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‚Geschichte’ in der Eventkultur: Historische Feste in der Eventkultur am Beispiel des Kaufbeurer Tänzelfestes

Hauptseminararbeit, 2002, 21 Seiten
Autor: M.A. Brit Müller
Fach: Geschichte - Sonstiges

Details

Veranstaltung: ‚Geschichte’ in der Eventkultur: Geschichte erlebbar
Institution/Hochschule: Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt (Historisches Seminar)
Tags: Eventkultur, Historische, Feste, Eventkultur, Beispiel, Kaufbeurer, Tänzelfestes, Eventkultur, Geschichte
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2002
Seiten: 21
Note: 1,00
Literaturverzeichnis: ~ 23  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V119202
ISBN (E-Book): 978-3-640-23186-7
ISBN (Buch): 978-3-640-23202-4
Dateigröße: 161 KB

Zusammenfassung / Abstract

Das Tänzelfest ist eine traditionsreiche Einrichtung der ehemaligen freien Reichsstadt Kaufbeuren. Das als ältestes bayerisches Kinderfest stets gebührend hervorgehobene Spektakel kann einerseits auf eine eigene lange (Fest-)Geschichte zurückblicken, reiht sich aber andererseits auch in die zunehmende Anzahl historischer Feste ein, die entweder wiederbelebt oder in den vergangenen Jahren neu ins Leben gerufen wurden. Gerade in den Anfangsjahren eines neu inszenierten historischen Festes, steht der finanzielle Nutzen selten im Vordergrund. Vielmehr scheint es, dass in den Anfangsjahren auf keinen Fall mit Gewinn zu rechnen sei, eher muss gehofft werden, überhaupt die Ausgaben decken zu können. Es drängt sich somit die Frage auf, welchen Anreiz Feste mit historischem Ursprung oder wenigstens historischer Thematik ausüben und wodurch sie in den letzten Jahren an Zuspruch gewonnen haben. Das Kaufbeurer Tänzelfest, das an dieser Stelle beispielhaft für geschichtsorientierte Feierlichkeiten herausgegriffen werden soll, hat nicht nur selbst eine bereits Jahrhunderte lange Geschichte, sondern macht auch Geschichte in der heutigen Zeit lebendig. Im zentralen Festzug durch die Stadt stellen mehr als tausend Kinder gemeinsam die Vergangenheit ihrer Heimatstadt nach, „erleben“ vergangene Epochen und inszenieren Vergangenheit, indem sie sich an einer bestimmten überlieferten Struktur orientieren. Nicht nur den Tänzelfestkindern, den Akteuren, sondern auch den unzähligen Besuchern präsentiert sich auf diese Weise ein lebendiger Geschichtsunterricht. Das Tänzelfest hat sich zu einem der bedeutendsten kulturellen Ereignisse in Bayern entwickelt. Aus dem schwäbischen Festkalender ist es längst nicht mehr wegzudenken und zieht bereits seit Jahren nicht nur die Bewohner der Stadt, sondern auch eine Vielzahl von Touristen in seinen Bann. Es bietet sich deshalb an, am Beispiel dieses traditionellen Kaufbeurer Festes, das jährlich kurz vor den Sommerferien stattfindet, zu untersuchen, inwiefern sich ein Eventcharakter herausgebildet hat und wie sich Geschichte innerhalb unserer modernen Eventkultur inszenieren lässt.


Textauszug (computergeneriert)

,Geschichte′ in der Eventkultur:

Geschichte erlebbar?

Sommersemester 2002

Historische Feste in der Eventkultur

am Beispiel des Kaufbeurer Tänzelfestes

von

Brit Müller


Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis 2

Vorbemerkung 3

1

Historische Feste 4

1.1

Begriffsbestimmung: ,,historisches Fest" 4

1.2

Inszenierungscharakter 6

2

Das Kaufbeurer Tänzelfest 7

2.1

Historische Dimension des Tänzelfestes 7

2.2

Reiz des Mittelalters 10

2.3

Detailtreue der Kaufbeurer Kostüme 13

3

,,Geschichte" in der Eventkultur 14

3.1

Eventcharakter des Tänzelfestes 14

3.2

,,Historisches" und ,,Historisierendes" als Event 16

3.3

Chancen und Ziele für Kaufbeuren 16

Bewertung und Schlussgedanken 18

4

Literaturverzeichnis 19

Sekundärliteratur 19

2


Vorbemerkung

Das Tänzelfest1 ist eine traditionsreiche Einrichtung der ehemaligen freien Reichsstadt Kauf-

beuren. Das als ältestes bayerisches Kinderfest stets gebührend hervorgehobene Spektakel

kann einerseits auf eine eigene lange (Fest-)Geschichte zurückblicken, reiht sich aber anderer-

seits auch in die zunehmende Anzahl historischer Feste ein, die entweder wiederbelebt oder in

den vergangenen Jahren neu ins Leben gerufen wurden.

Gerade in den Anfangsjahren eines neu inszenierten historischen Festes, steht der finanzielle

Nutzen selten im Vordergrund. Vielmehr scheint es, dass in den Anfangsjahren auf keinen

Fall mit Gewinn zu rechnen sei, eher muss gehofft werden, überhaupt die Ausgaben decken

zu können. Es drängt sich somit die Frage auf, welchen Anreiz Feste mit historischem Ur-

sprung oder wenigstens historischer Thematik ausüben und wodurch sie in den letzten Jahren

an Zuspruch gewonnen haben.

Das Kaufbeurer Tänzelfest, das an dieser Stelle beispielhaft für geschichtsorientierte Feier-

lichkeiten herausgegriffen werden soll, hat nicht nur selbst eine bereits Jahrhunderte lange

Geschichte, sondern macht auch Geschichte in der heutigen Zeit lebendig. Im zentralen Fest-

zug durch die Stadt stellen mehr als tausend Kinder gemeinsam die Vergangenheit ihrer Hei-

matstadt nach, ,,erleben" vergangene Epochen und inszenieren Vergangenheit, indem sie sich

an einer bestimmten überlieferten Struktur orientieren.

Nicht nur den Tänzelfestkindern, den Akteuren, sondern auch den unzähligen Besuchern prä-

sentiert sich auf diese Weise ein lebendiger Geschichtsunterricht.

Das Tänzelfest hat sich zu einem der bedeutendsten kulturellen Ereignisse in Bayern entwi-

ckelt. Aus dem schwäbischen Festkalender ist es längst nicht mehr wegzudenken und zieht

bereits seit Jahren nicht nur die Bewohner der Stadt, sondern auch eine Vielzahl von Touris-

ten in seinen Bann. Es bietet sich deshalb an, am Beispiel dieses traditionellen Kaufbeurer

Festes, das jährlich kurz vor den Sommerferien stattfindet, zu untersuchen, inwiefern sich ein

Eventcharakter herausgebildet hat und wie sich Geschichte innerhalb unserer modernen E-

ventkultur inszenieren lässt.

1 Von welchem Wortstamm sich der Ausdruck ,,Tänzelfest" ableitet, ist bis heute nicht einwandfrei geklärt. Die

Bedeutung wird einerseits auf den Wortstamm ,,tanzen" zurückgeführt und damit in bezug zu den traditionellen

Reigentänzen des Kaufbeurer Tänzelfestes gesetzt. Andererseits ließe sich auch eine Rückführung des Termini

,,Tänzelfest" auf die frühneuhochdeutschen

,,Dinzeltage"

nicht ausschließen.

,,Dinzeltage"

bedeuten dabei so

viel wie, sich arbeitsfreie Tage genehmigen. Vgl. Tänzelfest Kaufbeuren. 19. bis 29. Juli 2002. Ältestes Kinder-

fest Bayerns. Hrsg. vom Tänzelfestverein e.V. Kaufbeuren 2002, S. 47. Außerdem: Petzold, Leander: Volkstüm-

liche Feste. Ein Führer zu Volksfesten, Märkten und Messen in Deutschland. München 1983.

3


1 Historische Feste

1.1 Begriffsbestimmung: ,,historisches Fest"

Versucht man sich dem Begriff ,,historisches Fest" zu nähern, so lassen sich zwei zentrale

Definitionsvarianten feststellen. Zum einen umschreibt ein ,,historisches Fest" die Vergegen-

wärtigung und Erinnerung2 eines ganz konkreten historischen Ereignisses. Diese Definition

konzentriert sich auf den engeren Wortsinn der Begriffe ,,historisch" und ,,Fest". Zum anderen

wird hierunter jedoch auch ein Fest verstanden, das versucht, sich in den historischen Rahmen

einer (Alt-)Stadt einzugliedern. Diese Art eines Festes kreiert also gleichsam einen eigenen

pseudo-historischen Hintergrund, beruht aber nicht auf einer wahren Begebenheit, die aus der

Vergangenheit überliefert ist. Bei beiden Auslegungen wird das Attribut ,,historisch" gegen-

über anderen Festen betont und als Abgrenzung verstanden.

Darüber hinaus sollte man ,,historische" Feste allerdings auch ganz bewusst von kirchlichen

Festen und Riten trennen3, die in gewisser Hinsicht zwar auch auf vergangene Ereignisse zu-

rückgreifen, denen aber nicht der notwendige Festcharakter innewohnt. Im Bereich kirchli-

cher Inszenierungen steht vielmehr die Liturgie, die spezielle religiöse Feier im Vordergrund,

während eventuell historische Wurzeln zwar nicht bedeutungslos zurückfallen, aber doch den

gläubigen Teilnehmern nicht bewusst sind und auch nicht den Kern des Geschehens ausma-

chen4. Historische Feste betonen indessen gerade die geschichtlichen Ausgangspunkte und

heben die Rückbesinnung auf Stadtgeschichte, eine Legende oder ähnliche Quellen eindeutig

hervor.

Im ,,Historischen Wörterbuch der Philosophie"5 werden signifikante zur Definition dienende

Punkte zusammengefasst, die auf ein (bürgerliches) Fest im weitesten Sinne zutreffen. Dem-

nach zählen zu den wichtigsten Kennzeichen eines Festes der überschaubare und abgegrenzte

2 Vgl. Lang, Wolfgang: Historische Feste in Bayern. Entstehung und Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert.

Neuried 2001 (=Bayerische Studien zur Geschichtsdidaktik; Bd. 4), S. 13.

3 Vgl. Marquard, Odo: Kleine Philosophie des Festes. In: Das Fest. Eine Kulturgeschichte von der Antike bis zur

Gegenwart. Hrsg. von Uwe Schultz. München 1988, S. 419, jedoch in Abgrenzung von Pieper, Josef: Über das

Phänomen des Festes. Köln 1963 (= Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen (Geis-

teswissenschaften); Bd. 113), S. 14f.

4 Greift man die in katholischen Regionen weit verbreiteten Fronleichnamsprozessionen auf, wird diese Diskre-

panz zwischen historischem Fest und kirchlichem Ritus mit historischem Ursprung deutlich. Fronleichnam,

eigentlich ein

historisches

Ereignis, das sich auf einem speziellen äußeren Anlass begründet, nämlich den Visio-

nen der (heiligen) Johanna von Lüttich, geht im kirchlichen Ritus und Bedeutung der Monstranz auf, erinnert

aber nicht an den ,,Gründungszusammenhang". Für die Prozessionsteilnehmer ist das historische Element an

Fronleichnam zugunsten anderer Aussagen in den Hintergrund gedrängt worden, ohne auch nur im geringsten an

Bedeutung zu verlieren. Bei historischen Festen geht es dagegen in erster Linie um die Rückbesinnung auf histo-

rische Wurzeln.

5 Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter unter Mitw. von mehr als 700 Fachgelehr-

ten. Völlig neubearb. Ausgabe des ,,Wörterbuchs der philosophischen Begriffe" von Rudolf Eisler. Ba-

sel/Stuttgart 1972. Bd. 2 (D ­ F), Sp. 938 ­ 940.

4


Rahmen, in dem es stattfindet, sowie die Beteiligung möglichst aller6 Mitglieder einer Gruppe

und eine besondere Stimmung, besondere Freude der Beteiligten an ihrem Fest. Zu dieser

Atmosphäre passt dann der vierte Aspekt, nämlich die Erhebung über den Alltag7. Das Fest

stellt jeweils eine Besonderheit dar und oftmals auch einen mythischen oder historischen An-

lass, der im Fest selbst wiederholt wird8. Als letztes Merkmal nennen alle Definitionen9 über-

einstimmend, dass ein Fest kein einmaliges Ereignis ist, sondern auf Wiederholung angelegt

ist und sich durch eine als zyklisch zu bezeichnende Wiederkehr10 auszeichnet.

Das

historische

Fest benutzt zusätzlich noch identifikatorische Mittel11 und versucht das Mit-

einander der Beteiligten in einen historischen Rahmen einzuordnen. Dazu dienen meistens

Rollenspiele12, Kostümspiele oder historische Umzüge; wobei diese drei Elemente auch mit-

einander verwoben werden können. Lang zieht deshalb speziell für die Abgrenzung

histori-

scher

Feste drei entscheidende Kriterien heran: erstens das Kostümspiel, zweitens den Fest-

umzug und drittens die als ,,original verstandene Kulisse"13. Die Kostümierungen zollen der

angeblich vorhandenen Freude daran, sich zu verkleiden, Tribut und unter originaler Szenerie

versteht Lang in erster Linie eine oft noch intakte Altstadt, eine Burg, ein altes Schloss oder

ggf. auch eine landschaftliche Besonderheit14, die an Ereignisse in der Vergangenheit zu erin-

nern vermag.

6 Nicht alle, aber ein Großteil der betroffenen Gruppenzugehörigen sollten an einer Festlichkeit teilnehmen,

damit der Gemeinschaftscharakter betont wird. Vergleiche hierzu auch Max Weber, der Feste als spezifische

Vergemeinschaftungs- und Vergesellschaftungsformen postuliert hat. Vgl. Weber, Max: Wirtschaft und Gesell-

schaft. Grundriss der verstehendes Soziologie. Tübingen 51976, S. 14f.

7 Winfried Gebhardt geht sogar so weit, Feste als institutionalisierte Formen außeralltäglichen Handelns zu be-

trachten. Feste und Feierlichkeiten stünden als eigenständische Wirklichkeitsbereiche jedem Alltagshandeln

gegenüber, ließen sich jedoch nur durch ihre Beziehung zu eben diesem Alltäglichen erfassen. Vgl. Gebhardt,

Winfried: Fest, Feier und Alltag. Über die gesellschaftliche Wirklichkeit des Menschen und ihre Deutung.

Frankfurt a.M. u.a. 1987 (=Europäische Hochschulschriften: Soziologie; Reihe 22; Bd. 143), S. 52f.

8 Als Beispiele hierfür wären verschiedene Feste wie der Rothenburger Meistertrunk, der Further Drachenstich

oder die so genannte Dinkelsbühler Kinderzeche zu nennen. Vgl. Lang, Wolfgang: Historische Feste in Bayern.

Entstehung und Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Neuried 2001 (=Bayerische Studien zur Geschichtsdi-

daktik; Bd. 4), S. 22f, 30f, 147ff.

9 Zum Beispiel Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter unter Mitw. von mehr als

700 Fachgelehrten. Völlig neubearb. Ausgabe des ,,Wörterbuchs der philosophischen Begriffe" von Rudolf Eis-

ler. Basel/Stuttgart 1972. Bd. 2 (D ­ F); Schoeck, Helmut: Soziologisches Wörterbuch. Freiburg i. Br. 1969.

10 Im Regelfall kann man von einem jährlichen Festzyklus sprechen. Bei aufwendigen Inszenierungen - bei-

spielsweise den Oberammergauer Festspielen - kann allerdings auch ein längeres Intervall vorliegen, was haupt-

sächlich durch den wesentlich höheren Vorbereitungsaufwand und Organisationsablauf bedingt ist. Hieraus

ergibt sich ein entscheidendes ,,mehr" an Arbeit, als es bei regulären Festen wie Altstadt- oder Schützenfesten

der Fall ist.

11 Damit sind solche Elemente gemeint, die den Besuchern eines historischen Festes das Hineinversetzen und das

Teilhaben an etwas Vergangenem erleichtern bzw. erst ermöglichen sollen. Kostümen kommt hier eine ebenso

wichtige Rolle zu wie Vorführungen, bei denen das Publikum entweder zusehen oder sogar teilnehmen oder

assistieren kann; Ritterturniere (Vgl. 1200-Jahrfeier in Pappenheim oder die jährlichen Ritterspiele aus Nie-

derstötzingen), Brot backen oder beispielsweise alte Spinnräder und Webstühle in Gebrauch sehen.

12 Hiermit sind historische Schauspiele gemeint, die für sich allein stehend noch keinen Festcharakter besitzen!

13 Lang: Historische Feste in Bayern. Entstehung und Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, S. 14.

14 Man denke hierbei an den rätischen Limes und andere noch erkennbare Grenzwälle, genauso wie an Flussläufe

oder Seen, die einen Ort prägen.

5



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