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Bedeutung, Wirklichkeit, Kommunikation - Erkenntnistheorie, Konstruktivismus und Sprachkritik - Versuch einer Synthese

Seminararbeit, 1996, 33 Seiten
Autor: Jana Kullick
Fach: Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Details

Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 1996
Seiten: 33
Note: 1
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V11858
ISBN (E-Book): 978-3-638-17905-8

Dateigröße: 367 KB


Textauszug (computergeneriert)

Bedeutung, Wirklichkeit, Kommunikation.
Erkenntnistheorie, Konstruktivismus und Sprachkritik

von Jana Haase

 

INHALTSVERZEICHNIS

1 Vorbetrachtung: 
Zeichentheorien und Sprachkritik  4

2 Abbildtheorie  4

3 Bekleidungstheorie  7

4 Gebrauchstheorie der Bedeutung  9

4.1 Kritik der Gebrauchstheorie 
aus Sicht des Konstruktivismus 10

5 Erkenntnis und Konstruktivismus  12

5.1 Das Problem der Erkenntnis  12
5.2 Konstruktivismus und Transzendentalphilosophie  16
5.3 Abbildung durch Adaption?  19
5.4 Zusammenfassung 20

6 Sprachkritische Relevanz  22

6.1 Abbildtheoretische Argumentationsstrategie  22
6.2 Bekleidungstheoretische Argumentationsstrategie  23
6.3 Der Sprache-Denken-Dualismus 25
6.4 Schlußbemerkung  27

7 Literaturverzeichnis 29

 

1 Vorbetrachtung: Zeichentheorien und Sprachkritik

Diese Arbeit hat das Ziel, die verschiedenen Formen (politischer) Sprachkritik auf Grundlage ihres theoretischen Fundaments zu hinterfragen und anhand von Textmaterial zum ′Semantikkampf′′typische′ Argumentationsmuster herauszuarbeiten. Da sich sprachkritische Argumentationsstrategien mehr oder weniger explizit auf unterschiedliche Zeichentheorien stützen, halte ich es an dieser Stelle für angebracht, auf die wichtigsten von ihnen in Form einer allgemeinen Übersicht einzugehen, ihre Vor- und Nachteile darzulegen sowie jeweils Rückschlüsse auf die von ihnen abgeleitete ′Spielart′ der Sprachkritik zu ziehen. Weiterhin werde ich erkenntnistheoretische Aspekte in meine Arbeit einfließen lassen, da die Beantwortung der Frage nach dem ′Charakter′ von Zeichen, bzw. von Wortbedeutungen, eng mit dem jeweils eingenommen erkenntnistheoretischen Standpunkt verwoben ist, und die entwickelten Zeichentheorien ohne Kenntnis desselben nicht angemessen eingeordnet werden können. Abbildtheoretische Zeichentheorien1 basieren grundsätzlich auf drei Annahmen: (1)Es existiert (unabhängig von menschlicher Wahrnehmung2) eine objektive Wirklichkeit. (2)Diese Wirklichkeit ist durch den Menschen erkennbar, d.h., menschliche Wahrnehmungsdaten liefern unmittelbar Information über die tatsächliche Realität. Und (3) die Erkenntnisse, die der Mensch auf Grundlage dieser Wahrnehmungsdaten erlangt, stehen in einem direkten Abbildverhältnis zur ′Welt-ansich′. Diese eigentlich erkenntnistheoretischen (und anzweifelbaren- vgl. Kapitel 5) Prämissen bilden das Fundament einer Theorie, die erklären soll, durch welche Eigenschaften es Wörter vermögen, für Dinge in der Wirklichkeit zu stehen3, d.h., zu erläutern, wie es gelingt, mit Wörtern über (scheinbar) objektiv gegebene Tatsachen zu kommunizieren. Die Frage, die es zu beantworten gilt, ist: welche Kriterien ein Wort erfüllen muß, damit ein Hörer verstehen kann, was der Sprecher4 aussagen will?

Die Antwortmöglichkeit, die im "Kratylos"-Dialog angeboten wird, hat zum Inhalt, daß die Wörter selbst schon Strukturen der Wirklichkeit enthalten. Worte stehen nach dieser Theorie in einem mimetischen Abbildverhältnis zur Realität und können daher an deren Stelle gebraucht werden. Der Hörer versteht demnach deshalb die Sprecheräußerung, weil die Relation Wort-Realität eindeutig und somit jedem Sprachteilnehmer gleichermaßen zugänglich ist. Als entscheidend ist hier festzuhalten, daß es die Eigenschaften der Wörter und nicht die Verwendungsweisen des Wortes durch den Sprecher sind, die dem Wort Bedeutung verleihen.

Natürlich steht es außer Zweifel, daß sich die Bedeutung von Wörtern wie dreizehn aus den Bestandteilen drei und zehn zusammensetzen (und damit auch in gewissem Umfang zurückführen) läßt. Das besagt allerdings nur, daß Komposita sekundär motiviert sein können und impliziert keineswegs, daß auch für drei oder zehn der Aspekt der Motiviertheit zutrifft. Weiterhin läßt sich nicht schlüssig erklären, welchem realen (nicht sprachlichen) Äquivalent die Begriffe drei oder zehn - die selbst abstrakte Konstrukte sind - entsprechen sollen und wie sie demzufolge überhaupt verstanden werden können. Will man also auf Grundlage der Abbildtheorie ein Wort beurteilen, d.h., eine Aussage über dessen Richtigkeit bzw. Falschheit treffen5, so muß man sich am Grad der Übereinstimmung von Wort und Realität orientieren6. Dabei wird übersehen, daß Verifizierungs- bzw. Falsifizierungskriterien bestenfalls einen Maßstab für Propositionen bieten7 (wenn man an dieser Stelle außer acht lassen will, daß auch die Bestimmung von ′wahr′ oder ′falsch′ allein auf sozialen Konventionen beruht, und daher keinen verläßlichen Indikator darstellt):

[...]


1 Ich beziehe mich im folgenden vor allem auf Platons „Kratylos“; bzw. auf dessen Erörterung in Keller, 1995.

2 Die Abbildtheorie setzt voraus, „daß das Objekt der Erkenntnis nicht vom erkennenden Subjekt erzeugt wird, sondern getrennt und unabhängig vom erkennenden Subjekt besteht“(Ulfig 1993, 7).

3 Ich verwende bereits an dieser Stelle den von Umberto Eco entwickelten (auf Peirce und Morris rückführbaren) Zeichenbegriff, um im Verlauf meiner Darlegungen auf die Differenzen zur Abbildtheorie verweisen zu können. Eco (Eco 1989, 27) definiert ein Zeichen, zu denen auch die sprachlichen zählen, wie folgt: „Ich möchte vorschlagen, alles Zeichen zu nennen, was aufgrund einer vorher festgelegten sozialen Konvention als etwas aufgefaßt werden kann, das für etwas anderes steht“ (Hervorhebung im Original).

4 Ich gebrauche Hörer und Sprecher in der allgemeinsten Verwendungsweise, nämlich im Sinne von Sender und Empfänger. Kommunikation erfolgt natürlich nicht nur mittels von Sprache und beide Positionen wechseln ständig im Verlauf der Interaktion.

5 Hauptsächlich dieser Aspekt ist von seiten der normativen Sprachkritik zur Diffamierung des jeweilig politischen Gegners verwendet worden: Nur wer im Besitz der ′wahren Wortbedeutung′ ist, kann seinem Opponenten vorwerfen, die Wörter falsch zu verwenden (vgl. Kapitel 6).

6 „Eine Aussage ist nach dieser Theorie nur dann wahr, wenn sie mit dem zu erkennenden Sachverhalt übereinstimmt“ (Ulfig 1993, 7)

7 Wenn wir nun aber eine auf die Kommunikation rekurrierende Bedeutungstheorie entwickeln wollen, müssen wir uns dann nicht eher auf die Bedeutungen von Sätzen anstatt auf die von Wörtern konzentrieren? Wenn jemand bloß einen Teil eines Satzes, als welcher ein Wort gewöhnlich zu gelten hat, äußert, welche kommunikative Funktion hat dies? Im allgemeinen wohl so gut wie keine. Angenommen ich sage einfach ‘Pferd’. Ist damit irgend etwas kommuniziert worden? Es bedarf im allgemeinen eines ganzen Satzes, damit etwas übermittelt wird. Die kleinste Kommunikationseinheit ist ein Satz“ (Armstrong in Meggle 1993, 113) (Hervorhebung im Original).


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