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Medien, Macht und Individuum

Subtitle: Zum Verhältnis von Gesellschaft und Fernsehen in Deutschland seit 1945

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 26 Pages
Author: Chrstiane Baltes
Subject: Communications - Media History

Details

Event: HS: Die Geschichte der Medien in Europa
Institution/College: Humboldt-University of Berlin (Institut für Geschichtswissenschaften)
Tags: Medien, Macht, Individuum, Geschichte, Medien, Europa
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 26
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 16  Entries
Language: German
Archive No.: V119699
ISBN (E-book): 978-3-640-23634-3
ISBN (Book): 978-3-640-23966-5
File size: 174 KB

Abstract

In einer Gesellschaft, in der Medialisierung in nahezu allen Lebensbereichen stattfindet, sich immer rasanter vollzieht und für gesellschaftliche Veränderungen verantwortlich gemacht wird, ist die Frage nach Ursache und Wirkung medialer Entwicklungen aktueller denn je. Die gesellschaftliche Entwicklung wird nicht nur von neuen Kommunikationsformen gekennzeichnet und beeinflusst, sondern sichert auch deren Fortbestand. Die hier vorliegende Arbeit präsentiert einen solchen Untersuchungsgegenstand mit Fragestellungen, die jedoch nach medienwissenschaftlicher Einschätzung eigentlich nicht zu beantworten sind. Es handelt sich um die gesellschaftliche Wirkung der Medien und die Beeinflussung des Mediengeschehens durch die Gesellschaft. Darunter die Fragen: Wie finden mediale Beeinflussung und gesellschaftliche Rezeption statt und wie haben sie sich seit 1945 verändert? Welche Einflüsse hat umgekehrt die Gesellschaft auf die Gestaltung des Medienangebotes? Welche Gründe sind dafür zu erkennen? Was bedeutet der Wandel in der Medienentwicklung für die Gesellschaft? Um sich mit einem derart komplexen Thema dennoch im Rahmen einer Hausarbeit auseinander setzen zu können, handelt es sich im Folgenden um eine stark zusammenfassende, vereinfachende und selektive Darstellung und Analyse. Die dafür genutzte Literatur besteht zum einen aus medienhistorischen, überblicksartigen Arbeiten, zum anderen aus medientheoretischen Handbüchern und mediensoziologischen Untersuchungen sowie medienphilosophischen Einschätzungen. Eine rein historische Untersuchung würde die oben aufgeworfenen Fragen nur unzureichend beantworten. In der verwendeten Literatur finden sich Werke, zu deren Autoren Soziologen, Historiker, Kommunikationswissenschaftler oder Psychologen gehören. Demzufolge bemüht sich diese Untersuchung ebenfalls um eine interdisziplinäre Herangehensweise, bei der die historische Entwicklung der Mediengesellschaft jedoch die Ausgangsbasis für letztendliche Schlussfolgerungen darstellt. Das methodische Vorgehen der Arbeit geht von einer Mediengeschichte als Sozialgeschichte aus und versucht, die mediale Produktion und Rezeption funktional im Kontext des gesellschaftlichen Lebens zu sehen und dementsprechend die Entwicklungsstufe dieser Gesellschaft zu bestimmen. Der Fragestellung entsprechend werden dabei sowohl institutions- und programm- als auch rezeptionsgeschichtliche Aspekte behandelt. [...]


Excerpt (computer-generated)

Humboldt-Universität zu Berlin

Institut für Geschichtswissenschaften

HS: Die Geschichte der Medien in Europa

WS 2005/06

Medien, Macht und Individuum

Zum Verhältnis von Gesellschaft und Fernsehen

in Deutschland seit 1945

eingereicht von:

Christiane Baltes

Geschichte / Skandinavistik M.A.

7. Fachsemester


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 3

2. Medien und ihre Wirkung: Theoretische Überlegungen 5

3. Die Entwicklung der Mediengesellschaft seit 1945 ­ eine Skizze 6

3.1 Das Fenster zur Welt 6

3.2 Die ,,wohlkomponierte Mitte" 7

3.3 Kulturkritik und ,,neue Innerlichkeit" 8

3.4 Flexibilisierung und Duales System 9

3.5 Wende zum Wachstum 9

3.6 Der systematische Medienwandel? 10

4. Medien als Informationsvermittler 10

5. Die Rolle des Fernsehens 11

6. Die Einflussmöglichkeiten des Fernsehens auf die Gesellschaft 12

6.1 politisch 12

6.2 kulturell 14

6.3 emotional 15

6.4 sozial 16

6.5 Fazit: Kann der Mensch sich wehren? 17

7. Der gesellschaftliche Einfluss auf das Fernsehen 17

7.1 Einschaltquoten: Der Mensch, das berechenbare Wesen? 18

7.2 Staatliche (De-)Regulierungsmaßnahmen:

trial and error

19

8. Medienkritik 20

9. Perspektiven für das zukünftige Verhältnis zwischen Fernsehen und Gesellschaft 21

10. Schlussfolgerungen 22

Literatur 24

Internetressourcen 25










2


1. Einleitung

Fernsehen ist die wahre demokratische Bildung; die erste, die jedem offen steht und die

bestimmt ist von dem, was die Leute wollen. Doch was die Leute wollen, kann einem schon

einen Schrecken einjagen.

- Clive Barnes, britisch-amerikanischer Theaterkritiker

In einer Gesellschaft, in der Medialisierung in nahezu allen Lebensbereichen stattfindet, sich

immer rasanter vollzieht und für gesellschaftliche Veränderungen verantwortlich gemacht

wird, ist die Frage nach Ursache und Wirkung medialer Entwicklungen aktueller denn je. Die

gesellschaftliche Entwicklung wird nicht nur von neuen Kommunikationsformen

gekennzeichnet und beeinflusst, sondern sichert auch deren Fortbestand.

Die hier vorliegende Arbeit präsentiert einen solchen Untersuchungsgegenstand mit

Fragestellungen, die jedoch nach medienwissenschaftlicher Einschätzung eigentlich nicht zu

beantworten sind.1 Es handelt sich um die gesellschaftliche Wirkung der Medien und die

Beeinflussung des Mediengeschehens durch die Gesellschaft. Darunter die Fragen: Wie

finden mediale Beeinflussung und gesellschaftliche Rezeption statt und wie haben sie sich seit

1945 verändert? Welche Einflüsse hat umgekehrt die Gesellschaft auf die Gestaltung des

Medienangebotes? Welche Gründe sind dafür zu erkennen? Was bedeutet der Wandel in der

Medienentwicklung für die Gesellschaft?

Um sich mit einem derart komplexen Thema dennoch im Rahmen einer Hausarbeit

auseinander setzen zu können, handelt es sich im Folgenden um eine stark

zusammenfassende, vereinfachende und selektive Darstellung und Analyse. Die dafür

genutzte Literatur besteht zum einen aus medienhistorischen, überblicksartigen Arbeiten, zum

anderen aus medientheoretischen Handbüchern und mediensoziologischen Untersuchungen

sowie medienphilosophischen Einschätzungen.

Eine rein historische Untersuchung würde die oben aufgeworfenen Fragen nur unzureichend

beantworten. In der verwendeten Literatur finden sich Werke, zu deren Autoren Soziologen,

Historiker, Kommunikationswissenschaftler oder Psychologen gehören. Demzufolge bemüht

sich diese Untersuchung ebenfalls um eine interdisziplinäre Herangehensweise, bei der die

historische Entwicklung der Mediengesellschaft jedoch die Ausgangsbasis für letztendliche

Schlussfolgerungen darstellt. Das methodische Vorgehen der Arbeit geht von einer

Mediengeschichte als Sozialgeschichte aus und versucht, die mediale Produktion und

1 Burkart, Roland: Kommunikationswissenschaft, Wien u. a. 2002, S. 186; Hoffmann, Jochen/Sarcinelli, Ulrich:

Politische Wirkungen der Medien, in: Wilke, Jürgen (Hg.): Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland,

Köln/ Weimar/ Wien, 1999, S. 720.

3


Rezeption funktional im Kontext des gesellschaftlichen Lebens zu sehen und

dementsprechend die Entwicklungsstufe dieser Gesellschaft zu bestimmen. Der Fragestellung

entsprechend

werden

dabei

sowohl

institutions-

und

programm-

als

auch

rezeptionsgeschichtliche Aspekte behandelt.

Den thematischen Schwerpunkt bildet der Wandel der Fernsehrezeption und die damit

zusammenhängenden gesellschaftlichen, politischen und medienökonomischen Phänomene.

In dem Zusammenhang wird der Einfluss des Fernsehens auf die Gesellschaft umfangreicher

behandelt als der umgekehrte Fall der gesellschaftlichen Beeinflussung des Fernsehens, was

auf das unterschiedlich ausgeprägte Vorhandensein beider Wirkungsarten und der

dementsprechenden Auseinandersetzung in der Forschungsliteratur zurückzuführen ist. Auch

wenn die Entwicklung des Fernsehens nicht ohne die Wechselwirkungen von Radio und

Presse vorzustellen ist, muss hier auf eine auch diese Medien umfassende Analyse zugunsten

des Umfangs der Arbeit verzichtet werden.

Als theoretische Basis werden zu Beginn einige Überlegungen zur Medienwirkung

vorgestellt: Der Begriff der ,Massenkommunikation′ wird vor dem Hintergrund des Sender-

Empfänger-Verhältnisses

definiert

und

die

Dynamik

innerhalb

dieses

Kommunikationsprozesses verdeutlicht, um zum einen die Frage nach der

Verständigungsabsicht der Medienmacher und zum anderen nach der Aktivität oder Passivität

des Zuschauers stellen zu können. Im dritten Kapitel skizziere ich kurz die Mediengeschichte

in Westdeutschland nach 1945 unter besonderer Berücksichtigung kultureller und sozialer

Aspekte, um für das Thema wesentliche Zäsuren und Bedeutungswandel kenntlich zu

machen. Anschließend beschäftigt sich das vierte Kapitel mit den Medien als

Informationsvermittler und geht speziell auf die Rolle des Fernsehens ein. Das fünfte Kapitel

untersucht dann die Einflussmöglichkeiten des Fernsehens auf die Gesellschaft auf

politischer, sozialer, kultureller und emotionaler Ebene. Darauffolgend wird die

gesellschaftliche Partizipation am Fernsehen behandelt, wobei staatliche (De-)

Regulierungsmaßnahmen, die das Programmangebot und die medienökonomische

Entwicklung betreffen, erläutert und im Hinblick auf ihren Zusammenhang zur Gesellschaft

betrachtet werden. Das siebte Kapitel wiederum nennt einige für die Fragestellung relevante

Punkte der aktuellen Medienkritik, um dann im achten Kapitel auf Perspektiven für das

zukünftige Verhältnis zwischen Fernsehen und Gesellschaft hinzuweisen. Das letzte Kapitel

fasst schließlich alle wesentlichen Punkte und Thesen zusammen und formuliert ein kurzes

Fazit zur Fragestellung.

4


2. Medien und ihre Wirkung: Theoretische Überlegungen

Werner Früh und Klaus Schönbach formulierten 1982 mit ihrem dynamisch-transaktionalen

Ansatz ein theoretisches Modell, dem bis heute in der Forschungsagenda der

Wirkungsgeschichte große Bedeutung und Anwendbarkeit zugesprochen wird.2 Es stellt den

Wechselprozess zwischen Medium und Empfänger dar, der durch die aktive Nutzung des

Rezipienten sowie die Wirkung des Mediums gekennzeichnet ist. Dadurch wird nicht mehr

zwischen Ursache bzw. Motiv für die Nutzung und dem Effekt unterschieden, sondern von

einer Kombination beider Faktoren ausgegangen. Außerdem werden Veränderungen der

medialen Wirkung betrachtet und vor dem Hintergrund einer Chronologie kommunikativer

Prozesse determiniert.3 In den folgenden Kapiteln wird die Vorstellung eines so

beschriebenen transaktionalen Modells aufgegriffen, um mit einer dementsprechenden

Betrachtungs- und Untersuchungsweise Aspekte der Medienwirkung erklären zu können. Zu

dem Begriff der Medienwirkung zählt dabei die Reaktion der Rezipienten auf das Objekt

Fernsehen

mit

bestimmten

Gefühlen,

Wahrnehmungen,

Verhaltensweisen

und

Vorstellungen.4 Über die Wirkung hinaus soll das Fernsehen auch in seiner Funktion als Teil

der Massenkommunikation betrachtet werden.5 In diesem Zusammenhang ist von

Massenkommunikation als Prozess auszugehen, bei dem Aussagen öffentlich (ohne begrenzte

Empfängerschaft), indirekt (in räumlicher bzw. zeitlicher Distanz zwischen den

Kommunikationspartnern) und einseitig (ohne Rollenwechsel der Kommunikationspartner)

durch technische Medien an ein disperses Publikum (kleine Gruppen von Menschen, die

Massenmedien nutzen) gesandt werden. Charakteristisch für das Publikum ist darüber hinaus,

dass es inhomogen, unstrukturiert und unorganisiert ist, also keine weiteren direkten

Gemeinsamkeiten aufweist und sich immer wieder neu zusammen setzt.6 Insgesamt ist zu

beachten, dass die hier formulierten Definitionen sich gegenseitig beeinflussen und

voneinander abhängig sind. Außerdem erweist sich der Kommunikationsbegriff als schwierig,

da Kommunikation im Sinne von Verständigung nur dann statt findet, wenn die Botschaft des

Senders vom Empfänger verstanden wird.7 Ob dieser Fall im Verhältnis von Fernsehen und

Publikum zutrifft und inwieweit es überhaupt die Absicht der Programmanbieter ist,

2 Saxer, Ulrich: Medien, Rezeption, Geschichte, S. 27-37, in: Klingler, Walter / Roters, Gunnar / Gerhards,

Maria (Hg.): Medienrezeption seit 1945. Forschungsbilanz und Forschungsperspektiven, Baden-Baden 1999, S.

35; Groebel, Jo: Rezipientenaktivitäten im Wandel der Zeit, S. 37-49, in: ebd., S. 40.

3 Früh, Werner: Realitätsvermittlung durch Massenmeiden. Abbild oder Konstruktion? S.

71-89, in: Schulz, Winfried (Hg.): Medienwirkungen. Einflüsse von Presse, Radio und Fernsehen auf

Individuum und Gesellschaft, Weinheim 1992, S. 75.

4 Burkart, S. 190.

5 Ebd., S. 178.

6 Ebd., S. 169.

7 Ebd., S. 174.

5


verstanden zu werden oder zur Verständigung beizutragen, wird im Laufe der Arbeit noch

geklärt werden

3. Die Entwicklung der Mediengesellschaft seit 1945 ­ eine Skizze

Um sich der Frage nach der Wirkungsmächtigkeit des Fernsehens und der Rolle der

Rezipienten annähern zu können, muss zunächst die Frage nach der Herkunft des Fernsehens

und seiner von der jeweiligen historischen Phase abhängigen Funktion in der Gesellschaft

gestellt werden. Eine eindeutige chronologische Einteilung der Medienentwicklung ist hierbei

nicht möglich, da die Übergänge fließend sind und es in Abhängigkeit der angewandten

Perspektive (technisch, kulturell, rundfunkpolitisch, etc.) zu ganz unterschiedlichen Zäsuren

kommen kann. Im Folgenden sollen besonders die rezeptionshistorisch relevanten Aspekte

dargestellt und im Zusammenhang mit der programmgeschichtlichen Entwicklung des

Fernsehens betrachtet werden. Der Übersichtlichkeit halber wurden die einzelnen Abschnitte

dabei grob nach Jahrzehnten eingeteilt und durch charakteristische Schlagworte

überschrieben.

3.1 Das Fenster zur Welt

Obwohl die Entstehung des Fernsehens bereits in den dreißiger Jahren zu verorten ist, kam es

durch politische und technische Einflüsse erst in den fünfziger Jahren zu dessen Wachstum

und Ausbreitung.8 Dabei war der Wunsch ausschlaggebend, dem Kino im Kopf ­ wie es

durch das Radio entstanden war - die entsprechenden Bilder entgegenzusetzen oder

hinzuzufügen.9

Das Fernsehen faszinierte Anfang der fünfziger Jahre noch aufgrund seiner Technik und

weniger wegen des Programms, das inhaltlich sehr einheitlich und zeitlich überschaubar

gestaltet war. Mit einmal wöchentlichen Sendezeiten von zwei Stunden ähnelte das Fernsehen

noch mehr dem Kinoprogramm als einer massenmedialen Institution.10 Von einer Einführung

des Fernsehens als Massenmedium und einer dadurch erfolgenden Veränderung der gesamten

medialen Struktur, kann erst im letzten Drittel der fünfziger Jahre gesprochen werden. Die

8 Kiefer, Marie-Luise: Tendenzen und Wandlungen in der Presse-, Hörfunk- und

Fernsehrezeption seit 1964, S. 93-107, in: Klingler, Walter / Roters, Gunnar / Gerhards, Maria (Hg.):

Medienrezeption seit 1945. Forschungsbilanz und Forschungsperspektiven, Baden-Baden 1999, S. 95; Schildt,

Axel: Massenmedien im Umbruch der fünfziger Jahre, S. 633-649, in: Wilke, Jürgen (Hg.): Mediengeschichte

der Bundesrepublik Deutschland, Köln/ Weimar/ Wien, 1999, S. 640.

9 Stöber, Rudolf: Mediengeschichte. Die Evolution ,,neuer" Medien von Gutenberg bis Gates. Eine Einführung.

Band 2: Film ­ Rundfunk ­ Multimedia, Wiesbaden 2003, S. 217.

10 Hickethier, Knut: Rezeptionsgeschichte des Fernsehens ­ ein Überblick, S. 129-143, in Klingler, Walter /

Roters, Gunnar / Gerhards, Maria (Hg.): Medienrezeption seit 1945. Forschungsbilanz und

Forschungsperspektiven, Baden-Baden 1999, S. 132.

6



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