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Theorien des politischen Skandals

Subtitle: Verlauf, Besonderheiten und Häufung politischer Skandale in den Medien

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 21 Pages
Author: Patrick Wilke
Subject: Communications: Media and Politics, Politic Communications

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2008
Pages: 21
Grade: 2,3
Bibliography: ~ 12  Entries
Language: German
Archive No.: V120322
ISBN (E-book): 978-3-640-24145-3
ISBN (Book): 978-3-640-24517-8

Abstract

Im Zuge des Hauptseminars „Politische Skandale in der westlichen Welt“ versucht die vorliegende Hausarbeit die folgenden Fragen zu beantworten: Kann der medial vermittelte politische Skandal im Wesentlichen auf eine einfache Formel gebracht werden? Lassen sich die in der Literatur seit den 80er Jahren getroffenen Definitionen, Form- und Funktionsbeschreibungen auf konkrete Skandalfälle anwenden? Die Soziologie untersuchte als erste Wissenschaft intensiver, was „die wissenschaftliche Öffentlichkeit bis in die 1980er-Jahre hinein vernachlässigt“ hatte . Inzwischen hat die historische Forschung den Skandal längst für sich entdeckt. Die sich mit der Theorie der Skandale befassende Literatur führt das deutsche oder englische Wort Skandal / scandal auf das griechische Skandalon zurück - was mit Stellhölzchen (einer Falle) übersetzt werden kann . Über das gotische skanda und das althochdeutsche scanta deutet sich eine Verwandtschaft mit der deutschen Schande an, wenn auch dieser Vergleich in der vorliegenden Literatur bisher nicht gezogen wurde . Im biblischen Kontext war das Skandalon das Hineingeraten in eine missliche Situation – durch Fehltritt oder Sünde . Über die moralisierenden Aspekte mittelalterlicher Abenteuergeschichten um Verfehlung und Wiedergutmachung eines Helden erfuhr der Skandal eine narrative Entwicklung hin zur heutigen Form, in der die einst zur Vermittlung von Moral erzählten Märchen nun ‚in Realitas’ per Massenmedien inszeniert werden . Der medial vermittelte politische Skandal kann definiert werden als: „Ein Normbruch einer Person oder Institution, die für die Wahrung der Normen steht [...], die Aufdeckung des Normbruches und eine breite öffentliche Empörung darüber“ . Etwas griffiger ist die Definition von Andrea Mork, ihr zufolge sind Skandale „Verfehlungen, die im Zuge ihrer Enthüllung eine weithin empfundene öffentliche Empörung auslösen“ . Für die weithin empfundene Empörung ist die Vermittlung durch Massenmedien nötig.


Excerpt (computer-generated)

Hauptseminar: ,,Politische Skandale in der westlichen Welt", Sommersemester 2008

Hausarbeit: Theorien des politischen Skandals

Referent: Patrick Wilke

Datum: 08.09.2008



Theorien des politischen Skandals

Verlauf, Besonderheiten und Häufung politischer Skandale in den Medien


Inhalt

Einleitung 3

Untersuchungen und Theorien politischer Skandale

6

Bisherige Skandaltheorien und Thompsons Kritik daran

6

Der Verlauf von Skandalen

8

Besonderheiten des mediatisierten Skandals

11

Ungleichheit vor dem Gericht des Skandals

11

Die Häufung von Skandalen

12

Die mediale Initiierung eines Skandals

16

Eigene Überlegungen und Fazit

17

Literatur 20

2


Einleitung

Im Zuge des Hauptseminars ,,

Politische Skandale in der westlichen Welt

" versucht

die vorliegende Hausarbeit die folgenden Fragen zu beantworten: Kann der medial

vermittelte politische Skandal1 im Wesentlichen auf eine einfache Formel gebracht

werden? Lassen sich die in der Literatur seit den 80er Jahren getroffenen

Definitionen, Form- und Funktionsbeschreibungen auf konkrete Skandalfälle2

anwenden?

Die Soziologie3 untersuchte als erste Wissenschaft intensiver, was ,,

die

wissenschaftliche Öffentlichkeit bis in die 1980er-Jahre hinein vernachlässigt

" hatte4.

Inzwischen hat die historische Forschung den Skandal längst für sich entdeckt. Die

sich mit der Theorie der Skandale befassende Literatur führt das deutsche oder

englische Wort

Skandal / scandal

auf das griechische

Skandalon

zurück - was mit

Stellhölzchen (

einer Falle) übersetzt werden kann5. Über das gotische

skanda

und

das althochdeutsche

scanta

deutet sich eine Verwandtschaft mit der deutschen

Schande

an, wenn auch dieser Vergleich in der vorliegenden Literatur bisher nicht

gezogen wurde6. Im biblischen Kontext war das Skandalon das Hineingeraten in eine

missliche Situation ­ durch Fehltritt oder Sünde7.

Über die moralisierenden Aspekte mittelalterlicher Abenteuergeschichten um

Verfehlung und Wiedergutmachung eines Helden erfuhr der Skandal eine narrative

Entwicklung hin zur heutigen Form, in der die einst zur Vermittlung von Moral

erzählten Märchen nun ,in Realitas′ per Massenmedien inszeniert werden8. Der

1 Burkhardt spricht auch von medialen Skandalen und Medienskandalen, andere von mediatisierten Skandalen.

Medienskandale finden quasi in den Massenmedien statt, werden von diesen inszeniert und unter Umständen auch produziert -

siehe dazu: Burkhardt, Steffen: ,,Medienskandale ­ zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse", Herbert von Halem

Verlag, Köln 2006, S. 112-130.

2 In dieser Arbeit werden mehrere Skandale der westlichen Welt der 20. Jahrhunderts für Vergleiche mit Skandaltheorien

herangezogen, Schwerpunkte liegen jedoch auf den Skandalen um Prostituiertenbesuche und Kokainkonsum des Michel

Friedman und dem Ehrenwort-Skandal Helmut Kohls.

3 King, Anthony: ,,Sex, Money and Power", in: Hodder-Williams, Richard und Ceasar, James (Hg): ,,Politics in Britain and the

United States: Comparative Perspectives", Durham 1986, S. 173-222.

4 Kroh, Jens: ,,Skandale in Deutschland nach 1945", Rezension der gleichnamigen Ausstellung, in: H-SOZ-U-KULT, URL:

http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=67&type=rezausstellungen, Stand: 16.09.2008.

5 Thompson, John B.: ,,Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age", Cambridge 2000, S. 12.

6 Definition von Schande im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, 16 Bde. [in 32 Teilbänden]. Leipzig: S.

Hirzel 1854-1960. -- Quellenverzeichnis 1971: ,,

Schande [...]: als ursprüngliche bedeutung hat man sich wol ′beschädigung′ im
allgemeinen zu denken; aber die einschränkung auf die bedeutung ′ehrverminderung′ ist bereits vor beginn der überlieferung
vollzogen

", Passage entnommen aus: http://germazope.uni-

trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/wbgui?mode=hierarchy&textsize=600&lemid=GS04282&query_start=1&totalhits=0&t

extword=&locpattern=&textpattern=&lemmapattern=&verspattern=#GS04282L0, Stand 5.9.2008.

7 Thompson, John B.: ,,Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age", Cambridge 2000, S. 12.

8 Beispiel für Heldengeschichten, in denen die Protagonisten ihre charakterlichen, sittlichen oder moralischen Verfehlungen

3


medial vermittelte politische Skandal kann definiert werden als: ,,

Ein Normbruch einer

Person oder Institution, die für die Wahrung der Normen steht [...], die Aufdeckung

des Normbruches und eine breite öffentliche Empörung darüber

"9. Etwas griffiger ist

die Definition von Andrea Mork, ihr zufolge sind Skandale ,,

Verfehlungen, die im Zuge

ihrer Enthüllung eine weithin empfundene öffentliche Empörung auslösen

"10. Für die

weithin empfundene Empörung ist die Vermittlung durch Massenmedien nötig.

Steffen Burkhardt fasst die bisherigen Forschungen zum (Medien)Skandal in

hervorragender und detaillierter Weise zusammen, er beschreibt den mediatisierten

politischen Skandal als ein für die Gesellschaft produziertes Produkt der Medien, in

dem durch Aufdeckung vermeintlicher Fehltritte von Entscheidungsträgern unter Gut-

Böse-Zuschreibungen auf die handelnden Personen ein öffentlicher Diskurs über

systemkonformes Verhalten initiiert wird11. John B. Thompson schließlich kritisiert in

,,

Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age

" wesentliche, bestehende

Theorien und synthetisiert aus ihnen eine neue ,,

Social Theory of Scandal

"12. Die

Ausführungen Thompsons sind derartig detailreich, dass selbst eine kurze

Zusammenfassung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Daher beschränkt

sie sich auf Kommentierungen und Einsprüche sowie auf den Abgleich weiterer

einschlägiger Literatur13 mit als Beispiele geeigneten Skandalen, vornehmlich aus

der BRD.

Thompsons ,,

Theorie des politischen Skandals

" fokussiert stark auf Reputation und

ausmetzen müssen sind die Geschichten um König Artus und seine Ritter, die nach festgelegtem narrativem Muster erst einen

Fauxpas begehen und diesen dann auf Aventuire-Fahrt wiedergutmachen müssen. Beispiel für ein Märchen, das moralisiert und

seine Protagonisten und deren moralisches Handeln gegeneinander abwägt ist ,,Frau Holle", Beispiel für ein Märchen, in dem

die Protagonistin einen begangenen Fehler unter Strapazen selbst beheben muss, ist ,,Die Sieben Brüder", auch Till

Eulenspiegel sorgte regelmäßig wenn nicht für Skandale, so doch für Aufsehen, öffentliche Entrüstung und ­ unter dem

Deckmantel der Schelmerei ­ hin und wieder für Reflektion über übliche Verhalten und Denkweisen.

9 Bösch, Frank: ,,Politische Skandale in Deutschland und Großbritannien", in: Bundeszentrale für Politische Bildung,

Publikationen, Aus Politik und Zeitgeschichte, ApuZ 7/2006, URL:

http://www.bpb.de/publikationen/RPK2EJ,4,0,Politische_Skandale_in_Deutschland_und_Gro%DFbritannien.html, Stand:

16.09.2008.

10 Projektleiterin der Ausstellung ,,Skandale in Deutschland nach 1945", u.a. am 7. Mai im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig,

Zitat aus dem Ausstellungskatalog, S. 16f., zitiert in: Kroh, Jens: ,,Skandale in Deutschland nach 1945", Rezension der

gleichnamigen Ausstellung, in: H-SOZ-U-KULT, URL: http://hsozkult.geschichte.hu-

berlin.de/rezensionen/id=67&type=rezausstellungen, Stand: 16.09.2008.

11 Diese Definition wurde extrahiert aus Burkhardt, Steffen: ,,Medienskandale ­ zur moralischen Sprengkraft öffentlicher

Diskurse", Herbert von Halem Verlag, Köln 2006, S. 128, 161 und 403.

12 Thompson, John B.: ,,Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age", Cambridge 2000.

13 Reiche, Jürgen: ,,Skandal und Medieninszenierung", in: ,,Skandale in Deutschland nach 1945 ­ Begleitbuch zur Ausstellung

im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland", Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,

Bonn 2007; Leyendecker, Hans: ,,Eine kleine Skandalkunde aus Sicht eines Journalisten", in: ,,Skandale in Deutschland nach

1945 ­ Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland", Stiftung Haus der Geschichte

der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2007; Ebbinghausen, Rolf und Neckel, Sighard [Hg.]: ,,Anatomie des politischen

Skandals", Edition Suhrkamp 1548, Neue Folge Band 548, Erste Auflage 1989, Frankfurt Main 1989; Hondrich, Karl-Otto:

,,Enthüllung und Entrüstung. Eine Phänomenologie des politischen Skandals"; Edition Suhrkamp, Originalausgabe, Frankfurt

Main 2002.

4


Vertrauen14. Hervorgerufen werden Skandale durch das Abweichen eines Politikers

von seinem expliziten15 oder impliziten16 Rollenbild, wodurch Vertrauenswürdigkeit

infrage gestellt wird. Der Skandal beinhaltet demzufolge einen Kampf um ,,

symbolic

power

"17, beziehungsweise um das symbolische, kulturelle, politische und

ökonomische Kapital, woraus die symbolische Macht entsteht. Die Welt der medial

vermittelten Politik kann demnach als ein instabiler Markt gesehen werden, auf dem

die Glaubwürdigkeit der Akteure und ihre Chancen auf politische Posten gehandelt

werden. Einmal beschädigt, ist Reputation schwer wieder aufzubauen.

Politische Skandale sind demnach für alle Beteiligten gefährlich: Sie können

Reputation und Vertrauen beschädigen oder gar in schlechten Ruf und Misstrauen

umkehren, aus dem so leicht keine Umkehr mehr möglich ist. Sie sind darüber

hinaus gefährlich für das soziale Zusammenleben und die politische Kultur einer

Gesellschaft18, denn parallel zur von den Massenmedien suggerierten oder

tatsächlichen Häufung politischer Skandale wächst das Misstrauen der Wähler

gegenüber der derzeitigen Demokratie ­ wenn nicht gegenüber der Demokratie als

geeigneter Staatsform an sich19.

Ein Beispiel für verlorenes Ansehen infolge eines Skandals ist der Fall Helmut Kohls.

Dieser hatte sein privates Versprechen, die Geldgeber unrechtmäßiger

Spendenmillionen nicht zu nennen, über das Aufklärungsinteresse der Republik

gestellt. Sein Verhalten ermöglichte nicht nur seine Verdrängung von der Spitze der

CDU, sondern es beschädigte auch sein Image als Politiker der Einheit und Kanzler

aller Deutschen empfindlich. Das

Ehrenwort, dass er

den in der Anonymität

verbleibenden Spendern gegeben hatte, gereichte ihm in den Augen der Mehrheit

14

Thompson, John B.: ,,Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age", Cambridge 2000, S. 12. Zur Symbolischen

Macht siehe auch: Burkhardt, Steffen: ,,Medienskandale ­ zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse", Herbert von

Halem Verlag, Köln 2006, S.133.

15 Explizit ist zum Beispiel das Rollenbild eines Politikers, dessen Verhalten durch Vereidigung darauf festgelegt ist, dem Wohle

von Staat und Volk zu dienen.

16 Ein implizites Rollenbild ist die insgeheim erwartete Vorbildrolle eines Entscheidungsträgers, die in keinem Vertrag oder

Gesetz festgeschrieben ist, jedoch von der Mehrheit der Wähler, Angestellten oder Zuschauer vorausgesetzt und eingefordert

wird.

17 Symbolische Macht ist die "Capacity to use symbolic forms to intervene in an influence the course of actions and events",

siehe dazu: Thompson, John B.: ,,Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age", Cambridge 2000, S. 23.

18 Thompson befürchtet, dass ,,

a culture of political scandal [...] is likely to produce a culture of growing cynicism and distrust

",

Thompson, John B.: ,,Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age", Cambridge 2000, S. 266 und generell auf den

Seiten 260-271.

19 Seit den 90er Jahren mehren sich Umfrage-Ergebnisse und Medienberichte, die eine steigende Politikverdrossenheit und

Skepsis gegenüber der Demokratie als geeigneter Staatsform anzeigen. Im Internet dazu beispielsweise: http://www.uni-

leipzig.de/journal/0606/vertrauen.html; http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/vertrauen-in-demokratie-schwindet/;

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,562798,00.html; http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/647/90557/;

5



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