Der Doktor schüttelte bedenklich den Kopf. – „Wie“, rief der Kapellmeister heftig, indem er vom Stuhle aufsprang, „wie! so sollte Bettinas Katarrh wirklich etwas zu bedeuten haben?“ – Der Doktor stieß ganz leise drei- oder viermal mit seinem spanischen Rohr auf den Fußboden, nahm die Dose heraus und steckte sie wieder ein, ohne zu schnupfen, richtete den Blick starr empor, als zähle er die Rosetten an der Decke, und hüstelte mißtönig, ohne ein Wort zu reden. Das brachte den Kapellmeister außer sich, denn er wußte schon, solches Gebärdenspiel des Doktors hieß in deutlichen lebendigen Worten nichts anders als: „Ein böser, böser Fall – und ich weiß mir nicht zu raten und zu helfen, und ich steure umher in meinen Versuchen, wie jener Doktor im ,Gilblas di Santillana’.“ – „Nun, so sag Er es denn nur geradezu heraus“, rief der Kapellmeister erzürnt, „sag Er es heraus, ohne so verdammt wichtig zu tun mit der simplen Heiserkeit, die sich Bettina zugezogen, weil sie unvorsichtigerweise den Shawl nicht umwarf, als sie die Kirche verließ – das Leben wird es ihr doch eben nicht kosten, der Kleinen.“ – „Mitnichten“, sprach der Doktor, indem er nochmals die Dose herausnahm, jetzt aber wirklich schnupfte, „mitnichten, aber höchstwahrscheinlich wird sie in ihrem ganzen Leben keine Note mehr singen!“ Da fuhr der Kapellmeister mit beiden Fäusten sich in die Haare, daß der Puder weit umherstäubte, und rannte im Zimmer auf und ab und schrie wie besessen: „Nicht mehr singen? – nicht mehr singen? – Bettina nicht mehr singen? – Gestorben all die herrlichen Kanzonette – die wunderbaren Boleros und Seguidillas, die wie klingender Blumenhauch von ihren Lippen strömten? – Kein frommes ,Agnus’, kein tröstendes ,Benedictus’ von ihr mehr hören? – Oh! oh! – Kein ,Miserere’, das mich reinbürstete von jedem irdischen Schmutz miserabler Gedanken – das in mir oft eine ganze reiche Welt makelloser Kirchenthemas aufgehen ließ? – Du lügst, Doktor, du lügst! – Der Satan versucht dich, mich aufs Eis zu führen. [...]
Inhaltsverzeichnis
Das Sanctus
Zielsetzung & Themen
Die Erzählung thematisiert die psychischen Hintergründe einer mysteriösen Stimmlosigkeit bei der jungen Sängerin Bettina, wobei der "reisende Enthusiast" versucht, durch die erzählerische Kraft einer historischen Allegorie über die Belagerung von Granada therapeutisch auf ihren Zustand einzuwirken.
- Die psychische Verfassung von Künstlern und der Einfluss von Emotionen auf die Stimmleistung.
- Die Verbindung zwischen Musik, Glauben und übernatürlichen bzw. mystischen Einflüssen.
- Das Konzept der Krankheitsbewältigung durch Geschichten und psychische Anregung.
- Die historische Verknüpfung von opernhaften Schilderungen mit der Realität der Figuren.
Auszug aus dem Buch
Das Sanctus
Der Doktor schüttelte bedenklich den Kopf. – „Wie“, rief der Kapellmeister heftig, indem er vom Stuhle aufsprang, „wie! so sollte Bettinas Katarrh wirklich etwas zu bedeuten haben?“ – Der Doktor stieß ganz leise drei- oder viermal mit seinem spanischen Rohr auf den Fußboden, nahm die Dose heraus und steckte sie wieder ein, ohne zu schnupfen, richtete den Blick starr empor, als zähle er die Rosetten an der Decke, und hüstelte mißtönig, ohne ein Wort zu reden. Das brachte den Kapellmeister außer sich, denn er wußte schon, solches Gebärdenspiel des Doktors hieß in deutlichen lebendigen Worten nichts anders als: „Ein böser, böser Fall – und ich weiß mir nicht zu raten und zu helfen, und ich steure umher in meinen Versuchen, wie jener Doktor im ,Gilblas di Santillana’.“ – „Nun, so sag Er es denn nur geradezu heraus“, rief der Kapellmeister erzürnt, „sag Er es heraus, ohne so verdammt wichtig zu tun mit der simplen Heiserkeit, die sich Bettina zugezogen, weil sie unvorsichtigerweise den Shawl nicht umwarf, als sie die Kirche verließ – das Leben wird es ihr doch eben nicht kosten, der Kleinen.“
„Mitnichten“, sprach der Doktor, indem er nochmals die Dose herausnahm, jetzt aber wirklich schnupfte, „mitnichten, aber höchstwahrscheinlich wird sie in ihrem ganzen Leben keine Note mehr singen!“ Da fuhr der Kapellmeister mit beiden Fäusten sich in die Haare, daß der Puder weit umherstäubte, und rannte im Zimmer auf und ab und schrie wie besessen: „Nicht mehr singen? – nicht mehr singen? – Bettina nicht mehr singen? – Gestorben all die herrlichen Kanzonette – die wunderbaren Boleros und Seguidillas, die wie klingender Blumenhauch von ihren Lippen strömten? – Kein frommes ,Agnus’, kein tröstendes ,Benedictus’ von ihr mehr hören? – Oh! oh! – Kein ,Miserere’, das mich reinbürstete von jedem irdischen Schmutz miserabler Gedanken – das in mir oft eine ganze reiche Welt makelloser Kirchenthemas aufgehen ließ? – Du lügst, Doktor, du lügst! – Der Satan versucht dich, mich aufs Eis zu führen.
Zusammenfassung der Kapitel
Das Sanctus: Ein Arzt und ein Kapellmeister diskutieren über die plötzliche Stimmlosigkeit der jungen Bettina, während ein reisender Enthusiast eine allegorische Geschichte erzählt, um die psychischen Hintergründe des Zustands zu ergründen und Heilung herbeizuführen.
Schlüsselwörter
E.T.A. Hoffmann, Das Sanctus, Bettina, Stimmlosigkeit, Psychologie, Musik, Oper, Granada, Belagerung, Glaube, Heilung, Allegorie, Enthusiasmus, Magnetismus, Zither.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Erzählung grundsätzlich?
Es geht um den rätselhaften Verlust der Singstimme bei der Künstlerin Bettina und die unterschiedlichen Erklärungsansätze ihres Arztes, eines Kapellmeisters und eines mysteriösen Enthusiasten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verwebt Themen der Medizin, der Psychologie, der Musiktheorie und romantischer Mystik miteinander.
Was ist das primäre Ziel des Erzählers?
Das Ziel ist es, durch eine kunstvolle, historische Erzählung einen psychischen Impuls zu setzen, der die blockierte Lebenskraft und Stimme der kranken Bettina wieder freisetzen soll.
Welche wissenschaftlichen oder philosophischen Konzepte werden angedeutet?
Die Erzählung nutzt Begriffe aus dem Bereich des Magnetismus, der Psychosomatik und der romantischen Vorstellung von der untrennbaren Einheit zwischen Künstlerseele und Musik.
Was wird im Hauptteil der Geschichte behandelt?
Der Hauptteil besteht aus der Binnenerzählung über die maurische Gefangene Zulema und den Feldherrn Aguillar, die als Spiegelbild für Bettinas Zustand dient.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren den Text?
Die Erzählung ist geprägt durch Begriffe wie "psychische Rückwirkung", "Geist der Musik", "Hexenmeister" und das Motiv des "Sanctus".
Warum spielt die Figur der Zulema eine so wichtige Rolle?
Zulema fungiert als literarisches Pendant zu Bettina; ihr Schicksal zwischen verschiedenen Welten und ihr tiefer Bezug zur Musik spiegeln Bettinas innere Blockade wider.
Wie endet die Geschichte für Bettina?
Bettina erlangt ihre Stimme wieder, was der Erzähler als Erfolg seiner "psychischen Mittel" und als Widerlegung der rein körperlichen Krankheitsdiagnose wertet.
- Quote paper
- E. T. A. Hoffmann (Author), 2008, Das Sanctus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119794