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Das Thema Tod in den Werken von Anne Sexton und Sylvia Plath

Magisterarbeit, 2001, 84 Seiten
Autor: Anonym
Fach: Amerikanistik - Komparatistik

Details

Kategorie: Magisterarbeit
Jahr: 2001
Seiten: 84
Note: 3
Literaturverzeichnis: ~ 27  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V118671
ISBN (E-Book): 978-3-640-21930-8
ISBN (Buch): 978-3-640-21945-2
Dateigröße: 351 KB

Zusammenfassung / Abstract

Sylvia Plaht und Anne Sexton waren zwei amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts, deren Lebenswege wie auch schriftstellerische Arbeiten Ähnlichkeiten aufweisen. Sie haben in ihrer Lyrik Themen aufgegriffen, die hauptsächlich um die Abgründe des Lebens kreisen und mit der Vielfalt des Todes verbunden werden. Wenn man in diesem Zusammenhang über den Tod spricht, muß man auch das Leben berücksichtigen, da in den Werken der Lyrikerinnen beides eng verbunden ist, wobei die abgündigen Aspekte des Lebens eine größere Rolle zu spielen scheinen. In der vorliegenden Arbeit sollen die Darstellungen des Todes in den Gedichten von Anne Sexton und Sylvia Plaht, und in Plaths Roman The Bell Jar analysiert werden, um zu verdeutlichen, wie sie den Tod umschrieben, was an ihren Beschreibungen des Todes ähnlich ist, und warum dieses Thema für die Dichterinnen von Bedeutung war. Sexton und Plaht schrieben über die Unerträglichkeit der Existenz, und über die Faszination des mystischen Unbekannten, zu dem der Tod gehört. In Sextons und Plaths Werken ist der Tod ein häufiges Thema; Sexton legte ihn offen dar, bei Plaht bildet er ein Rätsel. Die Lebensläufe beider Schriftstellerinnen weisen zudem erstaunliche Gemeinsamkeiten auf, was traumatische Erlebnisse in der Kindheit anbelangt, und daraus resultierende Schwierigkeiten im Erwachsenenalter. Wenn man die Biographien von Sexton und Plaht betrachtet, so stellt man fest, daß Todesfälle in den eigenen Familien einen Einfluß auf die Dichterinnen hatten. Diese Tode wurden auch in ihren Gedichten verarbeitet, wie das in Plaths Daddy der Fall ist, oder in Sextons The Truth the Dead Know. Anne Sextons Darstellungen des Todes verdeutlichen, daß dieser ein Teil des Lebens ist, die Banalität des Alltags wird hier zum Ausdruck gebracht. Das sinnlose Leben steht hier einem Tod gegenüber, der facettenreich ist, und der auf die Sprecherin der Gedichte eine reizvolle Wirkung hat, als daß sie sich eingehend mit ihm beschäftigt. Die verschiedenen „Gesichter“ des Todes sind auch bei Plaht ein wiederkehrendes Thema. Hier spielt der Suizid eine große Rolle. In dem Roman The Bell Jar wird über den Selbstmordversuch der weiblichen Hauptperson Esther Greenwood berichtet, die sich dem Leben gegenüber auflehnend verhält.


Textauszug (computergeneriert)

1

1. Einleitung 2
2. Die ,,Welt" des Todes 4
3. Verworrene Leben; Biographisches 12
3.1 Von der psychischen Krankheit in den Tod: Anne Sexton 12
3.2 Ehrgeiz und Zusammenbruch: Sylvia Plaht 17
4. Beschreibungen des Todes in Anne Sextons Gedichten 24
4.1 Der Tod der Eltern 24
4.2 Abtreibung 27
4.3 Der erlösende Tod, nach dem sie sich sehnt 30
4.4 Der sterbende Jesus 41
4.5 Sylvia´s Death 44
5. Leben 47
5.1 Vergangenheit und Familie 47
5.2 Wahn, Angst und Verbitterung 52
5.3 Träume 54
5.4 Frau sein 55
5.5 Mutter sein 57
5.6 Das Leben ertragen 59
5.7 Live 61
6. The Bell Jar 64
6.1 Die Glasglocke 65
6.2 Tod/ Suizid 66
6.3 Die Darstellung von Frauen in The Bell Jar 70
7. Der Tod als häufiges Thema in Sylvia Plaths Lyrik 72
7.1 Der Tod im Leben 72
7.2 Kadaver 73
7.3 Der Suizid 75
7.4 Des Vaters Tod 76
7.5 Wiedergeburt 77
8. Durch den Tod vereint: Sylvia Plaths und Anne Sextons Freundschaft 79
9. Fazit 81
10. Literatur 82

 


2

1. Einleitung
Sylvia Plaht und Anne Sexton waren zwei amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts, deren Lebenswege wie auch schriftstellerische Arbeiten Ähnlichkeiten aufweisen. Sie haben in ihrer Lyrik Themen aufgegriffen, die hauptsächlich um die Abgründe des Lebens kreisen und mit der Vielfalt des Todes verbunden werden.
Wenn man in diesem Zusammenhang über den Tod spricht, muß man auch das Leben berücksichtigen, da in den Werken der Lyrikerinnen beides eng verbunden ist, wobei die abgündigen Aspekte des Lebens eine größere Rolle zu spielen scheinen. In der vorliegenden Arbeit sollen die Darstellungen des Todes in den Gedichten von Anne Sexton und Sylvia Plaht, und in Plaths Roman The Bell Jar analysiert werden, um zu verdeutlichen, wie sie den Tod umschrieben, was an ihren Beschreibungen des Todes ähnlich ist, und warum dieses Thema für die Dichterinnen von Bedeutung war.
Sexton und Plaht schrieben über die Unerträglichkeit der Existenz, und über die Faszination des mystischen Unbekannten, zu dem der Tod gehört. In Sextons und Plaths Werken ist der Tod ein häufiges Thema; Sexton legte ihn offen dar, bei Plaht bildet er ein Rätsel. Die Lebensläufe beider Schriftstellerinnen weisen zudem erstaunliche Gemeinsamkeiten auf, was traumatische Erlebnisse in der Kindheit anbelangt, und daraus resultierende Schwierigkeiten im Erwachsenenalter. Wenn man die Biographien von Sexton und Plaht betrachtet, so stellt man fest, daß Todesfälle in den eigenen Familien einen Einfluß auf die Dichterinnen hatten. Diese Tode wurden auch in ihren Gedichten verarbeitet, wie das in Plaths Daddy der Fall ist, oder in Sextons The Truth the Dead Know.
Anne Sextons Darstellungen des Todes verdeutlichen, daß dieser ein Teil des Lebens ist, die Banalität des Alltags wird hier zum Ausdruck gebracht. Das sinnlose Leben steht hier einem Tod gegenüber, der facettenreich ist, und der auf die Sprecherin der Gedichte eine reizvolle Wirkung hat, als daß sie sich eingehend mit ihm beschäftigt. Die verschiedenen ,,Gesichter" des Todes sind auch bei Plaht ein wiederkehrendes Thema. Hier spielt der Suizid eine große Rolle. In dem Roman The Bell Jar wird über den Selbstmordversuch der weiblichen Hauptperson Esther Greenwood berichtet, die sich dem Leben gegenüber auflehnend verhält. Esther ist von den Abgründen des Lebens eingenommen, sie reagiert mit Vorliebe auf mystische Zusammenhänge als auf das, was einfach ist am Leben. So erzählt Esther

 


3

beispielsweise ausführlich darüber, welche Eindrücke sie hatte, als sie Leichname betrachtete. Über Kadaver wird auch in einem ihrer Gedichte, Two Views of a Cadaver Room, gesprochen. Der Suizid taucht in The Bell Jar, ebenso wie in Plaths Gedichten auf. In The Bell Jar basiert die Darstellung des Selbstmordversuchs auf tatsächlichen Begebenheiten aus Plaths Leben. Dieser Roman ist autobiographisch geprägt. Man kann davon ausgehen, daß 7Sextons Gedichte ebenfalls autobiographische Züge haben, wenn es um Umschreibungen von Todessehnsüchten und dem Wahn des Lebens geht. Erläuterungen der Lebensläufe der Lyrikerinnen verdeutlichen, daß ihr schriftstellerisches Tun mit einschneidenden Lebenserfahrungen und selbstzerstörerischen Tendenzen verbunden war.
Das Thema Tod in den Arbeiten von Sexton und Plaht weist Parallelen auf, was übertragene Bedeutungen und die Beschreibung der Vielfalt des Todes angeht. Eine Darstellung der Umschreibungen des Todes, wie sie von den beiden Schriftstellerinnen vorgenommen wurde, ist Gegenstand dieser Ausarbeitung. Die Frage, warum der Tod eine herausragende Rolle in den Werken der Lyrikerinnen gespielt hat, läßt sich aufgrund der Erläuterung der Biographien, der kritischen Beiträge zu diesem Thema, und der Analyse von Sextons und Plaths schriftstellerischen Arbeiten, beantworten.

 


4

2. Die ,,Welt" des Todes
Der Tod als Thema in von Frauen verfaßter Literatur hat Tradition. Schon Virginia Woolf schrieb in ihrem ersten Roman ,,Die Fahrt hinaus" (1915) über den mysteriösen Tod einer jungen Frau, die vier Wochen nach der Bekanntmachung ihrer Verlobung starb. 1 Einen weiteren Roman, ,,Mrs. Dalloway", nannte Woolf ,,eine Studie über den Wahnsinn & den Selbstmord, darüber, wie die Welt diese beiden Anschauungen nebeneinander stellt." 2 Somit stellt der Tod in Woolfs Romanen ein häufiges Thema dar. Auch in ihren Tagebucheintragungen setzte sich Woolf mit ihrem Todeswunsch auseinander. So heißt es in einem Eintrag vom 17. Februar 1922:
I meant to write about death, only life came breaking in as usual. I like, I see, to question people about death. I have taken it into my head that I shan´t live till 70. Suppose,, I said to myself the other day this pain over my heart suddenly wrung me out like a dish cloth & left me dead?-I was feeling sleepy, indifferent, & calm; & so thought it didn´t much matter, except for L. Then, some bird or light I daresay, or waking wider, set me off wishing to live on my own-wishing chiefly to walk along the river & look at things. 3
Aufgrund der eingehenden Beschäftigung mit dem Tod und dem Suizid wird der Sinn des Lebens in Frage gestellt. Das Wissen um die Endgültigkeit des Todes steht dem Lebensgenuß entgegen. Woolf verlor, ebenfalls wie Plaht und Sexton, schon früh einen Elternteil, die Mutter. Es folgte eine Krankheit, und schließlich der Tod der Halbschwester Stella Duckworth. Woolfs weiteres Leben war gekennzeichnet von psychischen Erkrankungen, Depressionen, einer tiefen Melancholie, und von Selbstmordversuchen. 4 Mit 59 Jahren beging Virginia Woolf den endgültigen Selbstmord.
In einem Tagebucheintrag vom 25. Februar 1957 drückte Sylvia Plaht ihre Anerkennung für Woolfs schriftstellerische Arbeiten aus. Sie schrieb ebenfalls, daß sie sich mit ihr durch das Leiden am Leben verbunden fühlte:

1 E. Bronfen, ,,Virginia Woolf-,,Ich wollte über den Tod schreiben, doch das Leben fiel über mich herein", in: ,,Nun breche ich in Stücke..." ;Leben, Schreiben, Suizid, 32.
2 ibid., 35.
3 ibid., 31.
4 ibid., 30.

 


5

... just now I pick the blesses diary of Virginia Wools which I bought with a battery of her novels Saturday with Ted. And she works off her depression over rejections from Harper´s ...by cleaning out the kitchen. And cooks haddock & sausage. Bless her. I feel my life linked to her, somehow. I love her-from reading Mrs. Dalloway for Mr. Crockett-and I can still hear Elizabeth Drew´s voice sending a shiver down my back in the huge Smith classroom, reading from To the Lighthouse. But her suicide, I felt I was reduplicating in that black summer of 1953. Only I couldn´t drown. I suppose I´ll always be overvulnerable, slightly paranoid. But I´m also so damn healthy & resilient. And apple-pie happy. Only I´ve got to write.
Sylvia Plaht fühlte sich mit Virginia Woolf verbunden, als sie feststellte, daß der Tod in deren Leben ebenfalls eine Rolle spielte und Woolf hochempfindlich war. Auch Wools Suizidität bildete eine Paralelle zu Plaths Leben. Wenn das Leben von Woolf, Sexton und Plaht vom Tod überschattet war, der die eigenen Familienmitglieder betraf, so hatte der Tod, der im Zweiten Weltkrieg geschah, einen Einfluß auf die deutsche Dichterin Inge Müller. Ihre Bilder des Todes im Kriegskampf werden unter anderem im Gedicht Der schwarze Wagen festgehalten:
Da kommt der schwarze Wagen
Das Pferd, das geht im Schritt
Und wer allein nicht laufen kann
Den nimmt der Wagen mit. 5
Das Sterben und die Katastrophen wurden von Müller kurz und illusionslos in dem Gedicht Nach dem Bombenangriff eingefangen: ,,Ein schöner Morgen! Kein Baum vorm Haus mehr/ Und kein Haus steht mehr unter den Bäumen."6 Wie in Der schwarze Wagen, in dem bündig das schnelle Sterben im Krieg geschildert wurde, ist auch in Nach dem Bombenangriff der Schock über die Brutalität des Angriffs, der alles zerstört hat, nüchtern zum Ausdruck gebracht.
Müller ließen die Bilder des Todes im Krieg nicht los. Sie litt zeitlebens unter depressiven Verstimmungen, trank Alkohol, und unternahm mehrere

5 H. Müller, ,,Die Nacht sie hat Pantoffel an", Der Todesfleck in den Gedichten von Inge Müller", in: ,,Nun breche ich in Stücke...", Leben, Schreiben, Suizid , 174.
6 ibid., 175.

 


6

Selbstmordversuche.7 Die Geschichte bedeutete persönliches Unglück. Müller wurde 1925 geboren, und nahm sich 1966 das Leben.
Man findet das Thema Tod ebenfalls in den Gedichten der russischen Lyrikerin Marina Zwetajewa, die 1892 geboren wurde, und 1941 Selbstmord begangen hatte.
Sie stellte den Tod beispielsweise als ,,himmelrot" dar, und als ein triumphales Ende des Lebens der Poetin:
...Ich weiß, himmelrot ist mein Tod.-Keine Habichtsnacht
Auf meine Schwanenseele wird Gott mir schicken.
Sanft weise ich das Kreuz ungeküßt zurück,
In den Himmel zu stürzen, noch einmal zu grüßen den Spender.
Seinem roten Riß-eines Antwort-Lächelns Schnitt...
-Poet bleibe ich noch im letzten Röcheln vorm Ende! 8
Zwetajewa stammte aus einem wohlhabenden Elternhaus, ihre Mutter starb früh an Tuberkulose. Als Erwachsene lebte sie für einige Zeit in Berlin und Prag, verbrachte aber die Jahre bis zu ihrem Tod in Rußland. Sie verfaßte Gedichte, Poeme, Versepen, und Theaterstücke. 9 Ihre hohen Ideale und große Erwartungen an die eigene Person waren ausschlaggebend für die Art, wie sie sich darstellte und arbeitete. Es überrascht, daß eine Dichterin wie Zwetajewa, die nach außen hin die selbstbewußte und erfolgreiche Frau verkörperte, sich das Leben nahm.
Anne Sexton und Sylvia Plaht waren demnach nicht die ersten Schriftstellerinnen, die sich in ihren Arbeiten mit dem Tod beschäftigten. Die Zuwendung von weiblichen Autorinnen den Abgründen des Lebens gegenüber scheint aus der Hilflosigkeit dem harten Alltag gegenüber heraus zu entstehen, wie das beispielsweise bei der vom Tod ihrer Mutter und Halbschwester geprägten Virginia Woolf der Fall war. Die traditionelle Darstellung des Todes in der Lyrik ist unter anderem von persönlichen traumatischen Erlebnissen von Poeten beeinflußt.
Der Drang zum Tod ist eines der Themen, die in Anne Sextons Gedichten wiederkehren. Daneben gibt es die kindlichen Phantasien, die in ihren unverarbeiteten frühen Traumatas angesiedelt sind, ebenso wie Liebesgedichte, die

7 ibid., 180.
8 I. Rakusa, ,,Marina Zwetajewas grundsätzliches Nein",in: ,,Nun breche ich in Stücke..., 67f.
9 ibid., 54.

 


7

vorrangig über das Leiden im Lieben berichten. 10 Liest man Sextons Gedichte, wird deutlich, daß nichts am Leben einfach ist, und daß der Tod als Erlöser des menschlichen Leidens betrachtet werden kann.
Im Gedichtband Transformations findet man eine umgewandelte Bedeutung von Märchen. Sexton verlieh beispielsweise Dornröschen das Dasein eines elenden, von Medikamenten betäubten, menschlichen Wracks. Dieses Geschöpf ist zwar noch am Leben, gleicht aber eher einer Toten. 11 Sexton zog in ihrer Lyrik Parallelen zu ihrem Privatleben, auch dann wenn sie über die Hexe schrieb, der sie den Namen ,,Anne" gab. Vermutlich fand das erwachsene Dornröschen keinen Prinz, sondern die Vorstellung des inzestösen Vaters, wenn sie nach dem Glück im Leben suchte.
Diese Ahnung des sexuellen Mißbrauchs war ein Auslöser für das betrübte Leben, das schon seit der Kindheit vom Leiden überschattet war.
Sexton kämpfte mit dem Leben, und wollte den Tod ergründen. Das Motiv durchzieht wie ein roter Faden all ihre Gedichtbände. Der Suizid wird in den Gedichten Wanting to Die (1964), Suicide Note (1965), oder in Sylvia´s Death (1966), beschrieben. Sexton bevorzugte in ihren Gedichten zumeist die Schreibweise eines dramatischen Monologs, der Schlußfolgerungen auf das persönliche Leiden einleitet. 12 Tatsächlich ist die Sprecherin der Gedichte sosehr von ihrer eigener, dem Tod zugewandten Lebensperspektive, dem Selbstmitleid und der psychischen Krankheit eingenommen, daß sie vergißt, daß es Menschen gibt, die sie in einem anderen, positiveren Licht betrachten, als sie selbst dies tut. Ihr Ehemann und ihre Kinder glaubten an sie, und waren aus der Sicht der Sprecherin dem Leben bejahend zugetan.13 In Live or Die, der Gedichtsammlung, in der das mit dem Tod verbundene Leben diskutiert wird, gelang die Sprecherin zu der Erkenntnis, daß sie durch ihre Sicht auf die weltlichen Dinge von Anderen isoliert war, und nicht verstanden wurde. Während andere Menschen sich hauptsächlich damit beschäftigten, das Leben zu leben, ohne es in Frage zu stellen, war die Sprecherin in Sextons Gedichten durch ihre Analyse des Todes und des Sinns des Lebens daran gehindert, ein unbezwungenes Leben zu führen. So heißt es in Man and Wife (Live or Die):

10 E. Bronfen, ,,Die schillernden Transformationen der Anne Sexton", in: Nun breche ich in Stücke..., 119.
11 ibid., 127ff.
12 C.King Barnard Hall, Anne Sexton, 63.
13 ibid., 70f.

 


8

We are not lovers.
We do not even know eachother.
We look alike
but we have nothing to say
...
we can only hang on. 14
Beziehungen zwischen Menschen, beispielsweise die Ehe, stellen keinesfalls eine Erleichterung dar. Vielmehr werden sie als befremdend empfunden, weil sie nur eine Pflicht bedeuten, das Versprechen, einander zu ertragen, obwohl man sich eigentlich nicht ausstehen kann. Ablehnung gegenüber den Freuden des Lebens in Sextons Gedichten ist kennzeichnend für ihre Beschreibung des Lebens. Alles, was zu einfach ist, und nicht hinterfragt werden kann, scheint an Attraktivität zu verlieren. Dem gegenüber steht der Tod, das mysteriöse Ende des Lebens, dem die Sprecherin zugetan ist. Er ist nicht nur aus ideologischen Gründen anziehend, sondern auch deshalb, weil der Tod als Thema es der Lyrikerin ermöglicht, gut zu leben.15 Sexton wählte als Epigraph für The Death Notebooks (1974) den von Ernest Hemingway verfaßten Satz: "Look, you con man, make a living out of your death." In diesem Zusammenhang war die Sprecherin von Sextons Gedichten die Schwindlerin, die sich selbst und die Leser auszutricksen versuchte. Die Lyrikerin verdiente mit ihren Beschreibungen des Todes Geld. Das Leben war für sie eng mit dem Tod verbunden, als daß er für sie eine attraktive Möglichkeit der philosophischen Auseinandersetzung darstellte, ebenso wie die Hoffnung einer Erlösung aus dem qualvollen Leben, und nicht zuletzt es der Poetin ermöglichte, einträglich zu leben.
Man kann sogar soweit gehen, zu behaupten, daß für die Sprecherin das Leben den Tod bedeutet. Vom Anbeginn des Tages bis zum Sonnenuntergang behält sie ihn in O ye Tongues (The Death Notebooks ) in ihren Gedanken. 16 Die Sprecherin in Sextons Gedichten vermittelt die Ansichten einer Frau über den Wahn des Lebens und über den Tod. Anders als Sylvia Plaht, war Sexton an Assoziationen interessiert. Ihre Lyrik steht im Zusammenhang zu ihrem Leben. 17 Ihr schriftstellerisches Arbeiten war auch Teil ihrer Therapie. Man bedenke, daß Sexton erst mit etwa 28 Jahren auf

14 Anne Sexton, The Complete Poems, 116f.
15 C. King Barnard Hall, Anne Sexton, 131.
16 ibid., 146.
17 J. Rosenblatt, Sylvia Plath, The Poetry of Initiation, 160f.

 


9

den Rat eines Psychiaters hin mit dem Verfassen von Lyrik begonnen hatte, nachdem sie ihren ersten Selbstmordversuch unternommen hatte. 18
Sylvia Plaths Anliegen war nicht, in ihren Werken detailiert auf die Tatsachen ihres Lebens, wie beispielsweise ihr Geburtsdatum, die Scheidung ihrer Eltern, etc., einzugehen. Plaht zog in ihren schriftstellerischen Arbeiten Parallelen zum bewußten Erleben und Wahrnehmen der Realität.19 Zu diesem realen Leben gehören politische Ereignisse ebenso wie die unlogische Funktionsweise von Emotionen. Das Leben beinhaltet auch den Tod als dessen endgültigen Bestandteil. Während Plaht immer wieder zum Thema Tod zurückkehrte, schien sie sich weniger dem Leben zu widmen. 20 Aus dem Prozeß der ,,Umwandlung des Selbst" wurde deshalb die ,,Vernichtung des Selbst".21 In der Tat ist Plaths Lyrik von wiederkehrenden Symbolen und düsteren Landschaften des Todes ebenso wie von der Sinnsuche des Lebens geprägt, die eine Rückführung in die Kindheit beinhaltet. Joyce Carol Oates behauptete:
The experience of reading her (Plath´s) poems deeply is a frightening one: it is like walking to discover one´s adult self, grown to full height, crouched in some long-forgotten childhood hiding place, one´s heart pounding senselessly, all the old rejected transparent beasts and monsters crawling out of the wallpaper...I cannot emphasize strongly enough how valuable the experience of reading Platt can be, for it is a kind of elegant "dreaming-back", a cathartic experience that not only cleanses us of our pesonal and cultural desires for regression, but explains by way of ist deadly accuracy what was wrong with such desires. 22
Das Lesen von Plaths Werken löst eine Veränderung im Leser aus. Es kann ihn in seine Kindheit zurückleiten, und verdrängte Ängste aufleben lassen, es kann auch die Furcht vor dem Tod bewußt werden lassen, oder die Faszination über den Tod erwecken. Plaths Lyrik ist von enormer Kraft.
Die Sprecherin in Plaths Gedichten ist eine passive Zeugin des turbulenten Lebens, das auch Ängste in ihr hervorruft. 23 Sie verkörpert die universelle

18 E. Bronfen, Die schillernden Transformationen der Anne Sexton, in: Nun breche ich in Stücke..., 120.
19 J.Rosenblatt, Sylvia Plath, The Poetry of Initiation, 161f.
20 ibid., 161.
21 ibid., 161.
22 J.C.Oates, "The Death Throes of Romanticism", in: P.Owen, The Poetry of Sylvia Plath, 214.
23 ibid., 216.

 



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