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Examination Thesis, 2008, 125 Pages
Author: Daniela Schmitt
Subject: German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Details
Tags: Veränderung, Leseverhaltens, Mediengesellschaft
Year: 2008
Pages: 125
Grade: 1,5
Bibliography: ~ 72 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-22951-2
ISBN (Book): 978-3-640-23101-0
File size: 1031 KB
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Abstract
Seit das Fernsehen in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in unsere Wohnzimmer eingedrungen ist, und sich seither immer weitere neue Medien in unseren Alltag integriert haben, werden immer wieder Bedenken geäußert, dass der Fernseh- und generell der Medienkonsum das Lesen verdrängt, gar schädliche Wirkung haben kann. Neben Befürchtungen im Hinblick auf die soziale und emotionale Entwicklung wird heute vor allem die Beeinträchtigung der Sprach- und Lesefertigkeiten von Kindern und Jugendlichen diskutiert.
Excerpt (computer-generated)
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Lehrstuhl für Bildungswissenschaft
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Lehrstuhl für Bildungswissenschaft
Wissenschaftliche Arbeit zur Zulassung zum 1. Staatsexamen
Veränderung des Leseverhaltens
in der Mediengesellschaft
Vorgelegt von
Daniela Schmitt
Germanistik / Erziehungswissenschaft/ Europ. Kunstgeschichte (Lehramt)
12. / 5./ 1. Fachsemester
Inhalt
1 Einleitung - 4 -
2 Die Notwendigkeit des Lesens - 6 -
2.1 Die Entwicklung des Lesens - 6 -
2.1.1 Die Antike - 7 -
Exkurs: Platons Kritik an der Schriftlichkeit - 9 -
2.1.2 Das Mittelalter - 13 -
2.1.3 Die frühe Neuzeit - 14 -
2.1.4 Vom Barock zur Aufklärung - 18 -
2.1.5 Das 18. Jahrhundert - 18 -
2.1.6 Das 19.Jahrhundert - 21 -
2.1.7 Das 20. Jahrhundert bis 1945 - 24 -
2.2 Lesen Eine Definition - 27 -
2.3 Lesekompetenz - 31 -
2.4 Lesesozialisation - 36 -
2.4.1 Sozialisationsinstanz Familie - 37 -
2.4.2 Sozialisationsinstanz Schule - 39 -
2.4.3 Sozialisationsinstanz der Gleichaltrigengruppe - 42 -
3 Veränderungen des Leseverhaltens in der Mediengesellschaft - 45 -
3.1 Mediale Einflussfaktoren - 45 -
3.1.1 Fotografie - 46 -
3.1.2 Phonografie - 48 -
3.1.3 Telegrafie - 49 -
3.1.4 Film - 50 -
3.1.5 Radio - 53 -
3.1.6 Fernsehen - 55 -
3.1.7 Computer und Internet - 57 -
3.2 Veränderungen des Leseverhaltens durch neue Medien - 61 -
3.2.1 Lesen nach 1945 - 61 -
3.2.2 Notwendigkeit einer Medienkompetenz - 63 -
3.2.3 Lesekompetenz als Teil der Medienkompetenz - 67 -
3.2.4 Lesen aktueller Stand - 70 -
Exkurs: Die Entwicklung der CD-ROM - 75 -
1
3.3 Literarisches Lesen versus Sachlesen - 78 -
3.3.1 Literarisches Lesen - 78 -
3.3.2 Sachlesen - 80 -
3.3.3 Literarisches Lesen versus Sachlesen Ein Blick in die Zukunft - 84 -
3.4 Aktuelle Problematik anhand der Ergebnisse international vergleichender
Studien - 86 -
3.4.1 PISA-Studie - 86 -
3.4.2 IGLU-Studie 2006 - 90 -
3.4.3 JIM-Studie 2007 - 92 -
3.5 Handlungsmöglichkeiten auf die Problematik zu reagieren - 95 -
3.6 Leseförderung - 99 -
4 Die Zukunft des Lesens - 104 -
Exkurs: eBooks Die Zukunft des Publizierens und Lesens - 106 -
5 Fazit - 110 -
6 Literatur III
6.1 Onlinequellen X
6.2 Abbildungen XII
2
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Die Entwicklung des Lesens von der Antike bis zur frühen Neuzeit - 6 -
Abbildung 2: Die Entwicklung des Lesens vom Barock bis zum 20. Jahrhundert - 17 -
Abbildung 3: Technische Innovationen des 19. Jahrhunderts - 22 -
Abbildung 4: kognitionstheoretische Modell des Lesens - 34 -
Abbildung 5: Muybridges Serienaufnahme - 47 -
Abbildung 6: His Master′s Voice - 48 -
Abbildung 7: Vom Winde verweht - 52 -
Abbildung 8: Volksempfänger VE 301 - 54 -
Abbildung 9: ENIAC - 58 -
Abbildung 10: Graphik zur Mediennutzung - 59 -
Abbildung 11: Formale Struktur der medialen und multimedialen Angebote - 64 -
Abbildung 12: Die Entwicklung der CD-ROM - 75 -
Abbildung 13: Leseindex nach Altersstufen - 95 -
3
1 Einleitung
Seit das Fernsehen in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in unsere Wohnzim-
mer eingedrungen ist, und sich seither immer weitere neue
Medien
in unseren Alltag integ-
riert haben, werden immer wieder Bedenken geäußert, dass der Fernseh- und generell der
Medienkonsum
das
Lesen
verdrängt, gar schädliche Wirkung haben kann. Neben Befürch-
tungen im Hinblick auf die soziale und emotionale Entwicklung wird heute vor allem die Be-
einträchtigung der
Sprach-
und
Lesefertigkeiten
von Kindern und Jugendlichen diskutiert.
Lesen
und Schreiben zählt wohl zu den grundlegendsten und wichtigsten Fähigkeiten in der
heutigen Gesellschaft, da man ohne
Lese- und Schreibfähigkeit
weder an unserer gesell-
schaftlichen und politischen Kultur teilhaben, noch sich eigenständig Kenntnisse und Fähig-
keiten für die berufliche Qualifikation oder seine persönliche Lebensgestaltung erwerben
kann. In der Bundesrepublik Deutschland gibt es dennoch bei etwa 80 Millionen Einwohnern
ungefähr vier Millionen sekundäre Analphabeten1.
,,Auch als das Buch sich als Medium durchsetzte wurde es von Kritik begleitet, die sich
vor allem darauf bezog, dass Lesen schlecht für die geistige Verfassung der Frauen
sei. Als das Kino sich als Unterhaltungsstätte durchsetzte, wurde gewarnt, dass die
Theater bald schließen würden. Genauso wurde das Radio kritisiert. Zwanzig Jahre
später warnte dann Marie Winn in ihrem Bestseller ,Die Droge im Wohnzimmer`: Nicht
anders als der Alkohol gestattet auch das Fernsehen dem Zuschauer, die wirkliche
Welt auszulöschen und in einem angenehmen und passiven psychischen Zustand zu
versinken. Darauf folgte die Kritik vor der Einführung des Privatfernsehens und
schließlich ging es gegen den Computer. Immer wurde erst mal der Untergang des
Abendlandes heraufbeschworen, wenn ein neues Medium sich ausbreitete oder die
Grenzen eines alten Mediums erweitert wurden."2
In welchem Maße sich die mangelhafte oder gar fehlende
Lesekompetenz
in einer unzurei-
chenden Fähigkeit, den Umgang mit diversen neuen
Medien
zu lernen, wiederfindet und wie
die Selektion der zahlreichen
Medienangebote
in einer deutlichen Reizüberflutung stattfindet,
ist und bleibt ein Thema, welches wohl nie aktueller war als in unserer, sich ständig wan-
delnden Gesellschaft. Die Relation zwischen den
Medien
und der
Mediennutzung
ist gerade
aufgrund des rasanten medialen Wandels immer wieder neu als wissenschaftliche Problem-
stellung zu berücksichtigen und unter Bezugnahme aller relevanten sozial-historischen Ein-
flussfaktoren zu analysieren.
1 Vgl. Döbert, M./ Hubertus, P.: Ihr Kreuz ist die Schrift. Analphabetismus und Alphabetisierung in
Deutschland. http://www.alphabetisierung.de/fileadmin/files/Dateien/Downloads_Texte/IhrKreuz-
gesamt. pdf (10.03.2008).
2 Pfeifer, D. (2007): S. 15ff.
- 4 -
Die folgende Arbeit soll das
Leseverhalten in der Mediengesellschaft
und die aus dem um-
fangreichen
Medienangebot
resultierenden Veränderungen beleuchten. Zu diesem Zweck
wird zunächst die Entwicklung des
Lesens
und Schreibens im geschichtlichen Kontext dar-
gelegt. Hier soll in einem kurzen Exkurs auf Platons
Medienkritik
näher eingegangen werden.
Dann wird eine Definition zum
Lesen
konzipiert. Daraufhin soll die Wichtigkeit einer generel-
len
Lesekompetenz
in unserer heutigen Gesellschaft hervorgehoben werden. Ein zentraler
Aspekt ist hier die
Lesesozialisation
mit ihren
Sozialisationsinstanzen, Familie, Schule und
Gleichaltrige
.
Weiter soll gezeigt werden, welche medialen Einflussfaktoren sich im vergangenen Jahrhun-
dert neben dem Printmedium durchgesetzt haben und bis heute mit diesem konkurrieren.
Des Weiteren soll gezeigt werden, wie sich das
Lesen
nach 1945 gewandelt hat. Ein weiterer
Punkt beleuchtet, wie wichtig gerade in der heutigen Zeit eine
Medienkompetenz
ist, um aus
der großen Vielfalt an Angeboten zu selektieren. Das
Lesen
und Schreiben stellt nach wie
vor eine grundlegende Fähigkeit dar. Hier soll demonstriert werden, wie sich das
Leseverhal-
ten in der Mediengesellschaft
konkret verändert hat und wie der heutige Stand des
Lesens
ist. An dieser Stelle soll ein Exkurs zur Entwicklung der CD-ROM aufzeigen, wie mit dieser
Technik der Buchmarkt erneut revolutioniert wurde, indem ganze Enzyklopädien und Lexika
anfangs durch eine CD-ROM ergänzt wurden und diese mittlerweile sogar ersetzen. Dies
zeigt sich am aktuellen Beispiel des Brockhaus-Verlages, der sich aus ökonomischen Grün-
den gegen einen weiteren Vertrieb in Buchform entschied.3
Eine wichtige Unterscheidung ist bei dem Thema
Lesen
zu treffen die zwischen dem
Lite-
rarischen
und dem
Sachlesen
, beziehungsweise dem
Informationslesen
. Hier soll zudem ein
aktueller Überblick entwickelt werden. Im folgenden Punkt sollen zusammenfassend die Er-
gebnisse der verschiedenen Internationalen Vergleichsstudien, wie
PISA
,
IGLU
und
JIM
an-
hand aktueller Problematiken zur
Lesekompetenz
aufgezeigt werden. Anschließend soll ge-
zeigt werden, welche Möglichkeiten bestehen, die
Lesekompetenz
zu fördern und die
Lese-
lust
zu steigern. Abschließend soll ein Blick in die Zukunft des
Lesens
im Hinblick auf Ent-
wicklung des eBooks gewagt und somit abschließend die Tendenzen für die Zukunft zu-
sammengefasst werden. Die Ergebnisse werden in einer kurzen Schlussbetrachtung gesi-
chert.
.
3 Vgl. http://www.brockhaus.de/presse/detail.php?nid=17&id=537 (25.02.2008).
- 5 -
2 Die Notwendigkeit des Lesens
2.1 Die Entwicklung des Lesens
Antike
Mittelalter
Frühe Neuzeit
·
Um 5000 v. Chr.:
·
5.-6. Jhd.:
Ende der
·
1445/50:
Gutenbergs
Gebrauch von
Antiken Lesekultur
Erfindung
Zählsteinen
(Mesopotamien)
·
Bis ins 12. Jhd.:
·
1470:
Erstmalige
Fähigkeit des
Verwendung einer
·
Um 3300 v. Chr.:
Schreibens und
eigenen Druckschrift
Entstehung der
Lesens hauptsächlich
prosumerischen
innerhalb des Standes
·
15. Jhd.:
Nach
Schrift
der Geistlichen und
Schätzungen ca. 600-
Mönche zu finden;
800 Titel im deutschen
Schriftsprache: Latein
·
Um 1500-100 v. Chr.:
Sprachraum
Entstehung der
erschienen
nahöstlichen bzw.
·
12.-13. Jhd.:
semitischen
Europäische
·
1520:
Silbenschrift mit 22
Volkssprachen halten
Reformationszeit
Buchstaben
Einzug in die
(Phönizier)
Schriftkultur
·
1520er Jahre:
Erreichen weiterer
·
Um 900-800 v. Chr.:
·
14.-15. Jhd.:
Die Zahl
Kreise durch
Diese Silbenschrift
derer, die lesen
Flugschriften der
wird von den Griechen
konnten, wächst auch
Reformation
übernommen und
in breite Schichten
entsprechend dem
hinein
·
16. Jhd.:
Nach
griechischen
Schätzungen ca.
Lautsystem modifiziert
·
16. Jhd.:
In
100000 Titel im
Deutschland wird
deutschen
·
Um 700 v. Chr.:
erstmals das Lesen
Sprachraum
Beginn einer
und Schreiben in der
erschienen
literarischen
Muttersprache gelernt
Lesekultur
und gelehrt
·
17. Jhd.:
Nach
Schätzungen ca.
·
Um 600-500 v. Chr.:
150000-200000 Titel
Beginn eines
im deutschen
Buchhandels
Sprachraum
erschienen
·
Um 400-300 v. Chr.:
Beginn einer
Lesekultur im
Einzelnen
·
Ab dem 2. Jhd. n.
Chr.:
Beginnt das aus
Tierhäuten
hergestellte
Pergament den
Papyrus zu
verdrängen
Abbildung 1: Die Entwicklung des Lesens von der Antike bis zur frühen Neuzeit (nach Schön, E. (2006): S. 2-19.)
- 6 -
2.1.1 Die Antike
Das
Lesen
ist, bezogen auf die Geschichte der Menschheit, eine gewissermaßen junge
Kompetenz. Man kann, von einigen Vorformen abgesehen, die Anfänge des abendländi-
schen
Lesen
s und Schreibens im Gebrauch von Zählsteinen bzw. symbolischen Tonfigür-
chen rekonstruieren. Diese waren seit ungefähr 7000 Jahren in Mesopotamien in Gebrauch.
Ungefähr 3300 v. Chr. entstand die protosumerische Schrift. Die sumerische Keilschrift war
eine Wortschrift, die aus rund 600 Zeichen bestand. Die Zeichen wurden mit spitzen Stiften in
weichen Ton geritzt. Bei den überlieferten Schrifttafeln handelt es sich hauptsächlich um
Steuerbescheide, Eigentumsverträge sowie staatliche Dokumente. Um 3200-3000 v. Chr.
entwickelte sich die teilphonetische Schrift der ägyptischen Hieroglyphen.4
,,Wissenschaftler vermuten, dass sich die ägyptische Schrift aus Verzierungen entwi-
ckelte, die auf Vasen und anderen Dingen des täglichen Gebrauchs eingeritzt wurden.
Diese stellten dann eine Art visueller Mitteilung für den Leser dar. Von einer eigentli-
chen Schrift kann man jedoch erst sprechen, wenn die verwendeten Zeichen eine Um-
setzung in Sprachlaute ermöglichen."5
Im Laufe der Jahrtausende erhöhte sich die Zahl der Zeichen von etwa 700 auf ungefähr
5000. Die Hieroglyphen stellten ein vollständiges Schriftsystem dar, die die gesprochene
Sprache wiedergeben konnte. Es wurden Texte zur Landwirtschaft, Medizin, Erziehung, wie
auch Gebete, Legenden, Rechtstexte und Literatur geschrieben. Die Schrift erlaubte es den
alten Ägyptern, ihre Geschichte aufzuzeichnen, Königslisten anzulegen oder von wichtigen
Begebenheiten zu berichten.6
Die nahöstliche bzw. semitische Silbenschrift entstand bei den Phöniziern zwischen 1200-
1000 v. Chr.. Die 22 Buchstaben dieser Silbenschrift kommen bereits in etwa dem indoeuro-
päischen Lautsystem gleich. Zwischen dem 9. und dem 8. Jahrhundert v. Chr. wurde diese
Schrift von den Griechen übernommen und entsprechend ihres Lautsystems umgewandelt.7
Das erste vollständig ausgebildete phonetische Alphabet mit 24 Buchstaben, Konsonanten
wie auch Vokalen, entsteht.8
Der Beginn einer literarischen Kultur beziehungsweise
literarischen Lesekultur
lässt sich um
700 v. Chr. datieren, mit Hesiods um 700 v. Chr. niedergeschriebenen ,,Werken und Tagen".
Jedoch weicht diese Textart deutlich von unserer aktuellen Vorstellung von einer Eignung
4 Vgl. Hörisch, J. (2004): S. 96.
5 Griep, H.-J. (2005): S. 38.
6 Vgl. Griep, H.-J. (2005): S. 41ff.
7 Vgl. Schön, E. (2006): S.2f.
8 Vgl. Hörisch, J. (2004): S. 97.
- 7 -
zum flüssigen
Lesen
wie es heute geläufig ist, ab. Der Text ist angefertigt in Großbuchsta-
ben, ohne Trennung der einzelnen Wörter. Gelesen und geschrieben wurde dieser Text im
Wechsel von links nach rechts und umgekehrt (in Form des ,,Bustrophedon"9).
Die Schrift hatte für literarische Zwecke vom späten 8. bis ins 5. Jahrhundert v. Chr. bereits
verschiedene Anforderungen. In der Kompositionsphase, zur Vorbereitung und während des
mündlichen Vortrags als Gedächtnisstütze sowie zur Thesaurierung, zur Erhaltung des Ge-
dankenguts. Man kann dies allerdings noch nicht als
Lesekultur
aus dem unmittelbar Ge-
schriebenen bezeichnen. Die für die griechische Antike typische Rezeptionssituation war der
öffentliche Vortrag vor Publikum.10
,,Das Buch hatte an der eigentlichen Rezeptionssituation keinen Anteil. Das gilt bis ins
5. Jahrhundert v.a. für die ,,Vortragsgattungen": Epos, Elegie und Iambos sowie chorly-
rische und dramatische Gattungen."11
Ausnahmen in Form von nicht mehr zum freien Vortrag geeigneter Literatur gab es bereits im
7. Jahrhundert v. Chr. Als älteste Bibliothek der Weltgeschichte gilt die, um 650 v. Chr. einge-
richtete Sammlung von 5.000-10.000 Tontafeln des Assyrerkönigs Assurbanipanl in Ninive.12
Der Beginn eines Buchhandels lässt sich allerdings erst um die Wende vom 6. zum 5. Jahr-
hundert v. Chr. feststellen. Auf dem Markt konnten Textrollen erworben werden, auch Bücher
waren vorhanden. So wurde individuelles
Lesen
und Gestaltung eines
Leseerlebnisses
direkt
aus dem Buch allmählich üblich.
Mit dem Hellenismus (326-330 v. Chr.) begann sich im 4. und 3. Jahrhundert eine
Lesekultur
des einzelnen Lesers herauszubilden und damit auch das individuelle
Lesen
zu verbreiten.
Auf einer Grabstelle von der Wende des 5. zum 4. Jahrhunderts lassen sich die ersten Hin-
weise auf allein
Lesende
finden. Auch in entsprechender Andeutung in den Komödien des
Aristophane und den Tragödien des Euripides lassen sich entsprechende Hinweise deuten.
Noch ist diese Rezeptionsweise in der ,,legitimen Kultur" der Zeit nicht anerkannt. Derartige
Anspielungen verlieren sich mit der Zeit. Die Rezeptionsweise ist üblich geworden. So weiß
man von Aristoteles (384-322), dass er systematisch Bücher sammelte und eine große Pri-
vatbibliothek besaß. In der Fülle privater und öffentlicher Bibliotheken wie Alexandria und
Pergamon sowie in einem entwickelten Schulwesen lässt sich die Basis der individuellen
Lesekultur
des Hellenismus bemerken und der Beginn einer kulturellen Tradition feststellen.13
9 Schön, E. (2006): S. 4.
10 Vgl. ebd.: S. 3f.
11 Ebd.: S. 4.
12 Vgl. Hörisch, J. (2004): S. 117.
13 Vgl. Schön, E. (2006): S. 4f.
- 8 -
,,Die ,Vereinzelung des Lesers` im Hellenismus, die Ablösung des Lesens von
der sozialen Situation des Vortrags, des gemeinsamen Rezipierens, ist kultur-
geschichtlich und mentalitätsgeschichtlich bedeutsam, denn die Emanzipation
des Lesens aus der sozialen Situation, und damit die Emanzipation des Lesers,
bedeutet andererseits zugleich die Bindung des Umgangs mit Literatur an ein
Buch."14
Die Antike war eine Handschriftenkultur, in der Bücher handschriftlich vervielfältigt wurden
und infolgedessen kostspielig waren. Aus diesem Grund konnte nur eine kleine Schicht Ge-
bildeter und gleichermaßen Wohlhabender Träger der hellenistischen
Lesekultur
sein. Indivi-
duelles
Lesen
bedeutete, entgegen des öffentlichen Vortrags, eine Rezeption, die nicht in
eine soziale Situation eingebunden und demzufolge auch schwer kontrollierbar war. Wer
liest, entzieht sich sozialer Kontrolle. Dies ist eine Erkenntnis, die bis heute Gültigkeit hat und
derzeit eine Differenz zum Fernsehen ausmacht. Trotz allem fand das
Lesen
in der Antike
nur selten nach heutiger Vorstellung statt, denn
Lesen
war auch als individuelles
Lesen
ein
mehr oder weniger artikuliertes lautes
Lesen
. Für das volle sinnliche
Leseerlebnis
galt, dass
das laute
Lesen
eine entwickeltere literarische Rezeptionskompetenz darstellt.15
Exkurs: Platons Kritik an der Schriftlichkeit
Starke Beachtung in der klassischen Philologie und in der Schriftkultur-Forschung fand Pla-
tons (428-347 v. Chr.) drastische Behandlung des Themas Schriftlichkeit. Im Mittelpunkt der
Aufmerksamkeit steht meist der Schlussteil des Dialogs Phaidros. Hier erörtert er die Bedeu-
tung von Schriftlichkeit und Mündlichkeit in der Philosophie. In dem Dialog treffen Sokrates
und Phaidros aufeinander und entwickeln die Vor- und Nachteile der Schriftlichkeit. 16 Hier
hat Platon ein Schema der
Medienkritik
entwickelt, dessen Grundlinien auch für die Kritik an
Medieninnovationen
nach der Schrift immer wieder aktivierbar waren.17
,,SOKRATES: Von der Anständigkeit und Unanständigkeit des Schreibens aber, wo
angewendet es gut ist, und wo unschicklich, davon wäre noch übrig zu reden. Nicht
wahr?
PHAIDROS: Ja.
SOKRATES: Weißt du wohl, wie du eigentlich Gott wohlgefällig das Reden behandeln
und davon sprechen mußt?
PHAIDROS: Keinesweges, du aber?
14 Schön, E. (2006): S. 5.
15 Vgl. ebd.: S. 5f.
16 Vgl. Stein, P. (2006): S. 69ff.
17 Vgl. Hörisch, J. (2004): S. 110.
- 9 -
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