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Examination Thesis, 2005, 91 Pages
Author: Frank Stüdemann
Subject: History - Middle Ages, Early Modern
Details
Institution/College: University of Rostock (Historisches Institut)
Tags: Stralsund, Stadt, Festung, Entwicklung, Befestigungsanlagen, Mitte, Jahrhunderts, Ende, Nordischen, Krieges, Staatsexamensarbeit
Year: 2005
Pages: 91
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 105 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-21694-9
File size: 3129 KB
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Abstract
[...] In den folgenden Abschnitten soll die äußerliche Veränderung der Stadt Stralsund von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des großen Nordischen Krieges (1700 - 1721) dargestellt werden. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem der Wandel des Stadtbildes unter schwedischer Herrschaft; also der äußere Wandel von der spätmittelalterlichen Stadt zur frühneuzeitlichen Festungs- und Garnisonsstadt. Ermutigt wurde der Autor zu der vorliegenden Arbeit durch verschiedene Gründe. Zum einen durch die im Hauptseminar „Die Stadt in der Neuzeit“ gemachten Erfahrungen mit dem Stadtarchiv Stralsund; die gute Verfügbarkeit der Quellen und die regionale Nähe des Themas und des Archivs. Zum anderen war für die Wahl auch die relativ lange und homogene Dauer der schwedischen Herrschaft über die Stadt entscheidend. Denn die Schweden verfügten zu jener Zeit über eine in mancher Beziehung an der Spitze der europäischen Armeen stehende Militärverwaltung. Die schwedische Armee war nicht nur die erste Nationalarmee Europas, sondern besaß auch ein gut organisiertes und hochentwickeltes Artillerie- und Befestigungswesen. Die Kriegsingenieure mussten ihre Um- und Ausbauten an den Befestigungen für die staatliche Bürokratie festhalten. Dadurch haben sich auch umfangreiche Akten-, Plan- und Kartensammlungen im Stadtarchiv Stralsund aus dieser Zeit erhalten. Inhaltlich ist die Arbeit zweigeteilt. Um das Thema in seinen historischen Rahmen besser einbetten zu können, wird dem empirischen Teil ein theoretischer vorangestellt. Dabei soll die Entwicklung der absolutistischen Festungsstadt aus der ummauerten Stadt des Mittelalters im Umkreis frühneuzeitlicher Staatlichkeit dargestellt werden. Ebenfalls werden noch knapp die Beziehungen zwischen Stadtbürger und Soldat veranschaulicht. Vor diesem Hintergrund soll dann im zweiten Teil der Arbeit die Genese der Befestigungsanlagen Stralsunds rekonstruiert werden. Das wird vor allem durch Festungspläne und Akten, die im Stadtarchiv Stralsund lagern, geschehen. Die Pläne sind von außerordentlicher Qualität, einer Ausführlichkeit und Exaktheit, die detaillierte Aussagen zulassen wird. [...]
Excerpt (computer-generated)
Universität Rostock
Philosophische Fakultät
Historisches Institut
Staatsexamensarbeit im Rahmen der Ersten Staatsprüfung für das Lehramt Gymna-
sium SS 2005
Vorgelegt von: Frank Stüdemann
Thema:
Stralsund frühneuzeitliche Stadt und schwedische Festung. Die Ent-
wicklung der Befestigungsanlagen von der Mitte des 16. Jahrhunderts
bis zum Ende des Nordischen Krieges
,,Es erweist sich als Gewohnheit der Fürsten, zur Sicherung ihres Landes Festungen
zu erbauen, welche ihnen als Zaum und Zügel ihrer Widersacher und als sichere Zu-
flucht bei einem ersten Angriff dienen. Ich billige dies Verfahren, da es von alters her
Brauch ist."
Niccolo Machiavelli, Der Fürst, Kapitel XX
2
Inhalt
Inhalt 3
1. Einleitung 4
2. Stadt und Militärstaat in der frühen Neuzeit 9
2.1 Entstehung und Ausprägung des frühneuzeitlichen Militärstaats 11
2.2 Entwicklung der Festungsstadt in der frühen Neuzeit 15
2.3 Die frühneuzeitliche Fortifikation 20
2.4 Das Leben in einer frühneuzeitlichen Festungsstadt 26
2.5 Abschließende Betrachtungen 29
3. Fallbeispiel Stralsund 30
3.1 Forschungstand und Quellenlage 31
3.2 Das Verhältnis Schwedens zu Pommern und Stralsund 35
3.3 Die Befestigungen Stralsunds zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges 42
3.4 Der Einfluss Jan van Valckenburghs auf die Befestigungsarbeiten 47
3.5 Die Belagerung von 1628 50
3.6 Die erste Neubefestigung unter schwedischer Aufsicht (1630 1648) 54
3.7 Der Zustand der Befestigungsanlagen zwischen Westfälischem Frieden und
Nordischem Krieg (1648 1720) 61
4. Zusammenfassung und Ausblick 66
5. Quellen und Literatur 69
5.1 Quellen 69
5.2 Literatur 70
6. Anhang (Festungspläne) 81
3
1. Einleitung
Das Spätmittelalter bzw. die frühe Neuzeit waren Epochen großer Veränderungen in
der Gesellschaft. Fast alle Lebensbereiche der damaligen Menschen waren davon
betroffen. Die Reformation zerstörte das alte mittelalterliche Verhältnis des Men-
schen zu Gott und Kirche.1 Das Weltbild unterlag Veränderungen durch neue Natur-
erkenntnisse.2 Während Galilei und Kopernikus den Himmel neu ordneten, wuchs die
Größe der Landkarte fortwährend durch die Entdeckung der neuen Welt. Und so war
es auch unvermeidlich, dass das beständigste Element menschlichen Zusammenle-
bens, das Kriegführen, durch Wissenschaft und Technik beeinflusst und umgestaltet
werden musste.
,,
Die militärische Revolution
"3 veränderte grundlegend das Gesicht des Krieges auf
dem Kontinent. Piken, Armbrüsten, Langbögen und Musketen standen die feudalen
Ritteraufgebote fast hilflos gegenüber. Hinzu kam der soziale Wandel, der erst den
Übergang vom Ritterheer zum Söldner- und letztendlich zum stehenden Heer des
Absolutismus ermöglichte.4 Kriegführen war dadurch kein alleiniges Privileg des
Adels mehr.
Schießpulver und Feuerwaffen beeinflussten aber auch den Städtebau erheblich.
Das Aufkommen erster Belagerungsgeschütze hatte katastrophale Folgen für die
Städte.5 ,,
Die Bürgerfestungen
"6 des Mittelalters waren den Angreifern unterlegen
und wurden oftmals nach nur kurzem Beschuss und Belagerung eingenommen. Die
langen und hohen Ringmauern, die großen Tore, die vielen Türme und Wieckhäuser
1 Wohlfeil, Rainer: Einführung in die Geschichte der deutschen Reformation. München 1982, S. 13.
2 Gruber, Karl: Die Gestalt der deutschen Stadt. Ihr Wandel aus der geistigen Ordnung der Zeiten.
München 1952, S. 135.
3 Parker, Geoffrey: The military revolution. Military innovation and the rise of the west 1500-1800. New
York 1996, S. 4.
4 Wohlfeil, Rainer: Das Heerwesen im Übergang vom Ritter- zum Söldnerheer, in: Kunisch, Johannes;
Stollberg-Rillinger, Barbara (Hg.): Staatsverfassung und Heeresverfassung in der europäischen Ge-
schichte der frühen Neuzeit. Berlin 1986, S. 126 f.
5 Schmidtchen, Volker: Bombarden, Befestigungen, Büchsenmeister. Von den ersten Mauerbrechern
des Spätmittelalters zur Belagerungsartillerie der Renaissance. Düsseldorf 1977, S. 42 ff.
6 Stoob, Heinz: Die Stadtbefestigung. Vergleichende Überlegungen zur bürgerlichen Siedlungs- und
Baugeschichte, besonders in der frühen Neuzeit, in: Krüger, Kersten (Hg.): Europäische Städte im
Zeitalter des Barock. Gestalt-Kultur-Sozialgefüge. Köln 1988, S. 25.
4
konnten die Stadt nur noch bedingt vor den neuen Feuerwaffen schützen. Es schien,
als sei das Zeitalter der ,,
vertical defense
"7 beendet gewesen.
Die politischen und militärischen Entwicklungen in Italien brachten im Verlauf des
15. und 16. Jahrhunderts neue Konzeptionen der idealen Stadt hervor. War die idea-
le Stadt bis dahin der Versuch gewesen den Menschen ein harmonisches Zusam-
menleben zu ermöglichen, wurde nun dieser Entwurf immer deutlicher durch das Mi-
litär beansprucht.8 Die Festungspläne des 16. und frühen 17. Jahrhunderts lassen
offensichtlich werden, worauf es den Architekten und angehenden Ingenieuren an-
kam. In ästhetischer und fortifikatorischer Hinsicht wurde ,,
die ideale Stadt zu einer
gewaltigen Festung reduziert
."9 Oder anders ausgedrückt, die ideale Festungsstadt
war die bauliche Reaktion der Stadtbevölkerung auf die immer größer werdende mili-
tärische Bedrohung.
Die Festungsbaukunst der Renaissance entwickelte sich im 17. und 18. Jahrhun-
dert zu einer Wissenschaft, einer Spezialdisziplin der Geometrie und Mathematik,
weiter.10 Es bildeten sich eigene Befestigungsmanieren11 heraus, die ihre Aufmerk-
samkeit auf die geometrischen Grundformen einer Festung legten. Die Stärke einer
Festung war nicht mehr abhängig ,,
von der Dicke der Mauern
,
sondern von der Quali-
tät des Grundrisses
."12
Mit der Ausbildung des frühneuzeitlichen Staates, der mit Beamtenapparat und ste-
hendem Heer seine Territorien zentralistisch durchdrang, begann auch der langsame
Abstieg der autonomen Stadtgemeinden.13 Nur wenige große Städte schafften es,
sich dem Einfluss der Landesherren zu entziehen. Ihre finanzielle Validität und wirt-
schaftliche Unabhängigkeit ermöglichten ihnen eine Neubefestigung und somit eine
Erneuerung ihrer alten Wehrhaftigkeit.14 Auf diese Art und Weise wahrten sie ihren
7 Parker, S. 8.
8 Eaton, Ruth: Die ideale Stadt. Von der Antike bis zur Gegenwart. Berlin 2001, S. 56 f.
9 Ebenda, S. 59.
10 Vgl. Eichberg, Henning: Festung, Zentralmacht und Sozialgeometrie. Kriegsingenieurwesen des 17.
Jahrhunderts in den Herzogtümern Bremen und Verden. Köln 1989, S. 1 f.
11 Vgl. Krüger, Kersten: Wandel des Stadtbildes durch Festungsbau Oldenburg in dänischer Zeit, in:
Oldenburger Jahrbuch 87 (1987), S. 90. Abdruck der Befestigungsmanieren von 1527-1728 nach
Mandar.
12 Eichberg, Zentralmacht, S. 421.
13 Schilling, Heinz: Die Stadt in der frühen Neuzeit. München 1993, S. 41.
14 Vgl. für Bremen und Hamburg: Weber, Karl-Klaus: Johan van Valckenburgh. Das Wirken des nie-
derländischen Festungsbaumeisters in Deutschland 1609-1625. Köln 1995.
5
Status als alteuropäische Republiken; Inseln ,,
genossenschaftlicher Alternativen zur
fürstlich-herrschaftlich geleiteten Staatsbildung
."15 Mittel- und Kleinstädte wurden
zumeist in den Territorialverband eingegliedert und mit Funktionen belegt.16 Die
Festungs- und Garnisonsstadt stellt dabei nur einen von mehreren frühneuzeitlichen
Stadttypen dar.17 Denn staatliche Interessen und Absichten bestimmten von nun an
die Stadtentwicklung.
Die Idealstadt des Absolutismus war die Festungsstadt. Sie war das Spiegelbild der
damaligen Gesellschaft; die ,,
steingewordene Gesellschaftsordnung
"18 jener Zeit im
Zeichen eines immer stärker aufkommenden Militarismus.19
Die Festungen boten Schutz vor Angriffen, sperrten geographisch wichtige Gebiete,
versorgten Heere und definierten die Grenzen eines Territoriums. Festungen wurden
im 17. und 18. Jahrhundert zum ,,
eigentlichen Rückgrat
"20 der Landesverteidigung.
Die Erhebung einer Stadt zur Festung hatte aber auch einschneidende Konse-
quenzen für die Stadtgesellschaft. Die neuen weitläufigen Befestigungsanlagen ent-
wickelten einen enormen Raumbedarf, der die Stadtbevölkerung einengte.21 Vorstäd-
te und bürgerliche Gärten mussten einem freien Schussfeld weichen. Der städtische
Verkehr wurde auf wenige Ein- und Ausgänge kanalisiert und militärische Gebäude,
wie Kasernen und Zeughäuser, veränderten das Stadtbild zusätzlich. Gleichzeitig bot
die Anwesenheit des Militärs Schutz, vor allem aber waren die Soldaten kaufkräftige
Kundschaft, welche die städtische Wirtschaft nach ihren Wünschen und Bedürfnis-
15 Krüger, Kersten: Die Landständische Verfassung. München 2003, S. 9.
16 Schilling, S. 29; 66.
17 Vgl. Stoob, Heinz: Über frühneuzeitliche Städtetypen, in: Ders. (Hg.): Forschungen zum Städtewe-
sen in Europa I. Köln 1970, S. 246-284.
18 Gruber, S. 140.
19 Zur Problematik der frühneuzeitlichen Kriegsverdichtung vgl. Burkhardt, Johannes: Der Dreißigjäh-
rige Krieg. Frankfurt am Main 1992, S. 10 ff.
20 Heinisch, Reinhard-Rudolf: Die Stadt als Festung im 17. Jahrhundert, in: Rausch, Wilhelm (Hg.):
Die Städte Mitteleuropas im 17. und 18. Jahrhundert. Linz 1981, S. 285.
21 Böhmer, Christoph: Von der geschlossenen Stadt zur offenen Stadt. Die Befestigungsanlagen in
ihrer realen und ideellen Entwicklung, dargestellt an den beiden Städten Frankfurt und Köln (1800-
1933). Frankfurt am Main 1994, S. 12 f.
6
sen umorganisierte.22 Trotzdem blieben die Soldaten eine nicht oder nur schwerlich
in die Stadtgesellschaft zu integrierende Gruppe, ein fremdartiges Element.
Betrachtet man die dem Aufsatz von Stoob beiliegende Übersichtskarte zu den ver-
schiedenen Ausbaustadien städtischer Befestigungsanlagen, so wird schnell ersicht-
lich, wie intensiv das Militär das deutsche Städtewesen der frühen Neuzeit beein-
flusst hat.23 Viele Städte sind verschieden ausgebaut und modernisiert bzw. wo es
angebracht schien gänzlich neugegründet worden.24 Die vollständige Neuerbauung
war aber eine enorme finanzielle Belastung für den Staat und ist eher als eine Aus-
nahme anzusehen. Viel öfter wurden bereits vorhandene Befestigungsanlagen er-
neuert.
In den folgenden Abschnitten soll die äußerliche Veränderung der Stadt Stralsund
von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des großen Nordischen Krieges
(1700 - 1721) dargestellt werden. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem der Wandel
des Stadtbildes unter schwedischer Herrschaft; also der äußere Wandel von der
spätmittelalterlichen Stadt zur frühneuzeitlichen Festungs- und Garnisonsstadt.
Ermutigt wurde der Autor zu der vorliegenden Arbeit durch verschiedene Gründe.
Zum einen durch die im Hauptseminar ,,
Die Stadt in der Neuzeit
" gemachten Erfah-
rungen mit dem Stadtarchiv Stralsund; die gute Verfügbarkeit der Quellen und die
regionale Nähe des Themas und des Archivs. Zum anderen war für die Wahl auch
die relativ lange und homogene Dauer der schwedischen Herrschaft über die Stadt
entscheidend. Denn die Schweden verfügten zu jener Zeit über eine in mancher Be-
ziehung an der Spitze der europäischen Armeen stehende Militärverwaltung.25 Die
schwedische Armee war nicht nur die erste Nationalarmee Europas, sondern besaß
auch ein gut organisiertes und hochentwickeltes Artillerie- und Befestigungswesen.26
Die Kriegsingenieure mussten ihre Um- und Ausbauten an den Befestigungen für die
22 Krüger, Kersten: Militär und Stadt-Ratzeburg 1689-1695. Befestigung, Bombardierung und Wieder-
aufbau, in: Ders. (Hg.): Europäische Städte im Zeitalter des Barock. Gestalt-Kultur-Sozialgefüge. Köln
1988, S. 400 f.
23 Stoob, Stadtbefestigung, S. 25-54. Die Karte liegt dem Aufsatz im Buchtitel bei.
24 Zur finanziellen Problematik einer vollständigen Neugründung vgl. Langenbach, Henning: Fes-
tungsbau in Göteborg. Bauruine und Rekordprojekt 1619-1660. Eine Studie zu Planung, Durchfüh-
rung, Finanzierung, Abrechnung, Kosten und Organisation. Hamburg 2004.
25 Roberts, Michael: Sweden as a great power 1611-1697. Government, society, foreign policy. Lon-
don 1968, S. 200 f.
26 Vgl. Busch, Michael: Absolutismus und Heeresform. Schwedens Militär am Ende des 17. Jahrhun-
derts. Bochum 2000, S. 121 ff.
7
staatliche Bürokratie festhalten.27 Dadurch haben sich auch umfangreiche Akten-,
Plan- und Kartensammlungen im Stadtarchiv Stralsund aus dieser Zeit erhalten.
Inhaltlich ist die Arbeit zweigeteilt. Um das Thema in seinen historischen Rahmen
besser einbetten zu können, wird dem empirischen Teil ein theoretischer vorange-
stellt. Dabei soll die Entwicklung der absolutistischen Festungsstadt aus der ummau-
erten Stadt des Mittelalters im Umkreis frühneuzeitlicher Staatlichkeit dargestellt
werden. Ebenfalls werden noch knapp die Beziehungen zwischen Stadtbürger und
Soldat veranschaulicht.
Vor diesem Hintergrund soll dann im zweiten Teil der Arbeit die Genese der Befes-
tigungsanlagen Stralsunds rekonstruiert werden. Das wird vor allem durch Festungs-
pläne und Akten, die im Stadtarchiv Stralsund lagern, geschehen. Die Pläne sind von
außerordentlicher Qualität, einer Ausführlichkeit und Exaktheit, die detaillierte Aus-
sagen zulassen wird.
Methodisch folgt diese Arbeit Krügers Aufsatz über den Festungsbau in Olden-
burg.28 Im zweiten Teil werden nach einer kurzen Erläuterung der Forschungs- und
Quellenlage in chronologischer Reihenfolge die Arbeiten an den Befestigungsanla-
gen dargestellt. Zur Begrenzung der einzelnen Kapitel werden historisch prägnante
Ereignisse der Stadtgeschichte und der schwedischen Geschichte genutzt. Der ge-
wählte Beginn des Betrachtungszeitraums, der Übergang vom Spätmittelalter zur
Neuzeit, erklärt sich durch den politischen und wirtschaftlichen Verfall Stralsunds und
die damit verpasste Neubefestigung. Das Ende des Betrachtungszeitraums stellt die
Niederlage der schwedischen Waffen im großen Nordischen Krieg dar. In diesem
Krieg verlor nicht nur der schwedische König Karl XII. sein Leben, sondern mit ihm
endete auch der Kampf um die Ostseeherrschaft (
dominium maris baltici
). Schwe-
dens Großmachtzeit (
stormaktstid
) war vorüber. Schweden erholte sich militärisch
nie wieder von dieser Niederlage und deshalb soll auch hier die Betrachtung der Be-
festigungsanlagenentwicklung Stralsunds enden.
27 Eichberg, Henning: Militär und Technik. Schwedenfestungen des 17. Jahrhunderts in den Herzog-
tümern Bremen und Verden. Düsseldorf 1976, S. 8 f.
28 Vgl. Anm. 11 dieser Arbeit.
8
2. Stadt und Militärstaat in der frühen Neuzeit
Die frühmoderne Staatsbildung hat die Entwicklung und die Geschichte von Stadt
und Bürgertum in Europa außerordentlich beeinflusst. Dabei stellte sich aber in den
deutschen Ländern eine besondere Lage dar. Denn hier fand ,,
die Neuformierung der
politischen Ordnung
(...)
auf zwei Ebenen
"29 statt. Zum einen in den einzelnen Terri-
torien in Form der Herausbildung des frühmodernen Staates und zum anderen auf
Reichsebene als Formierung des frühneuzeitlichen Reichssystems.
Diese beiden Prozesse beeinflussten auf ihre Art und Weise, wenn auch mit unter-
schiedlichem Ausmaß, Existenz, Stellung und Handlungsspielraum der deutschen
Städte. Besonders der Aufstieg des neuzeitlichen Staates veränderte das Bezugs-
system zwischen Stadt und Territorium. Der Prozess der Staatsbildung schuf neue
politische Realitäten, in denen andere rechtliche und politiktheoretische Grundsätze
eine Rolle spielten.30 Waren die Städte bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts die ,,
Moto-
ren der Modernisierung
"31 im Reich, übernahmen danach die Landesherren immer
mehr diese Rolle und konnten auf diesem Wege ihren Einfluss auf die Städte aus-
bauen. Um ihre Autonomietradition zu wahren, versuchten die Städte im 16. Jahr-
hundert verstärkt den Status der Reichsfreiheit anzustreben.32 Mit wachsendem
Druck der Territorien schien zur Wahrung ihrer althergebrachten Rechte der Schutz
durch die Reichsverfassung immer attraktiver zu werden.
Gestärkt durch die Wiederbelebung des Römischen Rechts und durch die Rezepti-
on der Souveränitätslehre Bodins zwangen die Landesherren fast alle öffentlichen
und privaten Bereiche des städtisch-bürgerlichen Lebens unter die Verfügungsgewalt
des Staates. Darunter fielen Armenfürsorge, Gerichtsbarkeit, Gesetzgebung, Bil-
dungswesen, Wirtschaft, Finanzen, kirchliche und militärische Angelegenheiten. Den
entscheidenden Einschnitt in die vielschichtige Beziehungslage zwischen Stadt und
Staat stellt der Dreißigjährige Krieg dar. Das Ergebnis dieses Krieges waren größten-
teils wirtschaftlich und finanziell stark geschwächte Städte, die den Souveränitätsan-
sprüchen der jeweiligen Landesherren hilflos gegenüber standen.33
29 Schilling, S. 38.
30 Ebenda, S. 39.
31 Czok, Karl: Die Stadt. Ihre Stellung in der deutschen Geschichte. Leipzig 1969, S. 124.
32 Moeller, Bernd: Reichsstadt und Reformation. Berlin 1987, S. 12 f.
33 Krüger, Landständische Verfassung, S. 27.
9
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