Subtitle: Ganzheitliche Ästhetik in J. G. Herders Schrift "Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele"
Termpaper, 1990, 21 Pages
Author: M.A. Frithjof Böhle-Holzapfel
Subject: Philosophy - Philosophy of the 17th and 18th Centuries
Details
Institution/College: University of Bonn (Philosophisches Seminar)
Tags: Einkraft, Seele, Johann, Gottfried, Herder
Year: 1990
Pages: 21
Grade: sehr gut
Bibliography: ~ 16 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-24235-1
ISBN (Book): 978-3-640-24576-5
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Abstract
Die philosophische Klasse der Berliner Akademie der Wissenschaften schrieb unter dem Vorsitz Johann Georg Sulzers 1773 eine Preisfrage aus, die 1. das Verhältnis von Erkennen und Empfinden als einer "zwiefachen Kraft der Seele" untersucht wissen wollte, und 2. die Frage nach der Wirkung dieser "beyden Seelenkräfte" auf das zu dieser Zeit heftig diskutierte Phänomen "Genie" zur Debatte stellte. An dem ausgeschriebenen Thema beteiligte sich 1774 auch Johann Gottfried Herder. Sein Beitrag mit dem Titel "Übers Erkennen und Empfinden in der menschlichen Seele" enthüllte jedoch einen gänzlich anders gearteten inhaltlichen Ansatz: Entgegen der akademischen Vorgabe setzte Herder Erkenntnis und Empfinden als "Eine Seelenkraft" und negierte somit die Intention der Akademie. Herders Thesen verstehen sich weitestgehend als Kritik und auch Korrektiv der in Deutschland noch wirksamen rationalistischen Schulphilosophie Leibniz' und Wolffs. Sie sind ein Beitrag zur Entwicklung einer ganzheitlichen Ästhetik...
Excerpt (computer-generated)
Frithjof Böhle-Holzapfel, M.A.
"Einkraft der Seele":
Ganzheitliche Ästhetik in J. G. Herders Schrift "Vom Erkennen und
Empfinden der menschlichen Seele".
Inhalt
[Hinweise zur zitierten Literatur]
3
§1
Vorbemerkung
4
§2
Zur Problemstellung: Vermögenspsychologie
und Emanzipation der Sinnlichkeit im 18. Jahrhundert
6
§3
"Fundus animae": Reiz (dunkle Perzeption) und Affekt
8
§4
Die Einheit von sinnlicher Rezeption und physiologischem Medium
10
§5
Die Einkraft der Seele
12
§6
Einheit von Erkennen und Empfinden:
Geniekonzept und Schaffensprozeß
15
§7 Nachtrag:
Die Einheit von Mensch und Natur
19
[Literaturverzeichnis]
21
2
Hinweise zur zitierten Literatur
Folgende Abkürzungen benutze ich im Text:
VEE
J. G. Herder: Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele, Bemerkungen und Träume
(1778), in: Sämtliche Werke in 33 Bänden, ed. Bernhard Suphan, Berlin 1877-1913, Bd. V, S. 169-235
Fassung 1774
J. G. Herder: Uebers Erkennen und Empfinden in der Menschlichen Seele (1774)
in: Ibid., pp. 236-262
Folgende Abkürzungen benutze ich im Anmerkungsapparat:
Psychologia empirica
Christian Wolff: Psychologia empirica, methodo scientifica pertractata, quae ea, quae de anima
humana indubia experientiae fide constant, Francofurti et Lipsiae 1738 (Reprint Hildesheim 1978)
Psychologia rationalis
Christian Wolff: Psychologia rationalis, methodo scientifica pertractata, quae ea,
quae de anima humana indubia experientiae fide innotescunt, Francofurti et Lipsiae
1740 (Reprint Hildesheim 1972)
Gerhardt
Gottfried Wilhelm Leibniz: Die philosophischen Schriften. Hrsg. von C. I. Gerhardt, 7 Bände, Berlin
l875-8o (Reprint Hildesheim 1960-79)
3
§1 Vorbemerkung
Die philosophische Klasse der Berliner Akademie der Wissenschaften schrieb unter
dem Vorsitz Johann Georg Sulzers 1773 eine Preisfrage aus, die 1. das Verhältnis von
Erkennen und Empfinden als einer
"zwiefachen Kraft der Seele"1
untersucht wissen
wollte, und 2. die Frage nach der Wirkung dieser
"beyden Seelenkräfte"2
auf das zu
dieser Zeit heftig diskutierte Phänomen "Genie" zur Debatte stellte.
Daß der Komplex von Erkenntnis und Empfindung im Rahmen einer dualistischen
Sichtweise abgehandelt werden sollte, war nicht weiter verwunderlich: Schon 1763
hatte der Initiator J. G. Sulzer einen Aufsatz mit ähnlichen inhaltlichen Gewichtun-
gen publiziert,3 in dem er sämtliche Wirkungen der menschlichen Seele auf zwei
Grundvermögen, sc. Vorstellung und Empfindung, zurückführte. Sulzers Schrift
untersucht, wie beide Komponenten jeweils getrennt operieren, betont aber, daß die
Seele
"gemeiniglich (...) diese beyden Vermögen zugleich"
4 ausübt.
An dem ausgeschriebenen Thema beteiligte sich 1774 auch Johann Gottfried Herder.
Sein Beitrag mit dem Titel "Übers Erkennen und Empfinden in der menschlichen
Seele" enthüllte jedoch einen gänzlich anders gearteten inhaltlichen Ansatz: Entgegen
der akademischen Vorgabe setzte Herder Erkenntnis und Empfinden als
Eine
See-
lenkraft und negierte somit die Intention der Akademie. Projekt und Ausführung ver-
kündete er am 5. August 1774 in einem Schreiben an Friedrich von Hahn.
"Was ich an die Preisfrage bisher gedacht, ist nicht der Rede werth: den medius terminus
aber der beiden Sätze, die ich, wie sie für identisch halte (erkennen und genießen); habe ich
bisher noch nicht anders als ein Wesen Eines Geistes, und, wie ichs hier entwickeln werde,
eines eingeschränkten, sich vervollkommnenden Geiste finden können."5
Herders unmittelbarer Beitrag zum Thema der Akademie umfaßte zwei jeweils über-
arbeitete Versionen; eine dritte, weitaus detailliertere Fassung erschien (freilich ohne
direkten Bezug zur Preisfrage) 1778 anonym. Seinem frühen, 1774 fertiggestellten
Traktat, folgte 1775 eine erweiterte Umarbeitung, da die Berliner Akademie aufgrund
inhaltlich nicht zufriedenstellender Einsendungen das Thema im Jahre 1775 erneut
1 Im Vorwort seiner 1786 in Berlin veröffentlichten Preisschrift "Allgemeine Theorie des Denkens und
Empfindens" wiederholt J. A. Eberhard den genauen Wortlaut der akademischen Fragestellung; cf. ibid., Berlin
1786, p. 14 f. (Repr. Brüssel 1968)
2 Ibid.
3 Der Aufsatz trägt den Titel "Anmerkungen über den verschiedenen Zustand, worinn sich die Seele bey
Ausübung ihrer Hauptvermögen, nämlich des Vermögens, sich etwas vorzustellen und des Vermögens zu
empfinden, befindet." in: J. G. Sulzer, Vermischte philosophische Schriften, Leipzig 1773, pp. 225-243 (Repr.
Hildesheim 1974)
4 Ibid., p. 225ff.
5 Zitiert nach: R. Haym, Herder nach seinem Leben und seinen Werken, Berlin 188o, p. 665
4
ausschrieb.6 In beiden Fällen (1774 und 1775) blieb Herder der Preis versagt. Ein
Schreiben an J. G. Zimmermann vom 28. Dezember 1775 bezeugt, daß er mit diesem
Ergebnis, im Hinblick auf seine inhaltlichen Prämissen und Argumentationen, ge-
rechnet hatte:
"Ich kann den Preis nicht erhalten, denn ich habe das Gegenteil von
dem bewiesen, was die Akademie will..."7
1776 wurde dagegen J. A. Eberhards themenkonformer Arbeit "Allgemeine Theorie
des Denkens und Empfindens" der Hauptpreis zuerkannt. Zwei Jahre später veröf-
fentlichte Herder die dritte und endgültige Version unter dem Titel "Vom Erkennen
und Empfinden der menschlichen Seele; Bemerkungen und Träume", die auch textli-
che Grundlage der vorliegenden Arbeit sein soll. Wo es der faktisch und argumentati-
ven Prägnanz dienlich erschien, habe ich allerdings auch das Frühkonzept von 1774
berücksichtigt.
Herders Thesen verstehen sich weitestgehend als Kritik und auch Korrektiv der in
Deutschland noch wirksamen rationalistischen Schulphilosophie Leibniz′ und Wolffs.
Dementsprechend nimmt Herder auf deren Inhalte und Terminologie ständigen Be-
zug. Daher orientiert sich die Struktur der vorliegenden Untersuchung auch explizit
an meines Erachtens notwendigen faktischen Ergänzungen aus dem Bereich der rati-
onalistischen Tradition, die ich, dem jeweiligen argumentativen Kontext gemäß, zur
Erhellung der Gesamtproblematik in den Fußnoten angeführt habe.
6 Ausführlicher dargelegt von Haym, op. cit., p. 668 ff.
7 Ibid. zitiert, p. 669
5
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