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Subtitle: Politische Integrationsangebote als ein weiteres konstitutives Element totalitärer Herrschaftssysteme
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 28 Pages
Author: Lars Wegner
Subject: History - Newer History, European Unification
Details
Institution/College: Martin Luther University (Geschichte)
Tags: Funktion, Gesellschaftsordnung, Diktaturen, Jahrhundert, Ergebnisse, Perspektiven, Forschung
Year: 2008
Pages: 28
Bibliography: ~ 21 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-22139-4
ISBN (Book): 978-3-640-22336-7
File size: 199 KB
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Abstract
Dieser Aufsatz wird auf den industriell-städtischen Bereich der ehemaligen Sowjetunion, genauer auf dessen slawisch-europäisches Kerngebiet, der Jahre 1928-40 fokussieren. Besondere Aufmerksamkeit soll dabei folgenden Gruppen und deren charakteristischen Verhaltensweisen unter Berücksichtigung der jeweils aktuellen sozial-ökonomisch-politischen Umgebungsbedingungen zukommen, erstens der sowjetischen Arbeiterschaft und zweitens den aus dieser hervorgehenden Führungskadern in Industrie und Wirtschaft. Ferner sollen die ungeheuren verschiedenartigen Transformationsprozesse der dreißiger Jahre erfasst und ihre Auswirkungen auf das situationsspezifische Verhalten der genannten Gruppen aufgezeigt werden. Ziel einer solchen Darstellung soll die Identifikation der Arbeiterschaft und Eliten als weitere wesentliche herrschaftsstabilisierende und konstituierende Elemente des stalinistischen Systems sein. Dieses realpraktische Wirksamkeit entfaltende sozialgeschichtliche Moment kann, so die Annahme, bei der Erweiterung des bestehenden, primär den politischen Raum oberer Ebene analysierenden Totalitarismuskonzepts helfen und auf diese Weise zur Klärung der Entwicklungsbedingungen ‚moderner Diktaturen’ beitragen. Als alles entscheidende Fragen könnten sich dabei, die nach dem ‚Wie?’ und ‚Warum?’ von Identifikation, Partizipation und Integration der genannten Bevölkerungsschichten erweisen. Letztlich sollte sich derart belegen lassen, dass die stalinistisch geprägte Gesellschaftsordnung trotz ihrer massenhaften Opfer eine funktionierende war. Der eigentliche historische Erkenntnisgewinn könnte dabei in der Bestätigung folgender Annahme bestehen, der dass dieses ‚Funktionieren’ grundsätzlich positiv konnotiert war. Sollte sich diese Hypothese als wahr erweisen, müssten dieser Gesellschaft zugleich zwei konträre aber dennoch wesenhafte Merkmale zugeordnet werden. Zum einen der zielgerichtete Terror , durch Zwang gekennzeichnet und generell negativ besetzt. Zum anderen die anscheinend ständig vorhandenen Möglichkeiten zur ‚freiwilligen’ Integration , z. B. über die Bereitstellung von massenhaften Aufstiegschancen, verstanden als periodische Verschmelzung verschiedener Interessen zu einer sich uniform gestaltenden ‚Gesamtbewegung’, in der weder der Sozialismus als System noch die politische Führung als Machtfaktor in Frage gestellt wurden. [...]
Excerpt (computer-generated)
Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg
Institut für Geschichte
Hauptseminar: Diktaturen im 20. Jahrhundert. Ergebnisse und Perspektiven der internationalen Forschung
Zur Funktion der stalinistischen Gesellschaftsordnung 1928 bis 1940
Politische Integrationsangebote als ein weiteres konstitutives Element totalitärer Herrschaftssysteme
Lars Wegner
Inhaltsverzeichnis
1 Fragestellung ... 3
2 Die sowjetische Arbeiterschaft während des 1. und 2. Fünfjahresplans ... 6
2.1 Die massive Wandlung der sowjetischen Arbeiterschaft von 1928 bis 1935 ... 6
2.2 Integration via Leistung: Die ‚Stachanov-Bewegung’ ... 10
2.2.1 Zur Formierung und Zusammensetzung der ‚Stachanov-Bewegung’ ... 10
2.2.2 Politisches Bewusstsein und Mentalität ... 12
2.2.3 Widerstand, Krise und Wandel des ‚Stachanovismus’ ... 13
2.3 Integration per Parteibillet: Zur Entstehung ‚Neuer Eliten’ ... 15
3 Fazit ... 19
Literaturverzeichnis ... 26
Aufsätze ... 26
Monografien ... 27
1 Fragestellung
Dieser Aufsatz wird auf den industriell-städtischen Bereich der ehemaligen Sowjetunion, genauer auf dessen slawisch-europäisches Kerngebiet, der Jahre 1928-40 fokussieren. Besondere Aufmerksamkeit soll dabei folgenden Gruppen und deren charakteristischen Verhaltensweisen unter Berücksichtigung der jeweils aktuellen sozial-ökonomisch-politischen Umgebungsbedingungen zukommen, erstens der sowjetischen Arbeiterschaft und zweitens den aus dieser hervorgehenden Führungskadern in Industrie und Wirtschaft. Ferner sollen die ungeheuren verschiedenartigen Transformationsprozesse der dreißiger Jahre erfasst und ihre Auswirkungen auf das situationsspezifische Verhalten der genannten Gruppen aufgezeigt werden. Ziel einer solchen Darstellung soll die Identifikation der Arbeiterschaft und Eliten als weitere wesentliche herrschaftsstabilisierende und konstituierende Elemente des stalinistischen Systems sein.
Dieses realpraktische Wirksamkeit entfaltende sozialgeschichtliche Moment kann, so die Annahme, bei der Erweiterung des bestehenden, primär den politischen Raum oberer Ebene analysierenden Totalitarismuskonzepts1 helfen und auf diese Weise zur Klärung der Entwicklungsbedingungen ‚moderner Diktaturen’ beitragen.2 Als alles entscheidende Fragen könnten sich dabei, die nach dem ‚Wie?’ und ‚Warum?’ von Identifikation, Partizipation und Integration der genannten Bevölkerungsschichten erweisen. Letztlich sollte sich derart belegen lassen, dass die stalinistisch geprägte Gesellschaftsordnung trotz ihrer massenhaften Opfer eine funktionierende war. Der eigentliche historische Erkenntnisgewinn könnte dabei in der Bestätigung folgender Annahme bestehen, der dass dieses ‚Funktionieren’ grundsätzlich positiv konnotiert war. Sollte sich diese Hypothese als wahr erweisen, müssten dieser Gesellschaft zugleich zwei konträre aber dennoch wesenhafte Merkmale zugeordnet werden. Zum einen der zielgerichtete Terror3, durch Zwang gekennzeichnet und generell negativ besetzt. Zum anderen die anscheinend ständig vorhandenen Möglichkeiten zur ‚freiwilligen’ Integration4, z. B. über die Bereitstellung von massenhaften Aufstiegschancen, verstanden als periodische Verschmelzung verschiedener Interessen zu einer sich uniform gestaltenden ‚Gesamtbewegung’, in der weder der Sozialismus als System noch die politische Führung als Machtfaktor in Frage gestellt wurden. Die Annahme, dass sich der letztgenannte Faktor innerhalb dieser Analyse als der wirksamere der Beiden erweisen wird, erscheint schon im Vorfeld plausibel.5
‚Stalinistische Herrschaft’ ist im Rahmen dieser Arbeit als eine Form von Herrschaft totalitären Anspruchs aufzufassen, welche nicht nur mit der Person Stalins unauflöslich verbunden war, sondern ferner ein spezifisch komplexes Geschehen, getragen durch die sowjetische Gesellschaft, bezeichnet.6 Denn letztere bildete die Basis für jedwede Entwicklung, die sich an oder in ihr vollzog. Unter Beachtung dieser Prämissen scheint es vernünftig, die verschiedenen herrschaftsstabilisierenden Faktoren anhand ihres jeweiligen temporären Wirkungsgrades, d. h. unter Ansetzung spezifischer zeitlicher Phasen, zu definieren.7 Der ausgewählte Zeitraum zwischen 1928-40 lässt die Untersuchung genau dort beginnen, wo Stalin als führender und vielfach auch entscheidender politischer Handlungsträger identifiziert werden kann. Wobei der Wandel seiner tatsächlichen Verfügungsgewalt während dieser Epoche natürlich Berücksichtigung finden wird.8 Sie endet im letzten Vorkriegsjahr, just bevor die Sowjetunion ein weiteres Mal in ihrer Gänze, ausgelöst durch massive äußere Einflüsse und daraus resultierende veränderte innenpolitische Notwendigkeiten, gewaltigen Verschiebungen unterworfen wurde.
Dem Historiker stellt sich in diesem Zusammenhang einmal mehr das Problem der Fassbarkeit historischer Ereignisse, da, wie so oft, auch in der Sowjetunion unter Stalin politischer Anspruch und Wirklichkeit mitunter weit auseinander lagen. Verordnungen, Gesetze und Erlasse spiegeln zwar den totalitären Anspruch der Regierenden wider, wurden oder konnten aber nur selten in die Tat umgesetzt werden, was durch die Größe des Landes, die schwachen infrastrukturellen Vorraussetzungen und die multikulturell-ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung etc. noch begünstigt wurde. Diese Disparität setzte sich bei den damaligen, zumeist parteiinternen, statistischen Erhebungen fort, auf die man im Rahmen einer sozialhistorischen Analyse unabdingbar angewiesen ist. Das Bewusstsein dieses Missverhältnisses hält daher dazu an, jedwede prozentuale Angabe oder anderweitige Zahlennennung innerhalb dieser Betrachtung nicht als kritikfreies Faktum sondern eher als Vermittler einer spezifischen Tendenz innerhalb der Gesamtgesellschaft, die wiederum weiteren zeitlich-räumlichen Differenzierungen unterliegt, anzunehmen.
[...]
1 Nach Friedrich & Brzezinski 1968, S. 133-167.
2 Vgl. Kritik bei Gorzka 1991, S. 12 f..
3 Hilfreich ist hier die Unterscheidung von Terror und Gewalt. Vgl. Plaggenborg 1998 (b), S. 75.
4 Die Anführungszeichen des Beiwortes ‚freiwillig’ sollen auf die ‚praktische Unschärfe’ der gewählten Pole hindeuten, die oftmals, so der Eindruck, nur verschiedene Grade eines Phänomens darstellten.
5 Sinovjev formulierte es, wie folgt: „Die Sache ist die, dass der Stalinismus, ungeachtet aller Gräuel, eine echte Volksherrschaft, eine Volksherrschaft im tiefsten (ich sage nicht: im besten) Sinne des Wortes, und Stalin ein echter Volksführer war. […] Auch diese Repressionen [gemeint sind die Großen Säuberungen] waren eine Manifestation der Eigeninitiative der breiten Bevölkerungsmassen. Und heute fällt es schwer herauszufinden, wessen Anteil größer war – der Anteil der höchsten Missetäter, mit Stalin an der Spitze, oder aber der Anteil dieser breiten, angeblich betrogenen Bevölkerungsmassen.“ Vgl. Maier 1990, S. 17; Konträr zur ‚Stalinismus-Definition’ Baberowskis 1995, der diesen primär über Terror bestimmt. S. 129 und ders. 2000, S. 620.
6 In diesem Sinne ist der Stalinismus als eine ‚sozial kontextualisierte politische Geschichte’ zu deuten. Vgl. Plaggenborg 1998 (a), S. 25; ähnlich Schröder 1986, S. 490.
7 Vgl. Schröder 1986, S. 490 und Gorzka 1991, S. 13.
8 Dazu Maier 1990, S. 18 und Schröder 1988, S. 319 ff..
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