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Die Mutter-Tocher-Beziehung in den autobiographischen Werken "Mémoires d´une jeune fille rangée" und "Une mort très douce" von Simone Beauvoir

Examination Thesis, 2007, 64 Pages
Author: Isabelle Grob
Subject: Romance Languages - French Literature

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2007
Pages: 64
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 31  Entries
Language: German
Archive No.: V119247
ISBN (E-book): 978-3-640-22509-5
ISBN (Book): 978-3-640-22511-8
File size: 2685 KB

Abstract

Ziel meiner Arbeit ist es, die Entwicklung der Mutter-Tochter-Beziehung zu analysieren und chronologisch aufzuteilen. Hierzu werde ich die Intentionen Simone de Beauvoirs darlegen, die sie dazu bewegen, sich von der Bourgeoisie abzuwenden. Ich möchte die auch Sachverhalte beleuchten, die dazu beitragen, dass sich die Beziehung zu ihrer Mutter in einem stetigen Wandel befindet. Folgende Fragen haben mich dabei besonders getrieben: Tritt Simone de Beauvoir ihrer Mutter in allen Lebensphasen kritisch gegenüber? Welche Auswirkungen hat der Tod der Mutter bei Simone de Beauvoir? Welche Einstellung hat die Mutter gegenüber Simone als Schriftstellerin? Schafft Simone nach der Loslösung vom bürgerlichen Milieu auch eine Loslösung von der Mutter? +++ Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der streng traditionellen Erziehung, die Simone de Beauvoir erfahren hat. Hierzu werde ich einen kurzen Überblick über die Normen und Wertvorstellungen der Pariser Bourgeoisie Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geben, im Besonderen bezüglich der Erziehung von Töchtern. Im zweiten und dritten Kapitel stelle ich die Kindheit und das Zusammenfinden der Eltern dar, um besser deren Charaktere und späteren Handlungsweisen zu verstehen. Der darauf folgende Hauptteil (Kapitel 4) analysiert chronologisch die verschiedenen Lebensphasen der Mutter-Tochter-Beziehung. Diese Lebensphasen werden wiederum in mehrere Unterkapitel gliedert, um die verschiedenen Veränderungen, die sich in der Beziehung von Mutter und Tochter entwickeln, präziser zu verdeutlichen. Im fünften Kapitel wird ausschließlich nur auf die letzten dreißig Tage vor dem Tode der Mutter, Françoise de Beauvoir, eingegangen. Der Tod stellt das Ende der Mutter-Tochter-Beziehung dar und gibt die Möglichkeit, die Beziehung rückblickend im Schlussteil, Kapitel 6, zusammenzufassen und die eingangs gestellten Fragen zu beantworten.


Excerpt (computer-generated)

Zulassungsarbeit zur Erlangung des 1. Staatexamens

im Fachbereich Romanistik

der Johann Wolfgang Goethe-Universität

Institut für Romanische Sprachen und Literaturen

Examensarbeit

WS 2007/08

Die Mutter-Tochter-Beziehung

in den autobiographischen Werken

Mémoires dune jeune fille rangée

und Une mort très douce

von Simone de Beauvoir

vorgelegt von

Isabelle Grob

1. Fach: Französisch L3 (10. Semester)

2. Fach Spanisch (10. Semester)

Abgabedatum: 11.12.2007


1. Einleitung 3

2. Einbettung der Erziehung von Simone de Beauvoir in die Epoche 5

3. Die Eltern - Françoise und Georges de Beauvoir 7

4. Chronologischer Verlauf der Mutter-Tochter-Beziehung 9

4.1. Die frühe Kindheit (1908-1913) 9

4.2. Die ersten Schuljahre der Simone de Beauvoir und der erste Weltkrieg (1913-1919) 12

4.3. Die Zeit der Adoleszenz (1919-1925) 19

4.3.1. Starke Veränderungen in der Phase der Pubertät 19

4.3.2 Verhaltensveränderung von Françoise - der Mutter 22

4.3.3. Beziehungsumschwung zum Vater 24

4.3.4. Rückkehr der Unabhängigkeit 26

4.3.5 Der Verlust des Glaubens an Gott 27

4.3.6. Entdeckung der intellektuellen Fähigkeiten 29

4.4. Simone als junge Frau (1925-1928) 32

4.5. Simone als Erwachsene (1928-1963) 35

4.5.1 Die Mutter wird Witwe 38

5. Die letzten dreißig Tage vor dem Tode der Mutter (Oktober-November 1963) 42

5.1. Nachsicht und der Identifikation 46

5.2. Die Symbiose Mutter-Tochter in den fortgeschrittenen Jahren 49

5.3. Sterbephase der Mutter 50

5.4. Die Trauer von Simone 52

6. Schluss 54

Resumée 56

Literaturverzeichnis 61

Primärliteratur 61

Sekundärliteratur 61

2


1. Einleitung

Am 9. Januar 2008 würde Simone de Beauvoir hundert Jahre alt werden. Sie war Philosophin,

Feministin und Gefährtin Jean-Paul Sartres. Es sind gerade ihre Werke und ihr Leben, die sie

zur einflussreichsten weiblichen Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts und zum

Vorbild mehrerer Frauengenerationen gemacht haben, da sie als Rebellin die

Gleichberechtigung und Befreiung der Frau innerhalb der Gesellschaft vorantrieb. Obwohl ­

oder gerade weil ­ Simone de Beauvoir von der Erziehung des 19.Jahrhunderts geprägt ist,

ist sie in ihrem Denken und Wirken ihrer Zeit weit voraus. Noch heute ist ihr Werk von

großer Aktualität, da sich das patriarchalische System immer noch nicht grundlegend geändert

hat. Man kennt sie als Vorreiterin der Emanzipation der Frauen, denn schon früh in ihrer

Kindheit spürt sie die ungleiche Behandlung der Geschlechter. Insbesondere wurde sie vom

Bild ihrer Mutter geprägt, da diese in den konventionellen Regeln der Gesellschaft gefangen

war. Die hochintelligente Simone de Beauvoir entschied sich, dieser Frauenrolle zu

entkommen und eine selbständige Schriftstellerin zu werden, damit sie ,,frei" leben kann und

finanziell nicht von einem Mann abhängig sein muss. Daher lassen sich ihre Werke und ihr

Leben nur schwer voneinander trennen. Sie schrieb literarische und philosophische Werke

sowie Essays. Das Gesamtwerk bildet eine Einheit und unterliegt wechselseitiger Wirkung.

Zwischen 1958 und 1972 schrieb sie ihre Memoiren in vier Bänden:

,,Mémoires dune jeune fille rangée" (1958), ,,La force de lâge" (1960), ,,La force des choses"

(1963) und ,,Tout compte fait" (1972). Des Weiteren werden auch ,,Une mort très douce"

(1964) und ,,La cérémonie des adieux" (1974) zu ihren autobiographischen Werken gezählt.

In der vorliegenden Examensarbeit analysiere ich anhand der Biographie von Simone de

Beauvoir die Beziehung zu ihrer Mutter Françoise. Dazu eignen sich im speziellen ihre Werke

Mémoires dune jeune fille rangée

und

Une mort très douce.

Meine Analyse bezieht sich auf die autobiographischen Werke ,,Mémoires dune jeune fille

rangée" und ,,Une mort très douce" von Simone de Beauvoir.

In

Mémoires dune jeune fille rangée

beschreibt sie chronologisch ihre ersten zwanzig

Lebensjahre und gibt dem Leser einen kritischen Einblick in ihr paradoxes Leben. Im

Mittelpunkt des Geschehens steht das Familienleben in der Pariser Bourgeoisie.

In

Une mort très douce

schildert sie den Sterbeprozess ihrer Mutter und reflektiert

rückblickend die Beziehung zu ihr. In diesem Werk findet eine unerwartete Wendung in der

Beziehung zur Mutter statt, da die Autorin sich selbst auch mit dem Tod auseinandersetzt.

3


Ziel meiner Arbeit ist es, die Entwicklung der Mutter-Tochter-Beziehung zu analysieren und

chronologisch aufzuteilen. Hierzu werde ich die Intentionen Simone de Beauvoirs darlegen,

die sie dazu bewegen, sich von der Bourgeoisie abzuwenden. Ich möchte die auch

Sachverhalte beleuchten, die dazu beitragen, dass sich die Beziehung zu ihrer Mutter in einem

stetigen Wandel befindet. Folgende Fragen haben mich dabei besonders getrieben:

Tritt Simone de Beauvoir ihrer Mutter in allen Lebensphasen kritisch gegenüber? Welche

Auswirkungen hat der Tod der Mutter bei Simone de Beauvoir? Welche Einstellung hat die

Mutter gegenüber Simone als Schriftstellerin? Schafft Simone nach der Loslösung vom

bürgerlichen Milieu auch eine Loslösung von der Mutter?

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der streng traditionellen Erziehung, die Simone de

Beauvoir erfahren hat. Hierzu werde ich einen kurzen Überblick über die Normen und

Wertvorstellungen der Pariser Bourgeoisie Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geben, im

Besonderen bezüglich der Erziehung von Töchtern.

Im zweiten und dritten Kapitel stelle ich die Kindheit und das Zusammenfinden der Eltern

dar, um besser deren Charaktere und späteren Handlungsweisen zu verstehen.

Der darauf folgende Hauptteil (Kapitel 4) analysiert chronologisch die verschiedenen

Lebensphasen der Mutter-Tochter-Beziehung. Diese Lebensphasen werden wiederum in

mehrere Unterkapitel gliedert, um die verschiedenen Veränderungen, die sich in der

Beziehung von Mutter und Tochter entwickeln, präziser zu verdeutlichen. Im fünften Kapitel

wird ausschließlich nur auf die letzten dreißig Tage vor dem Tode der Mutter, Françoise de

Beauvoir, eingegangen. Der Tod stellt das Ende der Mutter-Tochter-Beziehung dar und gibt

die Möglichkeit, die Beziehung rückblickend im Schlussteil, Kapitel 6, zusammenzufassen

und die eingangs gestellten Fragen zu beantworten.

4


2. Einbettung der Erziehung von Simone de Beauvoir in die Epoche

Simone de Beauvoir wird Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in das Milieu der

französischen Bourgeoisie geboren. Die Familie in dieser Gesellschaft lebt in einem

patriarchalischen Milieu, in dem viele konservative Rituale und Verhaltensregeln

vorherrschen und die es von der übrigen französischen Gesellschaft trennen. Strenge und

unflexible Grundsätze regeln das Sozial- und Familienleben. Alles ist

vorgegeben: Die

Lebensweise der Familie, die Art der Ansammlung von Vermögen, das Ausgeben des Geldes,

die Erziehung der Kinder wie auch deren Verheiratung. Das Bild muss immer nach außen

gewahrt werden, auch wenn es innerhalb der Familie Probleme gibt. Für die Einhaltung dieser

Regeln ist die Mutter zuständig, die die Werte ihren Kindern, insbesondere ihren Töchtern

weitergibt.1 Hierzu zählen vor allem die religiösen Werte, da die Männer dieser

Gesellschaftsklasse kaum Interesse an Religion zeigen.2 Die Frau wünscht zu Heiraten, da das

ihr eine gewisse Autonomie verleiht und den sozialen Status sichert, obwohl sie oft unter der

liberalen Lebensweise des Ehemannes leidet. Gleichwohl spielt die Frau ist in dieser Schicht

eine nicht unbedeutende Rolle: Sie repräsentiert die Familie und ist somit im Grunde ebenso

wichtig wie der Mann. Doch vor dem Gesetz ist die Frau keineswegs mündig. Sie ist

vollkommen ihrem Ehemann unterworfen, der als Familienoberhaupt alle Entscheidungen

trifft. 3 Eine wohlsituierte Frau soll schweigsam und reserviert sein und ihre Talente nicht

herausstreichen, womit sie vielleicht ihren Mann in den Schatten stellen könnte.4

Simone de Beauvoir kritisiert in ihren Werken insbesondere in

Mémoires dune jeune fille

rangée

dieses oberflächliche Milieu und vor allem die Position der Frau in der

patriarchalischen Sozialstruktur. Das Lebensziel der Frau besteht darin Ehefrau und Mutter zu

sein, da nur eine verheiratete Frau eine anerkannte Position in dieser Gesellschaft hat. Die

Heirat in der bürgerlichen Gesellschaft basiert auf finanziellem Interesse und weniger auf

Liebe. So ist die heiratsfähige Frau zunächst nichts anderes als ein ökonomisches Objekt. Die

Mehrheit der Ehen in der Bourgeoisie wird zwischen zwei Familien und nicht zwei

Individuen geschlossen. Oft kennen sich die zukünftigen Ehepartner vor der Hochzeit nicht

einmal. Ziel der Eheschließung ist vielmehr den sozialen ,,Status" zu verbessern oder

zumindest beizubehalten. Häufig verbessern die gesellschaftlichen Beziehungen des

1 Vgl. Bair, Deirdre: [Simone de Beauvoir] Simone de Beauvoir. - [Paris] : Fayard, 1997, S. 20.

2 Vgl. Daumard, Adeline: La Bourgeoisie parisienne de 1815 a 1848.-Paris : SEVPEN, 1963, sixième section. in

8° broché, XXXVII-, S.366.

3 Vgl. Ebd., S.358.

4 Vgl. Ebd., 1963, S. 360.

5


Brautvaters und die Mitgift, die Karrierechancen des zukünftigen Ehemannes.5 Es ist paradox,

dass die Frau in dieser Gesellschaft eine intellektuelle Schulbildung erhält, aber sie nicht

beruflich oder gegenüber der Gesellschaft umsetzen darf. Sie dient als Statussymbol oder der

Unterhaltung des Mannes. Fleißige Kinder, die in der Schule Höchstleistungen vollbringen,

werden Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich sehr geschätzt. Meistens sind es Mädchen,

die durch Strebsamkeit und um den Eltern zu gefallen den Status der ,,Klassenbesten"

erlangen. Dieser Status zählt als Wettbewerb zur Prestigeerlangung zwischen den Familien

der Mittelklasse. Doch sobald diese Mädchen die Reifeprüfung erlangt haben, ist ihre

intellektuelle Laufbahn beendet und die Rolle als Ehefrau und Mutter wird vorbereitet.6

5 Vgl. Daumard, Adeline: Les bourgeois de Paris au XIXe siècle. - Paris : Flammarion, 1970, Seite 170f.

6 Vgl. Daumard, Adeline 1963, S. 362f.

6


3. Die Eltern - Françoise und Georges de Beauvoir

Simone-Ernestine-Lucie-Marie Bertrand de Beauvoir wird am 9. Januar 1908 in Paris

geboren.7 Ihr Vater Georges Bertrand de Beauvoir (1878 - 1941) stammt aus Limousin, einer

Stadt im Südwesten Frankreichs. Die Familie des Vaters entstammt dem Beamtenadel.

Georges ist als jüngstes von drei Kindern

,

zerbrechlich und liest gerne. Die Mutter von

Georges stirbt als er dreizehn Jahre alt ist. Nach ihrem Tod zieht ihn sein Vater groß, der sich

nicht viel mit ihm beschäftigt. Ohne den mütterlichen religiösen Einfluss verliert Georges den

Zugang zur Religion und wird ein bekennender Atheist, der später öffentlich die Kirche

kritisiert.8 Als er älter wird, bittet ihn sein Vater sich einen Beruf auszusuchen, da Georges als

jüngster Sohn keinen Anspruch auf das Erbe habe. Er studiert Jura, doch gilt seine

Begeisterung dem Theater und der Schauspielerei, was er auch als Beruf ausüben möchte;

doch diese Arbeit gilt zu jener Zeit nicht als ein Beruf und ist mit einem negativen Bild

behaftet. Er verbringt viel Zeit in den ,,Pariser Salons" und gilt als charmanter, intelligenter,

eleganter und rhetorisch gewandeter junger Mann.9 Mit neunundzwanzig Jahren, im Jahre

1906 wird er Françoise Brasseur vorgestellt, einer Bankierstochter aus dem Nordosten

Frankreichs. Diese ist 1887 geboren. Ihre Eltern hatten sich als erstes Kind lieber einen

Jungen gewünscht und können ihre Enttäuschung nicht verbergen. Nach Françoise folgen

noch ein Junge und ein Mädchen namens Lili, welche von den Eltern bevorzugt wird. Diese

Tatsache wird im leben von Françoise eine wichtige Rolle spielen. Die Mutter, die nur

ergeben für ihren Ehemann lebt und für die Kinder nur eine untergeordnete Rolle spielen, ist

kühl und streng.10 Françoise wird in eine Klosterschule geschickt, wo sie zu einer aufrichtigen

und streng praktizierenden Katholikin erzogen wird. Hier lernt sie nach ganz starren

Prinzipien zu leben, die sie im späteren Leben nicht aufgibt.

Toutes portent des guimpes montantes, des jupes longues, des chignons sévères.
Leurs yeux n´exprimaient rien. Maman est entrée dans la vie corsetée des
principes les plus rigides : bienséances provinciales et morale de couventine.11

Bei den Nonnen, vor allem bei ,,mère Bertrand", findet sie ein wenig Zärtlichkeit wie auch

Liebe. Sie entwickelt sich zu einer hübschen jungen Frau, ist sich dessen jedoch nicht

bewusst, weil ihr keine Bestätigung entgegengebracht wird. Das Desinteresse und die Strenge

7 Vgl. Bair, Deirdre, S.33.

8 Vgl. Ebd., S.22-24.

9 Vgl. Ebd., S.25f.

10 Vgl.Ebd., S. 27f.

11 De Beauvoir, Simone : Une mort très douce. Paris (Gallimard) 1964. Folio no., S. 46-47.

7


ihrer Eltern machen aus ihr ein trauriges und unsicheres Mädchen.12 Françoises Eltern

möchten, dass sie reich heiratet, um damit Vermögen und Position der Familie zu festigen.

Zwar gehören die Brasseurs nicht zur Aristokratie, doch da sie vermögender sind als die de

Beauvoirs können sie eine gute Mitgift zur Familiengründung mitgeben. Georges und

Françoise gefallen sich und heiraten am 21.12.1906. Auch wenn das Paar von den Eltern

verheiratet wird, sind Françoise und Georges ineinander verliebt, was eine Seltenheit

darstellt.13

Das frisch verheiratete Paar lässt sich in Paris nieder, wo die junge und noch sehr unerfahrene

Françoise versucht ihr neues Leben zu ordnen. Sie richtet die neue Wohnung in der

Rue

Raspail

nach den Kriterien der Bourgeoisie ein. Doch sie ist mit ihrer neuen Aufgabe und

ungewohnten sozialen Position überfordert. Das Leben und die Gesellschaft in Paris

unterscheiden sich sehr von dem Provinzmilieu, denn eine Frau in dieser Schicht muss den

Haushalt, der von Dienstmädchen geführt wird, organisieren und überwachen. Françoise hat

jedoch nicht gelernt, wie man sich gemäß den Traditionen und Regeln der Pariser Bourgeoisie

zu verhalten hat.

« [...] elle était provinciale, peu dégourdie; dans ce milieu bien parisien, on

a souri de sa gaucherie. »14

Der Vater von Georges stellt dem jungen Paar ein Dienstmädchen, Louise, die Françoise im

Haushalt und bei der Kindererziehung unterstützen soll.15 Auch Georges versucht anfänglich

seiner Frau die Umstellung zu erleichtern. Ihm ist wichtig, dass seine Frau seine Vorlieben

nachvollziehen kann und mit ihm teilt. Er ist ein relativ moderner Mann und führt sie in

Literatur und Theater ein. In der ersten Zeit ihrer Ehe blüht Françoise auf. Sie lässt sich gerne

führen, da ihr beigebracht worden ist, dass eine Frau ihrem Mann gehorchen und dienen

muss. Françoise liest jedoch nicht viel, weil sie sonst ihre Hausfrauenpflichten

vernachlässigen würde und sie nicht weiß, ob die Kirche diese Bücher toleriert.16

Zusammenfassend kann man sagen, dass Georges und Françoise zu Anfang ihrer Ehe

glückliche und zufrieden sind und die Gegenwart von Georges positiv auf Françoise wirkt.

12 Vgl. Bair, Deirdre, S.28

13 Vgl. Ebd., S.26-29.

14 Une mort très douce (1964), S.48.

15 Vgl. Bair, Deirdre, S.29.

16 Vgl. Bair, Deirdre, S.32.

8



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