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Thesis (M.A.), 2006, 97 Pages
Author: Chrstiane Baltes
Subject: History - Newer History, European Unification
Details
Tags: Umgang, Sühnebegriff, Bundesrepublik, Beispiel, Reaktion, Evangelischen, Kirche, Aktion, Sühnezeichen
Year: 2006
Pages: 97
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 68 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-22952-9
ISBN (Book): 978-3-640-23131-7
File size: 533 KB
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Abstract
Holocaust-Forschung, internationale Erinnerungskulturen sowie das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum bildeten die Schwerpunkte meines Studiums und meines geschichtlichen Interesses. Die NS-Zeit und ihre unterschiedliche Aufarbeitung bzw. Verdrängung auf nationaler, kultureller und politischer Ebene ließen mich immer wieder neue Aspekte entdecken und weiterführende Fragen zu den Wurzeln des Antisemitismus’ und dessen Auswirkungen stellen. Die ambivalente Beziehung zwischen Judentum und Christentum erschien mir in diesem Zusammenhang sehr wichtig und interessant. Aktion Sühnezeichen ist eine protestantische Organisation, die in ihrer Arbeit eine Vielzahl dieser Aspekte vereint. Sie rief Ende der fünfziger Jahre deutsche Christen dazu auf, durch unterschiedliche Hilfsdienste ein ‚Sühnezeichen’ zur Versöhnung in den Ländern zu errichten, die besonders unter der Gewaltherrschaft und den Gräueltaten des Nationalsozialismus gelitten hatten. Häufig richteten sich die Projekte an den verschiedenen Orten an Juden. In der Kirchlichen Zeitgeschichte existiert zwar eine Fülle an Forschungsergebnissen zur Kirche im Dritten Reich bzw. zum Kirchenkampf, aber der Themenkomplex Protestantismus und Holocaust in der bundesdeutschen Nachkriegszeit wurde bisher eher vernachlässigt. Mein erkenntnisleitendes Interesse liegt also in der Untersuchung des praktischen Umgangs mit den Begriffen Schuld und Sühne im Protestantismus der beginnenden Wirtschaftswunderzeit.
Excerpt (computer-generated)
Der Umgang mit dem Sühnebegriff in der frühen Bundesrepublik
am Beispiel der Reaktion der Evangelischen Kirche auf die
Aktion Sühnezeichen (1958 1964)
Magisterarbeit
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Geschichtswissenschaften
eingereicht von:
Christiane Baltes
Berlin, November 2006
Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einleitung
1
Vorbemerkungen
1
Fragestellung und Gliederung
2
Forschungsstand
3
Quellen
4
Methodik
4
2. Grundlagen und Hintergründe
7
2.1. Politische Debatten 7
Wiederbewaffnung
7
Westorientierung
9
Ost-Politik
10
2.2. Mentalitätsgeschichtliche Positionsbestimmung 11
Massenkonsum und Wirtschaftswachstum
12
Aufarbeitung der NS-Vergangenheit
12
2.3. Die Evangelische Kirche der Nachkriegszeit
15
Organisation und Ausrichtung
15
Politische Verantwortung
18
Vergangenheitsbewältigung
22
2.4. Theologiegeschichtlicher Kontext 25
Die Begriffe Schuld und Sühne im Protestantismus der frühen
Bundesrepublik
25
Die Diskussion um das christliche Verhältnis zum Judentum
32
3. Die Evangelische Kirche und die Aktion Sühnezeichen 34
3.1.
Lothar Kreyssig zur Person des Gründers der Aktion
Sühnezeichen 34
3.2. Gründung der Aktion Sühnezeichen und erste Reaktionen
(1958 bis 1959) 37
3.3. Expansion von Aktion Sühnezeichen und Unterstützung durch die
Evangelische Kirche (1959 bis 1961) 49
Aktion Sühnezeichen in der kirchlich-gesellschaftlichen Öffentlichkeit
49
Entwicklung der ersten Projekte und deren Organisation
52
Kontakt zur Politik
55
3.4. Mauerbau und Kontroversen (1961 bis 1964) 59
Aktion Sühnezeichen in der BRD und der DDR
59
Das problematische Verhältnis zum Diakonischen Werk (Innerer
Mission und Hilfswerk) der EKD
61
Der Blick nach Osten
66
Umstrittene Projektarbeit
70
4. Zusammenfassung und Ausblick 78
Anhang 84
Projekt-Chronologie
84
Akteure und ihre Funktionen im behandelten Zeitraum
86
Literaturverzeichnis
88
Quellenverzeichnis
93
1. Einleitung
Könnten wir einander nicht vergeben, d.h. uns gegenseitig von den Folgen un-
serer Taten entbinden, so beschränkte sich unsere Fähigkeit zu handeln gewis-
sermaßen auf eine einzige Tat, deren Folgen uns bis an unser Lebensende im
wahrsten Sinne des Wortes verfolgen würden, im Guten wie im Bösen.
- Hannah Arendt, Vita actica oder Vom tätigen Leben
Holocaust-Forschung, internationale Erinnerungskulturen sowie das Verhältnis zwi-
schen Judentum und Christentum bildeten die Schwerpunkte meines Studiums und mei-
nes geschichtlichen Interesses. Die NS-Zeit und ihre unterschiedliche Aufarbeitung
bzw. Verdrängung auf nationaler, kultureller und politischer Ebene ließen mich immer
wieder neue Aspekte entdecken und weiterführende Fragen zu den Wurzeln des Anti-
semitismus′ und dessen Auswirkungen stellen. Die ambivalente Beziehung zwischen
Judentum und Christentum erschien mir in diesem Zusammenhang sehr wichtig und
interessant. Aktion Sühnezeichen ist eine protestantische Organisation, die in ihrer Ar-
beit eine Vielzahl dieser Aspekte vereint. Sie rief Ende der fünfziger Jahre deutsche
Christen dazu auf, durch unterschiedliche Hilfsdienste ein ,Sühnezeichen′ zur Versöh-
nung in den Ländern zu errichten, die besonders unter der Gewaltherrschaft und den
Gräueltaten des Nationalsozialismus gelitten hatten. Häufig richteten sich die Projekte
an den verschiedenen Orten an Juden.
In der Kirchlichen Zeitgeschichte existiert zwar eine Fülle an Forschungsergebnissen
zur Kirche im Dritten Reich bzw. zum Kirchenkampf, aber der Themenkomplex Protes-
tantismus und Holocaust in der bundesdeutschen Nachkriegszeit wurde bisher eher ver-
nachlässigt. Mein erkenntnisleitendes Interesse liegt also in der Untersuchung des prak-
tischen Umgangs mit den Begriffen Schuld und Sühne im Protestantismus der begin-
nenden Wirtschaftswunderzeit.
Vorbemerkungen
Der Begriff Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bezeichnet die Gemeinschaft
der selbständigen evangelischen Landeskirchen in Deutschland. Der Rat der EKD bildet
ihr Leitungsgremium, aus deren Mitte ein Vorsitzender gewählt wird. Unter dem Beg-
riff Evangelischen Kirche werden hier sowohl die Organisation der Evangelischen Lan-
1
deskirchen als auch Arbeitsgemeinschaften und Institutionen verstanden, die dieser an-
gegliedert sind. Dazu gehören z. B. das Kirchliche Außenamt, das Diakonische Werk,
der Evangelische Kirchentag, die Evangelischen Akademien, die Arbeitsgemeinschaft
Juden und Christen sowie bestimmte Freikirchen und missionarische Dienste. Zum Pro-
testantismus gehören wiederum alle christlichen Konfessionen, die aus der Reformation
hervorgegangen sind.
Fragestellung und Gliederung
Die Kernfrage der Arbeit wird danach gestellt, welche Reaktionen die Gründung der
Aktion Sühnezeichen in der Evangelischen Kirche hervorgerufen hat und warum. Die
Evangelische Kirche wird in diesem Zusammenhang als eine analog zu Gesellschaft
und Kultur organisierte Institution verstanden und aufgrund ihrer gesellschaftspoliti-
schen Wechselwirkung als Spiegel der sozialhistorischen Verhältnisse betrachtet.
Das zweite Kapitel der Arbeit stellt eine kurze Einführung in die Grundlagen und Hin-
tergründe des Themas dar. Es wird zunächst einführend die Frage nach der Situation
Deutschlands Ende der fünfziger bis Anfang der sechziger Jahre gestellt. Dazu werden
die sozialpolitischen Debatten mit Einfluss auf das Wirken der Evangelischen Kirche
kurz skizziert. Welche innen- bzw. für die protestantische Sühnearbeit relevanten au-
ßenpolitischen Schritte wurden gegangen? Welche mentalitätsgeschichtlichen Gege-
benheiten und Tendenzen bildeten die Ausgangslage für die Stellung der Kirche in der
Gesellschaft? Daran anschließend wird die Situation der Evangelischen Kirche im be-
handelten Zeitraum beschrieben. Was waren die realpolitischen Ausgangesbedingungen
der Kirche? Welche internen, strukturellen Ziele wurden verfolgt und wie gestaltete sich
die Rolle der Kirche in der Gesellschaft? Um die Wechselwirkung zwischen Staat, Kir-
che und Gesellschaft sowie die Haltung zur Aktion Sühnezeichen bewerten zu können,
wird in diesem Zusammenhang das politische Engagement der Evangelischen Kirche
untersucht. Welche Divergenzen verursachten unterschiedliche politische Tendenzen in
der Kirche und wie wirkte sich das auf die Beziehungen zur Aktion Sühnezeichen aus?
Welche Motivationen, Überlegungen und Überzeugungen lagen den besonders kontro-
vers diskutierten Projekt-Einsätzen der Aktion Sühnezeichen zugrunde?
Das dritte Kapitel bildet den Hauptteil der Arbeit und behandelt die eingangs erwähnte
Kernfrage nach der Reaktion der Evangelischen Kirche auf die Gründung der Aktion
Sühnezeichen. Nachdem der Gründer der Organisation, Lothar Kreyssig, und seine Mo-
tivation vorgestellt wurden, beschäftigen sich die drei folgenden Teilkapitel chronolo-
2
gisch mit den unterschiedlichen Phasen des hier gewählten Gründungszeitraums von
1958 bis 1964: von den ersten Reaktionen auf die Gründung der Aktion Sühnezeichen
über die Expansion der Sühnearbeit bis hin zum Mauerbau und den Kontroversen um
das politische Engagement, die Struktur und bestimmte Projekte der Aktion Sühnezei-
chen, die exemplarisch für die Gesamtentwicklung der Arbeit sind.
Im letzten Kapitel werden die wesentlichen Punkte der Arbeit schließlich zusammenge-
fasst und beurteilt sowie ein Ausblick darauf gegeben, inwieweit die Reaktionen auf die
Projekte von Aktion Sühnezeichen exemplarisch die politische Stimmung in der Bun-
desrepublik der sechziger Jahre widerspiegelten.
Forschungsstand
Zur Geschichte der Aktion Sühnezeichen selbst gibt es zwei journalistische Veröffentli-
chungen: Ansgar Skriver
Brücken über Blut und Asche
von 1962 sowie Karl Klaus Ra-
be
Umkehr in die Zukunft
von 1983. Darüber hinaus behandelte Claudia Schneider in
ihrer bisher unveröffentlichten Diplomarbeit von 2005 unter dem Titel
Konkurrenz der
Konzepte?
die Arbeit der Aktion Sühnezeichen in der DDR, was auch die aktuellste
Arbeit zur Geschichte der Aktion Sühnezeichen darstellt. Konrad Weiß, selbst ehemali-
ger Sühnezeichen-Freiwilliger und Publizist, verfasste die Biographie über den Gründer
der Aktion Sühnezeichen, Lothar Kreyssig, die 1998 erschien und durch die Verwen-
dung zahlreicher Interviews mit Zeitzeugen sowie durch Dokumente aus dem privaten
Nachlass Kreyssigs, der für mich nicht zugänglich war, einen Blick jenseits der offiziel-
len Akten gewährte. 2008 wird anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Aktion Sühne-
zeichen ein Buch zur Gesamtgeschichte der Aktion Sühnezeichen von der Theologin
Gabriele Kammerer erscheinen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Veröffentlichungen
zu Teilaspekten der Geschichte der Aktion Sühnezeichen, die von der Organisation
selbst herausgegeben wurden, sich jedoch zum überwiegenden Teil auf die Geschichte
nach dem hier behandelten Zeitraum beziehen. 1
Kreyssigs aktives Engagement als Richter und Mitglied der Bekennenden Kirche gegen
das Hitler-Regime, besonders gegen die Euthanasie-Morde, dokumentierte Susanne
Willems in ihrem Buch
Lothar Kreyssig - Vom eigenen verantwortlichen Handeln
von
1995. Des weiteren wird die Aktion Sühnezeichen in Monographien zur Auseinander-
1 z. B. Weiß, Konrad: Aktion Sühnezeichen in Polen, in: Kerki, Basil / Kotula, Andrzej (Hg.): Zwangs-
verordnete Freundschaft? Die Beziehungen zwischen der DDR und Polen 1949-1990, Osnabrück 2003, S.
243-250.
3
setzung der Evangelischen Kirche mit der Schuldfrage und dem Holocaust behandelt2
und in Arbeiten über den christlich-jüdischen Dialog.3
Quellen
Die Primärquellen für diese Arbeit bilden die Akten über die Aktion Sühnezeichen, die
Evangelische Kirche in Deutschland, die Evangelische Kirche der Union sowie die
Nachlässe einzelner historischer Akteure im Zeitraum von 1958 bis 1964 aus dem E-
vangelischen Zentralarchiv Berlin. Darüber hinaus wurden Akten des Diakonischen
Werkes aus dem Archiv des Diakonischen Werkes Berlin-Dahlem verwendet. Darin
enthalten sind Korrespondenzen, Notizen, private Briefwechsel, Rundschreiben, Presse-
berichte, offizielle Erklärungen sowie theologische Betrachtungen und kirchenpolitische
Texte. Ferner wurden offizielle Dokumente der EKD aus den kirchlichen Jahrbüchern
und den Editionen der EKD-Synoden verwendet.
Methodik
Das Thema dieser Arbeit gehört zum Forschungsfeld der Kirchlichen Zeitgeschichte,
einer Disziplin zwischen Geschichtswissenschaft und Theologie, das in der Ge-
schichtswissenschaft der letzten beiden Jahrhunderte eher gering bewertet wurde.4 Der
Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen und politischen Funktion der Kirche
und der sozialgeschichtlichen Prozesse in Deutschland ist jedoch besonders in der Zeit
der frühen Bundesrepublik relevant. In dem hier betrachteten zeitlichen Rahmen kann
die Kirche sowohl als beeinflussender Faktor der historischen Entwicklung als auch als
Spiegel sozialer, politischer und weltanschaulicher Realitäten begriffen werden. Der
Protestantismus der Nachkriegszeit, organisiert in Form der Evangelischen Kirche so-
wie christlicher Gruppierungen und Institutionen, ,,ist ein Phänomen, an dem man die
Ambivalenzen und Widersprüche einer Epoche ablesen kann."5
Dabei wird die Binnenstruktur der Kirche nicht um ihrer selbst willen untersucht, wie
der Begriff der Kirchengeschichte vielleicht zunächst vermuten lässt, sondern im Hin-
2 z. B. Ostmeyer, Irene: Zwischen Schuld und Sühne. Evangelische Kirche und Juden in der SBZ und
DDR 1945-1990, Berlin 2002
3 z. B. Nachama, Andreas (Hg.): Aufbau nach dem Untergang. Deutsch-jüdische Geschichte nach 1945.
In memoriam Heinz Galinski, Berlin 1992.
4 Blessing, Werner K.: Kirchengeschichte in historischer Sicht. Bemerkungen zu einem Feld zwischen
den Disziplinen, S. 32, in: Doering-Manteuffel/Nowak, Kurt: Kirchliche Zeitgeschichte. Urteilsbildung
und Methoden, Stuttgart 1996, S. 14-60.
5 Brakelmann, Günter: Verhängnis Versagen Irrtum Schuld. Anmerkungen zum Umgang mit Kirch-
licher Zeitgeschichte, KZG Bd. 4 (2), 1991, S. 522.
4
blick auf ihre Außenwirkung, d.h. auf ihre moralisch-ethische Stellung, ihren politi-
schen Einfluss, ihre kulturelle Autorität und auf ihre Repräsentativität für die gesamtge-
sellschaftliche Stimmung der genannten Zeit. In Anlehnung an die wissenschaftlichen
Anforderungen der historischen Sozialwissenschaft, nach denen ein ,,Sinnsystem"6 zu-
nächst auf seine Bedeutung für die Gesellschaft hin betrachtet wird, um dann seine his-
torische Leistung zu beurteilen, soll eine möglichst unabhängige, vorurteilsfreie Analy-
se angestellt werden. Dennoch ist darauf hinzuweisen, dass der Glaube an die Aussage-
kraft bestimmter strukturgeschichtlicher Indikatoren der historischen Sozialwissenschaft
in seiner Perspektivität nicht automatisch hinter den theologischen Überzeugungen
steht, die der Arbeit kirchennaher Historiker zugrunde liegen, deren Ergebnisse hier
ebenso verwendet wurden. Die Debatte um die Methodik, Interpretation und Beurtei-
lungsmöglichkeiten in der Kirchlichen Zeitgeschichte ist bis heute noch zu keinem kon-
kreten Ergebnis gekommen.7
Vor diesem Hintergrund und aufgrund des interdisziplinären Ansatzes der Arbeit gestal-
tet sich die Methodik wie folgt: Die Auseinandersetzung mit den vorgestellten Quellen
erfolgte nach der historisch-kritischen Methode, wonach die Überprüfbarkeit der Aus-
sagen ausschlaggebend war. Weitere Texte wurden fachübergreifend nach den Prinzi-
pien des hermeneutischen Verstehens erarbeitet. Die Konfrontation unterschiedlicher
Perspektiven, die Gegenüberstellung konträrer Vorgehensweisen und Auffassungen
dient der Abbildung möglichst vieler, aussagekräftiger Einzelgeschichten zugunsten
eines facettenreichen historischen Gesamtgefüges. Die zu Anfang geführten theologie-
geschichtlichen Erläuterungen erfüllen die Aufgabe der geistesgeschichtlichen Kontex-
tualisierung, wodurch das historische Wirken der Kirche motiviert war.
Auch wenn es in dieser Arbeit um die Wechselwirkungen innerhalb der Kirche sowie
zwischen Kirche, Politik und Gesellschaft vor dem Hintergrund theologischer Überzeu-
gungen geht, kann es sich hier mit Rücksicht auf den Umfang der Arbeit und die The-
menstellung nicht um eine religionssoziologische Untersuchung handeln. Formen der
gesellschaftlichen Rezeption religiöser Inhalte werden mit Bezugnahme auf die prakti-
sche Arbeit der Aktion Sühnezeichen und den Umgang der Kirche mit Schuld behan-
6 Blessing, S. 29.
7 vgl. Greschat, Martin: Kirchliche Zeitgeschichte. Versuch einer Orientierung, Leipzig 2005 sowie bei-
spielhaft die Aufsätze von Doering-Manteuffel, Anselm: Griff nach der Deutung. Bemerkungen des His-
torikers zu Gerhard Besiers Praxis der ,Kirchlichen Zeitgeschichte′, S. 79-90 und Besier, Gerhard: ,Me-
thodological correctness′. Anspruch und Wirklichkeit in der Wahrnehmung des sozialgeschichtlich orien-
tierten Historikers Anselm Doering-Manteuffel, S. 90-101, in: Doering-Manteuffel, Anselm/Nowak,
Kurt: Kirchliche Zeitgeschichte. Urteilsbildung und Methoden, Stuttgart 1996.
5
delt, jedoch ohne ihre spezifische Dynamik zu analysieren und anhand weitreichender
empirischer Studien zu belegen. Die hier verwendeten empirischen Daten von Gerhard
Schmidtchen sind vor diesem Hintergrund zu sehen und dienen in erster Linie der Ver-
anschaulichung der sozialgeschichtlichen Aspekte.
Zusammenfassend soll der Blick aus der Geschichtswissenschaft auf ein Thema der
kirchlichen Zeitgeschichte im Rahmen dieser Arbeit eine gewohnheitsfreie, neugierige
und originäre Sicht herstellen und neue Chancen bieten, Wesentliches zu erkennen und
zu nutzen.
Nach dem Bau der Mauer teilte sich die Aktion Sühnezeichen in einen östlichen und
westlichen Arbeits- und Wirkungsbereich. Die Arbeit behandelt aufgrund des Bezuges
zur Bundesrepublik schwerpunktmäßig den westdeutschen Teil der Aktion Sühnezei-
chen und geht auf den ostdeutschen Bereich im Zusammenhang mit der geistlichen
Ausrichtung der Organisation und dem Einfluss der ostdeutschen Aktion Sühnezeichen
auf die westdeutsche Arbeit ein.
Oft wird in der kirchenhistorischen Forschung zum Nachkriegsprotestantismus eine zu
beschränkte Sichtweise auf die kirchliche Elite, auf einzelne historische Figuren oder
auf die Institution selbst kritisiert.8 Eine umfassende sozialhistorische Analyse von Kir-
che, Staat und Gesellschaft, die dem Anspruch dieser Kritik gerecht wird, kann hier im
Rahmen einer Magisterarbeit nicht geliefert werden. Stattdessen wird die Aktion Süh-
nezeichen stellvertretend für ein für diese Zeit untypisches politisch-religiöses Anliegen
betrachtet, die Evangelische Kirche als relevantes gesellschaftliches Element, das darauf
reagiert. Wichtige Theologen und Politiker werden in diesem Zusammenhang aufgrund
ihrer weitreichenden Entscheidungsgewalt behandelt, jedoch immer auch mit Blick auf
die Beteiligten, die jeweilige Entscheidungen mitzutragen hatten, wie z. B. die Landes-
kirchen, einzelne Pfarrer, Projektteilnehmer, politische Repräsentanten oder Freunde der
Akteure, da daran die Diskrepanz zwischen der kirchlichen ,Funktionselite′ und dem
Kirchenvolk deutlich wird und somit der protestantische Bevölkerungsteil besser cha-
rakterisiert werden kann. Darüber hinaus sind kirchenverwandte Einrichtungen wie der
Evangelische Kirchentag, die Evangelischen Akademien oder das Diakonische Werk
wichtige Unterstützer, Kritiker und Foren der Aktion Sühnezeichen gewesen und des-
8 Vollnhals, Clemens.: Kirchliche Zeitgeschichte nach 1945. Schwerpunkte, Tendenzen,, Defizite, in:
Kaiser, J.-C. / Doering-Manteuffel, Anselm (Hg.): Christentum und politische Verantwortung. Kirchen
im Nachkriegsdeutschland, Stuttgart 1990, S. 176-191.
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