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Untertitel: Konzeption, Erhebung und Auswertung von themenzentrierten Leitfadeninterviews mit SchülerInnen und Lehrkräften von Bläserklassen an allgemeinbildenden Schulen
Examensarbeit, 2008, 116 Seiten
Autor: Norman Grüneberg
Fach: Musikwissenschaft
Details
Tags: Bläserklasse, Königsweg, Bildung
Jahr: 2008
Seiten: 116
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 60 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-22080-9
ISBN (Buch): 978-3-640-22300-8
Dateigröße: 426 KB
[...] Die Arbeit zeichnet sich durch eine außergewöhnlich klare und zugleich aspektreiche Darstellungsweise aus, zudem gewinnt sie auf weiten Strecken aufgrund der profunden Kenntnisse und Erfahrungen des Autors in theoretischer, forschungspraktischer wie auch spiel-praktischer Hinsicht die Überzeugungskraft eines lehrbuchartigen Textes, der zur Veröffentlichung ansteht. [...][...] Die Arbeit zeichnet sich durch eine außergewöhnlich klare und zugleich aspektreiche Darstellungsweise aus, zudem gewinnt sie auf weiten Strecken aufgrund der profunden Kenntnisse und Erfahrungen des Autors in theoretischer, forschungspraktischer wie auch spiel-praktischer Hinsicht die Überzeugungskraft eines lehrbuchartigen Textes, der zur Veröffentlichung ansteht. [...]
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Zusammenfassung / Abstract
Ich betrete eine Schule. Auf dem Weg zum Musikzimmer kommen mir merkwürdig bekannte Klänge entgegen, ich meine, einen Bach-Choral zu hören. Beim Öffnen der Tür stehe ich einer fünften Klasse gegenüber, die gerade Musikunterricht hat. Dazu sitzen die Schülerinnen und Schüler aber nicht an den gewohnten Tischen, sondern haben Blasinstrumente in den Händen und sitzen in einer richtigen Orchesterbesetzung. Ja, dies hier sei die ‚Bläserklasse‘, wird auf mein Nachfragen geantwortet. Der Musiklehrer dirigiert die Klasse – nach dem Ende des Chorals erklärt der Musiklehrer, heute ein den Schülern bereits bekanntes Stück, „Rock-A-Saurus-Rex“ wiederholen zu wollen. Die Schüler sind begeistert und spielen einen rockigen Titel mit viel Energie und Rhythmus. Wird hier der ideale Musikunterricht erteilt; sind hier die Vorstellungen der Musikpädagogik von einem praxisorientierten Musikunterricht, der die Schüler begeistert, verwirklicht worden. So oder so ähnlich lassen sich die ersten Gefühle beschreiben, wenn man der ‚Bläserklasse‘ erstmalig begegnet. Nach dem ersten Überschwang tauchen Fragen in viel-fältiger Form auf. Was wird hier eigentlich vermittelt? Sind die Inhalte des Musikunterrichts auf musizierpraktischem Weg zu vermitteln? Was sind überhaupt Inhalte – was ist musikalische Bildung? Der Musikunterricht an allgemeinbildenden Schulen hat in den vergangenen Jahrzehnten grundlegende konzeptionelle Veränderungen erlebt. Von einer am Kunstwerk orientierten Didaktik und einer hauptsächlich vokal ausgerichteten Musikpraxis hat man sich (zumindest theoretisch) zu Gunsten eines handlungsorientierten, kulturerschließenden Musikunterrichts mit vielfältigen methodischen Zugängen abgewendet. Diese Entwicklung ist längst nicht abgeschlossen, wie die unterschiedlichen Modelle einer Integration praktischen Musizierens in den Unterricht zeigen. Eines dieser Modelle ist die ‚Bläserklasse‘. Die vorliegende Arbeit will der Frage nachgehen, inwieweit die Bläserklasse konzeptionell und strukturell in der Lage ist, als Äquivalent zum herkömmlichen Musikunterricht Inhalte musikalischer Bildung zu vermitteln.
Textauszug (computergeneriert)
Wissenschaftliche Hausarbeit
zur ERSTEN STAATSPRÜFUNG für das
Lehramt an Gymnasien
THEMA
,Bläserklasse` Königsweg einer künftigen musikalischen Bildung?
Konzeption, Erhebung und Auswertung von themenzentrierten
Leitfadeninterviews mit SchülerInnen und Lehrkräften von Bläser-
klassen an allgemeinbildenden Schulen
Eingereicht beim Kultusministerium Landesprüfungsamt für Lehrämter in
Sachsen-Anhalt
am 21. Juli 2008
von Norman Grüneberg
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Institut für Musik
INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung
5
2. Theoretischer Bezugsrahmen
2.1. Historische Entwicklung der Musizierpraxis an allgemeinbildenden
Schulen
2.1.1.
Historische Entwicklung der Musizierpraxis an
allgemeinbildenden Schulen bis zum Ersten Weltkrieg
7
2.1.2.
Entwicklung der Musizierpraxis an allgemein-
bildenden Schulen im 20. Jh.
9
2.2. Theoretische Überlegungen der Musikpädagogik zum praktischen
Musizieren an allgemeinbildenden Schulen
2.2.1.
Zu den Begriffen ,Klassenmusizieren`
und ,Musikklasse`
11
2.2.2.
Lerntheoretischer Ansatz (Kognitionspsychologie)
.. 14
2.2.3.
Integrativer Ansatz Entwicklung der Persönlichkeit
17
2.2.4.
Kulturerschließender, handlungsorientierter Ansatz
19
2.3. Musikpädagogische Perspektiven zur ,Musikalischen Bildung`
2.3.1.
Zum Begriff ,Musikalische Bildung`
22
2.3.2.
Ästhetisch-musikalische Bildung: Kreativität
24
2.3.3.
Kommunikative Musikdidaktik
26
2.3.4.
,,Kritik des Klassenmusikanten"
28
2.4. Methodisch-didaktische Aspekte des praktischen Musizierens an
allgemeinbildenden
Schulen
2.4.1.
Didaktische Argumentationen für praktisches Musizie-
ren
30
1
2.4.2.
Ziele und Arbeitsbereiche des praktischen Musizierens 33
2.5. Standort: Ausprägungen der Musizierpraxis im außerschulischen Bereich
2.5.1.
Vorbemerkungen
38
2.5.2.
Laienmusik in Deutschland Organisation und Struk-
turen
39
2.5.3.
Ensemblepraxis in kommunalen Musikschulen
41
3. Konzeption der Untersuchung
3.1.
Begründung
des
Untersuchungsverfahrens
3.1.1.
Leitfadeninterviews (Grounded Theory
) 43
3.1.2.
Durchführung der Befragungen
45
3.2. Zum Problem der Bildung von Hypothesen bei qualitativen
Forschungsmethoden 46
3.3.
Untersuchungsleitende
Fragestellungen
3.3.1.
DIMENSION
1:
Modelle des Bläserklassenkonzepts
an
allgemeinbildenden
Schulen
3.3.1.1.
Organisation und Strukturen von Bläserklassen
47
3.3.1.2.
Zusammenarbeit mit außerschulischen Institutionen
47
3.3.1.3.
Leitfaden
48
3.3.2.
DIMENSION
2:
Lehrkräfte
von
Bläserklassen
3.3.2.1.
Kompetenzen und Motivationen der Lehrkräfte
49
3.3.2.2.
Zielstellungen und Arbeitsweisen
49
3.3.2.3.
Musikalische Bildung Zugänge und Perspektiven
. 50
3.3.2.4.
Leitfaden
50
3.3.3.
DIMENSION
3:
SchülerInnen in Bläserklassen
3.3.3.1.
Motivation zur Bläserklasse
52
3.3.3.2.
Erfahrungen mit der Bläserklasse
52
3.3.3.3.
Perspektiven
53
3.3.3.4.
Leitfaden
53
2
3.3.4.
DIMENSION
4:
Vermittlung ausgewählter Lernziele
(Lehrplan Musik) in der Bläserklasse
3.3.4.1.
Lehrplaninhalte
54
3.3.4.2.
Leitfaden
55
4. Darstellung der Untersuchungsergebnisse (Theoriebildung)
4.1.
Bedingungsanalyse
4.1.1.
Schulformen und Bedingungen 56
4.2. DIMENSION 1: Modelle von Bläserklassen Organisation und Strukturen
4.2.1.
Einrichtung
von Bläserklassen 57
4.2.2.
Klassenmusizieren vs. Arbeitsgemeinschaft 60
4.2.3.
Integration der Bläserklasse in den Lehrplan 61
4.2.4.
Einbindung von außerschulischen Institutionen 62
4.2.5.
Finanzierung
66
4.3. DIMENSION 2: Lehrkräfte von Bläserklassen
4.3.1.
Ausbildung
und
Weiterbildung
68
4.3.2.
Zielstellungen
und
Arbeitsweisen
4.3.2.1.
Einschätzung des praktischen Musizierens im Ver-
gleich zum normalen Musikunterricht
70
4.3.2.2.
Vorteile und Nachteile des praktischen Musizierens
70
4.3.2.3.
Wirksamkeit des Bläserklassenkonzeptes
74
4.3.3.
Praktische
Erfahrungen
mit
Bläserklassen
4.3.3.1.
Umgangsregeln für das praktische Musizieren
75
4.3.3.2.
Differenzierungsmöglichkeiten
78
4.3.3.3.
Auftrittsmöglichkeiten
79
4.3.3.4.
Literatur und Repertoire
82
4.3.4.
Musikalische
Bildung
4.3.4.1.
Zielstellungen und Intentionen
85
3
4.3.4.2.
Umsetzung musikalischer Bildung
durch Bläserklassen
87
4.4. DIMENSION 3: Schüler in Bläserklassen
4.4.1.
Wege
und
Motivation zur Bläserklasse 88
4.4.2.
Instrumentenwahrnehmung
4.4.2.1.
Instrumentenwahl
89
4.4.2.2.
Perspektive in musikpraktischer Hinsicht
91
4.4.3.
Wahrgenommene
Unterschiede
zum
Musikunterricht
4.4.3.1.
Wahrnehmung des ,normalen` Musikunterrichts
92
4.4.3.2.
Vergleichende Wahrnehmung der Bläserklasse
93
4.4.4.
Der
,Lieblingstitel` Schülerpräferenzen im Reper-
toire der Bläserklasse 94
4.4.5.
Erfahrungen
mit
der
Bläserklasse
4.4.5.1.
Positive Erfahrungen
96
4.4.5.2.
,Negative` Erfahrungen
97
4.5. DIMENSION 4: Vermittlung ausgewählter Lernziele (Lehrplan Musik)
4.5.1.
Auswahlprobleme 99
4.5.2.
Untersuchungsergebnisse
4.5.2.1.
Klassenstufe 5
100
4.5.2.2.
Klassenstufe 6
102
5. Fazit
5.1. Die Bläserklasse zwischen Institution und Freizeit 104
5.2. Bläserklasse als Königsweg musikalischer Bildung?
Kritik eines Idealmodells 106
5.3. Ausblick: Perspektiven der Bläserklasse als Vermittler
musikalischer
Bildung
109
6. Literaturverzeichnis
110
4
1. Einleitung
Ich betrete eine Schule. Auf dem Weg zum Musikzimmer kom-
men mir merkwürdig bekannte Klänge entgegen, ich meine, einen
Bach-Choral zu hören. Beim Öffnen der Tür stehe ich einer fünften Klas-
se gegenüber, die gerade Musikunterricht hat. Dazu sitzen die Schüle-
rinnen und Schüler1 aber nicht an den gewohnten Tischen, sondern ha-
ben Blasinstrumente in den Händen und sitzen in einer richtigen Or-
chesterbesetzung. Ja, dies hier sei die ,Bläserklasse`, wird auf mein
Nachfragen geantwortet. Der Musiklehrer dirigiert die Klasse nach
dem Ende des Chorals erklärt der Musiklehrer, heute ein den Schülern
bereits bekanntes Stück, ,,Rock-A-Saurus-Rex" wiederholen zu wollen.
Die Schüler sind begeistert und spielen einen rockigen Titel mit viel
Energie und Rhythmus. Wird hier der ideale Musikunterricht erteilt;
sind hier die Vorstellungen der Musikpädagogik von einem praxis-
orientierten Musikunterricht, der die Schüler begeistert, verwirklicht
worden ...
So oder so ähnlich lassen sich die ersten Gefühle beschreiben, wenn man der ,Blä-
serklasse` erstmalig begegnet. Nach dem ersten Überschwang tauchen Fragen in viel-
fältiger Form auf. Was wird hier eigentlich vermittelt? Sind die Inhalte des Musikunter-
richts auf musizierpraktischem Weg zu vermitteln? Was sind überhaupt Inhalte was
ist musikalische Bildung?
Der Musikunterricht an allgemeinbildenden Schulen hat in den vergangenen Jahr-
zehnten grundlegende konzeptionelle Veränderungen erlebt. Von einer am Kunstwerk
orientierten Didaktik und einer hauptsächlich vokal ausgerichteten Musikpraxis hat
man sich (zumindest theoretisch) zu Gunsten eines handlungsorientierten, kulturer-
schließenden Musikunterrichts mit vielfältigen methodischen Zugängen abgewendet.
Diese Entwicklung ist längst nicht abgeschlossen, wie die unterschiedlichen Modelle
einer Integration praktischen Musizierens in den Unterricht zeigen.
Eines dieser Modelle ist die ,Bläserklasse`. Die vorliegende Arbeit will der Frage
nachgehen, inwieweit die Bläserklasse konzeptionell und strukturell in der Lage ist, als
Äquivalent zum herkömmlichen Musikunterricht Inhalte musikalischer Bildung zu ver-
mitteln.
1 Im Folgenden werden die generischen Maskulina in ihrer inklusiven Bedeutung verwendet.
5
Dabei wird nach den Einstellungen und Zielsetzungen der Lehrkräfte von Bläser-
klassen ebenso zu fragen sein wie nach den Motivationen und Einschätzungen der
Schüler. Die Vorgehensweise kann man dabei als ,suchend` beschreiben. Anhand einer
Untersuchung der praktisch vorgefundenen Bläserklassenkonzepte und -methoden
sollen Arbeitsweisen und Inhalte, aber auch Möglichkeiten und Grenzen der Bläser-
klasse gesucht werden. Dazu werden Leitfadeninterviews konzipiert und ,vor Ort`
Schüler und Lehrkräfte zu den genannten Elementen der Bläserklasse befragt. Ausge-
hend von Modellen und Strukturen stehen dabei die Akteure im Mittelpunkt.
Zunächst sollen historische und theoretische Hintergründe des praktischen Musi-
zierens an allgemeinbildenden Schulen in einen Bezugsrahmen gestellt werden, der
aus der zu bearbeitenden Literatur hervorgeht.
Daraus werden im Hauptteil untersuchungsleitende Fragestellungen entwickelt, die
zur Konzeption von Leitfäden für die durchzuführenden Interviews dienen. Anhand der
Methode der ,,Grounded Theory" sollen die Interviews analysiert und die Untersu-
chungsergebnisse dargestellt werden.
Im abschließenden Teil wird ein Fazit gezogen, dass die Stellung der Bläserklasse im
schulischen Kontext klären und die Frage, ob die Bläserklasse einen Königsweg musika-
lischer Bildung darstellt, beantworten soll.
Mein herzlichster Dank gilt allen Schülern
und Lehrkräften der Bläserklassen, die in
zahlreichen Interviewgesprächen zum Ge-
lingen dieser Arbeit beigetragen haben.
Magdeburg, den 21. Juli 2008
6
2. Theoretischer Bezugsrahmen
2.1. Historische Entwicklung der Musizierpraxis an allge-
mein-bildenden Schulen
2.1.1. Historische Entwicklung der Musizierpraxis an allgemeinbil-
denden Schulen bis zum Ersten Weltkrieg
Gemeinsames Musizieren ist seit jeher ein wichtiger Bestandteil der Musikkultur.
Gesang begleitete die Menschen bei der täglichen Arbeit und hatte einen wichtigen
rituellen Charakter. Mit der Entwicklung von Instrumenten, die Klänge losgelöst von
der menschlichen Stimme erzeugen konnten, versuchte man, die Natur nachzuahmen.
Im Folgenden soll die historische Entwicklung des instrumentalen Ensemblespiels an
(allgemeinbildenden)2 Schulen anhand einer Auswahl dabei maßgeblicher Intentionen
abgerissen werden.
In den mittelalterlichen Kloster- und Stiftsschulen ist das instrumentale Ensemble-
spiel noch unbekannt. Ab dem 15. Jh. existieren Überlieferungen auf lokaler Ebene,
welche eine Ensemblepraxis der Schüler an den sog. Ratsschulen auf Geigen (,,Instru-
mentalchor") belegen. Aufführungen finden an Einschulungstagen und zur Unterma-
lung szenischer Darstellungen an kirchlichen Feiertagen statt. Die Entwicklung be-
schränkt sich jedoch auf die Stadt- und Lateinschulen, an denen Instrumentalunter-
richt durch Schulmeister, Kantoren oder Stadtpfeifer erteilt wird. So hat der in Magde-
burg tätige Musiklehrer Martin Agricola eine
Musica instrumentalis
1529 für Schulkin-
der geschrieben.3
In den Latein- und Gelehrtenschulen finden sich am Beginn des 17. Jh. Ensembles,
die zu diversen Gelegenheiten auftreten: Schulprüfungen, Hochzeiten, Taufen o.ä.
Oftmals sind dies vokal-instrumentale Mischensembles, da Tenor- und Bassstimmen
im Chor ersetzt werden. Der Musikausübung wird seitens der für die Schulorganisation
zuständigen Seiten große Aufmerksamkeit gewidmet. In der Seminarordnung des fürs-
2 Der Begriff ,,allgemeinbildend" lässt sich nicht ohne weiteres auf die historische Schule über-
tragen, wird hier aus Gründen der Verständlichkeit aber dennoch genutzt.
3 Blume, F. (Hg.), Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Band 1, München 1989, Sp. 163-166.
7
tlichen Gymnasiums in Bamberg heißt es 1593, dass ,,die Musical, sowohl Instrumenta-
lis als Vocalis [...] gebraucht unndt geubt werden"4 solle.
In einer Weimarer Schulordnung von 1612 steht:
,,Etzliche andere [Schüler] ube mann in lieblicher und sanffter, darmit
die ohren nicht müde werden, instrumental Music, dorzu die Organis-
ten in der statt oder auch andere personen kondten gebrauchet auch
ihnen deßwegen zue ihrer besoldung etwas zuegelegt werden."5
An vielen Orten bilden sich aus den Instrumentalchören besondere musikalische
Vereinigungen (
collegia musica
), die mitunter ausschließlich der kirchlichen Musikpfle-
ge dienen. Ferner ist bereits frühzeitig eine enge Verknüpfung von schulischer En-
semblepraxis und öffentlichem Kulturleben festzustellen, sei es in Verbindung mit
kirchlichen Einrichtungen oder weltlichen wie den Stadtpfeifereien.
Bis zum Ausgang des 18. Jh. verschwindet die Ensemblepraxis zunehmend aus dem
schulischen Bereich. Lediglich in einzelnen Fällen wie der Thomasschule in Leipzig oder
der Dresdner Kreuzschule ist eine Pflege des Ensemblespiels nachzuweisen.6 Die Ursa-
chen dieses Rückgangs müssen in der Aufklärung gesucht werden. Durch die musikpä-
dagogischen Forderungen von Johann Mattheson u.a. sowie die Loslösung von der
mittelalterlichen Vorstellung von Musik als
ars musica
, die eine Einheit von Kunst und
Lehre intendierte wie sie noch die Bachschen ,,Übungen" darstellen7 wird die
schulische Musikausübung in zunehmendem Maße obsolet, da Musik losgelöst von
den septem artes liberalis nicht mehr als Bestandteil schulischer Bildung verstanden
wird.
Mit der Einrichtung privater und öffentlicher Musikschulen und Konservatorien ver-
lagert sich die instrumentale Ausbildung weg von der allgemeinbildenden Schule, wo
um die trefflichste Methode des Blattsingens gerungen wird und sich im fachlichen
Bewusstsein die Gleichsetzung von Schulmusik und Singen fest etablierte. Einherge-
4 Zitiert nach: Roske, M., Umrisse einer Sozialgeschichte der Instrumentalpädagogik. In: Richter
(1993), S. 163.
5 Ebd.
6 Vgl. Pfeffer, M., Zur Geschichte des Ensemblespiels in der allgemein bildenden Schule. In:
Krämer/Rüdiger (2005), S. 14.
7 Vgl. Mahlert, U., Pädagogische Musik. In: Richter (1993), S. 198ff.
8
hend mit einem Wandel des pädagogischen Denkens im 19. Jh. werden die Künste im
öffentlichen Schulwesen immer mehr zurückgedrängt. Die musikpädagogischen Forde-
rungen Adolf Bernhard Marx` etwa wirken sich letztlich nur auf die instrumentalpäda-
gogische Entwicklung der Musikschule des 19. Jh. aus was seinen Einfluss auf die
Musikpädagogik des 20. Jh. nicht schmälern soll während im späteren Kaiserreich
das Singen in der Schule die Lungen der künftigen Soldaten stärken soll, die beim Mar-
schieren nicht über den Sinn ihres Marsches gegen den Feind nachdenken können und
sich beim Singen als Masse begreifen und als solche behandelt werden können. Inso-
fern lässt sich von einer paramilitärischen Vorausbildung sprechen.
2.1.2.
Entwicklung der Musizierpraxis an allgemeinbildenden
Schulen im 20. Jh.
Nach den Erfahrungen des 1. Weltkrieges können die Vertreter der Jugend-
Musikbewegung ihren Einfluss in Richtlinienkommissionen zum schulischen Musikun-
terricht geltend machen. Die Reformbestrebungen Leo Kestenbergs schaffen auf dem
Gebiet der Schulmusik Strukturen, die bis heute nachwirken. Dem Ensemblespiel in
Form von Schulorchestern, Streicher- oder Kammermusikgruppen wird erstmals wie-
der Bedeutung zugemessen.
Die höheren Lehranstalten verpflichten die SchülerInnen zum instrumentalen En-
semblespiel in Arbeitsgemeinschaften. Besonders intensive musikalische Aktivitäten
entfalten sich in den Landerziehungsheimen, wo neben Einzelunterricht (Instrument)
auch Kammermusikgruppen und Schulorchester gebildet werden. Hervorzuheben ist
hier die Arbeit Hilmar Höckners auf Schloss Bieberstein, für dessen Schulorchester Paul
Hindemith sein
Schulwerk des Instrumental-Zusammenspiels op. 44
erarbeitet. Auch
im weiteren Schaffen Hindemiths (
Spielmusik für Streichorchester, Flöten und Oboen,
op. 43,1
von 1927 oder
Plöner Musiktag
von 1932) wird das Bestreben deutlich, auf
Besetzungs- und Spielfertigkeitsbedingungen der Schulensembles einzugehen. Die um
1930 entstandenen sog. Schulopern erweitern diesen Anspruch um die Einbeziehung
9
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