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Subtitle: aus: Zwei Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die Kinder lieb haben
Classic, 2008, 94 Pages
Author: Johanna Spyri
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Year: 2008
Pages: 94
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-23585-8
ISBN (Book): 978-3-640-23589-6
File size: 4269 KB
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Abstract
Auf dem Schlittweg. Draußen vor der Stadt Bern liegt ein Dörflein an einer Halde. Ich kann hier nicht wohl sagen, wie es heißt, aber ich will es ein wenig beschreiben; wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen. Oben auf der Anhöhe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran, voll schöner Blumen von allen Arten; das gehört dem Oberst Ritter und heißt „Auf der Halde“. Von da geht es hinunter; dann steht auf einem kleinen, ebenen Platze die Kirche und daneben das Pfarrhaus, — dort hat die Frau des Obersten als Pfarrerstochter ihre fröhliche Kindheit verlebt. Etwas weiter unten hin kommt das Schulhaus und noch einige Häuser beisammen, und dann links am Wege noch ein Häuschen ganz allein; davor liegt auch ein Gärtchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein paar Resedastöckchen, daneben aber mit Zichorien und Spinat bepflanzt und mit einer niederen Hecke von Johannisbeersträuchern umgeben. Alles ist da immer in bester Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der Weg wieder bergab die ganze, lange Halde hinunter bis auf die große Straße, die der Aare entlang geht ins Land hinaus. [...]
Fulltext (computer-generated)
Johanna Spyri
Wie Wiselis Weg gefunden wird
[aus ,,Heimatlos S. 129-235 ", erstmalig erschienen 1878]
Inhalt
Auf dem Schlittweg 4
Daheim, wo′s gut ist 8
Auch noch daheim 23
Beim Vetter-Götti 30
Wie es weiter geht und Sommer wird 40
Das Alte und auch etwas Neues 55
Wie es dem Kranken und jemandem besser ging 67
Es geschieht etwas Unerwartetes 78
Auf dem Schlittweg.
Draußen vor der Stadt Bern liegt ein Dörflein an einer Halde. Ich
kann hier nicht wohl sagen, wie es heißt, aber ich will es ein wenig
beschreiben; wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen.
Oben auf der Anhöhe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten
daran, voll schöner Blumen von allen Arten; das gehört dem Oberst
Ritter und heißt ,,Auf der Halde". Von da geht es hinunter; dann
steht auf einem kleinen, ebenen Platze die Kirche und daneben das
Pfarrhaus, -- dort hat die Frau des Obersten als Pfarrerstochter ihre
fröhliche Kindheit verlebt. Etwas weiter unten hin kommt das
Schulhaus und noch einige Häuser beisammen, und dann links am
Wege noch ein Häuschen ganz allein; davor liegt auch ein Gärtchen
mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein paar
Resedastöckchen, daneben aber mit Zichorien und Spinat bepflanzt
und mit einer niederen Hecke von Johannisbeersträuchern
umgeben. Alles ist da immer in bester Ordnung und kein Unkraut
zu sehen. Dann geht der Weg wieder bergab die ganze, lange Halde
hinunter bis auf die große Straße, die der Aare entlang geht ins Land
hinaus.
Diese ganze, lange Halde bildete zur Winterszeit den herrlichsten
Schlittweg, der weit und breit zu finden war; wohl zehn Minuten
lang konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne
abzusteigen; denn war man vom Hause des Obersten an bei diesem
ersten, steilen Absatz einmal recht in den Zug gekommen, so gingen
die Schlitten vorwärts ohne Nachhilfe bis hinunter auf die
Aarestraße. Diese unvergleichliche Schlittenbahn machte denn auch
das Lebensglück einer großen Schar von Kindern aus, die alle,
sobald nur die alte Schulstubentür sich öffnete, sich herausstürzten,
ihre Schlitten vom Haufen rissen, den sie im Vorhof bildeten, und
mit Windeseile dem Schlittweg zurannten, wo die Stunden
verflogen, man wußte nicht wie, denn unten am Berge war man
immer im Augenblick, und beim Heraufsteigen dachte man so eifrig
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ans nächste Hinunterfahren, daß es unmerklich schnell getan war. So
brach immer zum großen Schrecken der Kinder die Nacht herein,
lang ehe sie erwartet war, denn dies war die Zeit, da fast alle nach
Hause gehen mußten. Da folgte dann gewöhnlich noch ein ziemlich
stürmisches Ende, denn da wollte man schnell noch einmal fahren
und dann noch einmal und dann nur noch ein einziges Mal, und so
mußte dann alles noch in größter Eile zugehen, das Aufsitzen und
das Abfahren und wieder die Rückkehr den Berg hinauf. Da war
auch ein Gesetz errichtet worden, daß keiner sollte hinunterfahren,
während die anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten
alle abfahren und miteinander alle zurückkehren, damit kein
Gedränge und Schlittenverwickelungen entstehen könnten.
Manchmal aber gab es doch allerlei ungesetzliche Verwirrungen,
besonders auf diesen drangvollen Schlußfahrten, da dann keiner
zuletzt sein und etwa noch zu kurz kommen wollte. So war es auch
an einem hellen Januarabend, da vor Kälte die Schlittenbahn laut
knisterte unter den Füßen der Kinder und der Schnee nebenan auf
den Feldern so hart gefroren war, daß man hätte darauf fahren
können wie auf einer festen Straße. Die Kinder aber waren alle
glühend rot und heiß dazu, denn eben waren sie im angestrengten
Lauf den ganzen Berg heraufgeeilt, ihre Schlitten nachziehend und
sie nun stracks umwendend und sich darauf stürzend, denn es hatte
Eile; drüben stand schon hell der Mond am Himmel und die
Betglocke hatte auch schon geläutet. Die Buben hatten aber alle
gerufen: ,,Noch einmal! Noch einmal!" Und die Mädchen waren
einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es eine Verwirrung und
einen großen Lärm: drei Buben wollten durchaus auf demselben
Platze mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte auch nur einen
Zoll zurückweichen und später abfahren. So drückten sie einander
auf die Seite hin, und der breite Chäppi wurde von den beiden
anderen so gegen den Rand des Weges hin gestoßen, daß er ganz in
den Schnee hineinsank mit seinem schweren Keßlerschlitten und
fühlte, daß er unter ihm stecken blieb. Eine große Wut ergriff ihn
beim Gedanken, daß die anderen nun abfahren möchten; er schaute
um sich. Da fiel sein Blick auf ein kleines, schmales Mädchen, das
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neben ihm im Schnee stand; es war ganz bleich und hielt beide
Arme in seine Schürze gewickelt, um wärmer zu haben, aber es
zitterte doch vor Frost an seinem ganzen dünnen Körperchen. Das
schien dem Chäppi ein passender Gegenstand zu sein, seine Wut
daran auszulassen.
,,Kannst du einem nicht aus dem Wege gehen, du lumpiges Ding
du? du brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen
Schlitten. Wart nur, ich will dir schon aus dem Wege helfen." Damit
stieß der Chäppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kinde
eine Schneewolke entgegenzuwerfen. Es floh zurück, so daß es bis
an die Kniee in den Schnee hineinsank, und sagte schüchtern: ,,Ich
wollte nur zusehen!" Der Chäppi stieß eben seinen Stiefel noch
einmal in den Schnee hinein, als ihn von hinten eine so
erschütternde Ohrfeige traf, daß er fast vom Schlitten herunterfuhr.
,,Wart du!" rief er außer sich vor Erbitterung, denn sein Ohr sauste,
wie es noch kaum je gesaust hatte, und mit geballter Faust kehrte er
sich um, seinen Feind zu treffen. Da stand einer hinter ihm, der
hatte eben seinen Schlitten zurechtgestellt zum Abfahren, und
schaute nun ganz ruhig auf den Chäppi nieder und sagte:
,,Probier′s!" Es war Chäppis Klassengenosse, der elfjährige Otto
Ritter, der öfter mit dem Chäppi kleine Verschiedenheiten
auszugleichen hatte. Otto war ein schlanker, aufgeschossener Junge,
lange nicht so breit wie der Chäppi; aber dieser hatte schon mehr als
einmal erfahren, daß Otto eine merkwürdige Gewandtheit in
Händen und Füßen besaß, gegen welche der Chäppi sich nicht zu
helfen wußte. Er schlug nicht zu, aber die geballte Faust hielt er
immer in die Höhe und wuterfüllt rief er: ,,Laß du mich gehen, ich
habe nichts mit dir zu tun!" ,,Aber ich mit dir", entgegnete Otto
kriegerisch. ,,Was brauchst du das Wiseli dorthinein zu jagen und
ihm noch Schnee anzuwerfen; ich habe dich wohl gesehen, du
Feigling, der ein Kleines verfolgt, das sich nicht wehren kann."
Damit kehrte er verächtlich dem Chäppi den Rücken und wandte
sich dem Schneefelde zu, wo das bleiche Wiseli noch immer stand
und zitterte. ,,Komm heraus aus dem Schnee, Wiseli", sagte Otto
beschützend. ,,Siehst du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich
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gar keinen Schlitten und hast nur zusehen müssen? Da, nimm den
meinen und fahr einmal hinunter, schnell, siehst du, da fahren sie
schon." Das bleiche, schüchterne Wiseli wußte gar nicht, wie ihm
geschah; zwei-, dreimal hatte es zugeschaut, wie eines nach dem
anderen auf seinem Schlitten saß, und gedacht: ,,Wenn ich nur ein
einziges Mal ganz hinten aufsitzen dürfte", wo schon drei auf einem
Schlitten saßen. Nun sollte es allein hinunterfahren dürfen und dazu
auf dem allerschönsten Schlitten mit dem Löwenkopf vorn, der
immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht war und hoch mit
Eisen beschlagen. Vor lauter Glück stand Wiseli ganz unschlüssig da
und schaute nach dem Chäppi, ob er es nicht vielleicht zu prügeln
gedenke zur Strafe für sein Glück. Aber der saß jetzt ganz abgekühlt
da, so als wäre gar nichts geschehen, und Otto stand so
schutzverheißend daneben, daß ihm der Mut kam, sein Glück zu
erfassen; es setzte sich wirklich auf den schönen Schlitten, und da
nun Otto mahnte: ,,Mach, mach, Wiseli, fahr ab", so gehorchte es,
und hinunter ging′s, wie vom Winde getragen. In der kürzesten Zeit
hörte Otto die ganze Gesellschaft wieder herankeuchen, und er rief
entgegen: ,,Wiseli, bleib unter den Vordersten und sitz gleich noch
einmal auf und fahr zu; nachher müssen wir gehen." Das glückliche
Wiseli setzte sich noch einmal hin und genoß noch einmal die
langersehnte Freude. Dann brachte es seinen Schlitten und dankte
ganz schüchtern seinem Wohltäter, mehr mit den freudestrahlenden
Augen, als mit Worten, dann rannte es eilig davon. Otto fühlte sich
sehr befriedigt. ,,Wo ist das Miezi?" rief er in die sich zerstreuende
Gesellschaft hinein. ,,Da ist es", ertönte eine fröhliche
Kinderstimme, und aus dem Knäuel heraus trat ein rundes,
rotbackiges kleines Mädchen, das der Bruder Otto als kräftiger
Schutzmann bei der Hand faßte und nun mit ihm dem väterlichen
Hause zueilte, denn es war heute spät geworden; die erlaubte Zeit
des Schlittens war ziemlich lange überschritten.
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Daheim, wo′s gut ist.
Als Otto und seine Schwester durch die lange, steinerne Hausflur
hereinstürmten, trat die alte Trine aus einer Tür und hielt ihr Licht
in die Höhe, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam. ,,So,
endlich!" sagte sie, halb zankend, halb wohlgefällig. ,,Die Mutter hat
schon lange nachgefragt, aber da war kein Bein zu sehen, und acht
Uhr hat′s geschlagen vor weiß kein Mensch wie langer Zeit." Die
alte Trine war schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter
der beiden Kinder zur Welt kam; so hatte sie große Rechte im Hause
und fühlte sich durchaus als Glied desselben, eigentlich als Haupt,
denn an Alter und Erfahrung war sie die erste. Die alte Trine war
durchaus vernarrt in beide Kinder ihrer Herrschaft und sehr stolz
auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften; das ließ sie aber nicht
merken, sondern sprach immer im Tone halber Entrüstung von
ihnen, denn das fand sie heilsam zu ihrer Erziehung. ,,Schuhe aus,
Pantoffeln an!" rief sie jetzt, Ordnung gebietend; der Befehl wurde
aber gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort kniete sie
vor Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte, und
zog ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand
unterdessen mitten in der Stube still und rührte sich nicht, was sonst
nicht ihre Art war, so daß die alte Trine während ihrer Arbeit ein
paarmal hinüberschielte. Jetzt war Otto gerüstet, und Miezchen
sollte auf dem Sessel sitzen; aber es stand noch auf demselben
Platze und rührte sich nicht. ,,Nu, nu, wollen wir warten, bis es
Sommer wird, dann trocknen die Schuhe von selbst", sagte die
Trine, auf ihren Knieen harrend. ,,Bst! bst! Trine, ich habe etwas
gehört; wer ist in der großen Stube?" fragte Miezchen und hob den
Zeigefinger etwas drohend in die Höhe. ,,Alles Leute mit trockenen
Schuhen, und andere kommen nicht hinein. Jetzt wag′s und sitz
nieder", mahnte Trine. Aber anstatt zu sitzen, machte Miezchen
einen Sprung und rief: ,,Jetzt hab′ ich′s wieder gehört, so lacht der
Onkel Max." ,,Was?" schrie Otto und war mit einem Satz bei der
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Tür. ,,Wart! wart!" schrie Miezchen nach und wollte gleich mit zur
Tür hinaus; aber jetzt wurde es abgefaßt und auf den Stuhl gesetzt,
die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den zappelnden
Füßchen. Indessen gelang die Arbeit, und nun stürzte Miezchen zur
Tür hinaus und hinüber in die große Stube hinein und direkt auf
den Onkel Max los, der richtig dort im Lehnstuhl saß. Da war nun
ein großer Freudenlärm und ein Grüßen und ein Willkommenrufen
in allen Tönen, und in das Gelärm der Kinder stimmte der Onkel
Max wacker mit ein, und es währte geraume Zeit, bis sich der
Tumult etwas gelegt hatte und die Festfreude einen ruhigen
Charakter annahm. Denn ein Fest für die Kinder war die
Erscheinung des Onkels jedesmal und aus triftigen Gründen. Der
Onkel Max war ihr besonderer Freund; er war fast immer auf Reisen
und kam nur alle paar Jahre einmal zum Besuch; dann gab er sich
aber mit den Kindern ab, als gehörten sie ihm selber an, und was er
für wunderbar herrliche Sachen in allen Taschen für sie brachte, das
war gar mit nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig
und zauberhaft. Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in
allen Winkeln der Erde umher und aus jedem brachte er etwas
Eigentümliches mit.
Endlich saß die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum und die
dampfende Schüssel brachte noch völlige Besänftigung in die
aufgeregten Gemüter, denn von der Schlittbahn wurde immer ein
richtiger Appetit mitgebracht. ,,So", sagte der Papa, über den Tisch
hinüberblickend, wo an der Seite der Mutter das Töchterchen fleißig
arbeitete, ,,so, so, heut′ hat also das Miezchen keine Hand für seinen
Papa, noch hab′ ich keinen Gruß bekommen, und jetzt ist keine Zeit
mehr dazu."
Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und
sagte: ,,Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Fleiß getan und jetzt
will ich gleich ", und damit stieß sie mit großer Anstrengung den
Sessel zurück; aber der Papa rief: ,,Nein, nein, jetzt nur keine
Ruhestörung. Da gib die Hand über den Tisch hin, das übrige
wollen wir nachher bestellen; so ist′s recht, Miezchen." ,,Wie hat
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man eigentlich das Kind getauft, Marie? Ich war zwar auch dabei,
aber ich habe keine Ahnung davon, welcher Name in der Kirche
ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?" sagte der Onkel
lachend. ,,Wirklich warst du dabei, Max", entgegnete seine
Schwester, ,,da du des Kindes Pate bist. Es erhielt damals den
Namen Marie; sein Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat
den Namen noch recht unnütz vervielfältigt." ,,O nein, Mama,
wirklich nicht unnütz", rief Otto ernsthaft herüber. ,,Siehst du,
Onkel, das geht nach ganz bestimmten Regeln. Wenn dies kleine
nichtige Wesen ordentlich und sanftmütig ist, dann nenn′ ich es
Miezchen; das geschieht aber selten, und im gewöhnlichen Leben
nenn′ ich es daher Miezi. Wird es aber bös, dann sieht es ganz aus
wie ein kleiner Katzenreuel und muß Miez genannt werden, der
Miez."
,,Ja, ja, Otto", tönte es nun zurück, ,,und wenn du bös wirst, dann
siehst du ganz aus wie ein wie ein " ,,Wie ein Mann", ergänzte
Otto, und da dem Miezchen eben kein Vergleich zu Gebote stand,
so arbeitete es jetzt um so emsiger an seinem Brei herum. Der
Onkel lachte laut auf. ,,Das Miezchen behält recht", rief er; ,,seinen
Geschäften obliegen ist besser, als auf Schmähungen antworten."
,,Aber, Kinder", setzte er nach einer Weile hinzu, ,,nun bin ich mehr
als ein Jahr nicht hier gewesen und ihr habt mir noch gar nichts
erzählt; was habt ihr denn alles erlebt unterdessen?" Die neuesten
Ereignisse erfüllten zunächst den Sinn der Kinder: so wurde gleich
mit großer Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die eben erlebte
Geschichte erzählt, wie der Chäppi das Wiseli behandelt, wie es fror
und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte und endlich doch
noch zu zwei Fahrten kam. ,,So ist′s recht, Otto", sagte der Papa;
,,du mußt deinem Namen Ehre machen, für die Wehrlosen und
Verfolgten mußt du immer ein Ritter sein. Wer ist das Wiseli?"
,,Du kannst das Kind und seine Mutter kaum kennen", sagte die
Mama, zu ihrem Manne gewandt; ,,aber der Onkel Max kennt
Wiselis Mutter recht gut. Du kannst dich doch noch auf den
mageren Leineweber besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er
hatte ein einziges Kind mit großen braunen Augen, das oft bei uns
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im Pfarrhaus war und so schön singen konnte; kommt dir da die
Erinnerung daran wieder?"
Bevor aber die weiteren Erinnerungen zur Verhandlung kamen,
steckte die alte Trine ihren Kopf zur Tür herein und rief: ,,Der
Schreiner Andres möchte gern der Frau Oberst einen Bericht
abgeben, wenn er nicht stört." Diese harmlosen Worte bewirkten
eine wahre Verheerung in der Gesellschaft. Die Mutter legte den
Servierlöffel, mit dem sie soeben dem Onkel entgegenkommen
wollte, beiseite, sagte eilig: ,,Um Entschuldigung, ihr Herren!" und
ging davon. Otto sprang so stürmisch auf, daß er seinen Stuhl
hintenhinaus warf und dann selbst darüber stürzte, als er
fortgaloppieren wollte. Das Miezchen hatte ähnliche Taten vor, aber
der Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr gesehen und
hielt es nun mit beiden Armen fest. Aber es zappelte jämmerlich
und schrie: ,,Laß los, Onkel, laß los. Im Ernst, ich muß gehen."
,,Wohin denn, Miezchen?"
,,Zum Schreiner Andres. Laß schnell los! Hilf, Papa, hilf!"
,,Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lass′ ich
dich los."
,,Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur
der Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt laß los." Nun stürmte
auch das Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und
Onkel Max schlug ein helles Gelächter auf und rief: ,,Wer ist denn
der Schreiner Andres, um den deine ganze Familie sich zu reißen
scheint?"
,,Das mußt du besser wissen als ich", entgegnete der Oberst; ,,es
wird wohl ein Jugendfreund von dir sein, und das Fieber der
Verehrung wird auch dich noch ergreifen, es muß in eurer Familie
sein, bei uns hat es die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel sagen,
daß der Schreiner Andres völlig der Grundstein meines Hauses ist,
auf dem alles feststeht und entschieden auseinandergehen würde,
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sollte dem Hause dieser Halt entkommen. Der Schreiner Andres ist
hier Rat, Trost, Heil und Hilfe in der Bedrängnis. Strebt meine Frau
nach einem Hausgerät, von dem sie gar nicht weiß, wie es aussehen
soll, noch wozu man es braucht, der Schreiner Andres erfindet es
und schafft es zur Stelle. Bricht Feuers- oder Wassersnot in der
Küche oder im Waschhaus los, der Schreiner Andres greift in die
Elemente und bringt das Feuer ins Stocken und das Wasser in Fluß.
Macht mein Sohn einen recht dummen Streich, der Schreiner
Andres dreht ihn wieder zurecht. Schmeißt meine Tochter das
sämtliche Hausgeräte entzwei, der Schreiner Andres leimt es
wieder zusammen. So ist der Schreiner Andres recht eigentlich die
stützende Säule meines Hauses, und wenn diese zusammenbrechen
würde, so gingen wir alle in Trümmer."
Die Mutter war unterdessen wieder eingetreten, und wohl zu ihrem
Besten schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres so
eingehend. Onkel Max lachte, daß es schallte.
,,Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!" sagte die Mutter. ,,Ich weiß schon,
was ich an dem Schreiner Andres habe." ,,Und ich auch", bemerkte
der Vater mit spöttischem Lächeln.
,,Und ich auch!" behauptete das Miezchen herzhaft, das wieder auf
seinem Platze saß.
,,Und ich auch!" brummte der Otto, dem der Knöchel noch sauste
von seinem Sturz über den Stuhl hin.
,,So, nun sind wir alle einer Meinung", bemerkte die Mutter, ,,nun
können die Kinder in Frieden zu Bette gehen." Auf diese Anzeige
hin drohte dem Frieden gleich eine Störung; aber es half nichts, die
alte Trine stand schon vor der Tür und wachte, daß die
Hausordnung nicht überschritten werde. Die Kinder mußten
abtreten, und gleich nachher verschwand die Mutter auch noch
einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne daß die Mutter
zum Nachtgebet noch an ihre Betten gekommen war.
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Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den
Herren zurück und setzte sich nun so recht zum Bleiben hin.
,,Endlich", sagte da der Oberst hoch aufatmend, als habe er die
Feinde hinter sich. ,,Siehst du, Max, erst gehört meine Frau dem
Schreiner Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn
noch etwas übrig bleibt."
,,Und siehst du, Max", sagte die Mutter lachend, ,,wenn mein Mann
noch so arg höhnt: er mag unseren guten Schreiner Andres gerade
so gern wie wir alle; gestehe es nur ein, Mann! Eben hat mir Andres
auch für dich noch einen Auftrag übergeben, er hat seine jährliche
Summe gebracht und bittet um deinen Beistand."
,,Das ist wahr", sagte der Oberst; ,,einen ordentlicheren, fleißigeren,
zuverlässigeren Mann kenne ich nicht. Dem würde ich Weib und
Kind und Hab′ und Gut und alles anvertrauen wie keinem anderen;
das ist der ehrlichste, wackerste Mann in unserer ganzen Gemeinde
und noch weit darüber hinaus."
,,Jetzt siehst du, Max", sagte die Frau lachend; ,,ich konnte doch
nicht mehr sagen." Ihr Bruder lachte mit über den Eifer, in den der
Oberst unversehens gefallen war. Dann entgegnete er: ,,Nun habt
ihr mir alle so viel von eurem Wundermann vorerzählt, daß ich
wirklich wissen möchte, woher er stammt und wie er aussieht. Habe
ich ihn denn noch nicht gesehen hier?"
,,Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max", entgegnete seine
Schwester; ,,du mußt dich durchaus noch des Andres erinnern, mit
dem wir zur Schule gingen. Weißt du denn nicht mehr, wie zwei
Brüder zusammen in derselben Klasse mit dir waren? Der ältere war
damals schon ein rechter Taugenichts; er war gar nicht dumm, aber
tat nichts und blieb darum stecken und kam dann mit dem viel
jüngeren Bruder in eine Klasse zusammen, in welcher du auch warst.
Du mußt dich gewiß erinnern, er hieß Jörg und hatte ganz
schwarzes, steifes Haar. Er bewarf uns, wo er konnte, mit irgend
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etwas, mit unreifen Äpfeln und Birnen und dann mit Schneeballen,
und rief uns überall nach: ′Aristokratenbrut!′"
,,O der, der", rief Onkel Max lachend, ,,ja, nun weiß ich auf einmal
alles. Richtig, ′Aristokratenbrut′ rief er uns beständig nach; ich
möchte nur wissen, wie ihm das Wort in den Sinn kam. Er war ein
widerwärtiger Kerl; ich weiß. Da sah ich ihn einmal einen viel
kleineren Jungen ganz unbarmherzig durchprügeln; dem half ich
aber, dafür rief er mir wohl zwölfmal nach: ′Aristokratenbrut!′ Ach,
nun weiß ich auch auf einmal, wer der andere war; das war der
magere, kleine Andres, sein Bruder, das ist gewiß euer Andres, und
dann ist das auch der Andres mit den Veilchen, nicht wahr, Marie?
O, jetzt versteh′ ich schon die dicke Freundschaft", lachte Onkel
Max auf′s neue auf. ,,Was Veilchen, das muß ich wissen", fiel der
Oberst ein. ,,O, die Geschichte ist mir auf einmal vor Augen, als
wäre sie gestern geschehen", sagte der Onkel ganz angeregt von
seinen Erinnerungen; ,,die muß ich dir erzählen, Otto. Du weißt
vielleicht durch deine Frau, daß wir hier im Dorfe in jenen
glücklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten,
der fand, daß alle Mängel und Gebrechen der Schulkinder aus ihnen
heraus- und alle Fähigkeiten und guten Eigenschaften in sie
hineingeprügelt werden könnten. So war er genötigt, sehr viel zu
prügeln, um den einen oder andern guten Zweck zu erreichen,
manchmal auch beide auf einmal. Einmal nun war ihm der magere
Andres unter die Hand gekommen; dem schlug er nun so kräftig
seine wohlgemeinte Ermahnung auf den Rücken, daß der Andres
laut aufschrie. In diesem Augenblick stand meine kleine Schwester,
die kürzlich in die Schule eingetreten war und sich noch nicht so
recht in die daselbst herrschenden Gebräuche eingelebt hatte,
plötzlich auf von ihrem Sitze auf der ersten Bank und schritt eilig
der Tür zu. Einen Augenblick hielt der Schullehrer inne mit seiner
Arbeit und rief ihr nach: ′Wo läufst du hin?′ Marie kehrte sich um;
die hellen Tränen liefen ihr über die Backen herunter und sie sagte
ganz aufrichtig: ′Ich wil heimgehen und es dem Papa sagen.′ ′Wart,
ich will dir′, rief jetzt der Schullehrer in großer Überraschung und
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stürzte vom Andres weg auf die kleine Marie los; die prügelte er
aber nicht, er nahm sie nur beim Arm und setzte sie ziemlich fest
auf ihren Platz hin; dann sagte er noch einmal: ′Wart, ich will dir!′
Damit war aber alles abgetan; auch der Andres wurde in Ruhe
gelassen, und so nahm alles einen friedlichen Ausgang. Aber die
Tränen, die meine Schwester für den Andres vergossen, und ihr
Einschreiten gegen den Tyrannenstock wurden nicht vergessen. Von
dem Tag an lag jeden Morgen ein Büschel Veilchen auf ihrem Platz
und durchduftete den ganzen Schulraum, und nachher kam noch ein
anmutigerer Duft von dem Platz her, denn da lagen große
Erdbeersträuße mit den prächtigsten dunkelroten Beeren, wie sie
sonst nirgends zu sehen waren, und so ging es das ganze Jahr durch
immerfort; wie sich dann aber die Freundschaft zu dem erstaunlich
hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun angelangt ist, das muß meine
Schwester wissen und uns mitteilen." Der Oberst hatte seine
Freude an der Geschichte der Tränen und der Veilchen und forderte
seine Frau auf, weiter zu erzählen. Sie sagte mit Lachen: ,,Erdbeeren
und Veilchen blühen deiner Ansicht nach das ganze Jahr durch,
Max; das ist aber nicht ganz so. Hingegen wurde der gute Andres
wirklich das ganze Jahr durch nicht müde, mir irgend etwas
Erfreuliches aus Feld und Wald aufzufinden und an meinen Platz zu
legen, solange wir miteinander zur Schule gingen. Er trat dann lange
vor mir aus und kam in die Lehre zu einem Schreiner nach der
Stadt; er kam dann immer öfter nach Hause, ich verlor ihn nie ganz
aus den Augen, und als mein Mann dies Gut kaufte und wir uns
eben verheiratet hatten, handelte es sich darum, daß Andres sich
etwas ankaufen und sich selbständig niederlassen wollte; er hatte
seine Eltern verloren und stand ganz allein, aber als ein tüchtiger
Arbeiter da. Er hatte seine Augen auf das Häuschen mit dem
sauberen kleinen Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte
es aber nicht ankaufen, da der Verkäufer sogleich bares Geld haben
und Andres erst solches durch seine Arbeit gewinnen mußte. Aber
wir kannten ihn und seine Arbeit. Mein Mann kaufte das Gütchen
an für ihn, und er hat es keinen Augenblick zu bereuen gehabt."
,,Nein, wahrhaftig nicht", fiel hier der Oberst ein; ,,der brave Andres
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hat längst sein Gut vollständig abgezahlt und seither bringt er mir
jedes Jahr um diese Zeit eine ganz hübsche Summe, den Gewinn
seiner Jahresarbeit; die lege ich ihm gut an und habe meine Freude
an dem Gedeihen des wackeren Menschen. Er ist jetzt schon ein
ganz wohlhabender Mann, und nun nimmt sein Besitztum jährlich
sehr zu, er kann sein Häuschen noch zu einem großen Haus
machen, der brave Andres; es ist nur schade, daß er wie ein
Einsiedler lebt und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht genießen
kann." ,,Hat er denn keine Frau und Familie, und wo ist der
bitterböse Jörg schließlich hingekommen?" fragte Onkel Max weiter.
,,Nein, er hat gar niemanden", antwortete die Schwester, ,,er lebt
völlig allein, wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange, traurige
Geschichte erlebt, die ich mit angesehen habe, und die ihm gewiß
alle Lust benommen hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder Jörg
hat erst hier einige Jahre herumvagabondiert, hat nie gearbeitet,
sondern gehofft, durch furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen,
die keine Lumpe waren wie er, endlich doch noch sein Glück zu
machen, und als ihm dies nicht gelang, auch der gute Andres ihm
endlich nicht mehr aus seinen Schulden und allem Bösen
heraushelfen konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er
verschwunden, wohin, hat man nie recht gewußt; jedermann war
froh, daß er nur fort war." ,,Was war denn die traurige Geschichte,
Marie?" fragte der Bruder; ,,die muß ich auch noch wissen." ,,Und
ich auch", sagte der Oberst und zündete zu der Erzählung
vergnüglich eine neue Zigarre an.
,,Aber Mann", bemerkte die Frau Oberst, ,,dir habe ich dieses
Erlebnis wohl schon sechsmal erzählt." ,,So?" entgegnete ruhig
der Oberst; ,,es gefällt mir, wie es scheint." ,,So fang an!"
ermunterte der Onkel. ,,Du mußt dich noch jenes Kindes erinnern
können, Max", begann seine Schwester, ,,von dem ich heut′ abend
schon einmal gesprochen habe, das ganz in unserer Nähe wohnte.
Es gehörte dem bleichen, mageren Leineweber an, den wir
immerfort sein Weberschifflein hin- und herwerfen hörten, wenn
wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und nett aus und
hatte große, lustig glänzende Augen und so schöne braune Haare.
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Es hieß Aloise." ,,In meinem Leben habe ich keine Aloise
gekannt", warf Onkel Max ein. ,,O, ich weiß schon warum", fuhr
seine Schwester fort, ,,wir nannten sie auch nie so, besonders du
nicht; Wisi nannten wir sie, zum Schrecken unserer seligen Mama.
Weißt du denn nicht mehr, wie oft du selbst sagtest, wenn wir am
Klavier Lieder singen wollten mit Mama und es so leise tönte: ′Man
muß das Wisi holen, sonst geht′s nicht?′" Jetzt stieg die
Erinnerung mit einem Male in Onkel Maxens Gedächtnis auf; er
lachte hell heraus und rief: ,,O, das ist′s, das Wisi, ja gewiß, das Wisi
kenn′ ich wohl, ich seh′ es deutlich vor Augen mit dem lustigen
Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauf los sang. Ich
mochte es gern, das Wisi; es war auch nett anzusehen. Das ist ja
wahr: die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall, wenn ich
′Wisi′ sagte; ich habe aber nie gewußt, wie das Wisi eigentlich hieß."
,,Freilich hast du", bemerkte die Schwester, ,,denn jedesmal sagte die
Mama, es sei eine Barbarei, aus dem schönen Namen Aloise ein Wisi
zu machen." ,,Das habe ich wohl jedesmal überhört", meinte
Onkel Max; ,,aber wo ist denn das Wisi hingekommen?"
,,Du weißt, es war in derselben Klasse mit mir in der Schule, wir
sind miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen bis hinauf zur
sechsten, da kann ich mich denn ganz gut erinnern, wie alle diese
Jahre durch der Andres als treuster Freund und Beschützer dem
Wisi zur Seite stand in Freud′ und Leid, und es konnte den Freund
gut brauchen. Meistens, wenn es zur Schule kam und die Tafel mit
Rechnungen bedeckt bringen sollte, wie wir anderen auch, da stand
nicht eine Zahl darauf; es legte sie aber mit dem lustigsten Gesicht
auf die Schulbank hin, und im folgenden Augenblick stand alles
darauf, was darauf stehen sollte, denn der Andres hatte schnell die
Tafel genommen und die Rechnungen darauf gesetzt. Öfter
geschah′s auch, daß Wisi in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen
eine Scheibe eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte im
Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum geschüttelt, und wenn
dann Gericht über diese Untaten gehalten wurde, dann blieb
regelmäßig alles auf dem Andres sitzen; nicht daß er von jemand
17
angeklagt wurde, sondern er selbst sagte gleich halblaut: er meine, er
habe die Scheibe zerdrückt, und er glaube auch, er habe einmal an
dem Pflaumenbaum gerüttelt, und so bekam er die Strafe. Wir
Kinder wußten immer ganz gut, wie es war; aber wir ließen es so
gehen, wir waren so gewöhnt daran, daß es so sei, und dann hatten
wir alle das lustige Wisi so gern, daß wir′s ihm immer gönnten, wenn
es ungestraft davonkam. Und Äpfel und Birnen und Nüsse hatte
Wisi immer alle Taschen voll, die kamen alle vom Andres, denn was
er nur hatte und erlangen konnte, das steckte er alles dem Wisi in
den Schulsack. Ich dachte manchmal darüber nach, wie es denn
auch so sein könne, daß der ganz stille Andres gerade das
allerlustigste und aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am
liebsten habe, und dann sann ich darüber nach, ob es nun auch
gerade den stillen Andres besonders gern habe. Es war wohl immer
freundlich mit ihm, aber so war es auch mit den anderen, und als ich
einmal ernstlich unsere Mama darüber fragte, wie das wohl sei, da
schüttelte sie ein wenig den Kopf und sagte: ′Ich fürchte, ich
fürchte, diese artige Aloise ist ein wenig leichtsinnig und kann noch
in eine schwere Schule kommen.′ Diese Worte gaben mir viel zu
denken und kamen mir immer wieder in den Sinn. Als wir dann
zusammen in den Religionsunterricht gingen, da kam Wisi
regelmäßig am Sonntagabend zu uns herüber und wir sangen
Choräle zusammen am Klavier; daran hatte es damals sehr große
Freude, es konnte alle die schönen Lieder auswendig und sang sie
mit so heller Stimme; wir hatten auch recht unsere Freude an den
Abenden, Mama und ich, und auch darüber, daß Wisi so gern in den
Unterricht ging und ihn wirklich zu Herzen nahm. Es war nun ein
großes Mädchen geworden und sah recht gut aus; seine lustigen
Augen hatte es noch, und wenn es auch nie so kräftig aussah, wie die
Bauernmädchen im Dorf, so hatte es doch eine so blühende Farbe
damals und war netter als sie alle. Damals war der Andres noch in
der Stadt als Lehrjunge, er kam aber immer über den Sonntag heim.
Dann kam er auch jedesmal zu uns ins Pfarrhaus, einen Besuch zu
machen, und am liebsten sprach er dann immer mit mir von den
vergangenen Tagen der Schule, und dann kamen wir immer bald auf
18
das Wisi zu sprechen; das kam so im Zusammenhang, und
schließlich sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging
ganz das Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen, und
während alle Welt längst das Wisi nie anders als so genannt hatte,
nannte er es unwandelbar das ′Wiseli′, und das kam dann so ganz
eigen zärtlich heraus. Da kam denn auch ein Sonntag wir waren
noch nicht achtzehn Jahre alt, Wisi und ich , als es gegen Abend
bei uns eintrat und ganz rosig aussah, und wie wir nun
zusammensaßen Mama war auch mit uns , da sagte denn Wisi, es
sei gekommen, uns mitzuteilen, daß es sich mit dem jungen
Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im Dorfe
wohnte, und daß sie gleich heiraten könnten, da er eine gute
Anstellung habe unten in der Fabrik, und so hätten sie denn schon
alles festgesetzt, daß sie gleich in zwölf Tagen zusammenkommen
könnten. Ich war so erstaunt, und so traurig kam mir die Sache vor,
daß ich kein Wort sagen konnte; eine Zeitlang sagte die Mutter auch
nichts, sie sah ganz bekümmert aus. Dann aber sprach sie ernstlich
mit dem Wisi und stellte ihm vor, wie leichtsinnig es sei, daß es sich
so schnell mit dem Fabrikarbeiter eingelassen habe, es kenne ihn ja
kaum, und da sei doch ein anderer, der ihm jahrelang nachgegangen
sei und ihm gezeigt habe, wie lieb es ihm sei, und zuletzt fragte sie es
dringend, ob denn nicht alles noch rückgängig gemacht werden,
oder doch eine gute Zeit lang hinausgeschoben werden und es noch
bei seinem Vater bleiben könnte, es sei ja noch so jung. Da fing es
denn zu weinen an und sagte, es habe ja ganz bestimmt sein Wort
gegeben, und alles sei eingerichtet auf die Zeit, und dem Vater sei′s
recht. Nun sagte die Mutter nichts mehr, aber das arme Wisi weinte
immer ärger; da nahm sie es denn bei der Hand und zog es zum
Klavier hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir zusammen
sangen, und sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm: ′Trockne nun
deine Tränen, wir wollen noch einmal zusammen singen′; dann
schlug sie uns das Lied auf und wir sangen zusammen:
′Befiehl du deine Wege,
Und was dein Herze kränkt,
19
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann.′
Wisi ging dann wieder ziemlich getröstet von uns, die Mutter hatte
ihm noch einige freundliche Worte gesagt; aber mich hatte die Sache
recht traurig gemacht, ich hatte ein ganz bestimmtes Gefühl, daß das
arme Wisi seine frohen Tage nun hinter sich hatte, und dann dauerte
mich der Andres unsäglich; was würde der sagen? Er sagte aber nie
etwas, gar kein Wort, aber ein paar Jahre lang ging er herum wie ein
Schatten und war noch stiller geworden als vorher, ich habe auch
seither nie mehr sein still-fröhliches Gesicht gesehen, wie er es
damals doch oft haben konnte." ,,Der arme Kerl!" rief Onkel Max
aus; ,,hat er denn keine andere Frau genommen?" ,,Ach nein,
Max", entgegnete seine Schwester ein wenig strafend, ,,wie konnte
er denn, wie kannst du so etwas sagen, er ist ja die Treue selbst."
,,Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester", erwiderte der
Bruder begütigend; ,,ich konnte doch nicht voraussehen, daß dein
vielseitig begabter Freund nun auch noch die Unwandelbarkeit an
sich trägt. Aber das Wisi, erzähl weiter von dem, ich hoffe wirklich,
das lustige Wisi ist nicht unglücklich geworden, es würde mich arg
dauern." ,,Ich merke schon, Max", sagte die Schwester, ,,daß du
heimlich es mit dem Wisi hältst und kein Mitleid hast mit dem
treuen Andres, dem es doch fast das Herz abgedrückt hat, daß das
Wisi für ihn verloren war." ,,Doch, doch", versicherte der Onkel,
,,ich habe ja alle Teilnahme für den Ehrenmann; aber weiter, wie
ging′s mit dem Wisi, es hat doch seine lustigen Augen nicht
verweint?" ,,Doch, ich glaube manchmal wohl", fuhr die
Schwester fort; ,,ich habe es nicht mehr oft gesehen, es hatte gleich
viel zu tun; ich glaube, der Mann war nicht eben böse, aber er hatte
etwas Rohes, er konnte so grob und unfreundlich sein, auch mit
20
seinen kleinen Kindern schon; Wisi hatte gewiß wenig Freude mehr.
Er hatte mehrere nette Kinder, aber sie waren alle sehr zart, es
verlor sie wieder eins nach dem anderen; fünf hatte es begraben
müssen, nur ein einziges ist ihm geblieben, ein feines, zartes
Geschöpfchen, ein kleines Wiseli, es ist nicht viel größer als unser
Miezchen und ist doch gut drei Jahre älter. Wisis Gesundheit hatte
durch das alles so gelitten, daß man deutlich sehen konnte, was
kommen würde, und nun ist es auch da, eine schnelle Auszehrung
rafft ihr Leben hin; ich fürchte, es ist gar keine Hoffnung mehr."
,,Nein", rief Onkel Max ganz erschrocken aus, ,,das kann doch nicht
sein, ist′s wirklich so? Kann man da nichts machen, Marie? Wir
wollen doch gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen." ,,Ach
nein, da ist nicht mehr zu helfen", sagte die Schwester traurig; ,,da
war überhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war für all′ die Arbeit und
Anstrengung viel zu zart." ,,Und was macht nun der Mann?"
fragte Onkel Max. ,,Ach, den habe ich ja ganz vergessen, das hatte
das kranke Wisi auch noch durchzumachen. Es wird nun bald ein
Jahr sein, da wurde ihm in der Fabrik der eine Arm und das Bein so
zerschlagen, daß man ihn halbtot nach Hause brachte; er wurde
dann ganz elend, arbeiten konnte er gar nichts mehr; er muß kein
besonders geduldiger Kranker gewesen sein. Wisi hatte ihn nun
noch zu verpflegen zu allem anderen, er starb dann ungefähr ein
halbes Jahr nach dem Unfall. Seither lebt Wisi allein mit dem
Kinde." ,,Und so blieb denn von allem gar nichts mehr übrig, als
ein kleines Wiseli? Was macht man damit? Aber nein, so traurig
wird′s doch nicht kommen müssen; das Wisi kann noch gesund
werden und alles noch kommen, wie es hätte sein sollen von Anfang
an." ,,Nein, nein, dazu ist es zu spät", entgegnete die Schwester
sehr bestimmt; ,,das arme Wisi hat seinen Leichtsinn schwer büßen
müssen. Aber auch hier ist es spät geworden", und fast
erschrocken stand sie auf, denn über dem Gespräch war die
Mitternachtsstunde vorübergegangen, und seit einiger Zeit schon
war der Oberst ganz stille geworden, er hatte sich in seinen
Lehnstuhl zurückgelegt und war fest eingeschlafen. Onkel Max hatte
zwar keinen Schlaf, denn mit der Erzählung von dem armen Wisi
21
waren ihm alle Jugenderinnerungen so lebendig aufgestiegen, daß er
noch eine Menge von Dingen und Persönlichkeiten besprechen
wollte; aber seine Schwester war unerbittlich, sie hielt die Lichter in
der Hand und drängte zum Aufbruch. So half denn nichts; um aber
nicht allein die unwillkommene Störung zu tragen, weckte er seinen
Schwager mit einem so gewaltigen Ruck an seinem Stuhl, daß der
Oberst mit einem Schrecken emporschoß, als sei eine feindliche
Bombe auf ihn gefahren. Aber sein Schwager klopfte ihm friedlich
auf die Schulter und sagte: ,,Es war nur eine leise Mahnung von
seiten deiner Frau, daß wir uns zurückziehen möchten." Der
Rückzug wurde dann vollzogen, und bald stand das Haus auf der
Höhe ganz still im Mondschein da, und unten am Berg stand eins,
da sollte es auch bald stille werden; jetzt brannte noch ein schwaches
Lämpchen drinnen und warf seinen matten Schimmer durch das
schmale Schubfenster in die monderhellte Nacht hinaus.
22
Auch noch daheim.
Um die gleiche Zeit, da die Kinder des Obersten ihrem Hause
zugingen, rannte das kleine Wiseli aus allen Kräften den Berg
hinunter, denn es wußte, daß es länger fortgeblieben war, als die
Mutter erwartete, und das tat es sonst nicht. Aber heute war sein
Glück so groß gewesen, daß es einen Augenblick das Heimgehen
vergessen hatte; jetzt lief es um so mehr drauf zu und wäre fast in
einen Wasser, und mit durstigen Zügen trank die Mutter den
erquickenden Beerensaft hinunter. ,,O, wie das erfrischt!" sagte sie
und übergab das leere Glas dem Kinde. ,,Stell es weg, Wiseli, aber
nicht weit; mir ist, ich könnte alles austrinken, so durstig bin ich.
Wer hat mir denn diese große Erquickung gebracht? Gewiß die
Trine, es kommt von der Frau Oberst." ,,War denn die Trine bei
dir in der Stube, Mutter?" fragte das Kind. Die Mutter verneinte
dies. ,,Dann ist es nicht die Trine, das weiß ich", sagte das Wiseli
bestimmt; ,,sie geht jedesmal in die Stube, wenn sie etwas bringt.
Aber der Schreiner Andres war ja bei dir, hat er dies nicht
mitgebracht?" ,,Ach was, Wiseli", fiel die Mutter ganz lebhaft ein;
,,was sagst du denn, der Schreiner Andres war nie bei mir, was
kommt dir in den Sinn?" ,,Er war sicher, sicher, ganz bestimmt
hier drinnen", beteuerte Wiseli; ,,gerade wie ich hereinkam, trat er so
schnell aus der Tür, daß ich fast an ihn heranrannte: hast du denn
nichts gehört?" Die Mutter war eine Zeitlang ganz stille, dann sagte
sie: ,,Ich habe schon gehört, daß jemand leise die Küchentür
aufmachte; erst meinte ich, du seist′s, und es ist wahr, erst nachher
hörte ich dich hereinrennen. Bist du sicher, Wiseli, daß es der
Schreiner Andres war, der zu unserer Tür herauskam?" Wiseli war
seiner Sache so sicher und konnte so genau der Mutter sagen, wie
der Rock und die Kappe vom Schreiner Andres aussahen und wie er
erschrocken war, als es so mit einem Male an ihn heranrannte, daß
die Mutter auch davon überzeugt wurde; sie sagte wie für sich:
,,Dann war es der Andres, er hat es ausgedacht, was mir so gut tun
23
könnte." ,,Jetzt kommt mir auch etwas in den Sinn, Mutter", rief
auf einmal das Wiseli ganz erregt aus, ,,jetzt weiß ich gewiß, wer
einmal den großen Topf Honig in die Küche gestellt hat, von dem
du so gern aßest, und vor ein paar Tagen die Apfelkuchen; weißt du,
Mutter, du wolltest durch die Trine danken lassen, als sie dir etwas
Gekochtes brachte, und sie sagte, sie wisse von allem dem gar nichts.
Das hat sicher alles der Schreiner Andres heimlich in die Küche
gestellt."
24
,,Das glaube ich auch", sagte die Mutter und wischte sich die Augen.
,,Es ist ja nichts Trauriges", sagte Wiseli ein wenig erschrocken, als
sie die Mutter immer wieder die Augen wischen sah.
,,Du mußt ihm einmal danken, Wiseli, ich kann es nicht mehr. Sag es
ihm einmal, ich lass′ ihm danken für alles Gute; er hat es so gut mit
mir gemeint. Komm, sitz ein wenig zu mir heran", fuhr sie leise fort;
,,gib mir auch noch einmal zu trinken, und dann komm und sag mir
das Verslein, was ich dich gelehrt habe."
Wiseli holte noch einmal Wasser und goß von dem frischen Saft
hinein, und die Mutter trank noch einmal begierig davon; dann legte
sie müde ihren Kopf auf das niedere Gesims am Fenster und
winkte das Wiseli zu sich. Es fand aber, da liege die Mutter zu hart,
holte ein Kissen aus ihrem Bett herbei und legte es sorgfältig unter
den Kopf; dann setzte es sich dicht neben sie auf den Schemel und
hielt ihre Hand fest in der seinigen, und wie sie gewünscht hatte,
sagte es nun andächtig sein Verslein her:
,,Befiehl du deine Wege,
Und was dein Herze kränkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann."
Als Wiseli zu Ende war, sah es, daß die Mutter am Entschlafen war,
sie sagte nur noch mit leisem Ton: ,,Denk daran, Wiseli! Und wenn
du einmal keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer
wird, dann denk in deinem Herzen:
25
′Er wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann.′"
Nun legte die Mutter sich müde hin und entschlief, und Wiseli
wollte sie nicht wecken. Es legte sich mäuschenstille an sie heran,
und bald schlief es auch ganz fest. So brannte die kleine, matte
Lampe in dem stillen Stübchen fort, immer matter, bis sie von selbst
erlosch und das Häuschen dunkel dastand auf dem hellen
Mondscheinplatz.
Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus herum zum
Brunnen ging, schaute sie durch das niedere Fenster in das Stübchen
herein, wie sie immer tat im Vorbeimarsch. Da sah sie, wie Wiselis
Mutter auf dem Kissen schlief und wie das Kind daneben stand
und weinte. Das kam ihr so sonderbar vor, sie mußte nachsehen,
was da geschehen sei. Sie machte ein wenig die Tür auf und sagte:
,,Was hast du, Wiseli; ist die Mutter kränker?" Wiseli schluchzte zum
Erbarmen und stöhnte hervor: ,,Ich weiß nicht, was die Mutter hat."
Das arme Kind ahnte wohl, was mit der Mutter war, aber es konnte
ja nicht begreifen, daß es sie verloren hatte. Sie war ja noch da, aber
sie war entschlafen für das ganze Erdenleben, sie hörte nicht mehr,
wie ihr Wiseli sie rief. Die Nachbarin trat zu dem Kissen am Fenster
und schaute die schlafende Frau an; dann trat sie erschrocken
zurück und sagte: ,,Geh schnell, Wiseli, lauf und hol deinen Vetter-
Götti, er soll auf der Stelle herkommen, du hast ja sonst niemand,
und es muß jemand zu der Sache sehen; lauf recht, ich will warten,
bis du wiederkommst." Das Kind lief davon, aber es konnte nicht
lange so weiter laufen, sein Herz war so schwer und alle seine
Glieder zitterten so sehr, daß Wiseli auf einmal mitten auf dem
Wege sich hinsetzen und laut weinen mußte, denn jetzt wurde es
ihm immer deutlicher in seinem Herzen, daß die Mutter nicht mehr
erwachen werde. Es stand dann wieder auf und lief weiter, aber zu
weinen konnte es nicht mehr aufhören, denn in seinem Herzen
wurde der Jammer immer größer. Am Buchenrain, wohl eine
26
Viertelstunde von der Kirche weg, stand das Haus von dem Vetter-
Götti, wo Wiseli jetzt eben ankam und weinend unter die Tür trat.
Die Base stand in der Küche und fragte kurz: ,,Was ist mit dir?"
Wiseli sagte halblaut zwischen dem Schluchzen durch, die
Nachbarin habe es geschickt, daß der Vetter-Götti schnell komme
zur Mutter. Die Base sah das Kind an, sie mochte denken, es sei mit
der Mutter schlimm, denn weniger barsch, als sie sonst redete, sagte
sie: ,,Ich wil es ihm sagen, geh nur wieder heim, er ist jetzt nicht
da." Da kehrte Wiseli wieder um und kam schneller zurück, als es
vorwärts gekommen war, denn es ging ja noch zur Mutter. Die
Nachbarin stand vor der Tür, drinnen hatte sie nicht warten wollen,
es war ihr nicht heimlich. Aber das Wiseli schlich hinein und setzte
sich ganz nahe zur Mutter, so wie es die Nacht durch neben ihr
gesessen hatte; da saß es ganz still und weinte und von Zeit zu Zeit
sagte es halblaut: ,,Mutter!" Sie gab keine Antwort mehr. Da sagte
Wiseli, sich zu ihr hinbeugend: ,,Gelt, Mutter, du hörst mich wohl,
wenn du jetzt schon im Himmel bist, und ich dich nicht mehr hören
kann." So saß das Wiseli noch neben seiner Mutter und hielt sie fest,
als schon die Mittagszeit vorüber war. Da trat der Vetter-Götti in das
Stübchen, schaute sich ein wenig darin um und rief dann die
Nachbarin herein. ,,Ihr müßt die Frau hier zurecht machen, Ihr wißt
schon, wie ich meine", sagte er, ,,so daß alles fertig ist zum
Wegholen. Dann nehmt den Schlüssel zu Euch, daß da nichts
wegkommt." Dann wandte er sich zu Wiseli und sagte: ,,Wo sind
deine Kleider, Kleines? Such sie zusammen und pack sie in ein
Bündelchen, dann gehen wir." ,,Wohin gehen wir denn?" fragte
Wiseli zaghaft. ,,Heim gehen wir", war die Antwort; ,,an den
Buchenrain, da kannst du bei uns sein, du hast niemand mehr auf
der Welt, als deinen Vetter-Götti." Das Wiseli befiel ein lähmender
Schrecken, nach dem Buchenrain sollte es gehen und da daheim
sein. Es hatte von jeher eine große Furcht vor der Base gehabt und
jedesmal eine Zeitlang vor der Tür gewartet, wenn es dem Vetter-
Götti etwas hatte berichten müssen, aus lauter Angst, die Base fahre
es an. Dann war der älteste Sohn im Hause, der gewalttätige Chäppi,
27
und dann kamen noch der Hans und der Rudi, die warfen allen
Kindern Steine nach. Bei denen sollte es nun daheim sein.
Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken da. ,,Du
mußt dich nicht fürchten, Kleines", sagte der Vetter-Götti
freundlich; ,,es sind wohl mehr Leute bei uns im Hause als da, aber
das ist desto lustiger für dich." Wiseli legte still seine Sachen
zusammen in ein Tuch und knüpfte je zwei Zipfel davon kreuzweis
ineinander; dann band es sein Tüchlein um den Kopf und stand
fertig da.
,,So", sagte der Vetter, ,,nun gehen wir", und schritt der Tür zu. Auf
einmal schluchzte Wiseli laut auf: ,,Dann muß ja die Mutter ganz
allein sein."
Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie fest.
Der Vetter-Götti stand ein wenig verblüfft da; er wußte nicht recht,
wie er dem Kinde erklären sollte, wie es mit seiner Mutter sei, wenn
es das nicht von selbst begriff, denn Erklären war nicht seine Sache,
das hatte er nie probiert; er sagte also: ,,Komm jetzt, komm! Ein
Kleines, wie du eins bist, muß folgen; komm und mach nur kein
Geschrei, das hilft gar nichts." Wiseli würgte sein Schluchzen
hinunter und folgte lautlos dem Vetter-Götti durch die Tür nach.
Nur einmal sah es noch zurück und sagte ganz leise: ,,Behüte Gott,
Mutter!" Dann wanderte es mit seinem Bündelchen am Arm aus
dem kleinen Hause, wo es daheim gewesen war. Eben als die beiden
miteinander querfeldein gingen, kam von oben herunter die Trine
gegangen, einen gedeckten Korb am Arm tragend. Noch stand die
Nachbarin unter der Tür und schaute dem Vetter-Götti und dem
Kinde nach. Die Trine trat auf sie zu und sagte: ,,Heute bring′ ich
der kranken Frau was Rechtes, aber ein wenig spät, wir haben den
Herrn Onkel zum Besuch, da wird es immer spät." ,,Und wenn
Ihr auch am Morgen früh gekommen wäret, so wäret Ihr zu spät
gekommen heut′, sie ist in der Nacht gestorben." ,,Es wird doch
nicht sein", rief die Trine erschrocken aus; ,,ach du mein Trost, was
wird meine Frau sagen." Damit kehrte die Trine um und lief stracks
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ihren Weg zurück. Die Nachbarin trat in das stille Stüblein ein und
machte Wiselis Mutter so zurecht, wie sie in ihrem letzten Bettlein
liegen mußte.
29
Beim Vetter-Götti.
Als das Wiseli hinter dem Vetter-Götti drein in das Haus hereintrat
am Buchenrain, da kamen die drei Buben aus der Scheune
hergestürzt, liefen hinter der Ankommenden her in die Stube herein
und stellten sich mitten drin auf, und alle drei sperrten die Augen
auf an das Wiseli hinan, das ganz schüchtern dastand. Aus der
Küche kam die Base herein und schaute das Wiseli ebenfalls an, wie
wenn sie es noch nie gesehen hätte.
Der Vetter-Götti setzte sich hinter den Tisch und sagte: ,,Ich meine,
man könnte etwas nehmen; das Kleine hat, denk′ ich, heut′ noch
wenig gehabt. Komm, sitz ab", sagte er, zu Wiseli gewandt, das
immer noch auf demselben Platze stand, sein Bündelchen in der
Hand. Es gehorchte. Jetzt holte die Base Most und Käse und legte
das große Schwarzbrot auf den Tisch. Der Vetter-Götti schnitt ein
tüchtiges Stück ab und legte einen Brocken Käse darauf, dann schob
er es vor das Kind hin: ,,Da, iß, Kleines, wirst wohl Hunger haben."
,,Nein, ich danke", sagte Wiseli leise; es hätte keinen Brosamen
herunterschlucken können, denn Leid und Angst und Weh
schnürten es so zusammen bis an den Hals hinauf, daß es kaum
atmen konnte. Die Buben standen immer da und starrten es an.
,,Mußt dich nicht fürchten", sagte der Vetter-Götti ermunternd, ,,iß
nur zu." Aber das Wiseli saß unbeweglich und berührte sein Brot
nicht. Die Base war bis jetzt auch geblieben und hatte das Kind
angeschaut von oben bis unten, mit beiden Armen in die Seite
gestemmt. ,,Wenn′s dir nicht recht ist, so kannst du′s nur bleiben
lassen", sagte sie nun, kehrte sich um und ging wieder in die Küche.
Als der Vetter-Götti sich genugsam erfrischt hatte, stand er auf und
sagte: ,,Nimm′s in die Tasche, nachher kommt′s dir schon, daß du
essen magst, mußt dich nur nicht fürchten." Damit ging auch er in
die Küche hinaus. Wiseli wollte gehorchen und die beiden Stücke in
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die Tasche stecken, aber diese war viel zu klein, es legte wieder alles
auf den Tisch.
,,Ich will dir schon helfen", sagte Chäppi, schnappte die Stücke vom
Tisch weg und wollte sie zu dem offenen Mund führen, sie fuhren
aber in die Luft hinauf, denn der Hans hatte von unten herauf
Chäppis Hand einen tüchtigen Puff gegeben, damit ihr die Beute
entfalle und er sie erwische; in dem Augenblick aber huschte der
Rudi schnell auf den Boden und haschte den Fang weg. Jetzt
stürzten die beiden Größeren auf ihn, und einer fiel über den
anderen hinaus, und nun ging es an ein Schlagen und Raufen und
Lärmen und Heulen, daß es dem Wiseli angst und bange wurde.
Jetzt machte der Vater die Küchentür wieder auf und rief in die
Stube hinein: ,,Was ist das?" Da riefen die drei Buben am Boden alle
durcheinander, und es tönte immer wieder: ,,Das Wiseli wollte
nicht", ,,das Wiseli hatte keinen" und ,,weil das Wiseli keins wollte".
Da rief der Vater noch lauter: ,,Wenn das nicht aufhört da drinnen,
so will ich mit dem Lederriemen kommen!" Dann schlug er die Tür
wieder zu. Das ,,da drinnen" hörte aber noch nicht auf, sondern
sowie die Tür zu war, ging′s erst recht los, denn der Hans hatte
erfunden, daß das wirksamste Mittel, den Feind zu erschrecken, sei,
ihm in die Haare zu fahren, was die anderen sogleich auch begriffen,
und so standen sie nun alle drei jeder mit beiden Händen an den
Haaren eines anderen reißend und dazu ein fürchterliches Geschrei
ausstoßend. In der Küche saß die Base auf einem Schemel und
schälte Kartoffeln. Als ihr Mann die Stubentür wieder zugemacht
hatte, sagte sie: ,,Was hast du mit dem Kind im Sinn? Warum hast
du es gleich mit heimgenommen?"
,,Es wird, denk′ ich, bei jemandem sein müssen; ich bin der Vetter-
Götti, und andere Verwandte hat es keine mehr. Und du kannst es ja
schon brauchen; so etwas wie du dort machst, kann es dann
machen. So kannst du etwas Besonderes tun. Du sagst ja immer, die
Buben geben dir mehr zu tun, als eben recht."
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,,Ja wegen dessen", warf die Base hin, ,,das wird eine schöne Hilfe
sein. Du kannst ja hören, wie es zugeht drinnen in der ersten
Viertelstunde schon, daß es da ist."
,,Das habe ich schon manchmal gehört, lang eh′ das Kleine da war;
es hat, denk′ ich, nicht viel damit zu tun", sagte der Vetter ruhig.
,,So", entgegnete die Base eifrig, ,,hast du denn nicht gehört, daß sie
alle miteinander etwas von dem Wiseli riefen?"
,,Sie werden etwas rufen müssen, das war nie anders", meinte der
Vetter. ,,Diesem Kleinen wirst du, denk′ ich, wohl noch Meister
werden, es ist kein bösartiges, das habe ich schon gemerkt, es kann
auch folgen, besser als die Buben." Das war der Base fast zu viel.
,,Ich meine, es war nicht nötig, daß man es jetzt schon gegen die
Buben aufstifte", sagte sie, die Häute immer schneller von den
Kartoffeln abreißend, ,,und dann möchte ich nur das wissen, wo das
Kind schlafen soll."
Der Vetter schob ein paarmal die Kappe auf seinem Kopf hin und
her, dann sagte er geruhlich: ,,Man kann nicht alles an einem Tag
machen. Es wird wohl bis jetzt in einem Bett geschlafen haben,
denk′ ich, und das wird es wieder bekommen. Morgen will ich dann
zum Pfarrer gehen; heut′ kann es auf der Ofenbank schlafen, da ist′s
ja warm. Dann kann man einen Verschlag machen, wo es in unsere
Kammer hineingeht; da kann man sein Bett hineinschieben."
,,Ich habe mein Lebtag nie gehört, daß man zuerst das Kind bringt
und dann acht Tage nachher das Bett, das dazu gehört", warf die
Base hin, ,,und dann möcht′ ich auch wissen, wer das bezahlen muß,
wenn man noch bauen soll, um des Kindes willen."
,,Wenn uns die Gemeinde das Kleine zuerkennt, so muß sie auch
etwas an den Unterhalt geben", erklärte der Vetter; ,,ich nehme es
dann noch immer billiger an, als ein anderer es tun würde; es ist ihm
auch am wohlsten bei uns."
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Mit dieser Überzeugung ging der Vetter in den Stall hinaus und rief
noch zurück, der Chäppi solle ihm nachkommen. Es war schwierig
für die Base, sich Gehör zu verschaffen drinnen in der Stube, als sie
den Auftrag ausrichten wol te. Da standen noch die drei im
hitzigsten Gefecht, vom lautesten Kriegsgeschrei begleitet. ,,Es
nimmt mich nur wunder, daß du dem so zusiehst und kein Wort
zum Frieden sagst", warf die Base dem Wiseli hin, das sich scheu an
die Wand drückte und sich kaum rühren durfte. Nun wurde der
Chäppi in den Stall geschickt, und die beiden anderen liefen ihm
nach. ,,Kannst du stricken?" fragte dann die Base das Wiseli; es sagte
schüchtern: ja, Strümpfe könne es stricken. ,,So nimm die", sagte die
Base und nahm aus dem Schrank einen großen braunen Strumpf
heraus mit einem Garn fast so dick wie Wiselis Finger. ,,Du bist am
Fuß, gib acht, daß er nicht zu kurz wird, er ist für den Vetter-Götti."
Nun ging sie wieder in die Küche, und Wiseli setzte sich auf die
Ofenbank und mußte den langen Strumpf auf seinem Schoß
zusammenhalten, der war so schwer, daß er ihm ganz die Hände
herunterzog, wenn er hing, so daß es die Nadeln nicht führen
konnte. Es hatte aber kaum recht angefangen an seiner Arbeit, als
die Base wieder hereinkam. ,,Du kannst jetzt herauskommen in die
Küche", sagte sie; ,,du kannst sehen, wie ich al es mache, so kannst
du mir an die Hand gehen nach und nach." Wiseli gehorchte und
sah draußen der Base zu, so viel es konnte; aber immer schossen
ihm wieder die Tränen in die Augen, und dann sah es nichts mehr,
denn es mußte denken, wie es war, wenn es so der Mutter nachlief
in die Küche, und wie sie mit ihm redete und es immer wieder
streichelte, und es an ihr hing. Es fühlte aber wohl, daß es nicht
herausweinen dürfe, und schluckte und schluckte, daß es fast meinte,
es werde erwürgt. Die Base sagte ein paarmal: ,,Gib acht! so weißt
du′s nachher." Sie ließ es dann aber stehen und fuhr in der Küche
herum. So ging es eine gute Zeit lang, dann hörte man ein ganz
erschreckliches Gestampfe auf dem Hausgang, und die Base sagte:
,,Mach schnell die Tür auf, sie kommen"; denn der Lärm kam vom
Vetter und den Buben her, die draußen den Schnee von den
Schuhen stampften. Wiseli machte die Tür nach der Stube auf und
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die Base hob eine große Pfanne vom Feuer und fuhr eilends damit
in die Stube hinein, wo sie den ganzen Haufen geschwelter
Kartoffeln auf den Schiefertafeltisch ausschüttete. Dann lief sie
zurück und brachte ein großes Becken voll saurer Milch herein und
sagte: ,,Leg auf den Tisch, was in der Schublade liegt, so können sie
zusitzen." Wiseli zog schnell die Schublade aus, da lagen fünf Löffel
und fünf Messer, die legte es hin, und nun war der Abendtisch
fertig. Der Vetter und die Buben waren hereingekommen und saßen
gleich fest auf den Bänken am Tisch den Fenstern entlang. Unten
am Tisch stand ein Stuhl; darauf hin wies nun der Vetter-Götti und
sagte: ,,Es kann, denk′ ich, dort sitzen, oder nicht?"
,,Freilich", sagte die Base, die auch einen Stuhl für sich bereit hatte
auf der Seite gegen die Küche zu, sie saß aber nur eine Sekunde
darauf still, dann lief sie wieder in die Küche und kam zurück und
saß geschwind wieder zu einem Löffel voll Milch nieder; dann lief
sie von neuem. Es wußte niemand, warum das so sein mußte, denn
das Kochen war ja ganz zu Ende; aber es war immer so, und wenn
der Vetter einmal sagte: ,,Sitz doch und iß einmal", so kam sie erst
recht in die Eile und sagte, sie habe nicht Zeit, so lang zu sitzen, und
der Sache draußen werde wohl jemand nachsehen müssen. Als sie
jetzt zum zweiten Male hereingeschossen kam und eilig eine
Kartoffel schälte, fiel ihr Wiselis Untätigkeit auf, das neben ihr saß,
die Hände in den Schoß gelegt. ,,Warum issest du nicht?" fuhr sie es
an. ,,Es hat keinen Löffel", sagte Rudi, der auf der anderen Seite
neben ihm saß und schon lange den Grund herausgefunden hatte,
warum jemand an einem Tisch sitzen kann, ohne zu essen, solange
noch etwas da ist. ,,Ja so", sagte die Base; ,,wem wäre es aber auch in
den Sinn gekommen, daß man auf einmal sechs Löffel haben muß,
man brauchte ja immer nur fünf, und ein Messer wird auch sein
müssen. Warum kannst du aber auch nichts sagen? du wirst wohl
wissen, daß man zum Essen einen Löffel braucht." Diese Worte
waren an das Wiseli gerichtet.
Es schaute die Base scheu an und sagte leise: ,,Es ist gleich, ich
brauche keinen, ich habe keinen Hunger." ,,Warum nicht?" fragte
die Base; ,,bist du anders gewöhnt? Ich habe nicht im Sinn, zu
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ändern." ,,Es ist, denk′ ich, besser, man lasse das Kleine zuerst ein
wenig gehen, man muß es nicht zu fürchten machen", sagte der
Vetter-Götti beschwichtigend; ,,es kommt schon besser." Nun ließ
man das Wiseli in Ruh′, die anderen setzten ihre Tätigkeit noch eine
gute Zeit lang fort. Das Kind saß unbeweglich dabei, bis endlich der
Vater aufstand, noch einmal die Pelzkappe vom Nagel nahm und
nach der Stallaterne suchte, denn der Fleck sei krank geworden, da
mußte er noch einmal hinaus. Der Tisch war schnell wieder in
Ordnung. Die Kartoffelschalen wurden mit den Händen in das leere
Milchbecken heruntergewischt, dann die Schiefertafel abgewaschen,
und wie die Base damit zu Ende war, sagte sie, zu Wiseli gewandt:
,,Du hast gesehen, wie ich′s mache, das kannst du von nun an tun."
Jetzt setzte sich der Chäppi wieder fest hinter den Tisch; er hatte
seinen Griffel und sein Rechenbuch geholt und machte Anstalten,
seine Rechnungsaufgaben vor sich auf den Tisch zu schreiben. Erst
starrte er aber eine Weile auf das Wiseli hin, das seinen braunen
Strumpf wieder vorgenommen hatte, aber sehr hilflos dasaß, denn
es konnte keine Masche sehen in seinem Winkel, und zum Tisch zu
sitzen, auf dem die trübe Öllampe stand, wagte es nicht.
,,Du wirst auch etwas tun können", rief auf einmal Chäppi erbost
zu ihm hinüber, ,,du bist nicht das Geschickteste in der Schule."
Wiseli wußte nicht, was sagen, es war ja gar nicht in der Schule
gewesen heute, und es wußte nicht, was zu tun war, es war ja
überhaupt ganz aus aller Ordnung und Fassung. ,,Wenn ich rechnen
muß, so mußt du auch, oder dann tu′ ich′s auch nicht", rief der
Chäppi wieder. Wiseli hielt sich mäuschenstill. ,,So, dann ist′s recht",
fuhr Chäppi lärmend fort, ,,so tu′ ich keinen Strich mehr an der
Arbeit." Damit warf er seinen Griffel weg. ,,So, so, dann tu′ ich auch
nichts", rief der Hans aus und steckte ganz erleichtert sein
Einmaleins wieder in den Schulsack, denn das Lernen war ihm das
Bitterste, das er kannte. ,,Ich will es schon dem Lehrer sagen, wer
an allem schuld ist", fing Chäppi wieder an, ,,du kannst dann nur
sehen, wie es dir geht." So hätte Chäppi wohl noch eine Zeitlang
seinem bösen Wesen Luft gemacht, wenn nicht der Vater schon aus
dem Stall zurückgekommen wäre. Er trug zwei große, leere
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Futtersäcke auf der Achsel herein und kam damit auf den Tisch
zugeschritten. ,,Mach Platz", sagte er zu Chäppi, der beide Ellbogen
auf den Tisch gestemmt hielt und den Kopf darauf. Dann breitete
er die Säcke aus, faltete sie zusammen, noch einmal und noch
einmal; dann ging er nach der Ofenbank und legte das Paket darauf
hin. ,,So", sagte er befriedigt, ,,das ist gut! Und wo hast dein
Bündelchen, Kleines?" Wiseli holte es aus einer Ecke hervor, wo es
bis jetzt gelegen hatte, und schaute mit Erstaunen zu, wie der Vetter-
Götti das Bündelchen am oberen Ende des Pakets auf die
Ofenbank hin drückte, daß es nicht so ganz kugelrund bleibe.
,,So, da kannst du schlafen", sagte er nun, zu Wiseli sich umkehrend;
,,frieren mußt du nicht, der Ofen ist heiß, und auf das Bündelchen
kannst du den Kopf legen, so liegst du wie im Bett. Und mit euch
dreien ist′s auch Zeit ins Bett, hurtig!" Damit nahm er die Öllampe
vom Tisch und ging der Küche zu, die drei Buben stampften hinter
ihm her. Bei der Tür kehrte er sich noch einmal um und sagte: ,,So
schlaf wohl. Mußt nicht mehr nachsinnen heut′, denn es kommt
dann schon besser." Dann ging er hinaus. Nun kam die Base noch
einmal herein mit einem Öllämpchen in der Hand und beschaute
sich das Lager. ,,Kannst du liegen da?" fragte sie. ,,Du hast es ja
warm hier am Ofen, manches hat kein Bett und muß dazu erst noch
frieren; es kann dir auch noch so gehen, sei du nur froh, daß du
einstweilen unter einem guten Dach bist. Gute Nacht!" ,,Gute
Nacht!" sagte Wiseli leise zurück; die Base hatte es aber jedenfalls
nicht gehört, denn sie war schon halb draußen, als sie gute Nacht
wünschte, und hatte die Tür gleich hinter sich zugemacht. Jetzt saß
Wiseli da in der dunkeln Stube, alles war auf einmal ganz still
ringsum, es hörte keinen Ton mehr. Der Mond schien ein wenig
durch das eine Fenster herein, so daß Wiseli wieder erkennen
konnte, wo die Ofenbank war, darauf es schlafen sollte. Es ging nun
gleich dahin und setzte sich auf sein Lager. Zum ersten Male heute,
seit es die Mutter verlassen hatte, war es nun allein und konnte sich
besinnen, was mit ihm war. Die ganze Zeit bis jetzt war es in einer
steten Spannung gewesen, denn alles hatte ihm Angst und Furcht
eingeflößt, was es gesehen und gehört hatte, seit es von der Mutter
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weg war, und noch hatte es gar nicht weiter gedacht, nur von einem
Augenblick auf den anderen sich gefürchtet. Nun saß es da, zum
ersten Male in seinem Leben ohne die Mutter, und ganz klar und
deutlich kam ihm nun der Gedanke, daß es sie gar nie mehr sehen
werde, daß es gar nie mehr mit ihr reden und sie hören könnte. Jetzt
kam auf einmal ein solches Gefühl der Verlassenheit über das
Wiseli, daß es ihm gerade vorkam, als sei es mutterseelenallein und
verloren auf der Welt, und gar kein Mensch kümmere sich mehr um
es, und so müsse es nun ganz allein und im Dunkeln bleiben und
umkommen. Und über das Wiseli kam ein solches Elend, daß es den
Kopf auf sein Bündelchen drückte und ganz bitterlich zu weinen
anfing und trostlos einmal über das andere sagte: ,,Mutter, kannst du
mich nicht hören? Mutter, hörst du mich nicht?" Aber die Mutter
hatte dem Wiseli oft gesagt, wenn es einem Menschen schlimm gehe
und er leiden müsse, dann sei er froh, daß er zum lieben Gott im
Himmel schreien könne, der höre ihn immer an und wolle ihm gern
helfen, wenn gar keine Menschen ihm mehr zuhören wollen oder
helfen können. Das kam dem Wiseli in den Sinn, und auf einmal saß
es wieder auf und schluchzte laut: ,,Ach, lieber Gott im Himmel,
hilf mir auch. Es ist mir so angst, und die Mutter hört mich nicht
mehr!" Und so betete es zwei- oder dreimal, und dann wurde es ein
wenig stiller und ruhiger; es gab ihm einen Trost ins Herz, nun es
fühlte, daß doch der liebe Gott im Himmel noch da sei, zu dem es
eben gerufen hatte, so war es doch nicht ganz, ganz allein. Jetzt
stiegen ihm auch die Worte auf, die ihm die Mutter ganz zuletzt
noch gesagt hatte: ,,Wenn du einmal keinen Weg mehr vor dir siehst
und es dir ganz schwer wird" so war es jetzt schon gekommen,
und doch hatte es noch nicht gewußt, wie das kommen konnte, als
die Mutter so sagte , dann, hatte sie gesagt, solle es daran denken,
wie es heiße in seinem Liede:
,,Er wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann."
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Jetzt verstand auch Wiseli mit einem Male, was die Worte
bedeuteten, die es vorher nur so hingesagt hatte, denn es war noch
nie in der Angst gewesen. Aber jetzt war es ja geradeso, daß es gar
keinen Weg mehr vor sich sah und dachte, mit ihm sei es ganz aus,
denn vor ihm stand gar nichts mehr als ein großer Schrecken vor
jedem Augenblick in des Vetter-Göttis Haus. Es kam aber jetzt ein
rechter Trost in sein Herz, wie es wieder und wieder so sagte:
,,Er wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann."
So hatte Wiseli noch gar nie empfunden, was es sei, einen lieben
Gott im Himmel zu haben, zu dem man rufen kann, wenn man
sonst von gar niemandem mehr gehört wird; gar nie bis jetzt hatte
es gewußt, wie wohl das tun kann. Es faltete jetzt ganz still seine
Hände und fing sein Lied von vorn an, denn es wollte so gern noch
etwas mehr vor dem lieben Gott sagen und zu ihm hinauf beten; es
sagte auch jedes Wort mit seinem ganzen Herzen, wie nie vorher:
,,Befiehl du deine Wege,
Und was dein Herze kränkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann."
Es war eine beruhigende Zuversicht in des Kindes Herz gefallen;
nachdem es mit Vertrauen die letzten Worte noch einmal gesagt
hatte, legte es seinen Kopf wieder auf das Bündelchen und schlief
augenblicklich ein.
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Jetzt träumte es dem Wiseli, es sehe einen schönen, weißen Weg vor
sich, ganz trocken und hell von der Sonne beschienen, der ging
zwischen lauter roten Nelken und Rosen durch, und war so lockend
anzusehn, daß man gleich hätte darauf hüpfen und springen mögen.
Und neben dem Wiseli stand seine Mutter und hielt es liebevoll bei
der Hand, wie immer, und dabei zeigte sie auf den Weg hin und
sagte: ,,Sieh, Wiseli, das ist dein Weg! Habe ich nicht zu dir gesagt:
′Er wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann′?"
Und das Wiseli war sehr glücklich in seinem Traume, und auf
seinem Bündelchen schlief es so gut, als läge es in einem weichen
Bette.
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Wie es weiter geht und Sommer wird.
Als die alte Trine mit dem Bericht auf die Halde zurückkam, daß
Wiselis Mutter gestorben und das Kind soeben von seinem Vetter-
Götti geholt worden sei, entstand ein großer Aufruhr im Hause. Die
Mutter konnte sich des Klagens und Jammerns nicht erwehren
darüber, daß sie den Besuch bei der Kranken nicht mehr gemacht
hatte, den sie zu machen sich schon seit einigen Tagen bestimmt
vorgenommen; aber sie hatte keine Ahnung gehabt, daß das Ende
der armen Frau so nahe sein konnte; sie war sehr betrübt und
ergriffen.
Derweilen lief Otto mit ungeheuren Schritten der Aufregung das
Zimmer auf und nieder und rief zornentbrannt einmal ums andere
aus: ,,Es ist eine Ungerechtigkeit! Es ist eine Ungerechtigkeit! Aber
wenn er ihm etwas zuleide tut, dann kann er nachher nur seine
Rippen zählen, wie manche davon noch ganz ist!"
,,Wen meinst du denn eigentlich, Otto, von wem sprichst du?"
unterbrach die Mutter den eifernden Sohn.
,,Vom Chäppi", erwiderte er; ,,was kann er dem Wiseli alles tun,
wenn es mit ihm zusammenwohnen muß! Das ist eine
Ungerechtigkeit! Aber er soll es nur probieren ." Hier wurde Otto
wieder unterbrochen, indem ein wiederholtes, heftiges Stampfen
seine Stimme übertönte.
,,Was machst du für ein hirnerschütterndes Gerumpel, du Miez
hinter dem Ofen!" rief er aus, indem er seine Aufregung nun nach
dieser Seite wandte. Miezchen kam hinter dem Ofen hervor und
stampfte noch einmal mit großer Gewalt auf den Boden, denn es
war bemüht, seine Füße wieder in die völlig nassen Stiefel
hineinzuzwingen, welche ihm die alte Trine vor kurzer Zeit mit der
größten Mühe ausgezogen hatte. Die Arbeit war sehr schwierig, und
feuerrot von Anstrengung keuchte Miezchen hervor: ,,Du kannst
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sehen, daß ich so tun muß; kein Mensch kann in diese Stiefel
hineinkommen ohne Stampfen."
,,Und warum müssen denn die Stiefel wieder an die Füße, da ich sie
gerade eben weggenommen habe, damit sie nicht mehr dran seien?
möchte ich wissen", sagte die Trine, die noch im Zimmer stand.
,,Ich gehe nach dem Buchenraine und hole auf der Stelle das Wiseli
zu uns, es kann mein Bett haben", erklärte das Miezchen
entschlossen. Ebenso entschlossen kam jetzt die alte Trine auf das
Miezchen zugeschritten, hob es in die Höhe, setzte es fest auf einen
Stuhl und zog mit einem Ruck den halb angezwängten Stiefel wieder
weg, fand aber doch für gut, das zappelnde Kind zu beschwichtigen,
indem sie zustimmend sagte: ,,Schon recht! Schon recht! Aber ich
will′s schon für dich besorgen, du brauchst nicht zwei Paar Strümpfe
und zwei Paar Schuhe dafür durchzumachen. Dein Bett kannst du
schon geben, du kannst dann nur in die Rumpelkammer
hinaufziehen zum Schlafen, da ist Platz genug." Aber das Miezchen
hatte ganz andere Gedanken. Es hatte aufgefunden, daß es sich
plötzlich von einem großen und täglich wiederkehrenden Ungemach
befreien könne, und hatte fest im Sinne, es zu tun. Jeden Abend
nämlich, gerade wenn Miezchen im besten Zuge der Unterhaltung
war, erscholl auf einmal der Befehl, aufzupacken und ins Bett zu
gehen. Hierauf erfolgten jedesmal große innere, häufig auch äußere
Kämpfe, die waren peinlich und dazu noch nutzlos. Wenn es nun
sein Bett an das Wiseli verschenkt hatte, so war mit einem Male
allem abgeholfen, denn da war keins mehr vorhanden, und
Miezchen konnte für immer aufbleiben. Diese Aussicht beglückte
das Miezchen so sehr, daß alle seine Gedanken darauf gerichtet
waren und es erst gar nicht bemerkte, wie die schlaue Trine nur
darauf bedacht war, ohne Kampf der nassen Stiefel habhaft zu
werden, ihr aber gar nicht einfiel, das Wiseli zu holen. Als sie nun
befriedigt mit ihren Stiefeln davonging und Miezchen die Täuschung
entdeckte, fing es einen so mörderlichen Lärm an, daß Otto sich
beide Ohren zuhalten und die Mutter ernstlich einschreiten mußte.
Sie versprach dann dem Miezchen, die Sache mit dem Papa
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besprechen zu wollen, sobald er erst wieder zu Hause sein würde,
denn er war an dem Morgen dieses Tages mit Onkel Max abgereist,
um einen lange verabredeten Besuch bei einem alten Freund zu
machen. So wurde denn endlich die Ruhe und der Friede im Hause
wiederhergestellt. Erst nach vier Tagen kamen die Herren von ihrem
Ausfluge zurück, und die Mutter hielt Wort: das erste, was sie mit
dem Vater besprach noch am Abend seiner Ankunft, war Wiselis
Verwaistsein und sein neues Unterkommen, und es wurde gleich
beschlossen, der Vater sollte am folgenden Tag hingehen, um sich
mit dem Herrn Pfarrer zu beraten, was etwa für Wiseli getan werden
könnte. Dies wurde denn ausgeführt, und der Oberst brachte die
Nachricht, daß am vergangenen Sonntag, zwei Tage vorher, der
Gemeindevorstand die Sache schon geordnet hatte, wie sie nun
bleiben würde. Wiseli sollte ein Unterkommen haben, und da seine
Mutter nichts hinterlassen hatte, mußte die Gemeinde für das Kind
sorgen, bis es selbst sein Brot verdienen konnte. Nun hatte der
Vetter-Götti sich gleich angeboten, das Kind um ein weniges bei
sich zu behalten, da er einen Akt der Wohltätigkeit an ihm
auszuüben gedachte. Er war als ein rechtschaffener Mensch
bekannt, und da seine Forderung so billig war, wurde ihm von dem
Vorstand das Kind sehr bereitwillig zuerkannt, und so war es denn
fest und unabänderlich, daß Wiselis neue Heimat das Haus des
Vetter-Götti geworden war.
,,Es ist eigentlich gut so", sagte der Oberst zu seiner Frau; ,,das
Kind ist wohlversorgt da; was hätte man auch mit ihm machen
wollen, es ist ja noch viel zu klein, um irgendwo angestellt zu
werden, und alle elternlosen Kinder kannst du doch nicht ins Haus
nehmen, du müßtest denn ein Waisenhaus gründen." Seine Frau war
ein wenig bestürzt über die Nachricht, daß schon alles festgesetzt
sei; sie hatte gehofft, es würde sich noch ein anderes Unterkommen
für das Kind finden, denn das zarte Wiseli in dem Hause zu wissen,
wo es viel Roheit hören und fühlen mußte, tat ihr sehr leid; doch
hätte auch sie keinen bestimmten Rat gewußt, und nun war auch
weiter nichts mehr zu tun, als die Sache anzunehmen und sich etwa
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nach dem Kinde umzusehen. Als am Morgen darauf Otto und
Miezchen hörten, wie es mit Wiseli stehe, da brach freilich noch
einmal ein Sturm los; Otto erklärte Wiselis Versorgung für die
Versorgung eines Daniel in der Löwengrube und probierte dabei
seine Faust auf dem Tisch, offenbar mit dem heimlichen Wunsch,
sie so auf Chäppis Rücken wirken zu lassen. Das Miezchen lärmte
und heulte ein wenig, teils aus Mitleid für Wiseli, teils aus Teilnahme
für sich selbst und seine vereitelten Hoffnungen auf ein glückliches
Entrinnen aus der täglichen Betthaft. Aber auch diese Aufregung
ging vorüber wie jede andere, und die Tage gingen wieder ihren
gewohnten Gang.
Unterdessen hatte Wiseli nach und nach sich ein wenig eingelebt in
dem Hause des Vetter-Götti. Sein Bett war angekommen, es schlief
nicht mehr auf der Ofenbank, sondern, wie der Vetter gesagt hatte,
in einem Verschlag in dem schmalen Gang zwischen der Kammer
des Vetters und der Base und derjenigen der Buben. In dem
Verschlag hatte gerade sein Bett Platz und eine kleine Kiste, worin
seine Kleider lagen und auf welche es steigen mußte, um in sein
Bett zu kommen, denn da war sonst gar kein Raum mehr. Sich zu
waschen am Morgen, mußte es an den Brunnen gehen, und wenn es
etwa gar kalt war, so sagte die Base, das könne es bleiben lassen und
sich dann an einem anderen Tag waschen, wenn es wärmer sei. Aber
daran war Wiseli nicht gewöhnt; seine Mutter hatte es gelehrt, sich
recht sauber zu halten, und Wiseli wollte lieber frieren, als so
aussehen, wie es die Mutter ungern sehen würde. Freilich daheim
war es anders gewesen, wenn es am Morgen bei der Mutter in der
Stube sich hatte fertig machen können, und sie dabei immer so
freundliche Worte zu ihm geredet hatte und dann den Kaffee auf
den Tisch stellte und sie beide nebeneinander saßen, und es fröhlich
seine Brocken aß, ehe es zur Schule mußte. Das war jetzt ganz
anders, und alles war so anders, sein ganzes Leben vom Morgen bis
am Abend so anders, daß oft, oft beim Erinnern an die Mutter und
an die Tage, die es bei ihr gehabt, dem Wiseli das Wasser in die
Augen schoß, und es ihm so das Herz zusammenschnürte, daß es
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meinte, es könne nicht mehr weiter. Aber es wehrte sich tapfer, denn
der Vetter-Götti hatte es ungern, wenn es weinte oder traurig war,
und die Base schmälte dann mehr als je, sie konnte es gar nicht
leiden. Am liebsten war Wiseli der Augenblick, da es von allen weg
allein in seinen Verschlag steigen und so recht an die Mutter denken
und sein Lied sagen konnte. Da kam ein großer Trost in sein Herz.
Es dachte dann an seinen schönen Traum und war ganz sicher, daß
der liebe Gott ihm einen Weg suche, so wie ihn die Mutter gezeigt
hatte. Wenn ihm dann auch etwa in den Sinn kam, wie viele
Menschen es auf der Welt gibt, für die der liebe Gott zu sorgen und
Wege bereit zu machen hat, und ihm dann etwa der Zweifel aufstieg,
ob er es vielleicht vergesse über all′ den vielen, dann kam ihm gleich
der gute Trost ins Herz, daß ja die Mutter droben im Himmel sei
und gewiß den lieben Gott daran erinnere, daß er auch seinen Weg
nicht vergesse. Das machte das Wiseli dann ganz zuversichtlich und
froh, und es wurde nie mehr so unglücklich, wie am ersten Abend
auf der Ofenbank, sondern jeden Abend schlief es mit der ganz
frohen Zuversicht im Herzen ein:
,,Er wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann."
So verging der Winter und der sonnige Frühling kam. Die Bäume
wurden grün und alle Wiesen standen voller Schlüsselblumen und
weißer Anemonen, und im Wald rief lustig der Kuckuck, und
schöne, warme Lüfte zogen durch das Land und machten alle
Herzen fröhlich, so daß jeder wieder gern leben mochte.
Auch Wiselis Herz erfreuten die Blumen und der Sonnenschein,
wenn es am Morgen in die Schule ging und nachher wieder nach
dem Buchenrain zurückkehrte. Sonst blieb ihm keine Zeit, sich
daran zu erfreuen, denn es mußte nun streng arbeiten: jeder
Augenblick, der neben der Schule übrig blieb, mußte zu irgendeiner
Arbeit benutzt werden, und manchen halben Tag der Woche mußte
es daheim bleiben und durfte gar nicht zur Schule gehen, weil da viel
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Nötigeres zu tun war, wie der Vetter-Götti und hauptsächlich die
Base sagten. Die Frühlingsarbeiten hatten im Felde begonnen und
im Garten war allerhand zu tun, da mußte es mithelfen, und wenn
die Base draußen war, mußte es kochen und nachher das Geschirr
abwaschen, den Trog für die Schweinchen zurecht machen und in
die Scheune hinübertragen. Neben alledem mußten die Hemden
und Hosen der Buben geflickt werden, und noch so vieles war zu
tun, daß Wiseli nie wußte, wenn es fertig war. Den ganzen Tag
durch hieß es an allen Ecken, wo es etwas zu tun gab: ,,Das kann
das Kind machen, es hat ja sonst nichts zu tun", so daß es dem
Wiseli manchmal ganz schwindelig wurde, weil es gar nicht wußte,
wo anfangen und wie fertig werden. Es wußte auch wohl, daß, wenn
es damit anfing, daß es mit dem Kartoffelsamen nach dem Acker
rannte, wo der Vetter schaufelte und danach rief, die Base sicher
schmälen würde, daß es nicht zuvor in der Küche Feuer zum
Abendessen gemacht hatte, wie sie befohlen, und machte sie zuvor
das Feuer an, so zankte wieder der Chäppi, daß es nicht zuerst das
Loch in seinem Wamsärmel hatte flicken können, er hatte es ihm ja
schon lang gesagt, und jedes rief ihm zu: ,,Warum machst du denn
das nicht, du hast ja sonst nichts zu tun!" So war Wiseli ganz froh,
wenn es in die Schule gehen konnte, da hatte es doch eine Zeitlang
Ruhe und wußte, was es tun mußte, und dazu war es auch der Ort,
wo es noch freundliche Worte bekam, denn jedesmal, wenn die Zeit
der Pause kam, oder beim Heraustreten aus der Schule, kam der
Otto zu Wiseli heran und war freundlich mit ihm und brachte
immer wieder eine Einladung von seiner Mutter, daß es etwa am
Sonntagabend zu ihnen komme, sie wollten dann allerlei Spiele
zusammen machen. Das konnte nun Wiseli nie ausführen, denn am
Sonntag mußte es den Kaffee machen, und die Base erlaubte ihm
nicht, fortzugehen an dem einzigen Tag, da es ihr etwas helfen
könne, wie sie sagte. Aber es tat doch dem Wiseli sehr wohl, daß
Otto es immer wieder einlud, und nur schon, daß er freundliche
Worte zu ihm redete, es hörte deren sonst von niemand mehr. Noch
einen Grund hatte Wiseli, warum es gern zur Schule ging; es mußte
jedesmal an dem sauberen Gärtchen vom Schreiner Andres vorbei;
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da schaute es so gern hinein und paßte da an der niederen Hecke
immer und immer wieder die Gelegenheit ab, den Schreiner Andres
zu sehen, denn es hatte ihm ja noch etwas von der Mutter
auszurichten, das hatte es gar nicht vergessen. Aber in das Haus
hineinzugehen, dazu war Wiseli zu schüchtern, es kannte den Mann
auch zu wenig, um einen solchen Schritt zu tun, auch hatte es eine
eigene Art von Scheu vor ihm, weil er so still war und es nur immer,
wo es ihn noch getroffen, ganz freundlich angesehen, aber fast nie
etwas, oder nur so ein flüchtiges Wort zu ihm gesagt hatte. Noch
hatte Wiseli nie den Schreiner Andres erblicken können, wie oft es
auch an der Hecke stillgestanden und nach ihm ausgeschaut hatte.
Mai und Juni waren vorbei und die langen Sommertage waren
gekommen, da es auf dem Felde immer mehr Arbeit gibt und alle
Arbeit so heiß macht. Das merkte auch das Wiseli, wenn es vom
Vetter hinausgerufen wurde und mit einem großen schweren
Rechen das Heu zusammenbringen mußte, oder mit der breiten
hölzernen Gabel wieder auseinanderwerfen, daß es an der Sonne
trockne. Oft mußte es so den ganzen Tag draußen helfen, und am
Abend war es dann so müde, daß es seine Arme kaum mehr
bewegen konnte. Das hätte es aber nicht geachtet, denn es dachte,
das müsse so sein; aber wenn es dann etwa am Abend einen
Augenblick still saß, dann rief ihm der Chäppi gleich zu: ,,Du wirst
so gut Rechnungen zu machen haben, wie ich; du meinst, du
müssest nichts tun, und in der Schule kannst du ja nie etwas." Das
tat dem Wiseli weh, denn es hätte gern recht fleißig alles gelernt und
wäre gern regelmäßig zur Schule gegangen, damit es alles gut
begreifen und erlernen könnte, wie viele andere, und es wußte recht
wohl, daß es fast überall zurück war. Es mußte ja so oft
unterbrechen und hatte dann gar keinen Zusammenhang, wußte
auch gar nicht, was die Aufgaben für die Schule waren. Wenn es
dann so ohne Arbeit kam und dazu ungeschickt antwortete und
vieles gar nicht wußte, schämte es sich so sehr und besonders, wenn
der Lehrer ihm dann so vor allen Kindern sagte: ,,Das hätte ich von
dir nicht erwartet, Wiseli, du warst immer am geschicktesten." Dann
meinte es oft, es müsse in den Boden hineinkriechen vor Scham,
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und nachher weinte es auf dem ganzen Heimweg. Aber dem Chäppi
durfte es nicht antworten, es wisse ja nicht, was machen, sonst
schimpfte und lärmte er so lange, bis die Base hereinkam und auf
Chäppis Anklagen hin dem Wiseli erst recht seine Nachlässigkeit
vorwarf. Dann zerdrückte das Kind manchmal seine Tränen und
erst nachher auf seinem Kissen durfte es ihnen den Lauf lassen,
und sie kamen dann auch recht heiß und schwer, denn es war ihm
so, als hätten der liebe Gott und die Mutter es ganz vergessen und
kein Mensch auf der Welt kümmere sich um sein Leben. In seinem
Kummer konnte es oft lange sein Trostlied nicht sagen; es kam aber
zu keiner Ruhe und konnte nie einschlafen, bis es die Worte wieder
recht zusammengefunden und sie mit Andacht hatte sagen können,
wenn ihm auch die frohe Zuversicht nicht recht im Herzen
aufgehen wollte. So war das Wiseli auch entschlafen an einem
schönen Juliabend, und am Morgen darauf stand es zaghaft unten
am Tisch, als die Buben sich zur Schule rüsteten; es wagte nicht, zu
fragen, ob es auch gehen dürfe, denn die Base schien keine Zeit zu
einer Antwort übrig zu haben und der Vetter war schon zur Tür
hinausgegangen.
Jetzt liefen die Buben davon. Wiseli schaute ihnen nach durch das
offene Fenster, wo sie zwischen den hohen Wiesenblumen
hinsprangen und über ihren Köpfen die weißen Schmetterlinge in
der Morgensonne umherflogen. Die Base hatte eine große Wäsche
vorbereitet, mußte es wohl diese Woche am Waschtrog zubringen?
Richtig, sie rief schon nach ihm aus der Küche. Jetzt rief auch der
Vetter-Götti seinen Namen; er stand am Brunnen und sah es am
Fenster. ,,Mach, mach, Wiseli, es ist Zeit, die Buben sind ja weit
voraus. Das Heu ist drinnen, mach, daß du in die Schule kommst!"
Das ließ sich Wiseli nicht zweimal sagen. Wie ein Blitz erfaßte es
seinen Schulsack und flog zur Tür hinaus.
,,Sag dem Lehrer", rief der Vetter nach, ,,es gebe jetzt eine Zeitlang
keine Absenzen, er soll′s nicht so genau nehmen, wir haben streng
mit dem Heu zu tun gehabt." Wiseli lief ganz glücklich davon; so
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mußte es denn nicht an den Waschtrog hin, es durfte die ganze
Woche in die Schule gehen. Wie war es so schön ringsum! Von allen
Bäumen pfiffen die Vögel, und das Gras duftete, und in der Sonne
leuchteten die roten Margeritli und die gelben Glisserli. Wiseli
konnte nicht stille stehen, es war keine Zeit dazu, aber es fühlte
wohl, wie schön es war, und lief voller Freuden mittendurch.
An demselben Abend, als eben alle Kinder aus der dumpfen
Schulstube in den sonnigen Abendschein hinausstürmen wollten,
rief der Lehrer ernsthaften Angesichts in den Tumult hinein: ,,Wer
hat die Woche?"
,,Der Otto, der Otto!" rief die ganze Schar und stürmte davon.
,,Otto", sagte der Lehrer in ernstem Ton, ,,gestern ist hier nicht
aufgeräumt worden. Einmal will ich dir verzeihen; aber laß mich dies
nicht zum zweiten Male erfahren, sonst müßte die Strafe folgen."
Otto schaute einen Augenblick auf all′ die Nußschalen und
Papierfetzen und Apfelschnitze, die am Boden herumlagen und
sollten aufgelesen sein; dann wandte er eilends den Kopf weg und
lief ebenfalls zur Tür hinaus, denn der Lehrer war auch schon durch
seine Tür verschwunden. Draußen stand Otto auf dem sonnigen
Platz still und schaute in den goldenen Abend hinaus und dachte:
,,Jetzt könnte ich heimgehen, und dann kriegte ich die Kappe voll
Kirschen, und dann könnte ich auf dem Braunen ins Feld
hinausreiten, wenn der Knecht das Heu holt, und nun soll ich
drinnen auf dem Boden Papierfetzen zusammenlesen?" -- und
Otto wurde durch seine Gedanken so aufgeregt, daß er ganz
grimmig vor sich hin sagte: ,,Ich wollte, es käme gerade jetzt der
jüngste Tag, und das Schulhaus und alles miteinander flöge in
tausend Stücken in die Luft hinauf!" Es blieb aber ringsum still und
ruhig und von dem alles beendenden Erdbeben waren keine
Anzeichen da. Da kehrte sich endlich Otto wieder der Schultür zu
mit einem furchtbaren Grimm auf seinem Gesicht, denn er wußte
ja, in den sauren Apfel mußte nun gebissen werden, oder morgen
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folgte die erniedrigende Strafe des Festsitzens, die wollte er nicht an
sich kommen lassen. Er trat ein, aber beim ersten Schritt blieb er
verwundert stehen: völlig aufgeräumt lag die Schulstube vor ihm,
kein Fetzchen und kein Stäubchen nirgends mehr zu sehen; die
Fenster standen offen und lieblich strömte die Abendluft in die
geputzte Stube hinein. In dem Augenblick trat der Lehrer aus seiner
Stube und schaute verwundert um sich und auf den starrenden
Otto. Dann ging er zu diesem hin und sagte ermunternd: ,,Du darfst
wirklich dein Werk anstaunen, das hätte ich dir nicht zugetraut. Du
bist ein guter Schüler, aber im Aufräumen hast du heute alle
übertroffen, was sonst bei dir nicht der Fall war." Damit ging der
Lehrer fort, und als sich Otto noch mit einem letzten Blick
überzeugt hatte, daß er die Wirklichkeit vor sich sah, sprang er vor
Freuden in zwei Sätzen die Treppe hinunter und über den Platz weg,
stürmte die Halde hinauf, und erst als er der Mutter das wunderbare
Ereignis mitteilte, fing er an zu denken, wie es sich wohl so begeben
hatte.
,,Aus Versehen wird wohl keiner für dich aufgeräumt haben", sagte
die Mutter; ,,hast du etwa einen guten Freund, der sich so edelmütig
für dich aufopfert? Denk doch einmal nach, wie es sein könnte."
,,Ich weiß es", sagte Miezchen entschieden, das eifrig zugehört hatte.
,,Ja, wer denn?" rief Otto, teils neugierig, teils ungläubig.
,,Der Mauserhans", erklärte Miezchen mit voller Überzeugung, ,,weil
du ihm einen Apfel gegeben hast vor einem Jahr." ,,Ja, oder der
Wilhelm Tell, weil ich ihm den seinigen nicht genommen habe vor
ein paar Jahren. Das wäre wohl ebenso wahrscheinlich, du Wunder
von einem Miez." Damit rannte Otto davon, denn jetzt war′s die
höchste Zeit, wollte er den Ritt ins Heu nicht verlieren.
Unterdessen sprang das Wiseli mit vergnügtem Herzen den Berg
hinunter, vorbei an des Schreiners Andres Gärtchen, und tat noch
ein paar Sprünge, dann machte es aber plötzlich Kehrum und tat die
letzten Sprünge wieder zurück, denn es hatte im Vorbeilaufen so
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schöne, rote Nelken offen gesehen in dem Garten, die mußte es
noch einmal ansehen, wenn es schon ein wenig spät war; es dachte:
,,Den Buben komme ich doch nach, die machen erst auf allen
Wegen noch Kugelschieben." Die Nelken leuchteten in der
Abendsonne so schön und dufteten so herrlich über die niedere
Hecke herüber dem Wiseli zu, daß es fast nicht mehr von der Stelle
fort konnte, so wohl gefiel es ihm da. Da trat auf einmal der
Schreiner Andres aus seiner Tür heraus in das Gärtchen und kam
gerade auf das Wiseli zu. Er bot ihm die Hand über die Hecke und
sagte ganz freundlich: ,,Willst du eine Nelke, Wiseli?"
,,Ja, gern", antwortete es, ,,und dann sollte ich Euch auch noch
etwas ausrichten von der Mutter."
,,Von der Mutter?" fragte der Schreiner Andres im höchsten
Erstaunen und ließ die Nelken aus der Hand fallen, die er eben
abgebrochen hatte. Wiseli sprang um die Hecke herum und las sie
auf; dann sah es zu dem Manne auf, der ganz still dastand, und
sagte: ,,Ja, noch zuallerletzt, als die Mutter sonst nichts mehr
mochte, hat sie von dem schönen Saft getrunken, den Ihr in die
Küche gestellt hattet, und er hat ihr so wohlgetan, und dann hatte
sie mir aufgetragen, ich soll Euch sagen, sie danke Euch vielmal
dafür und auch noch für alles Gute, und sie sagte noch: ,Er hat es
gut mit mir gemeint.`" Jetzt sah Wiseli, wie dem Schreiner Andres
große Tränen über die Wangen hinunterliefen; er wollte etwas sagen,
aber es kam nichts heraus. Dann drückte er dem Wiseli stark die
Hand, kehrte sich um und ging ins Haus hinein.
Das Wiseli stand ganz verwundert da. Kein Mensch hatte um seine
Mutter geweint, und es selbst hatte nur weinen dürfen, wenn es
niemand sah, denn der Vetter wollte ja kein Geschrei, hatte er
gesagt, und vor der Base durfte es noch weniger weinen. Und nun
war auf einmal jemand da, dem kamen die Tränen, weil es etwas von
der Mutter gesagt hatte. Dem Wiseli wurde es so zumut′, als wäre
der Schreiner Andres sein liebster Freund auf der Welt, und es faßte
eine große Liebe zu ihm. Jetzt rannte es mit seinen Nelken davon
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und war wie der Blitz am Buchenrain angelangt, und das war gut,
denn eben sah es, wie die beiden Buben dem Haus zuliefen, und es
durfte um alles nicht nach ihnen daheim ankommen.
An diesem Abend betete Wiseli mit so frohem Herzen, daß es gar
nicht begriff, wie es gestern so verzagt hatte sein können und gar
keine Zuversicht und Freude gehabt hatte, sein Lied zu sagen. Der
liebe Gott hatte es gewiß nicht vergessen, das wollte es nicht mehr
denken, heute hatte er ihm ja so viel Freude geschickt, und beim
Einschlafen sah Wiseli noch das gute Gesicht des Schreiners Andres
vor sich mit den Tränen drin.
Am folgenden Tage, es war nun Mittwoch, erlebte Otto vollständig
dieselbe überraschende Tatsache, wie am Tage vorher, denn er hatte
sich nicht enthalten können, mit den anderen aus der Schulstube
hinauszurennen im ersten Augenblick der Befreiung und noch
diesen und jenen Sprung zu tun. Als er dann mit gedrücktem
Gemüte an seine Arbeit gehen wollte und die Tür aufmachte
siehe, da war schon alles getan und die Stube in bester Ordnung.
Nun fing aber die Sache an, seine Neugierde zu stacheln; auch hatte
er einen so lebendigen Dank im Herzen für den unbekannten
Wohltäter, daß es ihn drängte, den auszusprechen. Am Donnerstag
wollte er aufpassen, wie die Sache zugehe. Als nun die Schulstunden
zu Ende waren und alles forteilte, stand Otto einen Augenblick
nachdenklich an seinem Platz, er wußte nicht recht, wo er am besten
dem Wohltäter aufpassen konnte. Aber mit einem Male faßte ihn
eine Schar rüstiger Kerle, seine Klassengenossen, an allen Ecken an,
und die Stimmen riefen durcheinander: ,,Komm heraus! Heraus mit
dir! Wir machen Räuber, du bist der Anführer." Otto wehrte sich ein
wenig. ,,Ich habe ja die Woche", rief er. ,,Ach was", scholl es zurück,
,,wegen einer Viertelstunde. Komm!" Otto ließ sich fortreißen, in
der Stille verließ er sich schon ein wenig auf seinen unbekannten
Freund, der ihn vor der Strafe schützen würde; er fand es
unbeschreiblich angenehm, ein solche Fürsorge im Rücken zu
haben. Aus der Viertelstunde wurde auch mehr als eine Stunde, und
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Otto wäre verloren gewesen. Er keuchte nach der Schulstube, um
sein Schicksal zu vernehmen, und stieß dabei die Tür mit solchem
Gepolter auf, daß der Lehrer augenblicklich aus seiner Stube ins
Lehrzimmer heraustrat. ,,Was hast du gewollt, Otto?" fragte der
Lehrer. ,,Nur noch einmal nachsehen", stotterte Otto, ,,ob auch
sicher alles in Ordnung sei."
,,Musterhaft", bemerkte der Lehrer. ,,Dein Eifer ist löblich, aber die
Türen halb einzuschlagen dabei ist nicht notwendig." Otto ging sehr
wohlgemut von dannen. Am Freitag war er entschlossen, den Fleck
nicht zu räumen, bis er im klaren war, denn da kam für ihn nur noch
der Samstagmorgen; da gab es freilich immer noch eine
Haupträumerei. ,,Otto", rief der Lehrer, als am Freitag die Glocke
vier Uhr schlug, ,,trag mir schnell das Zettelchen zum Herrn Pfarrer,
er gibt dir Schriften zurück; in fünf Minuten bist du wieder da zum
Aufräumen." Das war Otto nicht ganz recht, aber er mußte gehen,
auch konnte er ja gleich wieder da sein. In wenig Sprüngen war er
im Pfarrhaus. Der Herr Pfarrer hatte noch jemandem Bescheid zu
geben; die Frau Pfarrerin rief Otto in den Garten hinaus, er mußte
ihr berichten, wie es der Mama gehe und dem Papa und dem
Miezchen und dem Onkel Max und den Verwandten in
Deutschland, und dann kam der Herr Pfarrer, und Otto mußte
erklären, wie er zu der Kommission gekommen war, und was ihm
der Lehrer sonst noch aufgetragen habe. Endlich hatte dann Otto
seine Papiere erhalten und pfeilschnell war er drüben, riß die Tür der
Schulstube auf: alles in Ordnung, alles still, kein menschliches
Wesen zu sehen.
,,Nun habe ich mich die ganze Woche nicht ein einziges Mal nach
den grausigen Fetzen bücken müssen", dachte Otto befriedigt; ,,aber
wer hat das Schauerliche nur tun können, ohne daß er mußte?" Das
wollte er nun um jeden Preis wissen.
Am Samstag waren die Schulstunden um elf Uhr zu Ende. Otto ließ
alle Kinder hinausgehen, und wie nun die Schulstube leer war, da
ging er vor die Tür hinaus, schloß sie zu und lehnte sich mit dem
Rücken daran; so mußte er doch gewiß sehen, ob da jemand
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hineingehen wolle, denn damit wollte er lieber beginnen, als mit der
schweren Arbeit. Er stand und stand es kam niemand. Er hörte
die Uhr halb zwölf schlagen es kam niemand. Auf den
Nachmittag stand aber ein Ausflug bevor, es sollte früh Mittag
gemacht werden heut′, er sollte so schnell wie möglich zu Hause
sein. Er mußte also hinein an die Arbeit, es grauste ihm. Er machte
die Tür auf da Otto starrte noch mehr als das erste Mal
wahrhaftig es war so, es war alles getan, schöner als je. Dem Otto
wurde es ganz eigentümlich zumut′, es schwebte ihm etwas wie eine
Geistergeschichte vor. Ganz leise, wie nie sonst, schlich er zur Tür
hinaus. Gerade in diesem Augenblick kam ebenso leise etwas aus des
Lehrers Küche herausgeschlichen, und auf einmal stand das Wiseli
ganz nahe vor ihm; beide fuhren zusammen vor Schrecken, und das
Wiseli wurde über und über rot, so, als hätte es der Otto auf einem
Unrecht erwischt. Jetzt ging diesem ein Licht auf.
,,Sicher hast du das für mich gemacht die ganze Woche lang,
Wiseli", rief er aus; ,,das tut doch gewiß sonst kein Mensch, wenn er
nicht muß."
,,Es hat mich aber so gefreut, es zu tun, wie du gar nicht glaubst",
gab Wiseli zur Antwort.
,,Nein, nein, das mußt du nicht sagen, Wiseli; so etwas zu tun, kann
keinen Menschen auf der Welt freuen", sagte Otto überzeugt.
,,Doch gewiß, gewiß", versicherte Wiseli, ,,ich habe die ganze Zeit
lang mich immer auf den Abend gefreut, wenn ich es wieder tun
durfte, und während ich aufräumte, habe ich mich erst recht
immerzu gefreut, weil ich immer gedacht habe: jetzt kommt der
Otto und findet alles fertig und ist froh."
,,Aber wie kam es dir denn in den Sinn, daß du das für mich tun
wolltest?" fragte Otto noch immer verwundert.
,,Ich wußte schon, daß du es nicht gern tust, und ich habe schon
immer gedacht, wenn ich nur auch einmal dem Otto etwas geben
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könnte, wie du mir den Schlitten, weißt noch? Aber ich hatte gar nie
etwas."
,,Das ist viel mehr wert, als einen Schlitten leihen, was du für mich
jetzt getan hast; das will ich dir auch nicht vergessen, Wiseli", und
Otto gab ihm ganz gerührt die Hand. Wiselis Augen leuchteten vor
Freude wie lange nicht mehr. Aber nun wollte Otto noch wissen,
wie es denn wieder in die Stube hineingekommen sei, da er doch
gewartet hatte, bis alle Kinder draußen waren.
,,O ich bin gar nicht hinausgegangen", sagte Wiseli; ,,ich verbarg
mich schnell hinter dem Kasten, ich dachte, du gehest schon noch
ein wenig hinaus, wie jeden Tag vorher."
,,Aber wie konntest du immer hinaus, ohne daß ich dich sah?" wollte
Otto noch wissen.
,,Wenn du am Herumlaufen warst mit den anderen, konnte ich
schon hinaus, ich horchte schon auf, und gestern und heute, wie ich
nicht sicher war, ging ich durch des Lehrers Stube und fragte die
Frau Lehrerin, ob sie etwas zu verrichten habe, sie gibt mir
manchmal einen Auftrag auszurichten, und dann ging ich durch die
Küche fort; gestern war ich gerade hinter der Küchentür, als du in
die Schulstube hineinranntest."
Jetzt wußte Otto die ganze Geistergeschichte. Er bot dem Wiseli
noch einmal die Hand. ,,Danke, Wiseli", sagte er herzlich; und dann
lief eins da hinaus, das andere dort hinaus, und beiden war es ganz
wohl zumute.
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Das Alte und auch etwas Neues.
Der Sommer war vergangen und auch die schönen Herbsttage
waren wohl zu Ende. Es wurde kühl und nebelig am Abend, und in
den feuchten Wiesen fraßen die Kühe das letzte Gras ab, und hier
und da flackerten auf den Wiesen kleine Feuer auf, denn die
Hirtenbuben brieten Kartoffeln da und wärmten sich die Hände.
An einem solchen nebelgrauen Abend kam Otto aus der Schule
heimgerannt und erklärte seiner Mutter, er müsse nachsehen, was
das Wiseli mache, denn seit den Herbstferien war es noch gar nie in
die Schule gekommen, wohl acht Tage lang nicht. Otto steckte seine
Vesperäpfel zu sich und eilte fort. Am Buchenrain angekommen,
sah er den Rudi vor der Haustür am Boden sitzen und von einem
Haufen Birnen, die neben ihm lagen, eine nach der anderen
zerbeißen.
,,Wo ist das Wiseli?" fragte Otto.
,,Draußen", war die Antwort.
,,Wo draußen?"
,,Auf der Wiese."
,,Auf welcher Wiese?"
,,Ich weiß nicht", und Rudi knackte weiter an seinen Birnen. ,,Du
stirbst einmal nicht am Gescheitsein", bemerkte Otto und ging aufs
Geratewohl die große Wiese hin, die sich vom Haus bis gegen den
Wald hinaufzog. Jetzt entdeckte er drei schwarze Punkte unter einem
Birnbaum und ging darauf zu. Richtig, da bückte sich Wiseli, um die
Birnen zusammenzulesen, dort saß der Chäppi rittlings auf seinem
Birnenkratten, und zuhinterst lag der Hans rücklings über den
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vollen Korb hin und schaukelte sich so darauf, daß der Korb jeden
Augenblick umzustürzen drohte. Chäppi sah ihm zu und lachte bei
jedem Rucke.
Als Wiseli den Otto herankommen sah, kam ein ganzer
Sonnenschein auf sein Gesicht. ,,Guten Abend, Wiseli", rief er von
weitem, ,,warum bist du so lange nicht in die Schule gekommen?"
Wiseli streckte ganz erfreut dem Otto die Hand entgegen. ,,Wir
haben so viel zu tun, darum durfte ich nicht kommen", sagte es;
,,sieh nur, wieviel Birnen es gibt! Ich muß vom Morgen bis zum
Abend auflesen, soviel ich nur kann."
,,Du hast ja ganz nasse Schuhe und Strümpfe", bemerkte Otto;
,,bah, hier ist′s nicht gemütlich, frierst du nicht, wenn du so naß
bist?"
,,Es schaudert mich nur manchmal ein wenig, sonst ist es mir eher
heiß vom Auflesen." In diesem Augenblick gab der Hans seinem
Korb einen solchen Ruck, daß alles übereinander auf den Boden
hinrollte; der Hans, der Korb und alle Birnen, die fuhren nach allen
Richtungen hin.
,,Oh, oh!" sagte Wiseli kläglich, ,,nun muß man die alle wieder
zusammenlesen."
,,Und die auch", rief Chäppi und lachte heraus, als die Birne, die er
geworfen hatte, dem Wiseli an die Schläfe fuhr, daß es ganz bleich
wurde und ihm vor Schmerz das Wasser in die Augen kam. Kaum
hatte Otto das gesehen, als er auf den Chäppi losfuhr, ihn samt
seinem Kratten umwarf und ihn fest im Genick packte. ,,Hör auf,
ich muß ersticken", gurgelte der Chäppi; jetzt lachte er nicht mehr.
,,Ich will machen, daß du daran denkst, daß du es mit mir zu tun
hast, wenn du so mit dem Wiseli verfährst", rief Otto zornglühend.
,,Hast du genug? Willst du daran denken?" ,,Ja, ja, laß nur los!" bat
Chäppi, mürbe gemacht. Nun ließ Otto los. ,,Jetzt hast du′s
gespürt", sagte er; ,,wenn du dem Wiseli noch einmal etwas zuleide
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tust, so packe ich dich so, daß du noch einen Schrecken hast davon,
wenn du siebzig Jahr alt bist. Leb wohl, Wiseli." Damit kehrte sich
Otto um und ging mit seinem Zorn nach Hause.
Hier suchte er gleich seine Mutter auf und schüttete seine ganze
Empörung vor ihr aus, daß das Wiseli eine solche Behandlung
erdulden müsse. Er war auch ganz entschlossen, auf der Stelle zum
Herrn Pfarrer zu gehen und den Vetter-Götti und seine ganze
Familie anzuklagen, daß man ihnen das Wiseli entreiße. Die Mutter
hörte ruhig zu, bis Otto sich ein wenig abgekühlt hatte, dann sagte
sie:
,,Sieh, lieber Junge, das würde gar nichts nützen, das Kind würde
man dem Vetter-Götti nicht wegnehmen, nur ihn reizen, wenn er so
etwas hörte. Er meint es selbst nicht böse mit dem Kinde, und es ist
kein genügender Grund da, ihm Wiseli ganz wegzunehmen. Ich
weiß wohl, daß das arme Kind jetzt ein hartes Brot ißt, ich habe es
auch gar nicht vergessen, ich schaue immer danach aus, ob mir der
liebe Gott nicht einen Weg auftue, da dem Kinde in einer
gründlichen Weise könnte geholfen werden; die Sache liegt mir auch
am Herzen, das kannst du glauben, Otto. Wenn du unterdessen das
Wiseli schützen und den rohen Chäppi ein wenig zähmen kannst,
ohne selbst dabei roh zu werden, so bin ich ganz damit
einverstanden."
Otto beruhigte sich am besten im Gedanken, daß die Mutter doch
auch immerfort nach einem anderen Wege für das Wiseli ausschaute.
Er selber dachte alle möglichen Rettungswege aus, aber al e führten
in die Luft hinauf und hatten keinen Boden, und er sah ein, daß das
Wiseli da nicht darauf wandeln konnte, und als er dann zu
Weihnachten seine Wünsche aufschreiben durfte, da schrieb er ganz
desperat mit ungeheuren Buchstaben, so als müßte man sie vom
Himmel herunter lesen können, auf sein Papier: ,,Ich wünsche, daß
das Christkind das Wiseli befreie."
Nun war der kalte Januar wieder da und der Schlittweg war so
prächtig glatt und fest, daß die Kinder gar nicht genug bekommen
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konnten, die herrliche Bahn zu benutzen. Es kam auch eben eine
helle Mondnacht nach der anderen, und Otto hatte auf einmal den
Einfall, am allerschönsten müßte das Schlittenfahren im
Mondschein sein, die ganze Gesellschaft sollte sich am Abend um
sieben Uhr zusammenfinden und die Mondscheinfahrten ausführen,
denn es war der Tag des Vollmonds, da mußte es prächtig werden.
Mit Jubel wurde der Vorschlag angenommen und die
Schlittbahngenossen trennten sich gegen fünf Uhr wie gewöhnlich,
da die Nacht einbrach, um sich um sieben Uhr wieder
zusammenzufinden. Weniger Anklang fand der Vorschlag bei Ottos
Mutter, als er ihr mitgeteilt wurde, und sie wurde gar nicht von der
Begeisterung hingerissen, mit welcher die Kinder beide auf einmal
und in den lautesten Tönen ihr das Wundervolle dieser
Unternehmung schilderten. Sie stellte ihnen die Kälte des späten
Abends vor, die Unsicherheit der Fahrten bei dem ungewissen Licht
und alle Gefahren, die besonders das Miezchen bedrohen könnten.
Aber die Einwendungen entflammten immer mehr den brennenden
Wunsch, und Miezchen flehte, als hinge seine einzige Lebensfreude
an dieser Schlittenfahrt; Otto versprach auch hoch und teuer, er
würde dem Miezchen nichts geschehen lassen, sondern immer in
seiner nächsten Nähe bleiben. Endlich willigte die Mutter ein. Mit
großem Jubel und wohlverpackt zogen die Kinder ein paar Stunden
nachher in die helle Nacht hinaus. Es ging alles ganz nach Wunsch,
die Schlittbahn war unvergleichlich, und das Geheimnisvolle der
dunkeln Stellen, wo der Mondschein nicht hinfiel, erhöhte den Reiz
der Unternehmung. Eine Menge Kinder hatte sich eingefunden, alle
waren in der fröhlichsten Stimmung. Otto ließ sie alle vorausfahren,
dann kam er und zuletzt mußte das Miezchen kommen, damit ihm
keiner in den Rücken fahren konnte; so hatte es Otto eingerichtet, er
konnte dabei auch immer von Zeit zu Zeit mit einem schnellen
Blick gewahren, ob Miezchen richtig nachkomme. Als nun alles so
herrlich vonstatten ging, fiel einem der Buben ein, nun müßte
einmal der ganze Zug ,,anhängen", nämlich ein Schlitten an den
anderen gebunden werden und so herunterfahren, das müßte im
Mondenschein ein ganz besonderes Juxstück abgeben. Unter
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großem Lärm und allgemeiner Zustimmung ging man gleich ans
Werk. Für Miezchen fand Otto die Fahrt doch ein wenig gefährlich,
denn manchmal gab es dabei einen großartigen Umsturz sämtlicher
Schlitten und Menschen darauf; das konnte er für das kleine Wesen
nicht riskieren. Er ließ seinen Schlitten zuletzt anbinden, der
Miezchens aber wurde freigelassen. So fuhr es, wie immer, hinter
dem Bruder her, nur konnte er jetzt nicht, wie sonst, seinen
Schlitten langsamer fahren lassen, wenn Miezchen zurückblieb, denn
er war in der Gewalt des Zuges. Jetzt ging es los, und herrlich und
ohne Anstand glitt die lange, lange Kette die glatte Bahn hinunter.
Mit einem Mal hörte Otto ein ganz furchtbares Geschrei, und er
kannte die Stimme wohl, die es ausstieß, es war Miezchens Stimme.
Was war da geschehen? Otto hatte keine Wahl, er mußte die
Lustpartie zu Ende machen, wie groß auch sein Schrecken war. Aber
kaum unten angelangt, riß er sein Schlittenseil los und rannte den
Berg hinan; alle anderen hinter ihm drein, denn fast alle hatten das
Geschrei vernommen und wollten auch sehen, was los war. An der
halben Höhe des Berges stand das Miezchen neben seinem Schlitten
und schrie aus allen seinen Kräften und weinte ganze Bäche dazu.
Atemlos stürzte Otto nun herzu und rief: ,,Was hast du? Was hast
du?"
,,Er hat mich er hat mich er hat mich", schluchzte Miezchen und
kam nicht weiter vor innerem Aufruhr.
,,Was hat er? Wer denn? Wo? Wer?" stürzte Otto heraus.
,,Der Mann dort, der Mann, er hat mich er hat mich totschlagen
wollen und hat mir und hat mir furchtbare Worte nachgerufen."
So viel kam endlich heraus unter immer neuem Geschrei.
,,So sei doch nur still jetzt, hör′ Miezchen, tu′ doch nicht so, er hat
dich ja doch nicht totgeschlagen; hat er dich denn wirklich
geschlagen?" fragte Otto ganz zahm und teilnehmend, denn er hatte
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Angst. ,,Nein", schluchzte Miezchen, neuerdings überwältigt; ,,aber
er wollte, mit einem Stecken, so hat er ihn aufgestreckt und hat
gesagt: ′Wart du!′ Und ganz furchtbare Worte hat er mir
nachgerufen."
,,So hat er dir eigentlich gar nichts getan", sagte Otto und atmete
beruhigt auf.
,,Aber er hat ja er hat ja und ihr wart alle schon weit fort, und
ich war ganz allein", und vor Mitleid für seinen Zustand und
nachwirkendem Schrecken brach Miezchen noch einmal in lautes
Weinen aus.
,,Bscht! Bscht!" beschwichtigte Otto; ,,sei doch still jetzt, ich gehe
nun nicht mehr von dir weg, und der Mann kommt nicht mehr, und
wenn du nun gleich ganz still sein willst, so geb′ ich dir den roten
Zuckerhahn vom Christbaum, weißt du?"
Das wirkte. Mit einem Male trocknete Miezchen seine Tränen weg
und gab keinen Laut mehr von sich, denn den großen, roten
Zuckerhahn vom Christbaum zu erlangen, war Miezchens
allergrößter Wunsch gewesen, er war aber bei der Teilung auf Ottos
Teil gefallen und Miezchen hatte den Verlust nie verschmerzen
können. Wie nun alles im Geleise war und die Kinder den Berg
hinanstiegen, wurde verhandelt, was es denn für ein Mann könne
gewesen sein, der das Miezchen habe totschlagen wollen.
,,Ach was, totschlagen", rief Otto dazwischen; ,,ich habe schon
lange gemerkt, was es war, wir haben ja im Herunterfahren den
großen Mann mit dem dicken Stock auch angetroffen, er mußte
unseren Schlitten ausweichen in den Schnee hinein, das machte ihn
böse, und wie er dann hintenan das Miezi allein antraf, hat er es ein
wenig erschreckt und seinen Zorn an ihm ausgelassen." Die
Erklärung fand allgemeine Zustimmung, das war ja so natürlich, daß
jedes meinte, es sei ihm selber so in den Sinn gekommen; so ward
auch die Sache gleich völlig vergessen und lustig drauf los
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geschlittet. Endlich aber mußte auch dies Vergnügen ein Ende
nehmen, denn es hatte längst acht Uhr geschlagen, die Zeit, da
aufgebrochen werden sollte. Im Heimweg schärfte der Otto dem
Miezchen ein, zu Hause nichts zu erzählen von dem Vorfall, sonst
könnte die Mutter Angst bekommen, und dann dürften sie gar nie
mehr im Mondschein schlitten gehen: den Zuckerhahn müsse es
gleich haben, aber noch daraufhin versprechen, nichts zu erzählen.
Miezchen versprach hoch und teuer, kein Wort sagen zu wollen; die
Spuren seiner Tränen waren auch längst vergangen und konnten
nichts mehr verraten.
Längst schon schliefen Otto und Miezchen auf ihren Kissen, und
der rote Zuckerhahn spazierte durch Miezchens Träume und erfüllte
sein Herz mit einer so großen Freude, daß es jauchzte im Schlaf. Da
klopfte es unten an die Haustür mit solcher Gewalt, daß der Oberst
und seine Frau vom Tisch auffuhren, an dem sie eben in
Gemütlichkeit gesessen und sich über ihre Kinder unterhalten
hatten, und die alte Trine in strafendem Tone oben zum Fenster
hinausrief: ,,Was ist das für eine Manier!"
,,Es ist ein großes Unglück begegnet", tönte es von unten herauf;
,,der Herr Oberst soll doch herunterkommen, sie haben den
Schreiner Andres tot gefunden."
Damit lief der Bote wieder davon. Der Oberst und seine Frau
hatten genug gehört, denn auch die hatten sich dem offenen Fenster
genähert. Augenblicklich warf der Oberst seinen Mantel um und
eilte dem Hause des Schreiners zu. Als er in die Stube hineintrat,
fand er schon eine Menge Leute da; man hatte den Friedensrichter
und Gemeindammann geholt, und eine Schar Neugieriger und
Teilnehmender war mit ihnen eingedrungen. Andres lag am Boden
im Blute und gab kein Lebenszeichen von sich; der Oberst näherte
sich.
,,Ist denn jemand nach dem Doktor gelaufen?" fragte er, ,,hier muß
vor allem der Doktor her."
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Es war niemand dahin gegangen; da sei ja doch nichts mehr zu
machen, meinten die Leute.
,,Lauf, was du kannst, zum Doktor", befahl der Oberst einem
Burschen, der dastand; ,,sag ihm, ich lass′ ihn bitten, er soll auf der
Stelle kommen." Dann half er selbst den Andres vom Boden
aufheben und in die Kammer hinein auf sein Bett legen. Erst jetzt
trat der Oberst an die schwatzenden Leute heran, um zu hören, wie
der Vorfall sich zugetragen hatte, ob jemand etwas Näheres wisse.
Der Müllerssohn trat vor und erzählte, er sei vor einer halben
Stunde da vorbeigekommen, und da er noch Licht gesehen in des
Schreiners Stube, habe er im Vorbeiweg schnell fragen wollen, ob
seine Aussteuersachen auch zur Zeit fertig werden. Er habe die Tür
der Stube offen stehend, den Andres tot im Blut liegend am Boden
gefunden. Der Matten-Joggi, der dabeistand, habe ihm lachend ein
Goldstück entgegengestreckt, wie er hereingetreten sei. Er habe
dann nach Leuten gerufen, daß der Gemeindammann auf den Platz
komme und wer sonst noch dahin gehöre.
Der Matten-Joggi, der so hieß, weil er unten in der Matte wohnte,
war ein völ ig törichter Mensch, der damit ernährt wurde, daß ihn
die Bauern in den geringen Geschäften etwa mithelfen ließen, wo
Steine und Sand herumzutragen, Obst aufzulesen, oder im Winter
Holzbündelchen zu machen waren. Daß er boshafte Taten ausgeübt
hätte, hatte man bis jetzt nicht gehört. Der Müllerssohn hatte ihm
gesagt, er solle da bleiben, bis auch der Präsident noch da sein
werde. So stand Joggi noch immer in einer Ecke, hielt seine Faust
fest zugeklemmt und lachte halblaut. Jetzt trat der Doktor in die
Stube und hinter ihm her auch noch der Präsident. Der
Gemeindevorstand stellte sich nun mitten in die Stube und
beratschlagte. Der Doktor ging direkt in die Kammer hinein und der
Oberst folgte ihm nach. Der Doktor untersuchte genau den
unbeweglichen Körper.
,,Da haben wir′s", rief er auf einmal aus, ,,hier auf den Hinterkopf
ist Andres geschlagen worden, da ist eine große Wunde."
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,,Aber er ist doch nicht tot, Doktor, was sagst du?"
,,Nein, nein, er atmet ganz leise, aber er ist bös dran."
Nun wollte der Doktor allerlei haben, Wasser und Schwämme und
Weißzeug und noch vieles, und die Leute draußen liefen alle
durcheinander und suchten und rissen alles von der Wand und aus
dem Küchenkasten und brachten Haufen von Sachen in die
Kammer hinein, aber nichts von dem, was der Doktor brauchte.
,,Da muß eine Frau her, die Verstand hat und weiß, was ein Kranker
ist", rief der Doktor ungeduldig. Alle schrieen durcheinander; aber
wenn einer eine wußte, so rief ein anderer: ,,Die kann nicht
kommen."
,,Lauf einer auf die Halde", befahl der Oberst, ,,meine Frau soll mir
die Trine herunterschicken!" Es lief einer davon. ,,Deine Frau wird
dir aber nicht danken", sagte der Doktor, ,,denn ich lasse die
Pflegerin drei bis vier Tage und Nächte nicht von dem Bett weg."
,,Sei nur unbesorgt", entgegnete der Oberst, ,,für den Andres gäbe
meine Frau alles her, nicht nur die alte Trine."
Keuchend und beladen kam die Trine an, viel schneller, als man
hätte hoffen können, denn sie stand schon lange ganz parat mit
einem großen Korb am Arm, und die Frau Oberst stand neben ihr
und lauschte, ob einer gelaufen komme. Sie hatte nicht annehmen
können, daß der Andres wirklich tot sei, und hatte alles ausgedacht,
was man brauchen könnte, um ihm wieder aufzuhelfen. So hatte sie
Schwamm und Verbandzeug, Wein und Öl und warme Flanelle in
einen Korb gepackt, und Trine hatte nur zu rennen, wie der Bote
kam. Der Doktor war sehr zufrieden.
,,Alles fort jetzt, gute Nacht, Oberst, und mach, daß die ganze
Bande zum Haus hinauskommt!" rief er und schloß die Tür zu,
nachdem der Oberst hinausgetreten war. Der Gemeinderat war
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noch am Beratschlagen; da aber der Oberst erklärte, nun müsse
gleich alles zum Haus hinaus, so faßten die Männer den Beschluß,
für einmal müsse der Joggi eingesperrt werden, dann wollte man
weiter schreiten. Es mußten also zwei Männer den Joggi in die Mitte
nehmen, daß er nicht fortlaufen könne, und ihn so nach dem
Armenhaus bringen und in eine Kammer einsperren. Der Joggi ging
aber ganz willig davon und lachte, und von Zeit zu Zeit guckte er
vergnügt in seine Faust hinein.
Gleich am anderen Morgen eilte die Frau Oberst in voller Sorge
nach dem Häuschen des Andres hinunter. Trine kam leise aus der
Kammer heraus und brachte die frohe Nachricht: Andres sei gegen
Morgen schon ein wenig zum Bewußtsein gekommen. Schon sei
auch der Doktor dagewesen und habe den Kranken über Erwarten
gut getroffen; ihr aber habe er recht eingeschärft, daß sie keinen
Menschen in die Kammer hineinlasse, Andres dürfe auch noch kein
Wort reden, wenn er auch wollte, nicht; nur der Doktor und die
Wärterin sollen vor seine Augen kommen, erklärte die Trine in
großem Amtseifer. Damit war die Frau Oberst ganz einverstanden
und höchst erfreut kehrte sie mit ihren Nachrichten nach Hause
zurück.
So vergingen acht Tage. Jeden Morgen ging die Oberstin nach dem
Hause des Kranken, um genau Bericht zu bekommen und zu hören,
ob etwas mangele, das dann schnell herbeigeschafft werden mußte.
Otto und Miezchen mußten jeden Tag aufs neue besänftigt werden,
daß sie ihren kranken Freund noch nicht besuchen durften, aber da
war immer noch keine Erlaubnis vom Doktor. Die Trine war noch
durchaus unentbehrlich, wurde auch täglich vom Doktor gelobt für
ihre sorgfältige Pflege. Nach Verfluß der acht Tage schlug der
Doktor seinem Freunde, dem Oberst, vor, nun einmal den Kranken
zu besuchen, zu der Zeit, da er selbst dort sein würde, denn jetzt
war der Augenblick gekommen, da Andres wieder reden durfte, und
der Doktor wollte ihn in Gegenwart des Obersten darüber befragen,
was er selbst von dem unglücklichen Vorfall wisse. Andres hatte
große Freude, dem Herrn Oberst die Hand drücken zu dürfen, er
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hatte ja schon lange bemerkt, woher ihm alles Gute und alle Sorgfalt
für sein Wiederaufkommen kam. Dann besann er sich, so gut er
konnte, um die Fragen der beiden Herren zu beantworten. Er wußte
aber nur folgendes zu sagen: Er hatte seine Summe beisammen, die
er jährlich dem Herrn Oberst zur Verwahrung brachte; diese wollte
er noch einmal überzählen, um seiner Sache sicher zu sein. Er hatte
am späten Abend sich hingesetzt, den Rücken gegen die Fenster und
die Tür gekehrt. Mitten im Zählen hörte er jemand hereinkommen;
eh′ er aber aufgeschaut hatte, fiel ein furchtbarer Schlag auf seinen
Kopf; von da an wußte er nichts mehr. Also hatte Andres eine
Summe Geldes auf dem Tisch gehabt; davon war aber gar nichts
mehr gesehen worden, als das einzige Stück in Joggis Hand. Wo
könnte denn das andere Geld hingekommen sein, wenn wirklich
Joggi der Übeltäter war? Als Andres vernahm, wie der Joggi
gefunden worden und nun eingesperrt sei, wurde er ganz unruhig.
,,Sie sollen ihn doch gehen lassen, den armen Joggi", sagte er; ,,der
tut ja keinem Kinde etwas zuleide, der hat mich nicht geschlagen."
Andres hatte aber auch auf keinen anderen Menschen den leisesten
Verdacht. Er habe keine Feinde, sagte er, und kenne keinen
Menschen, der ihm so etwas hätte antun wollen.
,,Es kann auch ein Fremder gewesen sein", bemerkte der Doktor,
indem er die niedrigen Fenster ansah; ,,wenn Ihr da beim hellen
Licht einen Haufen Geld auf dem Tische liegen habt und zählt, so
kann das von außen jeder sehen und Lust zum Teilen bekommen."
,,Es muß sein", sagte der Andres gelassen, ,,ich habe nie an so etwas
gedacht, es war immer alles offen."
,,Es ist gut, daß Ihr noch etwas im Trocknen habt, Andres",
bemerkte der Oberst. ,,Laßt′s Euch nicht zu Herzen gehen; das
beste ist, daß Ihr wieder gesund werdet." ,,Gewiß, Herr Oberst",
erwiderte Andres, ihm die Hand schüttelnd, die er zum Abschied
65
hinhielt, ,,ich habe nur zu danken; der liebe Gott hat mir ja sonst
schon viel mehr gegeben als ich brauche."
Die Herren verließen den friedlichen Andres, und vor der Tür sagte
der Doktor: ,,Dem ist wohler als dem anderen, der ihn
zusammenschlagen wollte."
Vom Joggi wurde eine traurige Geschichte umhergeboten, die alle
Buben in der Schule beschäftigte und in große Teilnahme versetzte.
Auch Otto brachte sie nach Hause und mußte sie jeden Tag ein
paarmal wiederholen, denn jedesmal, wenn er daran dachte, machte
sie ihm aufs neue einen großen Eindruck. Als man den Joggi an dem
Abend lachend ins Armenhaus gebracht hatte, da war er
aufgefordert worden, sein Goldstück abzugeben an einen seiner
Führer, den Sohn des Friedensrichters. Joggi aber klemmte seine
Faust noch besser zusammen und wollte nichts hergeben. Aber die
beiden waren stärker als er; sie rissen ihm mit Gewalt die Faust auf,
und der Friedensrichterssohn, der manchen Kratz von dem Joggi
erhalten hatte während der Arbeit, sagte, als er das Goldstück
endlich in Händen hatte: ,,So, jetzt wart nur, Joggi, du wirst schon
deinen Lohn bekommen. Wart nur, bis sie kommen; sie werden dir′s
dann schon zeigen."
Da hatte der Joggi angefangen furchtbar zu schreien und zu
jammern, denn er glaubte, er werde geköpft, und seither aß er nicht
und trank nicht und stöhnte und jammerte fortwährend, denn die
Furcht und Angst vor dem Köpfen verfolgte ihn beständig. Schon
zweimal war der Präsident und der Gemeindammann bei ihm
gewesen und hatten ihm gesagt, er solle nur alles sagen, was er getan
habe, er werde nicht geköpft. Er wußte nichts zu sagen, als er habe
beim Andres ins Fenster geschaut, und der sei am Boden gelegen; er
sei zu ihm hineingegangen und habe ihn ein wenig gestoßen, da sei
er tot gewesen. Da habe er etwas glänzen sehen in einer Ecke und
habe es geholt, und dann sei der Müllerssohn gekommen und dann
noch viele. Hatte der Joggi so viel gesagt, so fing er wieder zu
stöhnen an und hörte nicht mehr auf.
66
Wie es dem Kranken und jemandem besser ging.
Seit dem Tage, da der Oberst den Andres besucht hatte, blieb seine
Frau auch nicht mehr draußen in der Stube, wenn sie kam, um nach
dem Kranken zu sehen. Täglich ging sie nun zu ihm hinein, setzte
sich eine Weile lang an sein Bett hin zu einer gemütlichen kleinen
Unterhaltung und freute sich jedesmal über die Fortschritte der
Genesung. Zweimal schon waren auch Otto und Miezchen
dagewesen und hatten ihrem Freunde allerlei Stärkungen
zugetragen, und Andres sagte ganz gerührt zu der Trine: wenn
selbst ein König krank wäre, man könnte ihm nicht mehr Teilnahme
zeigen. Der Doktor war sehr zufrieden mit dem Verlaufe der Sache,
und als er eben einmal beim Herauskommen auf den
hereintretenden Oberst traf, sagte er zu ihm: ,,Es geht vortrefflich.
Deine Frau kann nun ihre Trine wieder heimnehmen, die hat gute
Dienste geleistet. Nur sollte für eine kleine Zeit noch jemand da
sein, oder etwa herkommen; der arme verlassene Kerl muß doch
essen und hat keine Frau und kein Kind und gar nichts. Vielleicht
weiß deine Frau Rat."
Der Oberst richtete seinen Auftrag aus, und am folgenden Morgen
setzte seine Frau bei ihrem Besuch sich zurecht am Bette des Andres
und sagte:
,,Jetzt muß ich etwas mit Euch reden, Andres; ist es Euch recht?"
,,Gewiß, gewiß, mehr als recht", erwiderte er und stützte seinen
Kopf auf den Ellbogen, um recht zuhören zu können.
,,Ich will nun die Trine wieder heimkommen lassen, weil es so
ordentlich geht", fing die Oberstin an.
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,,Ach, Frau Oberst, glauben Sie mir", fiel der Andres ein, ,,ich wol te
sie jeden Tag heimschicken; ich weiß ja wohl, wie sie Ihnen mangeln
mußte."
,,Ich hätte sie nicht hereingelassen, wenn sie Euch gefolgt hätte",
fuhr die Frau Oberst fort; ,,aber jetzt ist es anders, da der Doktor sie
entläßt. Er sagte aber, was ich auch längst dachte, jemand solltet Ihr
haben, wenigstens noch für ein paar Wochen, der Euch das Essen
bereitet oder doch bei mir holt, und für allerlei kleine
Hilfsleistungen. Ich habe nun gedacht, Andres, wenn Ihr für diese
Zeit das Wiseli zu Euch nehmen würdet."
Kaum hatte der Andres den Namen aussprechen gehört, als er von
seinem Ellbogen auf und in die Höhe schoß.
,,Nein, nein, Frau Oberst, nein, sicher nicht", rief er und wurde
ganz rot vor Anstrengung; ,,so etwas können Sie nicht denken. Ich
sollte hier drinnen im Bett liegen, und draußen in der Küche sollte
das schwache Kindlein für mich arbeiten! Ach um′s Himmels willen,
wie dürfte ich noch an seine Mutter unter dem Boden denken, wie
würde sie mich ansehen, wenn sie so etwas wüßte. Nein, nein, Frau
Oberst, meiner Lebtag nicht, lieber nicht essen, lieber nicht mehr
aufkommen, als so etwas tun."
Die Oberstin hatte ihn ganz ruhig fertig reden lassen; jetzt, da er
sich auf sein Kissen zurücklegte, sagte sie beruhigend:
,,Es ist nicht so schlimm, was ich ausgedacht habe, Andres; denkt
jetzt nur ruhig ein wenig nach. Ihr wißt ja, wo das Wiseli versorgt ist.
Meint Ihr, es habe dort nichts zu tun, oder nur besonders leichte
Arbeit? Recht tüchtig muß es dran und bekommt so wenig
freundliche Worte dazu. Würdet Ihr ihm etwa auch keine geben?
Wißt Ihr, was Wiselis Mutter tun würde, wenn sie jetzt neben uns
stände? Mit Tränen würde sie Euch danken, würdet Ihr das Kind
jetzt in Euer Haus nehmen, wo es gute Tage hätte, das weiß ich
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schon, und Ihr solltet sehen, wie gern es die kleinen
Dienstleistungen für Euch täte."
Jetzt mußte dem Andres auf einmal alles anders vorkommen. Er
wischte sich die Augen; dann sagte er kleinlaut:
,,Ach, ach! Wie könnte ich aber zu dem Kinde kommen? Sie geben
es gewiß nicht weg, und dann müßte man ja doch auch wissen, ob es
wollte."
,,Es ist jetzt schon gut, kümmert Euch nicht weiter, Andres", sagte
die Frau Oberst fröhlich und stand von ihrem Sessel auf; ,,ich will
nun selbst sehen, wie′s geht, denn mir liegt die Sache nach allen
Seiten hin am Herzen." Damit nahm sie Abschied von Andres; als
sie aber schon unter der Tür war, rief er ihr noch einmal ängstlich
nach:
,,Aber nur, wenn es will, das Wiseli, nur, wenn es will; bitte, Frau
Oberst!"
Sie versprach noch einmal, das Kind sollte nur freiwillig erscheinen,
oder dann gar nicht, und verließ das Haus. Sie ging aber nicht den
Berg hinan, sondern hinunter, dem Buchenrain zu, denn sie wollte
sogleich versuchen, das Wiseli dahin zu bringen, wo sie es so gern
haben wollte.
Am Buchenrain angekommen, traf die Frau Oberst gerade mit dem
Vetter-Götti zusammen, wie er ins Haus hineintreten wollte. Er
begrüßte sie, ein wenig erstaunt über den Besuch, und sie teilte ihm
gleich beim Eintreten in die Stube mit, warum sie gekommen sei,
und wie sehr sie hoffe, keinen Abschlag zu bekommen, denn es liege
ihr viel daran, daß das Wiseli die Pflege zu Ende führen könne, was
es schon zu tun imstande sei. Da die Base in der Küche die
Unterhaltung hörte, kam sie auch herein und war noch erstaunter als
ihr Mann, den Besuch vorzufinden. Er erklärte ihr, warum die Frau
Oberst gekommen sei, und sie meinte gleich, das sei schon nichts,
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von dem Kinde werde niemand eine besondere Hilfe erwarten. Da
sagte aber der Mann: was recht sei, müsse man gelten lassen; das
Wiseli könne helfen, wo es sei, es sei anstellig bei allen Geschäften;
er würde das Kind nicht einmal gern fort lassen, es sei folgsam und
gelehrig. So für vierzehn Tage wollte er nichts dawider haben, daß es
den Andres ein wenig verpflege; bis dahin werde er wohl wieder auf
sein, daß es heim könne, denn länger könnte es dann nicht fort sein,
dann kommen schon so allerhand Geschäfte, die ihm zukommen,
denn da müsse man schon für den Frühling rüsten.
,,Ja, ja", setzte jetzt die Frau ein, ,,es kommt mir nicht in den Sinn,
immer wieder von vorn mit ihm anzufangen; jetzt habe ich ihm alles
mit Mühe gezeigt, das kann es nun anwenden; der Andres soll nur
selber eins anziehen, wenn er eins braucht."
,,Ja, wegen vierzehn Tagen", sagte der Mann beschwichtigend, ,,da
wollen wir auch nichts sagen, man muß einander etwas zu Gefallen
tun."
,,Ich danke Euch für den Dienst", sagte nun die Frau Oberst, indem
sie aufstand; ,,der Andres wird Euch gewiß auch recht dankbar sein.
Kann ich das Wiseli gleich mit mir nehmen?"
Die Base murrte etwas, es werde nicht so stark pressieren; aber der
Mann fand es am besten so. Je schneller es gehe, je früher sei es
wieder da, meinte er; denn er stellte durchaus auf vierzehn Tage ab.
Wiseli wurde herbeigerufen, und der Vetter-Götti sagte ihm, es solle
schnell sein Bündelchen Kleider zusammenmachen, weiter nichts.
Wiseli gehorchte sogleich; fragen durfte es nicht, warum. Seit es sein
Bündelchen in das Haus gebracht hatte, war nun gerade ein Jahr
verflossen; es war nichts Neues hinzugekommen, als sein schwarzes
Röcklein, das hatte es an, es war aber nun fertig getragen und hing
wie ein Fetzchen an dem Kinde herab, und Wiseli schaute ein wenig
scheu die Frau Oberst an, als es nun mit seinem leichten
Bündelchen dastand. Sie verstand den schüchternen Blick und sagte:
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,,Komm nur, Wiseli, wir gehen nicht weit, es geht schon so." Dann
nahm sie schnell Abschied von den Leuten, und als Wiseli dem
Vetter-Götti die Hand gab, sagte er:
,,Du kommst bald wieder heim, es ist nicht zum Abschiednehmen."
Jetzt trippelte das Wiseli schweigend und sehr verwundert in seinem
Herzen hinter der Frau Oberst her, die rasch über den beschneiten
Feldweg hinschritt, so, als befürchtete sie, man könnte sie samt dem
Wiseli wieder zurückholen. Als aber der Buchenrain gar nicht mehr
zu sehen war, da kehrte sie sich um und stand still.
,,Wiseli", sagte sie freundlich, ,,kennst du den Schreiner Andres?"
,,Ja freilich", antwortete Wiseli, und ein Lichtstrahl schoß aus des
Kindes Augen, als es den Namen hörte. Die Frau Oberst war ein
wenig erstaunt.
,,Er ist krank", fuhr sie fort; ,,willst du ihn ein wenig verpflegen und
für ihn tun, was nötig ist, und etwa vierzehn Tage bei ihm bleiben?"
Mehr als Wiselis schnelle und kurze Antwort: ,,Ja, gern!" sagte der
Frau Oberst sein Gesicht, das ganz von einer hohen Freudenröte
übergossen wurde. Die Oberstin sah das gern; doch mußte sie sich
verwundern, daß Wiseli eine so besondere Freude zeigte, denn sie
wußte nichts von seinem Erlebnis mit dem Andres, aber das Wiseli
hatte es nie vergessen. Sie gingen nun wieder weiter. Aber nach einer
Weile fügte die Frau Oberst noch bei:
,,Du mußt es dann dem Schreiner Andres sagen, daß du so gern zu
ihm gekommen bist, Wiseli, er glaubt es sonst nicht; vergiß es
nicht."
,,Nein, nein", versicherte das Kind, ,,ich denke schon daran." Nun
waren sie bei dem Hause angekommen. Hier fand die Frau Oberst
für gut, das Wiseli seinen Weg allein machen zu lassen; denn nach
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allem, was sie bemerkt hatte, mußte es ihm nicht schwer werden, ihn
zu finden. Sie verabschiedete das Kind an der Ecke und sagte ihm,
am Morgen werde sie wieder herunterkommen und sehen, wie es
ihm gehe in dem neuen Haushalt, und wenn der Schreiner Andres
etwas brauche, das nicht da sei, so solle es zu ihr kommen. Wiseli
schritt nun getrost durch das Gärtchen und machte die Haustür auf;
es wußte, daß der Andres drinnen in der Kammer liege hinter der
Stube. So trat es leise in die Stube ein; da war niemand drin, aber es
war schön aufgeräumt noch von der alten Trine her. Es schaute alles
gut an, wie es sein müsse. An der Wand hinten in der Stube stand
schön geordnet und zu einem rechten Bett aufgerüstet das große
hölzerne Lager, das man die Kutsche nennt; der Vorhang war fast
zugezogen darüber weg, aber Wiseli konnte doch sehen, wie schön
und sauber es aussah, und es wunderte sich, wer da schlafe. Jetzt
klopfte es leise an die Kammertür, und auf den Ruf des Andres trat
es ein und blieb ein wenig scheu an der Tür stehen. Andres richtete
sich auf in seinem Bett, zu sehen, wer da sei.
,,Ach, ach", sagte er, halb erfreut und halb erschrocken, ,,bist du es,
Wiseli? Komm, gib mir die Hand." Wiseli gehorchte.
,,Bist du auch nicht ungern zu mir gekommen?"
,,Nein, nein", antwortete Wiseli zuversichtlich. Aber der Schreiner
Andres war noch nicht beruhigt.
,,Ich meine nur, Wiseli", fuhr er wieder fort, ,,du wärest vielleicht
lieber nicht gekommen; aber die Frau Oberst ist so gut, und du hast
ihr vielleicht einen Gefallen tun wollen."
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,,Nein, nein", versicherte Wiseli noch einmal, ,,sie hat gar nicht
gesagt, daß es ihr ein Gefallen sei; sie hat mich gefragt, ob ich gehen
wolle, und ich wäre auf der ganzen Welt nirgends so gern
hingegangen, wie zu Euch."
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Diese Worte mußten den Andres ganz beruhigt haben; er fragte
nichts mehr, er legte seinen Kopf auf sein Kissen zurück und
schaute stumm das Wiseli an; dann mußte er sich auf einmal
umkehren und ein Mal über das andere seine Augen wischen.
,,Was muß ich jetzt tun?" fragte Wiseli, als er sich immer noch nicht
umkehrte. Jetzt wandte er sich und sagte mit dem freundlichsten
Tone:
,,Ich weiß es gewiß nicht, Wiseli; tu du nur, was du willst, wenn du
nur ein wenig bei mir bleiben willst."
Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah. Seit es seine Mutter zum
letzten Male gehört, hatte niemand mehr so zu ihm geredet; es war
gerade, als spüre es die Liebe seiner Mutter wieder in Andres′
Worten und Weise. Es mußte mit beiden Händen seine Hand
nehmen, so wie es oft die Mutter gefaßt hatte, und so stand es eine
Weile an dem Bett, und es war ihm so wohl, daß es gar nichts sagen
konnte, aber es dachte: ,,Jetzt weiß es die Mutter auch und hat eine
Freude."
Gerade so dachte der Andres mit stillem Glück in seinem Herzen:
,,Jetzt weiß es die Mutter auch und hat eine Freude."
Dann sagte auf einmal das Wiseli:
,,Jetzt muß ich Euch gewiß etwas kochen, es ist schon über Mittag.
Was muß ich kochen?"
,,Koch du nur, was du willst", sagte der Andres. Aber dem Wiseli
war es darum zu tun, dem Kranken die Sache recht zu machen, und
es fragte so lange hin und her, bis es gemerkt hatte, was er essen
müsse: eine gute Suppe und ein Stück von dem Fleisch, das im
Kasten war, und dann bestand er darauf, das Wiseli müsse noch
einen Milchbrei für sich kochen. Es wußte recht gut Bescheid in der
74
Küche, denn es hatte wirklich etwas gelernt bei der Base, wenn auch
unter harten Worten; das konnte es doch nun gut gebrauchen. So
hatte es in kurzer Zeit alles bereit gemacht, und der Kranke
wünschte, daß es ein Tischchen an sein Bett rücke und neben ihm
sitze zum Essen, daß er es auch sehen könne und wisse, daß es noch
da sei. Ein so vergnügtes Mittagsmahl hatte Wiseli lange nicht
genossen, und auch der Schreiner Andres nicht. Als sie damit zu
Ende waren, stand das Kind auf; aber Andres sah das nicht gern
und sagte:
,,Wohin willst du, Wiseli? Willst du nicht noch ein wenig dableiben,
oder wird es dir ein bißchen langweilig bei mir?"
,,Nein, gewiß nicht", versicherte Wiseli; ,,aber nach dem Essen muß
man immer aufwaschen und alles wieder sauber auf das Gestell
hinaufräumen."
,,Ich weiß schon, wie man′s macht", gestand Andres; ,,ich habe
gedacht, heute nur, so zum ersten Male, könntest du ja nur alles
zusammenstellen und dann etwa morgen einmal aufwaschen."
,,Wenn aber die Frau Oberst das sähe, so müßte ich mich fast zu
Tode schämen", und Wiseli machte ein ganz ernsthaftes Gesicht zu
seiner Versicherung.
,,Ja ja, du hast recht", beschwichtigte nun Andres. ,,Mach nur alles,
wie du meinst, und geradeso, wie es dir recht ist." Nun ging das
Wiseli an seine Arbeit und putzte und räumte und ordnete, daß alles
glänzte in seiner Küche. Dann stand es einen Augenblick still und
schaute ringsum und sagte ganz befriedigt: ,,So, nun kann die Frau
Oberst kommen." Dann kam es wieder in die Stube hinein und warf
einen fröhlichen Blick auf das schöne, große Bett auf der Kutsche
hinter dem Vorhang, denn der Schreiner Andres hatte ihm gesagt,
da müsse es schlafen, und der kleine Kasten in der Ecke gehöre
auch ihm, da könne es alles hineinräumen, was ihm angehöre. Es
legte nun die Sachen aus seinem Bündelchen alle ordentlich hinein,
75
das war auch sehr bald getan, denn es war wenig darin, und nun ging
es und setzte sich voller Freuden wieder an das Bett des Kranken,
der schon lange nach der Tür geschaut hatte, ob es noch nicht
komme. Kaum war es wieder an dem Bett, so fragte es: ,,Habt Ihr
auch einen Strumpf, an dem ich stricken kann?"
,,Nein, nein", antwortete Andres, ,,du hast ja jetzt gearbeitet, und wir
wollen nun ein wenig vergnügt zusammen reden über allerlei."
Aber Wiseli war gut geschult worden; zuerst in unvergeßlicher
Freundlichkeit von der Mutter, und dann von der Base mit Worten,
die auch nicht vergessen wurden, vor lauter Furcht, sie wieder zu
hören. Es sagte ganz überzeugt:
,,Ich darf nicht nur so dasitzen, weil es doch nicht Sonntag ist, aber
ich kann reden und an dem Strumpf stricken miteinander."
Das gefiel dem Andres nun auch wieder, und er ermunterte das
Wiseli von neuem, nur immer zu tun, was es meine, und einen
Strumpf könne es auch holen, wenn es wolle, er habe aber keinen.
Nun holte Wiseli den seinigen und setzte sich damit wieder an das
Bett hin, und es hatte recht gehabt, es konnte gut reden und stricken
miteinander. Der Schreiner Andres hatte aber auch gleich ein
Gespräch angefangen, das dem Wiseli das allerwillkommenste war.
Er hatte gleich von der Mutter zu reden begonnen, und Wiseli hatte
so gern fortgefahren, denn noch nie und mit keinem Menschen
hatte es von seiner Mutter reden können, und es dachte doch immer
an sie und alles, was es mit ihr erlebt hatte, und nun wollte der
Schreiner Andres so gern von allem wissen, immer noch mehr, und
das Wiseli wurde immer wärmer und erzählte fort und fort, als
könne es nicht mehr aufhören, und so hörte der Andres zu mit
gespannter Aufmerksamkeit, und gerade so, als wolle er am liebsten
nicht mehr aufhören zuzuhören.
In dieser Weise verging nun dem Wiseli ein Tag nach dem anderen.
Für jeden geringsten Dienst, den es leistete, dankte ihm der Andres,
als ob es ihm die größte Wohltat erwiesen hätte, und was es nur tat,
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gefiel dem guten Mann, und er mußte es loben dafür. Er wurde in
wenig Tagen so frisch und munter bei der Pflege, daß er durchaus
aufstehen wollte, und der Doktor war ganz erstaunt, wie gut es mit
ihm ging und wie fröhlich und wohlgemut auf einmal der Schreiner
Andres aussah. Er saß nun den ganzen Tag am Fenster, wo die
Sonne hinkam, und schaute dem Wiseli nach auf Schritt und Tritt,
so als ob er es gar nie genug sehen könnte, wie es einen Kasten
aufmachte und dann wieder zu, und wie ihm unter den Händen alles
so sauber und ordentlich wurde, wie er es vorher nie gesehen hatte,
oder doch meinte, es nie gesehen zu haben. Dem Wiseli aber war es
so wohl in dem stillen Häuschen, da es nur liebevolle Worte hörte,
und unter den freundlichen Augen, die es immerfort begleiteten,
daß es gar nicht daran denken durfte, wie bald die vierzehn Tage zu
Ende sein würden und es wieder nach dem Buchenrain
zurückkehren mußte.
77
Es geschieht etwas Unerwartetes.
In dem Hause auf der Halde wurde viel vom Schreiner Andres und
dem Wiseli gesprochen. Jeden Morgen ging die Frau Oberst
nachzusehen, wie es bei dem Kranken stehe, und jedesmal brachte
sie wieder einen erfreulicheren Bericht nach Hause. Das brachte alle
zusammen in die freudigste Stimmung, und Otto und Miezchen
machten einen Plan, wie ein großes Genesungsfest müßte gefeiert
werden in des Schreiners Andres Stube, aber noch solange Wiseli da
war; das sollte eine Hauptfreude und für Andres und Wiseli eine
große Überraschung werden. Es mußte aber noch ein Fest gefeiert
werden vorher, denn heute war des Vaters Geburtstag, und schon
am frühen Morgen hatten allerlei von Otto und Miezchen erfundene
Feierlichkeiten stattgefunden, doch der Hauptmoment des Tages
war jetzt gekommen, da es zur Mittagstafel ging. Ganz feierlich
hatten Otto und Miezchen sich schon hingesetzt in großer
Erwartung aller der Dinge, die da kommen sollten. Nun erschienen
auch Vater und Mutter, und das frohe Mahl nahm seinen Anfang.
Nachdem das erste Gericht vergnüglich verzehrt worden war,
erschien eine zugedeckte Schüssel; das war entschieden das
Geburtstagsgericht. Der Deckel wurde aufgehoben, und ein
prächtiger Blumenkohl stand da, so frisch, als hätte man ihn eben im
Garten geholt.
,,Das ist ja eine prächtige Blume", sagte der Vater, ,,die muß man
loben. Aber eigentlich", fuhr er etwas enttäuscht fort, ,,suchte ich
etwas anderes unter dem Deckel, Artischocken suchte ich; kann man
die nicht auch finden irgendwo, wie Blumenkohl? Du weißt, liebe
Marie, ich schaue an gedeckten Tischen nach keinem anderen
Gerichte so aus, wie nach Artischocken."
Mit einem Male schrie das Miezchen auf:
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,,Eben! Eben! Geradeso hat er mir gerufen zweimal, furchtbar, und
_so_ hat er den Stecken aufgehoben und _so_" und Miezchen
fuhr ganz aufgeregt mit ihren Armen in der Luft herum , aber
urplötzlich schwieg sie und fuhr schnell herunter mit ihren Armen
bis unter den Tisch und war ganz blutrot geworden, und ihr
gegenüber saß Otto mit zornigen Augen und schoß flammende
Blicke zu Miezchen hinüber.
,,Was ist das für eine seltsame Verherrlichung meines
Geburtstages?" fragte der Vater mit Staunen. ,,Über den Tisch hin
schreit meine Tochter, als wollte man sie umbringen, und unter dem
Tisch durch versetzt mir mein Sohn so entsetzliche Stiefelstöße, daß
ich blaue Flecken bekomme. Ich möchte wissen, Otto, wo du diese
angenehme Unterhaltung gelernt hast."
Jetzt war die Reihe an Otto, feuerrot zu werden bis unter die Haare
hinauf. Er hatte dem Miezchen unter dem Tisch durch einige
deutliche Mahnungen geben wollen, daß es schweigen solle, hatte
aber den unrechten Platz getroffen und mit seinem Stiefel des Vaters
Bein in erstaunlicher Weise bearbeitet. Das hatte Otto nun entdeckt;
er durfte nicht mehr aufschauen.
,,Nun Miezchen", fing der Vater wieder an, ,,was ist denn aus deiner
Räubergeschichte geworden, du kamst ja gar nicht zu Ende. Also
′Artischocke′ hat der furchtbare Mann dich genannt und den
Stecken erhoben und dann?"
,,Dann, dann", stotterte Miezchen kleinlaut denn es hatte
begriffen, daß es auf einmal alles verraten hatte, und daß der Otto
den Zuckerhahn zurückfordern würde , ,,dann hat er mich doch
nicht totgeschlagen."
,,So, das war eine Artigkeit von ihm", lachte der Vater, ,,und dann
weiter?"
,,Dann weiter gar nichts mehr", wimmerte Miezchen.
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,,So, so, die Geschichte nimmt also ein fröhliches Ende. Der Stecken
bleibt in der Luft, und Miezchen geht als kleine Artischocke nach
Hause. Jetzt wollen wir gleich anstoßen auf alle wohlgeratenen
Artischocken und auf des Schreiners Andres Gesundheit!"
Damit hob der Vater sein Glas, und die Tischgesellschaft stimmte
ein. Es standen aber alle ein wenig still vom Tisch auf, denn in
jedem waren allerlei schwere Gedanken aufgestiegen, nur der Vater
blieb unangefochten, setzte sich zu seiner Zeitung und steckte eine
Zigarre an. Otto schlich ins andere Zimmer hinüber, drückte sich in
eine Ecke und dachte darüber nach, wie es sein werde, wenn al e
anderen wieder im Mondschein schlitten würden und er nie mehr
dabei sein dürfte, denn er wußte, daß die Mutter dies von nun an
verbieten würde. Miezchen kroch ins Schlafzimmer hinein, kauerte
sich neben dem Bett auf das Schemelchen nieder, nahm den roten
Zuckerhahn auf den Schoß und war sehr traurig, daß es ihn zum
letzten Male sehen sollte. Die Mutter blieb eine Zeitlang stumm und
sinnend am Fenster stehen und bewegte Gedanken in ihrem Herzen
hin und her, die sie immer mehr und aufregender beschäftigen
mußten, denn jetzt fing sie an, im Zimmer hin und her zu gehen,
und plötzlich verließ sie es und lief hierhin und dahin, nach dem
Miezchen suchend. Sie fand es endlich noch hinter seinem Bett auf
dem Schemel sitzend, in seine traurigen Betrachtungen versunken.
,,Miezchen", sagte die Mutter, ,,jetzt erzähl mir recht, wo und wann
ein Mann dir drohte, und was er dir nachgerufen hat."
Miezchen erzählte, was es wußte, es kam aber nicht viel mehr
heraus, als es schon gesagt hatte. Nachgerufen hatte ihm der Mann
das Wort, das der Papa über Tisch gesagt hatte, behauptete es. Die
Mutter kehrte in das Zimmer zurück, wo der Vater saß, ging gleich
zu ihm heran und sagte in erregtem Ton:
,,Ich muß es dir wirklich sagen, es kommt mir immer
wahrscheinlicher vor."
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Der Oberst legte seine Zeitung weg und schaute erstaunt seine Frau
an.
,,Siehst du", fuhr diese fort, ,,die Szene am Tisch hat mir mit einem
Male einen Gedanken erweckt, und je mehr ich ihn verfolge, je
fester gestaltet er sich vor meinen Augen."
,,Setz dich doch und teil mir ihn mit", sagte der Oberst, ganz
neugierig geworden. Seine Frau setzte sich neben ihn hin und fuhr
fort: ,,Du hast Miezchens Aufregung gesehen, sie war sichtlich
erschreckt worden von dem Mann, von dem sie sprach, es war nicht
Spaß gewesen: darum ist es klar, daß er das Kind nicht ′Artischocke′
genannt hat. Wird er es nicht viel eher ′Aristokratin′ oder
′Aristokratenbrut′ genannt haben? Du weißt, wer uns vorzeiten
diesen Titel nachrief, meinem Bruder und mir. Diesen Augenblick
habe ich von Miezchen gehört, daß der Vorfall sich an dem Abend
ereignet hatte, da die Kinder im Mondschein auf der Schlittbahn
waren. An demselben Abend noch wurde Andres halb erschlagen
gefunden. Seit Jahren war der unheimliche Jörg verschwunden, und
im ersten Augenblick, da man wieder Spuren von ihm hat, geschieht
die Gewalttätigkeit an seinem Bruder, dem kein anderer je etwas
zuleide getan hat, als er. Macht dir das nicht auch Gedanken?"
,,Wahrhaftig, da könnte was dran sein", entgegnete der Oberst
nachdenklich; ,,da muß ich sofort handeln."
Er stand auf, rief nach seinem Knecht, und wenige Minuten
nachher fuhr er im scharfen Trab zur Stadt hinunter. Von da an fuhr
der Oberst jeden Tag einmal nach der Stadt, um zu hören, ob
Berichte eingegangen seien. Am vierten Tage, als er nach Hause kam
am Abend und seine Frau noch an Miezchens Bett verweilte, ließ er
sie schnell rufen, denn er hatte ihr Wichtiges zu erzählen. Sie setzten
sich dann zusammen, und der Oberst teilte seiner Frau mit, was er
in der Stadt vernommen hatte. Auf seine Aussagen hin hatte die
Polizei sogleich heimlich nach dem Jörg gesucht, und er war ohne
große Mühe gefunden worden, denn er war ganz sicher, daß kein
81
Mensch ihn gesehen hatte, da er nur des Nachts in sein Dorf
gekommen und gleich wieder verschwunden war. So war er zunächst
nur nach der Stadt hinuntergegangen und hatte sich in den
Wirtshäusern herumgetrieben. Als er nun festgenommen und
verhört wurde, leugnete er zuerst alles; als er aber hörte, der Oberst
Ritter habe schlagende Beweise gegen ihn vorzubringen, da entfiel
ihm der Mut, denn er dachte, der Herr Oberst müsse ihn gesehen
haben, sonst wäre es unmöglich, daß er gerade auf ihn geraten hätte,
da er frisch aus neapolitanischen Kriegsdiensten zurückgekommen
war. Daß ein einziges Wort, das er einem kleinen Kinde angeworfen
hatte, ihn hatte verraten können, davon hatte er keine Ahnung. Er
fing dann an, furchtbar auf den Obersten zu schimpfen, und sagte,
er habe immer gedacht, diese Aristokratenbrut werde ihn noch ins
Unglück bringen. Im weiteren Verhör gestand er dann, er habe
seinen Bruder aufsuchen und Geld von ihm entlehnen wollen. Als er
durch das erleuchtete Fenster ihn erblickte, wie er eben eine gute
Summe Geld vor sich liegen hatte, da kam ihm der Gedanke, den
Andres niederzuschlagen und das Geld zu nehmen. Töten habe er
ihn nicht gewollt, nur ein wenig bewußtlos machen, damit er ihn
nicht kenne. Der größte Teil der Summe wurde noch bei ihm
gefunden; diese wurde ihm abgenommen und dann der Jörg in den
Turm gesetzt.
Als dieser Vorgang bekannt wurde, gab es eine ungeheure
Aufregung im ganzen Dorfe, denn eine solche Geschichte war noch
gar nicht vorgefallen, seit es stand. Besonders in der Schule kam
alles aus der Ordnung, so stark beteiligten sich alle Schüler an der
aufregenden Begebenheit. Otto war einige Tage ganz außer Atem,
da er beständig da- und dorthin zu laufen hatte, wo noch ein näherer
Umstand von der Sache zu hören war. Am dritten Abend nach der
Verbreitung der Nachricht kam er aber so nach Hause gestürzt, daß
ihn die Mutter ermahnen mußte, erst einen Augenblick stillzusitzen,
da er vor Atemlosigkeit kein Wort hervorbrachte und doch durchaus
wieder eine Neuigkeit erzählen wollte. Endlich konnte er sie in
Worte bringen. Man hatte den Joggi, der bis dahin eingesperrt
geblieben war, herausholen wollen, aber der arme Tropf hatte
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immerfort seine große Furcht beibehalten, und nun glaubte er, man
hole ihn zum Köpfen ab, und sperrte sich ganz furchtbar, die
Kammer zu verlassen. Dann hatten zwei Männer ihn mit aller
Gewalt herausgeschleppt, er hatte aber so geschrieen und getan, daß
alle Leute herbeiliefen, und dann hatte er sich noch mehr gefürchtet,
und auf einmal, nachdem er herausgekommen, war er
davongeschossen wie ein Pfeil und in die nächste Scheune hinein in
den hintersten Winkel des Stalles. Da hockte er ganz
zusammengeballt mit einem furchtbar erschrockenen Gesicht, und
kein Mensch konnte ihn von der Stelle bringen. Schon seit gestern
hockte er so ohne Bewegung, und der Bauer hatte gesagt, wenn er
nicht bald aufstehe, wolle er ihn mit der Heugabel fortbringen.
,,Das ist ja eine ganz traurige Geschichte, Kinder", sagte die Mutter,
als Otto fertig erzählt hatte. ,,Der arme Joggi! Was muß er nun
leiden in seiner Angst, die ihm niemand wegnehmen kann, da er
nicht versteht, was man ihm erklären könnte, und der arme,
gutmütige Joggi ist ja ganz unschuldig. Ach, Kinder, hättet ihr mir
doch gleich das ganze Erlebnis erzählt, als ihr am Abend von der
Schlittbahn kamt; euer Verheimlichen hat recht Trauriges zur Folge
gehabt. Könnten wir doch den armen Menschen trösten und wieder
fröhlich machen." Das Miezchen war ganz weich geworden. ,,Ich
will ihm den roten Zuckerhahn geben", schluchzte es.
Auch Otto war ein wenig zerknirscht. Er sagte zwar etwas
verächtlich: ,,Ja noch gar, einen Zuckerhahn einem erwachsenen
Menschen geben! Behalt du den nur für dich." Aber dann bat er die
Mutter, ihm und Miezchen zu erlauben, dem Joggi etwas zu essen in
den Stall zu bringen, er hatte gar nichts gehabt, seit er dort kauerte,
zwei ganze Tage lang.
Das erlaubte die Mutter gern, und es wurde sogleich ein Korb
geholt und Wurst und Brot und Käse hineingesteckt. Dann gingen
die Kinder den Berg hinunter, dem Stalle zu.
Mit einem ganz weißen, erschreckten Gesicht kauerte der Joggi
hinten im Winkel und rührte sich nicht. Die Kinder kamen ein
83
wenig näher. Otto zeigte dem Zusammengekrümmten den offenen
Korb und sagte:
,,Komm hervor, Joggi, komm, das ist alles für dich zum essen."
Joggi bewegte sich nicht.
,,Komm doch, Joggi", mahnte Otto weiter, ,,siehst du, sonst kommt
der Bauer und sticht dich mit der Heugabel hervor."
Joggi stieß einen erschreckten Ton aus und krümmte sich noch
enger zusammen in den Winkel hinein, wie in ein Loch.
Jetzt ging Miezchen vorwärts und kam ganz nahe an den Joggi
heran, hielt den Mund an sein Ohr und flüsterte hinein: ,,Komm du
nur mit mir, Joggi, sie dürfen dich nicht köpfen, der Papa hilft dir
schon, und siehst du, das Christkindlein hat dir einen roten
Zuckerhahn gebracht"; und Miezchen nahm ganz heimlich den
Zuckerhahn aus seiner Tasche und steckte ihn dem Joggi zu.
Diese heimlichen Trostesworte hatten eine wunderbar wirksame
Kraft. Der Joggi schaute das Miezchen an, ganz ohne Schrecken,
dann schaute er auf seinen roten Zuckerhahn, und dann fing er an
zu lachen, was er seit vielen Tagen nicht mehr getan hatte. Dann
stand er auf, und nun ging Otto voran aus dem Stall heraus, dann
kam das Miezchen und ihm folgte der Joggi auf dem Fuß. Draußen
aber, als Otto dem Joggi sagte: ,,Das kannst du mitnehmen, wir
gehen nun heim und du auch, dort hinunter", da schüttelte Joggi
den Kopf und stellte sich hinter das Miezchen. So gingen alle drei
weiter, der Halde zu, voran der Otto, dann Miezchen, dann der
Joggi. Die Mutter sah den Zug herankommen, und ihr Herz wurde
ganz erleichtert, als sie sah, wie der Joggi hinter dem Miezchen
herschritt, den roten Zuckerhahn in der Hand hielt und immerfort
vergnüglich lachte. So traten die drei ins Haus und in die Stube, und
hier holte das Miezchen geschäftig einen Stuhl, nahm den Eßkorb
zur Hand und winkte dem Joggi, daß er komme. Als er dann am
84
Tische saß, legte es alles, was im Korb war, vor ihn hin und sagte
beschützend: ,,Iß du jetzt nur, Joggi, und iß du nur alles auf und sei
nun ganz fröhlich." Da lachte der Joggi und aß die beiden großen
Würste und das ganze Brot und das ungeheure Stück Käse ganz
fertig und dann noch die Krumen. Den roten Zuckerhahn hielt er
die ganze Zeit über fest mit seiner linken Hand und schaute ihn an
von Zeit zu Zeit und lachte unbeschreiblich vergnüglich, denn
Wurst und Brot hatte er wohl auch schon bekommen, aber einen
roten Zuckerhahn hatte ihm in seinem ganzen Leben noch nie
jemand geschenkt. Endlich ging der Joggi die Halde hinunter. Voller
Freuden schauten die Mutter, Otto und Miezchen ihm nach: er hielt
seinen Zuckerhahn bald in der einen, bald in der anderen Hand,
lachte immerzu und hatte seinen Schrecken gänzlich vergessen.
Seit drei Tagen hatte die Frau Oberst den Schreiner Andres nicht
besucht. Es hatte sich so vieles ereignet in diesen Tagen, daß sie gar
nicht begriff, wie die Zeit dahingegangen war; doch konnte sie ja
ruhig sein, sie wußte, daß der Andres gut verpflegt und besorgt und
dazu auf dem besten Wege der Genesung war.
Ihr Mann hatte gleich am Morgen nach seiner Rückkehr aus der
Stadt den Andres besucht, um ihm die Entdeckung und die
Festnahme seines Bruders selbst mitzuteilen. Andres hatte ganz
ruhig zugehört und dann gesagt: ,,Er hat es so haben wollen; es wäre
doch besser gewesen, er hätte mich um ein wenig Geld gebeten, ich
hätte ihm ja schon gegeben; aber er hat immer lieber geprügelt, als
gute Worte gegeben."
Jetzt trat die Frau Oberst am sonnigen Wintermorgen aus ihrer Tür
und stieg fröhlichen Herzens den Berg hinunter, denn sie
beschäftigte sich in ihrem Innern mit einem Gedanken, der ihr
wohlgefiel. Als sie die Haustür aufmachte beim Schreiner Andres,
kam Wiseli eben aus der Stube heraus. Seine Augen waren ganz
aufgeschwollen und hochrot vom Weinen. Es gab der Frau Oberst
nur flüchtig die Hand und schoß scheu in die Küche hinein, um sich
zu verbergen. So hatte die Frau Oberst das Wiseli noch gar nie
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gesehen. Was konnte da begegnet sein? Sie trat in die Stube ein. Da
saß am sonnigen Fenster der Andres und sah aus, als sei ein noch
nie erlebtes Unheil über ihn hereingebrochen. ,,Was ist denn hier
geschehen?" fragte die Frau Oberst und vergaß im Schrecken,
,,guten Tag" zu sagen.
,,Ach, Frau Oberst", stöhnte Andres, ,,ich wollte, das Kind wäre nie
in mein Haus gekommen!"
,,Was", rief sie noch erschrockener aus, ,,das Wiseli? Kann dieses
Kind Euch ein Leid angetan haben?"
,,Ach, um′s Himmels willen, nein, Frau Oberst, so meine ich′s
nicht", entgegnete Andres in Aufregung; ,,aber nun ist das Kind bei
mir gewesen und hat mir ein Leben gemacht in meinem Häuschen,
wie im Paradies, und jetzt muß ich das Kind wieder hergeben, und
alles wird viel öder und leerer um mich her sein, als vorher. Ich kann
es nicht aushalten; Sie können sich gar nicht denken, wie lieb mir
das Kind ist; ich kann es nicht aushalten, wenn sie mir′s wegnehmen.
Morgen muß es gehen, der Vetter-Götti hat schon zweimal den
Buben geschickt; es müsse nun zurück, morgen müsse es sein. Und
dann ist noch etwas, das mir fast das Herz zersprengt: seitdem der
Vetter-Götti geschickt hat, ist das Kind ganz still geworden und
weint heimlich; es will es nicht so zeigen, aber man kann′s wohl
sehen, es macht ihm so schwer, zu gehen, und morgen muß es sein.
Ich übertreibe nicht, Frau Oberst, aber das kann ich sagen: alles, was
ich seit dreißig Jahren erspart und erarbeitet habe, gäbe ich seinem
Vetter-Götti, wenn er mir das Kind ließe."
Die Frau Oberst hatte den aufgeregten Andres ganz fertig reden
lassen; jetzt sagte sie ruhig: ,,Das würde ich nicht tun an Eurer Stelle,
ich würde es ganz anders machen."
Andres schaute sie fragend an.
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,,Seht, Andres, so würde ich es machen: ich würde sagen: ′All′ mein
wohlverdientes Gut will ich jemandem zurücklassen, der mir lieb ist.
Ich will das Wiseli an Kindes Statt annehmen, ich will sein Vater
sein, und es soll von Stund an als mein Kind in meinem Hause
bleiben.′ Würde es Euch nicht gefallen so, Andres?"
Der Andres hatte lautlos zugehört und seine Augen waren immer
größer geworden. Jetzt ergriff er vor Bewegung die Hand der Frau
Oberst und drückte sie gewaltig zusammen, dann keuchte er hervor:
,,Kann man das wirklich machen? Könnte ich das mit dem Wiseli
tun, so daß ich sagen könnte: das Wiseli ist mein Kind, mein eigenes
Kind, und niemand hat mehr ein Recht an das Kind, und kein
Mensch kann es mir mehr nehmen?"
,,Das könnt Ihr, Andres", versicherte die Frau Oberst, ,,geradeso!
Sobald das Wiseli Euer Kind ist, hat kein Mensch mehr ein Recht
auf das Kind, Ihr seid der Vater. Und seht, Andres, weil ich mir
gedacht hatte, Ihr könntet den Wunsch haben, das Wiseli zu
behalten, so habe ich meinen Mann gebeten, heute nicht
fortzugehen, im Fall Ihr etwa gern gleich nach der Stadt in die
Kanzlei fahren würdet, daß alles bald festgesetzt werde, denn zu
Fuß könnt Ihr noch nicht gehen."
Andres wußte gar nicht, was er tat vor Aufregung und Freude. Er
lief dahin und dorthin und suchte den Sonntagsrock; dann rief er
ein Mal ums andere: ,,Ist es auch sicher wahr? Kann′s auch sein?"
Dann stand er wieder vor die Frau Oberst hin und fragte: ,,Kann es
jetzt sein, gleich jetzt, heut′ noch?"
,,Gleich jetzt", versicherte sie; doch gab sie nun dem Schreiner
Andres die Hand zum Abschied, sie mußte gehen und ihrem Manne
mitteilen, daß Andres schon reisefertig sei.
,,Ihr solltet es dem Wiseli erst am Abend sagen, wenn alles gut
eingeleitet ist und Ihr wieder ruhig daheim seid", bemerkte die Frau
Oberst noch unter der Tür; ,,meint Ihr nicht?"
87
,,Ja, sicher, sicher", gab Andres zur Antwort; ,,jetzt könnt′ ich′s fast
nicht sagen."
Als die Tür sich schloß, setzte sich Andres auf seinen Stuhl nieder
und zitterte an Händen und Füßen so sehr, daß er meinte, er könne
nie mehr davon aufstehen, so war ihm die Freude und Aufregung in
alle Glieder gefahren. Es währte aber kaum eine halbe Stunde, da
kam schon des Obersten Wagen angefahren und hielt still am
Gärtchen des Schreiners, und zu Wiselis unbeschreiblichem
Erstaunen stieg der Knecht von seinem Sitz herunter, kam herein,
und nach wenigen Minuten sah es, wie er wieder herauskam, den
Schreiner Andres mit beiden Armen festhielt und ihm dann in den
Wagen hinein half. Wiseli schaute dem Fuhrwerk nach, als bewege
sich etwas Unfaßliches vor seinen Augen, denn der Schreiner
Andres hatte kein Wort mehr zu ihm sagen können, nicht einmal,
daß er ausfahren werde. So wie er sich niedergesetzt hatte, war er
sitzen geblieben, bis der Knecht ihn herausholte, und das Wiseli
hatte sich immer noch verborgen gehalten. Jetzt ging es in die Stube
hinein und saß ans Fenster, wo sonst der Schreiner Andres saß, und
konnte gar nichts anderes mehr denken als nur immerzu: ,,Heute ist
der letzte Tag, und morgen muß ich zum Vetter-Götti." Als der
Mittag herankam, ging Wiseli in die Küche hinaus und machte
zurecht, was der Andres essen sollte; aber er kam nicht, und es
wollte nichts berühren, bis er auch dabei war. So ging es wieder
hinein, und auf der Stelle stand der traurige Gedanke wieder vor
ihm und es mußte ihm wieder nachhangen. Aber endlich wurde es
so müde davon, daß sein Kopf ihm auf die Schulter fiel und es fest
einschlief; aber noch im Schlaf mußte es immer sagen: ,,Und
morgen muß ich zum Vetter-Götti." Und Wiseli sah nicht, wie leise
der helle Abendschein in die Stube hineinfiel und einen schönen Tag
verkündigte.
Wiseli schoß auf, als jemand die Stubentür öffnete; es war der
Schreiner Andres. Das Glück leuchtete ihm aus den Augen wie
heller Sonnenschein, so hatte ihn Wiseli noch nie gesehen. Es
schaute verwundert zu ihm auf. Jetzt mußte er auf seinen Stuhl
88
sitzen und Atem holen vor Bewegung, nicht vor Erschöpfung; dann
rief er mit triumphierender Stimme:
,,Es ist wahr, Wiseli, es ist alles wirklich wahr! Die Herren haben alle
′Ja′ gesagt. Du gehörst mir, ich bin dein Vater, sag mir einmal
′Vater′!"
Wiseli war ganz schneeweiß geworden; es stand da und starrte den
Andres an, aber es sagte kein Wort und bewegte sich nicht.
,,Ja so, ja so", fing Andres wieder an; ,,du kannst es ja nicht
begreifen, es kommt mir alles durcheinander vor Freuden; jetzt will
ich von vorn anfangen. Siehst du, Wiseli, jetzt eben habe ich es in
der Kanzlei verschrieben: du bist jetzt mein Kind und ich bin dein
Vater, und du bleibst hier bei mir für immer und gehst nie mehr
zurück zum Vetter-Götti, hier bist du daheim, hier bei mir."
Jetzt hatte Wiseli alles begriffen. Auf einmal sprang es auf den
Andres zu und umfaßte ihn mit beiden Armen und rief: ,,Vater!
Vater!" Der Andres brachte kein Wort mehr hervor und das Wiseli
auch nicht, denn es kam ihm so viel zusammen im Herzen und in
den Gedanken, daß es ganz überwältigt wurde. Aber mit einem Male
war es, als ob ihm ein helles Licht aufginge; es schaute den Andres
mit leuchtenden Augen an und rief frohlockend: ,,O Vater, jetzt
weiß ich alles, wie es zugegangen ist und wer dazu geholfen hat."
,,So, so, und wer denn, Wiseli?" fragte er.
,,Die Mutter!" war die rasche Antwort.
,,Die Mutter?" wiederholte Andres, ein wenig erstaunt, ,,wie meinst
du das, Wiseli? wie meinst du das?"
Jetzt erzählte das Kind, wie es die Mutter gesehen hatte, ganz
deutlich, wie sie es bei der Hand genommen und ihm einen
sonnigen Weg gezeigt und gesagt hatte: ,,Sieh, Wiseli, das ist dein
89
Weg." ,,Und jetzt, Vater", rief Wiseli immer eifriger fort, ,,jetzt ist
mir auf einmal in den Sinn gekommen, wie der Weg war, gerade so,
wie der draußen im Garten, wenn die Sonne darauf scheint und die
Nelken so rot glühen und auf der anderen Seite die Rosen, und die
Mutter hat ihn schon gekannt und hat gewiß das ganze Jahr am
lieben Gott angehalten, daß ich dürfe auf den Weg kommen, sie hat
schon gewußt, wie gut ich es bei dir haben würde, wie sonst
nirgends auf der ganzen Welt. Das glaubst du jetzt auch, Vater, daß
alles so gegangen ist, nicht wahr, seit du weißt, daß die Mutter mir
den Weg bei den Nelken gezeigt hat?"
Der gute Andres konnte nichts sagen, die hellen Tränen liefen ihm
die Wangen hinunter; dabei aber lachte ihm eine solche Freude aus
den nassen Augen, daß es dem Wiseli nicht bange wurde. Als er aber
endlich etwas sagen wollte, da hörte man nichts davon, denn in dem
Augenblick wurde mit einem ungeheuren Knall die Tür
aufgeschlagen und herein sprang mit einem Satz bis mitten in die
Stube der Otto, dann machte er noch einen großen Sprung über
einen Stuhl weg und rief: ,,Juhe, wir haben′s gewonnen, und das
Wiseli ist erlöst!" Hinter ihm stürzte das Miezchen hervor, rannte
gleich auf seinen Freund los und sagte mit bedeutungsvol em
Winken gegen die Tür hin: ,,Jetzt, Andres, wirst du gleich sehen, was
kommt zum Genesungsfest!", und eh′ es noch fertig gesprochen,
arbeitete der Bäckerjunge sich zur Tür herein mit einem so
ungeheuren Brett auf dem Kopf, daß er in der Tür stecken blieb
und nicht damit weiterdringen konnte. Aber von hinten kam eine
kräftige Hand, die hob und schob und stützte das wankende
Gebäude, bis es glücklich in der Stube angelangt und auf den Tisch
gesetzt war, den es gänzlich bedeckte, von oben bis unten. Denn
Otto und Miezchen hatten ersonnen, aus ihren Sparbüchsen zum
Genesungsfest den allergrößten Rahmkuchen machen zu lassen, den
ein Mensch machen könnte. Da er nun zu klein geworden wäre als
runder Kuchen, so hatte man ihn viereckig gemacht, so daß er den
Ofen ausfüllte von vorn bis hinten und nun den ganzen Tisch
bedeckte. Auf den Boden hin stellte nun die Trine, die hinter dem
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Bäckerjungen hilfreich hereingekommen war, ihren großen Korb
nieder; da war ein schöner Braten darin und stärkender Wein dazu,
denn die Frau Oberst hatte gesagt, heute habe der Andres gewiß
noch keinen Bissen gegessen, und vielleicht noch dazu das Wiseli
nicht, und so war es auch, und jetzt merkte es auch das Wiseli auf
einmal, als es alle die einladenden Sachen vor sich sah. Nun setzte
sich die ganze Gesellschaft zu Tisch, und man konnte gar nicht
absehen, wer von allen das fröhlichste Gesicht am Tische hatte. Vor
allem mußte der Riesenkuchen in der Mitte zerschnitten und die
Hälfte auf den Boden gelegt werden, daß man Platz bekam, und
nun folgte ein Festessen von so fröhlicher Art, daß noch gar nie ein
fröhlicheres stattgefunden hat, denn jedem, das an diesem Tisch saß,
war sein höchster Wunsch in Erfüllung gegangen.
Wie es nun spät geworden war unter all der Freude und man endlich
vom Tisch aufstehen mußte denn die Trine stand schon lange
bereit zum Abholen , da sagte Andres: ,,Heut′ habt ihr das Fest
bereitet, aber auf den Sonntag will ich auch eins bereiten, dann
kommt ihr wieder, und das soll das Fest des Einstandes sein für
mein Töchterchen."
Nun schüttelten sich alle die Hände in der frohen Aussicht auf ein
neues herrliches Fest und auf die immerwährende Befriedigung, das
Wiseli beim Schreiner Andres zu wissen. Unter der Tür aber gab
Wiseli dem Otto noch einmal die Hand und sagte:
,,Ich danke dir hunderttausendmal für alles Gute, Otto. Der Chäppi
hat mir auch nie mehr etwas an den Kopf geworfen, weil er nicht
durfte; das habe ich nur dir zu danken."
,,Und ich danke dir auch, Wiseli", entgegnete Otto; ,,ich habe gar nie
mehr die Fetzen auflesen müssen in der Schule; das habe ich nur dir
zu danken."
,,Und ich auch", behauptete Miezchen, denn es wollte nicht weniger
erfreuliche Erfahrungen gemacht haben.
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Als nun in dem Stübchen alles still geworden war und der
Mondschein leise durchs Fenster hereinkam, bei dem der Schreiner
Andres abgesessen war, während das Wiseli noch alles aufräumen
wollte, da kam es zu ihm heran und sagte, indem es seine Hände
faltete:
,,Vater, soll ich nicht den Liedervers der Mutter dir laut vorbeten?
Ich hab′ ihn heut′ Abend immer wieder leise für mich sagen müssen,
den will ich gewiß mein ganzes Leben lang nie vergessen."
Andres war sehr zufrieden, den Vers zu hören, und Wiseli schaute
zu den Sternen auf und sagte tief aus seinem Herzen heraus:
,,Befiehl du deine Wege,
Und was dein Herze kränkt,
Der allertreu′sten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann."
* * * * *
Von diesem Tage an war und blieb das allerglücklichste Haus im
ganzen Dorf und im ganzen Land das Häuschen des Schreiners
Andres mit dem sonnigen Nelkengarten. Wo seither das Wiseli
sich blicken ließ, da waren alle Leute so freundlich mit ihm, daß es
nur staunen mußte. Denn vorher hatten sie es nie beachtet, und der
Vetter-Götti und die Base gingen nie am Haus vorbei, ohne schnell
hereinzukommen und ihm die Hand zu geben und zu sagen, es solle
auch zu ihnen kommen.
Über diese Wendung war das Wiseli froh, denn es hatte immer einen
heimlichen Schrecken gehabt beim Gedanken, was der Vetter-Götti
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zu allem sagen werde. So war Wiseli von aller Angst befreit und ging
fröhlich seinen Weg; im stillen aber dachte es oftmals: ,,Der Otto
und die Seinigen waren gut mit mir, als es mir schlecht ging und ich
gar niemand mehr auf der Welt hatte; aber die anderen Leute sind
erst freundlich mit mir geworden, seit es mir gut geht und ich einen
Vater habe; ich weiß ganz gut, wer es am besten mit mir meint."
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