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Subtitle: Johan Huizingas Kritik an der Verfälschung der Geschichtswissenschaft Anfang des 20. Jahrhunderts
Termpaper, 2008, 15 Pages
Author: Ismail Durgut
Subject: History - Miscellaneous
Details
Tags: Geschichte, Wahrheit, Huizinga, Historismus, Johan, Kulturgeschichte, Geschichtstheorie, Geschichtsphilosophie, Geschichtsschreibung
Year: 2008
Pages: 15
Grade: 2.0
Bibliography: ~ 16 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-21873-8
ISBN (Book): 978-3-640-21886-8
File size: 145 KB
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Abstract
Einzig das völlig ehrliche Bedürfnis, die Vergangenheit so gut als möglich zu verstehen, ohne Beimischung eigenen Geistes, macht ein Werk zur Historie. Die Eingebung, die uns das Urteil fällen läßt, darf einzig getragen sein durch die unbedingte Überzeugung: so muß es gewesen sein. Der Methodenstreit der 1890er Jahre, der wegen der bis dahin von der Mehrheit vertretenen Meinung radikal abweichenden Geschichtsauffassung Karl Lamprechts entbrannt war, hatte im Bereich der Geschichtsforschung eine Zweiteilung der wissenschaftlichen Ansicht darüber, wie die historische Arbeit in Zukunft zu verrichten sei, zur Folge. Auf der einen Seite gab es die Anhänger der traditionellen Geschichtsschreibung, die seit Leopold von Ranke einen stärkeren Quellenbezug mit Drang zur Objektivität verlangten. Rankes Leitsatz, Geschichte zu schreiben „wie sie eigentlich gewesen“, sollte hierfür als Grundmotivation zur Forschung dienen. Zudem war Geschichtsschreibung bislang wegen Wissenschaftlern wie Treitschke stark politisch und national-geschichtlich orientiert. Auf der anderen Seite gab es Historiker, die es für notwendig hielten, das Aufgabenfeld der Geschichte zu erweitern. Lamprecht bot mit seiner naturwissenschaftlich-kulturgeschichtlichen Auffassung eine Alternative, die einen Nährboden für neue Zweige in der Geschichtswissenschaft bot. [...]
Excerpt (computer-generated)
Uni Duisburg-Essen
Campus Essen
Sommersemester 2008
Geschichte und Wahrheit1
:
Johan Huizingas Kritik an der Verfälschung der
Geschichtswissenschaft Anfang des 20. Jahrhunderts
1 Kurt Köster: Johan Huizinga. 1872 1945, Oberursel 1947, S. 4
1
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Verfälschung der Geschichtswissenschaft in drei ,,Formen" 5
2.1 Anpassung der Geschichtswissenschaft an die Soziologie 5
2.2 Historische Belletristik als ,,parfümierte Geschichte" 7
2.3 ,,Knechtschaft" der Geschichtswissenschaft 8
3. Die Aufgabe der Geschichtswissenschaft nach Huizinga 10
4. Zusammenfassung 11
5. Quellen und Literaturverzeichnis 13
2
1. Einleitung
Einzig das völlig ehrliche Bedürfnis, die Vergangenheit so gut als möglich zu verstehen,
ohne Beimischung eigenen Geistes, macht ein Werk zur Historie. Die Eingebung, die uns
das Urteil fällen läßt, darf einzig getragen sein durch die unbedingte Überzeugung: so muß
es gewesen sein.2
Der Methodenstreit der 1890er Jahre, der wegen der bis dahin von der Mehrheit
vertretenen Meinung radikal abweichenden Geschichtsauffassung Karl Lamprechts
entbrannt war, hatte im Bereich der Geschichtsforschung eine Zweiteilung der
wissenschaftlichen Ansicht darüber, wie die historische Arbeit in Zukunft zu verrichten
sei, zur Folge. Auf der einen Seite gab es die Anhänger der traditionellen
Geschichtsschreibung, die seit Leopold von Ranke einen stärkeren Quellenbezug mit
Drang zur Objektivität verlangten. Rankes Leitsatz, Geschichte zu schreiben ,,wie sie
eigentlich gewesen"3, sollte hierfür als Grundmotivation zur Forschung dienen. Zudem
war Geschichtsschreibung bislang wegen Wissenschaftlern wie Treitschke stark
politisch und national-geschichtlich orientiert. Auf der anderen Seite gab es Historiker,
die es für notwendig hielten, das Aufgabenfeld der Geschichte zu erweitern. Lamprecht
bot mit seiner naturwissenschaftlich-kulturgeschichtlichen Auffassung eine Alternative,
die einen Nährboden für neue Zweige in der Geschichtswissen-schaft bot.
Zweige wie Kulturgeschichte oder Wirtschafts- und Sozialgeschichte hatten
insbesondere in der Zwischenkriegszeit einen Auftrieb erfahren. Mit den
Annales
d′histoire sociale
gaben die Franzosen Marc Bloch und Lucien Febvre ein Werk heraus,
das die wissenschaftliche Methodik in Frankreich von Grund auf verändern sollte.4
Aber nicht nur in Europa, auch in den Vereinigten Staaten von Amerika wollte man
etwas Neues durch die Geschichtsschreibung bewirken. Eine Bewegung, die auf der
Columbia University in New York ins Leben geweckt wurde, war die
New History.5
In
Frankreich, den USA und in Italien erfuhr die Geschichtsforschung eine Annäherung
zur Soziologie, meist durch Soziologen, die Kultur- oder Sozialgeschichte betrieben.
Nicht nur Wissenschaftler interessierten sich an der Geschichtsschreibung, sondern auch
2 Johan Huizinga: Aufgaben der Kulturgeschichte, in: Wege der Kulturgeschichte. Studien von J.
Huizinga, München 1930, S. 7-77, S. 45.
3 Guntram Schulze-Wegener: Kriegsjahr 1944. Im Großen und im Kleinen, Stuttgart 1995, S. 7.
4 Philippe Ariès: Zeit und Geschichte, Frankfurt a. M. 1988, S. 239.
5 James Harvey Robinson: Encyclopædia Britannica 2008. Encyclopædia Britannica Online:
http://www.britannica.com/EBchecked/topic/505742/James-Harvey-Robinson (Letzter Abruf 21. 09.
2008).
3
die Allgemeinheit zeigte seit dem 19. Jahrhundert ein stetig steigendes Interesse an
historischen Büchern. Die hohen Verkaufszahlen an historischer Belletristik verleiteten
immer mehr Historiker zu einem eher literarischen und weniger kritischen Schreibstil.
Das Übel für die Geschichtsschreibung ging jedoch von der absichtlichen Verfälschung
der Geschichte für politische Zwecke aus, ganz besonders vom nationalsozialistischen
Regime im Deutschen Reich mit Werken wie
Der Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts
von Alfred Rosenberg.6
Vom 23. bis zum 27. Juli 1934 hielt Johan Huizinga vier Vorträge an der
Internationalen Sommer-Universität in Santander. Er sollte eine Bilanz über die
Entwicklung der Geschichte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts aufstellen.7
Huizingas vierter Vortrag ist in
Geschichte und Kultur
mit dem Titel
Der Wert der
Historie8
versehen. Dessen Inhalte lassen sich wie folgt gliedern: Einleitende Fragen
(S. 85-86), das Geschichtsbild in der modernen Gesellschaft (S. 86), Argumentation für
den Wert detaillierter Studien als Vorstudien (S. 87), der Gegensatz Historismus
Antihistorismus (S. 87-91), Aufgabe der Geschichtswissenschaft (S. 91-105).9 Der
letzte Gliederungspunkt bildet die Grundlage für diese Arbeit.
Johan Huizinga kritisierte zunächst die schematische Einteilung der
Geschichtswissenschaft in Ernst Bernheims
Lehrbuch der Historischen Methode und
der Geschichtsphilosophie10
, die eine Entwicklung von einer ,,referierenden"
Geschichte, über eine ,,lehrhafte", zu einer ,,entwickelnden" Geschichte darstellt. Die
Kritik Huizingas war die Trennung dieser Begriffe voneinander. Für ihn bildeten diese
Begriffe drei ,,Momente" der Geschichte, die immer zuträfen, und Anfang des 20.
Jahrhunderts eine ,,Übertreibung" in drei ,,Formen" erfahren hatten.11
Die folgende Arbeit soll die Verfälschung der Geschichtswissenschaft Anfang
des 20. Jahrhunderts anhand Johan Huizingas Vortrag über den ,,Wert der Historie", den
er vermeintlich am 27. Juli 1934 an der Internationalen Sommer-Universität in
Santander hielt, darstellen. Als Quelle für Huizingas Vortrag wird im Folgenden die
6 Günther Franz: Das Geschichtsbild des Nationalsozialismus und die deutsche Geschichts-wissenschaft,
in: Geschichte und Geschichtsbewußtsein, Göttingen/Zürich 1981, S. 91-111, S. 93.
7 Johan Huizinga: Geschichte und Kultur, Stuttgart 1954, S. 18 f.
8
Der Wert der Historie
bildet das vierte Kapitel in ,,Vier Kapitel über die Entwicklung der Geschichte"
aus dem Sammelwerk
Geschichte und Kultur
, herausgegeben von Kurt Köster.
9 Huizinga (1954), Kultur, S. 85-105.
10 Ernst Bernheim: Lehrbuch der Historischen Methode und der Geschichtsphilosophie. Mit Nachweis der
wichtigsten Quellen und Hilfsmittel zum Studium der Geschichte, Leipzig 1903.
11 Johan Huizinga: Der Wert der Historie, in: Geschichte und Kultur. Gesammelte Aufsätze, Stuttgart
1954, S. 85-105, S. 91.
4
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