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Die zweite Türkenbelagerung Wiens (1683) nach Feldzugsaufzeichnungen und Augenzeugenberichten

Hausarbeit, 2004, 17 Seiten
Autor: Nicolas A. Zeitler
Fach: Orientalistik / Sinologie - Sonstiges

Details

Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2004
Seiten: 17
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 8  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V119328
ISBN (E-Book): 978-3-640-23550-6

Dateigröße: 199 KB

Zusammenfassung / Abstract

Die zweite Belagerung Wiens durch die Osmanen fällt in die Regierungszeit des Sultans Mehemmed IV. Er war der 19. Sultan des Osmanischen Reiches und regierte von 1648 bis 1687. Die politischen Geschäfte des Reiches leitete der Sultan größtenteils nicht selbst, vielmehr hatte er sie seinem Großwesir Kara Mustafa Pasha Merzifonlu übertragen. Dieser galt als „von Ehrgeiz und Machtgier erfüllter Mann, der zur Eroberung Ungarns drängte.“ Die politischen Umstände schienen Anfang der 80er-Jahre des 17. Jahrhunderts günstig für einen Angriff auf Wien. So hatten nach dem ersten russisch-osmanischen Krieg 1678 – 1681 die verfeindeten Parteien den Frieden von Bahcesaray (Krim) geschlossen. Die Beziehungen des Osmanischen Reiches zu Russland konnten also zu jener Zeit als stabil gelten. Auch das Verhältnis zu Polen war nicht angespannt, weshalb Kara Mustafa sich Ungarn zuwenden und einen Angriff auf Österreich planen konnte. Im Dezember 1682 schließlich brach eine große Armee mit Kara Mustafa und Mehemmed IV an der Spitze von Edirne aus in Richtung Ungarn und Österreich auf. Während die Truppen unter Kara Mustafa bis vor Wien zogen, nahm der Sultan nicht selbst am Feldzug teil. Er blieb stattdessen in Belgrad zurück. Über die Belagerung Wiens existieren einige zeitgenössische Aufzeichnungen. Fußend auf diesen Augenzeugenberichten stellt die vorliegende Arbeit den zweiten Feldzug der Osmanen gegen Wien dar. Sie wird sich jedoch nicht auf eine reine Schilderung der Abläufe beschränken, sondern sich auch der Frage nach der Aussagekraft der zeit- und ortsnah am Geschehen verfassten Dokumente widmen. Bilden die von an der militärischen Auseinandersetzung Beteiligten verfassten Quellen die Ereignisse tatsächlich so objektiv ab, wie von ihren Autoren immer wieder betont? Um dieser Frage näher zu kommen, werden zunächst die Quellen vorgestellt, auf die sich die Darstellung stützt. Daran schließt sich eine Schilderung der Ereignisse um Wien an, zu der hauptsächlich zwei Augenzeugenberichte von Osmanischer Seite und einer aus Sicht der in der Stadt Eingeschlossenen herangezogen werden. Abschließend folgt eine Einschätzung und Bewertung dieser Augenzeugenberichte. [...]


Textauszug (computergeneriert)

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Inhaltsverzeichnis

I Einleitung: Historischer Rahmen und Fragestellung 3

II Quellen 4

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" (Die Ereignisse um Wien)

4

B ,,

·

"

5

C Johann van Ghelen: Kurtze und doch wahrhaffte und mit denckwürdigen
Umständen verfaßte Erzehlung der im Julio 1683 Heil-Jahrs von dem Erb-Feinde
vorgenommenen Welt-erschollenen Belagerung wie auch hernach klüglichst
angestellten und mit Ausschlagung deß gantzen Ottmoanischen Heers am 12.
September desselben Jahres ja so glücklich als ritterlich ins Werck gesetzten
Entsetzung Römisch-Keyserlicher Residentz-Stadt Wien.

6

III Die Belagerung Wiens (14. Juli ­ 12. September 1683) 7

A Das Anrücken der Osmanen

7

B Reaktionen und Vorgänge in der Stadt

8

C Feindliche Kontakte und der Fortgang der Belagerung

10

D Die Schlacht am Kahlenberg: Niederlage und Rückzug der Belagerer

12

IV Schlussbemerkungen 15

Literatur 17


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Die zweite Belagerung Wiens durch die Osmanen fällt in die Regierungszeit des Sultans

Mehemmed IV. Er war der 19. Sultan des Osmanischen Reiches und regierte von 1648

bis 1687. Die politischen Geschäfte des Reiches leitete der Sultan größtenteils nicht

selbst, vielmehr hatte er sie seinem Großwesir Kara Mustafa Pasha Merzifonlu

übertragen.1 Dieser galt als ,,von Ehrgeiz und Machtgier erfüllter Mann, der zur

Eroberung Ungarns drängte."2

Die politischen Umstände schienen Anfang der 80er-Jahre des 17. Jahrhunderts günstig

für einen Angriff auf Wien. So hatten nach dem ersten russisch-osmanischen Krieg

1678 ­ 1681 die verfeindeten Parteien den Frieden von %DKÁHVDUD\ (Krim) geschlossen.

Die Beziehungen des Osmanischen Reiches zu Russland konnten also zu jener Zeit als

stabil gelten.3 Auch das Verhältnis zu Polen war nicht angespannt, weshalb Kara

Mustafa sich Ungarn zuwenden und einen Angriff auf Österreich planen konnte.

Im Dezember 1682 schließlich brach eine große Armee mit Kara Mustafa und

Mehemmed IV an der Spitze von Edirne aus in Richtung Ungarn und Österreich auf.

Während die Truppen unter Kara Mustafa bis vor Wien zogen, nahm der Sultan nicht

selbst am Feldzug teil. Er blieb stattdessen in Belgrad zurück.4

Über die Belagerung Wiens existieren einige zeitgenössische Aufzeichnungen. Fußend

auf diesen Augenzeugenberichten soll die vorliegende Arbeit den zweiten Feldzug der

Osmanen gegen Wien darstellen. Sie wird sich jedoch nicht auf eine reine Schilderung

der Abläufe beschränken, sondern sich auch der Frage nach der Aussagekraft der zeit-

und ortsnah am Geschehen verfassten Dokumente widmen. Bilden die von an der

militärischen Auseinandersetzung Beteiligten verfassten Quellen die Ereignisse

tatsächlich so objektiv, wie von ihren Autoren immer wieder betont, ab?

Um dieser Frage näher zu kommen, sollen im folgenden Abschnitt zunächst die Quellen

selbst vorgestellt werden, auf die sich die Darstellung stützt. Daran anschließen wird

sich eine Schilderung der Ereignisse um Wien, zu der hauptsächlich zwei

Augenzeugenberichte von Osmanischer Seite und einer aus Sicht der in der Stadt

1 Vgl. Kramers, J. H.: Mehemmed IV. In: C. E. Bosworth u.a. (Hrsg.): The Encyclopaedia of Islam. New

Edition. Leiden, 1991. Bd. VI, S. 982 f.

2 Sturminger, Walter (Hrsg.): Die Türken vor Wien in Augenzeugenberichten. Düsseldorf, 1968.

3 Vgl. Kreiser, Klaus: Der Osmanische Staat 1300 ­ 1922. Oldenbourg, 2001 (Oldenbourg Grundriss der

Geschichte, Bd. 30.), S. 31.

4 Vgl. Heywood, C. J.: DU0X¬®DI3D¦D. In: E. van Donzel u.a. (Hrsg.): The Encyclopaedia of Islam.

New Edition. Leiden, 1990. Bd. IV, S. 591.


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Eingeschlossenen herangezogen werden. Abschließend folgt eine Einschätzung und

Bewertung dieser Augenzeugenberichte.

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A ,,

9HND\LmL%HÁ

" (Die Ereignisse um Wien)

Es handelt sich dabei um ein anonymes Tagebuch, welches in zwei Handschriften

erhalten ist. Die Manuskripte finden sich in Bibliotheken in London und Istanbul. Ganz

offensichtlich ist die Londoner Handschrift von der Istanbuler abgeschrieben, und auch

diese ist, wie an einem Vermerk des Kopisten erkennbar, eine Abschrift. Das Original

ist bislang unentdeckt geblieben.5 Abgesehen von zahlreichen Abschreibfehlern und

Unterschieden in der Rechtschreibung stimmen die beiden Texte im wesentlichen

überein.

Worum es sich bei den Aufzeichnungen handelt, enthüllt der Text selbst: um das

Zeremonialregister (7H|UÈI¼W GHIWHUL) des damaligen Zeremonienmeisters (WH|UÈI¼WF~).

Sein Name konnte bislang nicht herausgefunden werden.6 Geschildert werden in seinen

Niederschriften im Stile eines echten Tagebuchs immer nur die Ereignisse eines

betreffenden Tages. Nachträge finden sich nur in wenigen Fällen, in denen der

Verfasser wohl keine Gelegenheit hatte, das Erlebte unmittelbar schriftlich zu fixieren.

Was den Großteil des Textes betrifft, wird jedoch angenommen, dass die

Aufzeichnungen oft nur wenige Stunden nach dem von ihnen erfassten Geschehen

niedergeschrieben wurden.7

Unbedingt erwähnt werden muss im Zusammenhang mit den beiden Handschriften der

,,Ereignisse um Wien" auch die Reichschronik ,,Silihdar Tarihi" (Geschichte des

Waffenträgers). Der Verfasser, der Waffenträger Mehmed, war nicht unmittelbar bei der

Belagerung Wiens dabei, er blieb stattdessen gemeinsam mit dem Sultan in Belgrad.8

Zur Darstellung der Geschehnisse vor Wien übernahm er den Text von ,,9HND\LmL%HÁ",

den er selbst bearbeitete und stellenweise auch kürzte oder verbesserte. Auf diese Weise

lassen sich in der Gegenüberstellung mit der ,,Silihdar Tarihi" einige Fehler der beiden

Handschriften richtig stellen. Andererseits hat der Silihdar den Zeremonienmeister auch

in einigen Punkten missverstanden und fehlerhaft interpretiert.

5 Vgl. Kreutel, Richard F. und Treply, Karl (Hrsg.): Kara Mustafa vor Wien: 1683 aus der Sicht

türkischer Quellen. Übersetzt und erläutert von Richard F. Kreutel. Stark verm. Ausg. besorgt von Karl

Treply. Graz, Wien, Köln, 1982. (Osmanische Geschichtsschreiber; Neue Folge, Bd. I.), S. 18.

6 Vgl. ebd., S. 18.

7 Vgl. ebd., S. 40.

8 Vgl. ebd., S. 24.


′LH]ZHLWH7UNHQEHODJHUXQJ:LHQV

So schreibt der Zeremonienmeister über einen Tagesmarsch, auf dem es weder Wasser

noch Brücken gegeben habe. Ausdrücken wollte der Schreiber damit, dass es auf dem

Weg keine Hindernisse gegeben habe: keinen Fluss, den es zu überqueren galt und

keine Brücke, die für den Heereszug ein Engpass gewesen wäre. Der Silihdar allerdings

deutet diese Aufzeichnungen dahingehend, dass es Mangel an Wasser und vermeintlich

notwendigen Brücken gegeben habe.9

B ,,

·

"

Bei der zweiten wichtigen Augenzeugen-Quelle von osmanischer Seite handelt es sich

um die so genannten ,,Historien" des Chefdolmetschers der Hohen Pforte, Alexandros

Mavrokordatos, über die Osmanischen Kriegszüge 1683 sowie 1685 ­ 1687. Die auf

Neugriechisch verfassten Schilderungen wurden im Jahre 1891 in einer Istanbuler

Bibliothek aufgefunden.

Es war im 17. und 18. Jahrhundert durchaus üblich, dass die Beziehungen zwischen

Osmanen und abendländischen Völkern wesentlich von griechischen Dolmetschern

mitgestaltet wurden. In dieser Hinsicht stellte Mavrokordatos auf diesem Posten

keineswegs eine Besonderheit dar. Der studierte Philosoph und Mediziner hatte das

Amt von 1673 an inne und war zur Zeit des Wien-Feldzuges 41 Jahre alt.10

Seine Historien haben die Form von Chronik-, teilweise auch tagebuchartigen

Aufzeichnungen. Am ausführlichsten beschreibt Mavrokordatos den Feldzug gegen

Wien, an dem er selbst als wichtigster Berater Kara Mustafas in außenpolitischen

Angelegenheiten teilnahm.11

Seine Erzählung beginnt unvermittelt ohne jegliche Einleitung, die den Zweck der

Aufzeichnungen angibt. Erheblich erschwert wird das Text-Verständnis durch die vom

Autor gewählte Sprache: Es handelt sich dabei um ein ,,zwischen vulgären und

klassizistischen Formen regellos schwankendes und ohne gute Türkischkenntnisse

geradezu unverständliches Griechisch mit weitgehend türkisiertem Wortschatz".12

Der Dolmetscher Mavrokordatos war dem Zeremonienmeister an Allgemeinbildung

überlegen und hatte aufgrund seines Amtes auch viel umfassendere Einblicke in die

politischen Geschehnisse: Er ist, wie seinen Schilderungen zu entnehmen ist, stets

frühzeitig, detailliert und umfassend über die Ereignisse informiert.

9 Vgl. ebd., S. 26.

10 Vgl. ebd., S. 57.

11 Vgl. ebd., S. 22.

12 Ebd., S. 22.



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