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Subtitle: (Anti-)demokratische Entwicklungen in Simbabwe und Botswana im Vergleich im Spiegel der Dekolonisierung
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 40 Pages
Author: Jens Marquardt
Subject: Politics - International Politics - Region: Africa
Details
Institution/College: Free University of Berlin (Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft)
Tags: Fall, Simbabwe, Gescheiterte, Demokratie, Folge, Dekolonisierung, Hauptseminar, Postkoloniale, Staatlichkeit, Afrika
Year: 2008
Pages: 40
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 37 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-22117-2
ISBN (Book): 978-3-640-22320-6
File size: 1072 KB
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Abstract
„Der Aufbau postkolonialer Staatlichkeit und der Versuch der Demokratisierung auf dem afrikanischen Kontinent ist gescheitert.“ Ist diese These berechtigt? In einem Vergleich zwischen Simbabwe mit Botswana sollen einmal zwei afrikanische Staaten gegenübergestellt werden, deren demokratische Entwicklung kaum verschiedener hätte verlaufen können. Die Arbeit setzt dabei einen deutlichen Fokus auf den gescheiterten Demokratisierungsprozess in Simbabwe und setzt dies mit dem Prozess der Dekolonisierung in Zusammenhang. Statistiken, und Karten bilden den Anhang der Arbeit.
Excerpt (computer-generated)
Freie Universität Berlin
Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften
Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft
HS
| Postkoloniale Staatlichkeit in Afrika
Sommersemester 2008
Eingereicht: September 2008
» Der Fall Simbabwe:
Gescheiterte Demokratie als Folge
gescheiterter Dekolonisierung? «
(Anti-)demokratische Entwicklungen
in Simbabwe und Botswana im Vergleich
im Spiegel der Dekolonisierung
Jens Marquardt
Politikwissenschaft (Diplomprüfungsordnung 2003)
5. Fachsemester
Hausarbeit
Erbe der Kolonialzeit? Demokratisierung im postkolonialen in Simbabwe und Botswana
Gliederung
::
1 Einleitung
01-02
1.1 Einführung, Problemdefinition
01
1.2 Fragestellung, Aufbau und Ziel der Arbeit
02
2 Hauptteil
03-22
2.1 Hintergrund: Dekolonisierung und Demokratisierung in Afrika
03
2.1.1 Prozess der Dekolonisierung
03
2.1.2 Demokratisierung nach europäischem Vorbild
05
2.1.3 Afrikanische Konzeptionen von Demokratie
07
2.1.4 Parteien und Parteiensysteme in Afrika
09
2.2 Fallbeispiel: Postkoloniale Staatlichkeit in Simbabwe
12
2.2.1 Dekolonisierung und Demokratisierung
13
2.2.2 Wirtschaftliche Reformierung und Landreform
15
2.2.3 Medien, Zivilgesellschaft, politische Partizipation
18
2.3 Vergleich: Botswanas Weg zur Demokratie
19
2.3.1 Botswana von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart
19
2.3.2 Politische Unabhängigkeit und nachkoloniale Zeit
20
2.3.3 Wirtschaftlicher Aufschwung und Demokratisierung
21
3 Schlussbetrachtung
23-27
3.1 Demokratisierung in Simbabwe und Botswana im Vergleich
23
3.2
Konklusion
25
4 Literaturliste
29-30
5 Abkürzungsverzeichnis
31
6 Anhang
32-35
6.1 Simbabwe und Botswana im Vergleich
32
6.2 Grad der Demokratisierung in Afrika
33
6.3 Kartenmaterial zu Simbabwe und Botswana
34
- Stand: August 2008 -
HS
| SoSe 2008 | Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft | FU Berlin
- 0 -
Hausarbeit
Erbe der Kolonialzeit? Demokratisierung im postkolonialen in Simbabwe und Botswana
1 Einleitung
::
1.1 | Einführung, Problemdefinition
,,Die südafrikanischen Nachbarländer Simbabwes sind aufgerufen, Robert Mugabe endlich in
aller Deutlichkeit klar zu machen, dass eine neue Regierung in Simbabwe notwendig ist, die den
Willen der simbabwischen Bevölkerung zum Ausdruck bringen muss. Die Menschen in Simbabwe
leiden unter der katastrophalen Versorgungslage, in die Mugabe das Land geführt hat."1
Noch Monate nach den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am 29. März 2008 in
Simbabwe herrschte große Unklarheit darüber, welche Regierung zukünftig die Geschicke des
Landes leiten und welche Rolle dabei der derzeitige Machtinhaber Mugabe spielen wird. Die
Darstellung in den Medien und das Urteil in politischen Kreisen ist eindeutig: In Simbabwe
herrscht ein autokratischer Machthaber und der Weg zum demokratischen Rechtsstaat ist
gescheitert. Politische Kontakte werden gemieden, und auch die deutsche
Entwicklungszusammenarbeit hält sich in Simbabwe zurück.2
Doch was sind die Hintergründe zur Lage in Simbabwe? Lässt sich die Situation aus dem
historischen Kontext der Dekolonisierung heraus erklären? Wie konnte sich der einstige
Hoffnungsträger einer Demokratisierung des afrikanischen Kontinents in seine derzeitige Lage
manövrieren? Will man die derzeitige politische Konstellation verstehen und sie in geeigneter
Form bewerten, muss man das Erbe der Vergangenheit kennen. Und dabei gilt für Simbabwe
ebenso wie für jedes andere afrikanische Land, dass sich die Geschichte und vor allem auch
der Prozess der Dekolonisierung sehr komplex darstellt. Postkoloniale Staatlichkeit in Afrika
hat viele Gesichter jedes Land besitzt einen individuellen Hintergrund.
Simbabwes direkter Nachbar beispielsweise, die heutige Republik Botswana, hat es trotz
seiner vergleichbaren (kolonialen) Vergangenheit geschafft, in Deutschland und anderswo auf
der Welt zum beispielhaften Musterschüler des afrikanischen Kontinents zu avancieren. Ob
diese positive Außenwahrnehmung auch tatsächlich zutrifft, ist eine andere Frage. Zumindest
aber stellt sich Botswana heute im Vergleich zu Simbabwe als ein stabiler demokratischer
Rechtsstaat mit regelmäßig stattfindenden freien Wahlen dar bei ähnlichen historischen
Vorzeichen nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft.
Die Ausgangsfrage bleibt: Wieso gelang es im postkolonialen Simbabwe nicht, demokratische
Formen etwa wie in Botswana zu etablieren? Die folgende Hausarbeit wird sich dieser Frage in
sehr spezifischer Form annehmen und nach möglichen Erklärungsmustern für die derzeitige
politische Situation Simbabwes aus der Phase der Dekolonisierung heraus suchen. Wichtige
Parallelen und markante Unterschiede bei der Dekolonisierung und der (gescheiterten)
Demokratisierung sollen für eine abschließende Beurteilung herausgearbeitet werden.
1 Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul anlässlich der SADC Tagung am
16./17.8.08.
(www.bmz.de/de/presse/pm/2008/august/pm_20080815_73.html?PHPSESSID=40299e607be095cf4510
05deaefe4c32 | 25.8.08)
2 Vgl. Pressemitteilung des BMZ vom 23.6.08
(www.bmz.de/de/presse/pm/2008/juni/pm_20080623_54.html | 25.8.08)
HS
| SoSe 2008 | Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft | FU Berlin
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Hausarbeit
Erbe der Kolonialzeit? Demokratisierung im postkolonialen in Simbabwe und Botswana
1.2 | Fragestellung, Aufbau und Ziel der Arbeit
Im Mittelpunkt der folgenden Ausarbeitung steht also die politisch-gesellschaftliche
Transformation und der offenbar gescheiterte Prozess der Demokratisierung Simbabwes nach
dem Ende der Kolonialzeit. Primär wird es dabei um die Beantwortung der folgenden
Fragestellung gehen:
Wie lässt sich das Scheitern der Demokratisierung im postkolonialen Simbabwe und die
heutige politische Situation des Landes aus dem Prozess der Dekolonisierung heraus im
Vergleich zur Entwicklung des Nachbarlandes Botswana erklären?
Zur Beantwortung dieser Frage wird es zunächst darum gehen, die abhängige Variable, ergo
die derzeitigen politischen Konstellationen in Simbabwe, konkret darzustellen, ohne dabei das
politische System des Landes zu rekapitulieren. Danach soll in einem zweiten Schritt dieser
Arbeit nach möglicherweise erklärenden Variablen im Prozess der Dekolonisierung gesucht
werden. Ohne Zweifel kann damit im Folgenden keinerlei allumfassende historische Analyse
der politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse geleistet werden. Vielmehr
soll im begrenzten Rahmen dieser Hausarbeit die These der Pfadabhängigkeit von der
kolonialen Vergangenheit zur politischen Situation der Gegenwart untersucht werden, unter
Berücksichtigung (divergierender) regionaler Entwicklungen. Schwerpunkt sind
Strukturmerkmale des Regierungs- und Wahlsystems. Zum Vergleich soll in dieser Arbeit
punktuell und auf die relevanten Entwicklungen beschränkt der Prozess der Dekolonisierung
und die gegenwärtige Situation im Nachbarland Botswana nachgezeichnet werden. Simbabwe
und Botswana zwei ehemalige britische Kolonien des einstigen Rhodesien3 im südlichen
Afrika, deren Entwicklung unterschiedlicher kaum hätte verlaufen können. In der Konklusion
schließlich sollen die gefundenen Ergebnisse ausgewertet und diskutiert werden, um letztlich
zu einer Beantwortung der eingangs formulierten Fragestellung zu gelangen.
Die Relevanz der Arbeit ergibt sich letztlich aus der nach Meinung des Autors sehr
ungenügenden Beurteilung der derzeitigen Situation in Simbabwe der offensichtlich kaum
beachteten historischen Kontextvariablen insbesondere der politischen Verhältnisse und der
Entstehung des Einparteiensystems. . Die grundlegende These dieser Arbeit lässt sich auf die
folgende Formulierung zuspitzen:
Die gescheiterte Demokratisierung in Simbabwe und die
in der Hinsicht erfolgreiche Entwicklung Botswanas lässt sich auf den jeweils sehr
unterschiedlichen Prozess der Dekolonisierung zurückführen.
3 S. zur Geschichte Rhodesien: Blake, Robert 1977: ,,A History of Rhodesia." Eyre Methuen, London.
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Hausarbeit
Erbe der Kolonialzeit? Demokratisierung im postkolonialen in Simbabwe und Botswana
2 Hauptteil
::
2.1 | Hintergrund: Dekolonisierung und Demokratisierung in Afrika
,,For Africa, a lower standard is set by the major Western powers: there, all that is
required is the presence of opposition parties that can contest for office, even if there
are manipulated, hounded, and robbed of victory at election time."4
Einen ,,geeigneter Mittelweg zu finden, der zwischen den theoretischen Standards
politikwissenschaftlicher Demokratieforschung und real existierenden Gegebenheiten der
afrikanischen Staatenwelt vermittelt"5 darum soll es im ersten Part des Hauptteils gehen.
Denn bevor wir die beiden Fallbeispiele Simbabwe und Botswana genauer betrachten, müssen
wir zunächst den Rahmen dieser Arbeit festlegen: Den Prozess der Demokratisierung im
postkolonialen Afrika. Hierzu soll zunächst sehr grob ein Einblick in den Prozess der
Dekolonisierung auf dem afrikanischen Kontinent gegeben und der Versuch der
Demokratisierung nach europäischem Vorbild die explizit afrikanischen Konzeptionen von
Demokratie und Parteiensystem gegenübergestellt werden. Dass es sich sowohl bei Simbabwe,
als auch bei Botswana um ehemalige britische Kolonien im Süden Afrikas handelt, vereinfacht
die grundsätzliche Vergleichbarkeit der Entwicklungen beider Länder.
2.1.1 | Prozess der Dekolonisierung
Ein wesentliches Ergebnis der Kolonialzeit und deren Ende mit dem Prozess der
Dekolonisierung ab der Mitte des 20. Jahrhunderts lässt sich heute bereits mit einem Blick auf
die Landkarte des afrikanischen Kontinents feststellen: die Übertragung des europäischen
Staatsverständnisses und die Bildung ,,klassischer" Staaten mit den Merkmalen der
Staatsgewalt, des Staatsvolkes und vor allem des Staatsgebiets.6 ,,Die schwierigen
Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft in Afrika sind zu einem Großteil auf das
autoritäre Vermächtnis der Kolonialmächte zurückzuführen."7 Der Staat sollte nach
idealtypischem Verständnis als ausdifferenziertes politisch-administratives System sowohl
nach innen mit der Durchsetzung von allgemein verbindlichen Entscheidungen und Normen
(Gewaltenmonopol), als auch nach außen (Souveränität) durch den Schutz der Bevölkerung
wirksam werden. Der funktionierende Staat jedoch, als ,,die Gesamtheit der öffentlichen
Institutionen, die das Zusammenleben der Menschen in einem Gemeinwesen gewährleistet"8,
war nur in den seltensten Fällen das Ergebnis der Dekolonisierung auf dem afrikanischen
Kontinent. Mehr noch, er existierte in dieser Form auch zuvor de facto nicht. Jürgen
Osterhammel spricht daher im Zusammenhang mit Kolonien auch von Herrschaftsgebilden und
weniger von staatlichen Strukturen. Die verfassungsrechtliche Gestalt habe erst mit der
4 Diamond, L. 1999: S. 55f.
5 Emminghaus, C. 2003: S. 23.
6 Vgl. hierzu und zu den folgenden Ausführungen: Nohlen, D. / Schultze, R. 2004: S. 909f. (,,Staat")
7 Vereinte Nationen 1998: S. 18.
8 Nohlen ebd.
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Hausarbeit
Erbe der Kolonialzeit? Demokratisierung im postkolonialen in Simbabwe und Botswana
einsetzenden Dekolonisierung Bedeutung erlangt.9 Bereits der koloniale Staat hatte einen
nachhaltigen negativen Einfluss auf die bestehenden afrikanischen gesellschaftlichen
Verhältnisse, indem er die gewachsenen religiösen, kulturellen und ethnischen Strukturen
missachtete oder gar aktiv bekämpfte obschon etwa Großbritannien etwa in Indien mitunter
auch einen gehörigen Aufwand betrieb, um die bestehenden Traditionen und Gebräuche zu
verstehen und für die eigenen Zwecke zu missbrauchen.
Fragen wir uns nach den Hintergründen der Dekolonisierung, sehen wir uns bereits mit dem
ersten schwerwiegenden Problem konfrontiert: Den einen, alles erklärenden Erklärungsansatz
zum Prozess der Dekolonisierung in Afrika gibt es nicht.10 Die Ansätze reichen von einem
geregelten ,,Transfer of Power" in Folge der veränderten ökonomischen und politischen
Verhältnisse in Europa mit den europäischen Kolonialmächten als der treibenden Kraft, bis zur
Deutung eines unaufhaltsamen Freiheitskampfes ,,towards freedom", in dem es die
ehemaligen Kolonien selbst waren, die sich befreiten und gegen den Willen der
Kolonialmächte die Unabhängigkeit erlangten. Weitere Erklärungsansätze sehen die Rolle der
Kollaborateure in den Kolonien als entscheidendes Kriterium oder stellen den Prozess in den
Kontext der internationalen Beziehungen, der antikolonialen Haltung der Vereinten Nationen
(VN) und des Ost-West-Konflikts. Ernüchterndes Fazit: Weder die Politik der Kolonialmächte
und die Ansätze aus den Kolonien, noch die wirtschaftliche Entwicklung und der
internationale Kontext können allein ,,Dekolonisierung" zufriedenstellend erklären.11
Für den postkolonialen Staat in Afrika bedeutet dies zunächst zweierlei: Er konnte auf
keinerlei eigene staatsrechtliche Tradition zurückgreifen, auf der es einen Staat aufzubauen
galt, sah sich gleichzeitig aber dem internationalen System mit der Nation als einzig legitime
Herrschaftseinheit konfrontiert. Durch den Wegfall kolonialer Strukturen wurde das latente
Machtvakuum zudem noch in erheblichem Maße verstärkt.12 Andreas Eckert weist in diesem
Zusammenhang auf den seines Erachtens überraschenden und für die Kolonialmächte sehr
schnell verlaufenen Prozess der Dekolonisierung hin.13
John Comaroff sieht im Wesentlichen zwei Szenarien der Nationenwerdung in Afrika, ,,one,
based on universal rights, free citizenship and individual liberty, the other on group
entitlement, ethnic sovereignity and ,primordial′ cultural affinity."14 Hierin sieht er auch das
entscheidende Konfliktpotential für den postkolonialen Staat und dessen Weg zur
,,demokratischen" Nation. Albert Wirz macht deutlich, dass die Entwicklung des
demokratischen Prinzips ,,one man one vote" in den europäischen Staaten selbst einen
langwierigen Prozess darstellte, während in den kolonial geschaffenen Staaten nach dem Ende
des Zweiten Weltkrieges das allgemeine und gleiche Wahlrecht implementiert werden sollte,
9 Vgl. Osterhammel, J. 2001.
10 Vgl. hierzu und zu den folgenden Ansätzen: Rothermund, D. 2006.
11 John Darwin nach: Rothermund, D. 2006: S. 30.
12 Vgl. zum kolonialen Staat auch Comaroff, John L. 2002.
13 Eckert, Andreas 2006: Kolonialismus. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main.
14 Comaroff, John L. 2002: S. 131.
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Hausarbeit
Erbe der Kolonialzeit? Demokratisierung im postkolonialen in Simbabwe und Botswana
,,lange bevor die Schulbildung jene Breite erreicht hatte, die in Europa für eine
funktionierende Demokratie als unabdingbar gegolten hatte."15 Dies und die
Konkurrenzsituation des Kalten Krieges hätten schließlich zu einer ,,besonders tiefen Kluft
zwischen Wunsch und Wirklichkeit"16 geführt.
Letztlich erkannten auch die afrikanischen Staaten selbst in Form eines Beschlusses der
Organisation Afrikanischer Einheit (OAU) bereits 1963 die unter den europäischen
Kolonialmächten ausgehandelte Grenzziehung auf dem afrikanischen Kontinent als Grundlage
postkolonialer Staatlichkeit an. ,,The European template of the nation state was to a large
extend adopted by the former colonies."17 Dies erscheint in gewisser Weise auch paradox, da
man sich doch gerade von den kolonialen Strukturen loszulösen versuchte. "After having been
denied self-determination for a long time, the people of the colonies had come to look upon
the nation state as the aim of their political aspirations."
2.1.2 | Demokratisierung nach europäischem Vorbild
Auf der Berliner Konferenz 1885 wurde über den Status des Kongo sowie die Modalitäten der
Kolonialisierung entschieden. In den bilateralen Folgeverhandlungen wurde Afrika durch die
Kolonialmächte in Gebietseinheiten aufgeteilt Gemeinwesen, Königreiche und Völker
wurden willkürlich gespalten und zusammengefasst. In den sechziger Jahren nun ,,traten die
soeben unabhängig gewordenen afrikanischen Staaten das Erbe dieser kolonialen Grenzen
an."18 Die nationale Einheit und der Aufbau wurden zur Legitimation von Machtkonzentration
und zur Unterdrückung politischen Pluralismus missbraucht.
Der präkoloniale afrikanische Kontinent steht allgemein in keiner demokratischen Tradition
westlicher Prägung.19 Die heute in Afrika zu findenden politischen Systeme (überwiegend
Einparteiensysteme) beruhen auf Verfassungen und rechtlichen Grundlagen, die den Werten,
Normen und Traditionen der kolonialen Vormächte. Das europäische Ideal jedoch eines
ausdifferenzierten und im demokratischen Wettbewerb befindlichen Mehrparteiensystems
scheiterte in seiner praktischen Umsetzung an den spezifischen Verhältnissen des
afrikanischen Kontinents. Eine dominante Partei und mit ihr charismatische Führer wurden
zur Regel der ,,gescheiterten Demokratien". Die ethnische Vielfalt zahlreicher afrikanischer
Länder führte damit nicht zwangsläufig zu einem pluralistischen Parteiensystems, sondern
eher noch zur Verstärkung innergesellschaftlicher Spannungen, Interessen- und Klientelpolitik
entlang ethnischer Grenzen und Abspaltungstendenzen diverser Gruppen.
Die eurozentristische Sichtweise hilft bei der Einschätzung zur Lage der Demokratie und zum
Fortschritt der Demokratisierung jedoch nicht weiter und führt geradezu zwangsläufig zum
Ergebnis massiver Demokratiedefizite und gescheiterter demokratischer Staaten. Dies wurde
15 Wirz, A. 1999: S. 271.
16 ebd.
17 Beide Zitate: Rothermund, D. 2006: S. 243.
18 Vereinte Nationen 1998: S. 2.
19 Vgl. hierzu und zum folgenden Absatz vor allem Illy, 1980.
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