. Die Lebenden nahmen gemeinsam Abschied von den Toten.
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat sich mit der Individualisierung der Gesellschaft auch die
Einstellung zum Tod verändert. Heute sterben die meisten Menschen in Spitälern und Alters-
heimen. Bestattungsunternehmen kümmern sich professionell um die Toten. Der Tod ist aus
dem Alltag weitgehend verschwunden. Wer eine nahe stehende Person verliert, bleibt einige
Tage der Arbeit fern und wird bald wieder funktionsfähig zurück erwartet. Das führt zu einer
weit verbreiteten Angst vor dem eigenen Tod und vor dem Verlust einem nahe stehender
Personen. Wittkowski (1990) versteht diese Angst als ,,antizipierende Auseinandersetzung mit
der Bedrohung des Lebens ohne akute Gefährdung. Beispielsweise könnte der Tod eines An-
gehörigen das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit intensivieren und Angst vor dem eigenen
Tod und/oder dem eigenen Sterben auslösen" (S. 76).
Mehrere Autorinnen und Autoren kommen zum Schluss, dass viele Menschen Angst vor dem
Tod haben und deshalb die Gedanken daran verdrängen. Dazu Bellebaum (1992):
Der Tod ist sicherlich ein Problem für viele Lebende. Er wird zwar von manchen Menschen sehnlichst er-
wartet und die Lebensgestaltung auf ihn als den Übergang ins Paradies ausgerichtet. Diese Gesinnung
schliesst aber Angst vor dem Sterben und Furcht vor dem Tod keineswegs aus. Es gibt eine Verdrängung
des Todes auf der ,individuellen Ebene' infolge psychischer Abwehrmechanismen. Diese machen sich gege-
benenfalls umso stärker bemerkbar, je geringer die sozialen Absicherungen sind. Fasst man die Verdrängun-
gen auf der ,sozialen Ebene' ins Auge, dann ergibt ein - übrigens sehr umstrittener - Gesellschaftsvergleich
unter anderem: früher eher öffentliches, heute eher privat-vereinsamtes Sterben. (S. 142)
,,Verdrängung" ist ein psychoanalytischer Begriff und bezeichnet einen Abwehrmechanismus.
Abwehrstrategien sind unbewusste psychodynamische Prozesse. Ihre Aufgabe besteht darin,
die Funktionsfähigkeit des Individuums bei der Bewältigung der verschiedensten alltäglichen
Anforderungen (z.B. im Beruf und in der Familie) zu sichern. Generell wird die Funktionsfä-
higkeit einer Person in erster Linie durch überstarke Angst beeinträchtigt. Aufgabe und Ziel
von Abwehrstrategien ist die Reduktion der Angst (Wittkowski, 1990).

Seite 8
6
Die Begleitumstände von Tod und Sterben sind für viele Menschen bedrohlich. Deshalb ist es
auf den ersten Blick nachvollziehbar, wenn von einer ,,Verdrängung des Todes" gesprochen
wird. Doch hält dies auch einer genaueren Betrachtung stand? In der Psychoanalyse steht
,,Verdrängung" für einen unbewussten psychodynamischen Vorgang, der bewirkt, dass für
eine Person ein bestimmtes Ereignis gar nicht bewusstseinsfähig ist oder werden kann. Es ist
daher nicht auszuschliessen, dass einzelne Menschen den Tod verdrängen; weiter verbreitet
scheint es allerdings zu sein, dass Menschen alle Gedanken an das für sie bedrohliche Thema
Tod beiseite schieben und bewusst nicht daran denken. Wittkowski (1990) schlägt vor, für die-
sen Prozess den Begriff ,,Unterdrückung" zu verwenden. Denn im Gegensatz zur Verdrän-
gung ist die Unterdrückung bewusstseinsfähig, d.h. Personen können das Unterdrücken be-
wusst aufheben oder sie können retrospektiv darüber berichten. Andere Kritikerinnen und
Kritiker schlagen vor, anstatt von Verdrängung von der ,,Unsicherheit im Umgang mit dem
Tod" zu sprechen (Schäfer, 2003) oder von einem ,,Tabu", weil dieser Begriff eine weniger
starke Konnotation habe als ,,Verdrängung" (Nölle, 1997).
Bacqué (
1994, S. 44) geht noch einen Schritt weiter, wenn sie festhält: ,,Eigentlich glaubt nie-
mand an den eigenen Tod; im Unbewussten ist jeder von uns von der eigenen Unsterblichkeit
überzeugt." Sie meint, dass die Vorstellung vom eigenen Tod, dazu führe, den Tod als gesell-
schaftliche Grenze abzulehnen. Das mag auch eine Erklärung dafür sein, dass die Forschung
auf Hochtouren nach lebensverlängernden Medikamenten und Methoden sucht. In den USA
liessen sich bereits einige Dutzend Menschen in flüssigem Stickstoff tiefkühlen - in der Hoff-
nung, dass man sie in ferner Zukunft, wenn die entsprechenden Medikamente gefunden sein
sollten, wieder auftaue, sie auferstehen und weiter leben könnten (Hossli, 2003).
Andererseits ist seit einiger Zeit zu beobachten, dass Menschen wieder vermehrt bereit sind,
das Sterben anderer zu begleiten und damit auch die Trauer von Angehörigen auszuhalten. In
vielen Ländern sind Initiativen entstanden, die Sterben, Tod und Trauer als Bestandteil des
Lebens begreifen. Dazu gehören Hospizgruppen, Kurse zur Begleitung in Leid und Trauer
oder Fachgruppen für palliative Betreuung (Mettner, 2000).
Tod und Trauer sind oft behandelte und erforschte Themen in der psychologischen Fachlite-
ratur. Die meisten Publikationen verwenden den Begriff ,,Trauer" für die Individualtrauer, die

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar schreiben

Ihr Kommentar wird vor der Veröffentlichung redaktionell geprüft

Statistik

Dieses Diagramm zeigt die Besucher dieser Textvorschau (nicht die Verkäufe).

Gesamte Abrufe:

Einbetten

Kopieren Sie den folgenden Code, um die Flashansicht dieses Textes in Blogs oder Websites einzubetten.

Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:

DOI

Ein DOI (Digital Object Identifier) ist eine Art ISBN für Texte im Internet, der garantiert, dass ein Text auch nach einer Änderung der Internet-Adresse immer gefunden werden kann. Unter http://www.doi.org/ können Sie nach DOIs recherchieren.

GRIN Newsfeed

Lade Inhalt...