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„Der elende Koran“ – "diabolischer Hochmut" und "Bewunderung der Kulturhöhe"

Subtitle: Zu Jacob Burckhardts Islambildern in den "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" mit einem Seitenblick auf die "Kultur der Renaissance in Italien"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2001, 49 Pages
Author: Holger Reiner Stunz
Subject: Philosophy - Philosophy of the 19th Century

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2001
Pages: 49
Grade: 1,3
Language: German
Archive No.: V120445
ISBN (E-book): 978-3-640-24197-2
ISBN (Book): 978-3-640-24549-9
Notes :
Literaturhinweise sind vollständig in den Anmerkungen vorhanden.


Abstract

Diese Monographie untersucht das Verhältnis des Basler Philosophen Carl Burckhardt zum Islam. Religion gilt in seinem Werk als ein zentrales Movens menschlichen Handelns. Blickt man genau hin, so schwankt Burckhardt zum einen zwischen Ablehnung und Unverständnis des Islam, findet andererseits aber auch Worte der Bewunderung. Anhand von zwei Schlüsseltexten von Burckhardts Werk wird der Frage nach Herkunft, Horizont und Funktion des Islambilds bei Burckhardt nachgegangen.


Excerpt (computer-generated)

,,Der elende Koran" ­

,,Diabolischer Hochmut" und

,,Bewunderung der Kulturhöhe"

Zu Jacob Burckhardts Islambildern in den

Weltgeschichtlichen Betrachtungen

mit einem Seitenblick auf

die

Kultur der Renaissance in Italien

von

Holger R. Stunz


INHALTSVERZEICHNIS

I. Burckhardts Beschäftigung mit dem Islam und deren Bedingtheit 3

II. Die Potenzenlehre als Beurteilungsraster für Kultur ­ Jacob Burckhardts Credo 8

III. Expansion und Ignoranz 10

IV. Mission, Gewalt und das Barbarische 13

V. Bilder- und Kunstfeindlichkeit 17

Exkurs: Jacob Burckhardt und Ernst von Lasaulx ­ Spuren der Vorurteilsstruktur? 19

VI. Ein hermetisches Konzept: Recht, Wissenschaft, Künste, Literatur und die fehlenden

Ideale 22

VII. Und nochmals: der Islam als Monokultur 30

VIII. Die schädlichen Auswirkungen auf andere Kulturen 34

IX. Die Kultur der Renaissance ­ Ein Differenzkonzept 36

X. Der positive Kulturkontakt, die Toleranz und die spiegelbildliche Beurteilung 37

XI. Streiflichter der Anerkennung und der Stolz der Araber 39

XII. Indifferenz, Toleranz, Hedonismus projiziert auf den Islam 41

XIII. Schlussbetrachtung 47

2


,,Der Elende Koran" ­

,,Diabolischer Hochmut" und ,,Bewunderung der Kulturhöhe"

Zu Jacob Burckhardts Islambildern in den ,Weltgeschichtlichen Betrachtungen′

mit einem Seitenblick auf die ,Kultur der Renaissance in Italien′. Ein Versuch.

,,

Die geistigen Umrisse einer Kulturepoche geben vielleicht für je des Au-
ge ein verschiedenes Bild, und wenn es sich vollends um eine Zivilisation
handelt

[...]

so muß sich das subjektive Urteilen und Empfinden jeden Au-
genblick beim Darsteller wie beim Leser einmischen. Auf dem weiten Mee-
re, in welches wir uns hinauswagen, sind der möglichen Wege und Rich-
tungen viele, und leicht können dieselben Studien, welche für dieses Arbeit
gemacht wurden, unter den Händen eines anderen nicht nur eine ganz an-
dere Benutzung und Behandlung erfahren, sondern auch zu wesentlich
verschiedenen Schlüssen Anlaß geben. Der Gegenstand wäre wichtig ge-
nug, um noch viele Bearbeitungen wünschbar zu machen, Forscher der
verschiedensten Standpunkte zum Reden aufzufordern

"1.

I. Burckhardts Beschäftigung mit dem Islam und deren Bedingtheit

Der ,Orbis Pictus′ von Comenius vermittelte über Jahrhunderte bis in die Kindheit Jacob

Burckhardts ein Bild vom Islam als ,,

novam religionem mixtam"

; der Glaubensgründer Mo-

hammed wird als von

epilepsia

gezeichneter falscher Prophet beschrieben, dessen Anhänger

,,

Polygami"

gewesen seien und die sich beim Kirchenbau verschiedener nicht zusammen pas-

sender Stile bedienen. Diese Kurzenzyklopädie ist nur ein Beispiel eines wirkmächtigen Tex-

tes, der ein problematisches Islambild entwirft ­ wenngleich er heute als historisches Zeugnis

betrachtet wird. Kann man trotz aller heutiger Sensibilität Comenius dafür auf die Anklage-

bank setzen?

Die sich in unseren Tagen verstärkende Beachtung des Klassikers Jacob Burckhardt

unter dem Zeichen der Kulturgeschichte2, aber auch die virulent gewordenen Fragen nach

dem Bild der westlichen Kulturen vom Islam und den Folgen von solchen Geschichts- und

Kulturvorstellungen rechtfertigen einen Blick auf die Islambilder des Baseler Kulturhistori-

kers Burckhardt, auf seine Vorstellungen vom Fremden und vom Eigenen. Hier sollen aber

1 Jacob Burckhardt: Kultur der Renaissance in Italien, S. 3. Ich folge der von K. HOFFMANN herausgegebenen

11. Auflage des 1860 zum ersten Mal erschienenen Textes. Sämtliche Zitate beziehen sich auf diese in

Stuttgart 1988 publizierte Ausgabe [=

KdR

].

2 Vgl. noch immer lesenswert: Karl LÖWITH. Jacob Burckhardt ­ Der Mensch inmitten der Geschichte. Stuttgart

/ Köln / Mainz 1966, S. 188-198 sowie Wolfgang HARTWIG: Geschichtsschreibung zwischen Alteuropa

und moderner Welt. Göttingen 1974, S. 166-188. Zur Einordnung von Burckhardts Kulturhistorie vgl.:

Niklaus RÖTHLIN: Burckhardts Stellung in der Kulturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts. In:

Beitrag in Umgang mit Jacob Burckhardt. Zwölf Studien hrsg. v. Hans R. GUGGISBERG. Basel 1994, S.

117-134.

3


Diskussionen um Burckhard im Verdacht des Antisemitismus nicht aus einer anderen Per-

spektive erneuert werden, denn das 19. Jahrhundert mit unseren Maßstäben zu messen und

aus zeitbedingten Motiven zu betrachten, ist problematisch3.

In Burckhardts Schriften zur historischen Morphologie in all ihren Aspekten kommt

dem Islam an vielfältigen Stellen Bedeutung zu ­ meist kontrastive. Vor allem in der unveröf-

fentlichten späten Version der ,Kultur des Mittelalters′ sowie in den darauf basierenden re-

konstruierten Historischen Fragmenten gibt es ausführliche Passagen, die den Islam, den Re-

ligionsstifter Mohammed sowie die islamischen Staatswesen charakterisieren, be- und verur-

teilen4. Neben diesen ,,

Schattenseiten"

sind auch andere Ansichten zu finden wie W. KAEGI

betont, der sich am Beispiel der Vorlesung zur ,Kultur des Mittelalters′ zum Verhältnis vom

Burckhardt und dem Islam äußert und sich zur Stellungnahme gezwungen sieht: ,,

Lichtseiten

gegenüber blieben in Burckhardts Bild des Islam schwere Schattenseiten bestehen

[...]

Es sind

nicht nur Schatten gewesen, die bestehen blieben, sondern auch dunkle Räume der Unkennt-

nis und der fehlenden Eindrücke. Es wäre viel zu sagen über die Gründe, die Jacob Burck-

hardt gehindert haben, ein Enthusiast des Orient zu werden. Begnügen wir uns mit der Fest-

stellung, daß er einen achtenswerten Versuch gemacht hat, etwas von dieser Welt, die den

meisten im Dunkeln lag, in den Umrissen zu begreifen

"5.

Obwohl die Burckhardt-Forschung in ihrer Verästelung und ihrem thematischen und

methodischen Pluralismus Bibliotheken füllende Dimensionen erreicht hat, fehlt eine einge-

hende Diskussion der Islambilder bei Burckhardt. Nur wenige Wissenschaftler gehen auf die-

sen Aspekt ein6, der nicht nur aus heutiger Sicht ein erhellender für die Analyse von Burck-

3 Vgl. die klaren Worte von Urs BITTERLI in der Aargauer Zeitung vom 15. Januar 2001.

4 Die Vorlesung zur ,Kultur des Mittelalters′ wurde bereits im Jahr 1849 konzipiert, aber ständig aktualisiert ­ P.

GANZ hat frühe Notizen den Islam betreffend auf S. 510f. seiner Edition (Über das Studium der Ge-

schichte, München 1982) abgedruckt. W. KAEGI: Jacob Burckhardt ­ Eine Biographie. 6 Bde. Basel

1947-1982 geht in seiner Analyse der Vorlesung im Band VI seiner Biographie lediglich auf die Notati-

onen des Jahres 1885 ein, die mit violetter Tinte geschrieben sind. Gerade für unsere Fragestellung ist

das Beachten der frühen Notizen wichtig.

Die von DÜRR herausgegebenen Historischen Fragmente in GW VII, S. 266-272 (21. Fragment: Mo-

hammed als Religionsstifter und der Islam; 22. Fragment: Der Despotismus des Islam; 23. Fragment:

Der Islam und seine Wirkungen) sind problematisch: Zur Rekonstruktion des Textes und einseitigen

Lesarten vgl. den Kommentar von KAEGI, VI, S. 214f. Vgl. auch den dürftigen Kommentar auf S. 471:

,,

Unter Zugrundelegung des I. und II. Memorierblatt wurde der Gedankengang des ganzen aufgebaut

".

KAEGI führt an, dass die Technik des ,,

Zusammenschweißens

" zu Verzerrungen geführt habe.

5 KAEGI, Burckhardt, VI, S. 233.

6 Die Studie von Marianne SAMMER: Intuitive Kulturgeschichtsschreibung ­ Ein Versuch zum Verhältnis von

Geschichtsdenken und kulturhistorischer Methode bei Jacob Burckhardt, München 1994 versucht,

Burckhardts Modell der Kulturgeschichtsschreibung zu rekonstruieren (S. 22ff.) und kommt auch auf

die ästhetisch motivierte Argumentationspraxis Burckhardts zu sprechen. Auch bei HARDTWIG, Ge-

schichtsschreibung, klingen Konstruktionsvorgänge von Bildern anderer Kulturen lediglich an. Obwohl

der Islam stark typologisch behandelt wird, fehlen Hinweise auch in Jürgen GROßEs Studie: Typus und

Geschichte. Eine Jacob Burckhardt-Interpretation. Köln / Weimar 1997. Vor allem in Dieter JÄHNIG in

GUGGISBERG, S. 263-282 zum ,ökumenischen Maßstab′ geht nicht auf andere Religionen ein.

4


hardts Technik von Geschichtsschreibung sein kann. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf,

dass die Islambilder Burckhardts geflissentlichst unbeachtet blieben, denn wer ein solches

Thema anschneidet, setzt sich dem zweifelhaften Ruf aus, einen Klassiker diffamieren zu

wollen. Ob bei genauerer Betrachtung aber Erkenntnisse auf Burckhardts Konstruktionsme-

chanismen in den ,Weltgeschichtlichen Betrachtungen′ und der ,Kultur der Renaissance′ ge-

wonnen werden können, soll hier untersucht werden. Sie soll ins Zentrum Burckhardtschen

Geschichtsverständnisses führen und zeigen, wie er seine Argumentation narrativ und figura-

tiv organisierte ­ sie führt, da es um die Perspektive der kulturellen Leistungs- und Integrati-

onsfähigkeit des Islam geht, auch ins Zentrum von Jacob Burckhardts Glauben an das Kultu-

relle und Plurale7.

Die Publikationsgeschichte und die palimpsestartigen Umarbeitungen von Burckhardts

Vorlesungen, die aus separaten über die Jahre gesammelten Blättern bestehen, stellen die For-

schung vor Probleme8. Eine Zuordnung von Teilen der Vorlesungen ist nur schwerlich mög-

lich: Die kumulative Arbeitsweise Burckhardts, der mit ständig aktualisierten Loseblattsamm-

lungen arbeitete, sowie die Vielzahl der verschiedenen Ausgaben stellen den Leser vor Datie-

rungsfragen. Zu welcher Zeit schrieb Burckhardt welche Textpassage? Was ist ureigene Ein-

stellung und wo schöpft er aus Exzerpten oder eigener Lektüre? Dass Burckhardt seine Ge-

danken für seine Vorlesungen, also einen kleinen Zuhörerkreis formulierte ­ die ,Kultur der

Renaissance′ war hingegen eine Publikation zu Lebzeiten ­ ist ein Hinweis auf die Vorläu-

figkeit und Familiarität dieser Argumentation. Eine moralisierende Fragestellung würde auch

verkennen, dass Jacob Burckhardt viele der Vorlesungsschriften nach seinem Tod vernichtet

Dagegen gelingt es KAEGI, VI, S. 211-213 zu zeigen, wie ,,

Burckhardts künstlerischer Gestaltungswil-
le

" im Falle des Islam zu einer ,,

Dramatisierung"

des Stoffes führte. Er führt auch zwei ältere Titel an,

die sich kurz mit Burckhardts Islambild auseinandersetzen: Hans Heinrich SCHRADER: Der Mensch in

Orient und Okzident. Grundzüge einer euroasiatischen Geschichte. München 1960, S. 394-396 sowie

Ernst SCHULIN: Die weltgeschichtliche Erfassung des Orients bei Hegel und Ranke. Göttingen 1958, S.

289-300 (= VdMPIG 2). P. GANZ geht im Kommentar seiner Edition auf divergierende Bilder vom Is-

lam ein und führt kurz Beispiele an (S. 510). Zum Bild des Islam in der ,Kultur der Renaissance′ vgl. E.

M. JANSSEN: Jacob Burckhardt und die Renaissance. Assen 1970, 165-167 ­ eher phänomenologisch

und kursorisch.

7 Vgl. grundlegend: Wolfgang HARDTWIG: Geschichtsschreibung zwischen Alteuropa und moderner Welt. Ja-

cob Burckhardt in seiner Zeit. Göttingen 1974, S. 244-257 sowie Thomas NELL: Vom Glück des Ge-

lehrten. Versuch über Jacob Burckhardt. Göttingen 1997; hier v.a. S. 21-48.

8 Während Burckhardt die ,Kultur der Renaissance′ schon im Jahr 1860 veröffentlicht hatte, wurden die Vorle-

sungsmitschriften der in den Jahren 1868 bis 1871 gehaltenen Vorlesung zur ,Einführung in das Studi-

um der Geschichte′ erst im Jahre 1905 von OERI rekonstruiert und publiziert. Diese Rekonstruktion

liegt der heute noch gebräuchlichsten Ausgabe im Kröner-Verlag (Stuttgart) zugrunde; deshalb bezie-

hen sich hier die Seitenangaben auf sie [= im folgenden

WgB

]. Die Edition von P. GANZ aus dem Jahr

1982, die sich zum Teil erheblich von OERIs Text unterscheidet, wurde an vielen Stellen hinzugezogen.

Der 10. Band von Jakob Burckhardt Werke.Kritische Gesamtausgabe. Herausgegeben von der Jacob

Burckhardt-Stiftung, Basel (Ästhetik der bildenden Kunst. Über das Studium der Geschichte. Mit dem

Text der ,Weltgeschichtlichen Betrachtungen′ in der Fassung von 1905. Aus dem Nachlass herausge-

geben von P. GANZ. Basel / München 2000) vereinigt beide Texte in einem Buch und lässt somit Ver-

gleiche zu. Wo immer sich erneut Abweichungen angaben, wurde auch das vermerkt.

5


sehen wollte. Das macht vom Ergebnis her für den Philologen keinen Unterschied, ist aber in

der Frage der Beurteilung entscheidend. Die Vorlesungskonvolute sind nicht Ausdruck politi-

scher Meinung, sondern wissenschaftlicher Argumentation und Konstruktion. Bevor wir uns

fragen, welche Bilder vom Islam Burckhardt entwirft, ist zu bedenken, was er über die andere

Kultur wissen konnte ­ welche Basis also seine Werturteile haben. Dieser Aspekt wird als

Schlüssel für das Islamverständnis bei Burckhardt betrachtet, nicht nur bei KAEGI.

Hat Burckhardt den Koran gelesen, was kannte er von der islamischen Literatur? In

einem Brief aus dem Jahr 1840 berichtet er von der Lektüre einer Sure und eines Märchens

aus 1001 Nacht ­ Exzerpte davon sind nicht nachweisbar9. Burckhardts Hebräisch-Lehrer

Staehlin, der ihn zu Studien der arabischen Literatur und Sprache motiviert haben soll, stand

in engem Kontakt zu Gustav Weil, einem der führenden Orientforscher seiner Zeit. Durch

Staehlins Vermittlung lernte Burckhardt die im Jahr 1843 erschienene Biographie ,Moham-

med als Prophet ­ sein Leben und seine Lehre′ kennen. Ende der 1850er Jahre exzerpierte

Burckhardt Joseph von Hammer-Purgstalls ,Geschichte des osmanischen Reiches′ und vor

allem dessen ,Die Literaturgeschichte der Araber′. Auch am Paedagogicum band Burckhardt

den Orient, vor allem Mohammed und die ersten Kalifen, in seinen Unterricht mit ein und

thematisiert Bilderverbote im Islam sowie den byzantinischen Bilderstreit10. Im Jahr 1866

hielt er einen Vortrag über ,Die Heldenlieder der Serben′ und geht auf den Ansturm des Ori-

ents und die Wirkung des Islam auf die Stadttyrannis ein11. Im selben Jahr als er auch über die

,Einführungen in das Studium der Geschichte′ las, hielt Burckhardt einen Vortrag über ,Die

Reisen der Araber′ vor dem Verein Junger Kaufleute in Basel, der allerdings nicht mehr er-

halten ist. In den 1870er Jahren ist eine Auseinandersetzung mit der ,Geschichte des Quoran′,

der ,Geschichte der Perser und Araber zur Zeit der Sassaniden′, die eine Adaption der Welt-

geschichte des Historikers Tabari darstellt, nachweisbar12. Ob die Veröffentlichung der ,Ara-

bischen Grammatik′ von Burckhardts Kollegen Socin im Jahre 1885 den Impuls für seine

erneute Beschäftigung mit dem Islam führte, sei dahingestellt13.

In jedem Fall hat sich Jacob Burckhardt während seines gesamten Lebens mit dem Is-

lam beschäftigt und seine Überlegungen in sehr viele seiner Texte einfließen lassen ­ die Pas-

sage von der ,Kultur des Mittelalters′ von 1885, in der KAEGI die ausführlichste Thematisie-

rung erblickt, ist eine späte Zusammenfassung schon längst angewandter Argumente, ein

9 KAEGI, Burckhardt, VI, S. 216, 236. ,,

Das Arabische nimmt gar manche Stunde in Anspruch

" schrieb Burck-

hardt in einem Brief aus Berlin (S. 212).

10 Vgl. KAEGI, Burckhardt, IV, S. 114.

11 KAEGI, Burckhardt, V, S. 14-16; vgl. auch M. DJORDJEVIC: Das serbische Heldenlied im Urteil Jacob Burck-

hardts. In: Vorträge der Aeneas-Silvius-Stiftung, Basel IX (1969).

12 Ebd. S. 221. Dort die Textnachweise und zu benutzten Ausgaben.

13 KAEGI VI, S. 213.

6


summarisches Dossier ex post und stellt keine Initialzündung dar ­ so meine These. In den

Konvoluten 207/130 und 131 des Jacob Burckhardt-Archivs in Basel befinden sich Memo-

rierblätter, Exzerpte und Notizen, die allerdings nur zum Teil in die 1880er Jahre einzuordnen

sind. Unten wird nachzuweisen sein, dass die meisten dieser Werke schon über zehn Jahre

früher die Ausführungen zur ,Kultur der Renaissance′ und zu den ,Weltgeschichtlichen Be-

trachtungen′ geprägt haben14 ­ dass Formulierungen identisch sind, während andere Argu-

mentationen essenziell abweichen.

Es lassen sich folglich mehrere Phasen in Burckhardts Leben ausmachen, in denen er

sich intensiver mit dem Islam beschäftigte ­ eine Unkenntnis der zeitgenössisch einschlägigen

Forschungsliteratur kann man ihm nicht zum Vorwurf machen, im Gegenteil. Der Baseler

Gelehrte hat hingegen die islamische Kultur des Orients, oder auch Spaniens nie mit eigenen

Augen gesehen, weder auf Reisen noch in Museen ­ sein Zugang zum Thema ist nicht durch

Anschauung, sondern durch Lektüre und den gelehrten Austausch geprägt.

Was aber, wenn Burckhardt diese Kulturzeugnisse gekannt hätte? Würde es für die

Lektüre der Texte einen Unterschied machen? Entscheidend ist, dass Burckhardt Bilder dieser

Kultur, dieser Religion erzeugt hat, die eigenwertig sind und in spezifischen Kontexten ste-

hen. Da selbst KAEGI anerkennt, wie stark literarisch überformt , ,,

dramatisiert

" Burckhardts

Ausführungen sind, sollte man überlegen, inwiefern die biographische Dimension überhaupt

einen Erklärungsansatz bietet, oder ob nicht poetologische Konstruktionsprinzipien einen

Schlüssel zur Textanalyse bieten.

Nicht nur die wissenschaftliche Literatur zum Islam wurde von Jacob Burckhardt zur

Kenntnis genommen. Wenn nach den Bildern des Islam gefragt wird, so müssen auch andere

literarische Vorbilder in den Blick genommen werden, die Burckhardt kannte. Hier sind vor

allem Goethes ,West-Östliche Divan′ und ,Mahomeds Gesang′ zu nennen, aber besonders

auch die Übersetzungen Hariris durch Rückert und dessen eigene literarische Produktion15.

Auch das Bild der Mauren bei Dante war Burckhardt sicherlich vertraut ­ insgesamt stand

Jacob Burckhardt so fest in der kanonischen Tradition der Islambilder seiner Zeit wie kein

anderer; seine Bilder reflektieren in besonderer Weise die Sicht des Bildungsbürgertum auf

die islamische Kultur.

14 KAEGI datiert das neu hinzugekommene Blatt zum Islam auf das Jahr 1885 und versucht zu erklären, warum

erst zu einem derart späten Zeitpunkt ein Thematisieren der Weltreligion notwendig geworden sei. Die

,,

Parenthese nach 67

" umfasst 37 Blätter (Buchstaben a bis t mit Verdoppelungen wie bbb) und fasst

Burckhardts Ansichten zur Entwicklung des Islam, des Religionsstifters Mohammed usw. konzentriert

zusammen

15 Vgl. Ebd. S. 233-236.

7



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