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Subtitle: Die Konstitution einer neuen Romanpoetik
Thesis (M.A.), 2008, 101 Pages
Author: Magister Artium Julian Philipp Schlüter
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Alfred, Döblin, Berlin, Alexanderplatz
Year: 2008
Pages: 101
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 125 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-23299-4
ISBN (Book): 978-3-640-23321-2
File size: 703 KB
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Abstract
Walter Benjamin schreibt in seiner Rezension zu "Berlin Alexanderplatz" mit Blick auf Döblins poetologischen Essay "Der Bau des epischen Werks", dass es ihm in seinem Roman gelinge, seine theoretischen Positionen auch literarisch umzusetzen: „Sein letztes Buch zeigt, daß Theorie und Praxis seines Schaffens sich decken.“ Ebenso unterstreicht Döblin selbst, seine theoretischen Konzepte des modernen Epos in der Praxis verwirklicht zu haben: „Ich spreche hier von einem sich entwickelnden Typ moderner epischer Kunstwerke, die ganz bestimmte Formgesetze in sich tragen. Ich habe leicht analysierbare Beispiele in meinen eigenen Büchern gegeben.“ Doch worin besteht dieser neue Typ der Epik? Was sind seine Merkmale? Auf welchen theoretischen Überlegungen beruht er und woraus speisen sich deren Einflüsse? Wie die beiden Zitate andeuten, unterfüttert Döblin sein dichterisches Werk stets mit literatur- und kunsttheoretischen Schriften, die ein hohes Maß an Selbstreflexion aufweisen und das ästhetische Fundament seines Schaffens bilden. Eine Analyse von "Berlin Alexanderplatz" gebietet also zunächst einen genauen Blick auf ebendiese Texte. Dementsprechend zeichnet der erste Teil dieser Arbeit den Entstehungsweg von Döblins romanpoetologischen Überlegungen nach, während der zweite zeigt, wie diese in Berlin Alexanderplatz kulminieren. „Von einer ‚Poetik’ Döblins zu sprechen, ist eine fragwürdige Sache, “ schreibt Erich Kleinschmidt über dessen ästhetische Schriften, da sie keine konsistente Theorie erkennen ließen. Stattdessen sei für Döblins gedankliche Selbstfindung jener „geradezu anarchischer Eklektizismus“ charakteristisch, der schon seinen ersten kunsttheoretischen Essay "Gespräche mit Kalypso. Über die Musik" auszeichne. Vom Beginn seiner literarischen Tätigkeit an setzt er sich kritisch mit „tradierten und zeitgenössischen künstlerischen Ausdrucksformen“ auseinander und gelangt so allmählich nach dem „Prinzip des kreativen Widerspruchs“ durch die „Abgrenzung von Kunstströmungen der Vergangenheit und Gegenwart […] zu eigenen ästhetischen Anschauungen und Maßstäben.“
Excerpt (computer-generated)
Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz
Die Konstitution einer neuen Romanpoetik
Schriftliche Hausarbeit zur Erlangung des
Grades eines Magister Artium (M.A.)
der Philosophischen Fakultät
der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
vorgelegt von
Julian Philipp Frederic Schlüter
Kiel
2008
INHALTSVERZEICHNIS
I. Einleitung
1
II. Teil 1: Analyse der Ästhetischen Schriften
5
II. 1. Die Bilder der Futuristen
5
II. 1.1 Expressionismus und Futurismus 5
II. 1.2 Döblins expressionistische Sichtweise des Futurismus 8
II. 1.3 Die Unzulänglichkeit der Kunstmittel 10
II. 1.3.1 Die neuen Methoden der Futuristen 10
II. 1.3.2 Der Sprachskeptizismus 12
II. 1.4 Kunst als Transzendenz 13
II. 1.5 Der Gang nach innen 15
II. 1.6 Der Kubismus 16
II. 1.7 Das Schaffen einer neuen Realität aus der Künstlerfantasie 18
II. 2. Futuristische Worttechnik. Offener Brief an F.T. Marinetti
19
II. 2.1 Der Naturalismus-Begriff 20
II. 2.2 Die Kritik an Marinetti 22
II. 2.2.1 Unveränderbares Material Der Bezug zu Fritz Mauthner und Arno Holz 22
II. 2.2.2 Die stoffliche Einschränkung 24
II. 2.2.3 Der ästhetizistische Stil 25
II. 2.3 Fazit: Der literarische Eigenweg 27
II. 3. An Romanautoren und ihre Kritiker. Berliner Programm
28
II. 3.1 Mehr Öffentlichkeit in der Literaturproduktion 28
II. 3.2 Das moderne Epos 29
II. 3.3 Antibürgerlichkeit als grundlegende Haltung 31
II. 3.4 Die neuen poetologischen Prinzipien 32
II. 3.4.1 ,Depersonation′ 32
I
II. 3.4.2 ,Steinerner Stil′ 33
II. 3.4.3 ,Tatsachenphantasie′ 34
II. 3.4.4 ,Kinostil′ 35
II. 3.5 Kritik an expressionistischer Kunsttheorie 36
II. 4. Der Bau des epischen Werks
37
II. 4.1 ,Das Exemplarische des Vorgangs und der Figuren′ 37
II. 4.2 Die Legitimierung der Berichtform 38
II. 4.3 Das Element des Fabulierens 39
II. 4.4 Die Befreiung von Kunstregeln 40
II. 4.5 Die Verbindung zum Publikum und dessen gewandelter Rezeptionshaltung 41
II. 4.6 Die Rehabilitierung der Autorenpräsenz 43
II. 4.7 Der Weg zur künftigen Epik 43
II. 4.8 Die Sprache 45
III. Teil 2: Die künstlerische Avantgarde in
Berlin Alexanderplatz
46
III. 1. Die Montage von avantgardistischen Stilen 46
III. 2. Eklektizismus als oberstes Prinzip 47
III. 3. Der Einfluss des Expressionismus: Ein Vergleich zwischen Die Ermordung einer
Butterblume
und
Berlin Alexanderplatz
48
III. 3.1 Über-Ich-Strukturen: Bürgernormen und Gefängnisregeln 49
III. 3.2 Die Angst vor Strafe und die Großstadt 50
III. 3.3 Der Gesang 52
III. 3.4 Das Kriegs-Motiv 53
III. 3.5 Der exemplarische Charakter der Figuren 55
III. 3.6 Das Übergangslose 57
III. 4. Spuren des Futurismus
58
III. 5. Dadaistische Elemente
61
III. 5.1 Die Verbindung von futuristischen mit dadaistischen Elementen 61
II
III. 5.2 Die Collage Joyce oder Dada? 63
III. 5.3 Lautmalereien 67
III. 5.4 Dada als Avantgarde Die Antibürgerlichkeit 68
III. 6.1 Naturalistische Elemente
69
III. 6.2 ,Die Überwinterungsform des Naturalismus′ 72
III. 7. Die Neue Sachlichkeit
73
III. 7.1 Vom Expressionismus zum ,neuen Naturalismus′ 73
III. 7.2 Die Forschungslage zur Neuen Sachlichkeit 74
III. 7.3 Alfred Döblin und die Neue Sachlichkeit 77
III. 7.4
Berlin Alexanderplatz
im Kontext der Neuen Sachlichkeit 79
III. 7.4.1 Die Rolle der Tageszeitung 79
III. 7.4.2 Ästhetizismus und Zeitung: d′Annunzio und die Homosexuellen 80
III. 7.4.3 Der Gebrauchswert als Lehrstück 82
III. 7.4.4 Beckers Verortung des Romans in der Neuen Sachlichkeit 82
IV. Fazit
84
V. Literaturverzeichnis 87
V. 1. Primärmaterialien 87
V. 1.1 Texte von Alfred Döblin 87
V. 1.2 Weitere Primärmaterialien 89
V. 2. Sekundärliteratur 92
III
I. EINLEITUNG
Walter Benjamin schreibt in seiner Rezension zu
Berlin Alexanderplatz
mit Blick auf
Döblins poetologischen Essay
Der Bau des epischen Werks
, dass es ihm in seinem Roman
gelinge, seine theoretischen Positionen auch literarisch umzusetzen: ,,Sein letztes Buch zeigt,
daß Theorie und Praxis seines Schaffens sich decken."1 Ebenso unterstreicht Döblin selbst,
seine theoretischen Konzepte des modernen Epos in der Praxis verwirklicht zu haben: ,,Ich
spreche hier von einem sich entwickelnden Typ moderner epischer Kunstwerke, die ganz be-
stimmte Formgesetze in sich tragen. Ich habe leicht analysierbare Beispiele in meinen eigenen
Büchern gegeben."2 Doch worin besteht dieser neue Typ der Epik? Was sind seine Merkmale?
Auf welchen theoretischen Überlegungen beruht er und woraus speisen sich deren Einflüsse?
Wie die beiden Zitate andeuten, unterfüttert Döblin sein dichterisches Werk stets mit literatur-
und kunsttheoretischen Schriften, die ein hohes Maß an Selbstreflexion aufweisen und das
ästhetische Fundament seines Schaffens bilden. Eine Analyse von
Berlin Alexanderplatz
ge-
bietet also zunächst einen genauen Blick auf ebendiese Texte. Dementsprechend zeichnet der
erste Teil dieser Arbeit den Entstehungsweg von Döblins romanpoetologischen Überlegungen
nach, während der zweite zeigt, wie diese in
Berlin Alexanderplatz
kulminieren.3
,,Von einer ,Poetik′ Döblins zu sprechen, ist eine fragwürdige Sache,"4 schreibt Erich
Kleinschmidt über dessen ästhetische Schriften, da sie keine konsistente Theorie erkennen
ließen. Stattdessen sei für Döblins gedankliche Selbstfindung jener ,,geradezu anarchischer
Eklektizismus"5 charakteristisch, der schon seinen ersten kunsttheoretischen Essay
Gespräche
mit Kalypso. Über die Musik
6 auszeichne. Vom Beginn seiner literarischen Tätigkeit an setzt
er sich kritisch mit ,,tradierten und zeitgenössischen künstlerischen Ausdrucksformen" aus-
einander7 und gelangt so allmählich nach dem ,,Prinzip des kreativen Widerspruchs"8 durch
die ,,Abgrenzung von Kunstströmungen der Vergangenheit und Gegenwart [...] zu eigenen
1
BENJAMIN, WALTER: Krisis des Romans. Zu Döblins ,,Berlin Alexanderplatz". In: Ders.: Gesammelte
Schriften. Bd. III. Hg. von Hella Tiedemann-Bartels. Frankfurt am Main 1972, S. 230-236, hier: S. 231.
2
DÖBLIN, ALFRED: Der Bau des epischen Werks. In: Ders.: Aufsätze zur Literatur. Ausgewählte Werke in
Einzelbänden. In Verbindung mit den Söhnen des Dichters hg. von Walter Muschg. Olten/Freiburg im
Breisgau 1963, S. 215-245, hier: S. 240.
3
Der Roman wird in der Forschung unbestritten als der Höhepunkt des Döblinschen Werks gesehen. Vgl. z.
B.: MÜLLER-SALGET, KLAUS: Alfred Döblin. Werk und Entwicklung. Bonn 1972, S. 357: ,,Es gehört zur
Tragik des Dichters Döblin, daß Berlin Alexanderplatz [...] bereits den Gipfel seines Schaffens bezeich-
net."
4
KLEINSCHMIDT, ERICH: Nachwort. In: Döblin, Alfred: Schriften zur Ästhetik, Poetik und Literatur. Aus-
gewählte Werke in Einzelbänden. Begründet von Walter Muschg. In Verbindung mit den Söhnen des
Dichters hg. von Anthony W. Riley. Hg. des Bandes: Erich Kleinschmidt. Olten/Freiburg im Breisgau
1989, S. 740-754, hier: S. 740.
5
KLEINSCHMIDT: Nachwort, S. 742.
6
DÖBLIN, ALFRED: Gespräche mit Kalypso. Über die Musik. In: Ders.: Schriften zur Ästhetik, Poetik und
Literatur, S. 11-112.
7
SANDER, GABRIELE: Alfred Döblin. Stuttgart 2001, S. 271.
8
KLEINSCHMIDT: Nachwort, S. 743.
1
ästhetischen Anschauungen und Maßstäben."9 Insbesondere die Begegnung mit dem Futuris-
mus kann als eine Art Schlüsselerlebnis gelten, das Döblin veranlassen wird, sich zu seinem
literarischen Eigenweg zu bekennen. Er verweigert sich stets der Vereinnahmung seiner Wer-
ke für jedwede Kunstströmung und zeigt sich, wie es Sabina Becker formuliert, als ein Autor,
,,für den es offensichtlich von großer Bedeutung war, als ein literarischer Einzelgänger gelten
zu können, der Anregungen zwar von der gesellschaftlichen Realität, nicht aber von literari-
schen Bewegungen und Entwicklungen bezieht."10 Sie weist jedoch darauf hin, dass ,,die
Analyse von Döblins literarästhetischen Positionen indes [...] deutlich" mache, ,,daß die Ver-
flechtungen der Döblinschen Argumentationen mit dem zeitgenössischen literarischen Dis-
kurs äußerst eng sind."11 Dies wirft die Frage auf, zu welchen Bewegungen konkret Bezie-
hungen zu Döblins Werk bestehen und aus welchen Einflüssen sich der ,Döblinismus′ speist,
wie er selbst in polemischer Abgrenzung zu Marinettis Futurismus seine eigenen programma-
tischen Ansätze bezeichnet.
Auch wenn Döblins Literaturtheorie kein einheitliches System zugrunde liegt, lassen
sich doch gewisse Leitlinien ausmachen, an die er immer wieder anknüpft und von denen
ausgehend er seine Ästhetik ausbaut. Döblins Verhältnis zu den unterschiedlichen Kunstströ-
mungen seiner Zeit kennzeichnet eine ähnliche Haltung wie sie z. B. in seinen naturphilo-
sophischen Schriften
Das Ich über der Natur
bzw.
Unser Dasein
zum Ausdruck kommt. Die-
se sehr heterogenen Texte, in denen Döblin zu einer Vielzahl an Diskursen Stellung nimmt,
prägt sein deutlicher Hang zum Eklektizismus, der sich auch in seiner romanpoetologischen
Entwicklung niederschlage, wie Matthias Prangel schreibt: ,,Grundlegende Bedeutung für alle
anderen Bestandteile von Döblins Romantheorie besitzt die von Anfang an erhobene und so-
dann vielfach wiederholte Forderung nach der literarischen Erhaltung bzw. Wiederherstellung
einer viel dimensionalen und komplexen Welt. Mit Recht könnte man Döblin als Komplexi-
tätsfanatiker bezeichnen." 12 Hierauf beruht auch seine häufige Anwendung der Monta-
ge/Collage-Technik, in der Döblin die Möglichkeit findet, sein eklektizistisches Denken lite-
rarisch umzusetzen und so gleichzeitig dem Anspruch gerecht zu werden, ein möglichst rea-
listisches und detailliertes Abbild seiner Zeit zu schaffen. Folgerichtig schreibt Benjamin in
seiner Rezension zu
Berlin Alexanderplatz
: ,,Stilprinzip dieses Buches ist die Montage."13
9
SANDER: Alfred Döblin, S. 271.
10
BECKER, SABINA: Alfred Döblin im Kontext der Neuen Sachlichkeit (II). In: Jahrbuch zur Literatur der
Weimarer Republik. Bd. 2. 1996, S. 157-181, hier: S. 157-158.
11
BECKER: Alfred Döblin im Kontext der Neuen Sachlichkeit (II), S. 158.
12
PRANGEL, MATTHIAS: Alfred Döblins Überlegungen zum Roman als Beispiel einer Romanpoetologie des
Modernismus. In: Internationales Alfred-Döblin-Kolloquium Strasbourg 2003. Der Grenzgänger Alfred
Döblin, 1940-1957. Biographie und Werk. Hg. von Christine Maillard und Monique Mombert (Jahrbuch
für Internationale Germanistik, Rh. A Kongressberichte, Bd. 75). Bern 2006, S. 11-29, hier: S. 13.
13
BENJAMIN: Krisis des Romans, S. 232.
2
Der zweite Teil der Arbeit setzt hier an, indem
Berlin Alexanderplatz
erstens als Mon-
tageroman und zweitens als die Widerspiegelung von Döblins ästhetischer Entwicklung gese-
hen wird. Döblin reüssiert als einer der bedeutendsten Vertreter des Frühexpressionismus und
formt dann aus der Auseinandersetzung mit dem Futurismus eigene programmatische Positio-
nen, indem er sich aus der Ablehnung des bürgerlichen Romans und auch aus der Lossagung
vom Expressionismus heraus auf den Naturalismus besinnt, wodurch er bereits wesentliche
Elemente der Neuen Sachlichkeit vorwegnimmt. Es soll nun gezeigt werden, dass sich Spuren
dieses ästhetischen Entwicklungsverlaufs auch in
Berlin Alexanderplatz
ausmachen lassen.
Döblin verfolgt in seinem Roman konsequent den Anspruch, die Welt in ihrer ,Vielheit′ dar-
zustellen. Es entsteht ein umfangreiches Zeitgemälde der Stadt Berlin im Jahr 1928. Dennoch
werden gewisse Aspekte des Berliner Lebens ausgeklammert. Ebenso wenig wie das höhere
Bürgertum und die Aristokratie erwähnt der Roman die Welt der Kunst. Implizit, auf forma-
lem Weg, findet letztere jedoch sehr wohl Eingang ins Werk. Auch hier geht Döblin nach
dem Prinzip der Montage vor und stellt stilistische Elemente heterogener und sogar scheinbar
gegensätzlicher künstlerischer Programmatiken verschiedener literarischer Bewegungen der
Moderne nebeneinander. Wie zuvor in seinen theoretischen Schriften, so finden sich auch in
Berlin Alexanderplatz
deutliche Bezüge zum Naturalismus, Expressionismus, Futurismus, zu
Dada und zur Neuen Sachlichkeit. In Form einer textimmanenten Analyse sollen nun präg-
nante Textstellen herausgegriffen und in den jeweiligen stilistischen Zusammenhang der ver-
schiedenen literarischen Bewegungen gestellt werden. Hierbei wird berücksichtigt, dass sich
einige Stilmerkmale nicht eindeutig zuordnen lassen, da sie in mehreren Strömungen der lite-
rarischen Moderne anzutreffen sind. Ferner verlangt die Untersuchung des Einflusses jeder
dieser Bewegungen eine jeweils andere Herangehensweise, da sie höchst unterschiedliche
Konstrukte darstellen: Die Definition des Expressionismus kennzeichnet trotz der Vielzahl
der zu diesem Phänomen veröffentlichten Forschungsbeiträge eine gewisse Unschärfe. Hier-
auf wird bereits im ersten Teil der Arbeit im Zusammenhang mit Döblins expressionistischer
Sichtweise auf die Futuristen eingegangen. Dies geschieht unter Rückgriff auf die grundle-
genden Definitionen von Silvio Vietta und Hans-Georg Kemper14 und die Hinweise, die Gott-
fried Benn in verschiedenen theoretischen Schriften und Reden liefert. So kann im zweiten
Abschnitt der Anteil an expressionistischen Elementen in
Berlin Alexanderplatz
anhand einer
vergleichenden Analyse mit Döblins Erzählung
Die Ermordung einer Butterblume
herausge-
arbeitet werden. Die den Expressionismus radikalisierenden Bewegungen des Dadaismus und
des Futurismus teilen eine Reihe von stilistischen Merkmalen miteinander. In Hinsicht auf die
14
VIETTA, SILVIO; KEMPER, HANS-GEORG: Expressionismus. Rh.: Deutsche Literatur im 20. Jahrhundert.
Literaturwissenschaftliche Arbeitsbücher. Hg. von Lothar Köhn und Klaus-Peter Philippi. München
51994.
3
dadaistischen Elemente bezieht sich die Arbeit in Teilen auf die Darstellungen Eckhard Phi-
lipps15 und auf die Erinnerungen Richard Huelsenbecks.16 Für die Analyse des Futurismus
liefert neben den futuristischen Manifesten unter anderem Carmine Chiellino17 wichtige Er-
kenntnisse. Den Spuren des Naturalismus wird mit Hilfe der Arbeit von Günther Mahal,18 der
Quellensammlung Theo Meyers19 und verschiedenen literaturtheoretischen Texten von Arno
Holz nachgegangen. Zur Analyse von Döblins Verhältnis zur Neuen Sachlichkeit bietet sich
zunächst ein Blick auf die recht überschaubare Forschungslage an. Neben den Aufsätzen von
Karl Prümm20 und Klaus Petersen21 setzt vor allem die Arbeit von Sabina Becker neue Maß-
stäbe in der Forschung zur Neuen Sachlichkeit. Gerade über Alfred Döblins Beziehung zu
dieser Bewegung liefert Becker zusätzlich zu ihrer zweibändigen Monographie22 ebenfalls in
einem zweiteiligen Aufsatz23 bedeutende Hinweise. Dort formuliert sie auch die Frage nach
einer genauen literarhistorischen Verortung Döblins im Kontext der zwanziger und dreißiger
Jahre, deren Beantwortung die Döblin-Forschung bei aller fortschreitenden Detailgenauigkeit
der Fragestellungen bisher habe vermissen lassen. Becker ordnet Döblin in den Zusammen-
hang der Neuen Sachlichkeit ein und sieht in
Berlin Alexanderplatz
sogar den
,,Prototyp neu-
sachlichen Schreibens."24 Dieses Ergebnis wird kritisch hinterfragt und so ein Beitrag zur
literaturgeschichtlichen Einordnung von
Berlin Alexanderplatz
geleistet. Von der umfangrei-
chen Forschungsliteratur zu Alfred Döblin waren vor allem die Untersuchungen Gabriele
Sanders, Birgit Hoocks25 und mit Einschränkungen die von Heidi Thomann Tewarson26 zur
Verfertigung dieser Arbeit von Gewinn.
15
PHILIPP, ECKHARD: Dadaismus. Rh.: Deutsche Literatur im 20. Jahrhundert. Bd. 4. München 1980.
16
HUELSENBECK, RICHARD: Mit Witz, Licht und Grütze. Auf den Spuren des Dadaismus. Hg. von Reinhard
Nenzel. Hamburg 1992. Und: HUELSENBECK, RICHARD: En avant Dada. Im Anhang Deutschland muß
untergehen. Hamburg 1984.
17
CHIELLINO, CARMINE: Die Futurismusdebatte. Zur Bestimmung des futuristischen Einflusses in Deutsch-
land. Frankfurt am Main 1978.
18
MAHAL, GÜNTHER: Naturalismus. Rh.: Deutsche Literatur im 20. Jahrhundert. Literaturwissenschaftliche
Arbeitsbücher. Hg. von Hans-Georg Kemper; Lothar Köhn; Klaus-Peter Philippi. Bd. 1. München 21975.
19
MEYER, THEO (HG.): Theorie des Naturalismus. Stuttgart 1973.
20
PRÜMM, KARL: Neue Sachlichkeit. Anmerkungen zum Gebrauch des Begriffs in neueren literaturwissen-
schaftlichen Publikationen. In: Zeitschrift für Deutsche Philologie. Bd. 91 (1972), S. 606-616.
21
PETERSEN, KLAUS: ,,Neue Sachlichkeit": Stilbegriff, Epochenbezeichnung oder Gruppenphänomen? In:
Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 56 (1982). LVI. Band, S.
463-477.
22
BECKER, SABINA: Neue Sachlichkeit. Bd. 1: Die Ästhetik der neusachlichen Literatur (1920-1933).
Köln/Weimar/Wien 2000. Und: BECKER, SABINA: Neue Sachlichkeit. Bd. 2: Quellen und Dokumente.
Köln/Weimar/Wien 2000.
23
BECKER, SABINA: Alfred Döblin im Kontext der Neuen Sachlichkeit (I). In: Jahrbuch zur Literatur der
Weimarer Republik. Band 1. 1995, S. 202-229. Und: BECKER, SABINA: Alfred Döblin im Kontext der
Neuen Sachlichkeit (II). In: Jahrbuch zur Literatur der Weimarer Republik. Bd. 2. 1996, S. 157-181.
24
BECKER: Neue Sachlichkeit. Bd. 1, S. 56.
25
HOOCK, BIRGIT: Modernität als Paradox. Der Begriff der ,,Moderne" und seine Anwendung auf das Werk
Alfred Döblins (bis 1933). Tübingen 1997.
26
THOMANN TEWARSON, HEIDI: Alfred Döblin. Grundlagen seiner Ästhetik und ihre Entwicklung 1900-
1933. Europäische Hochschulschriften, Rh. 1: Deutsche Sprache und Literatur. Bd. 286. Bern 1979.
4
II. TEIL 1: ANALYSE DER ÄSTHETISCHEN SCHRIFTEN
II. 1.
DIE BILDER DER FUTURISTEN
Alfred Döblins Auseinandersetzung mit dem Futurismus beginnt im März 1912, als in
der von Herwarth Walden herausgegebenen Zeitschrift
Der Sturm
, für die Döblin seit 1910
zahlreiche Glossen und Kritiken verfasst, das erste
Manifest des Futurismus
von Filippo
Tommaso Marinetti sowie das
Manifest
der futuristischen Maler erscheinen. Mit der Eröff-
nung einer zuvor bereits in Paris und London gezeigten Ausstellung futuristischer Malerei
unter Führung des Schriftstellers Marinetti in der Berliner
Sturm
-Galerie bietet sich für Döb-
lin im April 1912 die Gelegenheit, einige Protagonisten des Futurismus persönlich kennen zu
lernen.27 Zu der erfolgreich verlaufenen Ausstellung verfasst Döblin in der Mai-Ausgabe des
Sturm
den kurzen Aufsatz
Die Bilder der Futuristen
, in dem er den Futurismus enthusiastisch
bejaht.28 Der Text gilt als Döblins erstes deutliches Bekenntnis zur Moderne29 und enthält
bereits einige Kernpunkte seiner ästhetischen Entwicklung, die bis in den Roman
Berlin Ale-
xanderplatz
hineinreicht.
II. 1.1 EXPRESSIONISMUS UND FUTURISMUS
Carmine Chiellino weist in Hinsicht auf Döblins Wissen um den Futurismus darauf hin,
dass das ,,Mitglied des Berliner Sturm-Kreises über alle futuristischen Ereignisse Ausstel-
lungen, Vorträge, Veröffentlichungen in Berlin informiert war."30 Die Analyse des Artikels
Die Bilder der Futuristen
ergebe laut Chiellino, dass sich Döblin ,,ein ganz persönliches Bild
des Futurismus" geschaffen habe.31 Die Art, in der er die futuristischen Bilder bewundernd
beschreibt, zeigt, dass seinem ästhetischen Denken zu jener Zeit noch ein zutiefst expressio-
nistisches Kunstverständnis zugrunde liegt, das er auf die Futuristen projiziert. Dies steht in
wechselseitiger Bedingung der großen Nähe des italienischen Futurismus zum deutschen Ex-
pressionismus, die sich auch darin äußert, dass z. B. Gottfried Benn beide Phänomene mitein-
27
THOMANN TEWARSON: Alfred Döblin, S. 52. Die Ausstellung wurde begleitet von einer Schrift, die unter
dem Titel
Manifest der Futuristen
in der vorletzten Märzausgabe des
Sturm
erschien. Entgegen der ei-
gentlichen Chronologie der futuristischen Manifeste handelte es sich hierbei jedoch um die Schrift
Die fu-
turistische Malerei. Technisches Manifest
und nicht um
Gründung und
Manifest des Futurismus
, letzterer
Text erschien erst im darauf folgenden
Sturm
. Vgl.: CHIELLINO: Die Futurismusdebatte, S. 19.
28
SANDER: Alfred Döblin, S. 274-275.
29
THOMANN TEWARSON: Alfred Döblin, S. 52.
30
CHIELLINO: Futurismusdebatte, S. 113.
31
CHIELLINO: Futurismusdebatte, S. 115.
5
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