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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 33 Pages
Author: Katharina Berger
Subject: Romance Languages - Latin American Studies
Details
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Abstract
[...] Gerade deswegen scheint die Frage nach dem Bild von Exil und Diktatur bei Bolaño eine sehr interessante zu sein. Das Buchkapitel „Das Bild von Exil und Diktatur bei Bolaño“ soll also mit Hilfe der Einbettung des Themas in die theoretische Begrifflichkeit von Exil und Diktatur und des literaturgeschichtlichen Hintergrundes der Exilliteratur lateinamerikanischer Autoren auf Bolaños besondere Art, mit dem Thema in seiner Literatur umzugehen, hinführen. Dabei soll untersucht werden, inwiefern er die Literatur zur Verarbeitung des Themas benutzt, und wie sein autobiographischer Hintergrund und seine Einstellung zu Exil und Heimat Sprache und Stil beeinflusst. Hierzu werden ausgewählte Werke und Charaktere Bolaños näher untersucht. [...]
Excerpt (computer-generated)
Das Bild von Exil und Diktatur bei Roberto Bolaño
Abgabedatum: 24.05.2007
1. Einleitung 4
2. Das Bild von Exil und Diktatur bei Bolaño 5
2.1. Exil und Diktatur im Cono Sur 5
2.1.1 ,Exil′ Herleitung und Bedeutung 5
2.1.2. Militärdiktatur 7
2.1.3. Situation in Chile ab 1970 7
2.2. Exil und Diktatur in der lateinamerikanischen Literatur 10
2.2.1. Entwicklung der Exilliteratur 10
2.2.4. Themen: Wandel des exilkulturellen Selbstverständnisses 12
2.2.5. Exilerlebnis 13
3.2.6. Exil - Identität 13
2.2.7. Die Anderen (Militärs) 14
2.2.8. Funktionen und Aufgaben des Schreibens im Exil 15
2.2.9. ästhetische Struktur der Texte 17
2.2.3. Der Begriff ,Exilliteratur′ 17
2.3.
Das Bild von Exil und Diktatur in Bolaños Werken 18
2.3.1. Auswahl der Werke und kurze Beschreibung 18
2.3.2. Bolaño - Exilliteratur? 19
2.3.3. Exil bei Bolaño 20
2.3.4. Repräsentation der Militärdiktatur 22
2.3.5. autobiographisch motiviertes Erzählen (alter ego) 25
2.3.6. Heimat? 27
3. Fazit 30
Bibliographie: 32
3
1. Einleitung
Gerade wurde in den Vereinigten Staaten die Übersetzung von ,,Los detectives salvajes",
,,The savage detectives" veröffentlicht. Es ist bereits das 5. Buch Bolaños, das ins Englische
übersetzt wurde, doch scheint es in den USA einen besonders großen Eindruck zu machen,
was zwei lange Rezensionen im ,,The New Yorker" und im ,,Book Forum" beweisen. Er wird
in beiden in den Himmel gelobt: "There was one living Latin-American novelist whose avid
bookishness and formal cleverness made him the obvious heir to the modernist tradition:
Roberto Bolaño." Und man spricht ihm sogar einen eigenen Stil zu: "It′s a style worthy of its
own name: visceral modernism"1. Jean François Fogel zieht dies in seinem Blog Beitrag ,,La
escuela Bolaño" im
Boomeran(g)
etwas ins Lächerliche. Er meint, "La culpa del mundo
hispanohablante es tener al producto Bolaño sin tener al servicio de marketing para vender el
producto."2 Trotz dieser Ironie scheint es ihn zu erfreuen, dass Bolaño nun das ,Territorium
der Gringos′ einnimmt und nicht mehr ,nur′ ein großer spanischsprachiger Schriftsteller ist,
sondern eine Figur in der Weltliteratur.
Dieses aktuell große internationale Interesse an Bolaño und vor allem an seinen ,,Detectives
Salvajes" macht für mich die Fragestellung erst recht interessant, wie das Bild von Exil und
Diktatur in seinem Werk dargestellt ist. Sieht das internationale Publikum seine Bücher als
,literatura testimonial′, die von den grausamen Gewaltherrschaften in Lateinamerika und dem
damit verbundenen schmerzhaften Exil, berichten? Oder sehen sie sie vielmehr als
autobiographische Berichte Bolaños bewegten Lebens, geprägt von Rastlosigkeit, Schmerz
und dem Verlangen die Literatur zu revolutionieren? Die Rezensionen zeigen auf jeden Fall
noch einmal deutlich, welches Ansehen Bolaño in der literarischen Welt durch seinen
einzigartigen Schreibstil, seine immer wiederkehrenden Personen und sicherlich auch seine
autobiographisch beeinflussten Themen erreicht hat.
Gerade deswegen scheint die Frage nach dem Bild von Exil und Diktatur bei Bolaño eine sehr
interessante zu sein. Das Buchkapitel ,,Das Bild von Exil und Diktatur bei Bolaño" soll also
mit Hilfe der Einbettung des Themas in die theoretische Begrifflichkeit von Exil und Diktatur
und des literaturgeschichtlichen Hintergrundes der Exilliteratur lateinamerikanischer Autoren
auf Bolaños besondere Art, mit dem Thema in seiner Literatur umzugehen, hinführen. Dabei
soll untersucht werden, inwiefern er die Literatur zur Verarbeitung des Themas benutzt, und
1 Zalewski, Daniel: "Vagabonds" in:
The New Yorker
, im Internet unter:
<http://www.newyorker.com/arts/critics/atlarge/2007/03/26/070326crat_atlarge_zalewski>, 26.3.2007
2 Fogel, Jean François: ,,La escuela Bolaño" in
El Boomeran(g)
, im Internet unter:
<http://blogs.elboomeran.com/fogel/2007/04/la_escuela_bola.html>, 2.04.2007
4
wie sein autobiographischer Hintergrund und seine Einstellung zu Exil und Heimat Sprache
und Stil beeinflusst. Hierzu werden ausgewählte Werke und Charaktere Bolaños näher
untersucht.
2. Das Bild von Exil und Diktatur bei Bolaño
2.1. Exil und Diktatur im Cono Sur
Die Klärung der Begrifflichkeiten ,Exil′ und ,Diktatur′ und die Darstellung der äußeren
Umstände, die zu jener Zeit im Cono Sur und besonders in Bolaños Heimatland Chile
herrschten, ist äußerst wichtig für die Erarbeitung des Themas in Bolaños Werk.
2.1.1 ,Exil′ Herleitung und Bedeutung
Zuerst soll eine Herleitung des Wortes ,Exil′ sowie eine Abgrenzung von
bedeutungsähnlichen Begriffen vorgenommen werden.
Exil stammt von dem lateinischen Wort ,exilium′, dass sich aus dem Präfix ,ex′ für ,aus,
außerhalb, heraus′ und dem Stamm ,solum′ für , Boden, Erde, Grund". Schon im
Lateinischen existieren gegensätzliche Bedeutungen des Exils sowohl als Bewegung nach
Vorne und auch als gewaltsame Trennung.3 Abzugrenzen von Begriffen wie ,Exil′,
,Diaspora′ oder ,Flüchtling′, die man generell mit gewaltsamen Ortswechsel, meist aus
politischen Gründen, verbindet, sind Begriffe wie ,Immigrant′ oder ,Emigrant′. Diese
enthalten das lateinische Wort ,migrare′ (wandern, aufbrechen, bewegen) und die Menschen,
die immigrieren oder emigrieren tun dies eher freiwillig, meist aus wirtschaftlichen Gründen.
Das Präfix ,em- , kommt eigentlich vom Präfix ,ex-, und bedeutet so dasselbe, ,aus, heraus,
außerhalb′.4 In der spanischen Sprache ist die Funktion dieser Begriffe noch weit gefächerter
und verwirrender. Obwohl das Wort ,exilio′ bereits vorher existierte, wurde es erst 1956 in
das Diccionario de la Real Academía aufgenommen.5 Heute sind alle Versionen von ,exilio′
und ,expatriar′ im Wörterbuch der Real Academía enthalten und man findet folgende
Bedeutungen: ,,1. Separación de una persona de la tierra en que vive. 2. Expatriación,
3Vgl. McClennen, Sophia A.:
The Dialectics of Exile
, West Lafayette: Purdue University Press 2004, S. 14
4Vgl. McClennen, Sophia A.:
The Dialectics of Exile
, S. 15
5Vgl. McClennen, Sophia A.:
The Dialectics of Exile
, S. 16
5
generalmente por motivos políticos. 3. Efecto de estar exiliada una persona. 4. Lugar en que
vive el exiliado."6 Auch ein anderes Stichwort um den Status des Exils darzustellen, findet
man dort: ,destierro′. Schon im ersten Teil des berühmten epischen Gedichts ,El cantar de
Mío Cid′ von ca. 1140, ,,Cantar de destierro", taucht das Wort auf. Es war eindeutig
bevorzugt im spanischen Lexikon, erst im 20. Jahrhundert verwendet man das Wort ,Exil′
häufiger. ,Destierro′ setzt sich aus dem lateinischen Präfix ,dis′ für ,auseinander, abseits′ und
dem Stamm ,tierra′ für ,Erde′ zusammen. Auch die Variation ,desarraigar′ (aus dem
Lateinischen ,dis′ und ,radicare′ für ,wurzeln, beruhen auf′) beschreibt den Zustand des
Exils.7 Im Diccionario findet man für ,desterrar′:" Echar a alguien de un territorio o lugar por
mandato judicial o decisión gubernamental."und für `desarraigar′: Separar a alguien del lugar
o medio donde se ha criado, o cortar los vínculos afectivos que tiene con ellos."8
Alle diese Begriffe weisen die Etymologien aus dem Lateinischen auf, die auf die, forceful
nature of the exile experience and the physical separation of an individual from home, land,
culture and/or roots."9 hinweisen. Auch wenn der Exilant eigentlich eine Wahl hatte, in
seinem Land zu bleiben oder es zu verlassen, der Aufbruch aus seinem Heimatland bedeutet
immer eine schmerzhafte Trennung.
Sowohl Exil als auch Emigration gehören zur Geschichte und besonderen Gepflogenheiten
des spanischen Kulturraums. Es fanden große Exil- und Emigrationsbewegungen vor allem
von Spanien nach Lateinamerika statt, im 19. Jhd. als Emigration aus wirtschaftlichen
Gründen und im 20. Jhd. als Exil während dem Franco Regime. Aus Lateinamerika gingen
vorerst nur wenige Intellektuelle ins Exil, und das eher in Nachbarstaaten oder nach Europa
mit Ausnahme von Spanien. Schumm erwähnt noch eine weitere Variante des Exils, nämlich
das ,kulturelle Exil′ lateinamerikanischer Schriftsteller, das der kulturellen
Horizonterweiterung diente. Hier fließen verschiedene Komponenten mit ein: ,, der bis in die
spanische Kolonialzeit zurückreichende Mythos einer Prestige versprechenden metropolitanen
Kultur, sie soziale und kulturelle Abgeschiedenheit in den Herkunftsländern, die Sehnsucht
nach innerer Distanz"10. Besonders gilt dies alles für die Autoren aus Uruguay, Argentinien
und Chile, die sich aus der europäischen Emigration heraus konstituiert haben.
6 "Exilio" in
Real Academía Española
, im Internet unter:
<http://buscon.rae.es/draeI/SrvltConsulta?TIPO_BUS=3&LEMA=exilio>
7 Vgl. McClennen, Sophia A.:
The Dialectics of Exile
, S. 17
8 "desterrar" in
Real Academía Española
, im Internet unter:
<http://buscon.rae.es/draeI/SrvltConsulta?TIPO_BUS=3&LEMA=desterrar>
9 McClennen, Sophia A.:
The Dialectics of Exile
, S. 17
10Schumm, Petra: ,,Exilerfahrung und Literatur lateinamerikanischer Autoren in Spanien" in Morales Saravia,
José (Hrsg.):
Die schwierige Modernität Lateinamerikas
, Frankfurt am Main: Vervuert 1993, S.3
6
2.1.2. Militärdiktatur
Gerade aber für diese Länder des Cono Sur muss man für die 70er Jahre ein anderes Kapitel
der Migrationsgeschichte schreiben. Mit den Militärdiktaturen in Paraguay (1954-1989),
Chile (1973-1989), Uruguay (1973-1984) und Argentinien (1976- 1983) musst nun auch dort
die Erfahrung des politischen Exils gemacht werden. Die Repression des Militärs führte zu
einem Exodus von bisher nicht erlebtem Ausmaß, der nicht nur die Intellektuellen, sondern
auch alle übrigen gesellschaftlichen Schichten einschloss. Die Militärdiktatur ist eine
besondere Art der Diktatur, diese definiert Köbler in seinem Deutschen Etymologischen
Wörterbuch folgendermaßen: ,,Staatsform in der die Herrschaftsgewalt ausschließlich und
uneingeschränkt einem Einzelnen oder einer Gruppe zusteht."11 Der Begriff stammt von dem
lateinischen ,dictare′, was ,vorhersagen, vorschreiben, befehlen′ bedeutet und seit 1794 in
Frankreich politisch aktuell ist. Eine Militärdiktatur nun ist ,,eine Sammelbezeichnung für
autoritäre Regime, in der die politische Führung vom Militär oder Teilen des Militärs
ausgeübt wird."12
2.1.3. Situation in Chile ab 1970
Da Bolaño aus Chile stammt, soll hier kurz die innenpolitische Situation Chiles und ihre
Auswirkungen auf das Leben und Wirken der Intellektuellen in den 70er Jahren geschildert
werden, die Zeit, in der Bolaño sich dort aufhielt und über die er schreibt.
2.1.3.1. Innenpolitische Situation in Chile ab 1970
Am 4. September 1970 wurde der Kandidat der
Unidad Popular
(ein Zusammenschluss von
Sozialisten, Kommunisten und einigen kleineren Linksparteien), Salvador Allende, zum
Präsidenten Chiles gewählt. Die politischen Ziele der
Unidad Popular
werden im Handbuch
der Geschichte Lateinamerikas folgendermaßen dargestellt:
Die Unidad Popular gelangte mit einem ehrgeizigen Programm an die Macht. Sie beabsichtigte,
die zentralen Bereiche der Wirtschaft zu nationalisieren, ein umfassendes Programm zur
Einkommensverteilung zu verwirklichen, die Übermacht der Grundbesitzer zu beenden, das
politische System durch die Schaffung eines Einkammer-Parlaments umzugestalten, eine breite
Mitbestimmung in der Wirtschaft, in der Politik und der Gesetzgebung einzuführen sowie eine
unabhängige Außenpolitik zu verfolgen. All das sollte auf dem Boden der geltenden Verfassung
erreicht werden; der chilenische Weg zum Sozialismus sollte legal und friedlich verlaufen.13
11 Köbler, Gerhard: ,,Diktatur" in
Deutsches Etymologisches Wörterbuch
, im Internet unter: unter:
<http://www.koeblergerhard.de/der/DERD.pdf>, 1995
12 ,,Militärdiktatur" in
Wikipedia
, im Internet unter: <http://de.wikipedia.org/wiki/Milit%C3%A4rdiktatur>
13Bernecker, Walther L., Buve, Raymond T. etc. (Hrsg.):
Handbuch der Geschichte Lateinamerikas, Band 3:
Lateinamerika im 20 Jhd.,
Stuttgart: Klett-Cota 1996, S.865
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