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Subtitle: Verlust der Körperlichkeit = Verlust der gesellschaftlichen Identität?
Bachelor Thesis, 2008, 39 Pages
Author: David Liniany
Subject: German Studies - Miscellaneous
Details
Tags: Körper, Institution
Year: 2008
Pages: 39
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 10 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-22870-6
ISBN (Book): 978-3-640-23044-0
File size: 174 KB
Meiner Mutter.
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Abstract
Wenn es darum geht einen Menschen, eine Person zu beschreiben, so kommt man nicht umher, auf sein Äußeres, seine Physis einzugehen. Besonders in unseren postmodernen Industriegesellschaften scheint der Körper einen immer stärker werdenden Stellenwert einzunehmen. Allein der Blick auf die heutige Medienlandschaft offenbart, wie wichtig der menschliche Körper und das Verhältnis zum Selbigen zu sein scheint. So preist z. B. die Werbung Produkte an, die unsere Körper gesünder, vitaler, leistungsstärker und schöner machen sollen. Der Anspruch unserer modernen Leistungsgesellschaft scheint sich geradezu in unserer Physis zu manifestieren. Dies beginnt mit dem Joghurt, der unsere Verdauung regulieren soll und setzt sich fort in sog. „Tipps“ und „Tricks“ der einschlägigen Lifestylemagazine zur Reduzierung von Cellulite und Glättung von Falten. Solche Ratschläge beschränken sich dabei schon lange nicht mehr auf das weibliche Geschlecht, vielmehr ist zu beobachten, wie geschlechtsübergreifend das Bedürfnis und das Angebot wächst, sich und damit seinem Körper etwas „Gutes“ zu tun. Mitunter ist diese Fixierung auf den Körper nicht verwunderlich, wenn man sich vor Augen führt, dass unsere „menschliche Welt ohne den Körper nicht existieren würde – es gäbe keine Kommunikation, keine Arbeit, keinen Krieg, keine Wettkämpfe und kein Spiel, keine Sexualität, keine Kunst, keine Erziehung, keine Strafen, keine Kultur des Essens und Trinkens, der Heilung, des Umgangs mit den Toten…“. Doch dies reicht bei weitem nicht aus zu erklären, warum dem Umgang mit dem Körper und der Konzentration auf den Körper in unserer Gesellschaft soviel Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Excerpt (computer-generated)
Universität Bielefeld
Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft
Bachelorarbeit
im (Kern-)Fach Germanistik
zum Thema:
,,Der Körper als totale Institution
Verlust der Körperlichkeit = Verlust der gesellschaftlichen
Identität?"
vorgelegt von
David Liniany
Bielefeld, im September 2008
Inhalt
1. Exposition Bedeutung des Körpers
in unserer Gesellschaft
Seite 2
2. Der Mensch und sein Körper
Seite 6
2.1. Körper und Macht
Seite 8
2.2. Der genormte Körper
Seite 16
3. Das Konzept der ,,totalen Institution"
Seite 19
4. Der Körper als ,,totale
Institution"
Seite 23
4.1. ,,Haus der Schildkröten"
Seite 25
4.2. Auf den Spuren der ,,totalen Institution"
im ,,Haus der Schildkröten
Seite 27
4.3. Der Körper als ,,totale Institution"
im ,,Haus der Schildkröten"
Seite 30
4.4. Verlust der Körperlichkeit =
Verlust der gesellschaftlichen Identität?
Seite 32
5.
Literaturverzeichnis
Seite 36
1
1. Exposition - Bedeutung des Körpers in unserer Gesellschaft
Wenn es darum geht einen Menschen, eine Person zu beschreiben, so
kommt man nicht umher, auf sein Äußeres, seine Physis einzugehen.
Besonders in unseren postmodernen Industriegesellschaften scheint der
Körper einen immer stärker werdenden Stellenwert einzunehmen. Allein
der Blick auf die heutige Medienlandschaft offenbart, wie wichtig der
menschliche Körper und das Verhältnis zum Selbigen zu sein scheint. So
preist z. B. die Werbung Produkte an, die unsere Körper gesünder, vitaler,
leistungsstärker und schöner machen sollen. Der Anspruch unserer
modernen Leistungsgesellschaft scheint sich geradezu in unserer Physis
zu manifestieren. Dies beginnt mit dem Joghurt, der unsere Verdauung
regulieren soll und setzt sich fort in sog. ,,Tipps" und ,,Tricks" der
einschlägigen Lifestylemagazine zur Reduzierung von Cellulite und
Glättung von Falten. Solche Ratschläge beschränken sich dabei schon
lange nicht mehr auf das weibliche Geschlecht, vielmehr ist zu
beobachten, wie geschlechtsübergreifend das Bedürfnis und das Angebot
wächst, sich und damit seinem Körper etwas ,,Gutes" zu tun.
Mitunter ist diese Fixierung auf den Körper nicht verwunderlich, wenn man
sich vor Augen führt, dass unsere ,,menschliche Welt ohne den Körper
nicht existieren würde es gäbe keine Kommunikation, keine Arbeit,
keinen Krieg, keine Wettkämpfe und kein Spiel, keine Sexualität, keine
Kunst, keine Erziehung, keine Strafen, keine Kultur des Essens und
Trinkens, der Heilung, des Umgangs mit den Toten...".1
Doch dies reicht bei weitem nicht aus zu erklären, warum dem Umgang
mit dem Körper und der Konzentration auf den Körper in unserer
Gesellschaft soviel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Es scheint vielmehr in
1 Dederich, Markus: Körper, Kultur und Behinderung. Eine Einführung in die Disability Studies.
Bielefeld: transcript Verlag, 2007. S.85.
2
unserer abendländischen Kultur eine stillschweigende Übereinkunft zu
geben, inwiefern sich unser sozialer und gesellschaftlicher Status in
unserem Körper und der damit einhergehenden Außenwirkung
widerzuspiegeln hat. Man kann sogar soweit gehen, zu behaupten, dass
jemand der besondere körperliche Vorzüge, sprich Attraktivität,
vorzuweisen hat, automatisch besser gestellt ist. So sorgten z. B. im Jahre
1974 die Psychologen Landy und Sigall mit einer Studie, die belegt, dass
Attraktivität den sozialen Erfolg beeinflusst, für große Aufmerksamkeit.2
Auch weitere Untersuchungen förderten zu Tage:
,,Wer gut aussieht hat größere Chancen bei der Partnerwahl (Hattfield/
Sprecher 1986), wird mit größerer Wahrscheinlichkeit eingestellt, verfügt
im Durchschnitt über einen höheren Verdienst (Kaczorowski 1989) und
bessere Voraussetzungen für den beruflichen Aufstieg."3
Zusammengefasst scheint der physisch besser aufgestellte Mensch
prädestiniert zu sein, ein ,,besseres" und ,,einfacheres Leben" zu führen.
Was hieraus resultiert ist Chancenungleichheit, man könnte sogar
durchaus von einer Ungerechtigkeit sprechen. In der Sozialpsychologie
findet sich diese Beobachtung unter dem Terminus des ,,Halo-Effekts"
wieder. Eingeführt wurde dieser Begriff im Jahre 1920 vom
amerikanischen Psychologen Edward Lee Thorndike. Im Prinzip
beschreibt der ,,Halo-Effekt" einen Wahrnehmungsfehler, Irrtum
hinsichtlich der Beurteilung von Individuen. Ein Beispiel wäre in diesem
Zusammenhang die Beurteilung eines Menschen, ausgehend von seiner
Physis. Konkret also, unter Rückgriff auf o.g. Studien, die Bevorzugung
attraktiver Menschen, da ihnen, ausgehend von ihrer Attraktivität,
zusätzliche Vorzüge, wie gesteigerte soziale Kompetenz oder andere
positive Attribute und Fähigkeiten zugeschrieben werden. Es wird dabei
eine Kausalität konstruiert und beschrieben, die so nicht existiert.4 Hieraus
2Koppetsch, Cornelia: Körper und Status. Zur Soziologie der Attraktivität. Konstanz: UVK, Univ.-
Verl., 2000. S. 99.
3 Ebd. S.99.
4 Ebd. S.99.
3
lässt sich durchaus ein Grund für die gesteigerte Aufmerksamkeit und
Zuwendung gegenüber dem Körper in unserer Gesellschaft ableiten, denn
wer möchte nicht in diesem System, dass von einem ständigen
Wettbewerb, einem sich fortlaufenden Messen und sich Messen lassen
bestimmt zu sein scheint, seine Chancen erhöhen? Was folgt, ist das
Bedürfnis seine eigenen Vorzüge zu betonen, aber auch physische
Nachteile zu kaschieren bzw. sogar ggf. zu korrigieren, denn in unserer
Gesellschaft/ Ökonomie kann
,,Attraktivität [...] dazu beitragen, Macht zu festigen, Bindung zu erzeugen
oder Aufmerksamkeit und Beachtung auf sich zu ziehen."5
Gerade Aufmerksamkeit und Beachtung, die mit dem Bedürfnis nach
Anerkennung korrelieren, sind diesbezüglich nicht zu vernachlässigende
Determinanten, da sich darüber u.a. durchaus die Selbstwahrnehmung
und das Selbstbewusstsein eines Individuums definieren kann.
Auch in einer neueren Studie, unter der Leitung von Diplom-Psychologe
Dr. Martin Gründl an der Universität Regensburg, wurden u.a.
Erkenntnisse präsentiert, die beschreiben, ,,welche soziale Macht ein
schöner Körper auf uns alle ausübt."6 Ziel der 2001 veröffentlichten Studie,
mit dem Titel ,,Beautycheck"7, war es die Ursachen und Folgen von
Attraktivität zu untersuchen. Unter dem Topic ,,Soziale Wahrnehmung",
welcher sich auch auf der Internetpräsenz der benannten Studie
wiederfindet, wurde in einer Versuchsreihe ergründet, ähnlich dem ,,Halo-
Effekt", inwieweit attraktive Menschen Vorteile haben und besser
behandelt werden als weniger attraktive. Hierbei wurden Probanden
Fotografien von Gesichtern vorgelegt, die zuvor unter bestimmten
wissenschaftlichen Parametern als attraktiv oder unattraktiv klassifiziert
wurden. Die Teilnehmer dieser Versuchsreihe sollten dann den jeweiligen
5 Ebd. S. 101.
6Vgl.: http://www.beautycheck.de/ (27.08.2008).
7 Braun, C., Gründl, M., Marberger, C. & Scherber, C. (2001). Beautycheck. Ursachen und Folgen
von Attraktivität. Projektabschlussbericht. [pdf-Dokument]. Verfügbar unter:
http://www.beautycheck.de/bericht/bericht.htm (27.08.2008).
4
Gesichtern vorgegebene Eigenschaften, wie etwa ,,ehrlich, erfolgreich,
gesellig, sympathisch," usw. sowie die entsprechenden Antipoden
zuordnen. Die Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache.
,,Es gibt ein ausgeprägtes Attraktivitätsstereotyp: Je attraktiver die
präsentierten Gesichter waren, desto erfolgreicher, zufriedener,
sympathischer, intelligenter, geselliger, zugänglicher, aufregender,
kreativer und fleißiger wurden die Personen eingeschätzt. Für unattraktive
Gesichter gilt das Gegenteil: Je unattraktiver, desto eher wurden negative
Eigenschaften unterstellt. Der Zusammenhang zwischen Attraktivität und
positiven Persönlichkeitseigenschaften ist dabei sogar sehr stark [...]."8
Dieser Umkehrschluss liegt nahe. Weniger attraktive Menschen,
Menschen mit schlechteren körperlichen Voraussetzungen werden
dementsprechend schlechter beurteilt, mit eher negativen Attributen in
Verbindung gebracht. Geht man diesem Gedanken weiter nach, so stellt
sich dann die Frage, was mit Menschen ist, denen es nicht nur an
Attraktivität mangelt, sondern die ernste physische Defizite aufweisen, wie
etwa eine Behinderung, Krankheit, hohes Alter usw.? Wie verhält es sich
in diesem Zusammenhang mit der sozialen Wahrnehmung und vor allem
welche Auswirkungen hat dies auf ihren sozialen und gesellschaftlichen
Status? Bedeutet der Verlust der Körperlichkeit, wie sie der gängigen
Norm entspricht, dementsprechend einen Verlust der gesellschaftlichen
Identität? Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll diesen Fragestellungen
nachgegangen werden. Zuvor soll jedoch anhand sozialwissenschaftlicher
Arbeiten der Versuch unternommen werden, sich dem Terminus Körper
und dem damit verbundenen Verständnis von Körperlichkeit zu nähern.
8 Vgl.: http://www.beautycheck.de/ (27.08.2008).
5
2. Der Mensch und sein Körper
Wie bereits im vorangegangenen Kapitel aufgezeigt, würde ohne unsere
menschlichen Körper die Welt, wie wir sie kennen, nicht existieren. Doch
was ist eigentlich der menschliche Körper? Ist unser Körper mit reiner
Natur, also Biomaterie, zu erklären? Reicht also diesbezüglich ein rein
naturwissenschaftlicher, medizinischer und evolutionsbiologischer Blick
aus, den Körper und somit auch seine Bedeutung für uns und unsere
Gesellschaft zu beschreiben? Diese Frage ist wohl zu verneinen, da die
Naturwissenschaft den Körper in der Regel immer als ,,etwas
Außergesellschaftliches, in seiner natürlichen Beschaffenheit zu
Beschreibendes verstanden"9 hat und in Teilen mitunter noch versteht. So
kann zwar die Naturwissenschaft mittlerweile sehr genau darstellen, wie
menschliche Körper aufgebaut, konstruiert sind und wie sie funktionieren,
jedoch liefert dies noch keine Erkenntnisse über die Bedeutung des
menschlichen Körpers. Mit Bedeutung ist in diesem Kontext einerseits die
Bedeutung des Körpers für das Individuum selbst gemeint, andererseits
aber auch die Bedeutung des menschlichen Körpers im Spannungsfeld
von Subjekt und Gesellschaft. Dementsprechend ist mittlerweile der
Körper auch immer stärker ins Blickfeld der Soziologie gerückt. Es erfolgt
jedoch dabei keineswegs eine Trennung der Erkenntnisbereiche von
Naturwissenschaften und Gesellschaftswissenschaften, vielmehr ist hier
eine Verschränkung erkennbar.10 In diesem Zusammenhang hat sich eine
Körpersoziologie herauskristallisiert. Wie in einem wissenschaftlichen
Diskurs üblich, besonders in so einem relativ ,,jungen" wie der
Körpersoziologie, besteht auch hier keine klare Einigkeit darüber, was
man unter dem Körper zu verstehen hat. Sie liefert jedoch durchaus
interessante und für die Erkenntnisdimension dieser Arbeit hilfreiche
9 Jäger, Ulle: Der Körper, der Leib und die Soziologie. Entwurf einer Theorie der Inkorporierung.
Königstein/Taunus: Helmer, 2004. S.23.
10 Ebd. S.23f.
6
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