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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2002, 29 Pages
Author: Frank Stüdemann
Subject: History - Middle Ages, Early Modern
Details
Institution/College: University of Rostock (Historisches Institut)
Tags: Radikaler, Prediger, Umfeld, Thomas, Müntzer, Zwickau, Prag, Allstedt, Geschichte, Hauptseminar, Reformation
Year: 2002
Pages: 29
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 30 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-22132-5
ISBN (Book): 978-3-640-22330-5
File size: 193 KB
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Abstract
Das Urteil über Thomas Müntzer unterliegt unterschiedlichen Gegensätzen und starken Schwankungen. Die meisten sehen in ihm einen ruhelosen Fanatiker, andere einen Streiter für Wahrheit und Gerechtigkeit. Gleichzeitig gehen von ihm Faszination und Ablehnung aus und bestimmen den Umgang und das Verständnis für ihn. So urteilt er selbst über seine Person in einem Brief: „Er (mein Name) ist abber dem armen durftigen heuflin eyn susser geroch des lebens und den wollustigen menschen eyn misfallender greuell swynden vorterbens.“ Denn er ist ein Produkt der Reformation, der allgemeinen Krise des Feudalismus am Ende des 16. Jahrhunderts und zugleich auch wie die Reformation selbst eine Antwort auf den tiefgreifenden Strukturwandel der spätmittelalterlichen Gesellschaft, der schon zum Ende des 15. Jahrhunderts einsetzte und im 16. Jahrhundert zu einer neuen gesellschaftlichen Formierung führte. Die Ursachen der Reformation bestanden aus vielen Zutaten. Frühkapitalismus und Verlagswesen, Agrarkrise und Territorialstaatlichkeit waren aber nicht allein für den Niedergang des feudalistischen Gesellschaftssystems verantwortlich, auch der kirchliche Sittenverfall war von entscheidendem Charakter. Der Himmel selbst, war damals käuflich geworden. Oftmals galt die feudale Kirche in diesen Krisenzeiten als letzte Orientierungshilfe im Leben der Menschen. Der Reflex auf Unzucht und Moralverfall der Kirche drückte sich in der damaligen Gesellschaft durch eine verstärkte Anfälligkeit für Apokalyptik und Prophetie und ebenso durch ein wachsendes Bedürfnis nach Gnade, Rechtfertigung und Erlösung aus. Besonders deutlich wurde diese neue Frömmigkeit dokumentiert durch den Ablasshandel und die Wallfahrtbewegungen, sowie durch die immer häufiger auftretenden Volksprediger und Erscheinungen. Die frühneuzeitliche Stadt spielte jedoch im Prozess, den wir Reformation nennen, eine wichtige Rolle. Der Satz Dickens „The German Reformation was an urban event“ ist mittlerweile fast zu einem geflügelten Wort geworden. Schließlich erweiterte Obermann diese Aussage noch in einem besonderen Sinn auf die Gesamtsicht: „So war die städtische Reformation die eigentliche gewesen, die dann aber später von den einzelnen Fürsten in Eigennutz gelähmt und sterilisiert worden war.“ [...]
Excerpt (computer-generated)
Universität Rostock
Philosophische Fakultät
Historisches Institut
Hauptseminar: Die Reformation SS 2002
Thema der Arbeit:
Radikaler Prediger und städtisches Umfeld - Thomas Müntzer in Zwickau, Prag und
Allstedt
von
Frank Stüdemann
Gliederung
1. Einleitung 3
2. Thomas Müntzer; Eine eigentümliche Biographie 4
3. Stadt, Kirche und Reformation 6
4. Thomas Müntzer und die Stadt 9
4.1 Zwickau 13
4.2 Prag 17
4.3 Allstedt 19
5. Abschließende Bemerkung 25
6. Quellen und Literatur 26
6.1 Quellen 26
6.2 Literatur 26
2
1. Einleitung
Das Urteil über Thomas Müntzer unterliegt unterschiedlichen Gegensätzen und starken
Schwankungen. Die meisten sehen in ihm einen ruhelosen Fanatiker, andere einen Streiter für
Wahrheit und Gerechtigkeit. Gleichzeitig gehen von ihm Faszination und Ablehnung aus und
bestimmen den Umgang und das Verständnis für ihn.1 So urteilt er selbst über seine Person in
einem Brief: ,,
Er (mein Name) ist abber dem armen durftigen heuflin eyn susser geroch des
lebens und den wollustigen menschen eyn misfallender greuell swynden vorterbens.
"2 Denn er
ist ein Produkt der Reformation, der allgemeinen Krise des Feudalismus am Ende des 16.
Jahrhunderts und zugleich auch wie die Reformation selbst eine Antwort auf den
tiefgreifenden Strukturwandel der spätmittelalterlichen Gesellschaft, der schon zum Ende des
15. Jahrhunderts einsetzte und im 16. Jahrhundert zu einer neuen gesellschaftlichen
Formierung führte.3 Die Ursachen der Reformation bestanden aus vielen Zutaten.
Frühkapitalismus und Verlagswesen, Agrarkrise und Territorialstaatlichkeit waren aber nicht
allein für den Niedergang des feudalistischen Gesellschaftssystems verantwortlich, auch der
kirchliche Sittenverfall war von entscheidendem Charakter. Der Himmel selbst, war damals
käuflich geworden. Oftmals galt die feudale Kirche in diesen Krisenzeiten als letzte
Orientierungshilfe im Leben der Menschen. Der Reflex auf Unzucht und Moralverfall der
Kirche drückte sich in der damaligen Gesellschaft durch eine verstärkte Anfälligkeit für
Apokalyptik und Prophetie und ebenso durch ein wachsendes Bedürfnis nach Gnade,
Rechtfertigung und Erlösung aus.4 Besonders deutlich wurde diese neue Frömmigkeit
dokumentiert durch den Ablasshandel und die Wallfahrtbewegungen, sowie durch die immer
häufiger auftretenden Volksprediger und Erscheinungen.
Die frühneuzeitliche Stadt spielte jedoch im Prozess, den wir Reformation nennen, eine
wichtige Rolle. Der Satz Dickens ,,
The German Reformation was an urban event
" ist
mittlerweile fast zu einem geflügelten Wort geworden.5 Schließlich erweiterte Obermann
diese Aussage noch in einem besonderen Sinn auf die Gesamtsicht: ,,So war die städtische
Reformation die eigentliche gewesen, die dann aber später von den einzelnen Fürsten in
Eigennutz gelähmt und sterilisiert worden war."6 Die spätmittelalterliche bzw.
frühneuzeitliche Stadt spielte aber auch im Leben der Hauptreformatoren Luther, Calvin,
1 Goertz, Hans- Jürgen: Thomas Müntzer. Mystiker-Apokalyptiker-Revolutionär. München 1989, S. 7.
2 Müntzer an Friedrich den Weisen, in: Franz, Günther (Hrsg.): Thomas Müntzer. Schriften und Briefe.
Gütersloh 1968, S. 395; Z 15ff.
3 Van Dülmen, Richard: Reformation als Revolution. Soziale Bewegung und religiöser Radikalismus in der
deutschen Reformation. München 1977, S. 9.
4 Ebenda, S. 15.
5 Zitiert nach: Moeller, Bernd: Die Reformation und das Mittelalter. Göttingen 1991, S. 112.
6 Obermann, Heiko: Die Reformation. Von Wittenberg nach Genf. Göttingen 1986, S. 21.
3
Zwingli und Müntzer eine besondere Rolle. Denn sie alle waren Bürger von mindestens einer
Stadt und hatten deren Bürgerrecht inne. Ihr Hauptbetätigungsfeld war die Stadt. Die
Universitäten, an denen sie ihre Ausbildung genossen hatten, lagen in der Stadt. Und
schließlich waren es auch städtische Ereignisse, die sie zu ihrem Handeln veranlassten.
Luthers Thesenanschlag von 1517 galt als Polemik gegen den Ablasshandel und Müntzers
relativ langsame und stetige Radikalisierung vollzog sich in der Stadt.
Diese Arbeit soll die Zusammenhänge zwischen städtischen Unruhen und Konflikten und dem
Wirken Müntzers in den jeweiligen Städten herausarbeiten. Weiterhin soll auch der Prozess
der Radikalisierung Müntzers durch die Stadt, gemeint ist die Entfernung von Luther und
seiner Lehre, dargelegt werden. Die drei ausgewählten Städte Zwickau, Prag und Allstedt sind
dabei als wichtige Aufenthaltsorte Müntzers zu verstehen. Letztendlich soll die
Wechselwirkung Stadt- Müntzer und Müntzer- Stadt untersucht und dargestellt werden.
2. Thomas Müntzer; Eine eigentümliche Biographie
Die Aufgabe dieses Kapitels in dieser Arbeit soll nicht die chronologische Auflistung
Müntzers Lebensdaten sein. Vielmehr soll die Problematik, die um die Person Thomas
Müntzer rankt, veranschaulicht und ein kleiner Einblick in diese gegeben werden. Eindeutig
ist aber festzustellen, dass Müntzer kein radikaler Revolutionär vom ersten Tag an war. Seine
Radikalisierung ist als Prozess zu verstehen bzw. in seinem Fall war es eine
Auseinandersetzung im theologischen Sinne mit seiner ihn umgebenden Umwelt. Die Städte
spielten dabei entscheidende Rollen. Denn sie wirkten wie Brenngläser und fokussierten die
Probleme jener Zeit, an denen dann Müntzer immer mehr Anstoß nahm.
Das was wir von Müntzer wissen, stammt aus einem knappen halben Jahrzehnt. In den Jahren
1520 25 entstanden größtenteils die Quellen und Überreste mit denen die Historiker heute
Müntzers Leben zu rekonstruieren versuchen. ,,
Es war trübe um ihn von vorne an.
"7 Mit
diesem Satz beginnt die biographische Gesamtphilosophie von Bloch. Selbstredend könnte
dieser Satz für die gesamte Forschung stehen, die sich mit dem Leben Müntzers vor 1520
beschäftigt. Das allgemeine Elend einer Müntzerbiographie, wie Steinmetz es bezeichnend
ausdrückte, liegt also in seinen Jugendjahren.8 Die Jugendjahre sind aber auch der Schlüssel
zu Müntzer selbst und zugleich ein Wagnis. Goertz sieht in ihnen die Möglichkeit die
Sozialisationsinstanzen, das Umfeld und die Ereignisse, die Müntzer prägten, näher zu
7 Bloch, Ernst: Thomas Müntzer als Theologe der Revolution. Berlin 1960, S. 14.
8 Steinmetz, Max: Thomas Müntzers Weg nach Allstedt. Eine Studie zu seiner Frühentwicklung. Berlin 1988, S.
9.
4
untersuchen. Er meint, dass nur so die ,,verzehrten Bilder"9 und die ,,verwehten Spuren"10
aufgeklärt und gefunden werden könnten. In einem ist sich die Forschung jedoch einig, dass
die Frage nach den Eltern Müntzers und ihrer sozialen Herkunft offen bleiben muss. Diese
Ungewissheit ist durch die schlechte Quellenlage bedingt und wird auch in Zukunft große
Spielräume für Interpretationen und auch Spekulationen zu lassen.11 Bubenheimer, der sich
intensiv mit der Frühzeit Müntzers auseinandergesetzt und die wenigen noch vorhandenen
Quellen einer weiteren Revision unterzogen hat, zeichnet einen eher unauffälligen und sich
vom Durchschnitt der damaligen Menschen kaum abhebenden Zeitgenossen.12 Einzig seine
hohe Ortsunabhängigkeit war auffallend. Schon während seiner Jugendjahre schien es für
Müntzer nicht problematisch zu sein längere Reisen zu machen. Diese hohe
Mobilitätsbereitschaft zog sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Sie passte zu seinem
ruhelosen Charakter. Letztlich erklärte sie sich aber durch seine Studienaufenthalte und später
dann durch den Lehrer- und Predigerberuf, den er ausübte. Aber nichts, von dem bis jetzt
genannten, lässt auf einen revolutionären Müntzer schließen oder auf einen Menschen, der
sich ,,
auf dem Weg zur
Revolution
"13 befand. Aber wie passt nun dieses Bild zu Müntzer? Zu
dieser mystischen Person deutscher Frühgeschichte?
Betrachtet man die Daten nüchtern, so sind Geburtsjahr und Geburtsort nicht wirklich amtlich
bekannt. Jedoch kann man mit großer Wahrscheinlichkeit festhalten, dass Müntzer in
Stollberg im Harzland geboren wurde. Müntzer selbst dazu: ,,
Ich, Thomas Muntzer, bortig von
Stollberck
."14 Sein Geburtsjahr ist umstritten. Aber geht man davon aus, dass Müntzer
ungefähr 17 Jahre alt war als er sich 1506 in Leipzig immatrikulieren ließ, dann müsste sein
Geburtsjahr um 1489/90 liegen.15 Gewöhnlich fiel der Abschluss der Lateinschule in das 17.
Lebensjahr. Danach schloss sich nahtlos der Besuch einer Universität an. Auch die soziale
Herkunft Müntzers Familie liegt im Dunkeln. Gleichwohl existieren mehrere Beweise, dass
Müntzer nicht dem Ideal der marxistischen Geschichtsforschung entsprechend als
Revolutionär den unteren Schichten der Gesellschaft entstammte. Zunächst wäre dort sein
Familienname zu nennen, der dem Berufsbild und dem Berufsverständnis gemäß oft als
Beiname von Münzmeistern angenommen wurde. Wahrscheinlich war er der Sprössling einer
9 Goertz, Hans- Jürgen: Thomas Müntzer. Mystiker-Apokalyptiker-Revolutionär. München 1989, S.17.
10 Ebenda, S. 38.
11 Bensing, Manfred: Thomas Müntzers Frühzeit, in: ZfG (14) 1966, S. 428.
12 Bubenheimer, Ulrich: Thomas Müntzer. Herkunft und Bildung. Köln 1989, S. 233. Eine hervorragende
Mikrostudie zu Müntzers Frühzeit.
13 Brendler, Gerhard: Thomas Müntzer. Geist und Faust. Berlin 1989, S. 44. Die Ansicht, dass Müntzer der
Wegbereiter der frühbürgerlichen Revolution gewesen war, ist in der marxistischen Geschichtsschreibung weit
verbreitet.
14 Prager Manifest, in: Franz, Günther (Hrsg.): Thomas Müntzer. Schriften und Briefe. Gütersloh 1968, S. 491; Z
1.
5
wohlhabenden Handwerkerfamilie aus Mitteldeutschland, die unter den Münzmeistern und
Goldschmieden zu suchen ist.16 Für diese Schicht waren vor allem wirtschaftliche Expansion
und sozialer Aufstieg bestimmend. Dass Müntzers Familie nicht gerade unvermögend war,
zeigt ein Brief den Müntzer seinem Vater geschickt hatte.17 Der wirtschaftliche Erfolg dieser
Stadtbürger ließ ihr Interesse an guter Bildung ansteigen. So waren es besonders die Söhne
dieser Stadtbürger, welche die Bildungsideale des Humanismus aus den Universitäten in die
Städte brachten und so auch die Stadttore für reformatorische Ideen öffneten. Ihre geistige
Mobilität ging Hand in Hand mit ihrer räumlichen und sozialen Mobilität.18 Eine Lebens- und
Denkweise, die in Müntzers Biographie gut zu verfolgen ist. Abschließend lässt sich
zusammenfassen, dass sich mit Müntzers Bekanntheitsgrad auch die Informationen über seine
Person und seine Taten vermehrten.
3. Stadt, Kirche und Reformation
Wie bereits erwähnt spielt die Stadt in der Reformation eine besondere Rolle. Dies ist umso
erstaunlicher, weil der größte Teil der damaligen Bevölkerung auf dem Lande lebte. Also
kann man konstatieren, dass die Reformation nicht von der Mehrheit, sondern von einer
Minderheit, die in der Stadt lebte, ausging. Der ländlichen Bevölkerung wird kaum eine
schöpferische Rolle in der Reformation zugesprochen.19 Erst später griffen die
reformatorischen Ideen auf die Landbevölkerung über und letztendlich überschritten sie erst
danach die Grenzen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Ohne die Stadt, aber
vor allem die Reichsstadt, hätte die Reformation niemals ihre Weltwirkung erhalten. Dabei
darf jedoch nicht vergessen werden, dass die Stadtkultur des Heiligen Römischen Reichs
deutscher Nation durch Mittel- und Kleinstädte geprägt war. Großstädte waren eher seltener.
Anzahl von Städten im Heiligen Römischen Reich (Deutschland, Österreich, Böhmen nach
Einwohnerzahlen)20
Einwohnerzahlen
um 1500
mehr als 10000
26
zwischen 2000 und 10000
175 bis 200
zwischen 1000 und 2000
einige Hundert
bis 1000
knapp 3000
Insgesamt:
ca. 3500
15 Böhmer, Heinrich: Studien zu Thomas Müntzer. Leipzig 1922, S. 12.
16 Bubenheimer, S. 230.
17 ,,
Meyne muter hat genuck zu euch bracht, das myr vil leuthe zu Stolberk und Quedellingeburck bezeugen ... .
",
in: Franz, Günther (Hrsg.): Thomas Müntzer. Schriften und Briefe. Gütersloh 1968, S. 361; Z 16ff.
18 Bubenheimer, S. 231.
19 Wohlfeil, Rainer: Einführung in die Geschichte der deutschen Reformation. München 1982, S. 118.
20 Schilling, Heinz: Die Stadt in der Frühen Neuzeit. München 1993, S. 8.
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