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Organon

Subtitle: Deutsche Übersetzung von Julius Heinrich von Kirchmann (1876)

Classic, 2008, 54 Pages
Author: Aristoteles
Subject: Philosophy - Philosophy of the Ancient World

Details

Tags: Organon
Category: Classic
Year: 2008
Pages: 54
Language: German
Archive No.: V119102
ISBN (E-book): 978-3-640-21896-7
ISBN (Book): 978-3-640-21907-0
File size: 1217 KB

Abstract

Das »Organon« ist die aus verschiedenen Einzelschriften zusammengesetzte Logik des Aristoteles. Die Schriften entstanden vermutlich zwischen 367 und 344 v. Chr. Sowohl der Titel als auch die Zusammenstellung gehen nicht unmittelbar auf Aristoteles zurück, sondern sind der peripatetischen Schultradition zuzuschreiben, vielleicht dem Herausgeber Andronikos aus Rhodos, 1. Jh. v. Chr.


Fulltext (computer-generated)

Aristoteles

Organon

Das »Organon« ist die aus verschiedenen Einzelschriften
zusammengesetzte Logik des Aristoteles. Die Schriften entstanden
vermutlich zwischen 367 und 344 v. Chr. Sowohl der Titel als auch die
Zusammenstellung gehen nicht unmittelbar auf Aristoteles zurück,
sondern sind der peripatetischen Schultradition zuzuschreiben, viel eicht

dem Herausgeber Andronikos aus Rhodos, 1. Jh. v. Chr.



Aristoteles (griechisch

o, * 384 v. Chr. in Stageira (Stagira)

auf der Halbinsel Chalkidike; 322 v. Chr. in Chalkis auf der Insel
Euboia)



Erstes Kapitel

Gleichnamig heissen Dinge, welche nur den Namen gemein haben, bei

denen aber der dem Namen zugehörige Begriff ihres Wesens ein

verschiedener ist. So heisst z.B. sowohl der wirkliche Mensch als das

gemalte Geschöpf ein Geschöpf; beiden ist nur der Name gemeinsam,

aber der dazu gehörige Begriff ihres Wesens ist verschieden; denn wenn

man angeben wollte, was das »Geschöpf sein« bei jedem von beiden sei,

so würde man für jedes einen besonderen Begriff angeben. Einnamig

heissen Dinge, bei denen sowohl der Name gemeinsam, als auch der

dazu gehörige Begriff ihres Wesens derselbe ist. So heisst der Mensch

und der Stier ein Geschöpf, denn sowohl der Mensch wie der Stier

werden mit dem gemeinsamen Namen »Geschöpf« bezeichnet und

ebenso ist der Begriff ihres Wesens derselbe, und wenn man den Begriff

von jedem derselben angeben und sagen wol te, was »Geschöpf sein« bei

jedem von beiden sei, so würde man denselben Begriff angeben.

Beinamig heissen Dinge, welche nach etwas anderen benannt werden

und sich nur in der Beugung dessen Namens unterscheiden; so hat der

Sprachgelehrte seinen Namen von der Sprachlehre und der Tapfere von

der Tapferkeit.

5


Zweites Kapitel

Die Worte werden entweder in Verbindung oder ohne Verbindung

gesprochen; ersteres z.B. bei den Worten: der Mensch läuft; der Mensch

siegt; ohne Verbindung z.B. bei den Worten: Mensch; Stier; läuft; siegt.

Von dem Seienden wird manches von einem Unterliegenden ausgesagt,

aber ohne dass es in einem Unterliegenden ist; so wird z.B. der Mensch

von einem unterliegenden einzelnen Menschen ausgesagt, aber er ist in

keinem unterliegenden Menschen. Anderes ist dagegen in einem

Unterliegenden, aber wird von keinem Unterliegenden ausgesagt; (mit:

»in einem Unterliegenden« meine ich, was ohne Theil eines Dinges zu

sein nicht getrennt von dem bestehen kann, in dem es ist;) so ist diese

einzelne Sprachkenntniss in der unterliegenden Seele, aber sie wird von

keinem Unterliegenden ausgesagt und ebenso ist dieses einzelne »Weiss«

zwar in diesem unterliegendem Körper (denn jede Farbe ist in einem

Körper) aber es wird von keinem Unterliegenden ausgesagt. Manches

dagegen wird von einem Unterliegenden ausgesagt und ist auch in einem

Unterliegenden; so ist die Wissenschaft in der unterliegenden Seele und

wird von der unterliegenden Sprachkenntniss ausgesagt; Manches ist

endlich weder in einem Unterliegenden, noch wird es von einem

Unterliegenden ausgesagt, z.B. »dieser Mensch« und »dieses Pferd«; denn

keines von diesen ist in einem Unterliegenden und keines wird von

einem Unterliegenden ausgesagt. Ueberhaupt wird das Untheilbare und

der Zahl nach Eine von keinem Unterliegenden ausgesagt, indess kann

Manches davon in einem Unterliegenden sein; denn »diese einzelne

Sprachkenntniss« gehört zu den in einem Unterliegenden Seienden, aber

sie wird von keinem Unterliegenden ausgesagt.

6


Drittes Kapitel

Wenn Etwas von einem Andern als von seinem Unterliegenden

ausgesagt wird, so wird Alles, was von dem Ausgesagten gilt, auch von

seinem Unterliegenden gelten. So wird »Mensch« von einem bestimmten

Menschen ausgesagt und »Geschöpf« wird vom Menschen ausgesagt;

folglich wird Geschöpf auch von diesem bestimmten Menschen

ausgesagt werden können; denn dieser bestimmte Mensch ist ein Mensch

und auch ein Geschöpf.

Bei verschiedenartigen und einander nicht untergeordneten

Gegenständen sind auch deren Unterschiede der Art nach verschieden;

so z.B. die Unterschiede bei den Thieren und bei der Wissenschaft; denn

die Unterschiede bei den Thieren sind das »auf dem Lande lebende« und

das »Zweifüssige« und das »Flügel habende« und das »im Wasser

lebende«; die Wissenschaft dagegen hat keinen dieser Unterschiede; denn

keine Wissenschaft unterscheidet sich von der andern durch das

zweifüssig sein. Dagegen steht bei den einander untergeordneten

Gattungen dem nichts entgegen, dass die Unterschiede bei ihnen

dieselben sind; denn die oberen Gattungen werden, von den unteren

ausgesagt und folglich werden alle Unterschiede, die bei dem

Ausgesagten bestehen, auch bei dem Unterliegenden vorhanden sein.

7


Viertes Kapitel

Von den ohne Verbindung gesprochenen Worten bezeichnen die

einzelnen entweder ein Ding, oder eine Grösse, oder eine Beschaffenheit

oder eine Beziehung, oder einen Ort, oder eine Zeit, oder einen Zustand,

oder ein Haben, oder ein Thun, oder ein Leiden.

Ein Ding ist, um es im Umriss anzudeuten, z.B. der Mensch, das Pferd;

eine Grösse ist z.B. das Zweiellige, oder Dreiellige; eine Beschaffenheit

ist z.B. weiss, sprachgelehrt; eine Beziehung ist z.B. doppelt, halb,

grösser; ein Ort ist z.B. im Lykeion, auf dem Markte; eine Zeit ist z.B.

Gestern, vorm Jahre; ein Zustand z.B. das Liegen, Sitzen; ein Haben z.B.

Schuhe anhaben, bewaffnet sein; ein Thun z.B. er schneidet, er brennt;

ein Leiden z.B. er wird geschnitten, er wird gebrannt.

Jede der hier genannten Kategorien enthält an sich weder eine Bejahung

noch eine Verneinung; aber durch die Verbindung derselben mit

einander entsteht eine Bejahung oder Verneinung. Jede Bejahung oder

Verneinung ist entweder wahr oder falsch; aber Worte, die ohne

Verbindung gesagt werden, sind weder wahr noch falsch; z.B. Mensch,

weiss, läuft, siegt.

8


Fünftes Kapitel

Von den Dingen sind die hauptsächlichsten, und die welche auch zuerst

und am meisten als Dinge gelten, diejenigen, welche weder von einem

Unterliegenden ausgesagt werden, noch in einem Unterliegenden sind;

wie z.B. dieser Mensch, oder dieses Pferd. Dinge zweiter Ordnung

heissen die, in deren Arten die sogenannten Dinge erster Ordnung

enthalten sind und zwar heissen so sowohl diese Arten wie die

Gattungen dieser Arten. So ist z.B. dieser Mensch im Menschen, als

seiner Art enthalten und die Gattung zu dieser Art ist das Geschöpf.

Diese Arten und Gattungen heissen also Dinge zweiter Ordnung, wie

z.B. der Mensch und das Geschöpf. Aus dem Gesagten erhellt, dass das

von einem Unterliegenden Ausgesagte sowohl nach seinem Namen, wie

nach seinem Begriffe von dem Unterliegenden ausgesagt werden kann;

so wird z.B. Mensch von einem unterliegenden bestimmten Menschen

ausgesagt und er wird auch mit diesem Namen bezeichnet; denn man

wird das Wort Mensch von dem einzelnen Menschen aussagen. Ebenso

wird der Begriff des Menschen von demselben ausgesagt; denn der

einzelne bestimmte Mensch ist sowohl ein Mensch wie ein Geschöpf; so

dass mithin sowohl der Name wie der Begriff von dem Unterliegenden

ausgesagt werden kann. Dagegen wird in der Regel weder der Begriff

noch der Name des in einem Unterliegenden Enthaltenen von dessen

Unterliegenden ausgesagt; in einzelnen Fällen kann es wohl mit dem

Namen geschehen; aber mit dem Begriff ist es nicht möglich. So wird

z.B. das in einem unterliegenden Körper enthaltene Weiss auch von ihm

ausgesagt (denn man nennt den Körper weiss), aber der Begriff des

»Weiss« kann niemals von einem Körper ausgesagt werden. Alles Uebrige

wird entweder von den Dingen erster Ordnung als unterliegenden

ausgesagt, oder ist in ihnen, als unterliegenden enthalten. Dies erhellt,

wenn man das Einzelne zur Hand nimmt; so sagt man: Geschöpf von

dem Menschen aus und es kann deshalb Geschöpf auch von diesem

bestimmten Menschen ausgesagt werden; denn wenn es von keinem

bestimmten Menschen ausgesagt werden könnte, so könnte es auch von

dem Menschen überhaupt nicht ausgesagt werden. Ebenso ist die Farbe

9


Fünftes Kapitel

in dem Körper überhaupt; also auch in einem bestimmten Körper. Denn

wenn dieses nicht wäre, so könnte sie auch nicht in dem Körper

überhaupt sein. Sonach wird alles Andere entweder von den Dingen

erster Ordnung als dem Unterliegenden ausgesagt, oder es ist in ihnen,

als dem Unterliegenden, enthalten. Wenn also keine Dinge erster

Ordnung wären, so könnte auch von den Andern keines sein.

Von den Dingen zweiter Ordnung ist die Art mehr ein Ding, als die

Gattung, da sie den Dingen erster Ordnung näher steht. Denn wenn

Jemand angeben wollte, was ein Ding erster Ordnung sei, so wird er es

deutlicher und bezeichnender thun, wenn er dessen Art, als wenn er

dessen Gattung angiebt. So wird, wenn man einen bestimmten

Menschen bezeichnen will, man es deutlicher thun, wenn man sagt, er sei

ein Mensch, als wenn man ihn blos als ein Geschöpf bezeichnet; denn

jene Bezeichnung trifft mehr das, was das Eigenthümliche dieses

einzelnen Menschen ist, während die Gattung mehreren Dingen

gemeinsam ist. Ebenso wird man diesen einzelnen Baum deutlicher

bezeichnen, wenn man von ihm angiebt, er sei ein Baum, als, er sei eine

Pflanze. Auch gelten die Dinge erster Ordnung deshalb am meisten als

Dinge, weil sie allem Anderen unterliegen und weil alles Andere

entweder von ihnen ausgesagt wird, oder in ihnen ist.

So wie sich hierin die Dinge erster Ordnung zu allem Anderen verhalten,

so verhalten sich auch die Arten zu ihren Gattungen; denn die Art liegt

der Gattung unter und die Gattungen werden wohl von den Arten

ausgesagt, aber nicht umgekehrt die Arten von den Gattungen. Deshalb

ist auch die Art mehr ein Ding, wie die Gattung; aber von den einzelnen

Arten, so weit sie nicht Gattungen sind, ist keine mehr ein Ding, wie die

andere; denn man wird diesen einzelnen Menschen, wenn man ihn einen

Menschen nennt, nicht eigenthümlicher bezeichnen, als wenn man dieses

einzelne Pferd ein Pferd nennt. Ebenso ist keines von den Dingen erster

Ordnung mehr als das andere ein Ding; denn dieser Mensch ist nicht

mehr als dieser Stier ein Ding.

10


Fünftes Kapitel

Ganz passend werden nach den Dingen erster Ordnung von allen

übrigen Kategorien nur die Arten und Gattungen Dinge zweiter

Ordnung genannt; denn sie allein von den Kategorien offenbaren das,

was die Dinge erster Ordnung sind; denn wenn Jemand von diesem

bestimmten Menschen angeben will, was er ist, so wird er es in

treffenderer Weise thun, wenn er dessen Art als dessen Gattung angiebt

und er wird es deutlicher thun, wenn er ihn als einen Menschen, als wenn

er ihn als ein Geschöpf bezeichnet. Wenn er ihn aber nach einer andern

Kategorie bezeichnet, so wird er nicht gehörig angegeben haben, was

dieser Mensch ist; z.B. wenn er von ihm angäbe, dass er weiss sei, oder

dass er laufe, oder sonst etwas der Art. Deshalb werden mit Recht nur

diese allein von den andern Kategorien Dinge genannt. Ferner werden

die Dinge erster Ordnung hauptsächlich deshalb Dinge genannt, weil sie

das Unterliegende für alle andern Kategorien abgeben, und so wie sich

die Dinge erster Ordnung zu allem Anderen verhalten, so verhalten sich

die Arten und Gattungen zu allen übrigen Kategorien; denn alle diese

übrigen werden von ihnen ausgesagt. Denn wenn man diesen

bestimmten Menschen einen sprachgelehrten nennt, so wird man auch

den Menschen und das Geschöpf sprachgelehrt nennen. Gleiches gilt für

die andern Kategorien.

Allen Dingen ist es gemeinsam, dass sie in keinem Unterliegenden

enthalten sind; denn Dinge erster Ordnung sind weder in einem

Unterliegenden, noch werden sie von einem Unterliegenden ausgesagt;

und von den Dingen zweiter Ordnung ist auch in folgen der Weise klar,

dass sie in keinem Unterliegenden sind; nehmlich »Mensch« wird zwar

von diesem bestimmten unterliegenden Menschen ausgesagt, aber

»Mensch« ist in keinem Unterliegenden; denn »Mensch« ist nicht in

diesem bestimmten Menschen. Ebenso kann man wohl »Geschöpf« von

einem bestimmten unterliegenden Menschen aussagen, aber es ist nicht

in diesem bestimmten Menschen. Auch kann von dem in einem

Unterliegenden Seienden wohl in einzelnen Fällen der Name vom

Unterliegenden selbst ausgesagt werden, aber der Begriff kann es nicht.

Dagegen wird in den Dingen zweiter Ordnung sowohl der Begriff wie

11


Fünftes Kapitel

der Name vom Unterliegenden ausgesagt; denn man wird von einem

bestimmten Menschen den Begriff des Menschen aussagen, und ebenso

den Begriff des Geschöpfes.

Somit dürften die Dinge nicht zu dem gehören, was in einem

Unterliegenden ist. Indess ist dies keine Eigenthümlichkeit der Dinge,

vielmehr sind auch die Art-Unterschiede nicht in einem Unterliegenden;

denn man sagt wohl das: auf dem Lande lebende, und: das zweifüssige

von dem unterliegenden Menschen aus; allein in dem unterliegenden

Menschen ist es nicht; denn in dem Menschen ist weder das zweifüssige,

noch das: auf dem Lande lebende. Auch der Begriff des Art-

Unterschieds wird von demjenigen Unterliegenden ausgesagt, von

welchem der Name des Art-Unterschieds ausgesagt wird, wenn z.B. das

auf dem Lande lebende vom Menschen ausgesagt wird, so kann auch der

Begriff des auf dem Lande lebend vom Menschen ausgesagt werden;

denn der Mensch ist auf dem Lande lebend. Man lasse sich übrigens

nicht durch das Bedenken beunruhigen dass doch die Theile der Dinge

in ihnen als dem Ganzen enthalten seien, weil man etwa dann genöthigt

sein könnte, die Theile nicht für Dinge zu erklären; denn der Ausdruck:

»in einem Unterliegenden sein« ist nicht in dem Sinne, wie die Theile

einer Sache in ihr enthalten sind, gemeint.

Den Dingen zweiter Ordnung und den Art-Unterschieden ist es

gemeinsam, dass alles einnahmig nach ihnen benannt wird; denn alle von

ihnen entlehnte Namen werden entweder von den Einzeldingen oder

von den Arten ausgesagt. Denn von den Dingen erster Ordnung werden

keine zu Aussagen benutzt; diese Dinge werden von keinem

Unterliegenden ausgesagt; allein von den Dingen zweiter Ordnung wird

der Name der Art von den Einzeldingen ausgesagt und der Name der

Gattung sowohl von den Arten wie von den Einzeldingen. Ebenso

werden die Namen der Art-Unterschiede von den Arten und von den

Einzeldingen ausgesagt. Aber auch den Begriff der Arten und

Gattungen nehmen die Dinge erster Ordnung an, und die Art nimmt

den Begriff ihrer Gattung an, da alles, was von der Aussage gilt, auch

12


Fünftes Kapitel

dem Unterliegenden beigelegt werden kann. Ebenso nehmen die Arten

und die Einzeldinge den Begriff ihrer Art-Unterschiede an. Einnahmig

sind nehmlich nach dem Frühern die Gegenstände, welche sowohl den

Namen wie den Begriff gemeinsam haben und mithin werden alle Dinge

zweiter Ordnung und alle Art-Unterschiede einnahmig benannt.

Jedes Ding scheint ein bestimmtes Dieses zu bezeichnen. Bei den

Dingen erster Ordnung ist es unzweifelhaft und wahr, dass sie ein

bestimmtes Dieses bezeichnen; denn das damit Benannte ist ein

Einzelnes und der Zahl nach Eines. Bei den Dingen zweiter Ordnung

scheint zwar ebenso nach der Form der Aussage ein bestimmtes Dieses

gemeint zu sein, wenn man »Mensch« oder »Geschöpf« sagt; indess ist

dies nicht richtig, vielmehr wird damit mehr eine Beschaffenheit

bezeichnet; denn das Unterliegende ist nicht, wie bei den Dingen erster

Ordnung, ein Einzelnes, sondern Mensch und Geschöpf wird von vielen

Einzelnen ausgesagt. Indess bezeichnen die Dinge zweiter Ordnung

nicht lediglich eine Beschaffenheit, wie z.B. das Weisse thut; denn dies

bezeichnet nichts Anderes als eine Beschaffenheit; dagegen bestimmt die

Art und die Gattung die Beschaffenheit eines Dinges in Bezug auf sein

Wesen; denn es bezeichnet das so beschaffene Wesen eines Dinges. Die

Abgrenzung durch die Gattung umfasst mehr Einzelne, als die durch die

Art; denn wenn man »Geschöpf« sagt, so begreift man mehreres, als

wenn man »Mensch« sagt.

Den Dingen kommt ferner zu, dass sie kein Gegentheil haben; denn was

sollte wohl das Gegentheil von einem Dinge erster Ordnung sein, wie

z.B. von diesem Menschen oder diesem Geschöpfe? Hier giebt es kein

Gegentheil. Aber auch für den Menschen überhaupt, und für das

Geschöpf überhaupt besteht kein Gegentheil. Indess ist dies keine

Eigenthümlichkeit der Dinge, sondern es findet sich auch bei vielem

Anderen, z.B. bei den Grössen; denn vom Zweielligen und Dreielligen

giebt es kein Gegentheil; auch nicht von der Zehn, noch von andern

Solchen, wenn man nicht etwa das Viele für das Gegentheil von dem

Wenigen oder das Grosse für das Gegentheil vom Kleinen erklären will.

13


Fünftes Kapitel

Dagegen ist von den bestimmten Grössen keines ein Gegentheil des

andern.

Die Dinge scheinen auch weder das Mehr noch das Weniger

anzunehmen. Ich will damit nicht sagen, dass kein Ding mehr oder

weniger Ding sein könne, als ein anderes (denn das dies der Fall ist, habe

ich bereits gesagt), sondern nur, dass kein Ding als das, was es ist, mehr

oder weniger es sein kann. Wenn z.B. dieses Ding ein Mensch ist, so wird

er nicht einmal mehr, das anderemal weniger Mensch sein und zwar

weder in Bezug auf sich, noch in Bezug auf einen andern Menschen;

denn kein Mensch ist mehr Mensch als der andere, etwa so wie ein

Weisses mehr oder weniger weiss, als ein anderes genannt wird, oder ein

Schönes mehr oder weniger schön als ein anderes. Bei Dergleichen gilt

dies selbst für einen und denselben Gegenstand, so sagt man von einem

weissen Körper, dass er jetzt weisser sei als früher und dass ein warmer

Körper mehr oder weniger warm sei, als früher. Aber die Dinge werden

nicht mehr oder weniger Dinge genannt; denn weder ein Mensch heisst

jetzt mehr Mensch als früher, noch sonst ein anderes Ding. Deshalb

dürften die Dinge kein Mehr oder Weniger annehmen.

Die hauptsächlichste Eigenthümlichkeit bei den Dingen dürfte aber die

sein, dass dasselbe eine Ding das Entgegengesetzte annehmen kann,

während man von den andern Kategorien, so weit sie keine Dinge sind,

wohl nicht wird behaupten können, dass sie als eine einzelne das

Entgegengesetzte annehmen können. So wird z.B. eine einzelne

bestimmte Farbe nicht weiss und schwarz, und eine einzelne bestimmte

Handlung nicht schlecht und gut werden können, was dann auch von

allen anderen Kategorien gilt, so weit sie nicht Dinge bezeichnen.

Dagegen kann das Ding als bestimmtes und einzelnes das

Entgegengesetzte annehmen; so wird z.B. dieser selbige einzelne Mensch

das eine mal weiss und das andere mal schwarz, das eine mal warm und

das andere mal kalt, und ebenso schlecht und gut. Bei den andern

Kategorien zeigt sich Solches nicht, es müsste denn Jemand einwerfen

und behaupten wollen, dass die Rede und die Meinung das

14


Fünftes Kapitel

Entgegengesetzte annehmen könnten. Derselbe Ausspruch kann

allerdings anscheinend wahr und falsch sein; wenn z.B. der Ausspruch,

dass Jemand sitze, wahr ist, so wird dieser selbe Ausspruch, wenn er

aufsteht, falsch sein. Ebenso verhält es sich mit der Meinung; denn wenn

Jemand richtig meint, dass ein Anderer sitze, so wird, wenn dieser

aufgestanden ist, jener, wenn er derselben Meinung bleibt, falsch meinen.

Wenn man indess dies auch zugeben wollte, so besteht hier doch in der

Art und Weise ein Unterschied. Bei den Dingen verändern sich nämlich

diese selbst und nehmen dadurch das Entgegengesetzte an; denn das

Ding ist aus einem warmen ein kaltes geworden (denn es selbst hat sich

verändert) und aus einem weissen ist es ein schwarzes und aus einem

schlechten ein gutes Ding geworden. Ebenso kann jedes andere Ding,

indem es sich verändert, das Entgegengesetzte annehmen. Dagegen

bleibt die Rede und die Meinung selbst durchaus und in jeder Beziehung

unverändert dieselbe, und nur dadurch, dass sich die Sache ändert,

entsteht in Bezug auf sie das Entgegengesetzte. So bleibt die Rede, dass

Jemand sitze, unverändert dieselbe und nur weil die Sache sich ändert,

gilt sie einmal als wahr und das anderemal als falsch. Ebenso verhält es

sich mit der Meinung. Sonach ist es nur den Dingen in dem Sinne

eigenthümlich, dass sie vermöge ihrer eigenen Veränderung das

Entgegengesetzte annehmen können. Wenn man aber behauptete, dass

auch in diesem Sinne die Rede und die Meinung das Entgegengesetzte

annehmen könnten, so würde dies nicht richtig sein; denn die Rede und

die Meinung sind nicht deshalb des Entgegengesetzten fähig, weil sie

selbst etwas annehmen, sondern dadurch, dass bei einem Andern der

Zustand sich geändert hat. Weil also die Sache sich so oder nicht so

verhält, deshalb gilt die Rede für wahr oder falsch, aber nicht deshalb,

weil sie selbst das Entgegengesetzte annehmen kann. Ueberhaupt ändert

sich die Rede und die Meinung selbst in keinem Stücke, und deshalb

kann sie, da kein anderer Zustand in ihr eingetreten ist, auch nicht das

Entgegengesetzte annehmen. Aber die Dinge gelten, weil sie selbst das

Entgegengesetzte annehmen, deshalb des Entgegengesetzten fähig; denn

sie nehmen die Krankheit und die Gesundheit, die Weisse und die

Schwärze an und indem sie jedes von diesen annehmen, sind sie dadurch

15


Fünftes Kapitel

fähig, das Entgegengesetzte anzunehmen. Sonach dürfte es eine

Eigenthümlichkeit der Dinge sein, dass die einzelnen und bestimmten

Dinge dadurch, dass sie selbst sich verändern, das Entgegengesetzte

annehmen können.

So viel mag über die Dinge, als Kategorie, gesagt sein.

16


Sechstes Kapitel

Das Grosse zerfällt in das Getrennte und in das Stetige; ferner in ein

solches, was aus Theilen besteht, die eine bestimmte Lage gegen

einander haben, und in ein solches, wo dies nicht der Fall ist. Ein

getrenntes Grosse ist z.B. die Zahl und das Wort; ein stetiges Grosse ist

z.B. die Linie, die Fläche, der Körper; und neben diesen auch die Zeit

und der Raum. Denn die Theile einer Zahl haben keine gemeinsame

Grenze, wo die Theile derselben sich berührten; so berührt z.B., wenn

die Fünfen die Theile der Zehn sind, die eine Fünfe in keiner

gemeinsamen Grenze die andere Fünfe, sondern beide sind getrennt;

auch die Drei und die Sieben berühren sich in keiner gemeinsamen

Grenze. Ueberhaupt wird man bei keiner Zahl eine gemeinsame Grenze

ihrer Theile auffinden; vielmehr bleiben diese immer getrennt, so dass

deshalb die Zahl zu den getrennten Grössen gehört. Ebenso gehört auch

das Wort zu den getrennten Grössen. Das Wort ist offenbar eine Grösse,

denn es wird nach kurzen und langen Sylben abgemessen, ich meine

nämlich das gesprochene Wort. Seine Theile berühren sich in keiner

gemeinsamen Grenze; denn es besteht keine solche, an welcher die

Sylben sich berührten, vielmehr ist jede für sich getrennt. Dagegen ist die

Linie eine stetige Grösse, denn man kann eine gemeinsame Grenze

angeben, wo ihre Theile sich berühren, nämlich den Punkt; und bei der

Fläche die Linie, denn die Theile der Fläche berühren sich in einer

gemeinsamen Grenze. Ebenso kann man bei den Körpern eine

gemeinsame Grenze angeben, nämlich die Linie oder die Fläche, wo die

Theile eines Körpers einander berühren. Auch die Zeit und der Raum

sind von dieser Beschaffenheit; die gegenwärtige Zeit berührt die

vergangene und die kommende. Ebenso gehört der Raum zu den

stetigen Grössen, denn die Theile eines Körpers haben einen Raum inne

und berühren sich in einer gemeinsamen Grenze, und deshalb berühren

sich auch die Theile des Raumes, welche die einzelnen Theile des

Körpers einnehmen, in derselben gemeinsamen Grenze, in welcher die

Theile des Körpers sich berühren. Deshalb dürfte auch der Raum zu den

17


Sechstes Kapitel

stetigen Grössen gehören, denn seine Theile berühren sich in einer

gemeinsamen Grenze.

Ferner ist manches Grosse aus Theilen zusammengesetzt, welche eine

bestimmte Lage gegen einander haben, und anderes Grosse aus Theilen,

welche keine solche bestimmte Lage haben. So haben die Theile einer

Linie eine bestimme Lage gegen einander; denn jeder Theil derselben hat

seine bestimmte Lage, und man kann bei jedem Theile unterscheiden

und angeben, wo er in der Fläche liegt und mit welchen von den übrigen

Theilen er sich berührt. Ebenso haben auch die Theile einer Fläche eine

bestimmte Lage gegen einander; denn man kann von jedem in gleicher

Weise angeben, an welchem er liegt und welche Theile einander

berühren. Das Gleiche gilt von den Theilen eines Körpers und des

Raumes. Dagegen wird bei einer Zahl Niemand zeigen können, wie die

Theile derselben eine Lage zu einander haben oder wo sie liegen, und

welche Theile einander berühren; und eben so wenig wird dies bei der

Zeit geschehen können, da kein Theil derselben beharrt; was aber nicht

beharrt, wie könnte das wohl eine bestimmte Lage haben? vielmehr

könnte man eher sagen, dass die Zeit eine gewisse Ordnung habe, weil

ein Theil der Zeit der frühere, der andere der spätere ist. Eben dasselbe

gilt für die Zahl, weil die Eins eher gezählt wird als die Zwei und die

Zwei eher als die Drei; so dass die Zahl zwar eine gewisse Ordnung hat,

aber man schwerlich eine Lage bei ihr annehmen kann. Auch mit dem

Worte verhält es sich so, da kein Theil desselben beharrt, sondern er wird

ausgesprochen und das Ausgesprochene kann man nicht mehr erfassen;

folglich haben auch die Theile des Wortes keine Lage zu einander, weil

kein Theil bleibend ist. Sonach besteht manches Grosse aus Theilen,

welche eine Lage gegen einander haben, anderes aus Theilen, die keine

Lage haben.

Diese genannten Gegenstände allein gelten eigentlich als Grössen; alles

andere gilt nur nebenbei als gross; denn nur in Hinsicht auf jene

Grössen nennt man es gross; so nennt man z.B. das Weisse gross, weil es

eine grosse Fläche bedeckt, und eine Handlung oder eine Bewegung

18


Sechstes Kapitel

gross, wenn sie eine lange Zeit umfasst; denn keines von diesen Dingen

wird an und für sich gross genannt. Wenn z.B. Jemand von einer

Handlung angeben will, wie gross sie ist, so bestimmt er sie der Zeit

nach, indem er sie einjährig oder sonst wie nennt; und wenn Jemand

angeben will, wie gross ein Weisses sei, so bestimmt er es nach der

Oberfläche; so gross wie diese ist wird er auch sagen, dass das Weisse sei.

Sonach gelten nur die oben genannten Gegenstände als eigentlich und an

sich gross; alles andere dagegen gilt nicht an sich selbst als gross, sondern

wenn es geschieht, nur nebensächlich so.

Ferner hat das Grosse kein Gegentheil; denn bei den bestimmten

Grössen steht offenbar denselben nichts als Gegentheil gegenüber; z.B.

dem Zweielligen oder Dreielligen oder der Fläche oder einem anderen

solchen; ihnen steht nichts als Gegentheil gegenüber; man müsste denn

behaupten wollen, das Viele sei das Gegentheil von dem Wenigen und

das Grosse das Gegentheil von dem Kleinen. Allein diese gehören nicht

zu dem Grossen, sondern mehr zu den Beziehungen, denn kein

Gegenstand wird an sich gross oder klein genannt, sondern nur in

Vergleich zu einem anderen; so nennt man z.B. einen Berg klein und ein

Hirsenkorn gross, weil dieses grösser und jener kleiner ist, als die andern

seiner Gattung. Deshalb ist hier eine Beziehung auf Anderes vorhanden,

da, wenn Etwas an sich gross oder klein genannt würde, der Berg wohl

nicht klein und das Hirsenkorn nicht gross genannt werden würde.

Ebenso sagt man, dass in einem Dorfe viel Menschen seien und in

Athen wenige, obgleich deren hier vielmal mehr sind all dort; und dass in

einem Hause viel Menschen, und in dem Theater wenige seien, obgleich

diese um vieles mehr sind, als jene. Auch das Zweiellige und das

Dreiellige und jedes andere solches bezeichnet ein Grosses, aber das

Grosse und Kleine bezeichnet kein Grosses, sondern mehr eine

Beziehung; denn man betrachtet es nur in Bezug auf ein anderes als

gross oder klein; offenbar gehören sie also zu den Beziehungen. Aber

mag man sie als Grössen annehmen oder nicht, so haben sie doch kein

Gegentheil; denn wie möchte man ein Gegentheil von Etwas angeben,

was nicht an und für sich genommen werden kann, sondern nur auf

19


Sechstes Kapitel

Anderes bezogen wird? Wenn ferner das Grosse und das Kleine

Gegentheile sein sollen, so folgte, dass ein und dasselbe Ding des

Entgegengesetzten fähig wäre, und dass es sein eigenes Gegentheil wäre.

Denn es kommt vor, dass dasselbe Ding zugleich gross und klein ist,

denn in Bezug auf dieses ist es klein und in Bezug auf jenes andere ist

ebendasselbe gross. So ergiebt sich, dass dasselbe Ding in demselben

Zeitpunkte sowohl gross, wie klein ist und also gleichzeitig das

Entgegengesetzte annimmt. Allein nichts kann zugleich das

Entgegengesetzte, wie das Ding annehmen; dies kann nehmlich das

Entgegengesetzte annehmen, allein es ist doch nicht zu gleicher Zeit

krank und gesund, und ebenso ist es nicht zu gleicher Zelt weiss und

schwarz; ebenso giebt es von den übrigen Kategorien keine, die

gleichzeitig das Entgegengesetzte annähme. Auch ergäbe sich, dass das

Grosse und das Kleine jedes sein eigenes Gegentheil wäre. Denn wenn

das Grosse das Gegentheil des Kleinen ist, ein und dasselbe Ding aber

zugleich gross und klein ist, so würde es sein eigenes Gegentheil sein.

Allein es ist unmöglich, dass etwas sein eigenes Gegentheil sein kann,

und demzufolge ist also das Grosse nicht das Gegentheil des Kleinen

und das Viel nicht das Gegentheil des Wenigen. Daher würden sie, auch

wenn man sie nicht für Beziehungen, sondern für Grössen erklären

wollte, doch kein Gegentheil haben.

Am meisten scheint das Gegentheilige bei dem Raume vorhanden zu

sein; denn man setzt das Oben als das Gegentheil von dem Unten,

indem man in Bezug auf die mittlere Gegend etwas Unten nennt, weil

die Mitte von den Enden der Welt am meisten absteht. Auch scheint

man die Definition anderer Gegentheile von diesem zu entnehmen, denn

Gegentheil wird als das definirt, was innerhalb einer Gattung am meisten

von einander absteht.

Das Grosse scheint auch kein Mehr oder Weniger anzunehmen, so z.B.

das Zweiellige nicht; denn kein Gegenstand ist mehr zweiellig, als der

andere. Dies gilt auch für die Zahlen; denn die Drei ist z.B. nicht mehr

Drei als die Fünfe und die Fünfe ist nicht mehr Fünfe als die Drei. Auch

20


Sechstes Kapitel

ist kein Zeitraum mehr Zeitraum als ein anderer; überhaupt wird das

Mehr oder Weniger von keiner der erwähnten Bestimmungen ausgesagt.

Sonach ist das Grosse auch des Mehr oder Weniger nicht fähig.

Am Eigenthümlichsten ist es dem Grossen, dass es als gleich oder

ungleich ausgesagt wird. Jede von den genannten Grossen wird gleich

oder ungleich genannt; so wird ein Körper gleich oder ungleich genannt

und ein Zeitraum gleich oder ungleich; ebenso wird jedes von den

andern vorgenannten Grossen gleich oder ungleich genannt. Von den

übrigen Kategorien ausser dem Grossen dürfte das Gleich und Ungleich

wohl nicht viel ausgesagt werden; so wird z.B. ein Zustand wohl nicht oft

so genannt werden, sondern vielmehr ähnlich, und ebenso das Weiss

selten gleich oder ungleich, sondern ähnlich. Sonach dürfte es dem

Grossen am meisten eigenthümlich sein, dass es gleich oder ungleich

genannt wird.

21


Siebentes Kapitel

Bezogen heisst Etwas, wenn es als das, was es ist, als an einem andern

seiend, ausgesagt wird oder sonst wie in Bezug auf ein anderes; so wird

z.B. das »Grösser« als das was es ist, von einem andern ausgesagt; denn

man sagt: Etwas ist grösser als ein anderes; auch das Doppelte als solches

wird von einem andern ausgesagt; denn man sagt: das Doppelte von

Etwas. Ebenso verhält es sich mit den übrigen Bezogenen.

Auch solche Bestimmungen, wie das Haben, der Zustand, die

Wahrnehmung, das Wissen, die Lage gehören zu den Beziehungen; denn

alle diese Bestimmungen werden als das, was sie sind, von einem

Anderen ausgesagt und nicht als etwas besonderes; denn das Haben wird

als das Haben von Etwas und das Wissen als das Wissen von Etwas und

die Lage als die Lage von Etwas ausgesagt und ebenso das übrige.

Bezogen ist also etwas, wenn es als solches von einem andern ausgesagt

wird oder sonst wie in Bezug auf Anderes. So heisst ein Berg gross in

Bezug auf einen anderen, denn der Berg heisst gross in Bezug auf etwas;

und das Aehnliche wird als einem anderen ähnlich ausgesagt und ebenso

werden die andern solchen Bestimmungen in Bezug auf ein anderes

ausgesagt. Auch das Liegen und das Stehen und das Sitzen sind gewisse

Lagen und die Lage gehört zu den Beziehungen; aber das Hinlegen, das

Aufstehen oder sich Setzen sind zwar selbst keine Lagen, aber diese

Zustände werden mit Worten bezeichnet, welche von den obigen Lagen

abgeleitet sind.

Auch Gegentheile kommen innerhalb der Beziehungen vor; so ist z.B.

die Tugend das Gegentheil von dem Laster, die beide zu den

Beziehungen gehören und Wissen ist das Gegentheil von der

Unwissenheit. Indess haben nicht alle Beziehungen ein Gegentheil; denn

das Doppelte hat kein Gegentheil und auch des Dreifache nicht, noch

sonst eine Beziehung dieser Art.

22


Siebentes Kapitel

Auch das Mehr und das Minder scheinen die Beziehungen anzunehmen;

denn man nennt etwas mehr oder weniger ähnlich oder unähnlich und

mehr oder weniger gleich oder ungleich, von denen jedes zu den

Bezogenen gehört; denn man sagt vom Aehnlichen, dass es einem

Gegenstande ähnlich sei, und vom unähnlichen, dass es einem

Gegenstande unähnlich sei. Indess nehmen nicht alle Beziehungen das

Mehr oder Weniger an; denn von dem Doppelten sagt man nicht, dass es

mehr oder weniger doppelt sei und dies gilt auch von anderen solchen

Beziehungen.

Alle Beziehungen werden von Gegenständen ausgesagt, die in der

Aussage sich umtauschen lassen; so heisst der Sclave Sclave des Herrn

und der Herr Herr des Sclaven und das Doppelte ist das Doppelte des

Halben und das Halbe das Halbe des Doppelten und das Grössere ist

das Grössere des Kleinern und das Kleinere das Kleinere des Grösseren.

Dasselbe gilt für die anderen Beziehungen, nur unterscheiden sie sich

beim Sprechen mitunter in der Beugung; so sagt man, die Wissenschaft

ist eine Wissenschaft des Wissbaren und das Wissbare ist ein durch die

Wissenschaft Wissbares; und die Wahrnehmung ist eine Wahrnehmung

des Wahrnehmbaren und das Wahrnehmbare ein durch Wahrnehmung

Wahrnehmbares.

Indess scheint die Umkehrung manchmal nicht stattzufinden, wenn man

die Beziehung nicht genau, sondern mangelhaft ausdrückt. Wenn man

z.B. sagt: Der Flügel des Vogels, so lässt sich nicht umgekehrt sagen: Der

Vogel des Flügels. Jener Ausdruck: Der Flügel des Vogels ist nicht genau;

denn nicht insofern es ein Vogel ist, wird der Flügel als der seinige

genannt, sondern insofern er ein Geflügeltes ist; denn noch vieles andere

hat Flügel, was kein Vogel ist. Wenn man sich deshalb genau ausdrückt,

so findet auch die Umkehrung statt; so ist der Flügel der Flügel des

Geflügelten und das Geflügelte ist durch den Flügel geflügelt. Manchmal

muss man auch wohl ein Wort dazu bilden, wenn das der genauen

Ausdrucksweise entsprechende Wort nicht vorhanden ist. Wenn z.B.

Jemand sagt: Das Steuerruder des Schiffs, so wäre dies kein genauer

23


Siebentes Kapitel

Ausdruck; denn das Steuerruder wird von dem Schiffe nicht als Schiff

ausgesagt, da es auch Schiffe ohne Steuerruder giebt, und deshalb lässt

sich des Ausdruck auch nicht umkehren; denn das Schiff kann man nicht

das Schiff des Steuerruders nennen. Dagegen würde die Aussage wohl

genauer sein, wenn man sich ausdrückte: das Steuerruder ist das

Steuerruder eines Besteuerruderten, oder in einer sonst entsprechenden

Weise; ein Name ist dafür nicht vorhanden. Wenn man sich in dieser

Weise genau ausdrückt, so findet auch das Umkehren statt; denn das

Besteuerruderte ist durch das Steuerruder besteuerrudert. Ebenso ist es

in andern Fällen; so würde man vom Kopfe richtiger sagen: Der Kopf

eines Kopfhabenden, als der Kopf eines Thieres; denn nicht insofern es

ein Thier ist, hat es einen Kopf, da es auch viele Thiere ohne Kopf giebt.

In den Fällen, wo der entsprechende Name fehlt, dürfte es sich am

leichtesten machen, wenn man den Namen des Einen auch für das, was

sich mit ihm umkehren soll, benutzt, sowie in den genannten Beispielen

das Geflügelte von dem Flügel und das Besteuerruderte von dem

Steuerruder gebildet worden ist. Sonach lassen sich also, wenn man sich

genau ausdrückt, alle Beziehungen umkehren, während dies nicht statt

hat, wenn man sich nur auf′s Geradewohl und nicht das eigentlich

Bezogene ausdrückt. Aber auch dann findet keine Umkehrung statt,

wenn man zwar von solchen spricht, die eine Umkehrung gestatten und

wo auch die Namen dazu vorhanden sind, aber dabei die Beziehung

durch etwas Nebensächliches ausdrückt und nicht durch das, auf welches

sie eigentlich geht; so findet z.B. keine Umkehrung statt, wenn man den

Sclaven nicht als den Sclaven eines Herrn bezeichnet, sondern als de

Sclaven eines Menschen, oder eines zweifüssigen Geschöpfes oder in

sonst einer solchen Weise; denn der Ausdruck ist dann nicht genau.

Wenn dagegen etwas genau auf das, auf welches es bezogen wird,

ausgedrückt wird, und dabei von allem, was nur nebenbei sich daran

befindet, abgesehen wird und blos das zurückbehalten wird, auf welches

der genaue Ausdruck geht, so wird die Beziehung immer an sich

ausgedrückt sein. Wenn z.B. der Sclave Sclave in Bezug auf den Herrn

genannt wird und von allem andern, was nebenbei dem Herrn anhaftet,

abgesehen wird, wie von dem zweifüssig sein, und von dem der

24


Siebentes Kapitel

Wissenschaft Fähigen und von dem Menschen und nur das Herr-sein

zurückbehalten wird, so wird der Sclave immer auf den eigentlichen

Gegenstand bezogen sein; denn der Sclave wird dann der Sclave seines

Herrn genannt. Wenn aber nicht genau das ausgedrückt wird, in Bezug

auf welches man die Beziehung meint, vielmehr anderes

herbeigenommen wird und gerade das weggelassen wird, auf welches die

Beziehung ausgesprochen werden soll, so wird die Beziehung nicht auf

den eigentlichen Gegenstand ausgedrückt sein. Denn man bezeichne den

Sclaven als den eines Menschen und den Flügel als den eines Vogels und

nehme das Herr-sein bei dem Menschen hinweg, so wird dann vom

Sclaven nicht mehr in Bezug auf den Menschen gesprochen werden

können, denn wenn der Herr fehlt, so ist auch kein Sclave vorhanden.

Ebenso nehme man von dem Vogel das Geflügeltsein hinweg, und der

Flügel wird dann nicht mehr ein Bezogenes sein, denn wo etwas kein

Geflügeltes ist, da kann auch der Flügel nicht Flügel von ihm sein. Es

muss also das ausgedrückt werden, auf welches die Beziehung sich

eigentlich richtet. Ist dafür ein Name vorhanden, so ist die Beziehung

leicht auszudrücken; fehlt aber der Name, so wird ein solcher gebildet

werden müssen. Wenn der Ausdruck so geschieht, so ist klar, dass alles

auf einander Bezogene auch umgekehrt ausgesagt werden kann.

Die auf einander Bezogenen sind von Natur zugleich vorhanden,

wenigstens wird das für die meisten Beziehungen richtig sein. So ist das

Doppelte zu gleich mit den Halben und wo ein Halbes ist, da ist auch ein

Doppeltes und wenn ein Herr ist, so ist auch ein Sclave vorhanden und

wenn ein Sclave ist, so ist auch ein Herr vorhanden. Ebenso verhält es

sich mit andern Bezogenen. Auch heben sich die Bezogenen gegenseitig

auf; denn wenn kein Doppeltes ist, so ist auch kein Halbes vorhanden

und wo kein Halbes ist, da ist auch kein Doppeltes vorhanden. Ebenso

verhält es sich mit andern dergleichen Bezogenen. Indess gilt dies von

Natur Zugleich-Sein der Bezogenen nicht für alle Beziehungen; so dürfte

das Wissbare früher als die Wissenschaft gewesen sein; denn

meistentheils haben die Dinge schon vorher bestanden, ehe man die

Kenntniss von ihnen erlangt und nur in seltenen Fällen oder niemals

25


Siebentes Kapitel

möchte man finden, dass mit dem Wissbaren zugleich auch die

Kenntniss desselben werde. Ebenso wird mit Aufhebung des Wissbaren

auch die Kenntniss desselben aufgehoben; aber die Aufhebung der

Kenntniss hebt nicht das Wissbare auf. Denn wenn kein Wissbares

vorhanden ist, so giebt es auch kein Wissen (denn es wäre das Wissen

von Nichts); aber wenn auch kein Wissen besteht, so hindert dies nicht

das Bestehen des Wissbaren. So ist, wenn z.B. auch die Quadratur des

Kreises wissbar ist, doch die Kenntniss desselben nirgends vorhanden,

während die Quadratur als Wissbares besteht. Ebenso wird, wenn die

Thiere weggenommen werden, keine Kenntniss von ihnen bestehen,

während es doch viele wissbare Thiere geben kann.

Aehnlich verhält es sich mit der Wahrnehmung. Das Wahrnehmbare

scheint früher als die Wahrnehmung zu sein, denn wenn man das

Wahrnehmbare wegnimmt, so fällt auch die Wahrnehmung hinweg; aber

die Aufhebung der Wahrnehmung hebt nicht zugleich das

Wahrnehmbare auf. Die Wahrnehmung geht auf Körperliches und ist

selbst in einem Körper, und wenn das Wahrnehmbare aufgehoben wird,

werden auch die Körper aufgehoben (denn die Körper gehören zu dem

Wahrnehmbaren) und wenn kein Körper ist, so fällt auch die

Wahrnehmung hinweg, mithin hebt das Wahrnehmbare die

Wahrnehmung mit auf; dagegen hebt die Aufhebung der Wahrnehmung

das Wahrnehmbare nicht mit auf; denn wenn das Geschöpf beseitigt

wird, hört auch die Wahrnehmung auf; aber das Wahrnehmbare wird

fortbestehen, wie z.B. die Körper, das Warme, das Süsse, das Bittere und

alles andere, was wahrnehmbar ist. Auch entsteht die Wahrnehmung

zugleich mit dem Wahrnehmenden; denn die Wahrnehmung entsteht

zugleich mit dem Geschöpfe; dagegen ist das Wahrnehmbare sowohl vor

dem Geschöpfe, wie vor der Wahrnehmung vorhanden; denn das Feuer

und das Wasser und alles Solches, aus denen auch das Geschöpf besteht,

sind schon, ehe überhaupt ein Geschöpf und eine Wahrnehmung

vorhanden ist. Sonach dürfte das Wahrnehmbare früher sein, als die

Wahrnehmung desselben.

26


Siebentes Kapitel

Man kann zweifeln, ob kein Ding als Beziehung ausgesagt wird wie es

den Anschein hat, oder ob dies bei einigen Dingen der zweiten Ordnung

Statt finden kann. In Bezug auf die Dinge erster Ordnung ist es richtig;

weder das ganze Ding, noch seine Theile werden als Beziehungen

ausgesagt; denn ein bestimmter Mensch wird nicht als Mensch von etwas

ausgesagt und eben so wenig ein bestimmter Stier als Stier von Etwas.

Dasselbe gilt von den Theilen dieser Dinge; denn diese bestimmte Hand

wird nicht als diese bestimmte Hand von Etwas ausgesagt, sondern nur

als die Hand Jemandes und dieser bestimmte Kopf wird nicht als dieser

bestimmte Kopf von Etwas ausgesagt, sondern als Kopf Jemandes.

Dasselbe gilt für die meisten Dinge zweiter Ordnung; so wird der

Mensch überhaupt nicht als Mensch von Etwas ausgesagt und eben so

der Stier überhaupt nicht als Stier von Etwas; noch das Holz überhaupt

als Holz von Etwas, sondern es wird als das Eigenthum Jemandes

bezeichnet. Von diesen Dingen ist es also klar, dass sie nicht zu den

Beziehungen gehören. Dagegen ist dies bei einigen Dingen zweiter

Ordnung zweifelhaft; so wird der Kopf als Kopf Jemandes und die

Hand als die Hand Jemandes ausgesagt und dasselbe gilt für ähnliche

Dinge, so dass diese zu den Beziehungen zu gehören scheinen. Wenn

nun die Definition der Beziehungen ausreichend von mir gegeben sein

sollte, so würde es sehr schwer oder gar unmöglich sein, zu zeigen, dass

kein selbstständiges Ding als Beziehung ausgesagt wird; ist meine

Definition aber nicht vollständig, sondern wird das Bezogene als das

definirt, dessen Sein nur darin besteht, dass es sich zu Etwas irgendwie

verhält, so liesse sich wohl manches dafür geltend machen. Nun ist zwar

das was die erste Definition besagt, mit allem Bezogenen verbunden,

aber dieses Bezogen-sein derselben ist nicht dasselbe als wenn etwas als

das, was es ist, von einem anderen ausgesagt wird. Hieraus erhellt, dass

wenn man das eine der Bezogenen bestimmt kennt, man auch das

andere, auf was es sich bezieht, bestimmt kennen wird. Dies erhellt auch

aus den Beziehungen selbst. Denn wenn Jemand von Diesem weiss, dass

es ein Bezogenes ist, und wenn das Wesen der Beziehungen darin

besteht, dass das Eine sich zu dem Andern irgendwie verhält, so wird er

auch das Andere kennen, zu dem jenes sich irgendwie verhält; denn

27


Siebentes Kapitel

wenn er überhaupt nicht weiss, zu welchem Andern das Eine sich

irgendwie verhält, so wird er auch nicht wissen, ob es sich überhaupt zu

Etwas irgendwie verhält. Dies erhellt auch aus den einzelnen Fällen;

denn wenn Jemand z.B. bestimmt weiss, dass etwas ein Doppeltes ist, so

wird er auch sofort bestimmt wissen, wessen Doppeltes es ist; denn

wenn er keinen bestimmten Gegenstand kennt, dessen Doppeltes es sein

soll, so wird er auch überhaupt nicht wissen, dass es ein Doppeltes ist.

Ebenso muss Jemand, wenn er weiss, dass Etwas schöner ist, aus

demselben Grunde auch bestimmt das Andere kennen, in Vergleich zu

welchem es schöner ist. Er wird nicht etwa nur unbestimmt wissen, dass

es schöner als ein Schlechteres ist; denn dies wäre nur eine Annahme,

aber kein Wissen; auch wird er nicht einmal genau wissen, dass es

schöner ist, als ein schlechteres; denn es kann sich treffen, dass es nichts

giebt, was schlechter wäre. Sonach ist es offenbar nothwendig, dass der,

welcher bestimmt ein Bezogenes kennt, auch bestimmt das kennt, auf

welches es bezogen wird. Von einem Kopfe aber und von einer Hand

und von anderem Einzelnen der Art, die selbstständige Dinge sind, kann

man bestimmt wissen, was sie sind, ohne dass man nothwendig das

genau kennen muss, auf was sie bezogen werden; denn wessen dieser

Kopf und wessen diese Hand ist, braucht man nicht genau zu wissen.

Deshalb gehören diese Dinge auch nicht zu den Bezogenen, und wenn

dies also nicht der Fall ist, so kann man mit vol er Wahrheit sagen, dass

kein selbstständiges Ding zu den Bezogenen gehört. Vielleicht ist es

schwer, über diese Fragen sich bestimmt auszusprechen, wenn man sie

nicht wiederholt erwogen hat; aber wenn man die Bedenken über

einzelne Fälle erörtert, so ist dies nicht unnütz.

28


Achtes Kapitel

Beschaffenheit nenne ich das, wonach etwas so oder so beschaffen

genannt wird. Die Beschaffenheit gehört zu den Worten, welche in

mehrfachem Sinne gebraucht werden. Als die eine Art sollen die

Eigenschaften und Zustände gelten. Die Eigenschaft unterscheidet sich

von dem Zustande dadurch, dass sie viel anhaltender und dauerhafter ist.

Solcher Art sind die Kenntnisse und die Tugenden; denn die Kenntnisse

scheinen zu dem Bleibenden und schwer Veränderlichen zu gehören,

selbst wenn sich Jemand dieselben auch nur in massiger Weise erworben

hat, sofern nur nicht Krankheit oder sonst etwas der Art eine grosse

Veränderung bewirkt. Dasselbe gilt von den Tugenden, z.B. von der

Gerechtigkeit, von der Selbstbeherrschung und jeder anderen solchen;

sie unterliegen nicht leicht einer Veränderung oder einem Wechsel. Als

Zustände gelten dagegen die, welche veränderlich sind und schnell

wechseln, wie z.B. die Wärme, die Erkältung, die Krankheit, die

Gesundheit und anderes der Art. Der Mensch verhält sich zu ihnen in

einer gewissen Weise; aber er verändert sich dabei schnell und geht aus

der Wärme in einen kalten Zustand und aus dem Gesundsein in das

Kranksein über und ebenso ist es mit den andern Zuständen, sofern

nicht von diesen Zuständen etwan einer durch die Länge der Zeit

eingewurzelt und unheilbar geworden oder nur schwer zu verändern ist,

wo man dann denselben mehr für eine Eigenschaft erklären wird. Es

erhellt also, dass man nur diejenigen Beschaffenheiten Eigenschaften

nennen mag, die längere Zeit anhalten und schwer veränderlich sind.

Wenn Jemand eine Wissenschaft nicht genau inne hat, sondern sie leicht

wieder vergisst, so nennt man das keine Eigenschaft von ihm, obgleich er

sich irgendwie zu den Kenntnissen, sei es schlechter oder besser, verhält.

Sonach unterscheiden sich also die Eigenschaften von den Zuständen

dadurch, dass die einen sich leicht verändern und die andern dauerhafter

und schwer veränderlich sind. Die Eigenschaften sind auch Zustände,

aber die Zustände sind nicht nothwendig Eigenschaften; denn wer eine

Eigenschaft hat, verhält sich auch irgendwie zu derselben; aber die,

29


Achtes Kapitel

welche sich irgendwie verhalten, haben deshalb nicht allemal eine

Eigenschaft.

Eine zweite Art von Beschaffenheiten sind die, wonach Jemand als

geschickt zum Faustkampf, oder als geschickt zum Laufen oder als

gesund oder stark bezeichnet wird; überhaupt gehört dazu alles, was sich

auf ein natürliches Vermögen oder Unvermögen bezieht; denn diese

Bestimmungen werden nicht wegen irgend eines Zustandes

Beschaffenheiten genannt, sondern weil in ihnen ein natürliches

Vermögen oder Unvermögen enthalten ist, vermittelst dessen etwas

leicht bewirkt wird, oder kein Erleiden statt hat. So heissen z.B. die

Faustkämpfer und die Läufer nicht deshalb so, weil sie sich irgendwie

verhalten, sondern weil sie ein natürliches Vermögen haben, etwas

leichter zu vollbringen; ebenso heisst man gesund, weil man ein

natürliches Vermögen hat, vermöge dessen man von eintretenden

Ereignissen nicht leicht etwas erleidet, und man heisst krank, weil man in

dieser Hinsicht unvermögend ist und von Zufälligkeiten leicht etwas

erleidet. Ebenso verhält es sich mit dem Harten und Weichen; denn man

nennt etwas hart, weil es das Vermögen hat, nicht leicht zu zerreissen,

und weich, weil ihm dieses Vermögen fehlt.

Eine dritte Art von Beschaffenheiten sind die leidenden

Beschaffenheiten und die leidenden Zustände. Der Art sind z.B. die

Süssigkeit, die Bitterkeit, die Säure und alles dem Verwandter auch die

Wärme und die Kälte und die Weisse und die Schwärze. Dass sie

Beschaffenheiten sind, ist klar; denn das, was sie angenommen hat, wird

nach ihnen beschaffen genannt; so heisst der Honig dadurch, dass er die

Süssigkeit angenommen hat, süss und ein Körper dadurch, dass er die

Weisse angenommen hat, weiss. Ebenso verhält es sich mit den andern

Beschaffenheiten dieser Art. Leidende Beschaffenheiten heissen sie nicht

deshalb, weil die Dinge, welche diese Beschaffenheiten angenommen

haben, selbst dadurch etwas erlitten hätten; denn der Honig heisst nicht

süss, weil er etwas erlitten hat, und auch kein anderer Gegenstand

deshalb so. Ebenso werden die Wärme und die Kälte nicht deshalb

30


Achtes Kapitel

leidende Beschaffenheiten genannt, weil etwa die Dinge, welche sie

angenommen haben, etwas erlitten haben, sondern sie heissen deshalb

leidende Beschaffenheiten, weil jede der genannten Beschaffenheiten in

Bezug auf die Sinne ein Leiden bewirkt. So bewirkt die Süssigkeit ein

gewisses Leiden für den Geschmackssinn und die Wärme für den

Gefühlssinn und ähnlich die andern Beschaffenheiten. Dagegen werden

die Weisse und die Schwärze und die andern Farben nicht in gleichem

Sinne, wie die vorgenannten, leidende Beschaffenheiten genannt,

sondern deshalb, weil sie aus einem Leiden entstanden sind. Dass viele

Veränderungen der Farben in Folge eines Erleidens entstehen, ist klar;

denn wenn Jemand sich schämt, so wird er roth, und wenn er sich

fürchtet, blass und ähnliches geschieht in andern Fällen. Hat also Jemand

in Folge äusserlicher Ereignisse in natürlicher Weise so etwas erlitten, so

wird er auch die entsprechende Farbe annehmen; denn der körperliche

Zustand, welcher jetzt in Folge des Schämens entstanden ist, wird sich

bei anderer Gelegenheit der natürlichen Körperconstitution gemäss in

gleicher Weise wieder einstellen und deshalb wird auch dieselbe Farbe

wieder zur Erscheinung kommen. Alle solche Zufälligkeiten, welche von

gewissen, schwer veränderlichen und beharrenden Leidenszuständen

ausgehen, heissen leidende Beschaffenheiten. Mag sich in Folge der

natürlichen Körperconstitution eine Blässe oder eine Schwärze gebildet

haben, die man dann Beschaffenheiten nennt (denn nun wird danach

beschaffen genannt) oder mag diese Blässe oder Schwärze durch eine

lange Krankheit oder durch Brand entstanden sein, so dass sie sich nicht

leicht wieder verliert, sondern gar lebenslang sich erhält, so nennt man

auch sie Beschaffenheiten; denn man wird auch hier demgemäss

beschaffen genannt. Alles dagegen, was sich leicht wieder auflöst und

schnell beseitigt werden kann, heisst ein Zustand, und nicht eine

Beschaffenheit; denn man wird nicht danach beschaffen genannt. Weder

der, welcher aus Scham erröthet, wird roth genannt, noch der, welcher,

aus Furcht erblasst, blass, sondern man sagt eher, dass sie etwas erlitten

haben; deshalb heissen diese Fälle leidende Zustände und nicht leidende

Beschaffenheiten.

31


Achtes Kapitel

In Uebereinstimmung hiermit spricht man auch von leidenden

Beschaffenheiten und Zuständen bei der Seele. Alles was gleich von der

Geburt in Folge schwer veränderlicher Zustände entsteht, heisst eine

leidende Beschaffenheit, z.B. die Raserei, der Zorn und anderes

Aehnliche; denn die Menschen werden darnach beschaffene genannt,

nämlich zornige oder rasende Menschen. Ebenso heissen auch alle nicht

natürlichen, sondern aus äusseren Zufällen entstandenen

Beschaffenheiten so, insofern sie schwer zu vertreiben oder ganz

unheilbar sind; denn man wird auch danach beschaffen genannt. Alles

dagegen, was aus schnell wieder vergehenden Erregungen entsteht, heisst

ein leidender Zustand, z.B. wenn Jemand, weil er geärgert wird, in Zorn

geräth; man heisst dann nicht ein Zorniger, wenn man in solchem

Zustande zornig wird, sondern es heisst mehr, dass man etwas erlitten

habe. Solche Fälle heissen deshalb leidende Zustände und keine

leidenden Beschaffenheiten.

Die vierte Art der Beschaffenheit bilden die Figuren und die Gestalten

der einzelnen Dinge; ferner neben diesen das Gerade und das Krumme

und was sonst dem ähnlich ist; denn nach allen diesen einzelnen

Bestimmungen wird etwas beschaffen genannt. So gilt das dreieckig-

oder viereckig-sein als eine Beschaffenheit; ebenso das gerade- und das

krumm-sein. Auch nach der Gestalt wird ein jedes beschaffen genannt.

Auch das Lockere und das Dichte, sowie das Rauhe und Glatte scheint

eine Beschaffenheit zu bezeichnen, indess dürften sie wohl nicht zu den

Eintheilungen der Beschaffenheit gehören, vielmehr scheinen sie mehr

eine Lage der Theile zu bezeichnen; denn etwas ist dicht dadurch, dass

seine Theile nahe bei einander sind, und locker dadurch, dass sie von

einander mehr abstehen; ferner glatt dadurch, dass seine Theile

gleichsam in gerader Richtung liegen, und rauh dadurch, dass sie bald

hervorragen, bald zurücktreten.

Vielleicht fände sich wohl noch eine andere Art von Beschaffenheiten;

indess sind die bisher erwähnten wohl die, welche am meisten so genannt

werden.

32


Achtes Kapitel

Beschaffenheiten sind also die erwähnten und beschaffen werden die

Gegenstände danach durch Ableitung des Namens oder sonst wie

genannt. In den meisten Fällen und beinah überall geschieht die

Bezeichnung durch Namens-Ableitung; so heisst etwas von der Weisse

weiss, von der Sprachlehre sprachgelehrt, von der Gerechtigkeit gerecht

und von andern Beschaffenheiten ebenso. In einzelnen Fällen jedoch, wo

die Beschaffenheiten keinen Namen haben, kann deshalb der

Gegenstand nicht durch Namens-Ableitung danach benannt werden; so

wird z.B. Jemand, der nach seinem natürlichen Vermögen als geschickt

im Laufen oder im Faustkampf genannt wird, nicht von einer

Beschaffenheit durch Namens-Ableitung so genannt; denn für die

Vermögen, nach denen diese Personen beschaffen genannt werden, ist

kein Name vor handen, wie dies dagegen für die Wissenschaften der Fall

ist, nach denen Jemand faustkämpferisch oder ringkämpferisch in seinem

Zustande genannt wird; denn die betreffende Wissenschaft heisst die

Faustkampf-Wissenschaft und die Ringkampf-Wissenschaft und die,

welche sich so verhalten, werden durch Namens-Ableitung danach

beschaffen genannt. Mitunter wird selbst da, wo ein Name vorhanden

ist, doch das demgemäss Beschaffene nicht ableitungsweise so benannt;

so ist das »sittlich« nicht von der Tugend abgeleitet; man heisst sittlich,

weil man die Tugend besitzt, aber die Bezeichnung geschieht nicht durch

Ableitung von dem Worte Tugend. Dies kommt jedoch nicht häufig vor.

Beschaffen werden also die Gegenstände durch Ableitung von den

erwähnten Beschaffenheitsworten, oder in sonst einer Weise nach

denselben genannt.

Bei den Beschaffenheiten bestehen auch Gegentheile; so ist die

Gerechtigkeit das Gegentheil der Ungerechtigkeit und die Weisse das

Gegentheil der Schwärze u.s.w.; dies gilt auch für die demgemäss

beschaffenen Gegenstände; so ist ungerecht das Gegentheil von gerecht

und weiss das Gegentheil von schwarz. Indess gilt dies nicht allgemein;

denn für das Feuerrothe und das Blasse und anderes solches Farbige

giebt es kein Gegentheiliges.

33


Achtes Kapitel

Ferner ist, wenn von den Gegensätzen der eine ein Beschaffenes ist, auch

der andere ein solches. Dies ergiebt sich, wenn man die andern

Kategorien zur Hand nimmt; so ist z.B. wenn die Gerechtigkeit das

Gegentheil der Ungerechtigkeit ist und die Gerechtigkeit eine

Beschaffenheit ist, auch die Ungerechtigkeit eine solche; denn keine der

andern Kategorien ist auf die Ungerechtigkeit anwendbar; weder die

Grosse, noch die Beziehung, noch der Ort, noch sonst eine andere,

sondern nur die Beschaffenheit. Ebenso verhält es sich mit den

Gegentheilen anderer Beschaffenheiten.

Die Beschaffenheiten nehmen auch das Mehr und das Weniger an; so

heisst Eines mehr oder weniger weiss, als das Andere und gerecht Eines

mehr als das Andere; ja die eine Beschaffenheit selbst ist der Steigerung

fähig, denn das Weisse kann weisser werden. Dies gilt zwar nicht

allgemein, aber doch für die meisten Beschaffenheiten. So könnte man

zweifeln, ob bei der Gerechtigkeit ein solches Mehr oder Weniger

ausgesagt werden könne; und auch bei den übrigen Zuständen erhebt

sich der Zweifel. Manche bestreiten dies und behaupten, dass man bei

der Gerechtigkeit keine als ein Mehr oder Weniger gegen die andere

bezeichnen dürfe; auch bei der Gesundheit dürfe dies nicht geschehen,

wohl aber könne der Eine weniger Gesundheit oder Gerechtigkeit haben,

als der Andere; auch gelte dies für die Sprachwissenschaft und andere

Zustände. Allein die darnach benannten Dinge sind unzweifelhaft des

Mehr oder Weniger fähig; denn der Eine wird sprachgelehrter, oder

gerechter, oder gesünder als der Andere genannt und dies gilt auch bei

allen übrigen solchen Beschaffenheiten. Dagegen scheinen das Dreieck

und das Viereck und überhaupt die Figuren das Mehr nicht annehmen zu

können; denn die Figuren, welche unter den Begriff des Dreiecks oder

des Kreises fallen, sind alle in gleicher Weise Dreiecke oder Kreise und

von den Figuren, die nicht darunter fallen, ist es die eine nicht mehr als

die andere; so ist das Viereck nicht mehr ein Kreis als jede andere

geradlinige Figur, da keine von ihnen unter den Begriff des Kreises fällt.

Ueberhaupt kann dann, wenn zwei Gegenstände nicht unter denselben

Begriff fallen, der eine nicht mehr als der andere ein solcher genannt

34


Achtes Kapitel

werden. Sonach nimmt also nicht jede Beschaffenheit das Mehr oder

Weniger an.

Die bisherigen Bestimmungen sind keine Eigenthümlichkeiten der

Beschaffenheiten; dagegen wird das Aehnliche und das Unähnliche

lediglich von Beschaffenheiten ausgesagt; denn kein Gegenstand ist

einem andern in Bezug auf etwas anderes, als auf seine Beschaffenheit

ähnlich; deshalb hat nur die Beschaffenheit das Eigenthümliche, dass

lediglich in Bezug auf sie etwas ähnlich oder unähnlich genannt werden

kann.

Uebrigens sorge ich mich nicht darum, dass mir Je mand vorhalten

könnte, ich hätte bei Abhandlung der Beschaffenheit vieles mit zu ihr

hinzugerechnet, was zu den Beziehungen gehöre; denn ich habe

allerdings früher die Eigenschaften und die Zustände für Beziehungen

erklärt. Indess werden beinahe von allen Beschaffenheiten die Gattungen

als Beziehungen gebraucht, aber nicht die Beschaffenheit der einzelnen

Gegenstände. So wird die Wissenschaft, als Gattungsbegriff, als das, was

sie ist von einem andern ausgesagt (denn man sagt: die Wissenschaft von

etwas); aber von den besonderen Wissenschaften wird keine als das, was

sie ist, von einem anderen ausgesagt; so sagt man von der Sprachlehre

nicht: die Sprachlehre von Etwas, und auch nicht: die Musiklehre von

Etwas. Werden sie aber in Bezug auf den Gattungsbegriff gebraucht, so

werden auch sie als Beziehungen behandelt und die Sprachlehre heisst

dann die Wissenschaft von Etwas, aber nicht Sprachlehre von Etwas und

die Musiklehre heisst dann die Wissenschaft von Etwas, aber nicht die

Musiklehre von Etwas. Deshalb gehören die besondern Wissenschaften

nicht zu den Beziehungen. Dagegen wird der Mensch als beschaffen

nach den besondern Wissenschaften bezeichnet ; denn diese besitzt er

und er heisst ein Wissender dadurch, dass er irgend eine der besondern

Wissenschaften inne hat. So dürften deshalb die besondern

Wissenschaften zu den Beschaffenheiten gehören und nach ihnen wird

auch wohl der Inhaber beschaffen genannt; allein Beziehungen sind sie

nicht. Aber selbst, wenn es sich auch träfe, das ein und dasselbe eine

35


Achtes Kapitel

Beziehung und eine Beschaffenheit wäre, so wäre es doch nicht

widersinnig, dasselbe zu beiden Gattungen zu rechnen.

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Neuntes Kapitel

Sowohl das Thun wie das Leiden ist des Gegentheiligen und des Mehr

oder Minder fähig; denn das Erwärmen ist das Gegentheil von dem

Erkälten und das Erwärmtwerden das Gegentheil von dem

Erkältetwerden, und das Erfreutwerden ist das Gegentheil von dem

Betrübtwerden; mithin nehmen diese Kategorien das Gegentheilige an.

Ebenso geschieht dies mit dem Mehr und Minder; denn das Erwärmen

kann mehr oder weniger stark geschehen und ebenso das Erwärmt ­

werden. Sonach nimmt das Thun und das Leiden sowohl das Mehr wie

das Weniger an.

So viel sei über diese Kategorien gesagt. Heber die Kategorie des

Zustandes habe ich schon bei der Kategorie der Beziehung gesagt, dass

die Zustände durch Wort-Ableitung von den verschiedenen Lagen

benannt werden. Ueber die andern Kategorien, nämlich die des Orts und

der Zeit und des Habens braucht, da sie an sich klar sind, nichts weiter

gesagt zu werden, als was im Beginn bemerkt worden ist, nämlich, dass

das Haben beispielsweise das Beschuhtsein oder das Bewaffnetsein

bedeutet und der Ort z.B.: im Lykeion bedeutet und was sonst noch

früher über diese Kategorien gesagt worden ist.

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Zehntes Kapitel

Das Gesagte mag für die aufgestellten Grundbegriffe genügen; dagegen

habe ich noch bei den Gegensätzen darzulegen, in wie vielfacher Art sie

stattfinden können. Eines kann dem Andern in vierfacher Weise

gegenüberstehen; entweder als Beziehung oder als Gegentheil, oder als

Beraubung und Haben, oder als Bejahung und Verneinung. Von diesen

Gegensätzen stehen sich, um es im Umriss zu bezeichnen, die

Beziehungen einander so entgegen, wie z.B. das Doppelte dem Halben

und die Gegentheile so wie z.B. das Schlechte dem Guten; ferner die

Beraubung dem Haben, sowie z.B. die Blindheit dem Gesicht; die

Bejahung der Verneinung, sowie z.B.: er sitzt, und: er sitzt nicht.

Alle, welche sich als Bezogene gegenüberstehen, werden als das, was sie

sind, oder auf sonst eine Art von dem Entgegengesetzten ausgesagt; so

wird z.B. das Doppelte, als das, was es ist, nehmlich als das Doppelte von

einem Andern, ausgesagt, denn es ist das Doppelte von Etwas. Auch die

Wissenschaft ist als Beziehung der Gegensatz von dem Wissbaren und

die Wissenschaft wird als das, was sie ist, von dem Wissbaren ausgesagt.

Ebenso wird das Wissbare als das, was es ist, in Bezug auf sein

Gegensätzliches ausgesagt, nämlich auf die Wissenschaft; denn das

Wissbare ist das Wissbare in Etwas, nämlich in der Wissenschaft.

Alles, was als Beziehung einander gegenübersteht, wird also als das, was

es ist, von einem Anderen, oder sonst wie bezüglich auf einander

ausgesagt. Dagegen werden die Gegentheile in keiner Weise als das, was

sie sind, bezüglich von einander ausgesagt, sondern nur Gegentheile von

einander genannt. Denn das Gute wird nicht das Gute des Schlechten

genannt, sondern dessen Gegentheil; ebenso das Weisse nicht das Weisse

des Schwarzen, sondern dessen Gegentheil. Deshalb sind diese

Gegensätze von einander verschieden. Alle Gegentheile, welche der Art

sind, dass die Gegenstände, in denen sie von Natur entstanden sind, oder

von denen sie ausgesagt werden, nothwendig eines der Gegentheile an

sich haben müssen, haben kein Mittleres; wo aber die Gegenstände nicht

38


Zehntes Kapitel

der Art sind, dass sie eines von Beiden an sich haben müssen, da giebt es

allemal ein Mittleres. So sind z.B. die Krankheit und die Gesundheit am

Körper natürliche Zustände und eines von Beiden muss nothwendig

dem Körper der lebenden Wesen anhaften, entweder die Krankheit oder

die Gesundheit. Ebenso wird das Ungerade und das Gerade von der

Zahl ausgesagt und die Zahl muss eines von Beiden sein, entweder

gerade oder ungerade. Bei solchen Gegentheilen giebt es kein Mittleres;

weder von der Krankheit und Gesundheit, noch von dem Geraden und

Ungeraden. Wo aber der Gegenstand nicht nothwendig eines von Beiden

sein muss, da giebt es ein Mittleres; so entsteht z.B. das Schwarze und

das Weisse zwar von Natur an einem Körper, aber es ist nicht

nothwendig, dass der Körper eines von Beiden sein muss, denn nicht

jeder Körper ist entweder weiss oder schwarz. Auch wird das schlechte

und das gute von dem Menschen und von vielem Anderen ausgesagt,

aber es ist nicht nothwendig, dass entweder eines oder das andere den

Gegenständen anhafte, von denen es ausgesagt wird; denn nicht Alles ist

entweder schlecht oder gut. Auch giebt es bei solchen Gegentheilen ein

Mittleres; z.B. von dem Weissen und Schwarzen das Helle und das

Blasse, und was sonst noch für andere Farben, und ebenso von dem

Schlechten und dem Guten das, was weder schlecht noch gut ist. In

manchen Fällen sind Namen für das Mittlere vorhanden; wie bei dem

Weissen und Schwarzen das Helle und das Blasse und etwanige an dere

Farben; in andern Fällen kann man nicht leicht durch einen Namen das

Mittlere angeben, sondern man bestimmt es durch Verneinung der

beiden Gegentheile, wie z.B. durch: Weder gut noch schlecht, oder:

Weder gerecht noch ungerecht.

Die Beraubung und das Haben wird von demselben Gegenstande

ausgesagt, z.B. die Blindheit und das Gesicht von dem Auge. Allgemein

wird von den Gegenständen, wo das Haben der natürliche Zustand ist,

eines von beiden ausgesagt. Das Beraubtsein wird von Gegenständen,

die des Habens fähig sind, dann ausgesagt, wenn das Haben bei dem

Gegenstande, wo es der natürliche Zustand ist und zu der Zeit, wo es

dies ist, dennoch nicht vorhanden ist. Deshalb nennt man Gegenstände,

39


Zehntes Kapitel

die keine Zähne haben, nicht zahnlos, und die kein Gesicht haben, nicht

blind, sondern nur die, welche Zähne oder Gesicht dann nicht haben,

wenn sie von Natur ihnen zukommen; denn das, was seinem Entstehen

nach weder Gesicht noch Zähne hat, heisst weder zahnlos noch blind.

Das Beraubtwerden und das Haben haben ist nicht dasselbe wie die

Beraubung und das Haben. Das Haben ist nämlich das Gesicht und die

Beraubung die Blindheit: aber das Gesicht haben ist nicht das Gesicht

und das Blindsein nicht die Blindheit; denn die Blindheit ist eine Art der

Beraubung, das Blindsein aber ein Beraubtsein und keine Beraubung.

Wäre die Blindheit dasselbe wie das Blindsein, so könnte beides von

demselben Gegenstande ausgesagt werden; allein der Mensch wird wohl

blind genannt aber keinesweges Blindheit. Indess steht sich auch das

Beraubtsein und das Haben haben gegensätzlich so gegenüber, wie die

Beraubung und das Haben; denn die Art des Gegensatzes ist dieselbe; so

wie die Blindheit dem Gesicht entgegengesetzt ist, so ist auch das

Blindsein dem Gesichthaben entgegengesetzt.

Der Gegenstand der Verneinung und der Bejahung ist nicht selbst eine

Verneinung oder Bejahung; denn die Bejahung ist eine bejahende Rede

und die Verneinung eine verneinende Rede, während die Gegenstände

der Bejahung und Verneinung keine Reden sind. Indess sagt man, dass

diese Gegenstände einander ebenso entgegengesetzt sind, wie die

Bejahung und die Verneinung, denn auch bei ihnen ist die Art des

Gegensatzes dieselbe. Denn so wie etwa die Bejahung der Verneinung

entgegengesetzt ist, z.B. das: Er sitzt, dem: Er sitzt nicht, so ist auch das

Thatsächliche bei jedem, das Sitzen und das Nicht-Sitzen einander

entgegengesetzt.

Dass die Beraubung und das Haben nicht so, wie bezogene Dinge

einander entgegengesetzt sind, ist klar; denn jene werden als das, was sie

sind, nicht von ihrem Gegensätze ausgesagt. So ist das Gesicht nicht das

Gesicht der Blindheit, noch wird es sonst beziehungsweise von der

Blindheit ausgesagt und eben so wenig wird man die Blindheit eine

Blindheit des Gesichts nennen; vielmehr heisst die Blindheit eine

40


Zehntes Kapitel

Beraubung des Gesichts, aber nicht die Blindheit des Gesichts. Auch

lässt sich jede Beziehung umkehren, und deshalb müsste auch die

Blindheit, wenn sie eine Beziehung wäre, mit dem, von welchem sie

ausgesagt wird, sich umkehren lassen; allein dies geht nicht an, denn das

Gesicht kann man nicht das Gesicht der Blindheit nennen.

Die Beraubungen und das Haben sind auch nicht so, wie Gegentheile,

einander entgegengesetzt, wie aus dem Folgenden erhellt. Wenn nämlich

die Gegentheile der Art sind, dass sie kein Mittleres haben, so müssen

die Gegenstände, in denen solche Gegentheile von Natur bestehen oder

von denen sie ausgesagt werden, nothwendig immer eines derselben an

sich haben; denn wo eines von beiden dem dazu geeigneten

Gegenstande anhaften muss, da giebt es kein Mittleres, wie z.B. bei der

Krankheit und der Gesundheit oder bei dem Ungeraden und Geraden.

Wo aber bei Gegentheilen ein Mittleres vorhanden ist, da ist es niemals

nothwendig, dass eines von beiden dem Gegenstande allemal anhaften

muss; denn nicht alle dessen fähige Gegenstände müssen nothwendig

weiss oder schwarz sein, noch warm oder kalt sein; denn bei diesen

Gegenständen kann ein Mittleres bestehen. Auch giebt es von solchen

Gegentheilen ein Mittleres, bei denen nicht nothwendig eines von beiden

dem dazu fähigen Gegenstande anhaften muss, ausgenommen, wo eines

der Gegentheile einem Gegenstande von Natur anhaftet, wie z.B. dem

Feuer das Warmsein und dem Schnee das Weiss-sein. Bei solchen

Gegenständen muss indess ein bestimmtes von beiden Gegentheilen

ihnen anhaften und nicht etwa eines, wie es sich gerade trifft; denn das

Feuer kann niemals Kalt und der Schnee niemals schwarz werden.

Sonach ist nicht nothwendig, dass jedem, dieser Gegensätze überhaupt

fähigen Gegenstande einer von beiden Gegensätzen anhaften müsse;

dies findet nur da statt, wo von Natur eines dieser Gegentheile den

Gegenständen anhaftet, und hier haftet denselben das eine bestimmte

Gegentheil an und es ist nicht zufällig, welches. Bei der Beraubung und

dem Haben gilt aber keiner dieser besagten Sätze; hier ist es nicht

nothwendig, dass dem dazu befähigten Gegenstande immer eines von

beiden einwohne; denn Gegenstände, die überhaupt von Natur nicht; mit

41


Zehntes Kapitel

dem Gesicht versehen sind, nennt man weder blind noch sehend; sie

gehören daher auch nicht zu solchen Gegentheilen, die kein Mittleres

haben; aber ebenso wenig zu denen, die ein Mittleres haben; denn es ist

nothwendig, dass zur bestimmten Zeit bei allen dazu fähigen

Gegenständen entweder das Haben oder die Beraubung bestehen muss;

denn wenn etwas schon das Gesicht von Natur haben muss, so wird man

auch von ihm sagen, dass es sehend oder blind sei, aber nicht gerade

bestimmt eines von beiden, sondern wie es sich trifft; denn es besteht

keine Nothwendigkeit weder für die Blindheit, noch für das Gesicht,

sondern jedes kann sein, je nachdem es sich trifft. Bei den Gegentheilen

aber, die ein Mittleres neben sich haben, ist es niemals nothwendig, dass

der Gegenstand ohne Ausnahme eines der beiden Gegentheile an sich

habe, sondern dies gilt nur für Einzelnes, wo aber dann der Gegenstand

auch nur ein bestimmtes von beiden Gegentheilen an sich hat. Sonach

erhellt, dass die Gegensätze der Beraubung und des Habens auf keine

der Weisen, wie die Gegentheile einander entgegengesetzt sind.

Auch kann bei den Gegentheilen, wenn ein desselben fähiger

Gegenstand vorhanden ist, das eine Gegentheil in das andere und dieses

in jenes übergehen, ausgenommen, wenn einem Gegenstande von Natur

nur das eine Gegentheil anhaftet, wie dem Feuer das Warm ­ sein; denn

das Gesunde kann krank werden und das Weisse kann schwarz werden

und das Kalte warm; und aus dem Guten kann ein Schlechtes und aus

einem Schlechten kann ein Gutes werden; denn wenn ein schlechter

Mensch zu besserer Beschäftigung und zu besserem Verkehr geleitet

wird, so würde dies, wenn auch nur ein wenig, zu seinem Bessersein

beitragen; und wenn er hierin nur einmal einen, wenn auch kleinen

Schritt vorwärts gethan, so wird er sich schliesslich sicherlich entweder

ganz zum Besseren wenden oder doch erheblich weiter dazu vorrücken;

denn er wird allmälig immer mehr für die Tugend empfänglich werden,

wenn er nur überhaupt einen ersten Schritt dahin gethan hat und es ist

deshalb wahrscheinlich, dass er auch noch weitere Fortschritte dahin

machen wird; und wenn er so fortfahrt, so wird er schliesslich in den

entgegengesetzten Zustand gelangen, sofern ihm die genügende Zeit

42


Zehntes Kapitel

dazu bleiben sollte. Dagegen ist es bei dem Haben und der Beraubung

unmöglich, dass das eine in das andere sich gegenseitig verändern kann;

denn das Haben kann sich wohl in die Beraubung verändern, aber die

Beraubung nicht umgekehrt in das Haben; denn der Blind-Gewordene

hat niemals wieder gesehen und der Kahlköpfige ist niemals wieder

behaart geworden; und eben so hat der Zahnlose nie wieder Zähne

bekommen.

Alles endlich, was wie Bejahung und Verneinung einander

entgegengesetzt ist, ist es offenbar in keiner der bisher besprochenen

Weisen; denn nur bei ihnen muss immer das eine von beiden nothwendig

wahr und das andere falsch sein, während bei den Gegentheilen es nicht

immer nothwendig ist, dass das eine wahr und das andere falsch sei, und

auch bei den Beziehungen und bei dem Haben und der Beraubung dies

nicht nöthig ist. So sind z.B. die Gesundheit und die Krankheit

Gegentheile und doch ist keines von beiden wahr oder falsch. Ebenso

sind das Doppelte und das Halbe einander als Bezogene entgegengesetzt

und doch ist keines von beiden entweder falsch oder wahr, und dasselbe

gilt auch für das Haben und die Beraubung, wie z.B. für das Gesicht und

die Blindheit. Ueberhaupt ist Alles, was ohne Verbindung gesprochen

wird, weder falsch noch wahr und alle diese erwähnten Gegensätze

werden ohne Verbindung ausgesagt. Indess könnte man meinen, dass

dies gerade bei den Gegentheilen dann vorzugsweise der Fall sei, wenn

sie in einer Verbindung ausgesagt würden; wie z.B. das Gesundsein des

Sokrates das Gegentheil von dem Kranksein des Sokrates sei. Allein auch

dann ist es nicht immer nothwendig, dass eines von beiden wahr und das

andere falsch sei. Allerdings wird, wenn Sokrates lebt, das eine wahr und

das andere falsch sein, aber wenn Sokrates überhaupt nicht besteht, so

sind beide Gegensätze falsch; denn weder das Kranksein noch das

Gesundsein des Sokrates ist wahr, wenn überhaupt Sokrates nicht

besteht. Was aber die Beraubung und das Haben anlangt, so ist zwar

auch, wenn Sokrates überhaupt nicht vorhanden ist, keines von beiden

wahr, aber selbst, wenn er vorhanden ist, ist nicht immer das eine wahr

und das andere falsch. Der Satz, dass Sokrates das Gesicht habe, ist z.B.

43


Zehntes Kapitel

dem Satze, dass er blind sei, so wie das Haben der Beraubung

entgegengesetzt und trotzdem ist es, auch wenn Sokrates lebt, nicht

nothwendig, dass das eine wahr und das andere falsch sei; (denn wenn

Sokrates überhaupt von Natur kein Gesicht hat, so ist beides falsch); ist

aber Sokrates überhaupt nicht vorhanden, so ist auch dann beides falsch,

sowohl dass er sehe, als dass er blind sei. Dagegen ist bei der Bejahung

und der Verneinung, mag nun der Gegenstand vorhanden sein oder

nicht, immer die eine falsch und die andere wahr. Denn dass Sokrates

krank sei oder dass er nicht krank sei, davon ist offenbar, wenn Sokrates

vorhanden ist, das eine wahr und das andere falsch und dies gilt auch,

wenn Sokrates nicht vorhanden ist; denn bestellt Sokrates nicht, so ist

sein krank ­ sein falsch, aber wahr, dass er nicht krank ist. Sonach ist es

nur denjenigen Gegensätzen allein eigen, dass immer einer von beiden

wahr und der andere falsch sein muss, welche sich wie Bejahung und

Verneinung gegenüberstehen.

44


Elftes Kapitel

Das Gegentheil vom Guten ist nothwendig das Schlechte, wie sich durch

Betrachtung des Einzelnen ergiebt; so ist die Krankheit nothwendig das

Gegentheil von der Gesundheit und die Feigheit von der Tapferkeit und

dasselbe gilt für andere solche Fälle. Aber von dem Schlechten ist bald

das Gute, bald das Schlechte das Gegentheil; denn wenn der Mangel ein

Schlechtes ist, so ist auch das Uebermaass ein gegentheiliges Schichte;

gleichzeitig ist aber auch die Mitte, welche das Gute ist, das Gegentheil

von jenen beiden. Dieser Fall wird weniger häufig vorkommen; in den

meisten Fällen ist das Gegentheil vom Schlechten immer das Gute.

Bei den Gegentheilen ist es nicht nothwendig, dass wenn das eine

vorhanden ist, auch das andere bestehe; denn wenn alles Lebende gesund

ist, so besteht zwar die Gesundheit, aber nicht die Krankheit; ebenso

besteht, wenn alles weiss ist, das Weisse, aber nicht das Schwarze. Wenn

ferner das Gesundsein des Sokrates von dem Kranksein desselben das

Gegentheil ist, und es nicht möglich ist, dass Sokrates beides zugleich

sein kann, so wird es auch nicht möglich sein, dass, wenn eines von

beiden besteht, dann auch das andere bestehe; denn wenn das

Gesundsein des Sokrates ist, so wird das Kranksein desselben nicht sein.

Auch erhellt, dass die Gegentheile von Natur an Gegenständen, die zu

derselben Art oder Gattung gehören, entstehen. So entsteht von Natur

die Krankheit und Gesundheit an den Körpern der lebenden Wesen; die

Weisse und die Schwärze an den Körpern überhaupt; die Gerechtigkeit

und die Ungerechtigkeit an der Seele der Menschen.

Es ist auch nothwendig, dass die Gegentheile sich entweder in derselben

Gattung gegenüberstehen, oder in den gegentheiligen Gattungen oder

dass sie selbst Gattungen seien. So gehören das Weisse und das Schwarze

zu derselben Gattung (denn die Farbe ist ihre Gattung); ferner gehören

die Gerechtigkeit und die Ungerechtigkeit zu gegentheiligen Gattungen

(denn die eine gehört zur Gattung der Tugend, die andere zu der des

45


Elftes Kapitel

Lasters); das Gute und das Schlechte endlich gehört nicht zu einer

Gattung, sondern sie selbst sind Gattungen.

46


Zwölftes Kapitel

Früher, als ein anderes wird von etwas auf vierfache Weise gesagt.

Erstens und hauptsächlich geschieht es in zeitlicher Hinsicht, wonach

etwas den Jahren oder dem Dasein nach älter als ein anderes genannt

wird; denn etwas heisst so, weil es längere Zeit bestanden hat. Zweitens

heisst etwas so, wenn es in Bezug auf die Folge des Seins sich nicht

umkehren lässt; so ist die Eins früher als die Zwei; denn wenn die Zwei

ist, so folgt sofort, dass auch die Eins ist; aber wenn die Eins ist, so ist

nicht nothwendig auch die Zwei; deshalb gilt die Umkehrung nicht, dass

wenn die Eins ist, auch die andern Zahlen seien, und dasjenige gilt als

das Frühere, bei dem umgekehrt der Satz von der Folge des andern nicht

statthaft ist.

Drittens heisst etwas früher in Bezug auf eine bestimmte Ordnung, wie

z.B. bei den Wissenschaften und den Reden; denn bei den auf Beweisen

ruhenden. Wissenschaften beruht das Frühere und das Spätere auf der

Ordnung (denn die Elemente sind der Ordnung nach früher als die

Figuren und in der Sprachlehre sind die Buchstaben früher, als die

Sylben) und ebenso verhält es sich bei den Reden, denn das Vorwort ist

der Ordnung nach früher als die Ausführung.

Neben diesen angeführten Fällen scheint auch das Bessere und

Geehrtere der Natur nach ein Früheres zu sein und die Menge pflegt von

den geehrteren und von ihnen mehr geliebten Männern zu sagen, dass

sie die Ersten bei ihnen seien. Indess ist diese Weise des Gebrauchs von

Früher wohl die ungewöhnlichste.

Dies sind so ziemlich die Weisen, in denen das Früher gebraucht wird;

indess dürfte es ausser denselben noch eine andere Art seines Gebrauchs

geben; denn von den Dingen, wo gegenseitig das Dasein des einen aus

dem Dasein des andern folgt, dürfte der Grund irgendwie mit Recht das

von Natur Frühere gegen die Folge genannt werden und dass

dergleichen vorkommt, ist klar; denn das Dasein eines Menschen

47


Zwölftes Kapitel

gestattet die Umkehrung dahin, dass aus dem Sein desselben die

Wahrheit der dies ausdrückenden Rede und aus der Wahrheit dieser das

Sein desselben folgt; denn wenn der Mensch ist, so ist auch die Rede

wahr, womit man ausspricht, dass der Mensch ist; und dies lässt sich

auch umkehren; denn wenn die Rede wahr ist, womit man ausspricht,

dass der Mensch ist, so ist auch der Mensch vorhanden. Nun ist aber die

wahre Rede keineswegs der Grund von dem Dasein des Gegenstandes;

wohl aber erscheint der Gegenstand irgendwie als der Grund von der

Wahrheit der Rede; denn weil der Gegenstand vorhanden ist oder nicht

ist, gilt die Rede von seinem Dasein als wahr oder falsch. Sonach wird

also auf fünf verschiedene Weisen das eine als das Frühere gegen das

andere ausgesagt.

48


Dreizehntes Kapitel

Das Zugleich wird einfach und hauptsächlich von denjenigen Dingen

ausgesagt, deren Entstehung in demselben Zeitpunkt erfolgt; hier ist

keines früher oder später als das andere. Dergleichen wird also als

»zugleich der Zeit nach« bezeichnet; dagegen gilt dasjenige als »von

Natur zugleich«, was zwar in Bezug auf die Folge des Seins des Einen

aus dem Sein des Andern die Umkehrung gestattet, aber wo doch keins

die Ursache von dem Sein des andern ist; dieser Art ist z.B. das Doppelte

und das Halbe; denn sie lassen sich umkehren (denn wenn das Doppelte

ist, so ist auch das Halbe und wenn das Halbe ist, so ist auch das

Doppelte), keins von beiden ist aber die Ursache von dem Sein des

andern. Auch die verschiedenen durch Theilung entstandenen

gegenseitigen Arten derselben Gattung gelten als von Natur zugleich

vorhanden. Als solche Arten gelten die, welche aus derselben Theilung

hervorgehn; z.B. die Vögel gegenüber den Landthieren und

Wasserthieren; denn diese gegensätzlichen Arten sind aus derselben

Gattung durch eine Theilung entstanden, da die Thiere in diese Arten

eingetheilt werden, nämlich in Vögel, Landthiere und Wasserthiere, und

keine dieser Arten ist früher als die andere, vielmehr gelten sie sämmtlich

als von Natur zugleich vorhanden. Jede dieser Arten kann wieder in

Unterarten eingetheilt werden, sowohl die Landthiere, wie die Vögel und

die Wasserthiere. Sonach sind also alle diejenigen Gegenstände von

Natur zugleich, welche aus derselben Gattung durch dieselbe Eintheilung

derselben gewonnen worden sind Dagegen sind die Gattungen immer

früher als ihre Arten; denn hier lässt sich der Satz, wonach aus dem Sein

des Einen das Sein des Andern folgt, nicht umkehren; so ist z.B. wenn

ein Wasserthier da ist, auch ein Thier da; aber wenn ein Thier da ist, so

ist nicht nothwendig ein Wasserthier vorhanden.

Von Natur zugleich gilt also alles, wo zwar der Satz von der Folge des

Seins des Einen aus dem Sein des Andern sich umkehren lässt, aber

keines die Ursache von dem Sein des andern ist; ferner gelten als solche

alle Arten, welche aus derselben Gattung durch dieselbe Eintheilung

49


Dreizehntes Kapitel

einander gegenüberstehen; als einfach zugleich gilt aber Alles, was in

demselben Zeitpunkt entstanden ist.

50


Vierzehntes Kapitel

Von der Bewegung giebt es sechs Arten; die Entstehung, den Untergang,

die Vermehrung, die Verminderung, die Veränderung und den

Ortswechsel. Alle diese Arten, mit Ausnahme der Veränderung, sind

offenbar von einander verschieden; denn die Entstehung ist kein

Untergang und die Vermehrung ist keine Verminderung und auch kein

Ortswechsel und dasselbe gilt von den anderen; nur bei der Veränderung

entsteht der Zweifel, ob es nicht nothwendig sei, dass die Veränderung in

einer der übrigen Arten erfolgen müsse. Indess ist dies nicht richtig,

denn wir erfahren beinahe bei allen Affekten oder wenigstens bei den

meisten eine Veränderung, ohne dass wir dabei an einer von den andern

Arten der Bewegung Theil nehmen; denn der vom Affekt Ergriffene

braucht deshalb weder grösser noch kleiner zu werden und eben so

wenig eine andere der übrigen Arten von Bewegung zu erleiden und

deshalb ist die Veränderung eine besondere Art der Bewegung neben

den übrigen. Denn wäre dies nicht der Fall, so müsste das Veränderte

entweder auch gleichzeitig grösser oder kleiner werden oder eine andere

Art von Bewegung erleiden, was doch nicht nothwendig ist. Ebenso

müsste auch das, was grösser geworden oder sonst eine Art von

Bewegung erlitten hat, sich verändert haben; allein es kann etwas grösser

werden, was sich doch deshalb nicht verändert. So nimmt ein Viereck,

wenn man die Diagonale um dessen Ecken herumlegt, zwar zu, aber es

ist kein Anderes geworden und dasselbe gilt für andere Fälle dieser Art.

Sonach sind die angegebenen Bewegungen sämmtlich von einander

verschieden.

Das Gegentheil schlechthin von der Bewegung ist die Ruhe und von den

einzelnen Arten derselben sind die einzelnen Arten der Ruhe das

Gegentheil; so ist das Gegentheil von der Entstehung der Untergang,

und von der Vermehrung die Verminderung und von dem Ortswechsel

die Ruhe an demselben Ort. Am meisten ist aber wohl der Wechsel der

entgegengesetzten Orte einander entgegengesetzt; z.B. der von Oben

nach Unten und der von Unten nach Oben. Bei den übrigen genannten

51


Vierzehntes Kapitel

Arten der Bewegung lässt sich nicht leicht das angeben, was ihr

Gegentheil ist; vielmehr scheint hier kein Gegentheil vorhanden zu sein,

wenn man nicht bei ihnen das Verharren in derselben Beschaffenheit

und den Uebergang in die entgegengesetzte Beschaffenheit als

Gegensatz aufstellen will, wie dies in Bezug auf den Ortswechsel mit der

Ruhe an demselben Ort oder mit dem Uebergang in den

entgegengesetzten Ort geschieht; denn die Veränderung ist ein Wechsel

in der Beschaffenheit. Deshalb steht dem Wechsel in der Beschaffenheit

die Ruhe in dieser Beschaffenheit oder der Wechsel in die

entgegengesetzte Beschaffenheit gegenüber, wie das letztere z.B. bei dem

Weiss geschieht, wenn es schwarz wird; denn bei einem solchen Wechsel

verändert es sich in die entgegengesetzte Beschaffenheit.

52


Fünfzehntes Kapitel

Das Haben wird in verschiedenem Sinne gebraucht; theils bezeichnet es

eine Eigenschaft oder einen Zustand, oder irgend eine andere

Beschaffenheit; denn man sagt, dass Jemand eine Wissenschaft oder

Tugend besitze; theils gebraucht man das Wort bei der Grosse, z.B. wenn

Jemand eine bestimmte Grosse hat; denn man sagt dann von ihm, dass

er eine Grosse von drei oder vier Ellen habe; theils gebraucht man das

Wort bei der Bekleidung des Körpers z.B. bei einem Mantel oder Rock;

theils bei dem, was man an einem Theile hat, z.B. bei dem Fingerringe an

der Hand; theils bei dem, was man als Glieder hat, z.B. die Hand und

den Fuss; theils bei dem was in einem Gefässe ist; so hat z.B. der Scheffel

den Weitzen oder der Krug den Wein; denn man sagt, dass der Krug den

Wein habe (enthalte) und der Scheffel den Weitzen; man gebraucht von

alle dem das Haben wie bei dem Gefässe. Auch wird das Haben in Bezug

auf das Vermögen gebraucht; denn man sagt, dass Jemand ein Haus oder

ein Ackerstück habe.

Auch sagt man: eine Frau haben und dass die Frau einen Mann habe;

diese Bedeutung von Haben ist die allerentfernteste, denn man versteht

unter »ein Frauenzimmer haben« nichts anderes, als ihr beiwohnen.

Vielleicht lassen sich noch andere Bedeutungen von Haben aufzeigen;

indess werden die hier genannten wohl die gebräuchlichsten sämmtlich

befassen.

53



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