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Untertitel: Bd. IV: Der Garten Eden und Parmenides
Fachbuch, 2008, 44 Seiten
Autor: Prof. Dr. Günter Kröber
Fach: Mathematik - Sonstiges
Details
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Zusammenfassung / Abstract
Ababa saß grübelnd im Schatten. Sie liebte diesen Platz unter dem dichten Blätterdach, das ihr Schutz vor Sonne und Regen gleichermaßen bot. Den Ort umgab zudem, wie alles in Palindromien, ein Zauber. Der Baum war von besonderer Art. Weder Gott noch irgendeiner der Menschen hatten ihn gesetzt und wachsen lassen. Er wuchs aus ihr selbst heraus! Sie selbst war Teil von ihm! Seine Wurzeln waren auch die ihren; sie entspross ihnen, wie der ganze Baum ihr entspross. Denn er war ein Zahlenbaum, und sie selbst war eine Zahl. Nicht irgendeine allerdings. Ababa war stolz, auf eine ganz besondere Weise gebaut zu sein. Sie war eine vierstellige Zahlensequenz und legte Wert darauf, nicht an ein bestimmtes Zahlensystem gebunden zu sein. Natürlich musste sie sich, wenn sie öffentlich auftrat, entscheiden, welchem Zahlensystem zu welcher Basis sie angehören wollte, dem Zehnersystem zur Basis 10, dem binären System zur Basis 2, oder welchem auch immer zur Basis b. Doch behielt sie sich vor, mit welcher Zahl a aus dem System zur Basis b sie ihre erste Stelle besetzen wollte. Hatte sie aber ein bestimmtes a gewählt, so sollte an der zweiten Stelle ein (a – 1) stehen. Die beiden anderen Stellen besetzte sie dann mit (b–a) als letzte und mit (b – a - 1) als vorletzte. Wäre sie steckbrieflich gesucht worden, so erschiene ihr Bild als a(a – 1)(b – a – 1)(b – a) an den Litfasssäulen. An den Werktagen, wenn sie ihren alltäglichen Verrichtungen nachging, wählte sie als a meist eine Eins, so dass man sie in den palindromischen Gefilden gewöhnlich als 10(b – 2)(b – 1) sehen konnte. Es wurde gemunkelt, sie zeige sich in dieser Gestalt aus purer Eitelkeit, weil 0 und 1 die beiden einzigen Zahlen sind, die in jedem Zahlensystem vorkommen, während (b – 2) und (b – 1) die beiden letzten im System zur Basis b sind. Der Baum, dessen Teil sie selbst war, wuchs im Zehnersystem; so hatte sie die Gestalt 1089. [...]
Textauszug (computergeneriert)
Günter Kröber
Ababa von Palindromien
Leben und Ansichten einer berühmten Zahl,
in Wort und Bild aufgezeichnet von einem ihrer Verehrer
Bd. IV. Der Garten Eden und Parmenides
2
Inhalt
1. Der Baum
2. Der Garten Eden.
Paradieszahlen
3. Der subtraktive Distrikt.
Perioden
4. Der subtraktive Distrikt.
Parmenides-Zahlen
5. Sein und Nichtsein.
3
1. Der Baum
Ababa saß grübelnd im Schatten. Sie liebte diesen Platz unter dem dichten
Blätterdach, das ihr Schutz vor Sonne und Regen gleichermaßen bot. Den Ort
umgab zudem, wie alles in Palindromien, ein Zauber. Der Baum war von
besonderer Art. Weder Gott noch irgendeiner der Menschen hatten ihn gesetzt
und wachsen lassen. Er wuchs aus ihr selbst heraus! Sie selbst war Teil von ihm!
Seine Wurzeln waren auch die ihren; sie entspross ihnen, wie der ganze Baum
ihr entspross.
Denn er war ein Zahlenbaum, und sie selbst war eine Zahl. Nicht irgendeine
allerdings. Ababa war stolz, auf eine ganz besondere Weise gebaut zu sein.
Sie war eine vierstellige Zahlensequenz und legte Wert darauf, nicht an ein
bestimmtes Zahlensystem gebunden zu sein. Natürlich musste sie sich, wenn sie
öffentlich auftrat, entscheiden, welchem Zahlensystem zu welcher Basis sie
angehören wollte, dem Zehnersystem zur Basis 10, dem binären System zur
Basis 2, oder welchem auch immer zur Basis b. Doch behielt sie sich vor, mit
welcher Zahl a aus dem System zur Basis b sie ihre erste Stelle besetzen wollte.
Hatte sie aber ein bestimmtes a gewählt, so sollte an der zweiten Stelle ein (a
1) stehen. Die beiden anderen Stellen besetzte sie dann mit (ba) als letzte
und mit (b a - 1) als vorletzte. Wäre sie steckbrieflich gesucht worden, so
erschiene ihr Bild als a(a 1)(b a 1)(b a) an den Litfasssäulen. An den
Werktagen, wenn sie ihren alltäglichen Verrichtungen nachging, wählte sie als a
meist eine Eins, so dass man sie in den palindromischen Gefilden gewöhnlich
als 10(b 2)(b 1) sehen konnte. Es wurde gemunkelt, sie zeige sich in dieser
Gestalt aus purer Eitelkeit, weil 0 und 1 die beiden einzigen Zahlen sind, die in
jedem Zahlensystem vorkommen, während (b 2) und (b 1) die beiden letzten
im System zur Basis b sind.
Der Baum, dessen Teil sie selbst war, wuchs im Zehnersystem; so hatte sie die
Gestalt 1089.
In Palindromien ging das Gerücht, sie sei einst eine Prinzessin gewesen, um
deren Hand sich viele Freier beworben hatten. Einer derselben soll sie
kurzerhand entführt haben und sie durch ein Meer schwarzer Nullen einen
leuchtenden Pfad habe entlang gehen lassen, der sie an ein fernes Gestade
gebracht habe. Dort habe sie neue Freunde gefunden und sei in Paris zu einer
gefeierten Eistänzerin aufgestiegen. Doch der Erfolg soll ihr dermaßen zu Kopf
gestiegen sein, dass sie von ihren Freunden Leistungen verlangte, die diese nicht
zu erbringen vermochten, so dass ihnen nur blieb, sich von Ababa zu trennen,
indem sie die Diva bei einem ihrer gewagten Auftritte ins Chaos stürzen ließen.
4
Ihrer Karriere als Künstlerin war damit ein Ende gesetzt, nicht aber ihrem
Sehnen nach Öffentlichkeit und nach Beifall des Publikums. Nach Jahren eines
bescheidenen und zurückgezogenen Lebens soll sie sich schließlich wieder
aufgerafft und ihre Aktivität darauf gerichtet haben, in Palindromien ein
Palfigurenkabinett nach dem Vorbild des Londoner Wachsfigurenkabinetts der
Madame Tussauds zu errichten. Das Kabinett gehört heute zu den
empfehlenswertesten Sehenswürdigkeiten Palindromiens. Verwaltet und geleitet
wird es jedoch nicht von Ababa. Man sagt, sie habe das Gebäude mit allen
Schätzen, die es beherbergt, als Hochzeitsgeschenk an ein junges Paar
übergeben, das ihr beim Aufbau des Kabinetts behilflich gewesen war. Seitdem
hat sie sich erneut in die Einsamkeit zurückgezogen. Freunde, die sie hin und
wieder besuchen, berichten, sie habe sich der Philosophie ergeben, und ihr
Denken kreise in letzter Zeit häufig um das Thema ,,Leben und Tod, Sein oder
Nichtsein".
Ihren Namen hatte Ababa von ihrer Struktur. Hebt man nur die Buchstaben
a
und
b
in der Abfolge, wie sie in der vierstelligen Sequenz vorkommen, hervor
und fasst die beiden ersten
a
zu einem einzigen zusammen, so ergibt sich:
Ababa.
Immer, wenn sie über Gott und die Welt nachdachte, zog es sie zu dem Baume
hin. Da sie selbst Teil von ihm war, empfand sie sein Werden und Vergehen
nicht als ein äußeres Geschehen, sondern als inneres Erleben. Die Verwandlung
war seit jeher ein Grundelement ihrer Existenz. Es gehörte in Palindromien zur
guten Sitte und war seit urdenklichen Zeiten eine streng gewahrte Tradition,
dass man als Zahl sich umkehren und sich mit seiner Umkehrung verknüpfen
musste, indem man sich zu ihr addierte oder sich voneinander subtrahierte.
Diese erstaunliche Fähigkeit war auch Ababa in die Wiege gelegt worden. Ihre
späteren Tanzmeister hatten sie stetig vervollkommnet. Nun sann sie darüber
nach, auf welche ganz verschiedene Art und Weise diese Umkehrung zustande
kommen könne. Nachdenklich betrachtete sie ein Photo, das sie und achtzig
ihrer Verwandten, in Reih und Glied geordnet, zeigte (Abb. 1). Die Verwandten
waren sogenannte Mutuanten; sie unterschieden sich von ihr dadurch, daß, wenn
ihre erste Ziffer um einen bestimmten Betrag wuchs, so ihre letzte Ziffer sich
um denselben Betrag verminderte, und umgekehrt. Analoges galt für ihren
zweiten und dritten Bestandteil.
Auf dem Photo bildete sie selbst in der linken oberen Ecke den Anfang; über
achtzig mögliche Umwandlungen hinweg erschien sie dann in der rechten
unteren Ecke als ihre eigene Umkehrung. Ihr Blick glitt die Spalten entlang und
verfolgte, wie in jeder von ihnen aus Eins über acht Stufen hinweg Neun und
aus Neun Eins wurde. Entlang der Zeilen aber wuchs die Null bis zur Acht, und
die Acht verminderte sich bis zur Null. Jede ihrer Mutuanten unterschied sich
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1089 1179 1269 1359
1449
1539
1629
1719
1809
2088 2178
2268
2358
2448
2538
2628
2718
2808
3087 3177
3267
3357
3447
3537
3627
3717
3807
4086 4176
4266
4356
4446
4536
4626
4716
4806
5085 5175
5265
5355
5445
5535
5625
5715
5805
6084 6174
6264
6354
6444
6534
6624
6714
6804
7083 7173
7263
7353
7443
7533
7623
7713
7803
8082 8172
8262
8352
8442
8532
8622
8712
8802
9081 9171
9261
9351
9441
9531
9621
9711
9801
Abb. 1. Ababas Mutuantenensemble.
somit von jeder anderen. Ihre gemeinsame Verwandtschaft äußerte sich jedoch
darin, dass die Summe aus Mutuante und Umkehrmutuante immer 10890 ergab.
Die 10890 war sozusagen ein neuer Trieb am Baum, der aus ihr oder einer
anderen ihrer Mutuanten heraus wuchs. Und ihm entspross abermals ein neuer,
denn 10890 + 09801 brachte 20691 hervor.
Sie blinzelte nach oben, wo das dichte Geäst ein kleines Stück des Himmels
preisgab, und ließ ihren Blick dann wieder dem weitverzweigten Wurzelwerk
folgen, welches das Erdreich durchzog.
,,Ein Baum wie jeder andere im Himmel und auf Erden", glaubte sie zu wissen.
,,Wurzeln, Stamm, Geäst mit Zweigen, Blättern, Blüten und Früchten."
Von eben dieser Art waren der Baum der Lebens und der Baum der Erkenntnis
des Guten und Bösen gewesen, die Gott der Herr einst in dem Garten Eden hatte
aufwachsen lassen. Und auch alle Bäume auf der Erde zeigten diese Struktur, ob
Eiche oder Buche, Linde oder Pappel, Kastanie oder Platane, Tanne oder Fichte
oder welche auch immer.
Dieser hier war aber doch irgendwie anders. Gewiss, auch er hatte Wurzeln,
einen Stamm und reiches Geäst. Doch er war ein Zahlenbaum. Und er wuchs
weder im Himmel noch irgendwo auf Erden, sondern in den palindromischen
Gefilden.
Die Art, wie man hier Nachkommen erzeugte, unterschied sich gründlich von
der Art, die bei den Menschen üblich ist. Wohl bedarf es auch zweier Zahlen,
aus deren Vereinigung eine neue entsteht, aber von diesen beiden ist die eine nur
die Umkehrung der anderen. Die Zahl 123 kann sich bei Palindromisierung -
wie dieses Verfahren zur Erzeugung von Nachkommenschaft in den
palindromischen Gefilden genannt wird - nur mit 321 verbinden, und mit keiner
anderen. Dabei hat sie die Wahl, ob die Verbindung eine additive oder eine
subtraktive sein soll. Oder, wie die Palindromier zu sagen pflegen, ob sie nach
dem additiven oder nach dem subtraktiven Modus palindromisiert werden
6
möchte. Additiv palindromisiert ergibt die 123: 123 + 321 = 444; nach dem
subtraktiven Modus, bei dem immer die kleinere Zahl von der größeren
subtrahiert werden soll, entsteht: 321 123 = 198.
Es versteht sich, dass jeder palindromische Nachkomme seinerseits
Nachkommenschaft erzeugen kann. Dies wiederum haben die Bewohner
Palindromiens mit uns Menschen gemein.
Die palindromischen Gefilde sind in drei Bezirke unterteilt, je nachdem,
welchem Modus sie huldigen, dem rein additiven, dem rein subtraktiven oder
einem wie immer aus Plus und Minus kombinierten.
Der Baum, unter dem Ababa sich ihren Gedanken hingab, wuchs im additiven
Modus. Sie befand sich genau dort, wo Wurzelwerk und Stamm ineinander
übergehen.
Unter ihr gruben sich jene Zahlen in den Boden, die bei additiver
Palindromisierung auf sie, die 1089, führten.
,,198, 297, 396, 495, 594, 693, 792, 891" zählte Ababa sie ab. ,,Alles Mutuanten
der 198", bemerkte sie.
Doch, merkwürdig, von den meisten ging kein weiterer Wurzelspross nach
unten. Nur die 198 führte noch tiefer in das Erdreich hinein, auf die 99.
,,Die aber hat wieder, wie die 198 selbst, ein mutuantenhaft verzweigtes
Wurzelwerk", durchzuckte es Ababa. ,,Es reicht von der 18 bis zur 81."
Die letzte Stufe war erreicht, als die 9 sich als diejenige entpuppte, bei der die
Wurzel endete.
,,Eigentlich", befand Ababa, ,,genügt es, nur den einen Spross zu betrachten, der
von der 1089 über die 198, die 99 und die 18 bis zur 9 führt. Ihre Mutuanten
reichen nicht tiefer in die Erde hinein als sie selbst liegen. Die Mutuanten sind
zwar ebenfalls an der Erzeugung von Nachkommenschaft beteiligt, haben selbst
aber keine palindromischen Vorfahren. Auch bringen sie nichts anderes hervor
als die, welche noch tiefer reichen."
Sie hielt ihre Überlegung in Abb. 2 fest und blickte dann nach oben.
Über sich sah sie die 10890, die Summe aus ihr und ihrer Umkehrung. Sie
blickte hinauf und sie blickte herunter, und die nächste Überraschung ließ nicht
auf sich warten.
7
1089
198 297 396 495 594 693 792 891
99
18 27 36 45 54 63 72 81
9
Abb. 2. Ababas Wurzelwerk
Natürlich, das war ja klar, führte jede ihrer achtzig Mutuanten auf die 10890 da
droben. Doch unter ihnen gewahrte sie nur eine einzige, die ihrerseits einer noch
tiefer liegenden Ebene entsprang. Diese eine war das Palindrom 5445, der
absolute Mittelpunkt des Mutuantenensembles.
,,Und sie ist auch die einzige, die selbst wieder eine Vorgängerin hat, nämlich
1224 und deren Mutuanten", bemerkte Ababa sofort und machte sich folgende
Notiz, in der sie aber auf alle Mutuanten verzichtete (Abb. 3):
10890
1089 5445
198 1224
99
18
9
Abb. 3. Ababas und ihres Palindroms Verwurzelung mit dem ersten Blick nach
oben.
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