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Classic, 2008, 32 Pages
Author: Max Weber
Subject: Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Details
Year: 2008
Pages: 32
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-23723-4
ISBN (Book): 978-3-640-23904-7
File size: 213 KB
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Abstract
Akademische Antrittsrede von Dr. Max Weber, o. ö. Professor der Staatswissenschaft in Freiburg i. B. , erstmalig erschienen 1895. Vorbemerkung: Nicht die Zustimmung, sondern der Widerspruch, welchen die nachstehenden Ausführungen bei vielen ihrer Hörer fanden, veranlaßten mich, sie zu veröffentlichen. Sachlich Neues werden sie Fachgenossen wie Andern nur in Einzelheiten bringen, und in welchem speziellen Sinn allein sie den Anspruch auf das Prädikat der „Wissenschaftlichkeit“ erheben, ergiebt sich aus der Veranlassung ihres Entstehens. Eine Antrittsrede bietet eben Gelegenheit zur offenen Darlegung und Rechtfertigung des persönlichen und insoweit „subjektiven“ Standpunktes bei der Beurteilung volkswirtschaftlicher Erscheinungen. Die Ausführungen S. 20–24 hatte ich mit Rücksicht auf Zeit und Hörerkreis fortgelassen, andere mögen beim Sprechen eine andere Form angenommen haben. Zu den Darlegungen im Eingang ist zu bemerken, daß die Vorgänge hier naturgemäß wesentlich vereinfacht gegenüber der Wirklichkeit dargestellt werden. Die Zeit von 1871– 1885 zeigt in den einzelnen Kreisen und Gemeinden Westpreußens keine einheitlichen, sondern charakteristisch wechselnde Bevölkerungsbewegungen, die keineswegs durchweg so durchsichtig sind wie die herausgegriffenen Beispiele. Die Tendenz, welche an diesen zu veranschaulichen versucht ist, wird in anderen Fällen durch andere Momente durchkreuzt. Darauf werde ich demnächst ausführlicher an anderem Ort zurückkommen. Daß die Resultate, welche diese Zahlen bieten können, auf unsichereren Füßen stehen als diejenigen, welche die verdienstlichen Veröffentlichungen mehrerer Schüler Neumanns uns über die Nationalitätsverhältnisse in Posen und Westpreußen geliefert haben, liegt auf der Hand. Aber in Ermangelung korrekten Materials müssen wir uns vorerst mit ihnen begnügen, zumal die Erscheinungen, welche sie veranschaulichen, uns in ihren Hauptzügen bereits aus den ländlichen Enqueten der letzten Jahre bekannt sind.
Fulltext (computer-generated)
Max Weber
Der Nationalstaat und die
Volkswirtschaftpolitik
[Akademische Antrittsrede von Dr. Max Weber, o. ö. Professor der
Staatswissenschaft in Freiburg i. B. , erstmalig erschienen 1895]
Vorbemerkung
.
Nicht die Zustimmung, sondern der Widerspruch, welchen die
nachstehenden Ausführungen bei vielen ihrer Hörer fanden,
veranlaßten mich, sie zu veröffentlichen. Sachlich Neues werden sie
Fachgenossen wie Andern nur in Einzelheiten bringen, und in
welchem speziellen Sinn allein sie den Anspruch auf das Prädikat
der ,,Wissenschaftlichkeit" erheben, ergiebt sich aus der
Veranlassung ihres Entstehens. Eine Antrittsrede bietet eben
Gelegenheit zur offenen Darlegung und Rechtfertigung des
persönlichen und insoweit ,,subjektiven" Standpunktes bei der
Beurteilung
volkswirtschaftlicher Erscheinungen. Die Ausführungen
S. 2024 hatte ich mit Rücksicht auf Zeit und Hörerkreis
fortgelassen, andere mögen beim Sprechen eine andere Form
angenommen haben. Zu den Darlegungen im Eingang ist zu
bemerken, daß die Vorgänge hier naturgemäß wesentlich vereinfacht
gegenüber der Wirklichkeit dargestellt werden. Die Zeit von 1871
1885 zeigt in den einzelnen Kreisen und Gemeinden Westpreußens
keine einheitlichen, sondern charakteristisch wechselnde
Bevölkerungsbewegungen, die keineswegs durchweg so durchsichtig
sind wie die herausgegriffenen Beispiele. Die Tendenz, welche an
diesen zu veranschaulichen versucht ist, wird in anderen Fällen
durch andere Momente durchkreuzt. Darauf werde ich demnächst
ausführlicher an anderem Ort zurückkommen. Daß die Resultate,
welche diese Zahlen bieten können, auf unsichereren Füßen stehen
als diejenigen, welche die verdienstlichen Veröffentlichungen
mehrerer Schüler
Neumanns
uns über die Nationalitätsverhältnisse in
Posen und Westpreußen geliefert haben, liegt auf der Hand. Aber in
Ermangelung korrekten Materials müssen wir uns vorerst mit ihnen
begnügen, zumal die Erscheinungen, welche sie veranschaulichen,
uns in ihren Hauptzügen bereits aus den ländlichen Enqueten der
letzten Jahre bekannt sind.
Freiburg
, Mai 1895.
Max Weber.
2
Die Fassung meines Themas verspricht weit mehr als ich heute
halten kann und will. Was ich beabsichtige, ist zunächst: an
einem
Beispiel
die Rolle zu veranschaulichen, welche die physischen und
psychischen Rassendifferenzen zwischen Nationalitäten im
ökonomischen Kampf ums Dasein spielen. Daran möchte ich einige
Betrachtungen über die Stellung der auf nationaler Grundlage
ruhenden Staatswesen wie es das unsrige ist im Rahmen der
volkswirtschaftspolitischen Betrachtung knüpfen. Ich wähle für
jenes Beispiel einen Kreis von Vorgängen, die örtlich fern von uns
sich abspielen, aber seit einem Jahrzehnt die öffentliche
Aufmerksamkeit wiederholt erregt haben und bitte Sie, mir in die
Ostmarken des Reiches, auf das platte Land der preußischen
Provinz
Westpreußen
zu folgen. Dieser Schauplatz verbindet die
Eigenschaft eines nationalen Grenzlandes mit ungewöhnlich
schroffen Unterschieden der ökonomischen und sozialen
Existenzbedingungen, und dies empfiehlt ihn für unseren Zweck.
Ich kann leider nicht umhin, Ihre Geduld zunächst für eine Reihe
trockener Daten in Anspruch zu nehmen.
Die Provinz umschließt in ihren Landdistrikten Gegensätze von
dreierlei Art.
Zunächst außerordentliche Verschiedenheiten in der
Güte des
Ackerbodens
: von den Zuckerrübenböden der Weichselebene bis
auf die sandige kassubische Höhe liegen Unterschiede in der
Steuerreinertragsschätzung um das 10- und 20fache. Selbst die
Kreisdurchschnitte schwanken zwischen 4¾ und 33 Mk. pro ha.
Gegensätze ferner in der
sozialen Schichtung
der Bevölkerung, die
diesen Boden bebaut. Wie im Osten überhaupt, kennen auch hier
die amtlichen Aufnahmen neben der ,,Landgemeinde" eine zweite
dem Süden unbekannte Form der kommunalen Einheit: den
,,Gutsbezirk". Und dem entsprechend heben sich im
Landschaftsbilde zwischen den Dörfern der Bauern die Rittergüter
ab, die Sitze der Klasse, welche dem Osten sein soziales Gepräge
3
giebt: der Junker , Herrenhöfe, umgeben von den einstöckigen
Kathen, welche der Gutsherr nebst Ackerstücken und Weide den
Tagelöhnern anweist, die das Jahr über zur Arbeit auf dem Hofe
verpflichtet sind. Etwa je zur Hälfte ist die Fläche der Provinz
zwischen beide verteilt. Aber in den einzelnen Regionen schwankt
der Anteil der Gutsbezirke von wenigen Prozenten bis zu der
Fläche der Kreise.
Endlich innerhalb dieser dergestalt in zweifacher Art sozial
geschichteten Bevölkerung der dritte Gegensatz: derjenige der
Nationalitäten
. Und auch die nationale Zusammensetzung der
Bevölkerung der einzelnen Gemeindeeinheiten ist regional eine
verschiedene.
Diese
Verschiedenheit ist es, welche uns interessiert.
Dichter wird das Polentum zunächst natürlich mit Annäherung
an die Grenze. Es nimmt aber ferner, wie jede Sprachenkarte zeigt,
zu
mit
ab
nehmender Güte des Bodens. Das wird man nicht überall
mit Unrecht zunächst historisch erklären wollen aus der Art der
deutschen Okkupation, welche zuerst das fruchtbare Weichselthal
überflutete. Allein wenn man nun weiter fragt: welche
sozialen
Schichten
sind auf dem Lande die Träger des Deutschtums und des
Polentums? so zeigen uns die Ziffern der bisher zuletzt
publizierten1 Bevölkerungsaufnahme von 1885 ein merkwürdiges
Bild. Aus dieser Aufnahme können wir zwar die nationale
Zusammensetzung der Gemeinden nicht direkt, wohl aber wenn
wir uns mit einer nur annähernden Richtigkeit der Ziffern zufrieden
geben indirekt entnehmen: durch das Mittelglied der Konfession,
die innerhalb des für uns in Betracht kommenden national
gemischten Gebietes mit der Nationalität bis auf wenige Prozente
zusammentrifft. Scheiden wir die ökonomischen Kategorien der
Bauerndörfer und der Rittergüter in den einzelnen Gegenden,
indem wir sie, gleichfalls ungenau, mit den Kommunaleinheiten2 der
Landgemeinden bezw. Gutsbezirken identifizieren, so zeigt sich, daß
sie sich je nach der Bodengüte in Bezug auf ihre nationale
Zusammensetzung
entgegengesetzt
von einander verhalten: in den
fruchtbaren Kreisen sind die Katholiken, d. h. die
Polen
, relativ am
4
stärksten auf den
Gütern
und die Evangelischen, d. h. die
Deutschen
,
in den
Dörfern
zu finden, und gerade umgekehrt steht es in den
Kreisen mit schlechtem Boden. Faßt man z. B. die Kreise mit unter
fünf Mark Durchschnittssteuerreinertrag pro Hektar zusammen, so
sind in den Dörfern nur 35,5 %, auf den Gütern 50,2 %
Evangelische, nimmt man dagegen die Kreisgruppe, welche 10 bis
15 Mark Durchschnittssteuerreinertrag pro Hektar umfaßt, so sind
die Evangelischen in den Dörfern mit 60,7 %, auf den Gütern nur
mit 42,1 % beteiligt. Wie kommt das? Warum sind in der Ebene die
Güter, auf der Höhe die Dörfer die Sammelbecken des Polentums?
Eins sieht man alsbald:
die Polen haben die Tendenz sich in der ökonomisch
und sozial niedrigst stehenden Schicht der Bevölkerung anzusammeln.
Auf den
guten Böden, zumal der Weichselebene, stand der Bauer in seiner
Lebenshaltung stets über dem Gutstagelöhner, auf den schlechten
Böden dagegen, die rationell nur im Großen zu bewirtschaften
waren, war das Rittergut der Träger der Kultur und damit des
Deutschtums, die kümmerlichen Kleinbauern stehen dort in ihrer
Lebenshaltung noch heute
unter
den Gutstagelöhnern. Wüßten wir
das nicht ohnehin der Altersaufbau der Bevölkerung ließe es uns
vermuthen. Steigt man in den
Dörfern
von der Ebene zum
Höhenrücken hinauf, so steigt der Anteil der Kinder unter 14 Jahren
von 3536 % mit abnehmender Bodengüte bis auf 4041 %, und
wenn man damit die
Güter
vergleicht, so ist in der Ebene der Anteil
der Kinder größer als in den Dörfern, steigt nach der Höhe zu, aber
langsamer als in den Dörfern, und bleibt
auf
derselben hinter ihnen
zurück. Die große Kinderzahl heftet sich hier wie überall an die
Fersen der niedrigen Lebenshaltung, welche die Erwägungen der
Fürsorge für die Zukunft erstickt. Wirtschaftliche Kultur, relative
Höhe der Lebenshaltung und
Deutschtum
sind in Westpreußen
identisch.
Und doch konkurrieren beide Nationalitäten seit Jahrhunderten auf
demselben Boden unter wesentlich gleichen Chancen mit einander.
Worin ist also jene Scheidung begründet? Man ist alsbald versucht,
an eine auf physischen und psychischen Rassenqualitäten beruhende
5
Verschiedenheit der
Anpassungsfähigkeit
der beiden Nationalitäten an
die verschiedenen ökonomischen und sozialen Existenzbedingungen
zu glauben. Und in der That ist dies der Grund, der Beweis dafür
liegt in der Tendenz, welche in der
Verschiebung
der Bevölkerung und
der Nationalitäten zu Tage tritt und welche zugleich das
Verhängnißvolle jener verschiedenen Anpassungsfähigkeit für das
Deutschtum des Ostens erkennen läßt.
Es stehen uns zur Beobachtung der Verschiebungen in den
einzelnen Gemeinden allerdings nur die Zahlen von 1871 bis 1885
zum Vergleich zur Verfügung, und diese lassen uns den Anfang
einer Entwicklung erst undeutlich erkennen, die sich seither nach
allem, was wir wissen, außerordentlich verstärkt fortsetzt. Die
Deutlichkeit des Zahlenbildes leidet ja überdies naturgemäß durch
die notgedrungene, aber nicht ganz genaue Gleichsetzung von
Konfession und Nationalität einerseits, Verwaltungseinteilung und
sozialer Gliederung andererseits. Allein trotzdem sehen wir das,
worauf es ankommt, deutlich genug. Die Landbevölkerung der
Provinz, wie diejenige großer Teile des Ostens überhaupt, zeigte
während des Zeitraumes von 18801885 eine Tendenz zur
Abnahme
:
in Westpreußen betrug sie 12 700 Köpfe, d. h., während die
Bevölkerung des Reiches sich um etwa 3½ % vermehrt hat,
verminderte sie sich um 1¼ %. Auch diese Erscheinung, wie die
bisher besprochenen, verteilt sich aber ungleich: in manchen
Kreisen steht ihr eine Zunahme der Landbevölkerung gegenüber.
Und zwar ist die Art,
wie
sich beide verteilen, recht eigentümlich.
Nehmen wir zunächst die verschiedenen Bodenqualitäten, so wird
Jeder vermuten: die Abnahme wird am stärksten die
schlechtesten
Böden betroffen haben, wo unter dem Druck der sinkenden Preise
der Nahrungsspielraum zuerst zu eng werden mußte. Sieht man sich
die Zahlen an, so zeigt sich: das
Umgekehrte
ist der Fall: gerade eine
Reihe der gesegnetsten Kreise: Stuhm und Marienwerder z. B. mit
rund 1517 Mark Durchschnittsreinertrag, hatten den stärksten
Abfluß
: 78 %, während auf der Höhe die Kreise Konitz, Tuchel mit
56 Mark Reinertrag mit die stärkste schon seit 1871 konstante
6
Vermehrung
erlebten. Man sucht nach Erklärung und fragt zunächst:
welche sozialen Schichten sind es, denen einerseits jener Abfluß
entstammte, und denen andererseits diese Vermehrung zu Gute
kam? Sieht man sich die Kreise mit starken Verminderungsziffern
an, Stuhm, Marienwerder, Rosenberg, so sind es durchweg solche, in
denen der
große Grundbesitz
besonders stark herrscht, und betrachtet
man nun weiter die
Guts
bezirke der ganzen Provinz zusammen, so
kommen, trotzdem sie 1880 auf derselben Bodenfläche ohnehin
eine um zwei Drittel geringere Volkszahl aufwiesen als die Dörfer,
doch fast ¾ der Verminderung der Landbevölkerung, über 9000
Köpfe, auf sie allein: ihre Bevölkerung hat um etwa 3¾ %
abgenommen. Aber auch
innerhalb
der Güter ist diese Abnahme
wieder verschieden verteilt, teilweise fand Zunahme statt, und wenn
man die Gegenden mit starker Abnahme der Gutsbevölkerung
aussondert, so zeigt sich: gerade die Güter auf
guten
Böden haben
einen besonders starken Abfluß erlebt.
Die
Zunahme
der Bevölkerung dagegen, welche auf den schlechten
Böden der Höhe stattfand, ist vornehmlich den
Dörfern
zu Gute
gekommen, und gerade den Dörfern auf
schlechten
Böden am
stärksten, im Gegensatz zu den Dörfern der Ebene.
Abnahme der
Tagelöhner
der Güter auf den
besten
Böden,
Zunahme der Bauern
auf
den
schlechten
also ist die Tendenz. Um was es sich dabei handelt und
wie das zu erklären ist, wird klar, wenn man schließlich auch hier
fragt: wie sich die
Nationalitäten
zu diesen Verschiebungen verhalten.
Das Polentum im Osten schien in der ersten Hälfte des
Jahrhunderts langsam und stetig zurückgedrängt zu werden, seit den
60iger Jahren aber ist es, wie bekannt, ebenso langsam und stetig im
Vordringen begriffen. Das letztere ergeben für Westpreußen die
Spracherhebungen trotz ihrer mangelhaften Grundlagen doch auf
das Deutlichste. Nun kann die Verschiebung einer
Nationalitätengrenze auf zweierlei, grundsätzlich zu scheidende,
Arten sich vollziehen. Einmal so, daß nationalen Minderheiten im
national gemischten Gebiet Sprache und Sitte der Mehrheit
7
allmählich oktroyiert wird, daß sie ,,aufgesogen" werden. Auch diese
Erscheinung findet sich im Osten: sie vollzieht sich statistisch
nachweisbar an den Deutschen katholischer Konfession. Das
kirchliche Band ist hier stärker als das nationale, Reminiszenzen aus
dem Kulturkampf spielen mit, und der Mangel eines deutsch
erzogenen Klerus läßt sie der nationalen Kulturgemeinschaft
verloren gehen. Wichtiger aber und für uns interessanter ist die
zweite Form der Nationalitätenverschiebung: die
ökonomische
Verdrängung
. Diese liegt hier vor. Prüft man die Verschiebungen
des Anteils der Konfessionen in den ländlichen Gemeindeeinheiten
18711885, so zeigt sich: der Abfluß der Gutstagelöhner ist
regelmäßig mit einer relativen Abnahme des Protestantismus in der
Ebene, die Zunahme der Dorfbevölkerung auf der Höhe mit einer
relativen Zunahme des Katholizismus verknüpft3.
Es sind vornehmlich
deutsche
Tagelöhner, die aus den Gegenden mit hoher Kultur abziehen, es sind
vornehmlich polnisch Bauern, die in den Gegenden mit tiefem Kulturstand sich
vermehren.
Beide Vorgänge aber der Abzug hier, die Vermehrung dort
führen in letzter Linie auf einen und denselben Grund zurück: die
niedrigeren Ansprüche an die Lebenshaltung
in materieller teils, teils in
ideeller Beziehung , welche der slawischen Rasse von der Natur auf
den Weg gegeben oder im Verlaufe ihrer Vergangenheit angezüchtet
sind, verhalfen ihr zum Siege.
Warum ziehen die deutschen Tagelöhner ab? Nicht materielle
Gründe sind es: nicht aus den Gegenden mit niedrigem Lohnniveau
und nicht aus den schlecht gelohnten Arbeiterkategorien rekrutiert
sich der Abzug; kaum eine Situation ist materiell gesicherter als die
eines Instmanns auf den östlichen Gütern. Auch nicht die
vielberufene Sehnsucht nach den Vergnügungen der Großstadt. Sie
ist ein Grund für das planlose Wegwandern des jungen
Nachwuchses, aber nicht für den Abzug altgedienter
Tagelöhnerfamilien, und warum erwacht jene Sucht gerade da
unter den Leuten, wo der Großbesitz vorherrscht, warum können
8
wir nachweisen, daß die Abwanderung der Tagelöhner abnimmt, je
mehr das
Bauerndorf
die Physionomie der Landschaft beherrscht?
Dies
ist es: zwischen den Gutskomplexen der Heimat giebt es für
den Tagelöhner nur Herren und Knechte, und für seine Nachfahren
im fernsten Glied nur die Aussicht, nach der Gutsglocke auf
fremdem Boden zu scharwerken. In dem dumpfen, halbbewußten
Drang in die Ferne liegt ein Moment eines primitiven Idealismus
verborgen. Wer es nicht zu entziffern vermag, der kennt den Zauber
der
Freiheit
nicht. In der That: selten berührt uns heute ihr Geist in
der Stille der Bücherstube. Verblichen sind die naiv freiheitlichen
Ideale unserer frühen Jugend, und manche von uns sind vorzeitig alt
und allzu klug geworden und glauben, einer der urwüchsigsten
Triebe der Menschenbrust sei mit den Schlagworten einer
niedergehenden politischen und wirtschaftspolitischen Anschauung
zu Grabe getragen worden.
Es ist ein massenpsychologischer Vorgang: die deutschen
Landarbeiter vermögen sich den
sozialen
Lebensbedingungen ihrer
Heimat nicht mehr anzupassen. Über ihr ,,Selbstbewußtsein" klagen
uns Berichte der Gutsherrn aus Westpreußen. Das alte
patriarchalische Gutshintersassen-Verhältnis, welches den
Tagelöhner als einen anteilsberechtigten Kleinwirt mit den
landwirtschaftlichen Produktionsinteressen unmittelbar verknüpfte,
schwindet. Die Saisonarbeit in den Rübenbezirken fordert
Saisonarbeiter und Geldlohn. Eine rein proletarische Existenz steht
ihnen in Aussicht, aber ohne die Möglichkeit jenes kraftvollen
Aufschwungs zur ökonomischen Selbstständigkeit, welche das in
den Städten örtlich zusammengeschlossene Industrieproletariat mit
Selbstbewußtsein erfüllt. Diesen Existenzbedingungen sich zu
fügen vermögen diejenigen besser, welche an die Stelle der
Deutschen treten, die polnischen Wanderarbeiter, Nomadenzüge,
welche durch Agenten in Rußland geworben im Frühjahr zu
Zehntausenden über die Grenze kommen, im Herbst wieder
abziehen. Zuerst im Gefolge der Zuckerrübe, welche den
Landwirtschaftsbetrieb in ein Saisongewerbe verwandelt, treten sie
9
auf, dann allgemein, weil man an Arbeiterwohnungen, Armenlasten,
sozialen Verpflichtungen spart, weil sie ferner als Ausländer prekär
gestellt und deshalb in der Hand des Besitzers sind. Der
ökonomische Todeskampf des alten preußischen Junkertums
vollzieht sich unter diesen Begleiterscheinungen. Auf den
Zuckerrübengütern tritt an die Stelle des patriarchalisch schaltenden
Gutsherrn ein Stand industrieller Geschäftsleute, und auf der
Höhe bröckelt unter dem Druck der landwirtschaftlichen Notlage
das Areal der Güter von außen her ab, Parzellenpächter- und
Kleinbauernkolonieen entstehen auf ihren Außenschlägen. Die
ökonomischen Fundamente der Machtstellung des alten Grundadels
schwinden, er selbst wird zu etwas anderem, als er war.
Und weshalb sind es die
polnischen
Bauern, die an Terrain gewinnen?
Ist es ihre überlegene ökonomische Intelligenz oder Kapitalkraft? Es
ist vielmehr das Gegenteil von beiden. Unter einem Klima und auf
einem Boden, welche neben extensiver Viehzucht wesentlich
Getreide- und Kartoffelproduktion gestatten, ist hier Derjenige am
wenigsten durch die Ungunst des Marktes bedroht, der seine
Produkte dahin bringt, wo sie durch den Preissturz am wenigsten
entwertet werden: in seinen eigenen Magen: der für seinen
Eigenbedarf
produziert. Und wiederum ist Derjenige begünstigt, der
seinen Eigenbedarf am
niedrigsten
bemessen kann, die geringsten
Ansprüche an die Lebenshaltung in physischer und ideeller
Beziehung macht. Der polnische Kleinbauer im Osten ist ein Typus
sehr abweichender Art von dem geschäftigen Zwergbauerntum,
welches Sie hier in der gesegneten Rheinebene durch
Handelsgewächsbau und Gartenkultur sich an die Städte angliedern
sehen. Der polnische Kleinbauer gewinnt an Boden, weil er
gewissermaßen das Gras vom Boden frißt, nicht
trotz
, sondern
wegen
seiner tiefstehenden physischen und geistigen Lebensgewohnheiten.
Ein
Ausleseprozeß
also scheint es zu sein, den wir sich vollziehen
sehen. Beide Nationalitäten sind in die gleichen
10
Existenzbedingungen seit langer Zeit hineingestellt. Die Folge war
nicht
, daß sie, wie der Vulgärmaterialismus sich vorstellt, die gleichen
physischen und psychischen Qualitäten annahmen, sondern daß die
eine der andern weicht, daß diejenige siegt, welche die größere
Anpassungsfähigkeit an die gegebenen ökonomischen und sozialen
Lebensbedingungen besitzt.
Diese verschiedene Anpassungsfähigkeit selbst bringen sie, so
scheint es, als feste Größe mit, sie könnte vielleicht im Verlaufe
generationenlanger Züchtungsprozesse so, wie sie in Jahrtausenden
entstanden sein mag, wieder verschoben werden, aber für die
Erwägungen der Gegenwart ist sie ein Moment, mit welchem wir als
gegeben zu rechnen haben4.
Nicht immer das sehen wir schlägt, wie die Optimisten unter
uns meinen, die Auslese im freien Spiel der Kräfte zugunsten der
ökonomisch höher entwickelten oder veranlagten Nationalität aus.
Die Menschengeschichte kennt den Sieg von niedriger entwickelten
Typen der Menschlichkeit und das Absterben hoher Blüthen des
Geistes- und Gemütslebens, wenn die menschliche Gemeinschaft,
welche deren Träger war, die Anpassungsfähigkeit an ihre
Lebensbedingungen verlor, es sei ihrer sozialen Organisation oder
ihrer Rassenqualitäten wegen. In unsrem Fall ist es die Umgestaltung
der landwirtschaftlichen Betriebsformen und die gewaltige Krisis
der Landwirtschaft, welche der in ihrer ökonomischen Entwicklung
tiefer stehenden Nationalität zum Siege verhilft. Parallel mit
einander wirken der emporgezüchtete Rübenanbau und die
Unrentabilität der Absatzproduktion von Cerealien nach der
gleichen Richtung: der erstere züchtet die polnischen Saisonarbeiter,
die letztere die polnischen Kleinbauern.
Blicken wir zurück auf die erörterten Thatsachen, so bin ich, wie ich
gern bekenne, völlig außer stande, theoretisch die Tragweite der
etwa daraus zu entnehmenden allgemeinen Gesichtspunkte zu
entwickeln. Die unendlich schwierige und zur Zeit sicherlich nicht
11
zu lösende Frage,
wo
die Grenze für die Variabilität physischer und
psychischer Qualitäten einer Bevölkerung unter dem Einfluß der
Lebensverhältnisse, in die sie gestellt wird, liegt, wage ich nicht auch
nur anzurühren.
Unwillkürlich fragt dagegen jeder vor allen Dingen: was kann und
soll hier geschehen?
Gestatten Sie aber, daß ich es unterlasse, bei dieser Gelegenheit
ausführlicher darüber zu sprechen, und mich begnüge, kurz die
beiden Forderungen anzudeuten, die m. E. vom Standpunkt des
Deutschtums zu stellen sind und thatsächlich mit wachsender
Einmütigkeit gestellt werden. Die eine ist: Schließung der östlichen
Grenze. Sie war verwirklicht unter dem Fürsten Bismarck und ist
nach seinem Rücktritt 1890 wieder beseitigt worden; dauernde
Ansiedlung blieb den Fremdlingen versagt, aber als Wanderarbeiter
wurden sie zugelassen. Ein ,,klassenbewußter" Großgrundbesitzer
an der Spitze Preußens schloß sie aus im Interesse der Erhaltung
unserer Nationalität und der verhaßte Gegner der Agrarier ließ sie
zu im Interesse der Großgrundbesitzer, welche
allein
von ihrem
Zuzug Vorteil haben: nicht immer, das zeigt sich, entscheidet der
,,ökonomische Klassenstandpunkt" in Dingen der
Wirtschaftspolitik,
hier
war es der Umstand, daß das Steuerruder
des Staates aus einer starken Hand in eine schwächere fiel. Die
andere Forderung ist: systematischer Bodenankauf seitens des
Staates, also Erweiterung des Domänenbesitzes einerseits, und
systematische Kolonisation deutscher Bauern auf geeigneten Böden,
namentlich auf geeigneten Domänen, andererseits. Großbetriebe,
welche nur auf Kosten des Deutschtums zu erhalten sind, sind vom
Standpunkt der Nation werth, daß sie zu Grunde gehen, und sie
sich selbst überlassen heißt im Wege der allmählichen
Abparzellierung existenzunfähige slavische Hungerkolonien
entstehen lassen. Und nicht nur das Interesse an der Hemmung der
slavischen Flut ruft nach der Ueberführung bedeutender Teile des
östlichen Bodens in die Hand des Staates, sondern auch die
12
vernichtende Kritik, welche die Grundbesitzer selbst an dem
Fortbestand ihres Privateigentums üben durch das Verlangen, in
Gestalt des Getreidemonopols und einer Kontribution von ½
Milliarde jährlich ihnen das Risiko, die Selbstverantwortlichkeit für
ihren Besitz, seinen einzigen Rechtfertigungsgrund, abzunehmen5.
Allein, wie gesagt, nicht diese praktische Frage der preußischen
Agrarpolitik möchte ich heute besprechen. Ich möchte vielmehr an
die Thatsache anknüpfen, daß eine solche Frage bei uns Allen
überhaupt entsteht, daß wir das Deutschtum des Ostens als solches
für etwas halten, das geschützt werden und für dessen Schutz auch
die Wirtschaftspolitik des Staates in die Schranken treten soll. Es ist
der Umstand, daß unser Staatswesen ein Nationalstaat ist, welcher
uns das Recht zu dieser Forderung empfinden läßt.
Wie verhält sich aber die volkswirtschaftspolitische Betrachtung
dazu? Sind für sie derartige nationalistische Werturteile Vorurteile,
deren sie sich sorgsam zu entledigen hat, um ihren eigenen
Wertmaßstab, unbeeinflußt durch Gefühlsreflexe, an die
ökonomischen Thatsachen legen zu können? Und welches ist dieser
,,eigene" Wertmaßstab der Volkswirtschaftspolitik? Dieser Frage
möchte ich in einigen weiteren Ueberlegungen näher zu kommen
versuchen.
Auch unter dem Schein des ,,Friedens", das zeigte sich uns, geht der
ökonomische Kampf der Nationalitäten seinen Gang. Nicht im
offenen Streit werden die deutschen Bauern und Taglöhner des
Ostens durch politisch überlegene Feinde von der Scholle gestoßen:
im stillen und öden Ringen des ökonomischen Alltagslebens ziehen
sie einer tieferstehenden Rasse gegenüber den Kürzeren, verlassen
die Heimat und gehen dem Untertauchen in eine dunkle Zukunft
entgegen. Es gibt keinen Frieden auch im wirtschaftlichen Kampf
ums Dasein; nur wer jenen Schein des Friedens für die Wahrheit
nimmt, kann glauben, daß aus dem Schoße der Zukunft für unsere
Nachfahren Frieden und Lebensgenuß erstehen werde. Wir wissen
13
es ja: die Volkswirtschaftspolitik ist der vulgären Auffassung ein
Sinnen über Rezepten für die Beglückung der Welt die Besserung
der ,,Lustbilanz" des Menschendaseins ist für sie das einzig
verständliche Ziel unserer Arbeit. Allein: schon der dunkle Ernst des
Bevölkerungsproblems hindert uns, Eudämonisten zu sein, Frieden
und Menschenglück im Schoße der Zukunft verborgen zu wähnen
und zu glauben, daß anders als im harten Kampf des Menschen mit
dem Menschen der Ellenbogenraum im irdischen Dasein werde
gewonnen werden.
Es giebt sicherlich keine volkswirtschaftspolitische Arbeit auf
anderer als altruistischer Grundlage. Die Früchte alles wirtschafts-
und sozialpolitischen Strebens der Gegenwart kommen in ihrer
gewaltigen Ueberzahl nicht der lebenden Generation, sondern der
künftigen zugute. Unsere Arbeit ist und kann, wenn sie einen Sinn
behalten soll, nur sein wollen Fürsorge für die
Zukunft
, für unsere
Nachfahren
. Aber es giebt auch keine volkswirtschaftspolitische
Arbeit auf der Grundlage optimistischer Glückshoffnungen. Für
den Traum von Frieden und Menschenglück steht über der Pforte
der unbekannten Zukunft der Menschengeschichte: lasciate ogni
speranza.
Nicht wie die Menschen der Zukunft sich
befinden
, sondern wie sie
sein
werden, ist die Frage, die uns beim Denken über das Grab der
eigenen Generation hinaus bewegt, die auch in Wahrheit jeder
wirtschaftspolitischen Arbeit zugrunde liegt. Nicht das
Wohlbefinden der Menschen, sondern diejenigen Eigenschaften
möchten wir in ihnen emporzüchten, mit welchen wir die
Empfindung verbinden, daß sie menschliche Größe und den Adel
unserer Natur ausmachen.
Abwechselnd hat man in der Volkswirtschaftslehre das technisch-
ökonomische Problem der Gütererzeugung und das Problem der
Güterverteilung, der ,,sozialen Gerechtigkeit", als Wertmaßstäbe in
den Vordergrund gerückt oder auch naiv identifiziert und über
14
beiden erhob sich doch immer wieder, halb unbewußt und dennoch
alles beherrschend, die Erkenntnis, daß eine Wissenschaft vom
Menschen
, und das ist die Volkswirtschaftslehre, vor allem nach der
Qualität der Menschen
fragt, welche durch jene ökonomischen und
sozialen Daseinsbedingungen herangezüchtet werden. Und hier
hüten wir uns vor einer Illusion.
Die Volkswirtschaftslehre als erklärende und analysierende
Wissenschaft ist
international
, allein sobald sie
Werturteile
fällt, ist sie
gebunden an diejenige Ausprägung des Menschentums, die wir in
unserem eigenen Wesen finden. Sie ist es oft gerade dann am
meisten, wenn wir unserer eigenen Haut am meisten entronnen zu
sein glauben. Und um ein etwas phantastisches Bild zu brauchen
vermöchten wir nach Jahrtausenden dem Grab zu entsteigen, so
wären es die fernen Spuren unseres eigenen Wesens, nach denen wir
im Antlitz des Zukunftsgeschlechts forschen würden. Auch unsre
höchsten und letzten irdischen Ideale sind wandelbar und
vergänglich. Wir können sie der Zukunft nicht aufzwingen wollen.
Aber wir können wollen, daß sie in unserer Art die Art
ihrer eigenen
Ahnen
erkennt. Wir, mit unserer Arbeit und unserem Wesen, wollen
die Vorfahren des Zukunftsgeschlechts sein.
Die Volkswirtschaftspolitik eines deutschen Staatswesens, ebenso
wie der Wertmaßstab des deutschen volkswirtschaftlichen
Theoretikers können deshalb nur deutsche sein.
Ist dem vielleicht anders, seit die ökonomische Entwicklung über die
nationalen
Grenzen
hinaus
eine
umfassende
Wirtschaftsgemeinschaft der Nationen herzustellen begann? Ist
jener ,,nationalistische" Beurteilungsmaßstab ebenso wie der
,,Nationalegoismus" in der Volkswirtschaftspolitik seitdem zum
alten Eisen zu werfen? Ja, ist denn der Kampf für die
ökonomische Selbstbehauptung, für das eigene Weib und Kind
überwunden, seit die Familie ihrer einstigen Funktionen als
Produktionsgemeinschaft entkleidet und verflochten ist in den Kreis
15
der volkswirtschaftlichen Gemeinschaft? Wir wissen, es ist nicht der
Fall: dieser Kampf hat
andere Formen
angenommen, Formen, von
denen sich noch fragen ließe, ob sie als eine Milderung und nicht
vielmehr als eine Verinnerlichung und Verschärfung anzusehen
seien. So ist auch die volkswirtschaftliche Gemeinschaft nur eine
andere Form des Ringens der Nationen miteinander, und eine
solche, welche den Kampf für die Behauptung der eigenen Kultur
nicht gemildert, sondern
erschwert
hat, weil sie materiellen Interessen
im eigenen Schoße der Nation als Bundesgenossen gegen deren
Zukunft in die Schranken ruft.
Nicht Frieden und Menschenglück haben wir unseren Nachfahren
mit auf den Weg zu geben, sondern den
ewigen Kampf
um die
Erhaltung und Emporzüchtung unserer nationalen Art. Und wir
dürfen uns nicht der optimistischen Hoffnung hingeben, daß mit
der höchstmöglichen Entfaltung wirtschaftlicher Kultur bei uns die
Arbeit gethan sei und die Auslese im freien und ,,friedlichen"
ökonomischen Kampfe dem höher entwickelten Typus alsdann von
selbst zum Siege verhelfen werde.
Nicht in erster Linie für die Art der volkswirtschaftlichen
Organisation, die wir ihnen überliefern, werden unsere Nachfahren
uns vor der Geschichte verantwortlich machen, sondern für das
Maß des Ellenbogenraums, den wir ihnen in der Welt erringen und
hinterlassen. Machtkämpfe sind in letzter Linie auch die
ökonomischen Entwicklungsprozesse, die Machtinteressen der
Nation sind, wo sie in Frage gestellt sind, die letzten und
entscheidenden Interessen, in deren Dienst ihre Wirtschaftspolitik
sich zu stellen hat, die Wissenschaft von der Volkswirtschaftspolitik
ist eine
politische
Wissenschaft. Sie ist eine Dienerin der Politik, nicht
der Tagespolitik der jeweils herrschenden Machthaber und Klassen,
sondern der dauernden machtpolitischen Interessen der Nation.
Und der
Nationalstaat
ist uns nicht ein unbestimmtes Etwas, welches
man um so höher zu stellen glaubt, je mehr man sein Wesen in
mystisches Dunkel hüllt, sondern die weltliche Machtorganisation
16
der Nation, und in diesem Nationalstaat ist für uns der letzte
Wertmaßstab auch der volkswirtschaftlichen Betrachtung die
,,
Staatsraison"
. Sie bedeutet uns nicht, wie ein seltsames
Mißverständnis glaubt: ,,Staatshülfe" statt der ,,Selbsthülfe",
staatliche Reglementierung des Wirtschaftslebens statt des freien
Spiels der wirtschaftlichen Kräfte, sondern wir wollen mit diesem
Schlagwort die Forderung erheben, daß für die Fragen der
deutschen Volkswirtschaftspolitik, auch für die Frage unter
anderen, ob und wieweit der Staat in das Wirtschaftsleben eingreifen
oder ob und wenn er vielmehr die ökonomischen Kräfte der Nation
zu eigener freier Entfaltung losbinden und ihre Schranken
niederreißen solle, im einzelnen Falle das letzte und entscheidende
Votum den ökonomischen und politischen Machtinteressen unserer
Nation und ihres Trägers, des deutschen Nationalstaates, zustehen
soll.
War es etwa überflüssig, an diese scheinbaren
Selbstverständlichkeiten zu erinnern? oder doch, daß gerade ein
jüngerer Vertreter der ökonomischen Wissenschaften daran
erinnerte? Ich glaube nicht, denn es scheint, daß gerade unsere
Generation diese einfachsten Urteilsgrundlagen nicht selten am
leichtesten aus den Augen verliert. Wir sind Zeugen, wie ihr
Interesse für die Fragen, die gerade unsere Wissenschaft bewegen, in
ungeahntem Maße wächst. Auf allen Gebieten finden wir die
ökonomische Betrachtungsweise im Vordringen. Sozialpolitik an
Stelle der Politik, ökonomische Machtverhältnisse an Stelle der
Rechtsverhältnisse, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte an Stelle
politischer Geschichte treten in den Vordergrund der Betrachtung.
In hervorragenden Werken unserer historischen Kollegen finden wir
da, wo uns früher von den Kriegsthaten unserer Vorfahren erzählt
wurde, heute den Unhold des ,,Mutterrechtes" sich in die Breite
dehnen und die Hunnenschlacht auf den katalaunischen Feldern in
einen Nebensatz gedrängt. Die Jurisprudenz glaubte das
Selbstgefühl eines unserer geistreichsten Theoretiker als eine ,,Magd
der Nationalökonomie" bezeichnen zu können. Und Eines ist ja
17
wahr: auch in die Jurisprudenz drang die ökonomische Form der
Betrachtung, selbst in ihrem Intimum, in den Handbüchern der
Pandektisten beginnt es hie und da leise ökonomisch zu spuken; und
in den Urteilen der Gerichte finden wir nicht selten, wo die
juristischen Begriffe zu Ende gingen, sogenannte ,,wirtschaftliche
Gesichtspunkte" an die Stelle gesetzt, kurz, um das halb
vorwurfsvolle Wort eines juristischen Kollegen zu gebrauchen: wir
sind ,,in die Mode gekommen". Eine Betrachtungsweise, welche
sich so selbstbewußt Bahn bricht, geräth in die Gefahr gewisser
Illusionen und einer Ueberschätzung der Tragweite der eigenen
Gesichtspunkte, einer Ueberschätzung zumal in einer ganz
bestimmten Richtung. Wie die Verbreiterung des Stoffes der
philosophischen
Betrachtung, welche sich schon äußerlich darin
kenntlich macht, daß wir heute vielfach die alten Lehrstühle der
Philosophie den Händen z. B. hervorragender Physiologen
anvertraut finden, unter uns Laien vielfach zu der Meinung
geführt hat, als seien die alten Fragen nach dem Wesen des
menschlichen Erkennens nicht mehr die letzten und centralen
Probleme der Philosophie, so hat sich in den Köpfen der
aufwachsenden Generation auch die Vorstellung gebildet, als sei
Dank der Arbeit der nationalökonomischen Wissenschaft nicht nur
die
Erkenntnis
des Wesens der menschlichen Gemeinschaften
gewaltig erweitert, sondern auch der
Maßstab
, an welchem wir in
letzter Linie die Erscheinungen
bewerten
, ein völlig neuer geworden,
als sei die politische Oekonomie in der Lage, ihrem eigenen Stoff
eigenartige Ideale zu entnehmen. Die optische Täuschung, als gäbe
es selbständige ökonomische oder ,,sozialpolitische" Ideale, wird
freilich als solche klar, sobald man an der Hand der Litteratur
unserer Wissenschaft diese ,,eigenen" Grundlagen der Bewertung zu
ermitteln sucht. Ein
Chaos
von Wertmaßstäben teils
eudämonistischer, teils ethischer Art, oft beider in unklarer
Identifikation, tritt uns entgegen. Werturteile werden überall
unbefangen gefällt und ein Verzicht auf die
Beurteilung
der
ökonomischen Erscheinungen bedeutete ja in der That den Verzicht
auf eben diejenige Leistung, die man von uns verlangt. Aber nicht
18
die Regel, sondern fast die Ausnahme ist es, daß der Urteilende
Andere
und sich selbst
ins Klare setzt über den letzten subjektiven
Kern seiner Urteile, eben über die
Ideale
, von welchen aus er zur
Beurteilung der beobachteten Vorgänge schreitet: die bewußte
Selbstkontrolle fehlt, die inneren Widersprüche des Urteils kommen
dem Schriftsteller nicht zum Bewußtsein und, wo er sein spezifisch
,,ökonomisches" Prinzip der Beurteilung allgemein zu formuliren
sucht, fällt er in vage Unbestimmtheiten. In Wahrheit sind es
keine
eigenartigen und selbstgewonnenen, sondern die
alten allgemeinen
Typen menschlicher Ideale
, die wir auch in den Stoff unserer
Wissenschaft hineintragen. Nur wer ausschließlich das rein
platonische Interesse des Technologen oder wer umgekehrt die
aktuellen Interessen einer bestimmten, sei es herrschenden oder
beherrschten Klasse zu Grunde legt, kann jenem Stoffe selbst einen
eigenen Maßstab zu seiner Beurteilung entnehmen wollen.
Und sollte es so ganz unnötig sein, daß gerade wir Jünger der
deutschen historischen Schule uns diese überaus einfachen
Wahrheiten vor Augen führen? Gerade wir verfallen leicht einer
speziellen Illusion: derjenigen, uns des eigenen bewußten
Werturteiles
überhaupt enthalten
zu können. Die Folge ist freilich, wie
man sich leicht überzeugen kann, nicht, daß wir einem
entsprechenden Vorsatze treu bleiben, sondern daß wir
unkontrollierten Instinkten, Sympathien und Antipathien, verfallen.
Und noch leichter widerfährt es uns, daß der Punkt, von welchem
wir bei der Analyse und
Erklärung
der volkswirtschaftlichen
Vorgänge ausgingen, unbewußt auch bestimmend wird für unser
Urteil
darüber. Vielleicht werden gerade wir uns davor zu bewahren
haben, daß diejenigen großen Eigenschaften der toten und lebenden
Meister unserer Schule, denen sie und die Wissenschaft ihre Erfolge
verdanken, sich bei uns nicht in Fehler verwandeln. Zweierlei
verschiedene Ausgangspunkte der Betrachtung kommen praktisch
hauptsächlich in Betracht:
19
Entweder wir blicken auf die ökonomische Entwicklung
vornehmlich von oben her: von der Höhe der
Verwaltungsgeschichte großer deutscher Staaten aus, deren
Verwaltung und Verhalten in ökonomischen und sozialen Dingen
wir in seiner Genesis verfolgen, und unfreiwillig werden wir ihre
Apologeten. Wenn um bei unserem Beispiel zu bleiben die
Verwaltung sich entschließt, die östliche Grenze zu schließen, so
werden wir geneigt und imstande sein, darin den Abschluß einer
historischen Entwicklungsreihe zu finden, welche im Gefolge großer
Reminiscenzen der Vergangenheit dem heutigen Staate hohe
Aufgaben im Interesse der Kulturpflege der eigenen Nation stellt,
und unterbleibt jener Entschluß, so liegt uns die Erkenntnis näher,
daß derartige radikale Eingriffe teils unnötig, teils den heutigen
Anschauungen nicht mehr entsprechend seien.
Oder aber: wir betrachten die ökonomische Entwicklung mehr von
unten aus, sehen das große Schauspiel, wie aus dem Chaos
ökonomischer Interessenkonflikte sich die Emanzipationskämpfe
aufsteigender Klassen abheben, beobachten, wie die ökonomische
Machtlage sich zu ihren Gunsten verschiebt und unbewußt
nehmen wir Partei für die, welche aufsteigen, weil sie die Stärkeren
sind oder zu werden beginnen. Eben dadurch, daß sie siegen,
scheinen sie ja zu beweisen, daß sie einen ,,ökonomisch"
höher
stehenden Typus des Menschentums darstellen: allzuleicht
beherrscht den Historiker die Vorstellung, daß der Sieg der
höher
entwickelten Elemente im Kampfe selbstverständlich und das
Unterliegen im Daseinskampf Symptom der ,,Rückständigkeit" sei.
Und jedes neue der zahlreichen Symptome jener Machtverschiebung
bietet ihm dann nicht nur deshalb eine Genugthuung, weil es seine
Beobachtungen bestätigt, sondern halb unbewußt empfindet er es
wie einen persönlichen Triumph: die Geschichte löst die Wechsel
ein, welche er auf sie zog. Die Widerstände, welche jene
Entwicklung findet, beobachtet er, ohne es zu wissen, mit einer
gewissen Animosität, sie erscheinen ihm, ungewollt, nicht einfach als
naturgemäße Ausflüsse selbstverständlicher Interessenvertretung,
20
sondern gewissermaßen als Auflehnung gegen das ,,Urteil der
Geschichte", wie es der Historiker formulierte. Die Kritik, welche
wir auch an Vorgängen zu üben haben, die uns als das unreflektierte
Ergebnis geschichtlicher Entwicklungstendenzen erscheinen, verläßt
uns dann gerade da, wo wir ihrer am nötigsten bedürfen. Allzunahe
liegt ja für uns ohnehin die Versuchung, das Gefolge des Siegers im
ökonomischen Machtkampf zu bilden und dabei
zu vergessen, daß
ökonomische Macht und Beruf zur politischen Leitung der Nation nicht immer
zusammenfallen.
Denn und damit werden wir zu einer letzten Reihe von
Betrachtungen mehr praktisch-politischer Art geführt an jenem
politischen Wertmaßstab
, der uns ökonomischen Nationalisten der für
uns einzig souveräne ist, messen wir auch die Klassen, welche die
Leitung der Nation in der Hand haben oder erstreben. Wir fragen
nach ihrer
politischen Reife
, das heißt nach ihrem Verständnis und ihrer
jeweiligen Befähigung, die dauernden ökonomischen und politischen
Macht
interessen der Nation über alle anderen Erwägungen zu
stellen. Eine Gunst des Schicksals für die Nation ist es, wenn die
naive Identifikation der Interessen der eigenen Klasse mit denen der
Allgemeinheit den dauernden Machtinteressen auch der letzteren
entspricht. Und es ist andererseits auch eine der Täuschungen,
welche auf der modernen Ueberschätzung des ,,Oekonomischen"
im gewöhnlichen Sinne des Wortes beruhen, wenn man meint, daß
die politischen Gemeingefühle eine Belastungsprobe durch
abweichende ökonomische Tagesinteressen nicht vertrügen,
womöglichst selbst
nur
eine Widerspiegelung des ökonomischen
Unterbaues jener wandelbaren Interessenlage seien. Das trifft nur in
Zeiten fundamentaler sozialer Umschichtung annähernd zu. Eins
nur ist wahr: bei Nationen, welchen die Abhängigkeit ihrer
ökonomischen Blüte von ihrer politischen Machtlage nicht, wie der
englischen, täglich vor Augen geführt wird, wohnen die Instinkte für
diese spezifisch politischen Interessen
nicht
, wenigstens nicht in der
Regel, in den breiten
Massen
der Nation, die mit der Not des Tages
zu ringen haben, es wäre ungerecht, sie von ihnen zu
21
beanspruchen. In großen Momenten, im Fall des Krieges, tritt auch
ihnen die Bedeutung der nationalen Macht vor die Seele, dann
zeigt sich, daß der nationale Staat auf urwüchsigen psychologischen
Unterlagen auch bei den breiten ökonomisch beherrschten
Schichten der Nation ruht und keineswegs nur ein ,,Ueberbau", die
Organisation der ökonomisch herrschenden Klassen ist. Allein in
normalen Zeiten sinkt dieser politische Instinkt bei der Masse unter
die Schwelle des Bewußtseins. Dann ist es die spezifische Funktion
der ökonomisch und politisch leitenden Schichten, Träger des
politischen Sinnes zu sein, der einzige Grund, der politisch ihr
Vorhandensein zu rechtfertigen vermag.
Die
Erlangung ökonomischer Macht
ist es zu allen Zeiten gewesen,
welche bei einer Klasse die Vorstellung ihrer
Anwartschaft auf die
politische Leitung
entstehen ließ. Gefährlich und auf die Dauer mit
dem Interesse der Nation unvereinbar ist es, wenn eine ökonomisch
sinkende Klasse die politische Herrschaft in der Hand hält. Aber
gefährlicher noch ist es, wenn Klassen, zu denen
hin
sich die
ökonomische Macht und damit die Anwartschaft auf die politische
Herrschaft bewegt, politisch noch nicht reif sind zur Leitung des
Staates. Beides bedroht Deutschland zur Zeit und ist in Wahrheit der
Schlüssel für die derzeitigen Gefahren unserer Lage. Und auch die
Umschichtungen der sozialen Struktur des Ostens, mit denen die im
Eingang besprochenen Erscheinungen zusammenhängen, gehören
in diesen größeren Zusammenhang.
Bis in die Gegenwart hinein hat im preußischen Staat die Dynastie
politisch sich auf den Stand der preußischen
Junker
gestützt. Gegen
ihn zwar, aber doch auch nur mit ihm, hat sie den preußischen Staat
geschaffen. Ich weiß es wohl, daß der Name der Junker
süddeutschen Ohren unfreundlich klingt. Man wird vielleicht finden,
ich spräche eine ,,preußische" Sprache, wenn ich ein Wort zu ihren
Gunsten sage. Ich wüßte nicht. Noch heute führen in Preußen für
jenen Stand viele Wege zu Einfluß und Macht, viele Wege auch an
das Ohr des Monarchen, die nicht jedem Staatsbürger sich ebnen; er
22
hat diese Macht nicht immer so gebraucht, wie er es vor der
Geschichte verantworten kann, und ich sehe nicht ein, weshalb ein
bürgerlicher Gelehrter ihn lieben sollte. Allein trotz alledem war die
Kraft seiner politischen Instinkte eins der gewaltigsten Kapitalien,
welche im Dienst der Machtinteressen des Staates verwendet werden
konnten. Sie haben ihre Arbeit geleistet und liegen heute im
ökonomischen Todeskampf, aus dem keine Wirtschaftspolitik des
Staates sie zu ihrem alten sozialen Charakter zurückführen könnte.
Und auch die Aufgaben der Gegenwart sind andere, als solche, die
von ihnen gelöst werden könnten. Ein Vierteljahrhundert stand an
der Spitze Deutschlands der letzte und größte der Junker, und die
Tragik, welche seiner staatsmännischen Laufbahn neben ihrer
unvergleichlichen Größe anhaftete und die sich heute noch immer
dem Blick Vieler entzieht, wird die Zukunft wohl darin finden, daß
unter ihm das Werk seiner Hände, die Nation, der er die Einheit gab,
langsam und unwiderstehlich ihre ökonomische Struktur veränderte
und eine andere wurde, ein Volk, das andere Ordnungen fordern
mußte, als solche, die er ihm geben und denen seine cäsarische
Natur sich einfügen konnte. Im letzten Grund ist eben dies es
gewesen, was das teilweise Scheitern seines Lebenswerkes
herbeigeführt hat. Denn dieses Lebenswerk hätte doch nicht nur zur
äußeren, sondern auch zur inneren Einigung der Nation führen
sollen und jeder von uns weiß: das ist nicht erreicht. Es konnte mit
seinen Mitteln nicht erreicht werden. Und als er im Winter letzten
Jahres, umstrickt von der Huld seines Monarchen, in die
geschmückte Reichshauptstadt einzog, da ich weiß es wohl gab
es viele, welche so empfanden, als öffne der Sachsenwald wie ein
moderner Kyffhäuser seine Tiefen. Allein nicht Alle haben diese
Empfindung geteilt. Denn es schien, als sei in der Luft des
Januartages der kalte Hauch geschichtlicher Vergänglichkeit zu
spüren. Uns überkam ein eigenartig beklemmendes Gefühl, als ob
ein Geist herniederstiege aus einer großen Vergangenheit und
wandelte unter einer neuen Generation durch eine ihm fremde
gewordene Welt.
23
Die Gutshöfe des Ostens waren die Stützpunkte der über das Land
dislocirten herrschenden Klasse Preußens, der soziale
Anschlußpunkt des Beamtentums, aber unaufhaltsam rückt mit
ihrem Zerfall, mit dem Schwinden des sozialen Charakters des alten
Grundadels, der Schwerpunkt der politischen Intelligenz in die
Städte.
Diese
Verschiebung ist das entscheidende
politische
Moment
der agrarischen Entwicklung des Ostens.
Welches aber sind die Hände, in welche jene politische Funktion des
Junkertums hinübergleitet und wie steht es mit ihrem politischen
Beruf?
Ich bin ein Mitglied der bürgerlichen Klassen, fühle mich als solches
und bin erzogen in ihren Anschauungen und Idealen. Allein es ist
der Beruf gerade unserer Wissenschaft, zu sagen, was ungern gehört
wird, nach oben, nach unten, und auch der eigenen Klasse, und
wenn ich mich frage, ob das Bürgertum Deutschlands heute reif ist,
die politisch leitende Klasse der Nation zu sein, so vermag ich
heute
nicht diese Frage zu bejahen. Nicht aus eigener Kraft des
Bürgertums ist der deutsche Staat geschaffen worden, und als er
geschaffen war, stand an der Spitze der Nation jene Cäsarengestalt
aus anderem als bürgerlichem Holze. Große machtpolitische
Aufgaben wurden der Nation nicht abermals gestellt, weit später
erst, schüchtern und halb widerwillig, begann eine überseeische
,,Machtpolitik", die diesen Namen nicht verdient.
Und nachdem so die Einheit der Nation errungen war und ihre
politische ,,Sättigung" feststand, kam über das aufwachsende
erfolgstrunkene und friedensdurstige Geschlecht des deutschen
Bürgertums ein eigenartig ,,unhistorischer" und unpolitischer Geist.
Die deutsche Geschichte schien zu Ende. Die Gegenwart war die
volle Erfüllung der vergangenen Jahrtausende, wer wollte fragen,
ob die Zukunft anders urteilen möchte? Die Bescheidenheit verbot
ja so schien es der Weltgeschichte, zur Tagesordnung ihres
alltäglichen Verlaufes überzugehen über diese Erfolge der deutschen
24
Nation. Heute sind wir nüchtern geworden, es ziemt uns der
Versuch, den Schleier der Illusionen zu lüften, der uns die Stellung
unserer Generation in der historischen Entwicklung des Vaterlandes
verhüllt. Und es scheint mir, daß wir dann anders urteilen. An
unserer Wiege stand der schwerste Fluch, den die Geschichte einem
Geschlecht als Angebinde mit auf den Weg zu geben vermag: das
harte Schicksal des politischen
Epigonentums
.
Schaut uns nicht eben jetzt, wohin wir blicken im Vaterland, sein
kümmerliches Antlitz entgegen? In den Vorgängen der letzten
Monate, welche bürgerliche Politiker in erster Reihe zu verantworten
haben, in allzu Vielem, was in den letzten Tagen im deutschen
Parlament und in Manchem, was zu ihm gesprochen wurde,
erkannten diejenigen von uns, denen die Fähigkeit des Hasses gegen
das Kleine geblieben ist, mit der Leidenschaft zorniger Trauer das
kleinliche Treiben politischer Epigonen. Die gewaltige Sonne,
welche im Zenith Deutschlands stand und den deutschen Namen in
die fernsten Winkel der Erde leuchten ließ, war, so scheint es fast, zu
groß für uns und hat die langsam sich entwickelnde politische
Urteilsfähigkeit des Bürgertums ausgebrannt. Denn was erleben wir
an ihm?
Nur allzu offenkundig sehnt sich ein Teil des Großbürgertums nach
dem Erscheinen eines neuen Cäsar, der sie schirme nach unten
gegen aufsteigende Volksklassen nach oben gegen sozialpolitische
Anwandlungen, deren ihnen die deutschen Dynastien verdächtig
sind.
Und ein anderer Teil ist längst versunken in jene politische
Spießbürgerei, aus welcher die breiten Schichten des
Kleinbürgerthums noch niemals erwacht sind. Schon als nach den
Einheitskriegen die ersten Anfänge positiver politischer Aufgaben
der Nation nahe traten, der Gedanke einer überseeischen
Expansion, da fehlte ihm selbst jenes einfachste
ökonomische
Verständnis, welches ihm gesagt hätte, was es für den Handel
25
Deutschlands in fernen Meeren bedeutet, wenn an den Küsten
umher die deutschen Fahnen wehen.
Nicht ökonomische Gründe, auch nicht die vielberufene
,,Interessenpolitik", welche andere Nationen in nicht geringerem
Maße kennen als wir, sind Schuld an der politischen Unreife breiter
Schichten des deutschen Bürgertums, der Grund liegt in seiner
unpolitischen Vergangenheit, darin daß die politische
Erziehungsarbeit eines Jahrhunderts sich nicht in einem Jahrzehnt
nachholen ließ und daß die Herrschaft eines großen Mannes nicht
immer ein Mittel politischer Erziehung ist. Und die ernste Frage für
die politische Zukunft des deutschen Bürgertums ist jetzt: ob es
nicht nunmehr zu
spät
ist, sie nachzuholen. Kein
ökonomisches
Moment kann sie ersetzen.
Werden andere Klassen die Träger einer politisch größeren Zukunft
sein? Selbstbewußt meldet sich das moderne Proletariat als Erbe der
bürgerlichen Ideale. Wie steht es mit seiner Anwartschaft auf die
politische Leitung der Nation?
Wer heute der deutschen Arbeiterklasse sagen würde, sie sei
politisch reif oder auf dem Weg zur politischen Reife, der wäre ein
Schmeichler und strebte nach der fragwürdigen Krone der
Popularität.
Oekonomisch
sind die höchsten Schichten der deutschen
Arbeiterklasse weit reifer, als der Egoismus der besitzenden Klassen
zugeben möchte, und mit Recht fordert sie die Freiheit, auch in der
Form des offenen organisierten ökonomischen Machtkampfes ihre
Interessen zu vertreten.
Politisch
ist sie unendlich unreifer, als eine
Journalistenclique, welche ihre Führung monopolisieren möchte, sie
glauben machen will. Gern spielt man in den Kreisen dieser
deklassierten Bourgeois mit den Reminiscenzen aus der Zeit vor 100
Jahren man hat damit in der That erreicht, daß hier und da
ängstliche Gemüter in ihnen die geistigen Nachkommen der Männer
26
des Konvents erblicken. Allein sie sind unendlich harmloser, als sie
selbst sich erscheinen, es lebt in ihnen kein Funke jener
katilinarischen Energie der
That
, aber freilich auch kein Hauch der
gewaltigen
nationalen
Leidenschaft, die in den Räumen des
Konventes wehten. Kümmerliche politische Kleinmeister sind sie,
es fehlen ihnen die großen Machtinstinkte einer zur politischen
Führung berufenen Klasse. Nicht nur die Interessenten des
Kapitals, wie man die Arbeiter glauben macht, sind heute politische
Gegner ihrer Mitherrschaft im Staate. Wenig Spuren der
Interessengemeinschaft mit dem Kapital fänden sie bei
Durchforschung der deutschen Gelehrtenstuben. Aber: wir fragen
auch sie
nach ihrer
politischen Reife
, und weil es für eine große Nation
nichts Vernichtenderes giebt, als die Leitung durch ein
politisch
unerzogenes
Spießbürgertum
, und weil das deutsche Proletariat diesen
Charakter noch nicht verloren hat,
deshalb
sind wir seine politischen
Gegner. Und weshalb ist das Proletariat Englands und Frankreichs
zum Teil anders geartet? Nicht nur die ältere
ökonomische
Erziehungsarbeit, welche der organisierte Interessenkampf der
englischen Arbeiterschaft an ihr vollzogen hat, ist der Grund: es ist
vor allem wiederum ein
politisches
Moment: die
Resonanz
der
Weltmachtstel ung
, welche den Staat stetig vor große machtpolitische
Aufgaben stellt und den einzelnen in eine chronische politische
Schulung nimmt, die er bei uns nur, wenn die Grenzen bedroht sind,
akut empfängt. Entscheidend ist auch für
unsere
Entwicklung, ob
eine große Politik uns wieder die Bedeutung der großen politischen
Machtfragen vor Augen zu stellen vermag. Wir müssen begreifen,
daß die Einigung Deutschlands ein Jugendstreich war, den die
Nation auf ihre alten Tage beging und seiner Kostspieligkeit halber
besser unterlassen hätte, wenn sie der Abschluß und nicht der
Ausgangspunkt einer deutschen Weltmachtpolitik sein sollte.
Das
Drohende
unserer Situation aber ist: daß die bürgerlichen Klassen
als Träger der Machtinteressen der Nation zu verwelken scheinen
und noch keine Anzeichen dafür vorhanden sind, daß die
Arbeiterschaft reif zu werden beginnt, an ihre Stelle zu treten.
27
Nicht
wie diejenigen glauben, welche hypnotisiert in die Tiefen der
Gesellschaft starren, bei den
Massen
liegt die Gefahr. Nicht eine
Frage nach der
ökonomischen
Lage der
Beherrschten
, sondern die
vielmehr nach der
politischen
Qualifikation der
herrschenden und
aufsteigenden
Klassen ist auch der letzte Inhalt des
sozial
politischen
Problems. Nicht Weltbeglückung ist der Zweck unserer
sozialpolitischen Arbeit, sondern die soziale
Einigung
der Nation,
welche die moderne ökonomische Entwicklung sprengte, für die
schweren Kämpfe der Zukunft. Gelänge es in der That, eine
,,Arbeiteraristokratie" zu schaffen, welche Trägerin des politischen
Sinnes wäre, den wir heute an der Arbeiterbewegung vermissen,
dann erst möge der Speer, für welchen der Arm des Bürgertums
noch immer nicht stark genug zu werden scheint, auf jene breiteren
Schultern abgelegt werden. Bis dahin scheint es noch ein weiter Weg.
Für jetzt aber sehen wir Eines: eine ungeheure
politische
Erziehungsarbeit ist zu leisten und keine ernstere Pflicht besteht für
uns, als, ein Jeder in seinem kleinen Kreise, uns eben
dieser
Aufgabe
bewußt zu sein: an der
politischen
Erziehung unserer Nation
mitzuarbeiten, welche das letzte Ziel auch gerade unserer
Wissenschaft bleiben muß. Die ökonomische Entwicklung der
Uebergangsperioden bedroht die natürlichen politischen Instinkte
mit Zersetzung; es wäre ein Unglück, wenn auch die ökonomische
Wissenschaft dem gleichen Ziele zustrebte, indem sie einen weichen
Eudämonismus, wenn auch in noch so vergeistigter Form, hinter der
Illusion selbständiger ,,sozialpolitischer" Ideale züchtete.
Freilich dürfen deshalb gerade wir wohl daran erinnern, daß es das
Gegenteil von politischer Erziehung ist, wenn man ein
Mißtrauensvotum gegen die friedliche soziale Zukunft der Nation in
Paragraphen zu formulieren sucht, oder wenn das brachium
saeculare nach der Hand der Kirche greift zur Stütze zeitlicher
Autoritäten. Aber das Gegenteil von politischer Erziehung bekundet
auch das schablonenhafte Gekläff jenes stets anwachsenden Chorus
der wenn mir der Ausdruck verziehen wird Wald- und Wiesen-
28
Sozialpolitiker, und ebenso jene menschlich liebenswürdige und
achtungswerte, dennoch aber unsäglich spießbürgerliche
Erweichung des Gemütes, welche politische Ideale durch ,,ethische"
ersetzen zu können meint und diese wieder harmlos mit
optimistischen Glückshoffnungen identifiziert.
Auch angesichts der gewaltigen Not der Massen der Nation, welche
das geschärfte soziale Gewissen der neuen Generation belastet,
müssen wir aufrichtig bekennen: schwerer noch lastet auf uns heute
das Bewußtsein unserer Verantwortlichkeit
vor der Geschichte
. Nicht
unserer Generation ist beschieden zu sehen, ob der Kampf, den wir
führen, Früchte trug, ob sich die Nachwelt zu
uns als ihren Ahnen
bekennt. Es wird uns nicht gelingen, den Fluch zu bannen, unter
dem wir stehen: Nachgeborene zu sein einer politisch großen Zeit,
es müßte denn sein, daß wir verstünden, etwas Anderes zu werden:
Vorläufer einer größeren. Wird das unser Platz in der Geschichte
sein? Ich weiß es nicht und sage nur: es ist das Recht der Jugend, zu
sich selbst und ihren Idealen zu stehen. Und nicht die Jahre sind es,
die den Menschen zum Greise machen: jung ist er, solange er mit
den
großen
Leidenschaften, welche die Natur in uns legte, zu
empfinden vermag. Und so damit lassen Sie mich schließen so
sind es nicht die Jahrtausende einer ruhmreichen Geschichte, unter
deren Last eine große Nation altert. Sie bleibt jung, wenn sie die
Fähigkeit und den Mut hat, sich zu sich selbst und den großen
Instinkten, die ihr gegeben sind, zu bekennen, und wenn ihre
führenden Schichten sich hinaufzuheben vermögen in die harte und
klare Luft, in welcher die nüchterne Arbeit der deutschen Politik
gedeiht, die aber auch durchweht ist von der ernsten Herrlichkeit
des nationalen Empfindens.
29
1
,,Gemeindelexikon" Berlin 1887.
2
Für die soziale Schichtung ist diese Verwaltungseinteilung dennoch
charakteristischer als die Zugrundlegung der Betriebsverteilung. In der Ebene
sind Gutsbetriebe unter 100, auf der Höhe Bauernbetriebe über 200 Hektar
nichts seltenes.
3
Z. B. hatten die Gutsbezirke des Kreises Stuhm 18711885 einen
Bevölkerungsrückgang um 6,7 %, der Anteil der Protestanten an der
christlichen Bevölkerung ging von 33,4 auf 31,3 zurück. Die Dörfer der
Kreise Konitz und Tuchel hatten + 8 %, der Anteil der Katholiken steig von
84,7 auf 86,0 %.
4
Ich glaube kaum, bemerken zu müssen, daß die naturwissenschaftlichen
Streitfragen über die Tragweite des Selektionsprinzipes, überhaupt die
naturwissenschaftliche
Verwendung des Begriffes der ,,Züchtung" und alle
Erörterungen, die sich daran auf jenem, mir fremden Gebiete knüpfen, für
die obigen Bemerkungen irrelevant sind. Der
Begriff
der ,,Auslese" ist heute
ebenso Gemeingut, wie etwa die heliocentrische Hypothese, und der
Gedanke der Menschen-,,Züchtung" gehört schon dem platonischen Staat
an. Beide Begriffe sind z. B. schon von F. A. Lange in seiner ,,Arbeiterfrage"
verwendet und bei uns längst derart heimisch, daß ein Mißverständnis ihres
Sinnes für Niemand, der unsere Litteratur kennt, möglich ist. Schwieriger ist
die Frage, wieweit den neuesten, geistreichen, aber nach Methode und
sachlichen Ergebnissen erhebliche Bedenken erregenden, in mancher
Uebertreibung zweifellos verfehlten Versuchen der Anthropologen, die
Tragweite des Auslesegesichtspunktes im Sinne Darwins und Weismanns
auch auf dem Boden der ökonomischen Forschung zu verbreitern, dauernder
Wert zukommt. Trotzdem verdienen z. B. die Schriften von
Otto Ammon
(,,Die natürliche Auslese beim Menschen". ,,Die Gesellschaftsordnung und
ihre natürlichen Grundlagen") jedenfalls mehr Aufmerksamkeit als ihnen zu
Teil wird, unbeschadet aller zu machender Vorbehalte. Ein Fehler der
meisten von naturwissenschaftlicher Seite gelieferten Beiträge zur
Beleuchtung der Fragen unserer Wissenschaft liegt in dem verfehlten
Ehrgeiz, vor allen Dingen den Sozialismus ,,widerlegen" zu wollen. Im Eifer
dieses Zweckes wird aus der vermeintlichen ,,naturwissenschaftlichen
Theorie" der Gesellschaftsordnung unwillkürlich eine Apologie derselben.
5 Jene Forderung stellt jetzt in dem gleichen Gedankenzusammenhang
insbesondere auch Professor Schmoller in seinem Jahrbuch. In der That ist
derjenige Teil des Großgrundbesitzerstandes, dessen Erhaltung als
landwirtschaftlicher Betriebsleiter staatlich von Wert ist, vielfach nur als
Domänenpächter, nicht als Eigentümer zu halten. Allerdings bin ich der
Ansicht, daß der Bodenankauf nur in organischer Verbindung mit einer
Kolonisation geeigneter Domänen einen dauernden Sinn hat, derart also, daß
ein Teil des östlichen Bodens die Hände des Staates durchläuft und während
er sich in diesen befindet, eine energische Meliorationskur mit staatlichen
Krediten durchmacht. Die Schwierigkeit, mit welcher die
Ansiedlungskommission zu ringen hat, ist abgesehen von der Belastung mit
der ,,Nachkur" der angesetzten Kolonisten, welche nebst ihren
Stundungsgesuchen nach einiger Zeit besser dem etwas hartherzigeren
gewöhnlichen Fiskus überantwortet würden, darin begründet, daß die
angekauften Güter zum großen Teil besser erst ein Jahrzehnt sich in einer
solchen Kur in der Hand von Domönenpächtern befänden. Jetzt muß die
Melioration Hals über Kopf im Wege der Administration mit großen
Verlusten ausgeführt werden, während sicherlich zahlreiche Domänen zur
alsbaldigen Kolonisation geeignet wären. Die durch diese Schwierigkeiten
veranlaßte Langsamkeit des Verfahrens rechtfertigt freilich Hans Delbrücks
Urteil über dessen nationalpolitische Wirkung in seinen verschiedenen
bekannten Artikeln in den Preuß. Jahrbüchern keineswegs. Schon die
mechanische Berechnung unter Vergleichung der Zahl der begründeten
Bauernhöfe mit der Zahl der Polen ist für Niemand, der sich das Kulturwerk
der Kolonisation an Ort und Stelle betrachtet hat, beweiskräftig; wenige
Dörfer mit je ein Dutzend deutschen Höfen
germanisieren
eventuell mehrere
Quadratmeilen, natürlich vorausgesetzt, daß der proletarische Nachschub aus
dem Osten abgedämmt wird und daß man nicht, indem man die
Abbröckelung und den Zerfall des Großbesitzes im Uebrigen sich selbst und
dem durch die Rentengutsgesetze noch weiter entbundenen freien Spiel der
Kräfte allein überläßt, dem Faß, in welches man schöpft, den Boden
ausschlägt.
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