Register or log in at GRIN

Your e-mail-address or password is wrong
Register now
For new authors: free, easy and fast
This will be used as your user name, please specify a valid e-mail address

Lost password

Your e-mail-address or password is wrong

Request a new password
Wie Wiselis Weg gefunden wird close

Please wait

Please install the Adobe Flash Player if no e-book is displayed.

Wie Wiselis Weg gefunden wird

Subtitle: aus: Zwei Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die Kinder lieb haben

Classic, 2008, 94 Pages
Author: Johanna Spyri
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Tags: Wiselis
Category: Classic
Year: 2008
Pages: 94
Language: German
Archive No.: V120174
ISBN (E-book): 978-3-640-23585-8
ISBN (Book): 978-3-640-23589-6
File size: 4269 KB

Abstract

Auf dem Schlittweg. Draußen vor der Stadt Bern liegt ein Dörflein an einer Halde. Ich kann hier nicht wohl sagen, wie es heißt, aber ich will es ein wenig beschreiben; wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen. Oben auf der Anhöhe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran, voll schöner Blumen von allen Arten; das gehört dem Oberst Ritter und heißt „Auf der Halde“. Von da geht es hinunter; dann steht auf einem kleinen, ebenen Platze die Kirche und daneben das Pfarrhaus, — dort hat die Frau des Obersten als Pfarrerstochter ihre fröhliche Kindheit verlebt. Etwas weiter unten hin kommt das Schulhaus und noch einige Häuser beisammen, und dann links am Wege noch ein Häuschen ganz allein; davor liegt auch ein Gärtchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein paar Resedastöckchen, daneben aber mit Zichorien und Spinat bepflanzt und mit einer niederen Hecke von Johannisbeersträuchern umgeben. Alles ist da immer in bester Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der Weg wieder bergab die ganze, lange Halde hinunter bis auf die große Straße, die der Aare entlang geht ins Land hinaus. [...]


Fulltext (computer-generated)

Johanna Spyri

Wie Wiselis Weg gefunden wird

[aus ,,Heimatlos S. 129-235 ", erstmalig erschienen 1878]


Inhalt

Auf dem Schlittweg 4

Daheim, wo′s gut ist 8

Auch noch daheim 23

Beim Vetter-Götti 30

Wie es weiter geht und Sommer wird 40

Das Alte und auch etwas Neues 55

Wie es dem Kranken und jemandem besser ging 67

Es geschieht etwas Unerwartetes 78



Auf dem Schlittweg.

Draußen vor der Stadt Bern liegt ein Dörflein an einer Halde. Ich

kann hier nicht wohl sagen, wie es heißt, aber ich will es ein wenig

beschreiben; wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen.

Oben auf der Anhöhe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten

daran, voll schöner Blumen von allen Arten; das gehört dem Oberst

Ritter und heißt ,,Auf der Halde". Von da geht es hinunter; dann

steht auf einem kleinen, ebenen Platze die Kirche und daneben das

Pfarrhaus, -- dort hat die Frau des Obersten als Pfarrerstochter ihre

fröhliche Kindheit verlebt. Etwas weiter unten hin kommt das

Schulhaus und noch einige Häuser beisammen, und dann links am

Wege noch ein Häuschen ganz allein; davor liegt auch ein Gärtchen

mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein paar

Resedastöckchen, daneben aber mit Zichorien und Spinat bepflanzt

und mit einer niederen Hecke von Johannisbeersträuchern

umgeben. Alles ist da immer in bester Ordnung und kein Unkraut

zu sehen. Dann geht der Weg wieder bergab die ganze, lange Halde

hinunter bis auf die große Straße, die der Aare entlang geht ins Land

hinaus.

Diese ganze, lange Halde bildete zur Winterszeit den herrlichsten

Schlittweg, der weit und breit zu finden war; wohl zehn Minuten

lang konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne

abzusteigen; denn war man vom Hause des Obersten an bei diesem

ersten, steilen Absatz einmal recht in den Zug gekommen, so gingen

die Schlitten vorwärts ohne Nachhilfe bis hinunter auf die

Aarestraße. Diese unvergleichliche Schlittenbahn machte denn auch

das Lebensglück einer großen Schar von Kindern aus, die alle,

sobald nur die alte Schulstubentür sich öffnete, sich herausstürzten,

ihre Schlitten vom Haufen rissen, den sie im Vorhof bildeten, und

mit Windeseile dem Schlittweg zurannten, wo die Stunden

verflogen, man wußte nicht wie, denn unten am Berge war man

immer im Augenblick, und beim Heraufsteigen dachte man so eifrig

4


ans nächste Hinunterfahren, daß es unmerklich schnell getan war. So

brach immer zum großen Schrecken der Kinder die Nacht herein,

lang ehe sie erwartet war, denn dies war die Zeit, da fast alle nach

Hause gehen mußten. Da folgte dann gewöhnlich noch ein ziemlich

stürmisches Ende, denn da wollte man schnell noch einmal fahren

und dann noch einmal und dann nur noch ein einziges Mal, und so

mußte dann alles noch in größter Eile zugehen, das Aufsitzen und

das Abfahren und wieder die Rückkehr den Berg hinauf. Da war

auch ein Gesetz errichtet worden, daß keiner sollte hinunterfahren,

während die anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten

alle abfahren und miteinander alle zurückkehren, damit kein

Gedränge und Schlittenverwickelungen entstehen könnten.

Manchmal aber gab es doch allerlei ungesetzliche Verwirrungen,

besonders auf diesen drangvollen Schlußfahrten, da dann keiner

zuletzt sein und etwa noch zu kurz kommen wollte. So war es auch

an einem hellen Januarabend, da vor Kälte die Schlittenbahn laut

knisterte unter den Füßen der Kinder und der Schnee nebenan auf

den Feldern so hart gefroren war, daß man hätte darauf fahren

können wie auf einer festen Straße. Die Kinder aber waren alle

glühend rot und heiß dazu, denn eben waren sie im angestrengten

Lauf den ganzen Berg heraufgeeilt, ihre Schlitten nachziehend und

sie nun stracks umwendend und sich darauf stürzend, denn es hatte

Eile; drüben stand schon hell der Mond am Himmel und die

Betglocke hatte auch schon geläutet. Die Buben hatten aber alle

gerufen: ,,Noch einmal! Noch einmal!" Und die Mädchen waren

einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es eine Verwirrung und

einen großen Lärm: drei Buben wollten durchaus auf demselben

Platze mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte auch nur einen

Zoll zurückweichen und später abfahren. So drückten sie einander

auf die Seite hin, und der breite Chäppi wurde von den beiden

anderen so gegen den Rand des Weges hin gestoßen, daß er ganz in

den Schnee hineinsank mit seinem schweren Keßlerschlitten und

fühlte, daß er unter ihm stecken blieb. Eine große Wut ergriff ihn

beim Gedanken, daß die anderen nun abfahren möchten; er schaute

um sich. Da fiel sein Blick auf ein kleines, schmales Mädchen, das

5


neben ihm im Schnee stand; es war ganz bleich und hielt beide

Arme in seine Schürze gewickelt, um wärmer zu haben, aber es

zitterte doch vor Frost an seinem ganzen dünnen Körperchen. Das

schien dem Chäppi ein passender Gegenstand zu sein, seine Wut

daran auszulassen.

,,Kannst du einem nicht aus dem Wege gehen, du lumpiges Ding

du? du brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen

Schlitten. Wart nur, ich will dir schon aus dem Wege helfen." Damit

stieß der Chäppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kinde

eine Schneewolke entgegenzuwerfen. Es floh zurück, so daß es bis

an die Kniee in den Schnee hineinsank, und sagte schüchtern: ,,Ich

wollte nur zusehen!" Der Chäppi stieß eben seinen Stiefel noch

einmal in den Schnee hinein, als ihn von hinten eine so

erschütternde Ohrfeige traf, daß er fast vom Schlitten herunterfuhr.

,,Wart du!" rief er außer sich vor Erbitterung, denn sein Ohr sauste,

wie es noch kaum je gesaust hatte, und mit geballter Faust kehrte er

sich um, seinen Feind zu treffen. Da stand einer hinter ihm, der

hatte eben seinen Schlitten zurechtgestellt zum Abfahren, und

schaute nun ganz ruhig auf den Chäppi nieder und sagte:

,,Probier′s!" Es war Chäppis Klassengenosse, der elfjährige Otto

Ritter, der öfter mit dem Chäppi kleine Verschiedenheiten

auszugleichen hatte. Otto war ein schlanker, aufgeschossener Junge,

lange nicht so breit wie der Chäppi; aber dieser hatte schon mehr als

einmal erfahren, daß Otto eine merkwürdige Gewandtheit in

Händen und Füßen besaß, gegen welche der Chäppi sich nicht zu

helfen wußte. Er schlug nicht zu, aber die geballte Faust hielt er

immer in die Höhe und wuterfüllt rief er: ,,Laß du mich gehen, ich

habe nichts mit dir zu tun!" ­ ,,Aber ich mit dir", entgegnete Otto

kriegerisch. ,,Was brauchst du das Wiseli dorthinein zu jagen und

ihm noch Schnee anzuwerfen; ich habe dich wohl gesehen, du

Feigling, der ein Kleines verfolgt, das sich nicht wehren kann."

Damit kehrte er verächtlich dem Chäppi den Rücken und wandte

sich dem Schneefelde zu, wo das bleiche Wiseli noch immer stand

und zitterte. ,,Komm heraus aus dem Schnee, Wiseli", sagte Otto

beschützend. ,,Siehst du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich

6


gar keinen Schlitten und hast nur zusehen müssen? Da, nimm den

meinen und fahr einmal hinunter, schnell, siehst du, da fahren sie

schon." Das bleiche, schüchterne Wiseli wußte gar nicht, wie ihm

geschah; zwei-, dreimal hatte es zugeschaut, wie eines nach dem

anderen auf seinem Schlitten saß, und gedacht: ,,Wenn ich nur ein

einziges Mal ganz hinten aufsitzen dürfte", wo schon drei auf einem

Schlitten saßen. Nun sollte es allein hinunterfahren dürfen und dazu

auf dem allerschönsten Schlitten mit dem Löwenkopf vorn, der

immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht war und hoch mit

Eisen beschlagen. Vor lauter Glück stand Wiseli ganz unschlüssig da

und schaute nach dem Chäppi, ob er es nicht vielleicht zu prügeln

gedenke zur Strafe für sein Glück. Aber der saß jetzt ganz abgekühlt

da, so als wäre gar nichts geschehen, und Otto stand so

schutzverheißend daneben, daß ihm der Mut kam, sein Glück zu

erfassen; es setzte sich wirklich auf den schönen Schlitten, und da

nun Otto mahnte: ,,Mach, mach, Wiseli, fahr ab", so gehorchte es,

und hinunter ging′s, wie vom Winde getragen. In der kürzesten Zeit

hörte Otto die ganze Gesellschaft wieder herankeuchen, und er rief

entgegen: ,,Wiseli, bleib unter den Vordersten und sitz gleich noch

einmal auf und fahr zu; nachher müssen wir gehen." Das glückliche

Wiseli setzte sich noch einmal hin und genoß noch einmal die

langersehnte Freude. Dann brachte es seinen Schlitten und dankte

ganz schüchtern seinem Wohltäter, mehr mit den freudestrahlenden

Augen, als mit Worten, dann rannte es eilig davon. Otto fühlte sich

sehr befriedigt. ,,Wo ist das Miezi?" rief er in die sich zerstreuende

Gesellschaft hinein. ,,Da ist es", ertönte eine fröhliche

Kinderstimme, und aus dem Knäuel heraus trat ein rundes,

rotbackiges kleines Mädchen, das der Bruder Otto als kräftiger

Schutzmann bei der Hand faßte und nun mit ihm dem väterlichen

Hause zueilte, denn es war heute spät geworden; die erlaubte Zeit

des Schlittens war ziemlich lange überschritten.

7


Daheim, wo′s gut ist.

Als Otto und seine Schwester durch die lange, steinerne Hausflur

hereinstürmten, trat die alte Trine aus einer Tür und hielt ihr Licht

in die Höhe, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam. ,,So,

endlich!" sagte sie, halb zankend, halb wohlgefällig. ,,Die Mutter hat

schon lange nachgefragt, aber da war kein Bein zu sehen, und acht

Uhr hat′s geschlagen vor weiß kein Mensch wie langer Zeit." Die

alte Trine war schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter

der beiden Kinder zur Welt kam; so hatte sie große Rechte im Hause

und fühlte sich durchaus als Glied desselben, eigentlich als Haupt,

denn an Alter und Erfahrung war sie die erste. Die alte Trine war

durchaus vernarrt in beide Kinder ihrer Herrschaft und sehr stolz

auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften; das ließ sie aber nicht

merken, sondern sprach immer im Tone halber Entrüstung von

ihnen, denn das fand sie heilsam zu ihrer Erziehung. ,,Schuhe aus,

Pantoffeln an!" rief sie jetzt, Ordnung gebietend; der Befehl wurde

aber gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort kniete sie

vor Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte, und

zog ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand

unterdessen mitten in der Stube still und rührte sich nicht, was sonst

nicht ihre Art war, so daß die alte Trine während ihrer Arbeit ein

paarmal hinüberschielte. Jetzt war Otto gerüstet, und Miezchen

sollte auf dem Sessel sitzen; aber es stand noch auf demselben

Platze und rührte sich nicht. ,,Nu, nu, wollen wir warten, bis es

Sommer wird, dann trocknen die Schuhe von selbst", sagte die

Trine, auf ihren Knieen harrend. ,,Bst! bst! Trine, ich habe etwas

gehört; wer ist in der großen Stube?" fragte Miezchen und hob den

Zeigefinger etwas drohend in die Höhe. ,,Alles Leute mit trockenen

Schuhen, und andere kommen nicht hinein. Jetzt wag′s und sitz

nieder", mahnte Trine. Aber anstatt zu sitzen, machte Miezchen

einen Sprung und rief: ,,Jetzt hab′ ich′s wieder gehört, so lacht der

Onkel Max." ­ ,,Was?" schrie Otto und war mit einem Satz bei der

8


Tür. ­ ,,Wart! wart!" schrie Miezchen nach und wollte gleich mit zur

Tür hinaus; aber jetzt wurde es abgefaßt und auf den Stuhl gesetzt,

die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den zappelnden

Füßchen. Indessen gelang die Arbeit, und nun stürzte Miezchen zur

Tür hinaus und hinüber in die große Stube hinein und direkt auf

den Onkel Max los, der richtig dort im Lehnstuhl saß. Da war nun

ein großer Freudenlärm und ein Grüßen und ein Willkommenrufen

in allen Tönen, und in das Gelärm der Kinder stimmte der Onkel

Max wacker mit ein, und es währte geraume Zeit, bis sich der

Tumult etwas gelegt hatte und die Festfreude einen ruhigen

Charakter annahm. Denn ein Fest für die Kinder war die

Erscheinung des Onkels jedesmal und aus triftigen Gründen. Der

Onkel Max war ihr besonderer Freund; er war fast immer auf Reisen

und kam nur alle paar Jahre einmal zum Besuch; dann gab er sich

aber mit den Kindern ab, als gehörten sie ihm selber an, und was er

für wunderbar herrliche Sachen in allen Taschen für sie brachte, das

war gar mit nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig

und zauberhaft. Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in

allen Winkeln der Erde umher und aus jedem brachte er etwas

Eigentümliches mit.

Endlich saß die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum und die

dampfende Schüssel brachte noch völlige Besänftigung in die

aufgeregten Gemüter, denn von der Schlittbahn wurde immer ein

richtiger Appetit mitgebracht. ,,So", sagte der Papa, über den Tisch

hinüberblickend, wo an der Seite der Mutter das Töchterchen fleißig

arbeitete, ,,so, so, heut′ hat also das Miezchen keine Hand für seinen

Papa, noch hab′ ich keinen Gruß bekommen, und jetzt ist keine Zeit

mehr dazu."

Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und

sagte: ,,Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Fleiß getan und jetzt

will ich gleich ­", und damit stieß sie mit großer Anstrengung den

Sessel zurück; aber der Papa rief: ,,Nein, nein, jetzt nur keine

Ruhestörung. Da gib die Hand über den Tisch hin, das übrige

wollen wir nachher bestellen; so ist′s recht, Miezchen." ­ ,,Wie hat

9


man eigentlich das Kind getauft, Marie? Ich war zwar auch dabei,

aber ich habe keine Ahnung davon, welcher Name in der Kirche

ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?" sagte der Onkel

lachend. ,,Wirklich warst du dabei, Max", entgegnete seine

Schwester, ,,da du des Kindes Pate bist. Es erhielt damals den

Namen Marie; sein Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat

den Namen noch recht unnütz vervielfältigt." ­ ,,O nein, Mama,

wirklich nicht unnütz", rief Otto ernsthaft herüber. ,,Siehst du,

Onkel, das geht nach ganz bestimmten Regeln. Wenn dies kleine

nichtige Wesen ordentlich und sanftmütig ist, dann nenn′ ich es

Miezchen; das geschieht aber selten, und im gewöhnlichen Leben

nenn′ ich es daher Miezi. Wird es aber bös, dann sieht es ganz aus

wie ein kleiner Katzenreuel und muß Miez genannt werden, der

Miez."

,,Ja, ja, Otto", tönte es nun zurück, ,,und wenn du bös wirst, dann

siehst du ganz aus wie ein ­ wie ein ­" ,,Wie ein Mann", ergänzte

Otto, und da dem Miezchen eben kein Vergleich zu Gebote stand,

so arbeitete es jetzt um so emsiger an seinem Brei herum. Der

Onkel lachte laut auf. ,,Das Miezchen behält recht", rief er; ,,seinen

Geschäften obliegen ist besser, als auf Schmähungen antworten."

,,Aber, Kinder", setzte er nach einer Weile hinzu, ,,nun bin ich mehr

als ein Jahr nicht hier gewesen und ihr habt mir noch gar nichts

erzählt; was habt ihr denn alles erlebt unterdessen?" Die neuesten

Ereignisse erfüllten zunächst den Sinn der Kinder: so wurde gleich

mit großer Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die eben erlebte

Geschichte erzählt, wie der Chäppi das Wiseli behandelt, wie es fror

und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte und endlich doch

noch zu zwei Fahrten kam. ,,So ist′s recht, Otto", sagte der Papa;

,,du mußt deinem Namen Ehre machen, für die Wehrlosen und

Verfolgten mußt du immer ein Ritter sein. Wer ist das Wiseli?" ­

,,Du kannst das Kind und seine Mutter kaum kennen", sagte die

Mama, zu ihrem Manne gewandt; ,,aber der Onkel Max kennt

Wiselis Mutter recht gut. Du kannst dich doch noch auf den

mageren Leineweber besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er

hatte ein einziges Kind mit großen braunen Augen, das oft bei uns

10


im Pfarrhaus war und so schön singen konnte; kommt dir da die

Erinnerung daran wieder?"

Bevor aber die weiteren Erinnerungen zur Verhandlung kamen,

steckte die alte Trine ihren Kopf zur Tür herein und rief: ,,Der

Schreiner Andres möchte gern der Frau Oberst einen Bericht

abgeben, wenn er nicht stört." Diese harmlosen Worte bewirkten

eine wahre Verheerung in der Gesellschaft. Die Mutter legte den

Servierlöffel, mit dem sie soeben dem Onkel entgegenkommen

wollte, beiseite, sagte eilig: ,,Um Entschuldigung, ihr Herren!" und

ging davon. Otto sprang so stürmisch auf, daß er seinen Stuhl

hintenhinaus warf und dann selbst darüber stürzte, als er

fortgaloppieren wollte. Das Miezchen hatte ähnliche Taten vor, aber

der Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr gesehen und

hielt es nun mit beiden Armen fest. Aber es zappelte jämmerlich

und schrie: ,,Laß los, Onkel, laß los. Im Ernst, ich muß gehen."

,,Wohin denn, Miezchen?"

,,Zum Schreiner Andres. Laß schnell los! Hilf, Papa, hilf!"

,,Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lass′ ich

dich los."

,,Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur

der Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt laß los." Nun stürmte

auch das Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und

Onkel Max schlug ein helles Gelächter auf und rief: ,,Wer ist denn

der Schreiner Andres, um den deine ganze Familie sich zu reißen

scheint?"

,,Das mußt du besser wissen als ich", entgegnete der Oberst; ,,es

wird wohl ein Jugendfreund von dir sein, und das Fieber der

Verehrung wird auch dich noch ergreifen, es muß in eurer Familie

sein, bei uns hat es die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel sagen,

daß der Schreiner Andres völlig der Grundstein meines Hauses ist,

auf dem alles feststeht und entschieden auseinandergehen würde,

11


sollte dem Hause dieser Halt entkommen. Der Schreiner Andres ist

hier Rat, Trost, Heil und Hilfe in der Bedrängnis. Strebt meine Frau

nach einem Hausgerät, von dem sie gar nicht weiß, wie es aussehen

soll, noch wozu man es braucht, ­ der Schreiner Andres erfindet es

und schafft es zur Stelle. Bricht Feuers- oder Wassersnot in der

Küche oder im Waschhaus los, ­ der Schreiner Andres greift in die

Elemente und bringt das Feuer ins Stocken und das Wasser in Fluß.

Macht mein Sohn einen recht dummen Streich, ­ der Schreiner

Andres dreht ihn wieder zurecht. Schmeißt meine Tochter das

sämtliche Hausgeräte entzwei, ­ der Schreiner Andres leimt es

wieder zusammen. So ist der Schreiner Andres recht eigentlich die

stützende Säule meines Hauses, und wenn diese zusammenbrechen

würde, so gingen wir alle in Trümmer."

Die Mutter war unterdessen wieder eingetreten, und wohl zu ihrem

Besten schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres so

eingehend. Onkel Max lachte, daß es schallte.

,,Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!" sagte die Mutter. ,,Ich weiß schon,

was ich an dem Schreiner Andres habe." ,,Und ich auch", bemerkte

der Vater mit spöttischem Lächeln.

,,Und ich auch!" behauptete das Miezchen herzhaft, das wieder auf

seinem Platze saß.

,,Und ich auch!" brummte der Otto, dem der Knöchel noch sauste

von seinem Sturz über den Stuhl hin.

,,So, nun sind wir alle einer Meinung", bemerkte die Mutter, ,,nun

können die Kinder in Frieden zu Bette gehen." Auf diese Anzeige

hin drohte dem Frieden gleich eine Störung; aber es half nichts, die

alte Trine stand schon vor der Tür und wachte, daß die

Hausordnung nicht überschritten werde. Die Kinder mußten

abtreten, und gleich nachher verschwand die Mutter auch noch

einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne daß die Mutter

zum Nachtgebet noch an ihre Betten gekommen war.

12


Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den

Herren zurück und setzte sich nun so recht zum Bleiben hin.

,,Endlich", sagte da der Oberst hoch aufatmend, als habe er die

Feinde hinter sich. ,,Siehst du, Max, erst gehört meine Frau dem

Schreiner Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn

noch etwas übrig bleibt."

,,Und siehst du, Max", sagte die Mutter lachend, ,,wenn mein Mann

noch so arg höhnt: er mag unseren guten Schreiner Andres gerade

so gern wie wir alle; gestehe es nur ein, Mann! Eben hat mir Andres

auch für dich noch einen Auftrag übergeben, er hat seine jährliche

Summe gebracht und bittet um deinen Beistand."

,,Das ist wahr", sagte der Oberst; ,,einen ordentlicheren, fleißigeren,

zuverlässigeren Mann kenne ich nicht. Dem würde ich Weib und

Kind und Hab′ und Gut und alles anvertrauen wie keinem anderen;

das ist der ehrlichste, wackerste Mann in unserer ganzen Gemeinde

und noch weit darüber hinaus."

,,Jetzt siehst du, Max", sagte die Frau lachend; ,,ich konnte doch

nicht mehr sagen." Ihr Bruder lachte mit über den Eifer, in den der

Oberst unversehens gefallen war. Dann entgegnete er: ,,Nun habt

ihr mir alle so viel von eurem Wundermann vorerzählt, daß ich

wirklich wissen möchte, woher er stammt und wie er aussieht. Habe

ich ihn denn noch nicht gesehen hier?"

,,Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max", entgegnete seine

Schwester; ,,du mußt dich durchaus noch des Andres erinnern, mit

dem wir zur Schule gingen. Weißt du denn nicht mehr, wie zwei

Brüder zusammen in derselben Klasse mit dir waren? Der ältere war

damals schon ein rechter Taugenichts; er war gar nicht dumm, aber

tat nichts und blieb darum stecken und kam dann mit dem viel

jüngeren Bruder in eine Klasse zusammen, in welcher du auch warst.

Du mußt dich gewiß erinnern, er hieß Jörg und hatte ganz

schwarzes, steifes Haar. Er bewarf uns, wo er konnte, mit irgend

13


etwas, mit unreifen Äpfeln und Birnen und dann mit Schneeballen,

und rief uns überall nach: ′Aristokratenbrut!′"

,,O der, der", rief Onkel Max lachend, ,,ja, nun weiß ich auf einmal

alles. Richtig, ′Aristokratenbrut′ rief er uns beständig nach; ich

möchte nur wissen, wie ihm das Wort in den Sinn kam. Er war ein

widerwärtiger Kerl; ich weiß. Da sah ich ihn einmal einen viel

kleineren Jungen ganz unbarmherzig durchprügeln; dem half ich

aber, dafür rief er mir wohl zwölfmal nach: ′Aristokratenbrut!′ Ach,

nun weiß ich auch auf einmal, wer der andere war; das war der

magere, kleine Andres, sein Bruder, das ist gewiß euer Andres, und

dann ist das auch der Andres mit den Veilchen, nicht wahr, Marie?

O, jetzt versteh′ ich schon die dicke Freundschaft", lachte Onkel

Max auf′s neue auf. ­ ,,Was Veilchen, das muß ich wissen", fiel der

Oberst ein. ­ ,,O, die Geschichte ist mir auf einmal vor Augen, als

wäre sie gestern geschehen", sagte der Onkel ganz angeregt von

seinen Erinnerungen; ,,die muß ich dir erzählen, Otto. Du weißt

vielleicht durch deine Frau, daß wir hier im Dorfe in jenen

glücklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten,

der fand, daß alle Mängel und Gebrechen der Schulkinder aus ihnen

heraus- und alle Fähigkeiten und guten Eigenschaften in sie

hineingeprügelt werden könnten. So war er genötigt, sehr viel zu

prügeln, um den einen oder andern guten Zweck zu erreichen,

manchmal auch beide auf einmal. Einmal nun war ihm der magere

Andres unter die Hand gekommen; dem schlug er nun so kräftig

seine wohlgemeinte Ermahnung auf den Rücken, daß der Andres

laut aufschrie. In diesem Augenblick stand meine kleine Schwester,

die kürzlich in die Schule eingetreten war und sich noch nicht so

recht in die daselbst herrschenden Gebräuche eingelebt hatte,

plötzlich auf von ihrem Sitze auf der ersten Bank und schritt eilig

der Tür zu. Einen Augenblick hielt der Schullehrer inne mit seiner

Arbeit und rief ihr nach: ′Wo läufst du hin?′ Marie kehrte sich um;

die hellen Tränen liefen ihr über die Backen herunter und sie sagte

ganz aufrichtig: ′Ich wil heimgehen und es dem Papa sagen.′ ′Wart,

ich will dir′, rief jetzt der Schullehrer in großer Überraschung und

14


stürzte vom Andres weg auf die kleine Marie los; die prügelte er

aber nicht, er nahm sie nur beim Arm und setzte sie ziemlich fest

auf ihren Platz hin; dann sagte er noch einmal: ′Wart, ich will dir!′

Damit war aber alles abgetan; auch der Andres wurde in Ruhe

gelassen, und so nahm alles einen friedlichen Ausgang. Aber die

Tränen, die meine Schwester für den Andres vergossen, und ihr

Einschreiten gegen den Tyrannenstock wurden nicht vergessen. Von

dem Tag an lag jeden Morgen ein Büschel Veilchen auf ihrem Platz

und durchduftete den ganzen Schulraum, und nachher kam noch ein

anmutigerer Duft von dem Platz her, denn da lagen große

Erdbeersträuße mit den prächtigsten dunkelroten Beeren, wie sie

sonst nirgends zu sehen waren, und so ging es das ganze Jahr durch

immerfort; wie sich dann aber die Freundschaft zu dem erstaunlich

hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun angelangt ist, das muß meine

Schwester wissen und uns mitteilen." ­ Der Oberst hatte seine

Freude an der Geschichte der Tränen und der Veilchen und forderte

seine Frau auf, weiter zu erzählen. Sie sagte mit Lachen: ,,Erdbeeren

und Veilchen blühen deiner Ansicht nach das ganze Jahr durch,

Max; das ist aber nicht ganz so. Hingegen wurde der gute Andres

wirklich das ganze Jahr durch nicht müde, mir irgend etwas

Erfreuliches aus Feld und Wald aufzufinden und an meinen Platz zu

legen, solange wir miteinander zur Schule gingen. Er trat dann lange

vor mir aus und kam in die Lehre zu einem Schreiner nach der

Stadt; er kam dann immer öfter nach Hause, ich verlor ihn nie ganz

aus den Augen, und als mein Mann dies Gut kaufte und wir uns

eben verheiratet hatten, handelte es sich darum, daß Andres sich

etwas ankaufen und sich selbständig niederlassen wollte; er hatte

seine Eltern verloren und stand ganz allein, aber als ein tüchtiger

Arbeiter da. Er hatte seine Augen auf das Häuschen mit dem

sauberen kleinen Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte

es aber nicht ankaufen, da der Verkäufer sogleich bares Geld haben

und Andres erst solches durch seine Arbeit gewinnen mußte. Aber

wir kannten ihn und seine Arbeit. Mein Mann kaufte das Gütchen

an für ihn, und er hat es keinen Augenblick zu bereuen gehabt." ­

,,Nein, wahrhaftig nicht", fiel hier der Oberst ein; ,,der brave Andres

15


hat längst sein Gut vollständig abgezahlt und seither bringt er mir

jedes Jahr um diese Zeit eine ganz hübsche Summe, den Gewinn

seiner Jahresarbeit; die lege ich ihm gut an und habe meine Freude

an dem Gedeihen des wackeren Menschen. Er ist jetzt schon ein

ganz wohlhabender Mann, und nun nimmt sein Besitztum jährlich

sehr zu, er kann sein Häuschen noch zu einem großen Haus

machen, der brave Andres; es ist nur schade, daß er wie ein

Einsiedler lebt und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht genießen

kann." ­ ,,Hat er denn keine Frau und Familie, und wo ist der

bitterböse Jörg schließlich hingekommen?" fragte Onkel Max weiter.

­ ,,Nein, er hat gar niemanden", antwortete die Schwester, ,,er lebt

völlig allein, wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange, traurige

Geschichte erlebt, die ich mit angesehen habe, und die ihm gewiß

alle Lust benommen hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder Jörg

hat erst hier einige Jahre herumvagabondiert, hat nie gearbeitet,

sondern gehofft, durch furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen,

die keine Lumpe waren wie er, endlich doch noch sein Glück zu

machen, und als ihm dies nicht gelang, auch der gute Andres ihm

endlich nicht mehr aus seinen Schulden und allem Bösen

heraushelfen konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er

verschwunden, wohin, hat man nie recht gewußt; jedermann war

froh, daß er nur fort war." ­ ,,Was war denn die traurige Geschichte,

Marie?" fragte der Bruder; ,,die muß ich auch noch wissen." ,,Und

ich auch", sagte der Oberst und zündete zu der Erzählung

vergnüglich eine neue Zigarre an.

,,Aber Mann", bemerkte die Frau Oberst, ,,dir habe ich dieses

Erlebnis wohl schon sechsmal erzählt." ­ ,,So?" entgegnete ruhig

der Oberst; ,,es gefällt mir, wie es scheint." ­ ,,So fang an!"

ermunterte der Onkel. ­ ,,Du mußt dich noch jenes Kindes erinnern

können, Max", begann seine Schwester, ,,von dem ich heut′ abend

schon einmal gesprochen habe, das ganz in unserer Nähe wohnte.

Es gehörte dem bleichen, mageren Leineweber an, den wir

immerfort sein Weberschifflein hin- und herwerfen hörten, wenn

wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und nett aus und

hatte große, lustig glänzende Augen und so schöne braune Haare.

16


Es hieß Aloise." ­ ,,In meinem Leben habe ich keine Aloise

gekannt", warf Onkel Max ein. ­ ,,O, ich weiß schon warum", fuhr

seine Schwester fort, ,,wir nannten sie auch nie so, besonders du

nicht; Wisi nannten wir sie, zum Schrecken unserer seligen Mama.

Weißt du denn nicht mehr, wie oft du selbst sagtest, wenn wir am

Klavier Lieder singen wollten mit Mama und es so leise tönte: ′Man

muß das Wisi holen, sonst geht′s nicht?′" ­ Jetzt stieg die

Erinnerung mit einem Male in Onkel Maxens Gedächtnis auf; er

lachte hell heraus und rief: ,,O, das ist′s, das Wisi, ja gewiß, das Wisi

kenn′ ich wohl, ich seh′ es deutlich vor Augen mit dem lustigen

Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauf los sang. Ich

mochte es gern, das Wisi; es war auch nett anzusehen. Das ist ja

wahr: die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall, wenn ich

′Wisi′ sagte; ich habe aber nie gewußt, wie das Wisi eigentlich hieß."

,,Freilich hast du", bemerkte die Schwester, ,,denn jedesmal sagte die

Mama, es sei eine Barbarei, aus dem schönen Namen Aloise ein Wisi

zu machen." ­ ,,Das habe ich wohl jedesmal überhört", meinte

Onkel Max; ,,aber wo ist denn das Wisi hingekommen?"

,,Du weißt, es war in derselben Klasse mit mir in der Schule, wir

sind miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen bis hinauf zur

sechsten, da kann ich mich denn ganz gut erinnern, wie alle diese

Jahre durch der Andres als treuster Freund und Beschützer dem

Wisi zur Seite stand in Freud′ und Leid, und es konnte den Freund

gut brauchen. Meistens, wenn es zur Schule kam und die Tafel mit

Rechnungen bedeckt bringen sollte, wie wir anderen auch, da stand

nicht eine Zahl darauf; es legte sie aber mit dem lustigsten Gesicht

auf die Schulbank hin, und im folgenden Augenblick stand alles

darauf, was darauf stehen sollte, denn der Andres hatte schnell die

Tafel genommen und die Rechnungen darauf gesetzt. Öfter

geschah′s auch, daß Wisi in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen

eine Scheibe eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte im

Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum geschüttelt, und wenn

dann Gericht über diese Untaten gehalten wurde, dann blieb

regelmäßig alles auf dem Andres sitzen; nicht daß er von jemand

17


angeklagt wurde, sondern er selbst sagte gleich halblaut: er meine, er

habe die Scheibe zerdrückt, und er glaube auch, er habe einmal an

dem Pflaumenbaum gerüttelt, und so bekam er die Strafe. Wir

Kinder wußten immer ganz gut, wie es war; aber wir ließen es so

gehen, wir waren so gewöhnt daran, daß es so sei, und dann hatten

wir alle das lustige Wisi so gern, daß wir′s ihm immer gönnten, wenn

es ungestraft davonkam. Und Äpfel und Birnen und Nüsse hatte

Wisi immer alle Taschen voll, die kamen alle vom Andres, denn was

er nur hatte und erlangen konnte, das steckte er alles dem Wisi in

den Schulsack. Ich dachte manchmal darüber nach, wie es denn

auch so sein könne, daß der ganz stille Andres gerade das

allerlustigste und aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am

liebsten habe, und dann sann ich darüber nach, ob es nun auch

gerade den stillen Andres besonders gern habe. Es war wohl immer

freundlich mit ihm, aber so war es auch mit den anderen, und als ich

einmal ernstlich unsere Mama darüber fragte, wie das wohl sei, da

schüttelte sie ein wenig den Kopf und sagte: ′Ich fürchte, ich

fürchte, diese artige Aloise ist ein wenig leichtsinnig und kann noch

in eine schwere Schule kommen.′ Diese Worte gaben mir viel zu

denken und kamen mir immer wieder in den Sinn. Als wir dann

zusammen in den Religionsunterricht gingen, da kam Wisi

regelmäßig am Sonntagabend zu uns herüber und wir sangen

Choräle zusammen am Klavier; daran hatte es damals sehr große

Freude, es konnte alle die schönen Lieder auswendig und sang sie

mit so heller Stimme; wir hatten auch recht unsere Freude an den

Abenden, Mama und ich, und auch darüber, daß Wisi so gern in den

Unterricht ging und ihn wirklich zu Herzen nahm. Es war nun ein

großes Mädchen geworden und sah recht gut aus; seine lustigen

Augen hatte es noch, und wenn es auch nie so kräftig aussah, wie die

Bauernmädchen im Dorf, so hatte es doch eine so blühende Farbe

damals und war netter als sie alle. Damals war der Andres noch in

der Stadt als Lehrjunge, er kam aber immer über den Sonntag heim.

Dann kam er auch jedesmal zu uns ins Pfarrhaus, einen Besuch zu

machen, und am liebsten sprach er dann immer mit mir von den

vergangenen Tagen der Schule, und dann kamen wir immer bald auf

18


das Wisi zu sprechen; das kam so im Zusammenhang, und

schließlich sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging

ganz das Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen, und

während alle Welt längst das Wisi nie anders als so genannt hatte,

nannte er es unwandelbar das ′Wiseli′, und das kam dann so ganz

eigen zärtlich heraus. Da kam denn auch ein Sonntag ­ wir waren

noch nicht achtzehn Jahre alt, Wisi und ich ­, als es gegen Abend

bei uns eintrat und ganz rosig aussah, und wie wir nun

zusammensaßen ­ Mama war auch mit uns ­, da sagte denn Wisi, es

sei gekommen, uns mitzuteilen, daß es sich mit dem jungen

Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im Dorfe

wohnte, und daß sie gleich heiraten könnten, da er eine gute

Anstellung habe unten in der Fabrik, und so hätten sie denn schon

alles festgesetzt, daß sie gleich in zwölf Tagen zusammenkommen

könnten. Ich war so erstaunt, und so traurig kam mir die Sache vor,

daß ich kein Wort sagen konnte; eine Zeitlang sagte die Mutter auch

nichts, sie sah ganz bekümmert aus. Dann aber sprach sie ernstlich

mit dem Wisi und stellte ihm vor, wie leichtsinnig es sei, daß es sich

so schnell mit dem Fabrikarbeiter eingelassen habe, es kenne ihn ja

kaum, und da sei doch ein anderer, der ihm jahrelang nachgegangen

sei und ihm gezeigt habe, wie lieb es ihm sei, und zuletzt fragte sie es

dringend, ob denn nicht alles noch rückgängig gemacht werden,

oder doch eine gute Zeit lang hinausgeschoben werden und es noch

bei seinem Vater bleiben könnte, es sei ja noch so jung. Da fing es

denn zu weinen an und sagte, es habe ja ganz bestimmt sein Wort

gegeben, und alles sei eingerichtet auf die Zeit, und dem Vater sei′s

recht. Nun sagte die Mutter nichts mehr, aber das arme Wisi weinte

immer ärger; da nahm sie es denn bei der Hand und zog es zum

Klavier hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir zusammen

sangen, und sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm: ′Trockne nun

deine Tränen, wir wollen noch einmal zusammen singen′; dann

schlug sie uns das Lied auf und wir sangen zusammen:

′Befiehl du deine Wege,

Und was dein Herze kränkt,

19


Der allertreusten Pflege

Des, der den Himmel lenkt.

Der Wolken, Luft und Winden

Gibt Wege, Lauf und Bahn,

Der wird auch Wege finden,

Da dein Fuß gehen kann.′

Wisi ging dann wieder ziemlich getröstet von uns, die Mutter hatte

ihm noch einige freundliche Worte gesagt; aber mich hatte die Sache

recht traurig gemacht, ich hatte ein ganz bestimmtes Gefühl, daß das

arme Wisi seine frohen Tage nun hinter sich hatte, und dann dauerte

mich der Andres unsäglich; was würde der sagen? Er sagte aber nie

etwas, gar kein Wort, aber ein paar Jahre lang ging er herum wie ein

Schatten und war noch stiller geworden als vorher, ich habe auch

seither nie mehr sein still-fröhliches Gesicht gesehen, wie er es

damals doch oft haben konnte." ,,Der arme Kerl!" rief Onkel Max

aus; ,,hat er denn keine andere Frau genommen?" ­ ,,Ach nein,

Max", entgegnete seine Schwester ein wenig strafend, ,,wie konnte

er denn, wie kannst du so etwas sagen, er ist ja die Treue selbst." ­

,,Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester", erwiderte der

Bruder begütigend; ,,ich konnte doch nicht voraussehen, daß dein

vielseitig begabter Freund nun auch noch die Unwandelbarkeit an

sich trägt. Aber das Wisi, erzähl weiter von dem, ich hoffe wirklich,

das lustige Wisi ist nicht unglücklich geworden, es würde mich arg

dauern." ­ ,,Ich merke schon, Max", sagte die Schwester, ,,daß du

heimlich es mit dem Wisi hältst und kein Mitleid hast mit dem

treuen Andres, dem es doch fast das Herz abgedrückt hat, daß das

Wisi für ihn verloren war." ­ ,,Doch, doch", versicherte der Onkel,

,,ich habe ja alle Teilnahme für den Ehrenmann; aber weiter, wie

ging′s mit dem Wisi, es hat doch seine lustigen Augen nicht

verweint?" ­ ,,Doch, ich glaube manchmal wohl", fuhr die

Schwester fort; ,,ich habe es nicht mehr oft gesehen, es hatte gleich

viel zu tun; ich glaube, der Mann war nicht eben böse, aber er hatte

etwas Rohes, er konnte so grob und unfreundlich sein, auch mit

20


seinen kleinen Kindern schon; Wisi hatte gewiß wenig Freude mehr.

Er hatte mehrere nette Kinder, aber sie waren alle sehr zart, es

verlor sie wieder eins nach dem anderen; fünf hatte es begraben

müssen, nur ein einziges ist ihm geblieben, ein feines, zartes

Geschöpfchen, ein kleines Wiseli, es ist nicht viel größer als unser

Miezchen und ist doch gut drei Jahre älter. Wisis Gesundheit hatte

durch das alles so gelitten, daß man deutlich sehen konnte, was

kommen würde, und nun ist es auch da, eine schnelle Auszehrung

rafft ihr Leben hin; ich fürchte, es ist gar keine Hoffnung mehr." ­

,,Nein", rief Onkel Max ganz erschrocken aus, ,,das kann doch nicht

sein, ist′s wirklich so? Kann man da nichts machen, Marie? Wir

wollen doch gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen." ­ ,,Ach

nein, da ist nicht mehr zu helfen", sagte die Schwester traurig; ,,da

war überhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war für all′ die Arbeit und

Anstrengung viel zu zart." ­ ,,Und was macht nun der Mann?"

fragte Onkel Max. ­ ,,Ach, den habe ich ja ganz vergessen, das hatte

das kranke Wisi auch noch durchzumachen. Es wird nun bald ein

Jahr sein, da wurde ihm in der Fabrik der eine Arm und das Bein so

zerschlagen, daß man ihn halbtot nach Hause brachte; er wurde

dann ganz elend, arbeiten konnte er gar nichts mehr; er muß kein

besonders geduldiger Kranker gewesen sein. Wisi hatte ihn nun

noch zu verpflegen zu allem anderen, er starb dann ungefähr ein

halbes Jahr nach dem Unfall. Seither lebt Wisi allein mit dem

Kinde." ­ ,,Und so blieb denn von allem gar nichts mehr übrig, als

ein kleines Wiseli? Was macht man damit? Aber nein, so traurig

wird′s doch nicht kommen müssen; das Wisi kann noch gesund

werden und alles noch kommen, wie es hätte sein sollen von Anfang

an." ­ ,,Nein, nein, dazu ist es zu spät", entgegnete die Schwester

sehr bestimmt; ,,das arme Wisi hat seinen Leichtsinn schwer büßen

müssen. Aber auch hier ist es spät geworden", ­ und fast

erschrocken stand sie auf, denn über dem Gespräch war die

Mitternachtsstunde vorübergegangen, und seit einiger Zeit schon

war der Oberst ganz stille geworden, er hatte sich in seinen

Lehnstuhl zurückgelegt und war fest eingeschlafen. Onkel Max hatte

zwar keinen Schlaf, denn mit der Erzählung von dem armen Wisi

21


waren ihm alle Jugenderinnerungen so lebendig aufgestiegen, daß er

noch eine Menge von Dingen und Persönlichkeiten besprechen

wollte; aber seine Schwester war unerbittlich, sie hielt die Lichter in

der Hand und drängte zum Aufbruch. So half denn nichts; um aber

nicht allein die unwillkommene Störung zu tragen, weckte er seinen

Schwager mit einem so gewaltigen Ruck an seinem Stuhl, daß der

Oberst mit einem Schrecken emporschoß, als sei eine feindliche

Bombe auf ihn gefahren. Aber sein Schwager klopfte ihm friedlich

auf die Schulter und sagte: ,,Es war nur eine leise Mahnung von

seiten deiner Frau, daß wir uns zurückziehen möchten." Der

Rückzug wurde dann vollzogen, und bald stand das Haus auf der

Höhe ganz still im Mondschein da, und unten am Berg stand eins,

da sollte es auch bald stille werden; jetzt brannte noch ein schwaches

Lämpchen drinnen und warf seinen matten Schimmer durch das

schmale Schubfenster in die monderhellte Nacht hinaus.

22


Auch noch daheim.

Um die gleiche Zeit, da die Kinder des Obersten ihrem Hause

zugingen, rannte das kleine Wiseli aus allen Kräften den Berg

hinunter, denn es wußte, daß es länger fortgeblieben war, als die

Mutter erwartete, und das tat es sonst nicht. Aber heute war sein

Glück so groß gewesen, daß es einen Augenblick das Heimgehen

vergessen hatte; jetzt lief es um so mehr drauf zu und wäre fast in

einen Wasser, und mit durstigen Zügen trank die Mutter den

erquickenden Beerensaft hinunter. ,,O, wie das erfrischt!" sagte sie

und übergab das leere Glas dem Kinde. ,,Stell es weg, Wiseli, aber

nicht weit; mir ist, ich könnte alles austrinken, so durstig bin ich.

Wer hat mir denn diese große Erquickung gebracht? Gewiß die

Trine, es kommt von der Frau Oberst." ­ ,,War denn die Trine bei

dir in der Stube, Mutter?" fragte das Kind. ­ Die Mutter verneinte

dies. ­ ,,Dann ist es nicht die Trine, das weiß ich", sagte das Wiseli

bestimmt; ,,sie geht jedesmal in die Stube, wenn sie etwas bringt.

Aber der Schreiner Andres war ja bei dir, hat er dies nicht

mitgebracht?" ­ ,,Ach was, Wiseli", fiel die Mutter ganz lebhaft ein;

,,was sagst du denn, der Schreiner Andres war nie bei mir, was

kommt dir in den Sinn?" ­ ,,Er war sicher, sicher, ganz bestimmt

hier drinnen", beteuerte Wiseli; ,,gerade wie ich hereinkam, trat er so

schnell aus der Tür, daß ich fast an ihn heranrannte: hast du denn

nichts gehört?" Die Mutter war eine Zeitlang ganz stille, dann sagte

sie: ,,Ich habe schon gehört, daß jemand leise die Küchentür

aufmachte; erst meinte ich, du seist′s, und ­ es ist wahr, erst nachher

hörte ich dich hereinrennen. Bist du sicher, Wiseli, daß es der

Schreiner Andres war, der zu unserer Tür herauskam?" Wiseli war

seiner Sache so sicher und konnte so genau der Mutter sagen, wie

der Rock und die Kappe vom Schreiner Andres aussahen und wie er

erschrocken war, als es so mit einem Male an ihn heranrannte, daß

die Mutter auch davon überzeugt wurde; sie sagte wie für sich:

,,Dann war es der Andres, er hat es ausgedacht, was mir so gut tun

23


könnte." ­ ,,Jetzt kommt mir auch etwas in den Sinn, Mutter", rief

auf einmal das Wiseli ganz erregt aus, ,,jetzt weiß ich gewiß, wer

einmal den großen Topf Honig in die Küche gestellt hat, von dem

du so gern aßest, und vor ein paar Tagen die Apfelkuchen; weißt du,

Mutter, du wolltest durch die Trine danken lassen, als sie dir etwas

Gekochtes brachte, und sie sagte, sie wisse von allem dem gar nichts.

Das hat sicher alles der Schreiner Andres heimlich in die Küche

gestellt."

24


,,Das glaube ich auch", sagte die Mutter und wischte sich die Augen.

­ ,,Es ist ja nichts Trauriges", sagte Wiseli ein wenig erschrocken, als

sie die Mutter immer wieder die Augen wischen sah.

,,Du mußt ihm einmal danken, Wiseli, ich kann es nicht mehr. Sag es

ihm einmal, ich lass′ ihm danken für alles Gute; er hat es so gut mit

mir gemeint. Komm, sitz ein wenig zu mir heran", fuhr sie leise fort;

,,gib mir auch noch einmal zu trinken, und dann komm und sag mir

das Verslein, was ich dich gelehrt habe."

Wiseli holte noch einmal Wasser und goß von dem frischen Saft

hinein, und die Mutter trank noch einmal begierig davon; dann legte

sie müde ihren Kopf auf das niedere Gesims am Fenster und

winkte das Wiseli zu sich. Es fand aber, da liege die Mutter zu hart,

holte ein Kissen aus ihrem Bett herbei und legte es sorgfältig unter

den Kopf; dann setzte es sich dicht neben sie auf den Schemel und

hielt ihre Hand fest in der seinigen, und wie sie gewünscht hatte,

sagte es nun andächtig sein Verslein her:

,,Befiehl du deine Wege,

Und was dein Herze kränkt,

Der allertreusten Pflege

Des, der den Himmel lenkt.

Der Wolken, Luft und Winden

Gibt Wege, Lauf und Bahn,

Der wird auch Wege finden,

Da dein Fuß gehen kann."

Als Wiseli zu Ende war, sah es, daß die Mutter am Entschlafen war,

sie sagte nur noch mit leisem Ton: ,,Denk daran, Wiseli! Und wenn

du einmal keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer

wird, dann denk in deinem Herzen:

25


′Er wird auch Wege finden,

Da dein Fuß gehen kann.′"

Nun legte die Mutter sich müde hin und entschlief, und Wiseli

wollte sie nicht wecken. Es legte sich mäuschenstille an sie heran,

und bald schlief es auch ganz fest. So brannte die kleine, matte

Lampe in dem stillen Stübchen fort, immer matter, bis sie von selbst

erlosch und das Häuschen dunkel dastand auf dem hellen

Mondscheinplatz.

Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus herum zum

Brunnen ging, schaute sie durch das niedere Fenster in das Stübchen

herein, wie sie immer tat im Vorbeimarsch. Da sah sie, wie Wiselis

Mutter auf dem Kissen schlief und wie das Kind daneben stand

und weinte. Das kam ihr so sonderbar vor, sie mußte nachsehen,

was da geschehen sei. Sie machte ein wenig die Tür auf und sagte:

,,Was hast du, Wiseli; ist die Mutter kränker?" Wiseli schluchzte zum

Erbarmen und stöhnte hervor: ,,Ich weiß nicht, was die Mutter hat."

Das arme Kind ahnte wohl, was mit der Mutter war, aber es konnte

ja nicht begreifen, daß es sie verloren hatte. Sie war ja noch da, aber

sie war entschlafen für das ganze Erdenleben, sie hörte nicht mehr,

wie ihr Wiseli sie rief. Die Nachbarin trat zu dem Kissen am Fenster

und schaute die schlafende Frau an; dann trat sie erschrocken

zurück und sagte: ,,Geh schnell, Wiseli, lauf und hol deinen Vetter-

Götti, er soll auf der Stelle herkommen, du hast ja sonst niemand,

und es muß jemand zu der Sache sehen; lauf recht, ich will warten,

bis du wiederkommst." Das Kind lief davon, aber es konnte nicht

lange so weiter laufen, sein Herz war so schwer und alle seine

Glieder zitterten so sehr, daß Wiseli auf einmal mitten auf dem

Wege sich hinsetzen und laut weinen mußte, denn jetzt wurde es

ihm immer deutlicher in seinem Herzen, daß die Mutter nicht mehr

erwachen werde. Es stand dann wieder auf und lief weiter, aber zu

weinen konnte es nicht mehr aufhören, denn in seinem Herzen

wurde der Jammer immer größer. Am Buchenrain, wohl eine

26


Viertelstunde von der Kirche weg, stand das Haus von dem Vetter-

Götti, wo Wiseli jetzt eben ankam und weinend unter die Tür trat.

Die Base stand in der Küche und fragte kurz: ,,Was ist mit dir?"

Wiseli sagte halblaut zwischen dem Schluchzen durch, die

Nachbarin habe es geschickt, daß der Vetter-Götti schnell komme

zur Mutter. Die Base sah das Kind an, sie mochte denken, es sei mit

der Mutter schlimm, denn weniger barsch, als sie sonst redete, sagte

sie: ,,Ich wil es ihm sagen, geh nur wieder heim, er ist jetzt nicht

da." Da kehrte Wiseli wieder um und kam schneller zurück, als es

vorwärts gekommen war, denn es ging ja noch zur Mutter. Die

Nachbarin stand vor der Tür, drinnen hatte sie nicht warten wollen,

es war ihr nicht heimlich. Aber das Wiseli schlich hinein und setzte

sich ganz nahe zur Mutter, so wie es die Nacht durch neben ihr

gesessen hatte; da saß es ganz still und weinte und von Zeit zu Zeit

sagte es halblaut: ,,Mutter!" Sie gab keine Antwort mehr. Da sagte

Wiseli, sich zu ihr hinbeugend: ,,Gelt, Mutter, du hörst mich wohl,

wenn du jetzt schon im Himmel bist, und ich dich nicht mehr hören

kann." So saß das Wiseli noch neben seiner Mutter und hielt sie fest,

als schon die Mittagszeit vorüber war. Da trat der Vetter-Götti in das

Stübchen, schaute sich ein wenig darin um und rief dann die

Nachbarin herein. ,,Ihr müßt die Frau hier zurecht machen, Ihr wißt

schon, wie ich meine", sagte er, ,,so daß alles fertig ist zum

Wegholen. Dann nehmt den Schlüssel zu Euch, daß da nichts

wegkommt." Dann wandte er sich zu Wiseli und sagte: ,,Wo sind

deine Kleider, Kleines? Such sie zusammen und pack sie in ein

Bündelchen, dann gehen wir." ­ ,,Wohin gehen wir denn?" fragte

Wiseli zaghaft. ­ ,,Heim gehen wir", war die Antwort; ,,an den

Buchenrain, da kannst du bei uns sein, du hast niemand mehr auf

der Welt, als deinen Vetter-Götti." Das Wiseli befiel ein lähmender

Schrecken, ­ nach dem Buchenrain sollte es gehen und da daheim

sein. Es hatte von jeher eine große Furcht vor der Base gehabt und

jedesmal eine Zeitlang vor der Tür gewartet, wenn es dem Vetter-

Götti etwas hatte berichten müssen, aus lauter Angst, die Base fahre

es an. Dann war der älteste Sohn im Hause, der gewalttätige Chäppi,

27


und dann kamen noch der Hans und der Rudi, die warfen allen

Kindern Steine nach. Bei denen sollte es nun daheim sein.

Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken da. ,,Du

mußt dich nicht fürchten, Kleines", sagte der Vetter-Götti

freundlich; ,,es sind wohl mehr Leute bei uns im Hause als da, aber

das ist desto lustiger für dich." Wiseli legte still seine Sachen

zusammen in ein Tuch und knüpfte je zwei Zipfel davon kreuzweis

ineinander; dann band es sein Tüchlein um den Kopf und stand

fertig da.

,,So", sagte der Vetter, ,,nun gehen wir", und schritt der Tür zu. Auf

einmal schluchzte Wiseli laut auf: ,,Dann muß ja die Mutter ganz

allein sein."

Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie fest.

Der Vetter-Götti stand ein wenig verblüfft da; er wußte nicht recht,

wie er dem Kinde erklären sollte, wie es mit seiner Mutter sei, wenn

es das nicht von selbst begriff, denn Erklären war nicht seine Sache,

das hatte er nie probiert; er sagte also: ,,Komm jetzt, komm! Ein

Kleines, wie du eins bist, muß folgen; komm und mach nur kein

Geschrei, das hilft gar nichts." Wiseli würgte sein Schluchzen

hinunter und folgte lautlos dem Vetter-Götti durch die Tür nach.

Nur einmal sah es noch zurück und sagte ganz leise: ,,Behüte Gott,

Mutter!" Dann wanderte es mit seinem Bündelchen am Arm aus

dem kleinen Hause, wo es daheim gewesen war. Eben als die beiden

miteinander querfeldein gingen, kam von oben herunter die Trine

gegangen, einen gedeckten Korb am Arm tragend. Noch stand die

Nachbarin unter der Tür und schaute dem Vetter-Götti und dem

Kinde nach. Die Trine trat auf sie zu und sagte: ,,Heute bring′ ich

der kranken Frau was Rechtes, aber ein wenig spät, wir haben den

Herrn Onkel zum Besuch, da wird es immer spät." ­ ,,Und wenn

Ihr auch am Morgen früh gekommen wäret, so wäret Ihr zu spät

gekommen heut′, sie ist in der Nacht gestorben." ­ ,,Es wird doch

nicht sein", rief die Trine erschrocken aus; ,,ach du mein Trost, was

wird meine Frau sagen." Damit kehrte die Trine um und lief stracks

28


ihren Weg zurück. Die Nachbarin trat in das stille Stüblein ein und

machte Wiselis Mutter so zurecht, wie sie in ihrem letzten Bettlein

liegen mußte.

29


Beim Vetter-Götti.

Als das Wiseli hinter dem Vetter-Götti drein in das Haus hereintrat

am Buchenrain, da kamen die drei Buben aus der Scheune

hergestürzt, liefen hinter der Ankommenden her in die Stube herein

und stellten sich mitten drin auf, und alle drei sperrten die Augen

auf an das Wiseli hinan, das ganz schüchtern dastand. Aus der

Küche kam die Base herein und schaute das Wiseli ebenfalls an, wie

wenn sie es noch nie gesehen hätte.

Der Vetter-Götti setzte sich hinter den Tisch und sagte: ,,Ich meine,

man könnte etwas nehmen; das Kleine hat, denk′ ich, heut′ noch

wenig gehabt. Komm, sitz ab", sagte er, zu Wiseli gewandt, das

immer noch auf demselben Platze stand, sein Bündelchen in der

Hand. Es gehorchte. Jetzt holte die Base Most und Käse und legte

das große Schwarzbrot auf den Tisch. Der Vetter-Götti schnitt ein

tüchtiges Stück ab und legte einen Brocken Käse darauf, dann schob

er es vor das Kind hin: ,,Da, iß, Kleines, wirst wohl Hunger haben."

,,Nein, ich danke", sagte Wiseli leise; es hätte keinen Brosamen

herunterschlucken können, denn Leid und Angst und Weh

schnürten es so zusammen bis an den Hals hinauf, daß es kaum

atmen konnte. Die Buben standen immer da und starrten es an.

,,Mußt dich nicht fürchten", sagte der Vetter-Götti ermunternd, ,,iß

nur zu." Aber das Wiseli saß unbeweglich und berührte sein Brot

nicht. Die Base war bis jetzt auch geblieben und hatte das Kind

angeschaut von oben bis unten, mit beiden Armen in die Seite

gestemmt. ,,Wenn′s dir nicht recht ist, so kannst du′s nur bleiben

lassen", sagte sie nun, kehrte sich um und ging wieder in die Küche.

Als der Vetter-Götti sich genugsam erfrischt hatte, stand er auf und

sagte: ,,Nimm′s in die Tasche, nachher kommt′s dir schon, daß du

essen magst, mußt dich nur nicht fürchten." Damit ging auch er in

die Küche hinaus. Wiseli wollte gehorchen und die beiden Stücke in

30


die Tasche stecken, aber diese war viel zu klein, es legte wieder alles

auf den Tisch.

,,Ich will dir schon helfen", sagte Chäppi, schnappte die Stücke vom

Tisch weg und wollte sie zu dem offenen Mund führen, sie fuhren

aber in die Luft hinauf, denn der Hans hatte von unten herauf

Chäppis Hand einen tüchtigen Puff gegeben, damit ihr die Beute

entfalle und er sie erwische; in dem Augenblick aber huschte der

Rudi schnell auf den Boden und haschte den Fang weg. Jetzt

stürzten die beiden Größeren auf ihn, und einer fiel über den

anderen hinaus, und nun ging es an ein Schlagen und Raufen und

Lärmen und Heulen, daß es dem Wiseli angst und bange wurde.

Jetzt machte der Vater die Küchentür wieder auf und rief in die

Stube hinein: ,,Was ist das?" Da riefen die drei Buben am Boden alle

durcheinander, und es tönte immer wieder: ,,Das Wiseli wollte

nicht", ,,das Wiseli hatte keinen" und ,,weil das Wiseli keins wollte".

Da rief der Vater noch lauter: ,,Wenn das nicht aufhört da drinnen,

so will ich mit dem Lederriemen kommen!" Dann schlug er die Tür

wieder zu. Das ,,da drinnen" hörte aber noch nicht auf, sondern

sowie die Tür zu war, ging′s erst recht los, denn der Hans hatte

erfunden, daß das wirksamste Mittel, den Feind zu erschrecken, sei,

ihm in die Haare zu fahren, was die anderen sogleich auch begriffen,

und so standen sie nun alle drei jeder mit beiden Händen an den

Haaren eines anderen reißend und dazu ein fürchterliches Geschrei

ausstoßend. In der Küche saß die Base auf einem Schemel und

schälte Kartoffeln. Als ihr Mann die Stubentür wieder zugemacht

hatte, sagte sie: ,,Was hast du mit dem Kind im Sinn? Warum hast

du es gleich mit heimgenommen?"

,,Es wird, denk′ ich, bei jemandem sein müssen; ich bin der Vetter-

Götti, und andere Verwandte hat es keine mehr. Und du kannst es ja

schon brauchen; so etwas wie du dort machst, kann es dann

machen. So kannst du etwas Besonderes tun. Du sagst ja immer, die

Buben geben dir mehr zu tun, als eben recht."

31


,,Ja wegen dessen", warf die Base hin, ,,das wird eine schöne Hilfe

sein. Du kannst ja hören, wie es zugeht drinnen in der ersten

Viertelstunde schon, daß es da ist."

,,Das habe ich schon manchmal gehört, lang eh′ das Kleine da war;

es hat, denk′ ich, nicht viel damit zu tun", sagte der Vetter ruhig.

,,So", entgegnete die Base eifrig, ,,hast du denn nicht gehört, daß sie

alle miteinander etwas von dem Wiseli riefen?"

,,Sie werden etwas rufen müssen, das war nie anders", meinte der

Vetter. ,,Diesem Kleinen wirst du, denk′ ich, wohl noch Meister

werden, es ist kein bösartiges, das habe ich schon gemerkt, es kann

auch folgen, besser als die Buben." Das war der Base fast zu viel.

,,Ich meine, es war nicht nötig, daß man es jetzt schon gegen die

Buben aufstifte", sagte sie, die Häute immer schneller von den

Kartoffeln abreißend, ,,und dann möchte ich nur das wissen, wo das

Kind schlafen soll."

Der Vetter schob ein paarmal die Kappe auf seinem Kopf hin und

her, dann sagte er geruhlich: ,,Man kann nicht alles an einem Tag

machen. Es wird wohl bis jetzt in einem Bett geschlafen haben,

denk′ ich, und das wird es wieder bekommen. Morgen will ich dann

zum Pfarrer gehen; heut′ kann es auf der Ofenbank schlafen, da ist′s

ja warm. Dann kann man einen Verschlag machen, wo es in unsere

Kammer hineingeht; da kann man sein Bett hineinschieben."

,,Ich habe mein Lebtag nie gehört, daß man zuerst das Kind bringt

und dann acht Tage nachher das Bett, das dazu gehört", warf die

Base hin, ,,und dann möcht′ ich auch wissen, wer das bezahlen muß,

wenn man noch bauen soll, um des Kindes willen."

,,Wenn uns die Gemeinde das Kleine zuerkennt, so muß sie auch

etwas an den Unterhalt geben", erklärte der Vetter; ,,ich nehme es

dann noch immer billiger an, als ein anderer es tun würde; es ist ihm

auch am wohlsten bei uns."

32


Mit dieser Überzeugung ging der Vetter in den Stall hinaus und rief

noch zurück, der Chäppi solle ihm nachkommen. Es war schwierig

für die Base, sich Gehör zu verschaffen drinnen in der Stube, als sie

den Auftrag ausrichten wol te. Da standen noch die drei im

hitzigsten Gefecht, vom lautesten Kriegsgeschrei begleitet. ,,Es

nimmt mich nur wunder, daß du dem so zusiehst und kein Wort

zum Frieden sagst", warf die Base dem Wiseli hin, das sich scheu an

die Wand drückte und sich kaum rühren durfte. Nun wurde der

Chäppi in den Stall geschickt, und die beiden anderen liefen ihm

nach. ,,Kannst du stricken?" fragte dann die Base das Wiseli; es sagte

schüchtern: ja, Strümpfe könne es stricken. ,,So nimm die", sagte die

Base und nahm aus dem Schrank einen großen braunen Strumpf

heraus mit einem Garn fast so dick wie Wiselis Finger. ,,Du bist am

Fuß, gib acht, daß er nicht zu kurz wird, er ist für den Vetter-Götti."

Nun ging sie wieder in die Küche, und Wiseli setzte sich auf die

Ofenbank und mußte den langen Strumpf auf seinem Schoß

zusammenhalten, der war so schwer, daß er ihm ganz die Hände

herunterzog, wenn er hing, so daß es die Nadeln nicht führen

konnte. Es hatte aber kaum recht angefangen an seiner Arbeit, als

die Base wieder hereinkam. ,,Du kannst jetzt herauskommen in die

Küche", sagte sie; ,,du kannst sehen, wie ich al es mache, so kannst

du mir an die Hand gehen nach und nach." Wiseli gehorchte und

sah draußen der Base zu, so viel es konnte; aber immer schossen

ihm wieder die Tränen in die Augen, und dann sah es nichts mehr,

denn es mußte denken, wie es war, wenn es so der Mutter nachlief

in die Küche, und wie sie mit ihm redete und es immer wieder

streichelte, und es an ihr hing. Es fühlte aber wohl, daß es nicht

herausweinen dürfe, und schluckte und schluckte, daß es fast meinte,

es werde erwürgt. Die Base sagte ein paarmal: ,,Gib acht! so weißt

du′s nachher." Sie ließ es dann aber stehen und fuhr in der Küche

herum. So ging es eine gute Zeit lang, dann hörte man ein ganz

erschreckliches Gestampfe auf dem Hausgang, und die Base sagte:

,,Mach schnell die Tür auf, sie kommen"; denn der Lärm kam vom

Vetter und den Buben her, die draußen den Schnee von den

Schuhen stampften. Wiseli machte die Tür nach der Stube auf und

33


die Base hob eine große Pfanne vom Feuer und fuhr eilends damit

in die Stube hinein, wo sie den ganzen Haufen geschwelter

Kartoffeln auf den Schiefertafeltisch ausschüttete. Dann lief sie

zurück und brachte ein großes Becken voll saurer Milch herein und

sagte: ,,Leg auf den Tisch, was in der Schublade liegt, so können sie

zusitzen." Wiseli zog schnell die Schublade aus, da lagen fünf Löffel

und fünf Messer, die legte es hin, und nun war der Abendtisch

fertig. Der Vetter und die Buben waren hereingekommen und saßen

gleich fest auf den Bänken am Tisch den Fenstern entlang. Unten

am Tisch stand ein Stuhl; darauf hin wies nun der Vetter-Götti und

sagte: ,,Es kann, denk′ ich, dort sitzen, oder nicht?"

,,Freilich", sagte die Base, die auch einen Stuhl für sich bereit hatte

auf der Seite gegen die Küche zu, sie saß aber nur eine Sekunde

darauf still, dann lief sie wieder in die Küche und kam zurück und

saß geschwind wieder zu einem Löffel voll Milch nieder; dann lief

sie von neuem. Es wußte niemand, warum das so sein mußte, denn

das Kochen war ja ganz zu Ende; aber es war immer so, und wenn

der Vetter einmal sagte: ,,Sitz doch und iß einmal", so kam sie erst

recht in die Eile und sagte, sie habe nicht Zeit, so lang zu sitzen, und

der Sache draußen werde wohl jemand nachsehen müssen. Als sie

jetzt zum zweiten Male hereingeschossen kam und eilig eine

Kartoffel schälte, fiel ihr Wiselis Untätigkeit auf, das neben ihr saß,

die Hände in den Schoß gelegt. ,,Warum issest du nicht?" fuhr sie es

an. ,,Es hat keinen Löffel", sagte Rudi, der auf der anderen Seite

neben ihm saß und schon lange den Grund herausgefunden hatte,

warum jemand an einem Tisch sitzen kann, ohne zu essen, solange

noch etwas da ist. ,,Ja so", sagte die Base; ,,wem wäre es aber auch in

den Sinn gekommen, daß man auf einmal sechs Löffel haben muß,

man brauchte ja immer nur fünf, und ein Messer wird auch sein

müssen. Warum kannst du aber auch nichts sagen? du wirst wohl

wissen, daß man zum Essen einen Löffel braucht." Diese Worte

waren an das Wiseli gerichtet.

Es schaute die Base scheu an und sagte leise: ,,Es ist gleich, ich

brauche keinen, ich habe keinen Hunger." ­ ,,Warum nicht?" fragte

die Base; ,,bist du anders gewöhnt? Ich habe nicht im Sinn, zu

34


ändern." ­ ,,Es ist, denk′ ich, besser, man lasse das Kleine zuerst ein

wenig gehen, man muß es nicht zu fürchten machen", sagte der

Vetter-Götti beschwichtigend; ,,es kommt schon besser." Nun ließ

man das Wiseli in Ruh′, die anderen setzten ihre Tätigkeit noch eine

gute Zeit lang fort. Das Kind saß unbeweglich dabei, bis endlich der

Vater aufstand, noch einmal die Pelzkappe vom Nagel nahm und

nach der Stallaterne suchte, denn der Fleck sei krank geworden, da

mußte er noch einmal hinaus. Der Tisch war schnell wieder in

Ordnung. Die Kartoffelschalen wurden mit den Händen in das leere

Milchbecken heruntergewischt, dann die Schiefertafel abgewaschen,

und wie die Base damit zu Ende war, sagte sie, zu Wiseli gewandt:

,,Du hast gesehen, wie ich′s mache, das kannst du von nun an tun."

Jetzt setzte sich der Chäppi wieder fest hinter den Tisch; er hatte

seinen Griffel und sein Rechenbuch geholt und machte Anstalten,

seine Rechnungsaufgaben vor sich auf den Tisch zu schreiben. Erst

starrte er aber eine Weile auf das Wiseli hin, das seinen braunen

Strumpf wieder vorgenommen hatte, aber sehr hilflos dasaß, denn

es konnte keine Masche sehen in seinem Winkel, und zum Tisch zu

sitzen, auf dem die trübe Öllampe stand, wagte es nicht.

,,Du wirst auch etwas tun können", rief auf einmal Chäppi erbost

zu ihm hinüber, ,,du bist nicht das Geschickteste in der Schule."

Wiseli wußte nicht, was sagen, es war ja gar nicht in der Schule

gewesen heute, und es wußte nicht, was zu tun war, es war ja

überhaupt ganz aus aller Ordnung und Fassung. ,,Wenn ich rechnen

muß, so mußt du auch, oder dann tu′ ich′s auch nicht", rief der

Chäppi wieder. Wiseli hielt sich mäuschenstill. ,,So, dann ist′s recht",

fuhr Chäppi lärmend fort, ,,so tu′ ich keinen Strich mehr an der

Arbeit." Damit warf er seinen Griffel weg. ,,So, so, dann tu′ ich auch

nichts", rief der Hans aus und steckte ganz erleichtert sein

Einmaleins wieder in den Schulsack, denn das Lernen war ihm das

Bitterste, das er kannte. ­ ,,Ich will es schon dem Lehrer sagen, wer

an allem schuld ist", fing Chäppi wieder an, ,,du kannst dann nur

sehen, wie es dir geht." So hätte Chäppi wohl noch eine Zeitlang

seinem bösen Wesen Luft gemacht, wenn nicht der Vater schon aus

dem Stall zurückgekommen wäre. Er trug zwei große, leere

35


Futtersäcke auf der Achsel herein und kam damit auf den Tisch

zugeschritten. ,,Mach Platz", sagte er zu Chäppi, der beide Ellbogen

auf den Tisch gestemmt hielt und den Kopf darauf. Dann breitete

er die Säcke aus, faltete sie zusammen, noch einmal und noch

einmal; dann ging er nach der Ofenbank und legte das Paket darauf

hin. ,,So", sagte er befriedigt, ,,das ist gut! Und wo hast dein

Bündelchen, Kleines?" Wiseli holte es aus einer Ecke hervor, wo es

bis jetzt gelegen hatte, und schaute mit Erstaunen zu, wie der Vetter-

Götti das Bündelchen am oberen Ende des Pakets auf die

Ofenbank hin drückte, daß es nicht so ganz kugelrund bleibe.

,,So, da kannst du schlafen", sagte er nun, zu Wiseli sich umkehrend;

,,frieren mußt du nicht, der Ofen ist heiß, und auf das Bündelchen

kannst du den Kopf legen, so liegst du wie im Bett. Und mit euch

dreien ist′s auch Zeit ins Bett, hurtig!" Damit nahm er die Öllampe

vom Tisch und ging der Küche zu, die drei Buben stampften hinter

ihm her. Bei der Tür kehrte er sich noch einmal um und sagte: ,,So

schlaf wohl. Mußt nicht mehr nachsinnen heut′, denn es kommt

dann schon besser." Dann ging er hinaus. Nun kam die Base noch

einmal herein mit einem Öllämpchen in der Hand und beschaute

sich das Lager. ,,Kannst du liegen da?" fragte sie. ,,Du hast es ja

warm hier am Ofen, manches hat kein Bett und muß dazu erst noch

frieren; es kann dir auch noch so gehen, sei du nur froh, daß du

einstweilen unter einem guten Dach bist. Gute Nacht!" ­ ,,Gute

Nacht!" sagte Wiseli leise zurück; die Base hatte es aber jedenfalls

nicht gehört, denn sie war schon halb draußen, als sie gute Nacht

wünschte, und hatte die Tür gleich hinter sich zugemacht. Jetzt saß

Wiseli da in der dunkeln Stube, alles war auf einmal ganz still

ringsum, es hörte keinen Ton mehr. Der Mond schien ein wenig

durch das eine Fenster herein, so daß Wiseli wieder erkennen

konnte, wo die Ofenbank war, darauf es schlafen sollte. Es ging nun

gleich dahin und setzte sich auf sein Lager. Zum ersten Male heute,

seit es die Mutter verlassen hatte, war es nun allein und konnte sich

besinnen, was mit ihm war. Die ganze Zeit bis jetzt war es in einer

steten Spannung gewesen, denn alles hatte ihm Angst und Furcht

eingeflößt, was es gesehen und gehört hatte, seit es von der Mutter

36


weg war, und noch hatte es gar nicht weiter gedacht, nur von einem

Augenblick auf den anderen sich gefürchtet. Nun saß es da, zum

ersten Male in seinem Leben ohne die Mutter, und ganz klar und

deutlich kam ihm nun der Gedanke, daß es sie gar nie mehr sehen

werde, daß es gar nie mehr mit ihr reden und sie hören könnte. Jetzt

kam auf einmal ein solches Gefühl der Verlassenheit über das

Wiseli, daß es ihm gerade vorkam, als sei es mutterseelenallein und

verloren auf der Welt, und gar kein Mensch kümmere sich mehr um

es, und so müsse es nun ganz allein und im Dunkeln bleiben und

umkommen. Und über das Wiseli kam ein solches Elend, daß es den

Kopf auf sein Bündelchen drückte und ganz bitterlich zu weinen

anfing und trostlos einmal über das andere sagte: ,,Mutter, kannst du

mich nicht hören? Mutter, hörst du mich nicht?" Aber die Mutter

hatte dem Wiseli oft gesagt, wenn es einem Menschen schlimm gehe

und er leiden müsse, dann sei er froh, daß er zum lieben Gott im

Himmel schreien könne, der höre ihn immer an und wolle ihm gern

helfen, wenn gar keine Menschen ihm mehr zuhören wollen oder

helfen können. Das kam dem Wiseli in den Sinn, und auf einmal saß

es wieder auf und schluchzte laut: ,,Ach, lieber Gott im Himmel,

hilf mir auch. Es ist mir so angst, und die Mutter hört mich nicht

mehr!" Und so betete es zwei- oder dreimal, und dann wurde es ein

wenig stiller und ruhiger; es gab ihm einen Trost ins Herz, nun es

fühlte, daß doch der liebe Gott im Himmel noch da sei, zu dem es

eben gerufen hatte, so war es doch nicht ganz, ganz allein. Jetzt

stiegen ihm auch die Worte auf, die ihm die Mutter ganz zuletzt

noch gesagt hatte: ,,Wenn du einmal keinen Weg mehr vor dir siehst

und es dir ganz schwer wird" ­ so war es jetzt schon gekommen,

und doch hatte es noch nicht gewußt, wie das kommen konnte, als

die Mutter so sagte ­, dann, hatte sie gesagt, solle es daran denken,

wie es heiße in seinem Liede:

,,Er wird auch Wege finden,

Da dein Fuß gehen kann."

37


Jetzt verstand auch Wiseli mit einem Male, was die Worte

bedeuteten, die es vorher nur so hingesagt hatte, denn es war noch

nie in der Angst gewesen. Aber jetzt war es ja geradeso, daß es gar

keinen Weg mehr vor sich sah und dachte, mit ihm sei es ganz aus,

denn vor ihm stand gar nichts mehr als ein großer Schrecken vor

jedem Augenblick in des Vetter-Göttis Haus. Es kam aber jetzt ein

rechter Trost in sein Herz, wie es wieder und wieder so sagte:

,,Er wird auch Wege finden,

Da dein Fuß gehen kann."

So hatte Wiseli noch gar nie empfunden, was es sei, einen lieben

Gott im Himmel zu haben, zu dem man rufen kann, wenn man

sonst von gar niemandem mehr gehört wird; gar nie bis jetzt hatte

es gewußt, wie wohl das tun kann. Es faltete jetzt ganz still seine

Hände und fing sein Lied von vorn an, denn es wollte so gern noch

etwas mehr vor dem lieben Gott sagen und zu ihm hinauf beten; es

sagte auch jedes Wort mit seinem ganzen Herzen, wie nie vorher:

,,Befiehl du deine Wege,

Und was dein Herze kränkt,

Der allertreusten Pflege

Des, der den Himmel lenkt.

Der Wolken, Luft und Winden

Gibt Wege, Lauf und Bahn,

Der wird auch Wege finden,

Da dein Fuß gehen kann."

Es war eine beruhigende Zuversicht in des Kindes Herz gefallen;

nachdem es mit Vertrauen die letzten Worte noch einmal gesagt

hatte, legte es seinen Kopf wieder auf das Bündelchen und schlief

augenblicklich ein.

38


Jetzt träumte es dem Wiseli, es sehe einen schönen, weißen Weg vor

sich, ganz trocken und hell von der Sonne beschienen, der ging

zwischen lauter roten Nelken und Rosen durch, und war so lockend

anzusehn, daß man gleich hätte darauf hüpfen und springen mögen.

Und neben dem Wiseli stand seine Mutter und hielt es liebevoll bei

der Hand, wie immer, und dabei zeigte sie auf den Weg hin und

sagte: ,,Sieh, Wiseli, das ist dein Weg! Habe ich nicht zu dir gesagt:

′Er wird auch Wege finden,

Da dein Fuß gehen kann′?"

Und das Wiseli war sehr glücklich in seinem Traume, und auf

seinem Bündelchen schlief es so gut, als läge es in einem weichen

Bette.

39


Wie es weiter geht und Sommer wird.

Als die alte Trine mit dem Bericht auf die Halde zurückkam, daß

Wiselis Mutter gestorben und das Kind soeben von seinem Vetter-

Götti geholt worden sei, entstand ein großer Aufruhr im Hause. Die

Mutter konnte sich des Klagens und Jammerns nicht erwehren

darüber, daß sie den Besuch bei der Kranken nicht mehr gemacht

hatte, den sie zu machen sich schon seit einigen Tagen bestimmt

vorgenommen; aber sie hatte keine Ahnung gehabt, daß das Ende

der armen Frau so nahe sein konnte; sie war sehr betrübt und

ergriffen.

Derweilen lief Otto mit ungeheuren Schritten der Aufregung das

Zimmer auf und nieder und rief zornentbrannt einmal ums andere

aus: ,,Es ist eine Ungerechtigkeit! Es ist eine Ungerechtigkeit! Aber

wenn er ihm etwas zuleide tut, dann kann er nachher nur seine

Rippen zählen, wie manche davon noch ganz ist!"

,,Wen meinst du denn eigentlich, Otto, von wem sprichst du?"

unterbrach die Mutter den eifernden Sohn.

,,Vom Chäppi", erwiderte er; ,,was kann er dem Wiseli alles tun,

wenn es mit ihm zusammenwohnen muß! Das ist eine

Ungerechtigkeit! Aber er soll es nur probieren ­." Hier wurde Otto

wieder unterbrochen, indem ein wiederholtes, heftiges Stampfen

seine Stimme übertönte.

,,Was machst du für ein hirnerschütterndes Gerumpel, du Miez

hinter dem Ofen!" rief er aus, indem er seine Aufregung nun nach

dieser Seite wandte. Miezchen kam hinter dem Ofen hervor und

stampfte noch einmal mit großer Gewalt auf den Boden, denn es

war bemüht, seine Füße wieder in die völlig nassen Stiefel

hineinzuzwingen, welche ihm die alte Trine vor kurzer Zeit mit der

größten Mühe ausgezogen hatte. Die Arbeit war sehr schwierig, und

feuerrot von Anstrengung keuchte Miezchen hervor: ,,Du kannst

40


sehen, daß ich so tun muß; kein Mensch kann in diese Stiefel

hineinkommen ohne Stampfen."

,,Und warum müssen denn die Stiefel wieder an die Füße, da ich sie

gerade eben weggenommen habe, damit sie nicht mehr dran seien?

möchte ich wissen", sagte die Trine, die noch im Zimmer stand.

,,Ich gehe nach dem Buchenraine und hole auf der Stelle das Wiseli

zu uns, es kann mein Bett haben", erklärte das Miezchen

entschlossen. Ebenso entschlossen kam jetzt die alte Trine auf das

Miezchen zugeschritten, hob es in die Höhe, setzte es fest auf einen

Stuhl und zog mit einem Ruck den halb angezwängten Stiefel wieder

weg, fand aber doch für gut, das zappelnde Kind zu beschwichtigen,

indem sie zustimmend sagte: ,,Schon recht! Schon recht! Aber ich

will′s schon für dich besorgen, du brauchst nicht zwei Paar Strümpfe

und zwei Paar Schuhe dafür durchzumachen. Dein Bett kannst du

schon geben, du kannst dann nur in die Rumpelkammer

hinaufziehen zum Schlafen, da ist Platz genug." Aber das Miezchen

hatte ganz andere Gedanken. Es hatte aufgefunden, daß es sich

plötzlich von einem großen und täglich wiederkehrenden Ungemach

befreien könne, und hatte fest im Sinne, es zu tun. Jeden Abend

nämlich, gerade wenn Miezchen im besten Zuge der Unterhaltung

war, erscholl auf einmal der Befehl, aufzupacken und ins Bett zu

gehen. Hierauf erfolgten jedesmal große innere, häufig auch äußere

Kämpfe, die waren peinlich und dazu noch nutzlos. Wenn es nun

sein Bett an das Wiseli verschenkt hatte, so war mit einem Male

allem abgeholfen, denn da war keins mehr vorhanden, und

Miezchen konnte für immer aufbleiben. Diese Aussicht beglückte

das Miezchen so sehr, daß alle seine Gedanken darauf gerichtet

waren und es erst gar nicht bemerkte, wie die schlaue Trine nur

darauf bedacht war, ohne Kampf der nassen Stiefel habhaft zu

werden, ihr aber gar nicht einfiel, das Wiseli zu holen. Als sie nun

befriedigt mit ihren Stiefeln davonging und Miezchen die Täuschung

entdeckte, fing es einen so mörderlichen Lärm an, daß Otto sich

beide Ohren zuhalten und die Mutter ernstlich einschreiten mußte.

Sie versprach dann dem Miezchen, die Sache mit dem Papa

41


besprechen zu wollen, sobald er erst wieder zu Hause sein würde,

denn er war an dem Morgen dieses Tages mit Onkel Max abgereist,

um einen lange verabredeten Besuch bei einem alten Freund zu

machen. So wurde denn endlich die Ruhe und der Friede im Hause

wiederhergestellt. Erst nach vier Tagen kamen die Herren von ihrem

Ausfluge zurück, und die Mutter hielt Wort: das erste, was sie mit

dem Vater besprach noch am Abend seiner Ankunft, war Wiselis

Verwaistsein und sein neues Unterkommen, und es wurde gleich

beschlossen, der Vater sollte am folgenden Tag hingehen, um sich

mit dem Herrn Pfarrer zu beraten, was etwa für Wiseli getan werden

könnte. Dies wurde denn ausgeführt, und der Oberst brachte die

Nachricht, daß am vergangenen Sonntag, zwei Tage vorher, der

Gemeindevorstand die Sache schon geordnet hatte, wie sie nun

bleiben würde. Wiseli sollte ein Unterkommen haben, und da seine

Mutter nichts hinterlassen hatte, mußte die Gemeinde für das Kind

sorgen, bis es selbst sein Brot verdienen konnte. Nun hatte der

Vetter-Götti sich gleich angeboten, das Kind um ein weniges bei

sich zu behalten, da er einen Akt der Wohltätigkeit an ihm

auszuüben gedachte. Er war als ein rechtschaffener Mensch

bekannt, und da seine Forderung so billig war, wurde ihm von dem

Vorstand das Kind sehr bereitwillig zuerkannt, und so war es denn

fest und unabänderlich, daß Wiselis neue Heimat das Haus des

Vetter-Götti geworden war.

,,Es ist eigentlich gut so", sagte der Oberst zu seiner Frau; ,,das

Kind ist wohlversorgt da; was hätte man auch mit ihm machen

wollen, es ist ja noch viel zu klein, um irgendwo angestellt zu

werden, und alle elternlosen Kinder kannst du doch nicht ins Haus

nehmen, du müßtest denn ein Waisenhaus gründen." Seine Frau war

ein wenig bestürzt über die Nachricht, daß schon alles festgesetzt

sei; sie hatte gehofft, es würde sich noch ein anderes Unterkommen

für das Kind finden, denn das zarte Wiseli in dem Hause zu wissen,

wo es viel Roheit hören und fühlen mußte, tat ihr sehr leid; doch

hätte auch sie keinen bestimmten Rat gewußt, und nun war auch

weiter nichts mehr zu tun, als die Sache anzunehmen und sich etwa

42


nach dem Kinde umzusehen. Als am Morgen darauf Otto und

Miezchen hörten, wie es mit Wiseli stehe, da brach freilich noch

einmal ein Sturm los; Otto erklärte Wiselis Versorgung für die

Versorgung eines Daniel in der Löwengrube und probierte dabei

seine Faust auf dem Tisch, offenbar mit dem heimlichen Wunsch,

sie so auf Chäppis Rücken wirken zu lassen. Das Miezchen lärmte

und heulte ein wenig, teils aus Mitleid für Wiseli, teils aus Teilnahme

für sich selbst und seine vereitelten Hoffnungen auf ein glückliches

Entrinnen aus der täglichen Betthaft. Aber auch diese Aufregung

ging vorüber wie jede andere, und die Tage gingen wieder ihren

gewohnten Gang.

Unterdessen hatte Wiseli nach und nach sich ein wenig eingelebt in

dem Hause des Vetter-Götti. Sein Bett war angekommen, es schlief

nicht mehr auf der Ofenbank, sondern, wie der Vetter gesagt hatte,

in einem Verschlag in dem schmalen Gang zwischen der Kammer

des Vetters und der Base und derjenigen der Buben. In dem

Verschlag hatte gerade sein Bett Platz und eine kleine Kiste, worin

seine Kleider lagen und auf welche es steigen mußte, um in sein

Bett zu kommen, denn da war sonst gar kein Raum mehr. Sich zu

waschen am Morgen, mußte es an den Brunnen gehen, und wenn es

etwa gar kalt war, so sagte die Base, das könne es bleiben lassen und

sich dann an einem anderen Tag waschen, wenn es wärmer sei. Aber

daran war Wiseli nicht gewöhnt; seine Mutter hatte es gelehrt, sich

recht sauber zu halten, und Wiseli wollte lieber frieren, als so

aussehen, wie es die Mutter ungern sehen würde. Freilich daheim

war es anders gewesen, wenn es am Morgen bei der Mutter in der

Stube sich hatte fertig machen können, und sie dabei immer so

freundliche Worte zu ihm geredet hatte und dann den Kaffee auf

den Tisch stellte und sie beide nebeneinander saßen, und es fröhlich

seine Brocken aß, ehe es zur Schule mußte. Das war jetzt ganz

anders, und alles war so anders, sein ganzes Leben vom Morgen bis

am Abend so anders, daß oft, oft beim Erinnern an die Mutter und

an die Tage, die es bei ihr gehabt, dem Wiseli das Wasser in die

Augen schoß, und es ihm so das Herz zusammenschnürte, daß es

43


meinte, es könne nicht mehr weiter. Aber es wehrte sich tapfer, denn

der Vetter-Götti hatte es ungern, wenn es weinte oder traurig war,

und die Base schmälte dann mehr als je, sie konnte es gar nicht

leiden. Am liebsten war Wiseli der Augenblick, da es von allen weg

allein in seinen Verschlag steigen und so recht an die Mutter denken

und sein Lied sagen konnte. Da kam ein großer Trost in sein Herz.

Es dachte dann an seinen schönen Traum und war ganz sicher, daß

der liebe Gott ihm einen Weg suche, so wie ihn die Mutter gezeigt

hatte. Wenn ihm dann auch etwa in den Sinn kam, wie viele

Menschen es auf der Welt gibt, für die der liebe Gott zu sorgen und

Wege bereit zu machen hat, und ihm dann etwa der Zweifel aufstieg,

ob er es vielleicht vergesse über all′ den vielen, dann kam ihm gleich

der gute Trost ins Herz, daß ja die Mutter droben im Himmel sei

und gewiß den lieben Gott daran erinnere, daß er auch seinen Weg

nicht vergesse. Das machte das Wiseli dann ganz zuversichtlich und

froh, und es wurde nie mehr so unglücklich, wie am ersten Abend

auf der Ofenbank, sondern jeden Abend schlief es mit der ganz

frohen Zuversicht im Herzen ein:

,,Er wird auch Wege finden,

Da dein Fuß gehen kann."

So verging der Winter und der sonnige Frühling kam. Die Bäume

wurden grün und alle Wiesen standen voller Schlüsselblumen und

weißer Anemonen, und im Wald rief lustig der Kuckuck, und

schöne, warme Lüfte zogen durch das Land und machten alle

Herzen fröhlich, so daß jeder wieder gern leben mochte.

Auch Wiselis Herz erfreuten die Blumen und der Sonnenschein,

wenn es am Morgen in die Schule ging und nachher wieder nach

dem Buchenrain zurückkehrte. Sonst blieb ihm keine Zeit, sich

daran zu erfreuen, denn es mußte nun streng arbeiten: jeder

Augenblick, der neben der Schule übrig blieb, mußte zu irgendeiner

Arbeit benutzt werden, und manchen halben Tag der Woche mußte

es daheim bleiben und durfte gar nicht zur Schule gehen, weil da viel

44


Nötigeres zu tun war, wie der Vetter-Götti und hauptsächlich die

Base sagten. Die Frühlingsarbeiten hatten im Felde begonnen und

im Garten war allerhand zu tun, da mußte es mithelfen, und wenn

die Base draußen war, mußte es kochen und nachher das Geschirr

abwaschen, den Trog für die Schweinchen zurecht machen und in

die Scheune hinübertragen. Neben alledem mußten die Hemden

und Hosen der Buben geflickt werden, und noch so vieles war zu

tun, daß Wiseli nie wußte, wenn es fertig war. Den ganzen Tag

durch hieß es an allen Ecken, wo es etwas zu tun gab: ,,Das kann

das Kind machen, es hat ja sonst nichts zu tun", so daß es dem

Wiseli manchmal ganz schwindelig wurde, weil es gar nicht wußte,

wo anfangen und wie fertig werden. Es wußte auch wohl, daß, wenn

es damit anfing, daß es mit dem Kartoffelsamen nach dem Acker

rannte, wo der Vetter schaufelte und danach rief, die Base sicher

schmälen würde, daß es nicht zuvor in der Küche Feuer zum

Abendessen gemacht hatte, wie sie befohlen, und machte sie zuvor

das Feuer an, so zankte wieder der Chäppi, daß es nicht zuerst das

Loch in seinem Wamsärmel hatte flicken können, er hatte es ihm ja

schon lang gesagt, und jedes rief ihm zu: ,,Warum machst du denn

das nicht, du hast ja sonst nichts zu tun!" So war Wiseli ganz froh,

wenn es in die Schule gehen konnte, da hatte es doch eine Zeitlang

Ruhe und wußte, was es tun mußte, und dazu war es auch der Ort,

wo es noch freundliche Worte bekam, denn jedesmal, wenn die Zeit

der Pause kam, oder beim Heraustreten aus der Schule, kam der

Otto zu Wiseli heran und war freundlich mit ihm und brachte

immer wieder eine Einladung von seiner Mutter, daß es etwa am

Sonntagabend zu ihnen komme, sie wollten dann allerlei Spiele

zusammen machen. Das konnte nun Wiseli nie ausführen, denn am

Sonntag mußte es den Kaffee machen, und die Base erlaubte ihm

nicht, fortzugehen an dem einzigen Tag, da es ihr etwas helfen

könne, wie sie sagte. Aber es tat doch dem Wiseli sehr wohl, daß

Otto es immer wieder einlud, und nur schon, daß er freundliche

Worte zu ihm redete, es hörte deren sonst von niemand mehr. Noch

einen Grund hatte Wiseli, warum es gern zur Schule ging; es mußte

jedesmal an dem sauberen Gärtchen vom Schreiner Andres vorbei;

45


da schaute es so gern hinein und paßte da an der niederen Hecke

immer und immer wieder die Gelegenheit ab, den Schreiner Andres

zu sehen, denn es hatte ihm ja noch etwas von der Mutter

auszurichten, das hatte es gar nicht vergessen. Aber in das Haus

hineinzugehen, dazu war Wiseli zu schüchtern, es kannte den Mann

auch zu wenig, um einen solchen Schritt zu tun, auch hatte es eine

eigene Art von Scheu vor ihm, weil er so still war und es nur immer,

wo es ihn noch getroffen, ganz freundlich angesehen, aber fast nie

etwas, oder nur so ein flüchtiges Wort zu ihm gesagt hatte. Noch

hatte Wiseli nie den Schreiner Andres erblicken können, wie oft es

auch an der Hecke stillgestanden und nach ihm ausgeschaut hatte.

Mai und Juni waren vorbei und die langen Sommertage waren

gekommen, da es auf dem Felde immer mehr Arbeit gibt und alle

Arbeit so heiß macht. Das merkte auch das Wiseli, wenn es vom

Vetter hinausgerufen wurde und mit einem großen schweren

Rechen das Heu zusammenbringen mußte, oder mit der breiten

hölzernen Gabel wieder auseinanderwerfen, daß es an der Sonne

trockne. Oft mußte es so den ganzen Tag draußen helfen, und am

Abend war es dann so müde, daß es seine Arme kaum mehr

bewegen konnte. Das hätte es aber nicht geachtet, denn es dachte,

das müsse so sein; aber wenn es dann etwa am Abend einen

Augenblick still saß, dann rief ihm der Chäppi gleich zu: ,,Du wirst

so gut Rechnungen zu machen haben, wie ich; du meinst, du

müssest nichts tun, und in der Schule kannst du ja nie etwas." Das

tat dem Wiseli weh, denn es hätte gern recht fleißig alles gelernt und

wäre gern regelmäßig zur Schule gegangen, damit es alles gut

begreifen und erlernen könnte, wie viele andere, und es wußte recht

wohl, daß es fast überall zurück war. Es mußte ja so oft

unterbrechen und hatte dann gar keinen Zusammenhang, wußte

auch gar nicht, was die Aufgaben für die Schule waren. Wenn es

dann so ohne Arbeit kam und dazu ungeschickt antwortete und

vieles gar nicht wußte, schämte es sich so sehr und besonders, wenn

der Lehrer ihm dann so vor allen Kindern sagte: ,,Das hätte ich von

dir nicht erwartet, Wiseli, du warst immer am geschicktesten." Dann

meinte es oft, es müsse in den Boden hineinkriechen vor Scham,

46


und nachher weinte es auf dem ganzen Heimweg. Aber dem Chäppi

durfte es nicht antworten, es wisse ja nicht, was machen, sonst

schimpfte und lärmte er so lange, bis die Base hereinkam und auf

Chäppis Anklagen hin dem Wiseli erst recht seine Nachlässigkeit

vorwarf. Dann zerdrückte das Kind manchmal seine Tränen und

erst nachher auf seinem Kissen durfte es ihnen den Lauf lassen,

und sie kamen dann auch recht heiß und schwer, denn es war ihm

so, als hätten der liebe Gott und die Mutter es ganz vergessen und

kein Mensch auf der Welt kümmere sich um sein Leben. In seinem

Kummer konnte es oft lange sein Trostlied nicht sagen; es kam aber

zu keiner Ruhe und konnte nie einschlafen, bis es die Worte wieder

recht zusammengefunden und sie mit Andacht hatte sagen können,

wenn ihm auch die frohe Zuversicht nicht recht im Herzen

aufgehen wollte. So war das Wiseli auch entschlafen an einem

schönen Juliabend, und am Morgen darauf stand es zaghaft unten

am Tisch, als die Buben sich zur Schule rüsteten; es wagte nicht, zu

fragen, ob es auch gehen dürfe, denn die Base schien keine Zeit zu

einer Antwort übrig zu haben und der Vetter war schon zur Tür

hinausgegangen.

Jetzt liefen die Buben davon. Wiseli schaute ihnen nach durch das

offene Fenster, wo sie zwischen den hohen Wiesenblumen

hinsprangen und über ihren Köpfen die weißen Schmetterlinge in

der Morgensonne umherflogen. Die Base hatte eine große Wäsche

vorbereitet, mußte es wohl diese Woche am Waschtrog zubringen?

Richtig, sie rief schon nach ihm aus der Küche. Jetzt rief auch der

Vetter-Götti seinen Namen; er stand am Brunnen und sah es am

Fenster. ,,Mach, mach, Wiseli, es ist Zeit, die Buben sind ja weit

voraus. Das Heu ist drinnen, mach, daß du in die Schule kommst!"

Das ließ sich Wiseli nicht zweimal sagen. Wie ein Blitz erfaßte es

seinen Schulsack und flog zur Tür hinaus.

,,Sag dem Lehrer", rief der Vetter nach, ,,es gebe jetzt eine Zeitlang

keine Absenzen, er soll′s nicht so genau nehmen, wir haben streng

mit dem Heu zu tun gehabt." Wiseli lief ganz glücklich davon; so

47


mußte es denn nicht an den Waschtrog hin, es durfte die ganze

Woche in die Schule gehen. Wie war es so schön ringsum! Von allen

Bäumen pfiffen die Vögel, und das Gras duftete, und in der Sonne

leuchteten die roten Margeritli und die gelben Glisserli. Wiseli

konnte nicht stille stehen, es war keine Zeit dazu, aber es fühlte

wohl, wie schön es war, und lief voller Freuden mittendurch.

An demselben Abend, als eben alle Kinder aus der dumpfen

Schulstube in den sonnigen Abendschein hinausstürmen wollten,

rief der Lehrer ernsthaften Angesichts in den Tumult hinein: ,,Wer

hat die Woche?"

,,Der Otto, der Otto!" rief die ganze Schar und stürmte davon.

,,Otto", sagte der Lehrer in ernstem Ton, ,,gestern ist hier nicht

aufgeräumt worden. Einmal will ich dir verzeihen; aber laß mich dies

nicht zum zweiten Male erfahren, sonst müßte die Strafe folgen."

Otto schaute einen Augenblick auf all′ die Nußschalen und

Papierfetzen und Apfelschnitze, die am Boden herumlagen und

sollten aufgelesen sein; dann wandte er eilends den Kopf weg und

lief ebenfalls zur Tür hinaus, denn der Lehrer war auch schon durch

seine Tür verschwunden. Draußen stand Otto auf dem sonnigen

Platz still und schaute in den goldenen Abend hinaus und dachte:

,,Jetzt könnte ich heimgehen, und dann kriegte ich die Kappe voll

Kirschen, und dann könnte ich auf dem Braunen ins Feld

hinausreiten, wenn der Knecht das Heu holt, und nun soll ich

drinnen auf dem Boden Papierfetzen zusammenlesen?" -- und

Otto wurde durch seine Gedanken so aufgeregt, daß er ganz

grimmig vor sich hin sagte: ,,Ich wollte, es käme gerade jetzt der

jüngste Tag, und das Schulhaus und alles miteinander flöge in

tausend Stücken in die Luft hinauf!" Es blieb aber ringsum still und

ruhig und von dem alles beendenden Erdbeben waren keine

Anzeichen da. Da kehrte sich endlich Otto wieder der Schultür zu

mit einem furchtbaren Grimm auf seinem Gesicht, denn er wußte

ja, in den sauren Apfel mußte nun gebissen werden, oder morgen

48


folgte die erniedrigende Strafe des Festsitzens, die wollte er nicht an

sich kommen lassen. Er trat ein, aber beim ersten Schritt blieb er

verwundert stehen: völlig aufgeräumt lag die Schulstube vor ihm,

kein Fetzchen und kein Stäubchen nirgends mehr zu sehen; die

Fenster standen offen und lieblich strömte die Abendluft in die

geputzte Stube hinein. In dem Augenblick trat der Lehrer aus seiner

Stube und schaute verwundert um sich und auf den starrenden

Otto. Dann ging er zu diesem hin und sagte ermunternd: ,,Du darfst

wirklich dein Werk anstaunen, das hätte ich dir nicht zugetraut. Du

bist ein guter Schüler, aber im Aufräumen hast du heute alle

übertroffen, was sonst bei dir nicht der Fall war." Damit ging der

Lehrer fort, und als sich Otto noch mit einem letzten Blick

überzeugt hatte, daß er die Wirklichkeit vor sich sah, sprang er vor

Freuden in zwei Sätzen die Treppe hinunter und über den Platz weg,

stürmte die Halde hinauf, und erst als er der Mutter das wunderbare

Ereignis mitteilte, fing er an zu denken, wie es sich wohl so begeben

hatte.

,,Aus Versehen wird wohl keiner für dich aufgeräumt haben", sagte

die Mutter; ,,hast du etwa einen guten Freund, der sich so edelmütig

für dich aufopfert? Denk doch einmal nach, wie es sein könnte."

,,Ich weiß es", sagte Miezchen entschieden, das eifrig zugehört hatte.

,,Ja, wer denn?" rief Otto, teils neugierig, teils ungläubig.

,,Der Mauserhans", erklärte Miezchen mit voller Überzeugung, ,,weil

du ihm einen Apfel gegeben hast vor einem Jahr." ,,Ja, oder der

Wilhelm Tell, weil ich ihm den seinigen nicht genommen habe vor

ein paar Jahren. Das wäre wohl ebenso wahrscheinlich, du Wunder

von einem Miez." Damit rannte Otto davon, denn jetzt war′s die

höchste Zeit, wollte er den Ritt ins Heu nicht verlieren.

Unterdessen sprang das Wiseli mit vergnügtem Herzen den Berg

hinunter, vorbei an des Schreiners Andres Gärtchen, und tat noch

ein paar Sprünge, dann machte es aber plötzlich Kehrum und tat die

letzten Sprünge wieder zurück, denn es hatte im Vorbeilaufen so

49


schöne, rote Nelken offen gesehen in dem Garten, die mußte es

noch einmal ansehen, wenn es schon ein wenig spät war; es dachte:

,,Den Buben komme ich doch nach, die machen erst auf allen

Wegen noch Kugelschieben." Die Nelken leuchteten in der

Abendsonne so schön und dufteten so herrlich über die niedere

Hecke herüber dem Wiseli zu, daß es fast nicht mehr von der Stelle

fort konnte, so wohl gefiel es ihm da. Da trat auf einmal der

Schreiner Andres aus seiner Tür heraus in das Gärtchen und kam

gerade auf das Wiseli zu. Er bot ihm die Hand über die Hecke und

sagte ganz freundlich: ,,Willst du eine Nelke, Wiseli?"

,,Ja, gern", antwortete es, ,,und dann sollte ich Euch auch noch

etwas ausrichten von der Mutter."

,,Von der Mutter?" fragte der Schreiner Andres im höchsten

Erstaunen und ließ die Nelken aus der Hand fallen, die er eben

abgebrochen hatte. Wiseli sprang um die Hecke herum und las sie

auf; dann sah es zu dem Manne auf, der ganz still dastand, und

sagte: ,,Ja, noch zuallerletzt, als die Mutter sonst nichts mehr

mochte, hat sie von dem schönen Saft getrunken, den Ihr in die

Küche gestellt hattet, und er hat ihr so wohlgetan, und dann hatte

sie mir aufgetragen, ich soll Euch sagen, sie danke Euch vielmal

dafür und auch noch für alles Gute, und sie sagte noch: ,Er hat es

gut mit mir gemeint.`" Jetzt sah Wiseli, wie dem Schreiner Andres

große Tränen über die Wangen hinunterliefen; er wollte etwas sagen,

aber es kam nichts heraus. Dann drückte er dem Wiseli stark die

Hand, kehrte sich um und ging ins Haus hinein.

Das Wiseli stand ganz verwundert da. Kein Mensch hatte um seine

Mutter geweint, und es selbst hatte nur weinen dürfen, wenn es

niemand sah, denn der Vetter wollte ja kein Geschrei, hatte er

gesagt, und vor der Base durfte es noch weniger weinen. Und nun

war auf einmal jemand da, dem kamen die Tränen, weil es etwas von

der Mutter gesagt hatte. Dem Wiseli wurde es so zumut′, als wäre

der Schreiner Andres sein liebster Freund auf der Welt, und es faßte

eine große Liebe zu ihm. Jetzt rannte es mit seinen Nelken davon

50


und war wie der Blitz am Buchenrain angelangt, und das war gut,

denn eben sah es, wie die beiden Buben dem Haus zuliefen, und es

durfte um alles nicht nach ihnen daheim ankommen.

An diesem Abend betete Wiseli mit so frohem Herzen, daß es gar

nicht begriff, wie es gestern so verzagt hatte sein können und gar

keine Zuversicht und Freude gehabt hatte, sein Lied zu sagen. Der

liebe Gott hatte es gewiß nicht vergessen, das wollte es nicht mehr

denken, heute hatte er ihm ja so viel Freude geschickt, und beim

Einschlafen sah Wiseli noch das gute Gesicht des Schreiners Andres

vor sich mit den Tränen drin.

Am folgenden Tage, es war nun Mittwoch, erlebte Otto vollständig

dieselbe überraschende Tatsache, wie am Tage vorher, denn er hatte

sich nicht enthalten können, mit den anderen aus der Schulstube

hinauszurennen im ersten Augenblick der Befreiung und noch

diesen und jenen Sprung zu tun. Als er dann mit gedrücktem

Gemüte an seine Arbeit gehen wollte und die Tür aufmachte ­

siehe, da war schon alles getan und die Stube in bester Ordnung.

Nun fing aber die Sache an, seine Neugierde zu stacheln; auch hatte

er einen so lebendigen Dank im Herzen für den unbekannten

Wohltäter, daß es ihn drängte, den auszusprechen. Am Donnerstag

wollte er aufpassen, wie die Sache zugehe. Als nun die Schulstunden

zu Ende waren und alles forteilte, stand Otto einen Augenblick

nachdenklich an seinem Platz, er wußte nicht recht, wo er am besten

dem Wohltäter aufpassen konnte. Aber mit einem Male faßte ihn

eine Schar rüstiger Kerle, seine Klassengenossen, an allen Ecken an,

und die Stimmen riefen durcheinander: ,,Komm heraus! Heraus mit

dir! Wir machen Räuber, du bist der Anführer." Otto wehrte sich ein

wenig. ,,Ich habe ja die Woche", rief er. ,,Ach was", scholl es zurück,

,,wegen einer Viertelstunde. Komm!" Otto ließ sich fortreißen, in

der Stille verließ er sich schon ein wenig auf seinen unbekannten

Freund, der ihn vor der Strafe schützen würde; er fand es

unbeschreiblich angenehm, ein solche Fürsorge im Rücken zu

haben. Aus der Viertelstunde wurde auch mehr als eine Stunde, und

51


Otto wäre verloren gewesen. Er keuchte nach der Schulstube, um

sein Schicksal zu vernehmen, und stieß dabei die Tür mit solchem

Gepolter auf, daß der Lehrer augenblicklich aus seiner Stube ins

Lehrzimmer heraustrat. ,,Was hast du gewollt, Otto?" fragte der

Lehrer. ,,Nur noch einmal nachsehen", stotterte Otto, ,,ob auch

sicher alles in Ordnung sei."

,,Musterhaft", bemerkte der Lehrer. ,,Dein Eifer ist löblich, aber die

Türen halb einzuschlagen dabei ist nicht notwendig." Otto ging sehr

wohlgemut von dannen. Am Freitag war er entschlossen, den Fleck

nicht zu räumen, bis er im klaren war, denn da kam für ihn nur noch

der Samstagmorgen; da gab es freilich immer noch eine

Haupträumerei. ,,Otto", rief der Lehrer, als am Freitag die Glocke

vier Uhr schlug, ,,trag mir schnell das Zettelchen zum Herrn Pfarrer,

er gibt dir Schriften zurück; in fünf Minuten bist du wieder da zum

Aufräumen." Das war Otto nicht ganz recht, aber er mußte gehen,

auch konnte er ja gleich wieder da sein. In wenig Sprüngen war er

im Pfarrhaus. Der Herr Pfarrer hatte noch jemandem Bescheid zu

geben; die Frau Pfarrerin rief Otto in den Garten hinaus, er mußte

ihr berichten, wie es der Mama gehe und dem Papa und dem

Miezchen und dem Onkel Max und den Verwandten in

Deutschland, und dann kam der Herr Pfarrer, und Otto mußte

erklären, wie er zu der Kommission gekommen war, und was ihm

der Lehrer sonst noch aufgetragen habe. Endlich hatte dann Otto

seine Papiere erhalten und pfeilschnell war er drüben, riß die Tür der

Schulstube auf: ­ alles in Ordnung, alles still, kein menschliches

Wesen zu sehen.

,,Nun habe ich mich die ganze Woche nicht ein einziges Mal nach

den grausigen Fetzen bücken müssen", dachte Otto befriedigt; ,,aber

wer hat das Schauerliche nur tun können, ohne daß er mußte?" Das

wollte er nun um jeden Preis wissen.

Am Samstag waren die Schulstunden um elf Uhr zu Ende. Otto ließ

alle Kinder hinausgehen, und wie nun die Schulstube leer war, da

ging er vor die Tür hinaus, schloß sie zu und lehnte sich mit dem

Rücken daran; so mußte er doch gewiß sehen, ob da jemand

52


hineingehen wolle, denn damit wollte er lieber beginnen, als mit der

schweren Arbeit. Er stand und stand ­ es kam niemand. Er hörte

die Uhr halb zwölf schlagen ­ es kam niemand. Auf den

Nachmittag stand aber ein Ausflug bevor, es sollte früh Mittag

gemacht werden heut′, er sollte so schnell wie möglich zu Hause

sein. Er mußte also hinein an die Arbeit, es grauste ihm. Er machte

die Tür auf ­ da ­ Otto starrte noch mehr als das erste Mal ­

wahrhaftig es war so, es war alles getan, schöner als je. Dem Otto

wurde es ganz eigentümlich zumut′, es schwebte ihm etwas wie eine

Geistergeschichte vor. Ganz leise, wie nie sonst, schlich er zur Tür

hinaus. Gerade in diesem Augenblick kam ebenso leise etwas aus des

Lehrers Küche herausgeschlichen, und auf einmal stand das Wiseli

ganz nahe vor ihm; beide fuhren zusammen vor Schrecken, und das

Wiseli wurde über und über rot, so, als hätte es der Otto auf einem

Unrecht erwischt. Jetzt ging diesem ein Licht auf.

,,Sicher hast du das für mich gemacht die ganze Woche lang,

Wiseli", rief er aus; ,,das tut doch gewiß sonst kein Mensch, wenn er

nicht muß."

,,Es hat mich aber so gefreut, es zu tun, wie du gar nicht glaubst",

gab Wiseli zur Antwort.

,,Nein, nein, das mußt du nicht sagen, Wiseli; so etwas zu tun, kann

keinen Menschen auf der Welt freuen", sagte Otto überzeugt.

,,Doch gewiß, gewiß", versicherte Wiseli, ,,ich habe die ganze Zeit

lang mich immer auf den Abend gefreut, wenn ich es wieder tun

durfte, und während ich aufräumte, habe ich mich erst recht

immerzu gefreut, weil ich immer gedacht habe: jetzt kommt der

Otto und findet alles fertig und ist froh."

,,Aber wie kam es dir denn in den Sinn, daß du das für mich tun

wolltest?" fragte Otto noch immer verwundert.

,,Ich wußte schon, daß du es nicht gern tust, und ich habe schon

immer gedacht, wenn ich nur auch einmal dem Otto etwas geben

53


könnte, wie du mir den Schlitten, weißt noch? Aber ich hatte gar nie

etwas."

,,Das ist viel mehr wert, als einen Schlitten leihen, was du für mich

jetzt getan hast; das will ich dir auch nicht vergessen, Wiseli", und

Otto gab ihm ganz gerührt die Hand. Wiselis Augen leuchteten vor

Freude wie lange nicht mehr. Aber nun wollte Otto noch wissen,

wie es denn wieder in die Stube hineingekommen sei, da er doch

gewartet hatte, bis alle Kinder draußen waren.

,,O ich bin gar nicht hinausgegangen", sagte Wiseli; ,,ich verbarg

mich schnell hinter dem Kasten, ich dachte, du gehest schon noch

ein wenig hinaus, wie jeden Tag vorher."

,,Aber wie konntest du immer hinaus, ohne daß ich dich sah?" wollte

Otto noch wissen.

,,Wenn du am Herumlaufen warst mit den anderen, konnte ich

schon hinaus, ich horchte schon auf, und gestern und heute, wie ich

nicht sicher war, ging ich durch des Lehrers Stube und fragte die

Frau Lehrerin, ob sie etwas zu verrichten habe, sie gibt mir

manchmal einen Auftrag auszurichten, und dann ging ich durch die

Küche fort; gestern war ich gerade hinter der Küchentür, als du in

die Schulstube hineinranntest."

Jetzt wußte Otto die ganze Geistergeschichte. Er bot dem Wiseli

noch einmal die Hand. ,,Danke, Wiseli", sagte er herzlich; und dann

lief eins da hinaus, das andere dort hinaus, und beiden war es ganz

wohl zumute.

54


Das Alte und auch etwas Neues.

Der Sommer war vergangen und auch die schönen Herbsttage

waren wohl zu Ende. Es wurde kühl und nebelig am Abend, und in

den feuchten Wiesen fraßen die Kühe das letzte Gras ab, und hier

und da flackerten auf den Wiesen kleine Feuer auf, denn die

Hirtenbuben brieten Kartoffeln da und wärmten sich die Hände.

An einem solchen nebelgrauen Abend kam Otto aus der Schule

heimgerannt und erklärte seiner Mutter, er müsse nachsehen, was

das Wiseli mache, denn seit den Herbstferien war es noch gar nie in

die Schule gekommen, wohl acht Tage lang nicht. Otto steckte seine

Vesperäpfel zu sich und eilte fort. Am Buchenrain angekommen,

sah er den Rudi vor der Haustür am Boden sitzen und von einem

Haufen Birnen, die neben ihm lagen, eine nach der anderen

zerbeißen.

,,Wo ist das Wiseli?" fragte Otto.

,,Draußen", war die Antwort.

,,Wo draußen?"

,,Auf der Wiese."

,,Auf welcher Wiese?"

,,Ich weiß nicht", und Rudi knackte weiter an seinen Birnen. ,,Du

stirbst einmal nicht am Gescheitsein", bemerkte Otto und ging aufs

Geratewohl die große Wiese hin, die sich vom Haus bis gegen den

Wald hinaufzog. Jetzt entdeckte er drei schwarze Punkte unter einem

Birnbaum und ging darauf zu. Richtig, da bückte sich Wiseli, um die

Birnen zusammenzulesen, dort saß der Chäppi rittlings auf seinem

Birnenkratten, und zuhinterst lag der Hans rücklings über den

55


vollen Korb hin und schaukelte sich so darauf, daß der Korb jeden

Augenblick umzustürzen drohte. Chäppi sah ihm zu und lachte bei

jedem Rucke.

Als Wiseli den Otto herankommen sah, kam ein ganzer

Sonnenschein auf sein Gesicht. ,,Guten Abend, Wiseli", rief er von

weitem, ,,warum bist du so lange nicht in die Schule gekommen?"

Wiseli streckte ganz erfreut dem Otto die Hand entgegen. ,,Wir

haben so viel zu tun, darum durfte ich nicht kommen", sagte es;

,,sieh nur, wieviel Birnen es gibt! Ich muß vom Morgen bis zum

Abend auflesen, soviel ich nur kann."

,,Du hast ja ganz nasse Schuhe und Strümpfe", bemerkte Otto;

,,bah, hier ist′s nicht gemütlich, frierst du nicht, wenn du so naß

bist?"

,,Es schaudert mich nur manchmal ein wenig, sonst ist es mir eher

heiß vom Auflesen." In diesem Augenblick gab der Hans seinem

Korb einen solchen Ruck, daß alles übereinander auf den Boden

hinrollte; der Hans, der Korb und alle Birnen, die fuhren nach allen

Richtungen hin.

,,Oh, oh!" sagte Wiseli kläglich, ,,nun muß man die alle wieder

zusammenlesen."

,,Und die auch", rief Chäppi und lachte heraus, als die Birne, die er

geworfen hatte, dem Wiseli an die Schläfe fuhr, daß es ganz bleich

wurde und ihm vor Schmerz das Wasser in die Augen kam. Kaum

hatte Otto das gesehen, als er auf den Chäppi losfuhr, ihn samt

seinem Kratten umwarf und ihn fest im Genick packte. ,,Hör auf,

ich muß ersticken", gurgelte der Chäppi; jetzt lachte er nicht mehr. ­

,,Ich will machen, daß du daran denkst, daß du es mit mir zu tun

hast, wenn du so mit dem Wiseli verfährst", rief Otto zornglühend.

,,Hast du genug? Willst du daran denken?" ­ ,,Ja, ja, laß nur los!" bat

Chäppi, mürbe gemacht. Nun ließ Otto los. ,,Jetzt hast du′s

gespürt", sagte er; ,,wenn du dem Wiseli noch einmal etwas zuleide

56


tust, so packe ich dich so, daß du noch einen Schrecken hast davon,

wenn du siebzig Jahr alt bist. Leb wohl, Wiseli." Damit kehrte sich

Otto um und ging mit seinem Zorn nach Hause.

Hier suchte er gleich seine Mutter auf und schüttete seine ganze

Empörung vor ihr aus, daß das Wiseli eine solche Behandlung

erdulden müsse. Er war auch ganz entschlossen, auf der Stelle zum

Herrn Pfarrer zu gehen und den Vetter-Götti und seine ganze

Familie anzuklagen, daß man ihnen das Wiseli entreiße. Die Mutter

hörte ruhig zu, bis Otto sich ein wenig abgekühlt hatte, dann sagte

sie:

,,Sieh, lieber Junge, das würde gar nichts nützen, das Kind würde

man dem Vetter-Götti nicht wegnehmen, nur ihn reizen, wenn er so

etwas hörte. Er meint es selbst nicht böse mit dem Kinde, und es ist

kein genügender Grund da, ihm Wiseli ganz wegzunehmen. Ich

weiß wohl, daß das arme Kind jetzt ein hartes Brot ißt, ich habe es

auch gar nicht vergessen, ich schaue immer danach aus, ob mir der

liebe Gott nicht einen Weg auftue, da dem Kinde in einer

gründlichen Weise könnte geholfen werden; die Sache liegt mir auch

am Herzen, das kannst du glauben, Otto. Wenn du unterdessen das

Wiseli schützen und den rohen Chäppi ein wenig zähmen kannst,

ohne selbst dabei roh zu werden, so bin ich ganz damit

einverstanden."

Otto beruhigte sich am besten im Gedanken, daß die Mutter doch

auch immerfort nach einem anderen Wege für das Wiseli ausschaute.

Er selber dachte alle möglichen Rettungswege aus, aber al e führten

in die Luft hinauf und hatten keinen Boden, und er sah ein, daß das

Wiseli da nicht darauf wandeln konnte, und als er dann zu

Weihnachten seine Wünsche aufschreiben durfte, da schrieb er ganz

desperat mit ungeheuren Buchstaben, so als müßte man sie vom

Himmel herunter lesen können, auf sein Papier: ,,Ich wünsche, daß

das Christkind das Wiseli befreie."

Nun war der kalte Januar wieder da und der Schlittweg war so

prächtig glatt und fest, daß die Kinder gar nicht genug bekommen

57


konnten, die herrliche Bahn zu benutzen. Es kam auch eben eine

helle Mondnacht nach der anderen, und Otto hatte auf einmal den

Einfall, am allerschönsten müßte das Schlittenfahren im

Mondschein sein, die ganze Gesellschaft sollte sich am Abend um

sieben Uhr zusammenfinden und die Mondscheinfahrten ausführen,

denn es war der Tag des Vollmonds, da mußte es prächtig werden.

Mit Jubel wurde der Vorschlag angenommen und die

Schlittbahngenossen trennten sich gegen fünf Uhr wie gewöhnlich,

da die Nacht einbrach, um sich um sieben Uhr wieder

zusammenzufinden. Weniger Anklang fand der Vorschlag bei Ottos

Mutter, als er ihr mitgeteilt wurde, und sie wurde gar nicht von der

Begeisterung hingerissen, mit welcher die Kinder beide auf einmal

und in den lautesten Tönen ihr das Wundervolle dieser

Unternehmung schilderten. Sie stellte ihnen die Kälte des späten

Abends vor, die Unsicherheit der Fahrten bei dem ungewissen Licht

und alle Gefahren, die besonders das Miezchen bedrohen könnten.

Aber die Einwendungen entflammten immer mehr den brennenden

Wunsch, und Miezchen flehte, als hinge seine einzige Lebensfreude

an dieser Schlittenfahrt; Otto versprach auch hoch und teuer, er

würde dem Miezchen nichts geschehen lassen, sondern immer in

seiner nächsten Nähe bleiben. Endlich willigte die Mutter ein. Mit

großem Jubel und wohlverpackt zogen die Kinder ein paar Stunden

nachher in die helle Nacht hinaus. Es ging alles ganz nach Wunsch,

die Schlittbahn war unvergleichlich, und das Geheimnisvolle der

dunkeln Stellen, wo der Mondschein nicht hinfiel, erhöhte den Reiz

der Unternehmung. Eine Menge Kinder hatte sich eingefunden, alle

waren in der fröhlichsten Stimmung. Otto ließ sie alle vorausfahren,

dann kam er und zuletzt mußte das Miezchen kommen, damit ihm

keiner in den Rücken fahren konnte; so hatte es Otto eingerichtet, er

konnte dabei auch immer von Zeit zu Zeit mit einem schnellen

Blick gewahren, ob Miezchen richtig nachkomme. Als nun alles so

herrlich vonstatten ging, fiel einem der Buben ein, nun müßte

einmal der ganze Zug ,,anhängen", nämlich ein Schlitten an den

anderen gebunden werden und so herunterfahren, das müßte im

Mondenschein ein ganz besonderes Juxstück abgeben. Unter

58


großem Lärm und allgemeiner Zustimmung ging man gleich ans

Werk. Für Miezchen fand Otto die Fahrt doch ein wenig gefährlich,

denn manchmal gab es dabei einen großartigen Umsturz sämtlicher

Schlitten und Menschen darauf; das konnte er für das kleine Wesen

nicht riskieren. Er ließ seinen Schlitten zuletzt anbinden, der

Miezchens aber wurde freigelassen. So fuhr es, wie immer, hinter

dem Bruder her, nur konnte er jetzt nicht, wie sonst, seinen

Schlitten langsamer fahren lassen, wenn Miezchen zurückblieb, denn

er war in der Gewalt des Zuges. Jetzt ging es los, und herrlich und

ohne Anstand glitt die lange, lange Kette die glatte Bahn hinunter.

Mit einem Mal hörte Otto ein ganz furchtbares Geschrei, und er

kannte die Stimme wohl, die es ausstieß, es war Miezchens Stimme.

Was war da geschehen? Otto hatte keine Wahl, er mußte die

Lustpartie zu Ende machen, wie groß auch sein Schrecken war. Aber

kaum unten angelangt, riß er sein Schlittenseil los und rannte den

Berg hinan; alle anderen hinter ihm drein, denn fast alle hatten das

Geschrei vernommen und wollten auch sehen, was los war. An der

halben Höhe des Berges stand das Miezchen neben seinem Schlitten

und schrie aus allen seinen Kräften und weinte ganze Bäche dazu.

Atemlos stürzte Otto nun herzu und rief: ,,Was hast du? Was hast

du?"

,,Er hat mich ­ er hat mich ­ er hat mich", schluchzte Miezchen und

kam nicht weiter vor innerem Aufruhr.

,,Was hat er? Wer denn? Wo? Wer?" stürzte Otto heraus.

,,Der Mann dort, der Mann, er hat mich ­ er hat mich totschlagen

wollen und hat mir ­ und hat mir ­ furchtbare Worte nachgerufen."

So viel kam endlich heraus unter immer neuem Geschrei.

,,So sei doch nur still jetzt, hör′ Miezchen, tu′ doch nicht so, er hat

dich ja doch nicht totgeschlagen; hat er dich denn wirklich

geschlagen?" fragte Otto ganz zahm und teilnehmend, denn er hatte

59


Angst. ,,Nein", schluchzte Miezchen, neuerdings überwältigt; ,,aber

er wollte, mit einem Stecken, ­ so hat er ihn aufgestreckt und hat

gesagt: ′Wart du!′ Und ganz furchtbare Worte hat er mir

nachgerufen."

,,So hat er dir eigentlich gar nichts getan", sagte Otto und atmete

beruhigt auf.

,,Aber er hat ja ­ er hat ja ­ und ihr wart alle schon weit fort, und

ich war ganz allein", ­ und vor Mitleid für seinen Zustand und

nachwirkendem Schrecken brach Miezchen noch einmal in lautes

Weinen aus.

,,Bscht! Bscht!" beschwichtigte Otto; ,,sei doch still jetzt, ich gehe

nun nicht mehr von dir weg, und der Mann kommt nicht mehr, und

wenn du nun gleich ganz still sein willst, so geb′ ich dir den roten

Zuckerhahn vom Christbaum, weißt du?"

Das wirkte. Mit einem Male trocknete Miezchen seine Tränen weg

und gab keinen Laut mehr von sich, denn den großen, roten

Zuckerhahn vom Christbaum zu erlangen, war Miezchens

allergrößter Wunsch gewesen, er war aber bei der Teilung auf Ottos

Teil gefallen und Miezchen hatte den Verlust nie verschmerzen

können. Wie nun alles im Geleise war und die Kinder den Berg

hinanstiegen, wurde verhandelt, was es denn für ein Mann könne

gewesen sein, der das Miezchen habe totschlagen wollen.

,,Ach was, totschlagen", rief Otto dazwischen; ,,ich habe schon

lange gemerkt, was es war, wir haben ja im Herunterfahren den

großen Mann mit dem dicken Stock auch angetroffen, er mußte

unseren Schlitten ausweichen in den Schnee hinein, das machte ihn

böse, und wie er dann hintenan das Miezi allein antraf, hat er es ein

wenig erschreckt und seinen Zorn an ihm ausgelassen." Die

Erklärung fand allgemeine Zustimmung, das war ja so natürlich, daß

jedes meinte, es sei ihm selber so in den Sinn gekommen; so ward

auch die Sache gleich völlig vergessen und lustig drauf los

60


geschlittet. Endlich aber mußte auch dies Vergnügen ein Ende

nehmen, denn es hatte längst acht Uhr geschlagen, die Zeit, da

aufgebrochen werden sollte. Im Heimweg schärfte der Otto dem

Miezchen ein, zu Hause nichts zu erzählen von dem Vorfall, sonst

könnte die Mutter Angst bekommen, und dann dürften sie gar nie

mehr im Mondschein schlitten gehen: den Zuckerhahn müsse es

gleich haben, aber noch daraufhin versprechen, nichts zu erzählen.

Miezchen versprach hoch und teuer, kein Wort sagen zu wollen; die

Spuren seiner Tränen waren auch längst vergangen und konnten

nichts mehr verraten.

Längst schon schliefen Otto und Miezchen auf ihren Kissen, und

der rote Zuckerhahn spazierte durch Miezchens Träume und erfüllte

sein Herz mit einer so großen Freude, daß es jauchzte im Schlaf. Da

klopfte es unten an die Haustür mit solcher Gewalt, daß der Oberst

und seine Frau vom Tisch auffuhren, an dem sie eben in

Gemütlichkeit gesessen und sich über ihre Kinder unterhalten

hatten, und die alte Trine in strafendem Tone oben zum Fenster

hinausrief: ,,Was ist das für eine Manier!"

,,Es ist ein großes Unglück begegnet", tönte es von unten herauf;

,,der Herr Oberst soll doch herunterkommen, sie haben den

Schreiner Andres tot gefunden."

Damit lief der Bote wieder davon. Der Oberst und seine Frau

hatten genug gehört, denn auch die hatten sich dem offenen Fenster

genähert. Augenblicklich warf der Oberst seinen Mantel um und

eilte dem Hause des Schreiners zu. Als er in die Stube hineintrat,

fand er schon eine Menge Leute da; man hatte den Friedensrichter

und Gemeindammann geholt, und eine Schar Neugieriger und

Teilnehmender war mit ihnen eingedrungen. Andres lag am Boden

im Blute und gab kein Lebenszeichen von sich; der Oberst näherte

sich.

,,Ist denn jemand nach dem Doktor gelaufen?" fragte er, ,,hier muß

vor allem der Doktor her."

61


Es war niemand dahin gegangen; da sei ja doch nichts mehr zu

machen, meinten die Leute.

,,Lauf, was du kannst, zum Doktor", befahl der Oberst einem

Burschen, der dastand; ,,sag ihm, ich lass′ ihn bitten, er soll auf der

Stelle kommen." Dann half er selbst den Andres vom Boden

aufheben und in die Kammer hinein auf sein Bett legen. Erst jetzt

trat der Oberst an die schwatzenden Leute heran, um zu hören, wie

der Vorfall sich zugetragen hatte, ob jemand etwas Näheres wisse.

Der Müllerssohn trat vor und erzählte, er sei vor einer halben

Stunde da vorbeigekommen, und da er noch Licht gesehen in des

Schreiners Stube, habe er im Vorbeiweg schnell fragen wollen, ob

seine Aussteuersachen auch zur Zeit fertig werden. Er habe die Tür

der Stube offen stehend, den Andres tot im Blut liegend am Boden

gefunden. Der Matten-Joggi, der dabeistand, habe ihm lachend ein

Goldstück entgegengestreckt, wie er hereingetreten sei. Er habe

dann nach Leuten gerufen, daß der Gemeindammann auf den Platz

komme und wer sonst noch dahin gehöre.

Der Matten-Joggi, der so hieß, weil er unten in der Matte wohnte,

war ein völ ig törichter Mensch, der damit ernährt wurde, daß ihn

die Bauern in den geringen Geschäften etwa mithelfen ließen, wo

Steine und Sand herumzutragen, Obst aufzulesen, oder im Winter

Holzbündelchen zu machen waren. Daß er boshafte Taten ausgeübt

hätte, hatte man bis jetzt nicht gehört. Der Müllerssohn hatte ihm

gesagt, er solle da bleiben, bis auch der Präsident noch da sein

werde. So stand Joggi noch immer in einer Ecke, hielt seine Faust

fest zugeklemmt und lachte halblaut. Jetzt trat der Doktor in die

Stube und hinter ihm her auch noch der Präsident. Der

Gemeindevorstand stellte sich nun mitten in die Stube und

beratschlagte. Der Doktor ging direkt in die Kammer hinein und der

Oberst folgte ihm nach. Der Doktor untersuchte genau den

unbeweglichen Körper.

,,Da haben wir′s", rief er auf einmal aus, ,,hier auf den Hinterkopf

ist Andres geschlagen worden, da ist eine große Wunde."

62


,,Aber er ist doch nicht tot, Doktor, was sagst du?"

,,Nein, nein, er atmet ganz leise, aber er ist bös dran."

Nun wollte der Doktor allerlei haben, Wasser und Schwämme und

Weißzeug und noch vieles, und die Leute draußen liefen alle

durcheinander und suchten und rissen alles von der Wand und aus

dem Küchenkasten und brachten Haufen von Sachen in die

Kammer hinein, aber nichts von dem, was der Doktor brauchte.

,,Da muß eine Frau her, die Verstand hat und weiß, was ein Kranker

ist", rief der Doktor ungeduldig. Alle schrieen durcheinander; aber

wenn einer eine wußte, so rief ein anderer: ,,Die kann nicht

kommen."

,,Lauf einer auf die Halde", befahl der Oberst, ,,meine Frau soll mir

die Trine herunterschicken!" Es lief einer davon. ,,Deine Frau wird

dir aber nicht danken", sagte der Doktor, ,,denn ich lasse die

Pflegerin drei bis vier Tage und Nächte nicht von dem Bett weg."

,,Sei nur unbesorgt", entgegnete der Oberst, ,,für den Andres gäbe

meine Frau alles her, nicht nur die alte Trine."

Keuchend und beladen kam die Trine an, viel schneller, als man

hätte hoffen können, denn sie stand schon lange ganz parat mit

einem großen Korb am Arm, und die Frau Oberst stand neben ihr

und lauschte, ob einer gelaufen komme. Sie hatte nicht annehmen

können, daß der Andres wirklich tot sei, und hatte alles ausgedacht,

was man brauchen könnte, um ihm wieder aufzuhelfen. So hatte sie

Schwamm und Verbandzeug, Wein und Öl und warme Flanelle in

einen Korb gepackt, und Trine hatte nur zu rennen, wie der Bote

kam. Der Doktor war sehr zufrieden.

,,Alles fort jetzt, gute Nacht, Oberst, und mach, daß die ganze

Bande zum Haus hinauskommt!" rief er und schloß die Tür zu,

nachdem der Oberst hinausgetreten war. Der Gemeinderat war

63


noch am Beratschlagen; da aber der Oberst erklärte, nun müsse

gleich alles zum Haus hinaus, so faßten die Männer den Beschluß,

für einmal müsse der Joggi eingesperrt werden, dann wollte man

weiter schreiten. Es mußten also zwei Männer den Joggi in die Mitte

nehmen, daß er nicht fortlaufen könne, und ihn so nach dem

Armenhaus bringen und in eine Kammer einsperren. Der Joggi ging

aber ganz willig davon und lachte, und von Zeit zu Zeit guckte er

vergnügt in seine Faust hinein.

Gleich am anderen Morgen eilte die Frau Oberst in voller Sorge

nach dem Häuschen des Andres hinunter. Trine kam leise aus der

Kammer heraus und brachte die frohe Nachricht: Andres sei gegen

Morgen schon ein wenig zum Bewußtsein gekommen. Schon sei

auch der Doktor dagewesen und habe den Kranken über Erwarten

gut getroffen; ihr aber habe er recht eingeschärft, daß sie keinen

Menschen in die Kammer hineinlasse, Andres dürfe auch noch kein

Wort reden, wenn er auch wollte, nicht; nur der Doktor und die

Wärterin sollen vor seine Augen kommen, erklärte die Trine in

großem Amtseifer. Damit war die Frau Oberst ganz einverstanden

und höchst erfreut kehrte sie mit ihren Nachrichten nach Hause

zurück.

So vergingen acht Tage. Jeden Morgen ging die Oberstin nach dem

Hause des Kranken, um genau Bericht zu bekommen und zu hören,

ob etwas mangele, das dann schnell herbeigeschafft werden mußte.

Otto und Miezchen mußten jeden Tag aufs neue besänftigt werden,

daß sie ihren kranken Freund noch nicht besuchen durften, aber da

war immer noch keine Erlaubnis vom Doktor. Die Trine war noch

durchaus unentbehrlich, wurde auch täglich vom Doktor gelobt für

ihre sorgfältige Pflege. Nach Verfluß der acht Tage schlug der

Doktor seinem Freunde, dem Oberst, vor, nun einmal den Kranken

zu besuchen, zu der Zeit, da er selbst dort sein würde, denn jetzt

war der Augenblick gekommen, da Andres wieder reden durfte, und

der Doktor wollte ihn in Gegenwart des Obersten darüber befragen,

was er selbst von dem unglücklichen Vorfall wisse. Andres hatte

große Freude, dem Herrn Oberst die Hand drücken zu dürfen, er

64


hatte ja schon lange bemerkt, woher ihm alles Gute und alle Sorgfalt

für sein Wiederaufkommen kam. Dann besann er sich, so gut er

konnte, um die Fragen der beiden Herren zu beantworten. Er wußte

aber nur folgendes zu sagen: Er hatte seine Summe beisammen, die

er jährlich dem Herrn Oberst zur Verwahrung brachte; diese wollte

er noch einmal überzählen, um seiner Sache sicher zu sein. Er hatte

am späten Abend sich hingesetzt, den Rücken gegen die Fenster und

die Tür gekehrt. Mitten im Zählen hörte er jemand hereinkommen;

eh′ er aber aufgeschaut hatte, fiel ein furchtbarer Schlag auf seinen

Kopf; von da an wußte er nichts mehr. ­ Also hatte Andres eine

Summe Geldes auf dem Tisch gehabt; davon war aber gar nichts

mehr gesehen worden, als das einzige Stück in Joggis Hand. Wo

könnte denn das andere Geld hingekommen sein, wenn wirklich

Joggi der Übeltäter war? Als Andres vernahm, wie der Joggi

gefunden worden und nun eingesperrt sei, wurde er ganz unruhig.

,,Sie sollen ihn doch gehen lassen, den armen Joggi", sagte er; ,,der

tut ja keinem Kinde etwas zuleide, der hat mich nicht geschlagen."

Andres hatte aber auch auf keinen anderen Menschen den leisesten

Verdacht. Er habe keine Feinde, sagte er, und kenne keinen

Menschen, der ihm so etwas hätte antun wollen.

,,Es kann auch ein Fremder gewesen sein", bemerkte der Doktor,

indem er die niedrigen Fenster ansah; ,,wenn Ihr da beim hellen

Licht einen Haufen Geld auf dem Tische liegen habt und zählt, so

kann das von außen jeder sehen und Lust zum Teilen bekommen."

,,Es muß sein", sagte der Andres gelassen, ,,ich habe nie an so etwas

gedacht, es war immer alles offen."

,,Es ist gut, daß Ihr noch etwas im Trocknen habt, Andres",

bemerkte der Oberst. ,,Laßt′s Euch nicht zu Herzen gehen; das

beste ist, daß Ihr wieder gesund werdet." ,,Gewiß, Herr Oberst",

erwiderte Andres, ihm die Hand schüttelnd, die er zum Abschied

65


hinhielt, ,,ich habe nur zu danken; der liebe Gott hat mir ja sonst

schon viel mehr gegeben als ich brauche."

Die Herren verließen den friedlichen Andres, und vor der Tür sagte

der Doktor: ,,Dem ist wohler als dem anderen, der ihn

zusammenschlagen wollte."

Vom Joggi wurde eine traurige Geschichte umhergeboten, die alle

Buben in der Schule beschäftigte und in große Teilnahme versetzte.

Auch Otto brachte sie nach Hause und mußte sie jeden Tag ein

paarmal wiederholen, denn jedesmal, wenn er daran dachte, machte

sie ihm aufs neue einen großen Eindruck. Als man den Joggi an dem

Abend lachend ins Armenhaus gebracht hatte, da war er

aufgefordert worden, sein Goldstück abzugeben an einen seiner

Führer, den Sohn des Friedensrichters. Joggi aber klemmte seine

Faust noch besser zusammen und wollte nichts hergeben. Aber die

beiden waren stärker als er; sie rissen ihm mit Gewalt die Faust auf,

und der Friedensrichterssohn, der manchen Kratz von dem Joggi

erhalten hatte während der Arbeit, sagte, als er das Goldstück

endlich in Händen hatte: ,,So, jetzt wart nur, Joggi, du wirst schon

deinen Lohn bekommen. Wart nur, bis sie kommen; sie werden dir′s

dann schon zeigen."

Da hatte der Joggi angefangen furchtbar zu schreien und zu

jammern, denn er glaubte, er werde geköpft, und seither aß er nicht

und trank nicht und stöhnte und jammerte fortwährend, denn die

Furcht und Angst vor dem Köpfen verfolgte ihn beständig. Schon

zweimal war der Präsident und der Gemeindammann bei ihm

gewesen und hatten ihm gesagt, er solle nur alles sagen, was er getan

habe, er werde nicht geköpft. Er wußte nichts zu sagen, als er habe

beim Andres ins Fenster geschaut, und der sei am Boden gelegen; er

sei zu ihm hineingegangen und habe ihn ein wenig gestoßen, da sei

er tot gewesen. Da habe er etwas glänzen sehen in einer Ecke und

habe es geholt, und dann sei der Müllerssohn gekommen und dann

noch viele. Hatte der Joggi so viel gesagt, so fing er wieder zu

stöhnen an und hörte nicht mehr auf.

66


Wie es dem Kranken und jemandem besser ging.

Seit dem Tage, da der Oberst den Andres besucht hatte, blieb seine

Frau auch nicht mehr draußen in der Stube, wenn sie kam, um nach

dem Kranken zu sehen. Täglich ging sie nun zu ihm hinein, setzte

sich eine Weile lang an sein Bett hin zu einer gemütlichen kleinen

Unterhaltung und freute sich jedesmal über die Fortschritte der

Genesung. Zweimal schon waren auch Otto und Miezchen

dagewesen und hatten ihrem Freunde allerlei Stärkungen

zugetragen, und Andres sagte ganz gerührt zu der Trine: wenn

selbst ein König krank wäre, man könnte ihm nicht mehr Teilnahme

zeigen. Der Doktor war sehr zufrieden mit dem Verlaufe der Sache,

und als er eben einmal beim Herauskommen auf den

hereintretenden Oberst traf, sagte er zu ihm: ,,Es geht vortrefflich.

Deine Frau kann nun ihre Trine wieder heimnehmen, die hat gute

Dienste geleistet. Nur sollte für eine kleine Zeit noch jemand da

sein, oder etwa herkommen; der arme verlassene Kerl muß doch

essen und hat keine Frau und kein Kind und gar nichts. Vielleicht

weiß deine Frau Rat."

Der Oberst richtete seinen Auftrag aus, und am folgenden Morgen

setzte seine Frau bei ihrem Besuch sich zurecht am Bette des Andres

und sagte:

,,Jetzt muß ich etwas mit Euch reden, Andres; ist es Euch recht?"

,,Gewiß, gewiß, mehr als recht", erwiderte er und stützte seinen

Kopf auf den Ellbogen, um recht zuhören zu können.

,,Ich will nun die Trine wieder heimkommen lassen, weil es so

ordentlich geht", fing die Oberstin an.

67


,,Ach, Frau Oberst, glauben Sie mir", fiel der Andres ein, ,,ich wol te

sie jeden Tag heimschicken; ich weiß ja wohl, wie sie Ihnen mangeln

mußte."

,,Ich hätte sie nicht hereingelassen, wenn sie Euch gefolgt hätte",

fuhr die Frau Oberst fort; ,,aber jetzt ist es anders, da der Doktor sie

entläßt. Er sagte aber, was ich auch längst dachte, jemand solltet Ihr

haben, wenigstens noch für ein paar Wochen, der Euch das Essen

bereitet oder doch bei mir holt, und für allerlei kleine

Hilfsleistungen. Ich habe nun gedacht, Andres, wenn Ihr für diese

Zeit das Wiseli zu Euch nehmen würdet."

Kaum hatte der Andres den Namen aussprechen gehört, als er von

seinem Ellbogen auf und in die Höhe schoß.

,,Nein, nein, Frau Oberst, nein, sicher nicht", rief er und wurde

ganz rot vor Anstrengung; ,,so etwas können Sie nicht denken. Ich

sollte hier drinnen im Bett liegen, und draußen in der Küche sollte

das schwache Kindlein für mich arbeiten! Ach um′s Himmels willen,

wie dürfte ich noch an seine Mutter unter dem Boden denken, wie

würde sie mich ansehen, wenn sie so etwas wüßte. Nein, nein, Frau

Oberst, meiner Lebtag nicht, lieber nicht essen, lieber nicht mehr

aufkommen, als so etwas tun."

Die Oberstin hatte ihn ganz ruhig fertig reden lassen; jetzt, da er

sich auf sein Kissen zurücklegte, sagte sie beruhigend:

,,Es ist nicht so schlimm, was ich ausgedacht habe, Andres; denkt

jetzt nur ruhig ein wenig nach. Ihr wißt ja, wo das Wiseli versorgt ist.

Meint Ihr, es habe dort nichts zu tun, oder nur besonders leichte

Arbeit? Recht tüchtig muß es dran und bekommt so wenig

freundliche Worte dazu. Würdet Ihr ihm etwa auch keine geben?

Wißt Ihr, was Wiselis Mutter tun würde, wenn sie jetzt neben uns

stände? Mit Tränen würde sie Euch danken, würdet Ihr das Kind

jetzt in Euer Haus nehmen, wo es gute Tage hätte, das weiß ich

68


schon, und Ihr solltet sehen, wie gern es die kleinen

Dienstleistungen für Euch täte."

Jetzt mußte dem Andres auf einmal alles anders vorkommen. Er

wischte sich die Augen; dann sagte er kleinlaut:

,,Ach, ach! Wie könnte ich aber zu dem Kinde kommen? Sie geben

es gewiß nicht weg, und dann müßte man ja doch auch wissen, ob es

wollte."

,,Es ist jetzt schon gut, kümmert Euch nicht weiter, Andres", sagte

die Frau Oberst fröhlich und stand von ihrem Sessel auf; ,,ich will

nun selbst sehen, wie′s geht, denn mir liegt die Sache nach allen

Seiten hin am Herzen." Damit nahm sie Abschied von Andres; als

sie aber schon unter der Tür war, rief er ihr noch einmal ängstlich

nach:

,,Aber nur, wenn es will, das Wiseli, nur, wenn es will; bitte, Frau

Oberst!"

Sie versprach noch einmal, das Kind sollte nur freiwillig erscheinen,

oder dann gar nicht, und verließ das Haus. Sie ging aber nicht den

Berg hinan, sondern hinunter, dem Buchenrain zu, denn sie wollte

sogleich versuchen, das Wiseli dahin zu bringen, wo sie es so gern

haben wollte.

Am Buchenrain angekommen, traf die Frau Oberst gerade mit dem

Vetter-Götti zusammen, wie er ins Haus hineintreten wollte. Er

begrüßte sie, ein wenig erstaunt über den Besuch, und sie teilte ihm

gleich beim Eintreten in die Stube mit, warum sie gekommen sei,

und wie sehr sie hoffe, keinen Abschlag zu bekommen, denn es liege

ihr viel daran, daß das Wiseli die Pflege zu Ende führen könne, was

es schon zu tun imstande sei. Da die Base in der Küche die

Unterhaltung hörte, kam sie auch herein und war noch erstaunter als

ihr Mann, den Besuch vorzufinden. Er erklärte ihr, warum die Frau

Oberst gekommen sei, und sie meinte gleich, das sei schon nichts,

69


von dem Kinde werde niemand eine besondere Hilfe erwarten. Da

sagte aber der Mann: was recht sei, müsse man gelten lassen; das

Wiseli könne helfen, wo es sei, es sei anstellig bei allen Geschäften;

er würde das Kind nicht einmal gern fort lassen, es sei folgsam und

gelehrig. So für vierzehn Tage wollte er nichts dawider haben, daß es

den Andres ein wenig verpflege; bis dahin werde er wohl wieder auf

sein, daß es heim könne, denn länger könnte es dann nicht fort sein,

dann kommen schon so allerhand Geschäfte, die ihm zukommen,

denn da müsse man schon für den Frühling rüsten.

,,Ja, ja", setzte jetzt die Frau ein, ,,es kommt mir nicht in den Sinn,

immer wieder von vorn mit ihm anzufangen; jetzt habe ich ihm alles

mit Mühe gezeigt, das kann es nun anwenden; der Andres soll nur

selber eins anziehen, wenn er eins braucht."

,,Ja, wegen vierzehn Tagen", sagte der Mann beschwichtigend, ,,da

wollen wir auch nichts sagen, man muß einander etwas zu Gefallen

tun."

,,Ich danke Euch für den Dienst", sagte nun die Frau Oberst, indem

sie aufstand; ,,der Andres wird Euch gewiß auch recht dankbar sein.

Kann ich das Wiseli gleich mit mir nehmen?"

Die Base murrte etwas, es werde nicht so stark pressieren; aber der

Mann fand es am besten so. Je schneller es gehe, je früher sei es

wieder da, meinte er; denn er stellte durchaus auf vierzehn Tage ab.

Wiseli wurde herbeigerufen, und der Vetter-Götti sagte ihm, es solle

schnell sein Bündelchen Kleider zusammenmachen, weiter nichts.

Wiseli gehorchte sogleich; fragen durfte es nicht, warum. Seit es sein

Bündelchen in das Haus gebracht hatte, war nun gerade ein Jahr

verflossen; es war nichts Neues hinzugekommen, als sein schwarzes

Röcklein, das hatte es an, es war aber nun fertig getragen und hing

wie ein Fetzchen an dem Kinde herab, und Wiseli schaute ein wenig

scheu die Frau Oberst an, als es nun mit seinem leichten

Bündelchen dastand. Sie verstand den schüchternen Blick und sagte:

70


,,Komm nur, Wiseli, wir gehen nicht weit, es geht schon so." Dann

nahm sie schnell Abschied von den Leuten, und als Wiseli dem

Vetter-Götti die Hand gab, sagte er:

,,Du kommst bald wieder heim, es ist nicht zum Abschiednehmen."

Jetzt trippelte das Wiseli schweigend und sehr verwundert in seinem

Herzen hinter der Frau Oberst her, die rasch über den beschneiten

Feldweg hinschritt, so, als befürchtete sie, man könnte sie samt dem

Wiseli wieder zurückholen. Als aber der Buchenrain gar nicht mehr

zu sehen war, da kehrte sie sich um und stand still.

,,Wiseli", sagte sie freundlich, ,,kennst du den Schreiner Andres?"

,,Ja freilich", antwortete Wiseli, und ein Lichtstrahl schoß aus des

Kindes Augen, als es den Namen hörte. Die Frau Oberst war ein

wenig erstaunt.

,,Er ist krank", fuhr sie fort; ,,willst du ihn ein wenig verpflegen und

für ihn tun, was nötig ist, und etwa vierzehn Tage bei ihm bleiben?"

Mehr als Wiselis schnelle und kurze Antwort: ,,Ja, gern!" sagte der

Frau Oberst sein Gesicht, das ganz von einer hohen Freudenröte

übergossen wurde. Die Oberstin sah das gern; doch mußte sie sich

verwundern, daß Wiseli eine so besondere Freude zeigte, denn sie

wußte nichts von seinem Erlebnis mit dem Andres, aber das Wiseli

hatte es nie vergessen. Sie gingen nun wieder weiter. Aber nach einer

Weile fügte die Frau Oberst noch bei:

,,Du mußt es dann dem Schreiner Andres sagen, daß du so gern zu

ihm gekommen bist, Wiseli, er glaubt es sonst nicht; vergiß es

nicht."

,,Nein, nein", versicherte das Kind, ,,ich denke schon daran." Nun

waren sie bei dem Hause angekommen. Hier fand die Frau Oberst

für gut, das Wiseli seinen Weg allein machen zu lassen; denn nach

71


allem, was sie bemerkt hatte, mußte es ihm nicht schwer werden, ihn

zu finden. Sie verabschiedete das Kind an der Ecke und sagte ihm,

am Morgen werde sie wieder herunterkommen und sehen, wie es

ihm gehe in dem neuen Haushalt, und wenn der Schreiner Andres

etwas brauche, das nicht da sei, so solle es zu ihr kommen. Wiseli

schritt nun getrost durch das Gärtchen und machte die Haustür auf;

es wußte, daß der Andres drinnen in der Kammer liege hinter der

Stube. So trat es leise in die Stube ein; da war niemand drin, aber es

war schön aufgeräumt noch von der alten Trine her. Es schaute alles

gut an, wie es sein müsse. An der Wand hinten in der Stube stand

schön geordnet und zu einem rechten Bett aufgerüstet das große

hölzerne Lager, das man die Kutsche nennt; der Vorhang war fast

zugezogen darüber weg, aber Wiseli konnte doch sehen, wie schön

und sauber es aussah, und es wunderte sich, wer da schlafe. Jetzt

klopfte es leise an die Kammertür, und auf den Ruf des Andres trat

es ein und blieb ein wenig scheu an der Tür stehen. Andres richtete

sich auf in seinem Bett, zu sehen, wer da sei.

,,Ach, ach", sagte er, halb erfreut und halb erschrocken, ,,bist du es,

Wiseli? Komm, gib mir die Hand." Wiseli gehorchte.

,,Bist du auch nicht ungern zu mir gekommen?"

,,Nein, nein", antwortete Wiseli zuversichtlich. Aber der Schreiner

Andres war noch nicht beruhigt.

,,Ich meine nur, Wiseli", fuhr er wieder fort, ,,du wärest vielleicht

lieber nicht gekommen; aber die Frau Oberst ist so gut, und du hast

ihr vielleicht einen Gefallen tun wollen."

72


,,Nein, nein", versicherte Wiseli noch einmal, ,,sie hat gar nicht

gesagt, daß es ihr ein Gefallen sei; sie hat mich gefragt, ob ich gehen

wolle, und ich wäre auf der ganzen Welt nirgends so gern

hingegangen, wie zu Euch."

73


Diese Worte mußten den Andres ganz beruhigt haben; er fragte

nichts mehr, er legte seinen Kopf auf sein Kissen zurück und

schaute stumm das Wiseli an; dann mußte er sich auf einmal

umkehren und ein Mal über das andere seine Augen wischen.

,,Was muß ich jetzt tun?" fragte Wiseli, als er sich immer noch nicht

umkehrte. Jetzt wandte er sich und sagte mit dem freundlichsten

Tone:

,,Ich weiß es gewiß nicht, Wiseli; tu du nur, was du willst, wenn du

nur ein wenig bei mir bleiben willst."

Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah. Seit es seine Mutter zum

letzten Male gehört, hatte niemand mehr so zu ihm geredet; es war

gerade, als spüre es die Liebe seiner Mutter wieder in Andres′

Worten und Weise. Es mußte mit beiden Händen seine Hand

nehmen, so wie es oft die Mutter gefaßt hatte, und so stand es eine

Weile an dem Bett, und es war ihm so wohl, daß es gar nichts sagen

konnte, aber es dachte: ,,Jetzt weiß es die Mutter auch und hat eine

Freude."

Gerade so dachte der Andres mit stillem Glück in seinem Herzen:

,,Jetzt weiß es die Mutter auch und hat eine Freude."

Dann sagte auf einmal das Wiseli:

,,Jetzt muß ich Euch gewiß etwas kochen, es ist schon über Mittag.

Was muß ich kochen?"

,,Koch du nur, was du willst", sagte der Andres. Aber dem Wiseli

war es darum zu tun, dem Kranken die Sache recht zu machen, und

es fragte so lange hin und her, bis es gemerkt hatte, was er essen

müsse: eine gute Suppe und ein Stück von dem Fleisch, das im

Kasten war, und dann bestand er darauf, das Wiseli müsse noch

einen Milchbrei für sich kochen. Es wußte recht gut Bescheid in der

74


Küche, denn es hatte wirklich etwas gelernt bei der Base, wenn auch

unter harten Worten; das konnte es doch nun gut gebrauchen. So

hatte es in kurzer Zeit alles bereit gemacht, und der Kranke

wünschte, daß es ein Tischchen an sein Bett rücke und neben ihm

sitze zum Essen, daß er es auch sehen könne und wisse, daß es noch

da sei. Ein so vergnügtes Mittagsmahl hatte Wiseli lange nicht

genossen, und auch der Schreiner Andres nicht. Als sie damit zu

Ende waren, stand das Kind auf; aber Andres sah das nicht gern

und sagte:

,,Wohin willst du, Wiseli? Willst du nicht noch ein wenig dableiben,

oder wird es dir ein bißchen langweilig bei mir?"

,,Nein, gewiß nicht", versicherte Wiseli; ,,aber nach dem Essen muß

man immer aufwaschen und alles wieder sauber auf das Gestell

hinaufräumen."

,,Ich weiß schon, wie man′s macht", gestand Andres; ,,ich habe

gedacht, heute nur, so zum ersten Male, könntest du ja nur alles

zusammenstellen und dann etwa morgen einmal aufwaschen."

,,Wenn aber die Frau Oberst das sähe, so müßte ich mich fast zu

Tode schämen", und Wiseli machte ein ganz ernsthaftes Gesicht zu

seiner Versicherung.

,,Ja ja, du hast recht", beschwichtigte nun Andres. ,,Mach nur alles,

wie du meinst, und geradeso, wie es dir recht ist." Nun ging das

Wiseli an seine Arbeit und putzte und räumte und ordnete, daß alles

glänzte in seiner Küche. Dann stand es einen Augenblick still und

schaute ringsum und sagte ganz befriedigt: ,,So, nun kann die Frau

Oberst kommen." Dann kam es wieder in die Stube hinein und warf

einen fröhlichen Blick auf das schöne, große Bett auf der Kutsche

hinter dem Vorhang, denn der Schreiner Andres hatte ihm gesagt,

da müsse es schlafen, und der kleine Kasten in der Ecke gehöre

auch ihm, da könne es alles hineinräumen, was ihm angehöre. Es

legte nun die Sachen aus seinem Bündelchen alle ordentlich hinein,

75


das war auch sehr bald getan, denn es war wenig darin, und nun ging

es und setzte sich voller Freuden wieder an das Bett des Kranken,

der schon lange nach der Tür geschaut hatte, ob es noch nicht

komme. Kaum war es wieder an dem Bett, so fragte es: ,,Habt Ihr

auch einen Strumpf, an dem ich stricken kann?"

,,Nein, nein", antwortete Andres, ,,du hast ja jetzt gearbeitet, und wir

wollen nun ein wenig vergnügt zusammen reden über allerlei."

Aber Wiseli war gut geschult worden; zuerst in unvergeßlicher

Freundlichkeit von der Mutter, und dann von der Base mit Worten,

die auch nicht vergessen wurden, vor lauter Furcht, sie wieder zu

hören. Es sagte ganz überzeugt:

,,Ich darf nicht nur so dasitzen, weil es doch nicht Sonntag ist, aber

ich kann reden und an dem Strumpf stricken miteinander."

Das gefiel dem Andres nun auch wieder, und er ermunterte das

Wiseli von neuem, nur immer zu tun, was es meine, und einen

Strumpf könne es auch holen, wenn es wolle, er habe aber keinen.

Nun holte Wiseli den seinigen und setzte sich damit wieder an das

Bett hin, und es hatte recht gehabt, es konnte gut reden und stricken

miteinander. Der Schreiner Andres hatte aber auch gleich ein

Gespräch angefangen, das dem Wiseli das allerwillkommenste war.

Er hatte gleich von der Mutter zu reden begonnen, und Wiseli hatte

so gern fortgefahren, denn noch nie und mit keinem Menschen

hatte es von seiner Mutter reden können, und es dachte doch immer

an sie und alles, was es mit ihr erlebt hatte, und nun wollte der

Schreiner Andres so gern von allem wissen, immer noch mehr, und

das Wiseli wurde immer wärmer und erzählte fort und fort, als

könne es nicht mehr aufhören, und so hörte der Andres zu mit

gespannter Aufmerksamkeit, und gerade so, als wolle er am liebsten

nicht mehr aufhören zuzuhören.

In dieser Weise verging nun dem Wiseli ein Tag nach dem anderen.

Für jeden geringsten Dienst, den es leistete, dankte ihm der Andres,

als ob es ihm die größte Wohltat erwiesen hätte, und was es nur tat,

76


gefiel dem guten Mann, und er mußte es loben dafür. Er wurde in

wenig Tagen so frisch und munter bei der Pflege, daß er durchaus

aufstehen wollte, und der Doktor war ganz erstaunt, wie gut es mit

ihm ging und wie fröhlich und wohlgemut auf einmal der Schreiner

Andres aussah. Er saß nun den ganzen Tag am Fenster, wo die

Sonne hinkam, und schaute dem Wiseli nach auf Schritt und Tritt,

so als ob er es gar nie genug sehen könnte, wie es einen Kasten

aufmachte und dann wieder zu, und wie ihm unter den Händen alles

so sauber und ordentlich wurde, wie er es vorher nie gesehen hatte,

oder doch meinte, es nie gesehen zu haben. Dem Wiseli aber war es

so wohl in dem stillen Häuschen, da es nur liebevolle Worte hörte,

und unter den freundlichen Augen, die es immerfort begleiteten,

daß es gar nicht daran denken durfte, wie bald die vierzehn Tage zu

Ende sein würden und es wieder nach dem Buchenrain

zurückkehren mußte.

77


Es geschieht etwas Unerwartetes.

In dem Hause auf der Halde wurde viel vom Schreiner Andres und

dem Wiseli gesprochen. Jeden Morgen ging die Frau Oberst

nachzusehen, wie es bei dem Kranken stehe, und jedesmal brachte

sie wieder einen erfreulicheren Bericht nach Hause. Das brachte alle

zusammen in die freudigste Stimmung, und Otto und Miezchen

machten einen Plan, wie ein großes Genesungsfest müßte gefeiert

werden in des Schreiners Andres Stube, aber noch solange Wiseli da

war; das sollte eine Hauptfreude und für Andres und Wiseli eine

große Überraschung werden. Es mußte aber noch ein Fest gefeiert

werden vorher, denn heute war des Vaters Geburtstag, und schon

am frühen Morgen hatten allerlei von Otto und Miezchen erfundene

Feierlichkeiten stattgefunden, doch der Hauptmoment des Tages

war jetzt gekommen, da es zur Mittagstafel ging. Ganz feierlich

hatten Otto und Miezchen sich schon hingesetzt in großer

Erwartung aller der Dinge, die da kommen sollten. Nun erschienen

auch Vater und Mutter, und das frohe Mahl nahm seinen Anfang.

Nachdem das erste Gericht vergnüglich verzehrt worden war,

erschien eine zugedeckte Schüssel; das war entschieden das

Geburtstagsgericht. Der Deckel wurde aufgehoben, und ein

prächtiger Blumenkohl stand da, so frisch, als hätte man ihn eben im

Garten geholt.

,,Das ist ja eine prächtige Blume", sagte der Vater, ,,die muß man

loben. Aber eigentlich", fuhr er etwas enttäuscht fort, ,,suchte ich

etwas anderes unter dem Deckel, Artischocken suchte ich; kann man

die nicht auch finden irgendwo, wie Blumenkohl? Du weißt, liebe

Marie, ich schaue an gedeckten Tischen nach keinem anderen

Gerichte so aus, wie nach Artischocken."

Mit einem Male schrie das Miezchen auf:

78


,,Eben! Eben! Geradeso hat er mir gerufen zweimal, furchtbar, und

_so_ hat er den Stecken aufgehoben und _so_" ­ und Miezchen

fuhr ganz aufgeregt mit ihren Armen in der Luft herum ­, aber

urplötzlich schwieg sie und fuhr schnell herunter mit ihren Armen

bis unter den Tisch und war ganz blutrot geworden, und ihr

gegenüber saß Otto mit zornigen Augen und schoß flammende

Blicke zu Miezchen hinüber.

,,Was ist das für eine seltsame Verherrlichung meines

Geburtstages?" fragte der Vater mit Staunen. ,,Über den Tisch hin

schreit meine Tochter, als wollte man sie umbringen, und unter dem

Tisch durch versetzt mir mein Sohn so entsetzliche Stiefelstöße, daß

ich blaue Flecken bekomme. Ich möchte wissen, Otto, wo du diese

angenehme Unterhaltung gelernt hast."

Jetzt war die Reihe an Otto, feuerrot zu werden bis unter die Haare

hinauf. Er hatte dem Miezchen unter dem Tisch durch einige

deutliche Mahnungen geben wollen, daß es schweigen solle, hatte

aber den unrechten Platz getroffen und mit seinem Stiefel des Vaters

Bein in erstaunlicher Weise bearbeitet. Das hatte Otto nun entdeckt;

er durfte nicht mehr aufschauen.

,,Nun Miezchen", fing der Vater wieder an, ,,was ist denn aus deiner

Räubergeschichte geworden, du kamst ja gar nicht zu Ende. Also

′Artischocke′ hat der furchtbare Mann dich genannt und den

Stecken erhoben und dann?"

,,Dann, dann", stotterte Miezchen kleinlaut ­ denn es hatte

begriffen, daß es auf einmal alles verraten hatte, und daß der Otto

den Zuckerhahn zurückfordern würde ­, ,,dann hat er mich doch

nicht totgeschlagen."

,,So, das war eine Artigkeit von ihm", lachte der Vater, ,,und dann

weiter?"

,,Dann weiter gar nichts mehr", wimmerte Miezchen.

79


,,So, so, die Geschichte nimmt also ein fröhliches Ende. Der Stecken

bleibt in der Luft, und Miezchen geht als kleine Artischocke nach

Hause. Jetzt wollen wir gleich anstoßen auf alle wohlgeratenen

Artischocken und auf des Schreiners Andres Gesundheit!"

Damit hob der Vater sein Glas, und die Tischgesellschaft stimmte

ein. Es standen aber alle ein wenig still vom Tisch auf, denn in

jedem waren allerlei schwere Gedanken aufgestiegen, nur der Vater

blieb unangefochten, setzte sich zu seiner Zeitung und steckte eine

Zigarre an. Otto schlich ins andere Zimmer hinüber, drückte sich in

eine Ecke und dachte darüber nach, wie es sein werde, wenn al e

anderen wieder im Mondschein schlitten würden und er nie mehr

dabei sein dürfte, denn er wußte, daß die Mutter dies von nun an

verbieten würde. Miezchen kroch ins Schlafzimmer hinein, kauerte

sich neben dem Bett auf das Schemelchen nieder, nahm den roten

Zuckerhahn auf den Schoß und war sehr traurig, daß es ihn zum

letzten Male sehen sollte. Die Mutter blieb eine Zeitlang stumm und

sinnend am Fenster stehen und bewegte Gedanken in ihrem Herzen

hin und her, die sie immer mehr und aufregender beschäftigen

mußten, denn jetzt fing sie an, im Zimmer hin und her zu gehen,

und plötzlich verließ sie es und lief hierhin und dahin, nach dem

Miezchen suchend. Sie fand es endlich noch hinter seinem Bett auf

dem Schemel sitzend, in seine traurigen Betrachtungen versunken.

,,Miezchen", sagte die Mutter, ,,jetzt erzähl mir recht, wo und wann

ein Mann dir drohte, und was er dir nachgerufen hat."

Miezchen erzählte, was es wußte, es kam aber nicht viel mehr

heraus, als es schon gesagt hatte. Nachgerufen hatte ihm der Mann

das Wort, das der Papa über Tisch gesagt hatte, behauptete es. Die

Mutter kehrte in das Zimmer zurück, wo der Vater saß, ging gleich

zu ihm heran und sagte in erregtem Ton:

,,Ich muß es dir wirklich sagen, es kommt mir immer

wahrscheinlicher vor."

80


Der Oberst legte seine Zeitung weg und schaute erstaunt seine Frau

an.

,,Siehst du", fuhr diese fort, ,,die Szene am Tisch hat mir mit einem

Male einen Gedanken erweckt, und je mehr ich ihn verfolge, je

fester gestaltet er sich vor meinen Augen."

,,Setz dich doch und teil mir ihn mit", sagte der Oberst, ganz

neugierig geworden. Seine Frau setzte sich neben ihn hin und fuhr

fort: ,,Du hast Miezchens Aufregung gesehen, sie war sichtlich

erschreckt worden von dem Mann, von dem sie sprach, es war nicht

Spaß gewesen: darum ist es klar, daß er das Kind nicht ′Artischocke′

genannt hat. Wird er es nicht viel eher ′Aristokratin′ oder

′Aristokratenbrut′ genannt haben? Du weißt, wer uns vorzeiten

diesen Titel nachrief, meinem Bruder und mir. Diesen Augenblick

habe ich von Miezchen gehört, daß der Vorfall sich an dem Abend

ereignet hatte, da die Kinder im Mondschein auf der Schlittbahn

waren. An demselben Abend noch wurde Andres halb erschlagen

gefunden. Seit Jahren war der unheimliche Jörg verschwunden, und

im ersten Augenblick, da man wieder Spuren von ihm hat, geschieht

die Gewalttätigkeit an seinem Bruder, dem kein anderer je etwas

zuleide getan hat, als er. Macht dir das nicht auch Gedanken?"

,,Wahrhaftig, da könnte was dran sein", entgegnete der Oberst

nachdenklich; ,,da muß ich sofort handeln."

Er stand auf, rief nach seinem Knecht, und wenige Minuten

nachher fuhr er im scharfen Trab zur Stadt hinunter. Von da an fuhr

der Oberst jeden Tag einmal nach der Stadt, um zu hören, ob

Berichte eingegangen seien. Am vierten Tage, als er nach Hause kam

am Abend und seine Frau noch an Miezchens Bett verweilte, ließ er

sie schnell rufen, denn er hatte ihr Wichtiges zu erzählen. Sie setzten

sich dann zusammen, und der Oberst teilte seiner Frau mit, was er

in der Stadt vernommen hatte. Auf seine Aussagen hin hatte die

Polizei sogleich heimlich nach dem Jörg gesucht, und er war ohne

große Mühe gefunden worden, denn er war ganz sicher, daß kein

81


Mensch ihn gesehen hatte, da er nur des Nachts in sein Dorf

gekommen und gleich wieder verschwunden war. So war er zunächst

nur nach der Stadt hinuntergegangen und hatte sich in den

Wirtshäusern herumgetrieben. Als er nun festgenommen und

verhört wurde, leugnete er zuerst alles; als er aber hörte, der Oberst

Ritter habe schlagende Beweise gegen ihn vorzubringen, da entfiel

ihm der Mut, denn er dachte, der Herr Oberst müsse ihn gesehen

haben, sonst wäre es unmöglich, daß er gerade auf ihn geraten hätte,

da er frisch aus neapolitanischen Kriegsdiensten zurückgekommen

war. Daß ein einziges Wort, das er einem kleinen Kinde angeworfen

hatte, ihn hatte verraten können, davon hatte er keine Ahnung. Er

fing dann an, furchtbar auf den Obersten zu schimpfen, und sagte,

er habe immer gedacht, diese Aristokratenbrut werde ihn noch ins

Unglück bringen. Im weiteren Verhör gestand er dann, er habe

seinen Bruder aufsuchen und Geld von ihm entlehnen wollen. Als er

durch das erleuchtete Fenster ihn erblickte, wie er eben eine gute

Summe Geld vor sich liegen hatte, da kam ihm der Gedanke, den

Andres niederzuschlagen und das Geld zu nehmen. Töten habe er

ihn nicht gewollt, nur ein wenig bewußtlos machen, damit er ihn

nicht kenne. Der größte Teil der Summe wurde noch bei ihm

gefunden; diese wurde ihm abgenommen und dann der Jörg in den

Turm gesetzt.

Als dieser Vorgang bekannt wurde, gab es eine ungeheure

Aufregung im ganzen Dorfe, denn eine solche Geschichte war noch

gar nicht vorgefallen, seit es stand. Besonders in der Schule kam

alles aus der Ordnung, so stark beteiligten sich alle Schüler an der

aufregenden Begebenheit. Otto war einige Tage ganz außer Atem,

da er beständig da- und dorthin zu laufen hatte, wo noch ein näherer

Umstand von der Sache zu hören war. Am dritten Abend nach der

Verbreitung der Nachricht kam er aber so nach Hause gestürzt, daß

ihn die Mutter ermahnen mußte, erst einen Augenblick stillzusitzen,

da er vor Atemlosigkeit kein Wort hervorbrachte und doch durchaus

wieder eine Neuigkeit erzählen wollte. Endlich konnte er sie in

Worte bringen. Man hatte den Joggi, der bis dahin eingesperrt

geblieben war, herausholen wollen, aber der arme Tropf hatte

82


immerfort seine große Furcht beibehalten, und nun glaubte er, man

hole ihn zum Köpfen ab, und sperrte sich ganz furchtbar, die

Kammer zu verlassen. Dann hatten zwei Männer ihn mit aller

Gewalt herausgeschleppt, er hatte aber so geschrieen und getan, daß

alle Leute herbeiliefen, und dann hatte er sich noch mehr gefürchtet,

und auf einmal, nachdem er herausgekommen, war er

davongeschossen wie ein Pfeil und in die nächste Scheune hinein in

den hintersten Winkel des Stalles. Da hockte er ganz

zusammengeballt mit einem furchtbar erschrockenen Gesicht, und

kein Mensch konnte ihn von der Stelle bringen. Schon seit gestern

hockte er so ohne Bewegung, und der Bauer hatte gesagt, wenn er

nicht bald aufstehe, wolle er ihn mit der Heugabel fortbringen.

,,Das ist ja eine ganz traurige Geschichte, Kinder", sagte die Mutter,

als Otto fertig erzählt hatte. ,,Der arme Joggi! Was muß er nun

leiden in seiner Angst, die ihm niemand wegnehmen kann, da er

nicht versteht, was man ihm erklären könnte, und der arme,

gutmütige Joggi ist ja ganz unschuldig. Ach, Kinder, hättet ihr mir

doch gleich das ganze Erlebnis erzählt, als ihr am Abend von der

Schlittbahn kamt; euer Verheimlichen hat recht Trauriges zur Folge

gehabt. Könnten wir doch den armen Menschen trösten und wieder

fröhlich machen." Das Miezchen war ganz weich geworden. ,,Ich

will ihm den roten Zuckerhahn geben", schluchzte es.

Auch Otto war ein wenig zerknirscht. Er sagte zwar etwas

verächtlich: ,,Ja noch gar, einen Zuckerhahn einem erwachsenen

Menschen geben! Behalt du den nur für dich." Aber dann bat er die

Mutter, ihm und Miezchen zu erlauben, dem Joggi etwas zu essen in

den Stall zu bringen, er hatte gar nichts gehabt, seit er dort kauerte,

zwei ganze Tage lang.

Das erlaubte die Mutter gern, und es wurde sogleich ein Korb

geholt und Wurst und Brot und Käse hineingesteckt. Dann gingen

die Kinder den Berg hinunter, dem Stalle zu.

Mit einem ganz weißen, erschreckten Gesicht kauerte der Joggi

hinten im Winkel und rührte sich nicht. Die Kinder kamen ein

83


wenig näher. Otto zeigte dem Zusammengekrümmten den offenen

Korb und sagte:

,,Komm hervor, Joggi, komm, das ist alles für dich zum essen."

Joggi bewegte sich nicht.

,,Komm doch, Joggi", mahnte Otto weiter, ,,siehst du, sonst kommt

der Bauer und sticht dich mit der Heugabel hervor."

Joggi stieß einen erschreckten Ton aus und krümmte sich noch

enger zusammen in den Winkel hinein, wie in ein Loch.

Jetzt ging Miezchen vorwärts und kam ganz nahe an den Joggi

heran, hielt den Mund an sein Ohr und flüsterte hinein: ,,Komm du

nur mit mir, Joggi, sie dürfen dich nicht köpfen, der Papa hilft dir

schon, und siehst du, das Christkindlein hat dir einen roten

Zuckerhahn gebracht"; und Miezchen nahm ganz heimlich den

Zuckerhahn aus seiner Tasche und steckte ihn dem Joggi zu.

Diese heimlichen Trostesworte hatten eine wunderbar wirksame

Kraft. Der Joggi schaute das Miezchen an, ganz ohne Schrecken,

dann schaute er auf seinen roten Zuckerhahn, und dann fing er an

zu lachen, was er seit vielen Tagen nicht mehr getan hatte. Dann

stand er auf, und nun ging Otto voran aus dem Stall heraus, dann

kam das Miezchen und ihm folgte der Joggi auf dem Fuß. Draußen

aber, als Otto dem Joggi sagte: ,,Das kannst du mitnehmen, wir

gehen nun heim und du auch, dort hinunter", ­ da schüttelte Joggi

den Kopf und stellte sich hinter das Miezchen. So gingen alle drei

weiter, der Halde zu, voran der Otto, dann Miezchen, dann der

Joggi. Die Mutter sah den Zug herankommen, und ihr Herz wurde

ganz erleichtert, als sie sah, wie der Joggi hinter dem Miezchen

herschritt, den roten Zuckerhahn in der Hand hielt und immerfort

vergnüglich lachte. So traten die drei ins Haus und in die Stube, und

hier holte das Miezchen geschäftig einen Stuhl, nahm den Eßkorb

zur Hand und winkte dem Joggi, daß er komme. Als er dann am

84


Tische saß, legte es alles, was im Korb war, vor ihn hin und sagte

beschützend: ,,Iß du jetzt nur, Joggi, und iß du nur alles auf und sei

nun ganz fröhlich." Da lachte der Joggi und aß die beiden großen

Würste und das ganze Brot und das ungeheure Stück Käse ganz

fertig und dann noch die Krumen. Den roten Zuckerhahn hielt er

die ganze Zeit über fest mit seiner linken Hand und schaute ihn an

von Zeit zu Zeit und lachte unbeschreiblich vergnüglich, denn

Wurst und Brot hatte er wohl auch schon bekommen, aber einen

roten Zuckerhahn hatte ihm in seinem ganzen Leben noch nie

jemand geschenkt. Endlich ging der Joggi die Halde hinunter. Voller

Freuden schauten die Mutter, Otto und Miezchen ihm nach: er hielt

seinen Zuckerhahn bald in der einen, bald in der anderen Hand,

lachte immerzu und hatte seinen Schrecken gänzlich vergessen. ­

Seit drei Tagen hatte die Frau Oberst den Schreiner Andres nicht

besucht. Es hatte sich so vieles ereignet in diesen Tagen, daß sie gar

nicht begriff, wie die Zeit dahingegangen war; doch konnte sie ja

ruhig sein, sie wußte, daß der Andres gut verpflegt und besorgt und

dazu auf dem besten Wege der Genesung war.

Ihr Mann hatte gleich am Morgen nach seiner Rückkehr aus der

Stadt den Andres besucht, um ihm die Entdeckung und die

Festnahme seines Bruders selbst mitzuteilen. Andres hatte ganz

ruhig zugehört und dann gesagt: ,,Er hat es so haben wollen; es wäre

doch besser gewesen, er hätte mich um ein wenig Geld gebeten, ich

hätte ihm ja schon gegeben; aber er hat immer lieber geprügelt, als

gute Worte gegeben."

Jetzt trat die Frau Oberst am sonnigen Wintermorgen aus ihrer Tür

und stieg fröhlichen Herzens den Berg hinunter, denn sie

beschäftigte sich in ihrem Innern mit einem Gedanken, der ihr

wohlgefiel. Als sie die Haustür aufmachte beim Schreiner Andres,

kam Wiseli eben aus der Stube heraus. Seine Augen waren ganz

aufgeschwollen und hochrot vom Weinen. Es gab der Frau Oberst

nur flüchtig die Hand und schoß scheu in die Küche hinein, um sich

zu verbergen. So hatte die Frau Oberst das Wiseli noch gar nie

85


gesehen. Was konnte da begegnet sein? Sie trat in die Stube ein. Da

saß am sonnigen Fenster der Andres und sah aus, als sei ein noch

nie erlebtes Unheil über ihn hereingebrochen. ,,Was ist denn hier

geschehen?" fragte die Frau Oberst und vergaß im Schrecken,

,,guten Tag" zu sagen.

,,Ach, Frau Oberst", stöhnte Andres, ,,ich wollte, das Kind wäre nie

in mein Haus gekommen!"

,,Was", rief sie noch erschrockener aus, ,,das Wiseli? Kann dieses

Kind Euch ein Leid angetan haben?"

,,Ach, um′s Himmels willen, nein, Frau Oberst, so meine ich′s

nicht", entgegnete Andres in Aufregung; ,,aber nun ist das Kind bei

mir gewesen und hat mir ein Leben gemacht in meinem Häuschen,

wie im Paradies, und jetzt muß ich das Kind wieder hergeben, und

alles wird viel öder und leerer um mich her sein, als vorher. Ich kann

es nicht aushalten; Sie können sich gar nicht denken, wie lieb mir

das Kind ist; ich kann es nicht aushalten, wenn sie mir′s wegnehmen.

Morgen muß es gehen, der Vetter-Götti hat schon zweimal den

Buben geschickt; es müsse nun zurück, morgen müsse es sein. Und

dann ist noch etwas, das mir fast das Herz zersprengt: seitdem der

Vetter-Götti geschickt hat, ist das Kind ganz still geworden und

weint heimlich; es will es nicht so zeigen, aber man kann′s wohl

sehen, es macht ihm so schwer, zu gehen, und morgen muß es sein.

Ich übertreibe nicht, Frau Oberst, aber das kann ich sagen: alles, was

ich seit dreißig Jahren erspart und erarbeitet habe, gäbe ich seinem

Vetter-Götti, wenn er mir das Kind ließe."

Die Frau Oberst hatte den aufgeregten Andres ganz fertig reden

lassen; jetzt sagte sie ruhig: ,,Das würde ich nicht tun an Eurer Stelle,

ich würde es ganz anders machen."

Andres schaute sie fragend an.

86


,,Seht, Andres, so würde ich es machen: ich würde sagen: ′All′ mein

wohlverdientes Gut will ich jemandem zurücklassen, der mir lieb ist.

Ich will das Wiseli an Kindes Statt annehmen, ich will sein Vater

sein, und es soll von Stund an als mein Kind in meinem Hause

bleiben.′ Würde es Euch nicht gefallen so, Andres?"

Der Andres hatte lautlos zugehört und seine Augen waren immer

größer geworden. Jetzt ergriff er vor Bewegung die Hand der Frau

Oberst und drückte sie gewaltig zusammen, dann keuchte er hervor:

,,Kann man das wirklich machen? Könnte ich das mit dem Wiseli

tun, so daß ich sagen könnte: das Wiseli ist mein Kind, mein eigenes

Kind, und niemand hat mehr ein Recht an das Kind, und kein

Mensch kann es mir mehr nehmen?"

,,Das könnt Ihr, Andres", versicherte die Frau Oberst, ,,geradeso!

Sobald das Wiseli Euer Kind ist, hat kein Mensch mehr ein Recht

auf das Kind, Ihr seid der Vater. Und seht, Andres, weil ich mir

gedacht hatte, Ihr könntet den Wunsch haben, das Wiseli zu

behalten, so habe ich meinen Mann gebeten, heute nicht

fortzugehen, im Fall Ihr etwa gern gleich nach der Stadt in die

Kanzlei fahren würdet, daß alles bald festgesetzt werde, denn zu

Fuß könnt Ihr noch nicht gehen."

Andres wußte gar nicht, was er tat vor Aufregung und Freude. Er

lief dahin und dorthin und suchte den Sonntagsrock; dann rief er

ein Mal ums andere: ,,Ist es auch sicher wahr? Kann′s auch sein?"

Dann stand er wieder vor die Frau Oberst hin und fragte: ,,Kann es

jetzt sein, gleich jetzt, heut′ noch?"

,,Gleich jetzt", versicherte sie; doch gab sie nun dem Schreiner

Andres die Hand zum Abschied, sie mußte gehen und ihrem Manne

mitteilen, daß Andres schon reisefertig sei.

,,Ihr solltet es dem Wiseli erst am Abend sagen, wenn alles gut

eingeleitet ist und Ihr wieder ruhig daheim seid", bemerkte die Frau

Oberst noch unter der Tür; ,,meint Ihr nicht?"

87


,,Ja, sicher, sicher", gab Andres zur Antwort; ,,jetzt könnt′ ich′s fast

nicht sagen."

Als die Tür sich schloß, setzte sich Andres auf seinen Stuhl nieder

und zitterte an Händen und Füßen so sehr, daß er meinte, er könne

nie mehr davon aufstehen, so war ihm die Freude und Aufregung in

alle Glieder gefahren. Es währte aber kaum eine halbe Stunde, da

kam schon des Obersten Wagen angefahren und hielt still am

Gärtchen des Schreiners, und zu Wiselis unbeschreiblichem

Erstaunen stieg der Knecht von seinem Sitz herunter, kam herein,

und nach wenigen Minuten sah es, wie er wieder herauskam, den

Schreiner Andres mit beiden Armen festhielt und ihm dann in den

Wagen hinein half. Wiseli schaute dem Fuhrwerk nach, als bewege

sich etwas Unfaßliches vor seinen Augen, denn der Schreiner

Andres hatte kein Wort mehr zu ihm sagen können, nicht einmal,

daß er ausfahren werde. So wie er sich niedergesetzt hatte, war er

sitzen geblieben, bis der Knecht ihn herausholte, und das Wiseli

hatte sich immer noch verborgen gehalten. Jetzt ging es in die Stube

hinein und saß ans Fenster, wo sonst der Schreiner Andres saß, und

konnte gar nichts anderes mehr denken als nur immerzu: ,,Heute ist

der letzte Tag, und morgen muß ich zum Vetter-Götti." Als der

Mittag herankam, ging Wiseli in die Küche hinaus und machte

zurecht, was der Andres essen sollte; aber er kam nicht, und es

wollte nichts berühren, bis er auch dabei war. So ging es wieder

hinein, und auf der Stelle stand der traurige Gedanke wieder vor

ihm und es mußte ihm wieder nachhangen. Aber endlich wurde es

so müde davon, daß sein Kopf ihm auf die Schulter fiel und es fest

einschlief; aber noch im Schlaf mußte es immer sagen: ,,Und

morgen muß ich zum Vetter-Götti." Und Wiseli sah nicht, wie leise

der helle Abendschein in die Stube hineinfiel und einen schönen Tag

verkündigte.

Wiseli schoß auf, als jemand die Stubentür öffnete; es war der

Schreiner Andres. Das Glück leuchtete ihm aus den Augen wie

heller Sonnenschein, so hatte ihn Wiseli noch nie gesehen. Es

schaute verwundert zu ihm auf. Jetzt mußte er auf seinen Stuhl

88


sitzen und Atem holen vor Bewegung, nicht vor Erschöpfung; dann

rief er mit triumphierender Stimme:

,,Es ist wahr, Wiseli, es ist alles wirklich wahr! Die Herren haben alle

′Ja′ gesagt. Du gehörst mir, ich bin dein Vater, sag mir einmal

′Vater′!"

Wiseli war ganz schneeweiß geworden; es stand da und starrte den

Andres an, aber es sagte kein Wort und bewegte sich nicht.

,,Ja so, ja so", fing Andres wieder an; ,,du kannst es ja nicht

begreifen, es kommt mir alles durcheinander vor Freuden; jetzt will

ich von vorn anfangen. Siehst du, Wiseli, jetzt eben habe ich es in

der Kanzlei verschrieben: du bist jetzt mein Kind und ich bin dein

Vater, und du bleibst hier bei mir für immer und gehst nie mehr

zurück zum Vetter-Götti, hier bist du daheim, hier bei mir."

Jetzt hatte Wiseli alles begriffen. Auf einmal sprang es auf den

Andres zu und umfaßte ihn mit beiden Armen und rief: ,,Vater!

Vater!" Der Andres brachte kein Wort mehr hervor und das Wiseli

auch nicht, denn es kam ihm so viel zusammen im Herzen und in

den Gedanken, daß es ganz überwältigt wurde. Aber mit einem Male

war es, als ob ihm ein helles Licht aufginge; es schaute den Andres

mit leuchtenden Augen an und rief frohlockend: ,,O Vater, jetzt

weiß ich alles, wie es zugegangen ist und wer dazu geholfen hat."

,,So, so, und wer denn, Wiseli?" fragte er.

,,Die Mutter!" war die rasche Antwort.

,,Die Mutter?" wiederholte Andres, ein wenig erstaunt, ,,wie meinst

du das, Wiseli? wie meinst du das?"

Jetzt erzählte das Kind, wie es die Mutter gesehen hatte, ganz

deutlich, wie sie es bei der Hand genommen und ihm einen

sonnigen Weg gezeigt und gesagt hatte: ,,Sieh, Wiseli, das ist dein

89


Weg." ­ ,,Und jetzt, Vater", rief Wiseli immer eifriger fort, ,,jetzt ist

mir auf einmal in den Sinn gekommen, wie der Weg war, gerade so,

wie der draußen im Garten, wenn die Sonne darauf scheint und die

Nelken so rot glühen und auf der anderen Seite die Rosen, und die

Mutter hat ihn schon gekannt und hat gewiß das ganze Jahr am

lieben Gott angehalten, daß ich dürfe auf den Weg kommen, sie hat

schon gewußt, wie gut ich es bei dir haben würde, wie sonst

nirgends auf der ganzen Welt. Das glaubst du jetzt auch, Vater, daß

alles so gegangen ist, nicht wahr, seit du weißt, daß die Mutter mir

den Weg bei den Nelken gezeigt hat?"

Der gute Andres konnte nichts sagen, die hellen Tränen liefen ihm

die Wangen hinunter; dabei aber lachte ihm eine solche Freude aus

den nassen Augen, daß es dem Wiseli nicht bange wurde. Als er aber

endlich etwas sagen wollte, da hörte man nichts davon, denn in dem

Augenblick wurde mit einem ungeheuren Knall die Tür

aufgeschlagen und herein sprang mit einem Satz bis mitten in die

Stube der Otto, dann machte er noch einen großen Sprung über

einen Stuhl weg und rief: ,,Juhe, wir haben′s gewonnen, und das

Wiseli ist erlöst!" Hinter ihm stürzte das Miezchen hervor, rannte

gleich auf seinen Freund los und sagte mit bedeutungsvol em

Winken gegen die Tür hin: ,,Jetzt, Andres, wirst du gleich sehen, was

kommt zum Genesungsfest!", und eh′ es noch fertig gesprochen,

arbeitete der Bäckerjunge sich zur Tür herein mit einem so

ungeheuren Brett auf dem Kopf, daß er in der Tür stecken blieb

und nicht damit weiterdringen konnte. Aber von hinten kam eine

kräftige Hand, die hob und schob und stützte das wankende

Gebäude, bis es glücklich in der Stube angelangt und auf den Tisch

gesetzt war, den es gänzlich bedeckte, von oben bis unten. Denn

Otto und Miezchen hatten ersonnen, aus ihren Sparbüchsen zum

Genesungsfest den allergrößten Rahmkuchen machen zu lassen, den

ein Mensch machen könnte. Da er nun zu klein geworden wäre als

runder Kuchen, so hatte man ihn viereckig gemacht, so daß er den

Ofen ausfüllte von vorn bis hinten und nun den ganzen Tisch

bedeckte. Auf den Boden hin stellte nun die Trine, die hinter dem

90


Bäckerjungen hilfreich hereingekommen war, ihren großen Korb

nieder; da war ein schöner Braten darin und stärkender Wein dazu,

denn die Frau Oberst hatte gesagt, heute habe der Andres gewiß

noch keinen Bissen gegessen, und vielleicht noch dazu das Wiseli

nicht, und so war es auch, und jetzt merkte es auch das Wiseli auf

einmal, als es alle die einladenden Sachen vor sich sah. Nun setzte

sich die ganze Gesellschaft zu Tisch, und man konnte gar nicht

absehen, wer von allen das fröhlichste Gesicht am Tische hatte. Vor

allem mußte der Riesenkuchen in der Mitte zerschnitten und die

Hälfte auf den Boden gelegt werden, daß man Platz bekam, und

nun folgte ein Festessen von so fröhlicher Art, daß noch gar nie ein

fröhlicheres stattgefunden hat, denn jedem, das an diesem Tisch saß,

war sein höchster Wunsch in Erfüllung gegangen.

Wie es nun spät geworden war unter all der Freude und man endlich

vom Tisch aufstehen mußte ­ denn die Trine stand schon lange

bereit zum Abholen ­, da sagte Andres: ,,Heut′ habt ihr das Fest

bereitet, aber auf den Sonntag will ich auch eins bereiten, dann

kommt ihr wieder, und das soll das Fest des Einstandes sein für

mein Töchterchen."

Nun schüttelten sich alle die Hände in der frohen Aussicht auf ein

neues herrliches Fest und auf die immerwährende Befriedigung, das

Wiseli beim Schreiner Andres zu wissen. Unter der Tür aber gab

Wiseli dem Otto noch einmal die Hand und sagte:

,,Ich danke dir hunderttausendmal für alles Gute, Otto. Der Chäppi

hat mir auch nie mehr etwas an den Kopf geworfen, weil er nicht

durfte; das habe ich nur dir zu danken."

,,Und ich danke dir auch, Wiseli", entgegnete Otto; ,,ich habe gar nie

mehr die Fetzen auflesen müssen in der Schule; das habe ich nur dir

zu danken."

,,Und ich auch", behauptete Miezchen, denn es wollte nicht weniger

erfreuliche Erfahrungen gemacht haben.

91


Als nun in dem Stübchen alles still geworden war und der

Mondschein leise durchs Fenster hereinkam, bei dem der Schreiner

Andres abgesessen war, während das Wiseli noch alles aufräumen

wollte, da kam es zu ihm heran und sagte, indem es seine Hände

faltete:

,,Vater, soll ich nicht den Liedervers der Mutter dir laut vorbeten?

Ich hab′ ihn heut′ Abend immer wieder leise für mich sagen müssen,

den will ich gewiß mein ganzes Leben lang nie vergessen."

Andres war sehr zufrieden, den Vers zu hören, und Wiseli schaute

zu den Sternen auf und sagte tief aus seinem Herzen heraus:

,,Befiehl du deine Wege,

Und was dein Herze kränkt,

Der allertreu′sten Pflege

Des, der den Himmel lenkt.

Der Wolken, Luft und Winden

Gibt Wege, Lauf und Bahn,

Der wird auch Wege finden,

Da dein Fuß gehen kann."

* * * * *

Von diesem Tage an war und blieb das allerglücklichste Haus im

ganzen Dorf und im ganzen Land das Häuschen des Schreiners

Andres mit dem sonnigen Nelkengarten. ­ Wo seither das Wiseli

sich blicken ließ, da waren alle Leute so freundlich mit ihm, daß es

nur staunen mußte. Denn vorher hatten sie es nie beachtet, und der

Vetter-Götti und die Base gingen nie am Haus vorbei, ohne schnell

hereinzukommen und ihm die Hand zu geben und zu sagen, es solle

auch zu ihnen kommen.

Über diese Wendung war das Wiseli froh, denn es hatte immer einen

heimlichen Schrecken gehabt beim Gedanken, was der Vetter-Götti

92


zu allem sagen werde. So war Wiseli von aller Angst befreit und ging

fröhlich seinen Weg; im stillen aber dachte es oftmals: ,,Der Otto

und die Seinigen waren gut mit mir, als es mir schlecht ging und ich

gar niemand mehr auf der Welt hatte; aber die anderen Leute sind

erst freundlich mit mir geworden, seit es mir gut geht und ich einen

Vater habe; ich weiß ganz gut, wer es am besten mit mir meint."

93



Comments

No comments yet

Add Comment
Your comment is reviewed before being published

Other users also were interested in the following titles:

Zweite Moderne oder Postmoderne?

Author: Dipl. Werner Nehls
Art - Architecture / History of Construction, 2008 Download as PDF-file for 19,99 EUR

Vertrauen in den Abschlussprüfer

Author: Jan Mauelshagen
Economics / Business: Revision, Auditing, 2007 Download as PDF-file for 59,90 EUR

This text can be quoted and accessed from this url:

http://www.grin.com/e-book/120174/wie-wiselis-weg-gefunden-wird
please wait Please wait