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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 20 Pages
Author: Chrstiane Baltes
Subject: Scandinavian Languages
Details
Institution/College: Humboldt-University of Berlin (Nordeuropa-Institut)
Tags: Nietzsches, Kraft, Vergessens, Ibsens, Hedda, Gabler, Ibsen, Nietzsche
Year: 2006
Pages: 20
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 9 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-23633-6
ISBN (Book): 978-3-640-23965-8
File size: 136 KB
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Abstract
Die vorliegende Arbeit behandelt die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit exemplarisch anhand der Historienschrift von Friedrich Nietzsche und dem Drama ‚Hedda Gabler’ von Henrik Ibsen. Obwohl die Autoren zeitlebens bestritten oder herunter spielten, jeweils die Werke des anderen gelesen zu haben, finden sich in beiden Werken gedankliche Parallelen. Die zentrale Frage dieser Arbeit richtet sich deshalb nicht auf die gegenseitige Beeinflussung der Autoren, sondern auf die Ähnlichkeiten in den Denkmustern, die den Texten zugrunde liegen. Im zweiten Kapitel wird zunächst auf Nietzsches „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ eingegangen. Der wissenschaftsgeschichtliche Hintergrund und die Erläuterungen zur vorkommenden Historismus-Kritik sollen helfen, das Werk in seinen kulturgeschichtlichen Kontext einordnen zu können. Die Klärung der Kernaussagen werden anhand der Begriffe Erinnerung/Vergessen, Horizont, Glück und Wahrheit vorgenommen und bilden die Ausgangsbasis für die spätere Auseinandersetzung mit ‚Hedda Gabler’. Im dritten Kapitel werden das dynamische Moment in der Historienschrift, das dionysische Prinzip, und dessen Auslöser, der Vitalismus, erklärt. Das vierte Kapitel beschäftigt sich schließlich mit ‚Hedda Gabler’, wobei zunächst die Entstehung des Stückes behandelt wird, bevor die drei für das Thema der Vergangenheitsbewältigung relevanten Figuren betrachtet werden. Aufgrund der ausgeprägten Symbolhaftigkeit der im Stück handelnden Personen, wird sich auf die gesamte Darstellung der Figuren bezogen, also auf ihren Charakter wie er im Laufe des Dramas offenbar wird, und weniger auf einzelne Szenen oder Textpassagen. Den Schluss bildet das fünfte Kapitel, in dem schließlich auf das unterschiedliche historische Bewusstsein bei Nietzsche und Ibsen eingegangen wird, die verschiedenen Merkmale herausgestellt werden und eine abschließenden Beurteilung formuliert wird.
Excerpt (computer-generated)
Humboldt-Universität zu Berlin, Nordeuropa-Institut
HS Ibsen und Nietzsche
WS 2005/06
Über Nietzsches befreiende Kraft des Vergessens in Ibsens Hedda Gabler
eingereicht von:
Christiane Baltes
Neuere und neueste Geschichte / Skandinavistik M.A.
7. Fachsemester
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben 3
2.1 Wissenschaftsgeschichtlicher Hintergrund 4
2.2 Kernaussagen: Erinnerung und Vergessen, Glück, Horizont, Wahrheit 5
2.3 Einordnung des Textes 7
2.4 Historismus-Kritik 7
2.5 Lösungsvorschlag 9
3. Vitalismus und Dionysisches Prinzip 10
4. Hedda Gabler 10
4.2 Tesman die Sprachlosigkeit einer übersättigten Schlange 11
4.3 Hedda Langeweile, Ästhetizismus, Nihilismus 13
4.4 Løvborg der gescheiterte Dionysos 16
5. Unterschiedliche Ansprüche: Ausbruchsmomente bei Ibsen und unhistorisches Bewusstsein
bei Nietzsche 17
Literatur 19
2
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit behandelt die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit
exemplarisch anhand der Historienschrift von Friedrich Nietzsche und dem Drama ,Hedda
Gabler′ von Henrik Ibsen. Obwohl die Autoren zeitlebens bestritten oder herunter spielten,
jeweils die Werke des anderen gelesen zu haben, finden sich in beiden Werken gedankliche
Parallelen. Die zentrale Frage dieser Arbeit richtet sich deshalb nicht auf die gegenseitige
Beeinflussung der Autoren, sondern auf die Ähnlichkeiten in den Denkmustern, die den
Texten zugrunde liegen.
Im zweiten Kapitel wird zunächst auf Nietzsches ,,Vom Nutzen und Nachteil der Historie für
das Leben" eingegangen. Der wissenschaftsgeschichtliche Hintergrund und die Erläuterungen
zur vorkommenden Historismus-Kritik sollen helfen, das Werk in seinen
kulturgeschichtlichen Kontext einordnen zu können. Die Klärung der Kernaussagen werden
anhand der Begriffe Erinnerung/Vergessen, Horizont, Glück und Wahrheit vorgenommen und
bilden die Ausgangsbasis für die spätere Auseinandersetzung mit ,Hedda Gabler′.
Im dritten Kapitel werden das dynamische Moment in der Historienschrift, das dionysische
Prinzip, und dessen Auslöser, der Vitalismus, erklärt. Das vierte Kapitel beschäftigt sich
schließlich mit ,Hedda Gabler′, wobei zunächst die Entstehung des Stückes behandelt wird,
bevor die drei für das Thema der Vergangenheitsbewältigung relevanten Figuren betrachtet
werden. Aufgrund der ausgeprägten Symbolhaftigkeit der im Stück handelnden Personen,
wird sich auf die gesamte Darstellung der Figuren bezogen, also auf ihren Charakter wie er im
Laufe des Dramas offenbar wird, und weniger auf einzelne Szenen oder Textpassagen. Den
Schluss bildet das fünfte Kapitel, in dem schließlich auf das unterschiedliche historische
Bewusstsein bei Nietzsche und Ibsen eingegangen wird, die verschiedenen Merkmale
herausgestellt werden und eine abschließenden Beurteilung formuliert wird.
2. Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben
Nietzsches Historienschrift wurde in den zweiten Unzeitgemäßen Betrachtungen zwischen
1872-76 verfasst. Sie kann als zeitdiagnostischer Essay beschrieben werden, der sich kritisch
mit der damaligen Geschichtsbetrachtung, dem Historismus, auseinandersetzt und deren
Nachteil, die Lebensfeindlichkeit, aufzeigt. Prägend für diese Arbeit war Jacob Burckhardts
3
Entdeckung der lebensfeindlichen Wirkung der geschichtswissenschaftlichen Erkenntnis1, die
Nietzsche 1874 aufnahm.
Der Begriff ,,Nutzen" wird gemäß der im Werk geübten Kritik von Nietzsche neu definiert.
Den Nutzen der Historie rechtfertigt er nicht vor einem rational-pragmatischen Hintergrund,
sondern im Hinblick auf eine ästhetische Lebensführung.2 Sein Angriffsziel ist somit die
Verwissenschaftlichung der Historie, die für die Zerstörung des Lebens verantwortlich ist.
Nietzsches Vorstellungen von ,Leben′, ,Ästhetik′ und ,Geschichte′ werden im Laufe der
vorliegenden Arbeit erläutert.
2.1 Wissenschaftsgeschichtlicher Hintergrund
Fast zeitgleich mit Jacob Burckhardts Veröffentlichung legte Johann Gustav Droysen seine
,,Historik" vor, mit der er die empirisch-wissenschaftliche Geschichtserkenntnis begründete
und Johann Gottfried Herder ,,Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der
Menschheit", die ähnliche Thesen beinhaltete. Beide Veröffentlichungen können zu den
Gründungsereignissen des Historismus gezählt werden.3 Die von ihnen formulierte
Geschichtserkenntnis unterschied sich von allen älteren Formen dadurch, dass sie durch
gesammeltes Material belegt werden müsse, um geschichtswissenschaftliche Aussagen
schließlich überprüfbar zu machen. Dem historischen Material wurde dementsprechend ein
größerer Wert beigemessen, den historischen Details mehr Aufmerksamkeit geschenkt.
Nietzsche charakterisiert den Wissenschaftsbetrieb seiner Zeit wie folgt: ,,Überstolzer
Europäer des neunzehnten Jahrhunderts, du rasest! Dein Wissen vollendet nicht die Natur,
sondern tötet nur deine eigne. Miß nur einmal deine Höhe als Wissender an deiner Tiefe als
Könnender. Freilich kletterst du an den Sonnenstrahlen des Wissens aufwärts zum Himmel,
aber auch abwärts zum Chaos. Deine Art zu gehen, nämlich als Wissender zu klettern, ist dein
Verhängnis; Grund und Boden weicht ins Ungewisse für dich zurück; für dein Leben gibt es
keine Stützen mehr, nur noch Spinnefäden, die jeder neue Griff deiner Erkenntnis
auseinanderreißt." (HL IX, S. 86)
Nietzsche spielt damit auf die Zerstörung fundamentaler Werte und Erkenntnisse durch die
wissenschaftlichen Methoden des Historismus′ an. Er selbst hat in seinem Studium der
Theologie und älteren Philologie schmerzhaft erfahren müssen wie die ursprüngliche Form
1 Burckhardt, Jacob : Über das Studium der Geschichte. Der Text der "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" auf
Grund der Vorarbeiten von Ernst Ziegler nach den Handschriften, hrsg. v. Peter Ganz, München 1982.
2 Meyer, Katrin: Ästhetik der Historie. Friedrich Nietzsches ,,Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das
Leben", Würzburg 1998, S. 119.
3 Iggers, Georg: Deutsche Geschichtswissenschaft. Eine Kritik der traditionellen Geschichtsauffassung von
Herder bis zur Gegenwart, Wien (u. a.) 1997, S. 44.
4
eines Textes zugunsten einer Untersuchung der Authentizität der Überlieferung mit Hilfe der
historisch-kritischen Methode aufgelöst werden musste.4 Darin sah er die Entstehung eines
Werterelativismus′, der die Grundfesten der westlichen Kultur, dargestellt durch Texte der
griechisch-römischen Antike oder die der Bibel, zu erschüttern vermochte: ,,[...] wir sind ohne
Bildung, noch mehr, wir sind zum Leben, zum richtigen und einfachen Sehen und Hören, zum
glücklichen Ergreifen des Nächsten und Natürlichen verdorben und haben bis jetzt noch nicht
einmal das Fundament einer Kultur, weil wir selbst davon nicht überzeugt sind, ein
wahrhaftiges Leben in uns zu haben." (HL X, S. 105)
Hinzu kam das individualistische Selbstverständnis des 19. Jahrhunderts. Historiker suchten
in der Vergangenheit nach Individualitäten und entdeckten einen ,,endlosen Bilderbogen von
Verschiedenheiten"5, den Nietzsche wiederum als beliebig und austauschbar ansah und der zu
Übersättigung und Gleichgültigkeit führe. Diese Fülle an Informationen sah er als etwas
Bedrohliches hereinbrechen: ,,Jetzt regiert nicht mehr allein das Leben und bändigt das
Wissen um die Vergangenheit: sondern alle Grenzpfähle sind umgerissen und alles, was
einmal war, stürzt auf den Menschen zu." (HL IV, S. 35/36)
2.2 Kernaussagen: Erinnerung und Vergessen, Glück, Horizont, Wahrheit
Die Grundannahme Nietzsches ist, dass seine Zeit an einer ,,historischen Krankheit" leide.
Deren Symptome sind die Verwissenschaftlichung der Geschichtserkenntnis und der
Gegensatz zwischen dem ,,natürlichen Leben" und dem modernen Menschen. Die Historiker
seines Zeitalters forschten um des Forschens Willen und fragten nicht mehr, welche
Bedeutung dieses Wissen für das Leben der Gegenwart hat. Für die Auseinandersetzung mit
der Geschichte nennt Nietzsche unterschiedliche Determinanten, die im Folgenden zur
Schaffung einer Interpretationsgrundlage für
Hedda Gabler
erläutert werden.
Das erste Begriffspaar bilden Erinnerung und Vergessen, die nur in der Wechselwirkung
miteinander vorzustellen sind. Beide Geisteszustände beeinflussen das Leben der Gegenwart,
wobei Nietzsche ein Leben ohne die Erinnerung als fast möglich beschreibt, das Vergessen
jedoch als lebensnotwendig ansieht. Die Wechselwirkung besteht darin, dass die Erinnerung
außer Kraft gesetzt werden muss, um das Vergessen frei zu setzen. Aufgrund der praktischen
Unmöglichkeit einer totalen und langfristigen Auslöschung des Gedächtnisses (sieht man von
medizinischen Ursachen einmal ab), stellt sich das Vergessen als temporär begrenzt, also
4 Meyer, S. 78-80.
5 Viktor Zmegac in Borchmeyer, Dieter (Hrsg.) : « Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben ».
Nietzsche und die Erinnerung in der Moderne, Frankfurt/Main 1996, S. 181.
5
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