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Subtitle: Ein Buch für Alle und Keinen
Classic, 2009, 267 Pages
Author: Friedrich Wilhelm Nietzsche
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Year: 2009
Pages: 267
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-24247-4
ISBN (Book): 978-3-640-24587-1
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Abstract
Als Zarathustra dreissig Jahr alt war, verliess er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoss er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahr nicht müde. Endlich aber verwandelte sich sein Herz, - und eines Morgens stand er mit der Morgenröthe auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr also: »Du grosses Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht Die hättest, welchen du leuchtest! Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Höhle: du würdest deines Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler und meine Schlange. Aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen Überfluss ab und segneten dich dafür. Siehe! Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene, die des Honigs zu viel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich ausstrecken. Ich möchte verschenken und austheilen, bis die Weisen unter den Menschen wieder einmal ihrer Thorheit und die Armen einmal ihres Reichthums froh geworden sind. Dazu muss ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends thust, wenn du hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du überreiches Gestirn! Ich muss, gleich dir, untergehen, wie die Menschen es nennen, zu denen ich hinab will. So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein allzugrosses Glück sehen kann! Segne den Becher, welche überfliessen will, dass das Wasser golden aus ihm fliesse und überallhin den Abglanz deiner Wonne trage! Siehe! Dieser Becher will wieder leer werden, und Zarathustra will wieder Mensch werden.« - Also begann Zarathustra's Untergang. - - - Zarathustra stieg allein das Gebirge abwärts und Niemand begegnete ihm. Als er aber in die Wälder kam, stand auf einmal ein Greis vor ihm, der seine heilige Hütte verlassen hatte, um Wurzeln im Walde zu suchen. Und also sprach der Greis zu Zarathustra: Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchen Jahre gieng er her vorbei. Zarathustra hiess er; aber er hat sich verwandelt. Damals trugst du deine Asche zu Berge: willst du heute dein Feuer in die Thäler tragen? Fürchtest du nicht des Brandstifters Strafen? Ja, ich erkenne Zarathustra. Rein ist sein Auge, und an seinem Munde birgt sich kein Ekel. Geht er nicht daher wie ein Tänzer?
Fulltext (computer-generated)
Friedrich Wilhelm Nietzsche
Also sprach Zarathustra
Ein Buch für Alle und Keinen
[erstmalig erschienen 1883-1885]
Inhalt
Erster Theil 5
Zarathustra′s Vorrede 5
Die Reden Zarathustra′s 18
Von den drei Verwandlungen 18
Von den Lehrstühlen der Tugend 20
Von den Hinterweltlern 22
Von den Verächtern des Leibes 25
Von den Freuden- und Leidenschaften 26
Vom bleichen Verbrecher 28
Vom Lesen und Schreiben 30
Vom Baum am Berge 31
Von den Predigern des Todes 34
Vom Krieg und Kriegsvolke 36
Vom neuen Götzen 37
Von den Fliegen des Marktes 40
Von der Keuschheit 42
Vom Freunde 43
Von tausend und Einem Ziele 45
Von der Nächstenliebe 47
Vom Wege des Schaffenden 49
Von alten und jungen Weiblein 51
Vom Biss der Natter 53
Von Kind und Ehe 55
Vom freien Tode 56
Von der schenkenden Tugend 59
Zweiter Theil 63
Das Kind mit dem Spiegel 63
Auf den glückseligen Inseln 65
Von den Mitleidigen 68
Von den Priestern 70
Von den Tugendhaften 73
Vom Gesindel 75
Von den Taranteln 78
Von den berühmten Weisen 81
Das Nachtlied 83
Das Tanzlied 85
Das Grablied 87
Von der Selbst-Ueberwindung 90
Von den Erhabenen 93
Vom Lande der Bildung 95
Von der unbefleckten Erkenntniss 98
Von den Gelehrten 100
Von den Dichtern 102
Von grossen Ereignissen 105
Der Wahrsager 108
Von der Erlösung 111
Von der Menschen-Klugheit 115
Die stillste Stunde 118
Dritter Theil 120
Zarathustra, vom Lesen und Schreiben 121
Der Wanderer 121
Vom Gesicht und Räthsel 123
Von der Seligkeit wider Willen 127
Vor Sonnen-Aufgang 130
Von der verkleinernden Tugend 133
Auf dem Oelberge 138
Vom Vorübergehen 140
Von den Abtrünnigen 143
Die Heimkehr 147
Von den drei Bösen 150
Vom Geist der Schwere 154
Von alten und neuen Tafeln 158
Der Genesende 174
Von der grossen Sehnsucht 180
Das andere Tanzlied 182
Die sieben Siegel (Oder: das Ja- und Amen-Lied) 186
Vierter und letzter Theil 189
Zarathustra, Von den Mitleidigen 189
Das Honig-Opfer 189
Der Nothschrei 192
Gespräch mit den Königen 195
Der Blutegel 199
Der Zauberer 201
Ausser Dienst 207
Der hässlichste Mensch 211
Der freiwillige Bettler 215
Der Schatten 219
Mittags 222
Die Begrüssung 224
Das Abendmahl 229
Vom höheren Menschen 231
Das Lied der Schwermuth 240
Von der Wissenschaft 242
Unter Töchtern der Wüste 245
Die Erweckung 250
Das Eselsfest 253
Das Nachtwandler-Lied 256
Das Zeichen 262
Erster Theil
Zarathustra′s Vorrede
1
Als Zarathustra dreissig Jahr alt war, verliess er seine Heimat und den See seiner
Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoss er seines Geistes und seiner
Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahr nicht müde. Endlich aber verwandelte
sich sein Herz, - und eines Morgens stand er mit der Morgenröthe auf, trat vor
die Sonne hin und sprach zu ihr also:
»Du grosses Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht Die hättest, welchen
du leuchtest!
Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Höhle: du würdest deines Lichtes
und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler und meine
Schlange.
Aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen Überfluss ab
und segneten dich dafür.
Siehe! Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene, die des Honigs zu
viel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich ausstrecken.
Ich möchte verschenken und austheilen, bis die Weisen unter den Menschen
wieder einmal ihrer Thorheit und die Armen einmal ihres Reichthums froh
geworden sind.
Dazu muss ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends thust, wenn du hinter
das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du überreiches Gestirn!
Ich muss, gleich dir,
untergehen
, wie die Menschen es nennen, zu denen ich hinab
will.
So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein allzugrosses
Glück sehen kann!
Segne den Becher, welche überfliessen will, dass das Wasser golden aus ihm
fliesse und überallhin den Abglanz deiner Wonne trage!
Siehe! Dieser Becher will wieder leer werden, und Zarathustra will wieder
Mensch werden.«
- Also begann Zarathustra′s Untergang.
6
2
Zarathustra stieg allein das Gebirge abwärts und Niemand begegnete ihm. Als
er aber in die Wälder kam, stand auf einmal ein Greis vor ihm, der seine heilige
Hütte verlassen hatte, um Wurzeln im Walde zu suchen. Und also sprach der
Greis zu Zarathustra:
Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchen Jahre gieng er her vorbei.
Zarathustra hiess er; aber er hat sich verwandelt. Damals trugst du deine Asche
zu Berge: willst du heute dein Feuer in die Thäler tragen? Fürchtest du nicht des
Brandstifters Strafen?
Ja, ich erkenne Zarathustra. Rein ist sein Auge, und an seinem Munde birgt sich
kein Ekel. Geht er nicht daher wie ein Tänzer?
Verwandelt ist Zarathustra, zum Kind ward Zarathustra, ein Erwachter ist
Zarathustra: was willst du nun bei den Schlafenden?
Wie im Meere lebtest du in der Einsamkeit, und das Meer trug dich. Wehe, du
willst an′s Land steigen? Wehe, du willst deinen Leib wieder selber schleppen?
Zarathustra antwortete: »Ich liebe die Menschen.«
Warum, sagte der Heilige, gieng ich doch in den Wald und die Einöde? War es
nicht, weil ich die Menschen allzu sehr liebte?
Jetzt liebe ich Gott: die Menschen liebe ich nicht. Der Mensch ist mir eine zu
unvollkommene Sache. Liebe zum Menschen würde mich umbringen.
Zarathustra antwortete: »Was sprach ich von Liebe! Ich bringe den Menschen
ein Geschenk.«
Gieb ihnen Nichts, sagte der Heilige. Nimm ihnen lieber Etwas ab und trage es
mit ihnen - das wird ihnen am wohlsten thun: wenn er dir nur wohlthut!
Und willst du ihnen geben, so gieb nicht mehr, als ein Almosen, und lass sie
noch darum betteln!
»Nein, antwortete Zarathustra, ich gebe kein Almosen. Dazu bin ich nicht arm
genug.«
Der Heilige lachte über Zarathustra und sprach also: So sieh zu, dass sie deine
Schätze annehmen! Sie sind misstrauisch gegen die Einsiedler und glauben
nicht, dass wir kommen, um zu schenken.
Unse Schritte klingen ihnen zu einsam durch die Gassen. Und wie wenn sie
Nachts in ihren Betten einen Mann gehen hören, lange bevor die Sonne
aufsteht, so fragen sie sich wohl: wohin will der Dieb?
7
Gehe nicht zu den Menschen und bleibe im Walde! Gehe lieber noch zu den
Thieren! Warum willst du nicht sein, wie ich, - ein Bär unter Bären, ein Vogel
unter Vögeln?
»Und was macht der Heilige im Walde?« fragte Zarathustra.
Der Heilige antwortete: Ich mache Lieder und singe sie, und wenn ich Lieder
mache, lache, weine und brumme ich: also lobe ich Gott.
Mit Singen, Weinen, Lachen und Brummen lobe ich den Gott, der mein Gott
ist. Doch was bringst du uns zum Geschenke?
Als Zarathustra diese Worte gehört hatte, grüsste er den Heiligen und sprach:
»Was hätte ich euch zu geben! Aber lasst mich schnell davon, dass ich euch
Nichts nehme!« - Und so trennten sie sich von einander, der Greis und der
Mann, lachend, gleichwie zwei Knaben lachen.
Als Zarathustra aber allein war, sprach er also zu seinem Herzen: »Sollte es
denn möglich sein! Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch Nichts davon
gehört, dass Gott todt ist!« -
3
Als Zarathustra in die Nächste Stadt kam, die an den Wäldern liegt, fand er
daselbst viel Volk versammelt auf dem Markte: denn es war verheissen worden,
das man einen Seiltänzer sehen solle. Und Zarathustra sprach also zum Volke:
Ich lehre euch den Übermenschen.
Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden
soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?
Was ist der Affe für en Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche
Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein
Gelächter oder eine schmerzliche Scham.
Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist in euch
noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt ist der Mensch mehr Affe, als
irgend ein Affe.
Wer aber der Weiseste von euch ist, der ist auch nur ein Zwiespalt und Zwitter
von Pflanze und von Gespenst. Aber heisse ich euch zu Gespenstern oder
Pflanzen werden?
Seht, ich lehre euch den Übermenschen!
Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch
sei
der Sinn der Erde!
8
Ich beschwöre euch, meine Brüder,
bleibt der Erde treu
und glaubt Denen nicht,
welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie
es wissen oder nicht.
Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren die
Erde müde ist: so mögen sie dahinfahren!
Einst war der Frevel an Gott der grösste Frevel, aber Gott starb, und damit
auch diese Frevelhaften. An der Erde zu freveln ist jetzt das Furchtbarste und
die Eingeweide des Unerforschlichen höher zu achten, als der Sinn der Erde!
Einst blickte die Seele verächtlich auf den Leib: und damals war diese
Verachtung das Höchste: - sie wollte ihn mager, grässlich, verhungert. So dachte
sie ihm und der Erde zu entschlüpfen.
Oh diese Seele war selbst noch mager, grässlich und verhungert: und
Grausamkeit war die Wollust dieser Seele!
Aber auch ihr noch, meine Brüder, sprecht mir: was kündet euer Leib von eurer
Seele? Ist eure Seele nicht Armuth und Schmutz und ein erbärmliches Behagen?
Wahrlich, ein schmutziger Strom ist der Mensch. Man muss schon ein Meer
sein, um einen schmutzigen Strom aufnehmen zu können, ohne unrein zu
werden.
Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist diess Meer, in ihm kann eure
grosse Verachtung untergehn.
Was ist das Grösste, das ihr erleben könnt? Das ist die Stunde der grossen
Verachtung. Die Stunde, in der euch auch euer Glück zum Ekel wird und
ebenso eure Vernunft und eure Tugend.
Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meinem Glücke! Es ist Armuth und
Schmutz, und ein erbärmliches Behagen. Aber mein Glück sollte das Dasein
selber rechtfertigen!«
Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Vernunft! Begehrt sie nach
Wissen wie der Löwe nach seiner Nahrung? Sie ist Armuth und Schmutz und
ein erbärmliches Behagen!«
Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Tugend! Noch hat sie mich nicht
rasen gemacht. Wie müde bin ich meines Guten und meines Bösen! Alles das ist
Armuth und Schmutz und ein erbärmliches Behagen!«
Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Gerechtigkeit! Ich sehe nicht, dass
ich Gluth und Kohle wäre. Aber der Gerecht ist Gluth und Kohle!«
9
Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meinem Mitleiden! Ist nicht Mitleid das
Kreuz, an das Der genagelt wird, der die Menschen liebt? Aber mein Mitleiden
ist keine Kreuzigung.«
Spracht ihr schon so? Schriet ihr schon so? Ach, dass ich euch schon so
schreien gehört hatte!
Nicht eure Sünde - eure Genügsamkeit schreit gen Himmel, euer Geiz selbst in
eurer Sünde schreit gen Himmel!
Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn,
mit dem ihr geimpft werden müsstet?
Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz, der ist dieser
Wahnsinn! -
Als Zarathustra so gesprochen hatte, schrie Einer aus dem Volke: »Wir hörten
nun genug von dem Seiltänzer; nun lasst uns ihn auch sehen!« Und al es Volk
lachte über Zarathustra. Der Seiltänzer aber, welcher glaubte, dass das Wort ihm
gälte, machte sich an sein Werk.
4
Zarathustra aber sahe das Volk an und wunderte sich. Dann sprach er also:
Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch, - ein Seil
über einem Abgrunde.
Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches
Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben.
Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was
geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein
Untergang ist.
Ich liebe Die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn
es sind die Hinübergehenden.
Ich liebe die grossen Verachtenden, weil sie die grossen Verehrenden sind und
Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer.
Ich liebe Die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund suchen,
unterzugehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde opfern, dass die
Erde einst der Übermenschen werde.
Ich liebe Den, welcher lebt, damit er erkenne, und welcher erkennen will, damit
einst der Übermensch lebe. Und so will er seinen Untergang.
10
Ich liebe Den, welcher arbeitet und erfindet, dass er dem Übermenschen das
Haus baue und zu ihm Erde, Thier und Pflanze vorbereite: denn so will er
seinen Untergang.
Ich liebe Den, welcher seine Tugend liebt: denn Tugend ist Wille zum
Untergang und ein Pfeil der Sehnsucht.
Ich liebe Den, welcher nicht einen Tropfen Geist für sich zurückbehält,
sondern ganz der Geist seiner Tugend sein will: so schreitet er als Geist über die
Brücke.
Ich liebe Den, welcher aus seiner Tugend seinen Hang und sein Verhängniss
macht: so will er um seiner Tugend willen noch leben und nicht mehr leben.
Ich liebe Den, welcher nicht zu viele Tugenden haben will. Eine Tugend ist
mehr Tugend, als zwei, weil sie mehr Knoten ist, an den sich das Verhängniss
hängt.
Ich liebe Den, dessen Seele sich verschwendet, der nicht Dank haben will und
nicht zurückgiebt: denn er schenkt immer und will sich nicht bewahren.
Ich liebe Den, welcher sich schämt, wenn der Würfel zu seinem Glücke fällt
und der dann fragt: bin ich denn ein falscher Spieler? - denn er will zu Grunde
gehen.
Ich liebe Den, welcher goldne Worte seinen Thaten voraus wirft und immer
noch mehr hält, als er verspricht: denn er will seinen Untergang.
Ich liebe Den, welcher die Zukünftigen rechtfertigt und die Vergangenen erlöst:
denn er will an den Gegenwärtigen zu Grunde gehen.
Ich liebe Den, welcher seinen Gott züchtigt, weil er seinen Gott liebt: denn er
muss am Zorne seines Gottes zu Grunde gehen.
Ich liebe Den, dessen Seele tief ist auch in der Verwundung, und der an einem
kleinen Erlebnisse zu Grunde gehen kann: so geht er gerne über die Brücke.
Ich liebe Den, dessen Seele übervoll ist, so dass er sich selber vergisst, und alle
Dinge in ihm sind: so werden alle Dinge sein Untergang.
Ich liebe Den, der freien Geistes und freien Herzes ist: so ist sein Kopf nur das
Eingeweide seines Herzens, sein Herz aber treibt ihn zum Untergang.
Ich liebe alle Die, welche schwere Tropfen sind, einzeln fallend aus der dunklen
Wolke, die über den Menschen hängt: sie verkündigen, dass der Blitz kommt,
und gehn als Verkündiger zu Grunde.
Seht, ich bin ein Verkündiger des Blitzes und ein schwerer Tropfen aus der
Wolke: dieser Blitz aber heisst Übermensch. -
11
5
Als Zarathustra diese Worte gesprochen hatte, sahe er wieder das Volk an und
schwieg. »Da stehen sie«, sprach er zu seinem Herzen, »da lachen sie: sie
verstehen mich nicht, ich bin nicht der Mund für diese Ohren.
Muss man ihnen erst die Ohren zerschlagen, dass sie lernen, mit den Augen
hören. Muss man rasseln gleich Pauken und Busspredigern? Oder glauben sie
nur dem Stammelnden?
Sie haben etwas, worauf sie stolz sind. Wie nennen sie es doch, was sie stolz
macht? Bildung nennen sie′s, es zeichnet sie aus vor den Ziegenhirten.
Drum hören sie ungern von sich das Wort »Verachtung«. So will ich denn zu
ihrem Stolze reden.
So will ich ihnen vom Verächtlichsten sprechen: das aber ist der letzte Mensch.«
Und also sprach Zarathustra zum Volke:
Es ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, dass
der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze.
Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm und
zahm sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen können.
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner
Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens
verlernt hat, zu schwirren!
Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern
gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird.
Wehe! Es kommt die Weit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht
mehr verachten kann.
Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen.
»Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern« - so fragt
der letzte Mensch und blinzelt.
Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der
Alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar, wie der Erdfloh; der letzte
Mensch lebt am längsten.
»Wir haben das Glück erfunden« - sagen die letzten Menschen und blinzeln.
12
Sie haben den Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht
Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht
Wärme.
Krankwerden und Misstrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam
einher. Ein Thor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!
Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt,
zu einem angenehmen Sterben.
Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt dass die
Unterhaltung nicht angreife.
Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch
regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.
Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders
fühlt, geht freiwillig in′s Irrenhaus.
»Ehemals war alle Welt irre« - sagen die Feinsten und blinzeln.
Man ist klug und weiss Alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu
spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald - sonst verdirbt es
den Magen.
Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man
ehrt die Gesundheit.
»Wir haben das Glück erfunden« - sagen die letzten Menschen und blinzeln -
Und hier endete die erste Rede Zarathustra′s, welche man auch »die Vorrede«
heisst: denn an dieser Stelle unterbrach ihn das Geschrei und die Lust der
Menge. »Gieb uns diesen letzten Menschen, oh Zarathustra, - so riefen sie -
mache uns zu diesen letzten Menschen! So schenken wir dir den
Übermenschen!« Und alles Volk jubelte und schnalzte mit der Zunge.
Zarathustra aber wurde traurig und sagte zu seinem Herzen:
Sie verstehen mich nicht: ich bin nicht den Mund für diese Ohren.
Zu lange wohl lebte ich im Gebirge, zu viel horchte ich auf Bäche und Bäume:
nun rede ich ihnen gleich den Ziegenhirten.
Unbewegt ist meine Seele und hell wie das Gebirge am Vormittag. Aber sie
meinen, ich sei kalt und ein Spötter in furchtbaren Spässen.
Und nun blicken sie mich an und lachen: und indem sie lachen, hassen sie mich
noch. Es ist Eis in ihrem Lachen.
13
6
Da aber geschah Etwas, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr machte.
Inzwischen nämlich hatte der Seiltänzer sein Werk begonnen: er war aus einer
kleiner Thür hinausgetreten und gieng über das Seil, welches zwischen zwei
Thürmen gespannt war, also, dass es über dem Markte und dem Volke hieng.
Als er eben in der Mitte seines Weges war, öffnete sich die kleine Thür noch
einmal, und ein bunter Gesell, einem Possenreisser gleich, sprang heraus und
gieng mit schnellen Schritten dem Ersten nach. »Vorwärts, Lahmfuss, rief seine
fürchterliche Stimme, vorwärts Faulthier, Schleichhändler, Bleichgesicht! Dass
ich dich nicht mit meiner Ferse kitzle! Was treibst du hier zwischen Thürmen?
In den Thurm gehörst du, einsperren sollte man dich, einem Bessern, als du
bist, sperrst du die freie Bahn!« - Und mit jedem Worte kam er ihm näher und
näher: als er aber nur noch einen Schritt hinter ihm war, da geschah das
Erschreckliche, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr machte: - er stiess
ein Geschrei aus wie ein Teufel und sprang über Den hinweg, der ihm im Wege
war. Dieser aber, als er so seinen Nebenbuhler siegen sah, verlor dabei den
Kopf und das Seil; er warf seine Stange weg und schoss schneller als diese, wie
ein Wirbel von Armen und Beinen, in die Tiefe. Der Markt und das Volk glich
dem Meere, wenn der Sturm hineinfährt: Alles floh aus einander und
übereinander, und am meisten dort, wo der Körper niederschlagen musste.
Zarathustra aber blieb stehen, und gerade neben ihn fiel der Körper hin, übel
zugerichtet und zerbrochen, aber noch nicht todt. Nach einer Weile kam dem
Zerschmetterten das Bewusstsein zurück, und er sah Zarathustra neben sich
knieen. »Was machst du da? sagte er endlich, ich wusste es lange, dass mir der
Teufel ein Bein stellen werde. Nun schleppt er mich zur Hölle: willst du′s ihm
wehren?«
»Bei meiner Ehre, Freund, antwortete Zarathustra, das giebt es Alles nicht,
wovon du sprichst: es giebt keinen Teufel und keine Hölle. Deine Seele wird
noch schneller todt sein als dein Leib: fürchte nun Nichts mehr!«
Der Mann blickte misstrauisch auf. »Wenn du die Wahrheit sprichst, sagte er
dann, so verliere ich Nichts, wenn ich das Leben verliere. Ich bin nicht viel
mehr als ein Thier, das man tanzen gelehrt hat, durch Schläge und schmale
Bissen.«
»Nicht doch, sprach Zarathustra; du hast aus der Gefahr deinen Beruf gemacht,
daran ist Nichts zu verachten. Nun gehst du an deinem Beruf zu Grunde: dafür
will ich dich mit meinen Händen begraben.«
14
Als Zarathustra diess gesagt hatte, antwortete der Sterbende nicht mehr; aber er
bewegte die Hand, wie als ob er die Hand Zarathustra′s zum Danke suche. -
7
Inzwischen kam der Abend, und der Markt barg sich in Dunkelheit: da verlief
sich das Volk, denn selbst Neugierde und Schrekken werde müde. Zarathustra
aber sass neben dem Todten auf der Erde und war in Gedanken versunken: so
vergass er die Zeit. Endlich aber wurde es Nacht, und ein kalter Wind blies über
den Einsamen. Da erhob sich Zarathustra und sagte zu seinem Herzen:
Wahrlich, einen schönen Fischfang that heute Zarathustra! Keinen Menschen
fieng er, wohl aber einen Leichnam.
Unheimlich ist das menschliche Dasein und immer noch ohne Sinn: ein
Possenreisser kann ihm zum Verhängniss werden.
Ich will die Menschen den Sinn ihres Seins lehren: welcher ist der Übermensch,
der Blitz aus der dunklen Wolke Mensch.
Aber noch bin ich ihnen ferne, und mein Sinn redet nicht zu ihren Sinnen. Eine
Mitte bin ich noch den Menschen zwischen einem Narren und einem
Leichnam.
Dunkel ist die Nacht, dunkel sind die Wege Zarathustra′s. Komm, du kalter und
steifer Gefährte! Ich trage dich dorthin, wo ich dich mit meinen Händen
begrabe.
8
Als Zarathustra diess zu seinem Herzen gesagt hatte, lud er den Leichnam auf
seinem Rücken und machte sich auf den Weg. Und noch nicht war er hundert
Schritte gegangen, da schlich ein Mensch an ihn heran und flüsterte ihm in′s
Ohr - und siehe! Der, welcher redete, war der Possenreisser vom Thurme. »Geh
weg von dieser Stadt, oh Zarathustra, sprach er; es hassen dich hier zu Viele. Es
hassen dich die Guten und Gerechten und sie nennen dich ihren Feind und
Verächter; es hassen dich die Gläubigen des rechten Glaubens, und sie nennen
dich die Gefahr der Menge. Dein Glück war es, dass man über dich lachte: und
wahrlich, du redetest gleich einem Possenreisser. Dein Glück war es, dass du
dich dem todten Hunde geselltest; als du dich so erniedrigtest, hast du dich
selber für heute errettet. Geh aber fort aus dieser Stadt - oder morgen springe
ich über dich hinweg, ein Lebendiger über einen Todten.« Und als er diess
gesagt hatte, verschwand der Mensch; Zarathustra aber gieng weiter durch die
dunklen Gassen.
15
Am Thore der Stadt begegneten ihm die Todtengräber: sie leuchteten ihm mit
der Fackel in′s Gesicht, erkannten Zarathustra und spotteten sehr über ihn.
»Zarathustra trägt den todten Hund davon: brav, dass Zarathustra zum
Todtengräber wurde! Denn unsere Hände sind zu reinlich für diesen Braten.
Will Zarathustra wohl dem Teufel seinen Bissen stehlen? Nun wohlan! Und gut
Glück zur Mahlzeit! Wenn nur nicht der Teufel ein besserer Dieb ist, als
Zarathustra! - er stiehlt die Beide, er frisst sie Beide!« Und sie lachten mit
einander und steckten die Köpfe zusammen.
Zarathustra sagte dazu kein Wort und gieng seines Weges. Als er zwei Stunden
gegangen war, an Wäldern und Sümpfen vorbei, da hatte er zu viel das hungrige
Geheul der Wölfe gehört, und ihm selber kam der Hunger. So blieb er an einem
einsamen Hause stehn, in dem ein Licht brannte.
Der Hunger überfällt mich, sagte Zarathustra, wie ein Räuber. In Wäldern und
Sümpfen überfällt mich mein Hunger und in tiefer Nacht.
Wunderliche Launen hat mein Hunger. Oft kommt er mir erst nach der
Mahlzeit, und heute kam er den ganzen Tag nicht: wo weilte er doch?
Und damit schlug Zarathustra an das Thor des Hauses. Ein alter Mann
erschien; er trug das Licht und fragte: »Wer kommt zu mir und zu meinem
schlimmen Schlafe?«
»Ein Lebendiger und ein Todter, sagte Zarathustra. Gebt mir zu essen und zu
trinken, ich vergass es am Tage. Der, welcher den Hungrigen speiset, erquickt
seine eigene Seele: so spricht die Weisheit.«
Der Alte gieng fort, kam aber gleich zurück und bot Zarathustra Brod und
Wein. »Eine böse Gegend ist′s für Hungernde, sagte er; darum wohne ich hier.
Thier und Mensch kommen zu mir, dem Einsiedler. Aber heisse auch deinen
Gefährten essen und trinken, er ist müder als du.« Zarathustra antwortete:
»Todt ist mein Gefährte, ich werde ihn schwerlich dazu überreden.« »Das geht
mich Nichts an, sagte der Alte mürrisch; wer an meinem Hause anklopft, muss
auch nehmen, was ich ihm biete. Esst und gehabt euch wohl!« -
Darauf gieng Zarathustra wieder zwei Stunden und vertraute dem Wege und
dem Lichte der Sterne: denn er war ein gewohnter Nachtgänger und liebte es,
allem Schlafenden in′s Gesicht zu sehn. Als aber der Morgen graute, fand sich
Zarathustra in einem tiefen Walde, und kein Weg zeigte sich ihm mehr. Da legte
er den Todten in einen hohlen Baum sich zu Häupten - denn er wollte ihn vor
den Wölfen schützen - und sich selber auf den Boden und das Moos. Und
alsbald schlief er ein, müden Leibes, aber mit einer unbewegten Seele.
16
9
Lange schlief Zarathustra, und nicht nur die Morgenröthe gieng über sein
Antlitz, sondern auch der Vormittag. Endlich aber that sein Auge sich auf:
verwundert sah Zarathustra in den Wald und die Stille, verwundert sah er in sich
hinein. Dann erhob er sich schnell, wie ein Seefahrer, der mit Einem Male Land
sieht, und jauchzte: denn er sah eine neue Wahrheit. Und also redete er dann zu
seinem Herzen:
Ein Licht gieng mir auf: Gefährten brauche ich und lebendige, - nicht todte
Gefährten und Leichname, die ich mit mir trage, wohin ich will.
Sondern lebendige Gefährten brauche ich, die mir folgen, weil sie sich selber
folgen wollen - und dorthin, wo ich will.
Ein Licht gieng mir auf: nicht zum Volke rede Zarathustra, sondern zu
Gefährten! Nicht soll Zarathustra einer Heerde Hirt und Hund werden!
Viele wegzulocken von der Heerde - dazu kam ich. Zürnen soll mir Volk und
Heerde: Räuber will Zarathustra den Hirten heissen.
Hirten sage ich, aber sie nennen sich die Guten und Gerechten. Hirten sage ich:
aber sie nennen sich die Gläubigen des rechten Glaubens.
Siehe die Guten und Gerechten! Wen hassen sie am meisten? Den, der zerbricht
ihre Tafeln der Werthe, den Brecher, den Verbrecher: - das aber ist der
Schaffende.
Siehe die Gläubigen aller Glauben! Wen hassen sie am meisten? Den, der
zerbricht ihre Tafeln der Werthe, den Brecher, den Verbrecher: - das aber ist der
Schaffende.
Gefährten sucht der Schaffende und nicht Leichname, und auch nicht Heerden
und Gläubige. Die Mitschaffenden sucht der Schaffende, Die, welche neue
Werthe auf neue Tafeln schreiben.
Gefährten sucht der Schaffende, und Miterntende: denn Alles steht bei ihm reif
zur Ernte. Aber ihm fehlen die hundert Sicheln: so rauft er Ähren aus und ist
ärgerlich.
Gefährten sucht der Schaffende, und solche, die ihre Sicheln zu wetzen wissen.
Vernichter wird man sie heissen und Verächter des Guten und Bösen. Aber die
Erntenden sind es und die Feiernden.
Mitschaffende sucht Zarathustra, Miterntende und Mitfeiernde sucht
Zarathustra: was hat er mit Heerden und Hirten und Leichnamen zu schaffen!
17
Und du, mein erster Gefährte, gehab dich wohl! Gut begrub ich dich in deinem
hohlen Baume, gut barg ich dich vor den Wölfen.
Aber ich scheide von dir, die Zeit ist um. Zwischen Morgenröthe und
Morgenröthe kam mir eine neue Wahrheit.
Nicht Hirt soll ich sein, nicht Todtengräber. Nicht reden einmal will ich wieder
mit dem Volke; zum letzten Male sprach ich zu einem Todten.
Den Schaffenden, den Erntenden, den Feiernden will ich mich zugesellen: den
Regenbogen will ich ihnen zeigen und alle die Treppen des Übermenschen.
Den Einsiedlern werde ich mein Lied singen und den Zweisiedlern; und wer
noch Ohren hat für Unerhörtes, dem will ich sein Herz schwer machen mit
meinem Glücke.
Zu meinem Ziele wil ich, ich gehe meinen Gang; über die Zögernden und
Saumseligen werde ich hinwegspringen. Also sei mein Gang ihr Untergang!
10
Diess hatte Zarathustra zu seinem Herzen gesprochen, als die Sonne im Mittag
stand: da blickte er fragend in die Höhe - denn er hörte über sich den scharfen
Ruf eines Vogels. Und siehe! Ein Adler zog in weiten Kreisen durch die Luft,
und an ihm hieng eine Schlange, nicht einer Beute gleich, sondern einer
Freundin: denn sie hielt sich um seinen Hals geringelt.
»Es sind meine Thiere!« sagte Zarathustra und freute sich von Herzen.
Das stolzeste Thier unter der Sonne und das klügste Thier unter der Sonne - sie
sind ausgezogen auf Kundschaft.
Erkunden wol en sie, ob Zarathustra noch lebe. Wahrlich, lebe ich noch?
Gefährlicher fand ich′s unter Menschen als unter Thieren, gefährlicher Wege
geht Zarathustra. Mögen mich meine Thiere führen!«
Als Zarathustra diess gesagt hatte, gedachte er der Worte des Heiligen im
Walde, seufzte und sprach also zu seinem Herzen:
Möchte ich klüger sein! Möchte ich klug von Grund aus sein, gleich meiner
Schlange!
Aber Unmögliches bitte ich da: so bitte ich denn meinen Stolz, dass er immer
mit meiner Klugheit gehe!
Und wenn mich einst meine Klugheit verlässt: - ach, sie liebt es, davonzufliegen!
- möge mein Stolz dann noch mit meiner Thorheit fliegen!
18
- Also begann Zarathustra′s Untergang.
Die Reden Zarathustra′s
Von den drei Verwandlungen
Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kameele
wird, und zum Löwen das Kameel, und zum Kinde zuletzt der Löwe.
Vieles Schwere giebt es dem Geiste, dem starken, tragsamen Geiste, dem
Ehrfurcht innewohnt: nach dem Schweren und Schwersten verlangt seine
Stärke.
Was ist schwer? so fragt der tragsame Geist, so kniet er nieder, dem Kameele
gleich, und will gut beladen sein.
Was ist das Schwerste, ihr Helden? so fragt der tragsame Geist, dass ich es auf
mich nehme und meiner Stärke froh werde.
Ist es nicht das: sich erniedrigen, um seinem Hochmuth wehe zu thun? Seine
Thorheit leuchten lassen, um seiner Weisheit zu spotten?
Oder ist es das: von unserer Sache scheiden, wenn sie ihren Sieg feiert? Auf
hohe Berge steigen, um den Versucher zu versuchen?
Oder ist es das: sich von Eicheln und Gras der Erkenntniss nähren und um der
Wahrheit willen an der Seele Hunger leiden?
Oder ist es das: krank sein und die Tröster heimschicken und mit Tauben
Freundschaft schliessen, die niemals hören, was du willst?
Oder ist es das: in schmutziges Wasser steigen, wenn es das Wasser der
Wahrheit ist, und kalte Frösche und heisse Kröten nicht von sich weisen?
Oder ist es das: Die lieben, die uns verachten, und dem Gespenste die Hand
reichen, wenn es uns fürchten machen will?
Alles diess Schwerste nimmt der tragsame Geist auf sich: dem Kameele gleich,
das beladen in die Wüste eilt, also eilt er in seine Wüste.
Aber in der einsamsten Wüste geschieht die zweite Verwandlung: zum Löwen
wird hier der Geist, Freiheit will er sich erbeuten und Herr sein in seiner eignen
Wüste.
Seinen letzten Herrn sucht er sich hier: feind will er ihm werden und seinem
letzten Gotte, um Sieg will er mit dem grossen Drachen ringen.
19
Welches ist der grosse Drache, den der Geist nicht mehr Herr und Gott heissen
mag? »Du-sollst« heisst der grosse Drache. Aber der Geist des Löwen sagt »Ich
will«.
»Du-sollst« liegt ihm am Wege, goldfunkelnd, ein Schuppenthier, und auf jeder
Schuppe glänzt golden »Du-sollst!«
Tausendjährige Werthe glänzen an diesen Schuppen, und also spricht der
mächtigste aller Drachen »aller Werth der Dinge - der glänzt an mir.«
»Aller Werth ward schon geschaffen, und aller geschaffene Werth - das bin ich.
Wahrlich, es soll kein »Ich will« mehr geben!« Also spricht der Drache.
Meine Brüder, wozu bedarf es des Löwen im Geiste? Was genügt nicht das
lastbare Thier, das entsagt und ehrfürchtig ist?
Neue Werthe schaffen - das vermag auch der Löwe noch nicht: aber Freiheit
sich schaffen zu neuem Schaffen - das vermag die Macht des Löwen.
Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht: dazu, meine
Brüder bedarf es des Löwen.
Recht sich nehmen zu neuen Werthen - das ist das furchtbarste Nehmen für
einen tragsamen und ehrfürchtigen Geist. Wahrlich, ein Rauben ist es ihm und
eines raubenden Thieres Sache.
Als sein Heiligstes liebte er einst das »Du-sollst«: nun muss er Wahn und
Willkür auch noch im Heiligsten finden, dass er sich Freiheit raube von seiner
Liebe: des Löwen bedarf es zu diesem Raube.
Aber sagt, meine Brüder, was vermag noch das Kind, das auch der Löwe nicht
vermochte? Was muss der raubende Löwe auch noch zum Kinde werden?
Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich
rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen.
Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens:
seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.
Drei Verwandlungen nannte ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kameele
ward, und zum Löwen das Kameel, und der Löwe zuletzt zum Kinde. --
Also sprach Zarathustra. Und damals weilte er in der Stadt, welche genannt
wird: die bunte Kuh.
20
Von den Lehrstühlen der Tugend
Man rühmte Zarathustra einen Weisen, der gut vom Schlafe und von der
Tugend zu reden wisse: sehr werde er geehrt und gelohnt dafür, und alle
Jünglinge sässen vor seinem Lehrstuhle. Zu ihm gieng Zarathustra, und mit
allen Jünglingen sass er vor seinem Lehrstuhle. Und also sprach der Weise:
Ehre und Scham vor dem Schlafe! Das ist das Erste! Und Allen aus dem Wege
gehn, die schlecht schlafen und Nachts wachen!
Schamhaft ist noch der Dieb vor dem Schlafe: stets stiehlt er sich leise durch die
Nacht. Schamlos aber ist der Wächter der Nacht, schamlos trägt er sein Horn.
Keine geringe Kunst ist schlafen: es thut schon Noth, den ganzen Tag darauf
hin zu wachen.
Zehn Mal musst du des Tages dich selber überwinden: das macht eine gute
Müdigkeit und ist Mohn der Seele.
Zehn Mal musst du dich wieder dir selber versöhnen; denn Überwindung ist
Bitterniss, und schlecht schläft der Unversöhnte.
Zehn Wahrheiten musst du des Tages finden: sonst suchst du noch des Nachts
nach Wahrheit, und deine Seele blieb hungrig.
Zehn Mal musst du lachen am Tage und heiter sein: sonst stört dich der Magen
in der Nacht, dieser Vater der Trübsal.
Wenige wissen das: aber man muss alle Tugenden haben, um gut zu schlafen.
Werde ich falsch Zeugniss reden? Werde ich ehebrechen?
Werde ich mich gelüsten lassen meines Nächsten Magd? Das Alles vertrüge sich
schlecht mit gutem Schlafe.
Und selbst wenn man alle Tugenden hat, muss man sich noch auf Eins
verstehn: selber die Tugenden zur rechten Zeit schlafen schicken.
Dass sie sich nicht mit einander zanken, die artigen Weiblein! Und über dich, du
Unglückseliger!
Friede mit Gott und dem Nachbar: so will es der gute Schlaf. Und Friede auch
noch mit des Nachbars Teufel! Sonst geht er bei dir des Nachts um.
Ehre der Obrigkeit und Gehorsam, und auch der krummen Obrigkeit! So will
es der gute Schlaf. Was kann ich dafür, dass die Macht gerne auf krummen
Beinen Wandelt?
Der soll mir immer der beste Hirt heissen, der sein Schaf auf die grünste Aue
führt: so verträgt es sich mit dem gutem Schlafe.
21
Viel Ehren will ich nicht, noch grosse Schätze: das entzündet die Milz. Aber
schlecht schläft es sich ohne einen guten Namen und einen kleinen Schatz.
Eine kleine Gesellschaft ist mir willkommener als eine böse: doch muss sie gehn
und kommen zur rechten Zeit. So verträgt es sich mit gutem Schlafe.
Sehr gefallen mir auch die Geistig-Armen: sie fördern den Schlaf. Selig sind die,
sonderlich, wenn man ihnen immer Recht giebt.
Also läuft der Tag dem Tugendsamen. Kommt nun die Nacht, so hüte ich mich
wohl, den Schlaf zu rufen! Nicht will er gerufen sein, der Schlaf, der der Herr
der Tugenden ist!
Sondern ich denke, was ich des Tages gethan und gedacht. Wiederkäuend frage
ich mich, geduldsam gleich einer Kuh: welches waren doch deine zehn
Überwindungen?
Und welches waren die zehn Versöhnungen und die zehn Wahrheiten und die
zehn Gelächter, mit denen sich mein Herz gütlich that?
Solcherlei erwägend und gewiegt von vierzig Gedanken, überfällt mich auf
einmal der Schlaf, der Ungerufne, der Herr der Tugenden.
Der Schlaf klopft mir auf meine Auge: da wird es schwer. Der Schlaf berührt
mir den Mund: da bleibt er offen.
Wahrlich, auf weichen Sohlen kommt er mir, der liebste der Diebe, und stiehlt
mir meine Gedanken: dumm stehe ich da wie dieser Lehrstuhl.
Aber nicht lange mehr stehe ich dann: da liege ich schon. -
Als Zarathustra den Weisen also sprechen hörte, lachte er bei sich im Herzen:
denn ihm war dabei ein Licht aufgegangen. Und also sprach er zu seinem
Herzen:
Ein Narr ist mir dieser Weise da mit seinen vierzig Gedanken: aber ich glaube,
dass er sich wohl auf das Schlafen versteht.
Glücklich schon, wer in der Nähe dieses Weisen wohnt! Solch ein Schlaf steckt
an, noch durch eine dicke Wand hindurch steckt er an.
Ein Zauber wohnt selbst in seinem Lehrstuhle. Und nicht vergebens sassen die
Jünglinge vor dem Prediger der Tugend.
Seine Weisheit heisst: wachen, um gut zu schlafen. Und wahrlich, hätte das
Leben keinen Sinn und müsste ich Unsinn wählen, so wäre auch mir diess der
wählenswürdigste Unsinn.
22
Jetzo verstehe ich klar, was einst man vor Allem suchte, wenn man Lehrer der
Tugend suchte. Guten Schlaf suchte man sich und mohnblumige Tugenden
dazu!
Allen diesen gelobten Weisen der Lehrstühle war Weisheit der Schlaf ohne
Träume: sie kannten keinen bessern Sinn des Lebens.
Auch noch heute wohl giebt es Einige, wie diesen Prediger der Tugend, und
nicht immer so Ehrliche: aber ihre Zeit ist um. Und nicht mehr lange stehen sie
noch: da liegen sie schon.
Selig sind diese Schläfrigen: denn sie sollen bald einnicken. -
Also sprach Zarathustra.
Von den Hinterweltlern
Einst warf auch Zarathustra seinen Wahn jenseits des Menschen, gleich allen
Hinterweltlern. Eines leidenden und zerquälten Gottes Werk schien mir da die
Welt.
Traum schien mir da die Welt und Dichtung eines Gottes; farbiger Rauch vor
den Augen eines göttlich Unzufriednen.
Gut und böse und Lust und Leid und Ich und Du - farbiger Rauch dünkte
mich′s vor schöpferischen Augen. Wegsehn wollte der Schöpfer von sich, - da
schuf er die Welt.
Trunkne Lust ist′s dem Leidenden, wegzusehn von seinem Leiden und sich zu
verlieren. Trunkne Lust Und Selbst-sich-Verlieren dünkte mich einst die Welt.
Diese Welt, die ewig unvollkommene, eines ewigen Widerspruches Abbild und
unvollkommnes Abbild - eine trunkne Lust ihrem unvollkommnen Schöpfer: -
also dünkte mich einst die Welt.
Also warf auch ich einst meinen Wahn jenseits des Menschen, gleich allen
Hinterweltlern. Jenseits des Menschen in Wahrheit?
Ach, ihr Brüder, dieser Gott, den ich schuf, war Menschen-Werk und
-Wahnsinn, gleich allen Göttern!
Mensch war er, und nur ein armes Stück Mensch und Ich: aus der eigenen
Asche und Gluth kam es mir, dieses Gespenst, und wahrlich! Nicht kam es mir
von Jenseits!
Was geschah, meine Brüder? Ich überwand mich, den Leidenden, ich trug
meine eigne Asche zu Berge, eine hellere Flamme erfand ich mir. Und siehe! Da
wich das Gespenst von mir!
23
Leiden wäre es mir jetzt und Qual dem Genesenen, solche Gespenster zu
glauben: Leiden wäre es mir jetzt und Erniedrigung. Also rede ich zu den
Hinterweltlern.
Leiden war′s und Unvermögen - das schuf alle Hinterwelten; und jener kurze
Wahnsinn des Glücks, den nur der Leidendste erfährt.
Müdigkeit, die mit Einem Sprunge zum Letzten will, mit einem Todessprunge,
eine arme unwissende Müdigkeit, die nicht einmal mehr wollen will: die schuf
alle Götter und Hinterwelten.
Glaubt es mir, meine Brüder! Der Leib war′s, der am Leibe verzweifelte, - der
tastete mit den Fingern des bethörten Geistes an die letzten Wände.
Glaubt es mir, meine Brüder! Der Leib war′s, der an der Erde verzweifelte, - der
hörte den Bauch des Seins zu sich reden.
Und da wollte er mit dem Kopfe durch die letzten Wände, und nicht nur mit
dem Kopfe, - hinüber zu »jener Welt«.
Aber »jene Welt« ist gut verborgen vor dem Menschen, jene entmenschte
unmenschliche Welt, die ein himmlisches Nichts ist; und der Bauch des Seins
redet gar nicht zum Menschen, es sei denn als Mensch.
Wahrlich, schwer zu beweisen ist alles Sein und schwer zum Reden zu bringen.
Sagt mir, ihr Brüder, ist nicht das Wunderlichste aller Dinge noch am besten
bewiesen?
Ja, diess Ich und des Ich′s Widerspruch und Wirrsal redet noch am redlichsten
von seinem Sein, dieses schaffende, wollende, werthende Ich, welches das
Maass und der Werth der Dinge ist.
Und diess redlichste Sein, das Ich - das redet vom Leibe, und es will noch den
Leib, selbst wenn es dichtet und schwärmt und mit zerbrochnen Flügeln
flattert.
Immer redlicher lernt es reden, das Ich: und je mehr es lernt, um so mehr findet
es Worte und Ehren für Leib und Erde.
Einen neuen Stolz lehrte mich mein Ich, den lehre ich die Menschen: - nicht
mehr den Kopf in den Sand der himmlischen Dinge zu stecken, sondern frei
ihn zu tragen, einen Erden-Kopf, der der Erde Sinn schafft!
Einen neuen Willen lehre ich die Menschen: diesen Weg wollen, den blindlings
der Mensch gegangen, und gut ihn heissen und nicht mehr von ihm bei Seite
schleichen, gleich den Kranken und Absterbenden!
24
Kranke und Absterbende waren es, die verachteten Leib und Erde und erfanden
das Himmlische und die erlösenden Blutstropfen: aber auch noch diese süssen
und düstern Gifte nahmen sie von Leib und Erde!
Ihrem Elende wollten sie entlaufen, und die Sterne waren ihnen zu weit. Da
seufzten sie: »Oh dass es doch himmlische Wege gäbe, sich in ein andres Sein
und Glück zu schleichen!« - da erfanden sie sich ihre Schliche und blutigen
Tränklein!
Ihrem Leibe und dieser Erde nun entrückt wähnten sie sich, diese
Undankbaren. Doch wem dankten sie ihrer Entrückung Krampf und Wonne?
Ihrem Leibe und dieser Erde.
Milde ist Zarathustra den Kranken. Wahrlich, er zürnt nicht ihren Arten des
Trostes und Undanks. Mögen sie Genesende werden und Überwindende und
einen höheren Leib sich schaffen!
Nicht auch zürnt Zarathustra dem Genesenden, wenn er zärtlich nach seinem
Wahne blickt und Mitternachts um das Grab seines Gottes schleicht: aber
Krankheit und kranker Leib bleiben mir auch seine Thränen noch.
Vieles krankhafte Volk gab es immer unter Denen, welche dichten und
gottsüchtig sind; wüthend hassen sie den Erkennenden und jene jüngste der
Tugenden, welche heisst: Redlichkeit.
Rückwärts blicken sie immer nach dunklen Zeiten: da freilich war Wahn und
Glaube ein ander Ding; Raserei der Vernunft war Gottähnlichkeit, und Zweifel
Sünde.
Allzugut kenne ich diese Gottähnlichen: sie wollen, dass an sie geglaubt werde,
und Zweifel Sünde sei. Allzugut weiss ich auch, woran sie selber am besten
glauben.
Wahrlich nicht an Hinterwelten und erlösende Blutstropfen: sondern an den
Leib glauben auch sie am besten, und ihr eigener Leib ist ihnen ihr Ding an
sich.
Aber ein krankhaftes Ding ist er ihnen: und gerne möchten sie aus der Haut
fahren. Darum horchen sie nach den Predigern des Todes und predigen selber
Hinterwelten.
Hört mir lieber, meine Brüder, auf die Stimme des gesunden Leibes: eine
redlichere und reinere Simme ist diess.
Redlicher redet und reiner der gesunde Leib, der vollkommne und
rechtwinklige: und er redet vom Sinn der Erde.
25
Also sprach Zarathustra.
Von den Verächtern des Leibes
Den Verächtern des Leibes will ich mein Wort sagen. Nicht umlernen und
umlehren sollen sie mir, sondern nur ihrem eignen Leibe Lebewohl sagen - und
also stumm werden.
»Leib bin ich und Seele« - so redet das Kind. Und warum sollte man nicht wie
die Kinder reden?
Aber der Erwachte, der Wissende sagt: Leib bin ich ganz und gar, und Nichts
ausserdem; und Seele ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe.
Der Leib ist eine grosse Vernunft, eine Vielheit mit Einem Sinne, ein Krieg und
ein Frieden, eine Heerde und ein Hirt.
Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, mein Bruder, die du
»Geist« nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner grossen Vernunft.
»Ich« sagst du und bist stolz auf diess Wort. Aber das Grössere ist, woran du
nicht glauben wil st, - dein Leib und seine grosse Vernunft: die sagt nicht Ich,
aber thut Ich.
Was der Sinn fühlt, was der Geist erkennt, das hat niemals in sich sein Ende.
Aber Sinn und Geist möchten dich überreden, sie seien aller Dinge Ende: so
eitel sind sie.
Werk- und Spielzeuge sind Sinn und Geist: hinter ihnen liegt noch das Selbst.
Das Selbst sucht auch mit den Augen der Sinne, es horcht auch mit den Ohren
des Geistes.
Immer horcht das Selbst und sucht: es vergleicht, bezwingt, erobert, zerstört.
Es herrscht und ist auch des Ich′s Beherrscher.
Hinter deinen Gedanken und Gefühlen, mein Bruder, steht ein mächtiger
Gebieter, ein unbekannter Weiser - der heisst Selbst. In deinem Leibe wohnt er,
dein Leib ist er.
Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in deiner besten Weisheit. Und wer
weiss denn, wozu dein Leib gerade deine beste Weisheit nöthig hat?
Dein Selbst lacht über dein Ich und seine stolzen Sprünge. »Was sind mir diese
Sprünge und Flüge des Gedankens? sagt es sich. Ein Umweg zu meinem
Zwecke. Ich bin das Gängelband des Ich′s und der Einbläser seiner Begriffe.«
Das Selbst sagt zum Ich: »hier fühle Schmerz!« Und da leidet es und denkt nach,
wie es nicht mehr leide - und dazu eben soll es denken.
26
Das Selbst sagt zum Ich: »hier fühle Lust!« Da freut es sich und denkt nach, wie
es noch oft sich freue - und dazu eben soll es denken.
Den Verächtern des Leibes will ich ein Wort sagen. Dass sie verachten, das
macht ihr Achten. Was ist es, das Achten und Verachten und Werth und Wil en
schuf?
Das schaffende Selbst schuf sich Achten und Verachten, es schuf sich Lust und
Weh. Der schaffende Leib schuf sich den Geist als eine Hand seines Willens.
Noch in eurer Thorheit und Verachtung, ihr Verächter des Leibes, dient ihr
eurem Selbst. Ich sage euch: euer Selbst selber will sterben und kehrt sich vom
Leben ab.
Nicht mehr vermag es das, was es am liebsten wilI: - über sich hinaus zu
schaffen. Das will es am liebsten, das ist seine ganze Inbrunst.
Aber zu spät ward es ihm jetzt dafür: - so will euer Selbst untergehn, ihr
Verächter des Leibes.
Untergehn will euer Selbst, und darum wurdet ihr zu Verächtern des Leibes!
Denn nicht mehr vermögt ihr über euch hinaus zu schaffen.
Und darum zürnt ihr nun dem Leben und der Erde. Ein ungewusster Neid ist
im scheelen Blick eurer Verachtung.
Ich gehe nicht euren Weg, ihr Verächter des Leibes! Ihr seid mir keine Brücken
zum Übermenschen! -
Also sprach Zarathustra.
Von den Freuden- und Leidenschaften
Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast, und es deine Tugend ist, so hast du sie
mit Niemandem gemeinsam.
Freilich, du willst sie bei Namen nennen und liebkosen; du willst sie am Ohre
zupfen und Kurzweil mit ihr treiben.
Und siehe! Nun hast du ihren Namen mit dem Volke gemeinsam und bist Volk
und Heerde geworden mit deiner Tugend!
Besser thätest du, zu sagen: »unaussprechbar ist und namenlos, was meiner
Seele Qual und Süsse macht und auch noch der Hunger meiner Eingeweide ist.«
Deine Tugend sei zu hoch für die Vertraulichkeit der Namen: und musst du von
ihr reden, so schäme dich nicht, von ihr zu stammeln.
27
So sprich und stammle: »Das ist mein Gutes, das liebe ich, so gefällt es mir
ganz, so allein will ich das Gute.
Nicht will ich es als eines Gottes Gesetz, nicht will ich es als eine Menschen-
Satzung und -Nothdurft: kein Wegweiser sei es mir für Über-Erden und
Paradiese.
Eine irdische Tugend ist es, die ich liebe: wenig Klugheit ist darin und am
wenigsten die Vernunft Aller.
Aber dieser Vogel baute bei mir sich das Nest: darum liebe und herze ich ihn, -
nun sitze er bei mir auf seinen goldnen Eiern.«
So sollst du stammeln und deine Tugend loben.
Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie böse. Aber jetzt hast du nur
noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften.
Du legtest dein höchstes Ziel diesen Leidenschaften an′s Herz: da wurden sie
deine Tugenden und Freudenschaften.
Und ob du aus dem Geschlechte der Jähzornigen wärest oder aus dem der
Wollüstigen oder der Glaubens-Wüthigen oder der Rachsüchtigen:
Am Ende wurden alle deine Leidenschaften zu Tugenden und alle deine Teufel
zu Engeln.
Einst hattest du wilde Hunde in deinem Keller: aber am Ende verwandelten sie
sich zu Vögeln und lieblichen Sängerinnen.
Aus deinen Giften brautest du dir deinen Balsam; deine Kuh Trübsal melktest
du, - nun trinkst du die süsse Milch ihres Euters.
Und nichts Böses wächst mehr fürderhin aus dir, es sei denn das Böse, das aus
dem Kampfe deiner Tugenden wächst.
Mein Bruder, wenn du Glück hast, so hast du Eine Tugend und nicht mehr: so
gehst du leichter über die Brücke.
Auszeichnend ist es, viele Tugenden zu haben, aber ein schweres Loos; und
Mancher gieng in die Wüste und tödtete sich, weil er müde war, Schlacht und
Schlachtfeld von Tugenden zu sein.
Mein Bruder, ist Krieg und Schlacht böse? Aber nothwendig ist diess Böse,
nothwendig ist der Neid und das Misstrauen und die Verleumdung unter deinen
Tugenden.
28
Siehe, wie jede deiner Tugenden begehrlich ist nach dem Höchsten: sie will
deinen ganzen Geist, dass er ihr Herold sei, sie will deine ganze Kraft in Zorn,
Hass und Liebe.
Eifersüchtig ist jede Tugend auf die andre, und ein furchtbares Ding ist
Eifersucht. Auch Tugenden können an der Eifersucht zu Grunde gehn.
Wen die Flamme der Eifersucht umringt, der wendet zuletzt, gleich dem
Scorpione, gegen sich selber den vergifteten Stachel.
Ach, mein Bruder, sahst du noch nie eine Tugend sich selber verleumden und
erstechen?
Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss: und darum sollst du
deine Tugenden lieben, - denn du wirst an ihnen zu Grunde gehn. -
Also sprach Zarathustra.
Vom bleichen Verbrecher
Ihr wollt nicht tödten, ihr Richter und Opferer, bevor das Thier nicht genickt
hat? Seht, der bleiche Verbrecher hat genickt: aus seinem Auge redet die grosse
Verachtung.
»Mein Ich ist Etwas, das überwunden werden soll: mein Ich ist mir die grosse
Verachtung des Menschen«: so redet es aus diesem Auge.
Dass er sich selber richtete, war sein höchster Augenblick: lasst den Erhabenen
nicht wieder zurück in sein Niederes!
Es giebt keine Erlösung für Den, der so an sich selber leidet, es sei denn der
schnelle Tod.
Euer Tödten, ihr Richter, soll ein Mitleid sein und keine Rache. Und indem ihr
tödtet, seht zu, dass ihr selber das Leben rechtfertiget!
Es ist nicht genug, dass ihr euch mit Dem versöhnt, den ihr tödtet. Eure
Traurigkeit sei Liebe zum Übermenschen: so rechtfertigt ihr euer Noch-Leben!
»Feind« sollt ihr sagen, aber nicht »Bösewicht«; »Kranker« sollt ihr sagen, aber
nicht »Schuft«; »Thor« sollt ihr sagen, aber nicht »Sünder«.
Und du, rother Richter, wenn du laut sagen wolltest, was du Alles schon in
Gedanken gethan hast: so würde Jedermann schreien: »Weg mit diesem Unflath
und Giftwurm!«
Aber ein Anderes ist der Gedanke, ein Anderes die That, ein Anderes das Bild
der That. Das Rad des Grundes rollt nicht wischen ihnen.
29
Ein Bild machte diesen bleichen Menschen bleich. Gleichwüchsig war er seiner
That, als er sie that: aber ihr Bild ertrug er nicht, als sie gethan war.
Immer sah er sich nun als Einer That Thäter. Wahnsinn heisse ich diess: die
Ausnahme verkehrte sich ihm zum Wesen.
Der Strich bannt die Henne; der Streich, den er führte, bannte seine arme
Vernunft - den Wahnsinn nach der That heisse ich diess.
Hört, ihr Richter! Einen anderen Wahnsinn giebt es noch: und der ist vor der
That. Ach, ihr krocht mir nicht tief genug in diese Seele!
So spricht der rothe Richter: »was mordete doch dieser Verbrecher? Er wollte
rauben.« Aber ich sage euch: seine Seele wollte Blut, nicht Raub: er dürstete
nach dem Glück des Messers!
Seine arme Vernunft aber begriff diesen Wahnsinn nicht und überredete ihn.
»Was liegt an Blut! sprach sie; willst du nicht zum mindesten einen Raub dabei
machen? Eine Rache nehmen?«
Und er horchte auf seine arme Vernunft: wie Blei lag ihre Rede auf ihm, - da
raubte er, als er mordete. Er wollte sich nicht seines Wahnsinns schämen.
Und nun wieder liegt das Blei seiner Schuld auf ihm, und wieder ist seine arme
Vernunft so steif, so gelähmt, so schwer.
Wenn er nur den Kopf schütteln könnte, so würde seine Last herabrollen: aber
wer schüttelt diesen Kopf?
Was ist dieser Mensch? Ein Haufen von Krankheiten, welche durch den Geist
in die Welt hinausgreifen: da wollen sie ihre Beute machen.
Was ist dieser Mensch? Ein Knäuel wilder Schlangen, welche selten bei einander
Ruhe haben, - da gehn sie für sich fort und suchen Beute in der Welt.
Seht diesen armen Leib! Was er litt und begehrte, das deutete sich diese arme
Seele, - sie deutete es als mörderische Lust und Gier nach dem Glück des
Messers.
Wer jetzt krank wird, den überfällt das Böse, das jetzt böse ist: wehe will er
thun, mit dem, was ihm wehe thut. Aber es gab andre Zeiten und ein andres
Böses und Gutes.
Einst war der Zweifel böse und der Wille zum Selbst. Damals wurde der
Kranke zum Ketzer und zur Hege: als Ketzer und Hexe litt er und wollte leiden
machen.
Aber diess will nicht in eure Ohren: euren Guten schade es, sagt ihr mir. Aber
was liegt mir an euren Guten!
30
Vieles an euren Guten macht mir Ekel, und wahrlich nicht ihr Böses. Wol te ich
doch, sie hätten einen Wahnsinn, an dem sie zu Grunde giengen, gleich diesem
bleichen Verbrecher!
Wahrlich, ich wol te, ihr Wahnsinn hiesse Wahrheit oder Treue oder
Gerechtigkeit: aber sie haben ihre Tugend, um lange zu leben und in einem
erbärmlichen Behagen.
Ich bin ein Geländer am Strome: fasse mich, wer mich fassen kann! Eure
Krücke aber bin ich nicht. -
Also sprach Zarathustra.
Vom Lesen und Schreiben
Von allem Geschriebenen liebe ich nur Das, was Einer mit seinem Blute
schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, dass Blut Geist ist.
Es ist nicht leicht möglich, fremdes Blut zu verstehen: ich hasse die lesenden
Müssiggänger.
Wer den Leser kennt, der thut Nichts mehr für den Leser. Noch ein
Jahrhundert Leser - und der Geist selber wird stinken.
Dass Jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das
Schreiben, sondern auch das Denken.
Einst war der Geist Gott, dann wurde er zum Menschen und jetzt wird er gar
noch Pöbel.
Wer in Blut und Sprüchen schreibt, der will nicht gelesen, sondern auswendig
gelernt werden.
Im Gebirge ist der nächste Weg von Gipfel zu Gipfel: aber dazu musst du lange
Beine haben. Sprüche sollen Gipfel sein: und Die, zu denen gesprochen wird,
Grosse und Hochwüchsige.
Die Luft dünn und rein, die Gefahr nahe und der Geist voll einer fröhlichen
Bosheit: so passt es gut zu einander.
Ich will Kobolde um mich haben, denn ich bin muthig. Muth, der die
Gespenster verscheucht, schafft sich selber Kobolde, - der Muth will lachen.
Ich empfinde nicht mehr mit euch: diese Wolke, die ich unter mir sehe, diese
Schwärze und Schwere, über die ich lache, - gerade das ist eure Gewitterwolke.
Ihr seht nach Oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe hinab, weil
ich erhoben bin.
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Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein?
Wer auf den höchsten Bergen steigt, der lacht über alle Trauer-Spiele und
Trauer-Ernste.
Muthig, unbekümmert, spöttisch, gewaltthätig - so will uns die Weisheit: sie ist
ein Weib und liebt immer nur einen Kriegsmann.
Ihr sagt mir: »das Leben ist schwer zu tragen.« Aber wozu hättet ihr Vormittags
euren Stolz und Abends eure Ergebung?
Das Leben ist schwer zu tragen: aber so thut mir doch nicht so zärtlich! Wir
sind allesammt hübsche lastbare Esel und Eselinnen.
Was haben wir gemein mit der Rosenknospe, welche zittert, weil ihr ein Tropfen
Thau auf dem Leibe liegt?
Es ist wahr: wir lieben das Leben, nicht, weil wir an′s Leben, sondern weil wir
an′s Lieben gewöhnt sind.
Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber immer auch etwas
Vernunft im Wahnsinn.
Und auch mir, der ich dem Leben gut bin, scheinen Schmetterlinge und
Seifenblasen und was ihrer Art unter Menschen ist, am meisten vom Glücke zu
wissen.
Diese leichten thörichten zierlichen beweglichen Seelchen flattern zu sehen -
das verführt Zarathustra zu Thränen und Liedern.
Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.
Und als ich meinen Teufel sah, da fand ich ihn ernst, gründlich, tief, feierlich: es
war der Geist der Schwere, - durch ihn fal en alle Dinge.
Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tödtet man. Auf, lasst uns den Geist
der Schwere tödten!
Ich habe gehen gelernt: seitdem lasse ich mich laufen. Ich habe fliegen gelernt:
seitdem will ich nicht erst gestossen sein, um von der Stelle zu kommen.
Jetzt bin ich leicht, jetzt fliege ich, jetzt sehe ich mich unter mir, jetzt tanzt ein
Gott durch mich.
Also sprach Zarathustra.
Vom Baum am Berge
Zarathustra′s Auge hatte gesehn, dass ein Jüngling ihm auswich. Und als er
eines Abends allein durch die Berge gieng, welche die Stadt umschliessen, die
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genannt wird »die bunte Kuh«: siehe, da fand er im Gehen diesen Jüngling, wie
er an einen Baum gelehnt sass und müden Blickes in das Thal schaute.
Zarathustra fasste den Baum an, bei welchem der Jüngling sass, und sprach also:
Wenn ich diesen Baum da mit meinen Händen schütteln wollte, ich würde es
nicht vermögen.
Aber der Wind, den wir nicht sehen, der quält und biegt ihn, wohin er will. Wir
werden am schlimmsten von unsichtbaren Händen gebogen und gequält.
Da erhob sich der Jüngling bestürzt und sagte: »ich höre Zarathustra und eben
dachte ich an ihn.« Zarathustra entgegnete:
»Was erschrickst du desshalb? - Aber es ist mit dem Menschen wie mit dem
Baume.
Je mehr er hinauf in die Höhe und Helle wil , um so stärker streben seine
Wurzeln erdwärts, abwärts, in′s Dunkle, Tiefe, - in′s Böse.«
»Ja in′s Böse! rief der Jüngling. Wie ist es möglich, dass du meine Seele
entdecktest?«
Zarathustra lächelte und sprach: »Manche Seele wird man nie entdecken, es sei
denn, dass man sie zuerst erfindet.« »Ja in′s Böse! rief der Jüngling nochmals.
Du sagtest die Wahrheit, Zarathustra. Ich traue mir selber nicht mehr, seitdem
ich in die Höhe will, und Niemand traut mir mehr, - wie geschieht diess doch?
Ich verwandele mich zu schnell: mein Heute widerlegt mein Gestern. Ich
überspringe oft die Stufen, wenn ich steige, - das verzeiht mir keine Stufe.
Bin ich oben, so finde ich mich immer allein. Niemand redet mit mir, der Frost
der Einsamkeit macht mich zittern. Was will ich doch in der Höhe?
Meine Verachtung und meine Sehnsucht wachsen mit einander; je höher ich
steige, um so mehr verachte ich Den, der steigt. Was will er doch in der Höhe?
Wie schäme ich mich meines Steigens und Stolperns! Wie spotte ich meines
heftigen Schnaubens! Wie hasse ich den Fliegenden! Wie müde bin ich in der
Höhe!«
Hier schwieg der Jüngling. Und Zarathustra betrachtete den Baum, an dem sie
standen, und sprach also:
Dieser Baum steht einsam hier am Gebirge; er wuchs hoch hinweg über
Mensch und Thier.
Und wenn er reden wollte, er würde Niemanden haben, der ihn verstünde: so
hoch wuchs er.
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Nun wartet er und wartet, - worauf wartet er doch? Er wohnt dem Sitze der
Wolken zu nahe: er wartet wohl auf den ersten Blitz?
Als Zarathustra diess gesagt hatte, rief der Jüngling mit heftigen Gebärden: »Ja,
Zarathustra, du sprichst die Wahrheit. Nach meinem Untergange verlangte ich,
als ich in die Höhe wollte, und du bist der Blitz, auf den ich wartete! Siehe, was
bin ich noch, seitdem du uns erschienen bist? Der Neid auf dich ist′s, der mich
zerstört hat!« - So sprach der Jüngling und weinte bitterlich. Zarathustra aber
legte seinen Arm um ihn und führte ihn mit sich fort.
Und als sie eine Weile mit einander gegangen waren, hob Zarathustra also an zu
sprechen:
Es zerreisst mir das Herz. Besser als deine Worte es sagen, sagt mir dein Auge
alle deine Gefahr.
Noch bist du nicht frei, du suchst noch nach Freiheit. Übernächtig machte dich
dein Suchen und überwach.
In die freie Höhe willst du, nach Sternen dürstet deine Seele. Aber auch deine
schlimmen Triebe dürsten nach Freiheit.
Deine wilden Hunde wollen in die Freiheit; sie bellen vor Lust in ihrem Keller,
wenn dein Geist alle Gefängnisse zu lösen trachtet.
Noch bist du mir ein Gefangner, der sich Freiheit ersinnt: ach, klug wird
solchen Gefangnen die Seele, aber auch arglistig und schlecht.
Reinigen muss sich noch der Befreite des Geistes. Viel Gefängniss und Moder
ist noch in ihm zurück: rein muss noch sein Auge werden.
Ja, ich kenne deine Gefahr. Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwöre ich
dich: wirf deine Liebe und Hoffnung nicht weg!
Edel fühlst du dich noch, und edel fühlen dich auch die Andern noch, die dir
gram sind und böse Blicke senden. Wisse, dass Allen ein Edler im Wege steht.
Auch den Guten steht ein Edler im Wege: und selbst wenn sie ihn einen Guten
nennen, so wollen sie ihn damit bei Seite bringen.
Neues will der Edle schaffen und eine neue Tugend. Altes will der Gute, und
dass Altes erhalten bleibe.
Aber nicht das ist die Gefahr des Edlen, dass er ein Guter werde, sondern ein
Frecher, ein Höhnender, ein Vernichter.
Ach, ich kannte Edle, die verloren ihre höchste Hoffnung. Und nun
verleumdeten sie alle hohen Hoffnungen.
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Nun lebten sie frech in kurzen Lüsten, und über den Tag hin warfen sie kaum
noch Ziele.
»Geist ist auch Wollust« - so sagten sie. Da zerbrachen ihrem Geiste die Flügel:
nun kriecht er herum und beschmutzt im Nagen.
Einst dachten sie Helden zu werden: Lüstlinge sind es jetzt. Ein Gram und ein
Grauen ist ihnen der Held.
Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwöre ich dich: wirf den Helden in
deiner Seele nicht weg! Halte heilig deine höchste Hoffnung! -
Also sprach Zarathustra.
Von den Predigern des Todes
Es giebt Prediger des Todes: und die Erde ist voll von Solchen, denen Abkehr
gepredigt werden muss vom Leben.
Voll ist die Erde von Überflüssigen, verdorben ist das Leben durch die Viel-zu-
Vielen. Möge man sich mit dem »ewigen Leben« aus diesem Leben weglocken!
»Gelbe«: so nennt man die Prediger des Todes, oder »Schwarze«. Aber ich will
sie euch noch in andern Farben zeigen.
Da sind die Fürchterlichen, welche in sich das Raubthier herumtragen und
keine Wahl haben, es sei denn Lüste oder Selbstzerfleischung. Und auch ihre
Lüste sind noch Selbstzerfleischung.
Sie sind noch nicht einmal Menschen geworden, diese Fürchterlichen: mögen
sie Abkehr predigen vom Leben und selber dahinfahren!
Da sind die Schwindsüchtigen der Seele: kaum sind sie geboren, so fangen sie
schon an zu sterben und sehnen sich nach Lehren der Müdigkeit und
Entsagung.
Sie wollen gerne todt sein, und wir sollten ihren Wil en gut heissen! Hüten wir
uns, diese Todten zu erwecken und diese lebendigen Särge zu versehren!
Ihnen begegnet ein Kranker oder ein Greis oder ein Leichnam; und gleich
sagen sie »das Leben ist widerlegt!«
Aber nur sie sind widerlegt und ihr Auge, welches nur das Eine Gesicht sieht
am Dasein.
Eingehüllt in dicke Schwermuth und begierig auf die kleinen Zufälle, welche
den Tod bringen: so warten sie und beissen die Zähne auf einander.
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Oder aber: sie greifen nach Zuckerwerk und spotten ihrer Kinderei dabei: sie
hängen an ihrem Strohhalm Leben und spotten, dass sie noch an einem
Strohhalm hängen.
Ihre Weisheit lautet: »ein Thor, der leben bleibt, aber so sehr sind wir Thoren!
Und das eben ist das Thörichtste am Leben!« -
»Das Leben ist nur Leiden« - so sagen Andre und lügen nicht: so sorgt doch,
dass ihr aufhört! So sorgt doch, dass das Leben aufhört, welches nur Leiden ist!
Und also laute die Lehre eurer Tugend »du sollst dich selber tödten! Du sollst
dich selber davonstehlen!« -
»Wollust ist Sünde, - so sagen die Einen, welche den Tod predigen - lasst uns
bei Seite gehn und keine Kinder zeugen!«
»Gebären ist mühsam, - sagen dich Andern - wozu noch gebären? Man gebiert
nur Unglückliche!« Und auch sie sind Prediger des Todes.
»Mitleid thut noth - so sagen die Dritten. Nehmt hin, was ich habe! Nehmt hin,
was ich bin! Um so weniger bindet mich das Leben!«
Wären sie Mitleidige von Grund aus, so würden sie ihren Nächsten das Leben
verleiden. Böse sein - das wäre ihre rechte Güte.
Aber sie wollen loskommen vom Leben: was schiert es sie, dass sie Andre mit
ihren Ketten und Geschenken noch fester binden! -
Und auch ihr, denen das Leben wilde Arbeit und Unruhe ist: seid ihr nicht sehr
müde des Lebens? Seid ihr nicht sehr reif für die Predigt des Todes?
Ihr Alle, denen die wilde Arbeit lieb ist und das Schnelle, Neue, Fremde, - ihr
ertragt euch schlecht, euer Fleiss ist Flucht und Wille, sich selber zu vergessen.
Wenn ihr mehr an das Leben glaubtet, würdet ihr weniger euch dem
Augenblicke hinwerfen. Aber ihr habt zum Warten nicht Inhalt genug in euch -
und selbst zur Faulheit nicht!
Überal ertönt die Stimme Derer, welche den Tod predigen: und die Erde ist
voll von Solchen, welchen der Tod gepredigt werden muss.
Oder »das ewige Leben«: das gilt mir gleich, - wofern sie nur schnell
dahinfahren!
Also sprach Zarathustra.
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Vom Krieg und Kriegsvolke
Von unsern besten Feinden wollen wir nicht geschont sein, und auch von
Denen nicht, welche wir von Grund aus lieben. So lasst mich denn euch die
Wahrheit sagen!
Meine Brüder im Kriege! Ich liebe euch von Grund aus, ich bin und war
Euresgleichen. Und ich bin auch euer bester Feind. So lasst mich denn euch die
Wahrheit sagen!
Ich weiss um den Hass und Neid eures Herzens. Ihr seid nicht gross genug, um
Hass und Neid nicht zu kennen. So seid denn gross genug, euch ihrer nicht zu
schämen!
Und wenn ihr nicht Heilige der Erkenntniss sein könnt, so seid mir wenigstens
deren Kriegsmänner. Das sind die Gefährten und Vorläufer solcher Heiligkeit.
Ich sehe viel Soldaten: möchte ich viel Kriegsmänner sehn! »Ein-form« nennt
man′s, was sie tragen: möge es nicht Ein-form sein, was sie damit verstecken!
Ihr sollt mir Solche sein, deren Auge immer nach einem Feinde sucht - nach
eurem Feinde. Und bei Einigen von euch giebt es einen Hass auf den ersten
Blick.
Euren Feind sollt ihr suchen, euren Krieg sollt ihr führen und für eure
Gedanken! Und wenn euer Gedanke unterliegt, so soll eure Redlichkeit darüber
noch Triumph rufen!
Ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen. Und den kurzen
Frieden mehr, als den langen.
Euch rathe ich nicht zur Arbeit, sondern zum Kampfe. Euch rathe ich nicht
zum Frieden, sondern zum Siege. Eure Arbeit sei ein Kampf, euer Friede sei ein
Sieg!
Man kann nur schweigen und stillsitzen, wenn man Pfeil und Bogen hat: sonst
schwätzt und zankt man. Euer Friede sei ein Sieg!
Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: der
gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt.
Der Krieg und der Muth haben mehr grosse Dinge gethan, als die
Nächstenliebe. Nicht euer Mitleiden, sondern eure Tapferkeit rettete bisher die
Verunglückten.
Was ist gut? fragt ihr. Tapfer sein ist gut. Lasst die kleinen Mädchen reden: »gut
sein ist, was hübsch zugleich und rührend ist.«
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Man nennt euch herzlos: aber euer Herz ist ächt, und ich liebe die Scham eurer
Herzlichkeit. Ihr schämt euch eurer Fluth, und Andre schämen sich ihrer Ebbe.
Ihr seid hässlich? Nun wohlan, meine Brüder! So nehmt das Erhabne um euch,
den Mantel des Hässlichen!
Und wenn eure Seele gross wird, so wird sie übermüthig, und in eurer
Erhabenheit ist Bosheit. Ich kenne euch.
In der Bosheit begegnet sich der Übermüthige mit dem Schwächlinge. Aber sie
missverstehen einander. Ich kenne euch.
Ihr dürft nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum
Verachten. Ihr müsst stolz auf euern Feind sein: dann sind die Erfolge eures
Feindes auch eure Erfolge.
Auflehnung - das ist die Vornehmheit am Sclaven. Eure Vornehmheit sei
Gehorsam! Euer Befehlen selber sei ein Gehorchen!
Einem guten Kriegsmanne klingt »du sollst« angenehmer, als »ich will«. Und
Alles, was euch lieb ist, sollt ihr euch erst noch befehlen lassen.
Eure Liebe zum Leben sei Liebe zu eurer höchsten Hoffnung: und eure höchste
Hoffnung sei der höchste Gedanke des Lebens!
Euren höchsten Gedanken aber sollt ihr euch von mir befehlen lassen - und er
lautet: der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll.
So lebt euer Leben des Gehorsams und des Krieges! Was liegt am Lang-Leben!
Welcher Krieger will geschont sein!
Ich schone euch nicht, ich liebe euch von Grund aus, meine Brüder im Kriege! -
Also sprach Zarathustra.
Vom neuen Götzen
Irgendwo giebt es noch Völker und Heerden, doch nicht bei uns, meine Brüder:
da giebt es Staaten.
Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt thut mir die Ohren auf, denn jetzt sage ich
euch mein Wort vom Tode der Völker.
Staat heisst das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese
Lüge kriecht aus seinem Munde: »Ich, der Staat, bin das Volk.«
Lüge ist′s! Schaffende waren es, die schufen die Völker und hängten einen
Glauben und eine Liebe über sie hin: also dienten sie dem Leben.
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Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für Viele und heissen sie Staat: sie
hängen ein Schwert und hundert Begierden über sie hin.
Wo es noch Volk giebt, da versteht es den Staat nicht und hasst ihn als bösen
Blick und Sünde an Sitten und Rechten.
Dieses Zeichen gebe ich euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten und
Bösen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich in Sitten
und Rechten.
Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch
redet, er lügt - und was er auch hat, gestohlen hat er′s.
Falsch ist Alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen beisst er, der Bissige. Falsch
sind selbst seine Eingeweide.
Sprachverwirrung des Guten und Bösen: dieses Zeichen gebe ich euch als
Zeichen des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses Zeichen!
Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes!
Viel zu Viele werden geboren: für die Überflüssigen ward der Staat erfunden!
Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Viel-zu-Vielen! Wie er sie schlingt
und kaut und wiederkäut!
»Auf der Erde ist nichts Grösseres als ich: der ordnende Finger bin ich Gottes«
- also brüllt das Unthier. Und nicht nur Langgeohrte und Kurzgeäugte sinken
auf die Kniee!
Ach, auch in euch, ihr grossen Seelen, raunt er seine düsteren Lügen! Ach, er
erräth die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden!
Ja, auch euch erräth er, ihr Besieger des alten Gottes! Müde wurdet ihr im
Kampfe, und nun dient eure Müdigkeit noch dem neuen Götzen!
Helden und Ehrenhafte möchte er um sich aufstel en, der neue Götze! Gerne
sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen, - das kalte Unthier!
Alles will er euch geben, wenn ihr ihn anbetet, der neue Götze: also kauft er
sich den Glanz eurer Tugend und den Blick eurer stolzen Augen.
Ködern will er mit euch die Viel-zu-Vielen! Ja, ein Höllenkunststück ward da
erfunden, ein Pferd des Todes, klirrend im Putz göttlicher Ehren!
Ja, ein Sterben für Viele ward da erfunden, das sich selber als Leben preist:
wahrlich, ein Herzensdienst allen Predigern des Todes!
39
Staat nenne ich′s, wo Alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo Alle
sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame Selbstmord
Aller - »das Leben« heisst.
Seht mir doch diese Überflüssigen! Sie stehlen sich die Werke der Erfinder und
die Schätze der Weisen: Bildung nennen sie ihren Diebstahl - und Alles wird
ihnen zu Krankheit und Ungemach!
Seht mir doch diese Überflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen ihre
Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und können sich nicht
einmal verdauen.
Seht mir doch diese Überflüssigen! Reichthümer erwerben sie und werden
ärmer damit. Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel Geld, -
diese Unvermögenden!
Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern über einander hinweg
und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe.
Hin zum Throne wollen sie Alle: ihr Wahnsinn ist es, - als ob das Glück auf
dem Throne sässe! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron - und oft auch der
Thron auf dem Schlamme.
Wahnsinnige sind sie mir Alle und kletternde Affen und Überheisse. Übel riecht
mir ihr Götze, das kalte Unthier: übel riechen sie mir alle zusammen, diese
Götzendiener.
Meine Brüder, wollt ihr denn ersticken im Dunste ihrer Mäuler und Begierden!
Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt in′s Freie!
Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der
Götzendienerei der Überflüssigen!
Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem
Dampfe dieser Menschenopfer!
Frei steht grossen Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch viele Sitze
für Einsame und Zweisame, um die der Geruch stiller Meere weht.
Frei steht noch grossen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig besitzt,
wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armuth!
Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig
ist: da beginnt das Lied des Nothwendigen, die einmalige und unersetzliche
Weise.
Dort, wo der Staat aufhört, - so seht mir doch hin, meine Brüder! Seht ihr ihn
nicht, den Regenbogen und die Brükken des Übermenschen? -
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Also sprach Zarathustra.
Von den Fliegen des Marktes
Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit! Ich sehe dich betäubt vom Lärme der
grossen Männer und zerstochen von den Stacheln der kleinen.
Würdig wissen Wald und Fels mit dir zu schweigen. Gleiche wieder dem
Baume, den du liebst, dem breitästigen: still und aufhorchend hängt er über
dem Meere.
Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt; und wo der Markt beginnt,
da beginnt auch der Lärm der grossen Schauspieler und das Geschwirr der
giftigen Fliegen.
In der Welt taugen die besten Dinge noch Nichts, ohne Einen, der sie erst
aufführt: grosse Männer heisst das Volk diese Aufführer.
Wenig begreift das Volk das Grosse, das ist: das Schaffende. Aber Sinne hat es
für alle Aufführer und Schauspieler grosser Sachen.
Um die Erfinder von neuen Werthen dreht sich die Welt: - unsichtbar dreht sie
sich. Doch um die Schauspieler dreht sich das Volk und der Ruhm: so ist es der
Welt Lauf.
Geist hat der Schauspieler, doch wenig Gewissen des Geistes. Er glaubt immer
an Das, womit er am stärksten glauben macht, - glauben an sich macht!
Morgen hat er einen neuen Glauben und übermorgen einen neueren. Rasche
Sinne hat er, gleich dem Volke, und veränderliche Witterungen.
Umwerfen - das heisst ihm: beweisen. Toll machen - das heisst ihm:
überzeugen. Und Blut gilt ihm als aller Gründe bester.
Eine Wahrheit, die nur in feine Ohren schlüpft, nennt er Lüge und Nichts.
Wahrlich, er glaubt nur an Götter, die grossen Lärm in der Welt machen!
Voll von feierlichen Possenreissern ist der Markt - und das Volk rühmt sich
seiner grossen Männer! das sind ihm die Herrn der Stunde.
Aber die Stunde drängt sie: so drängen sie dich. Und auch von dir wollen sie Ja
oder Nein. Wehe, du willst zwischen Für und Wider deinen Stuhl setzen?
Dieser Unbedingten und Drängenden halber sei ohne Eifersucht, du Liebhaber
der Wahrheit! Niemals noch hängte sich die Wahrheit an den Arm eines
Unbedingten.
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Dieser Plötzlichen halber gehe zurück in deine Sicherheit: nur auf dem Markt
wird man mit Ja? oder Nein? überfallen.
Langsam ist das Erleben allen tiefen Brunnen: lange müssen sie warten, bis sie
wissen, was in ihre Tiefe fiel.
Abseits vom Markte und Ruhme begiebt sich alles Grosse: abseits vom Markte
und Ruhme wohnten von je die Erfinder neuer Werthe.
Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit: ich sehe dich von giftigen Fliegen
zerstochen. Fliehe dorthin, wo rauhe, starke Luft weht!
Fliehe in deine Einsamkeit! Du lebtest den Kleinen und Erbärmlichen zu nahe.
Fliehe vor ihrer unsichtbaren Rache! Gegen dich sind sie Nichts als Rache.
Hebe nicht mehr den Arm gegen sie! Unzählbar sind sie, und es ist nicht dein
Loos, Fliegenwedel zu sein.
Unzählbar sind diese Kleinen und Erbärmlichen; und manchem stolzen Baue
gereichten schon Regentropfen und Unkraut zum Untergange.
Du bist kein Stein, aber schon wurdest du hohl von vielen Tropfen. Zerbrechen
und zerbersten wirst du mir noch von vielen Tropfen.
Ermüdet sehe ich dich durch giftige Fliegen, blutig geritzt sehe ich dich an
hundert Stellen; und dein Stolz will nicht einmal zürnen.
Blut möchten sie von dir in aller Unschuld, Blut begehren ihre blutlosen Seelen
- und sie stechen daher in aller Unschuld.
Aber, du Tiefer, du leidest zu tief auch an kleinen Wunden; und ehe du dich
noch geheilt hast, kroch dir der gleiche Giftwurm über die Hand.
Zu stolz bist du mir dafür, diese Naschhaften zu tödten. Hüte dich aber, dass es
nicht dein Verhängniss werde, all ihr giftiges Unrecht zu tragen!
Sie summen um dich auch mit ihrem Lobe: Zudringlichkeit ist ihr Loben. Sie
wollen die Nähe deiner Haut und deines Blutes.
Sie schmeicheln dir wie einem Gotte oder Teufel; sie winseln vor dir wie vor
einem Gotte oder Teufel. Was macht es ! Schmeichler sind es und Winsler und
nicht mehr.
Auch geben sie sich dir oft als Liebenswürdige. Aber das war immer die
Klugheit der Feigen. Ja, die Feigen sind klug!
Sie denken viel über dich mit ihrer engen Seele, - bedenklich bist du ihnen stets!
Alles, was viel bedacht wird, wird bedenklich.
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Sie bestrafen dich für alle deine Tugenden. Sie verzeihen dir von Grund aus nur
- deine Fehlgriffe.
Weil du milde bist und gerechten Sinnes, sagst du: »unschuldig sind sie an ihrem
kleinen Dasein.« Aber ihre enge Seele denkt: »Schuld ist alles grosse Dasein.«
Auch wenn du ihnen milde bist, fühlen sie sich noch von dir verachtet; und sie
geben dir deine Wohlthat zurück mit versteckten Wehthaten.
Dein wortloser Stolz geht immer wider ihren Geschmack; sie frohlocken, wenn
du einmal bescheiden genug bist, eitel zu sein.
Das, was wir an einem Menschen erkennen, das entzünden wir an ihm auch.
Also hüte dich vor den Kleinen !
Vor dir fühlen sie sich klein, und ihre Niedrigkeit glimmt und glüht gegen dich
in unsichtbarer Rache.
Merktest du nicht, wie oft sie stumm wurden, wenn du zu ihnen tratest, und wie
ihre Kraft von ihnen gieng wie der Rauch von einem erlöschenden Feuer?
Ja, mein Freund, das böse Gewissen bist du deinen Nächsten: denn sie sind
deiner unwerth. Also hassen sie dich und möchten gerne an deinem Blute
saugen.
Deine Nächsten werden immer giftige Fliegen sein; Das, was gross an dir ist, -
das selber muss sie giftiger machen und immer fliegenhafter.
Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit und dorthin, wo eine rauhe, starke
Luft weht. Nicht ist es dein Loos, Fliegenwedel zu sein. -
Also sprach Zarathustra.
Von der Keuschheit
Ich liebe den Wald. In den Städten ist schlecht zu leben: da giebt es zu Viele der
Brünstigen.
Ist es nicht besser, in die Hände eines Mörders zu gerathen, als in die Träume
eines brünstigen Weibes?
Und seht mir doch diese Männer an: ihr Auge sagt es - sie wissen nichts
Besseres auf Erden, als bei einem Weibe zu liegen.
Schlamm ist auf dem Grunde ihrer Seele; und wehe, wenn ihr Schlamm gar
noch Geist hat!
Dass ihr doch wenigstens als Thiere vollkommen wäret! Aber zum Thiere
gehört die Unschuld.
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Rathe ich euch, eure Sinne zu tödten? Ich rathe euch zur Unschuld der Sinne.
Rathe ich euch zur Keuschheit? Die Keuschheit ist bei Einigen eine Tugend,
aber bei Vielen beinahe ein Laster.
Diese enthalten sich wohl: aber die Hündin Sinnlichkeit blickt mit Neid aus
Allem, was sie thun.
Noch in die Höhen ihrer Tugend und bis in den kalten Geist hinein folgt ihnen
diess Gethier und sein Unfrieden.
Und wie artig weiss die Hündin Sinnlichkeit um ein Stück Geist zu betteln,
wenn ihr ein Stuck Fleisch versagt wird!
Ihr liebt Trauerspiele und Alles, was das Herz zerbricht? Aber ich bin
misstrauisch gegen eure Hündin.
Ihr habt mir zu grausame Augen und blickt lüstern nach Leidenden. Hat sich
nicht nur eure Wollust verkleidet und heisst sich Mitleiden?
Und auch diess Gleichniss gebe ich euch: nicht Wenige, die ihren Teufel
austreiben wol ten, fuhren dabei selber in die Säue.
Wem die Keuschheit schwer fällt, dem ist sie zu widerrathen: dass sie nicht der
Weg zur Hölle werde - das ist zu Schlamm und Brunst der Seele.
Rede ich von schmutzigen Dingen? Das ist mir nicht das Schlimmste.
Nicht, wenn die Wahrheit schmutzig ist, sondern wenn sie seicht ist, steigt der
Erkennende ungern in ihr Wasser.
Wahrlich, es giebt Keusche von Grund aus: sie sind milder von Herzen, sie
lachen lieber und reichlicher als ihr.
Sie lachen auch über die Keuschheit und fragen: »was ist Keuschheit!
»Ist Keuschheit nicht Thorheit? Aber diese Thorheit kam zu uns und nicht wir
zur ihr.
»Wir boten diesem Gaste Herberge und Herz: nun wohnt er bei uns, - mag er
bleiben, wie lange er will!«
Also sprach Zarathustra.
Vom Freunde
»Einer ist immer zu viel um mich« - also denkt der Einsiedler. »Immer Einmal
Eins - das giebt auf die Dauer Zwei!«
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Ich und Mich sind immer zu eifrig im Gespräche: wie wäre es auszuhalten,
wenn es nicht einen Freund gäbe?
Immer ist für den Einsiedler der Freund der Dritte: der Dritte ist der Kork, der
verhindert, dass das Gespräch der Zweie in die Tiefe sinkt.
Ach, es giebt zu viele Tiefen für alle Einsiedler. Darum sehnen sie sich so nach
einem Freunde und nach seiner Höhe.
Unser Glaube an Andre verräth, worin wir gerne an uns selber glauben
möchten. Unsre Sehnsucht nach einem Freunde ist unser Verräther.
Und oft will man mit der Liebe nur den Neid überspringen. Und oft greift man
an und macht sich einen Feind, um zu verbergen, dass man angreifbar ist.
»Sei wenigstens mein Feind!« - so spricht die wahre Ehrfurcht, die nicht um
Freundschaft zu bitten wagt.
Will man einen Freund haben, so muss man auch für ihn Krieg führen wollen:
und um Krieg zu führen, muss man Feind sein können.
Man soll in seinem Freunde noch den Feind ehren. Kannst du an deinen
Freund dicht herantreten, ohne zu ihm überzutreten?
In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben. Du sollst ihm am
nächsten mit dem Herzen sein, wenn du ihm widerstrebst.
Du willst vor deinem Freunde kein Kleid tragen? Es soll deines Freundes Ehre
sein, dass du dich ihm giebst, wie du bist? Aber wünscht dich darum zum
Teufel!
Wer aus sich kein Hehl macht, empört: so sehr habt ihr Grund, die Nacktheit
zu fürchten! Ja, wenn ihr Götter wäret, da dürftet ihr euch eurer Kleider
schämen!
Du kannst dich für deinen Freund nicht schön genug putzen: denn du sollst
ihm ein Pfeil und eine Sehnsucht nach dem Übermenschen sein.
Sahst du deinen Freund schon schlafen, - damit du erfahrest, wie er aussieht?
Was ist doch sonst das Gesicht deines Freundes? Es ist dein eignes Gesicht, auf
einem rauhen und unvollkommnen Spiegel.
Sahst du deinen Freund schon schlafen? Erschrakst du nicht, dass dein Freund
so aussieht? Oh, mein Freund, der Mensch ist Etwas, das überwunden werden
muss.
Im Errathen und Stillschweigen soll der Freund Meister sein: nicht Alles musst
du sehn wol en. Dein Traum soll dir verrathen, was dein Freund im Wachen
thut.
45
Ein Errathen sei dein Mitleiden: dass du erst wissest, ob dein Freund Mitleiden
wolle. Vielleicht liebt er an dir das ungebrochne Auge und den Blick der
Ewigkeit.
Das Mitleiden mit dem Freunde berge sich unter einer harten Schale, an ihm
sollst du dir einen Zahn ausbeissen. So wird es seine Feinheit und Süsse haben.
Bist du reine Luft und Einsamkeit und Brod und Arznei deinem Freunde?
Mancher kann seine eignen Ketten nicht lösen und doch ist er dem Freunde ein
Erlöser.
Bist du ein Sclave? So kannst du nicht Freund sein. Bist du ein Tyrann? So
kannst du nicht Freunde haben.
Allzulange war im Weibe ein Sclave und ein Tyrann versteckt. Desshalb ist das
Weib noch nicht der Freundschaft fähig: es kennt nur die Liebe.
In der Liebe des Weibes ist Ungerechtigkeit und Blindheit gegen Alles, was es
nicht liebt. Und auch in der wissenden Liebe des Weibes ist immer noch
Überfall und Blitz und Nacht neben dem Lichte.
Nodl ist das Weib nicht der Freundschaft fähig: Katzen sind immer noch die
Weiber, und Vögel. Oder, besten Falles, Kühe.
Noch ist das Weib nicht der Freundschaft fähig. Aber sagt mir, ihr Männer, wer
von euch ist denn fähig der Freundschaft?
Oh über eure Armuth, ihr Männer, und euren Geiz der Seele! Wie viel ihr dem
Freunde gebt, das will ich noch meinem Feinde geben, und will auch nicht
ärmer damit geworden sein.
Es giebt Kameradschaft: möge es Freundschaft geben!
Also sprach Zarathustra.
Von tausend und Einem Ziele
Viele Länder sah Zarathustra und viele Völker: so entdeckte er vieler Völker
Gutes und Böses. Keine grössere Macht fand Zarathustra auf Erden, als gut
und böse.
Leben könnte kein Volk, das nicht erst schätzte; will es sich aber erhalten, so
darf es nicht schätzen, wie der Nachbar schätzt.
Vieles, das diesem Volke gut hiess, hiess einem andern Hohn und Schmach: also
fand ich′s. Vieles fand ich hier böse genannt und dort mit purpurnen Ehren
geputzt.
46
Nie verstand ein Nachbar den andern: stets verwunderte sich seine Seele ob des
Nachbarn Wahn und Bosheit.
Eine Tafel der Güter hängt über jedem Volke. Siehe, es ist seiner
Überwindungen Tafel; siehe, es ist die Stimme seines Willens zur Macht.
Löblich ist, was ihm schwer gilt; was unerlässlich und schwer, heisst gut, und
was aus der höchsten Noth noch befreit, das Seltene, Schwerste, - das preist es
heilig.
Was da macht, dass es herrscht und siegt und glänzt, seinem Nachbarn zu
Grauen und Neide: das gilt ihm das Hohe, das Erste, das Messende, der Sinn
aller Dinge.
Wahrlich, mein Bruder, erkanntest du erst eines Volkes Noth und Land und
Himmel und Nachbar: so erräthst du wohl das Gesetz seiner Überwindungen
und warum es auf dieser Leiter zu seiner Hoffnung steigt.
»Immer sollst du der Erste sein und den Andern vorragen: Niemanden soll
deine eifersüchtige Seele lieben, es sei denn den Freund« - diess machte einem
Griechen die Seele zittern: dabei gieng er seinen Pfad der Grösse.
»Wahrheit reden und gut mit Bogen und Pfeil verkehren« - so dünkte es jenem
Volke zugleich lieb und schwer, aus dem mein Name kommt - der Name,
welcher mir zugleich lieb und schwer ist.
»Vater und Mutter ehren und bis in die Wurzel der Seele hinein ihnen zu Willen
sein«: diese Tafel der Überwindung hängte ein andres Volk über sich auf und
wurde mächtig und ewig damit.
»Treue üben und um der Treue Willen Ehre und Blut auch an böse und
fährliche Sachen setzen«: also sich lehrend bezwang sich ein anderes Volk, und
also sich bezwingend wurde es schwanger und schwer von grossen
Hoffnungen.
Wahrlich, die Menschen gaben sich alles ihr Gutes und Böses. Wahrlich, sie
nahmen es nicht, sie fanden es nicht, nicht fiel es ihnen als Stimme vom
Himmel.
Werthe legte erst der Mensch in die Dinge, sich zu erhalten, - er schuf erst den
Dingen Sinn, einen Menschen-Sinn! Darum nennt er sich »Mensch«, das ist: der
Schätzende.
Schätzen ist Schaffen: hört es, ihr Schaffenden! Schätzen selber ist aller
geschätzten Dinge Schatz und Kleinod.
47
Durch das Schätzen erst giebt es Werth: und ohne das Schätzen wäre die Nuss
des Daseins hohl. Hört es, ihr Schaffenden!
Wandel der Werthe, - das ist Wandel der Schaffenden. Immer vernichtet, wer
ein Schöpfer sein muss.
Schaffende waren erst Völker und spät erst Einzelne; wahrlich, der Einzelne
selber ist noch die jüngste Schöpfung.
Völker hängten sich einst eine Tafel des Guten über sich. Liebe, die herrschen
will, und Liebe, die gehorchen will, erschufen sich zusammen solche Tafeln.
Älter ist an der Heerde die Lust, als die Lust am Ich: und so lange das gute
Gewissen Heerde heisst, sagt nur das schlechte Gewissen: Ich.
Wahrlich, das schlaue Ich, das lieblose, das seinen Nutzen im Nutzen Vieler
will: das ist nicht der Heerde Ursprung, sondern ihr Untergang.
Liebende waren es stets und Schaffende, die schufen Gut und Böse. Feuer der
Liebe glüht in aller Tugenden Namen und Feuer des Zorns.
Viele Länder sah Zarathustra und viele Völker: keine grössere Macht fand
Zarathustra auf Erden, als die Werke der Liebenden: »gut« und »böse« ist ihr
Name.
Wahrlich, ein Ungethüm ist die Macht dieses Lobens und Tadelns. Sagt, wer
bezwingt es mir, ihr Brüder? Sagt, wer wirft diesem Thier die Fessel über die
tausend Nacken?
Tausend Ziele gab es bisher, denn tausend Völker gab es. Nur die Fessel der
tausend Nacken fehlt noch, es fehlt das Eine Ziel. Noch hat die Menschheit
kein Ziel.
Aber sagt mir doch, meine Brüder: wenn der Menschheit das Ziel noch fehlt,
fehlt da nicht auch - sie selber noch? -
Also sprach Zarathustra.
Von der Nächstenliebe
Ihr drängt euch um den Nächsten und habt schöne Worte dafür. Aber ich sage
euch: eure Nächstenliebe ist eure schlechte Liebe zu euch selber.
Ihr flüchtet zum Nächsten vor euch selber und möchtet euch daraus eine
Tugend machen: aber ich durchschaue euer »Selbstloses«.
Das Du ist älter als das Ich; das Du ist heilig gesprochen, aber noch nicht das
Ich: so drängt sich der Mensch hin zum Nächsten.
48
Rathe ich euch zur Nächstenliebe? Lieber noch rathe ich euch zur Nächsten-
Flucht und zur Fernsten-Liebe!
Höher als die Liebe zum Nächsten ist die Liebe zum Fernsten und Künftigen;
höher noch als die Liebe zu Menschen ist die Liebe zu Sachen und
Gespenstern.
Diess Gespenst, das vor dir herläuft, mein Bruder, ist schöner als du; warum
giebst du ihm nicht dein Fleisch und deine Knochen? Aber du fürchtest dich
und läufst zu deinem Nächsten.
Ihr haltet es mit euch selber nicht aus und liebt euch nicht genug: nun wollt ihr
den Nächsten zur Liebe verführen und euch mit seinem Irrthum vergolden.
Ich wollte, ihr hieltet es nicht aus mit allerlei Nächsten und deren Nachbarn; so
müsstet ihr aus euch selber euren Freund und sein überwallendes Herz
schaffen.
Ihr ladet euch einen Zeugen ein, wenn ihr von euch gut reden wollt; und wenn
ihr ihn verführt habt, gut von euch zu denken, denkt ihr selber gut von euch.
Nicht nur Der lügt, welcher wider sein Wissen redet, sondern erst recht Der,
welcher wider sein Nichtwissen redet. Und so redet ihr von euch im Verkehre
und belügt mit euch den Nachbar.
Also spricht der Narr: »der Umgang mit Menschen verdirbt den Charakter,
sonderlich wenn man keinen hat.«
Der Eine geht zum Nächsten, weil er sich sucht, und der Andre, weil er sich
verlieren möchte. Eure schlechte Liebe zu euch selber macht euch aus der
Einsamkeit ein Gefängniss.
Die Ferneren sind es, welche eure Liebe zum Nächsten bezahlen; und schon
wenn ihr zu fünfen mit einander seid, muss immer ein sechster sterben.
Ich liebe auch eure Feste nicht: zu viel Schauspieler fand ich dabei, und auch die
Zuschauer gebärdeten sich oft gleich Schauspielern.
Nicht den Nächsten lehre ich euch, sondern den Freund. Der Freund sei euch
das Fest der Erde und ein Vorgefühl des Übermenschen.
Ich lehre euch den Freund und sein übervolles Herz. Aber man muss verstehn,
ein Schwamm zu sein, wenn man von übervollen Herzen geliebt sein will.
Ich lehre euch den Freund, in dem die Welt fertig dasteht, eine Schale des
Guten, - den schaffenden Freund, der immer eine fertige Welt zu verschenken
hat.
49
Und wie ihm die Welt auseinander rollte, so rollt sie ihm wieder in Ringen
zusammen, als das Werden des Guten durch das Böse, als das Werden der
Zwecke aus dem Zufalle.
Die Zukunft und das Fernste sei dir die Ursache deines Heute: in deinem
Freunde sollst du den Übermenschen als deine Ursache lieben.
Meine Brüder, zur Nächstenliebe rathe ich euch nicht: ich rathe euch zur
Fernsten-Liebe.
Also sprach Zarathustra.
Vom Wege des Schaffenden
Willst du, mein Bruder, in die Vereinsamung gehen? Willst du den Weg zu dir
selber suchen? Zaudere noch ein Wenig und höre mich.
»Wer sucht, der geht leicht selber verloren. Alle Vereinsamung ist Schuld«: also
spricht die Heerde. Und du gehörtest lange zur Heerde.
Die Stimme der Heerde wird auch in dir noch tönen. Und wenn du sagen wirst
»ich habe nicht mehr Ein Gewissen mit euch«, so wird es eine Klage und ein
Schmerz sein.
Siehe, diesen Schmerz selber gebar noch das Eine Gewissen: und dieses
Gewissens letzter Schimmer glüht noch auf deiner Trübsal.
Aber du willst den Weg deiner Trübsal gehen, welches ist der Weg zu dir selber?
So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!
Bist du eine neue Kraft und ein neues Recht? Eine erste Bewegung? Ein aus
sich rollendes Rad? Kannst du auch Sterne zwingen, dass sie um dich sich
drehen?
Ach, es giebt so viel Lüsternheit nach Höhe! Es giebt so viel Krämpfe der
Ehrgeizigen! Zeige mir, dass du keiner der Lüsternen und Ehrgeizigen bist!
Ach, es giebt so viel grosse Gedanken, die thun nicht mehr als ein Blasebalg: sie
blasen auf und machen leerer.
Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und nicht,
dass du einem Joche entronnen bist.
Bist du ein Solcher, der einem Joche entrinnen durfte ? Es giebt Manchen, der
seinen letzten Werth wegwarf, als er seine Dienstbarkeit wegwarf.
Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge künden:
frei wozu ?
50
Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen über
dich aufhängen wie ein Gesetz? Kannst du dir selber Richter sein und Rächer
deines Gesetzes?
Furchtbar ist das Alleinsein mit dem Richter und Rächer des eignen Gesetzes.
Also wird ein Stern hinausgeworfen in den öden Raum und in den eisigen
Athem des Alleinseins.
Heute noch leidest du an den Vielen, du Einer: heute noch hast du deinen
Muth ganz und deine Hoffnungen.
Aber einst wird dich die Einsamkeit müde machen, einst wird dein Stolz sich
krümmen und dein Muth knirschen. Schreien wirst du einst »ich bin allein!«
Einst wirst du dein Hohes nicht mehr sehn und dein Niedriges allzunahe; dein
Erhabnes selbst wird dich fürchten machen wie ein Gespenst. Schreien wirst du
einst: »Alles ist falsch!«
Es giebt Gefühle, die den Einsamen tödten wollen; gelingt es ihnen nicht, nun,
so müssen sie selber sterben! Aber vermagst du das, Mörder zu sein?
Kennst du, mein Bruder, schon das Wort »Verachtung«? Und die Qual deiner
Gerechtigkeit, Solchen gerecht zu sein, die dich verachten?
Du zwingst Viele, über dich umzulernen; das rechnen sie dir hart an. Du kamst
ihnen nahe und giengst doch vorüber: das verzeihen sie dir niemals.
Du gehst über sie hinaus: aber je höher du steigst, um so kleiner sieht dich das
Auge des Neides. Am meisten aber wird der Fliegende gehasst.
»Wie wolltet ihr gegen mich gerecht sein! - musst du sprechen - ich erwähle mir
eure Ungerechtigkeit als den mir zugemessnen Theil.«
Ungerechtigkeit und Schmutz werfen sie nach dem Einsamen: aber, mein
Bruder, wenn du ein Stern sein willst, so musst du ihnen desshalb nicht weniger
leuchten!
Und hüte dich vor den Guten und Gerechten! Sie kreuzigen gerne Die, welche
sich ihre eigne Tugend erfinden, - sie hassen den Einsamen.
Hüte dich auch vor der heiligen Einfalt! Alles ist ihr unheilig, was nicht einfältig
ist; sie spielt auch gerne mit dem Feuer - der Scheiterhaufen.
Und hüte dich auch vor den Anfällen deiner Liebe! Zu schnell streckt der
Einsame Dem die Hand entgegen, der ihm begegnet.
Manchem Menschen darfst du nicht die Hand geben, sondern nur die Tatze:
und ich will, dass deine Tatze auch Krallen habe.
51
Aber der schlimmste Feind, dem du begegnen kannst, wirst du immer dir selber
sein; du selber lauerst dir auf in Höhlen und Wäldern.
Einsamer, du gehst den Weg zu dir selber! Und an dir selber fuhrt dein Weg
vorbei und an deinen sieben Teufeln!
Ketzer wirst du dir selber sein und Hexe und Wahrsager und Narr und Zweifler
und Unheiliger und Bösewicht.
Verbrennen musst du dich wollen in deiner eignen Flamme: wie wolltest du neu
werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist!
Einsamer, du gehst den Weg des Schaffenden: einen Gott willst du dir schaffen
aus deinen sieben Teufeln!
Einsamer, du gehst den Weg des Liebenden: dich selbst liebst du und desshalb
verachtest du dich, wie nur Liebende verachten.
Schaffen will der Liebende, weil er verachtet! Was weiss Der von Liebe, der
nicht gerade verachten musste, was er liebte!
Mit deiner Liebe gehe in deine Vereinsamung und mit deinem Schaffen, mein
Bruder; und spät erst wird die Gerechtigkeit dir nachhinken.
Mit meinen Thränen gehe in deine Vereinsamung, mein Bruder. Ich liebe Den,
der über sich selber hinaus schaffen will und so zu Grunde geht. -
Also sprach Zarathustra.
Von alten und jungen Weiblein
»Was schleichst du so scheu durch die Dämmerung, Zarathustra? Und was
birgst du behutsam unter deinem Mantel?
»Ist es ein Schatz, der dir geschenkt? Oder ein Kind, das dir geboren wurde?
Oder gehst du jetzt selber auf den Wegen der Diebe, du Freund der Bösen?« -
Wahrlich, mein Bruder! sprach Zarathustra, es ist ein Schatz, der mir geschenkt
wurde: eine kleine Wahrheit ist′s, die ich trage.
Aber sie ist ungebärdig wie ein junges Kind; und wenn ich ihr nicht den Mund
halte, so schreit sie überlaut.
Als ich heute allein meines Weges gieng, zur Stunde, wo die Sonne sinkt,
begegnete mir ein altes Weiblein und redete also zu meiner Seele:
»Vieles sprach Zarathustra auch zu uns Weibern, doch nie sprach er uns über
das Weib.«
Und ich entgegnete ihr: »über das Weib soll man nur zu Männern reden.«
52
»Rede auch zu mir vom Weibe, sprach sie; ich bin alt genug, um es gleich wieder
zu vergessen.«
Und ich willfahrte dem alten Weiblein und sprach also zu ihm:
Alles am Weibe ist ein Räthsel, und Alles am Weibe hat Eine Lösung: sie heisst
Schwangerschaft.
Der Mann ist für das Weib ein Mittel: der Zweck ist immer das Kind. Aber was
ist das Weib für den Mann?
Zweierlei will der ächte Mann: Gefahr und Spiel. Desshalb will er das Weib, als
das gefährlichste Spielzeug.
Der Mann soll zum Kriege erzogen werden und das Weib zur Erholung des
Kriegers: alles Andre ist Thorheit.
Allzusüsse Früchte - die mag der Krieger nicht. Darum mag er das Weib; bitter
ist auch noch das süsseste Weib.
Besser als ein Mann versteht das Weib die Kinder, aber der Mann ist kindlicher
als das Weib.
Im ächten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen. Auf, ihr Frauen, so
entdeckt mir doch das Kind im Manne!
Ein Spielzeug sei das Weib, rein und fein, dem Edelsteine gleich, bestrahlt von
den Tugenden einer Welt, welche noch nicht da ist.
Der Strahl eines Sternes glänze in eurer Liebe! Eure Hoffnung heisse: »möge
ich den Übermenschen gebären!«
In eurer Liebe sei Tapferkeit! Mit eurer Liebe sollt ihr auf Den losgehn, der
euch Furcht einflösst!
In eurer Liebe sei eure Ehre! Wenig versteht sich sonst das Weib auf Ehre. Aber
diess sei eure Ehre, immer mehr zu lieben, als ihr geliebt werdet, und nie die
Zweiten zu sein.
Der Mann fürchte sich vor dem Weibe, wenn es liebt: da bringt es jedes Opfer,
und jedes andre Ding gilt ihm ohne Werth.
Der Mann fürchte sich vor dem Weibe, wenn es hasst: denn der Mann ist im
Grunde der Seele nur böse, das Weib aber ist dort schlecht.
Wen hasst das Weib am meisten? - Also sprach das Eisen zum Magneten: »ich
hasse dich am meisten, weil du anziehst, aber nicht stark genug bist, an dich zu
ziehen.«
Das Glück des Mannes heisst: ich will. Das Glück des Weibes heisst: er will.
53
»Siehe, jetzt eben ward die Welt vollkommen!« - also denkt ein jedes Weib, wenn
es aus ganzer Liebe gehorcht.
Und gehorchen muss das Weib und eine Tiefe finden zu seiner Oberfläche.
Oberfläche ist des Weibes Gemüth, eine bewegliche stürmische Haut auf einem
seichten Gewässer.
Des Mannes Gemüth aber ist tief, sein Strom rauscht in unterirdischen Höhlen:
das Weib ahnt seine Kraft, aber begreift sie nicht. -
Da entgegnete mir das alte Weiblein: »Vieles Artige sagte Zarathustra und
sonderlich für Die, welche jung genug dazu sind.
»Seltsam ist′s, Zarathustra kennt wenig die Weiber, und doch hat er über sie
Recht! Geschieht diess desshalb, weil beim Weibe kein Ding unmöglich ist?
»Und nun nimm zum Danke eine kleine Wahrheit! Bin ich doch alt genug für
sie!
»Wickle sie ein und halte ihr den Mund: sonst schreit sie überlaut, diese kleine
Wahrheit.«
»Gieb mir, Weib, deine kleine Wahrheit!« sagte ich. Und also sprach das alte
Weiblein:
»Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!« -
Also sprach Zarathustra.
Vom Biss der Natter
Eines Tages war Zarathustra unter einem Feigenbaume eingeschlafen, da es
heiss war, und hatte seine Arme über das Gesicht gelegt. Da kam eine Natter
und biss ihn in den Hals, so dass Zarathustra vor Schmerz aufschrie. Als er den
Arm vom Gesicht genommen hatte, sah er die Schlange an: da erkannte sie die
Augen Zarathustra′s, wand sich ungeschickt und wol te davon. »Nicht doch,
sprach Zarathustra; noch nahmst du meinen Dank nicht an! Du wecktest mich
zur Zeit, mein Weg ist noch lang.« »Dein Weg ist noch kurz, sagte die Natter
traurig; mein Gift tödtet.« Zarathustra lächelte. »Wann starb wohl je ein Drache
am Gift einer Schlange? - sagte er. Aber nimm dein Gift zurück! Du bist nicht
reich genug, es mir zu schenken.« Da fiel ihm die Natter von Neuem um den
Hals und leckte ihm seine Wunde.
Als Zarathustra diess einmal seinen Jüngern erzählte, fragten sie: »Und was, oh
Zarathustra, ist die Moral deiner Geschichte?« Zarathustra antwortete darauf
also:
54
Den Vernichter der Moral heissen mich die Guten und Gerechten: meine
Geschichte ist unmoralisch. -
So ihr aber einen Feind habt, so vergeltet ihm nicht Böses mit Gutem: denn das
würde beschämen. Sondern beweist, dass er euch etwas Gutes angethan hat.
Und lieber zürnt noch, als dass ihr beschämt! Und wenn euch geflucht wird, so
gefällt es mir nicht, dass ihr dann segnen wollt. Lieber ein Wenig mitfluchen!
Und geschah euch ein grosses Unrecht, so thut mir geschwind fünf kleine dazu!
Grässlich ist Der anzusehn, den allein das Unrecht drückt.
Wusstet ihr diess schon? Getheiltes Unrecht ist halbes Recht. Und Der soll das
Unrecht auf sich nehmen, der es tragen kann!
Eine kleine Rache ist menschlicher, als gar keine Rache. Und wenn die Strafe
nicht auch ein Recht und eine Ehre ist für den Übertretenden, so mag ich auch
euer Strafen nicht.
Vornehmer ist′s, sich Unrecht zu geben als Recht zu behalten, sonderlich wenn
man Recht hat. Nur muss man reich genug dazu sein.
Ich mag eure kalte Gerechtigkeit nicht; und aus dem Auge eurer Richter blickt
mir immer der Henker und sein kaltes Eisen.
Sagt, wo findet sich die Gerechtigkeit, welche Liebe mit sehenden Augen ist?
So erfindet mir doch die Liebe, welche nicht nur alle Strafe, sondern auch alle
Schuld trägt!
So erfindet mir doch die Gerechtigkeit, die Jeden freispricht, ausgenommen den
Richtenden!
Wollt ihr auch diess noch hören? An Dem, der von Grund aus gerecht sein will,
wird auch noch die Lüge zur Menschen-Freundlichkeit.
Aber wie wollte ich gerecht sein von Grund aus! Wie kann ich Jedem das Seine
geben! Diess sei mir genug: ich gebe Jedem das Meine.
Endlich, meine Brüder, hütet euch Unrecht zu thun allen Einsiedlern! Wie
könnte ein Einsiedler vergessen! Wie könnte er vergelten!
Wie ein tiefer Brunnen ist ein Einsiedler. Leicht ist es, einen Stein
hineinzuwerfen; sank er aber bis zum Grunde, sagt, wer will ihn wieder
hinausbringen?
Hütet euch, den Einsiedler zu beleidigen! Thatet ihr′s aber, nun, so tödtet ihn
auch noch!
Also sprach Zarathustra.
55
Von Kind und Ehe
Ich habe eine Frage für dich allein, mein Bruder: wie ein Senkblei werfe ich
diese Frage in deine Seele, dass ich wisse, wie tief sie sei.
Du bist jung und wünschest dir Kind und Ehe. Aber ich frage dich: bist du ein
Mensch, der ein Kind sich wünschen darf ?
Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der Gebieter der Sinne, der Herr
deiner Tugenden? Also frage ich dich.
Oder redet aus deinem Wunsche das Thier und die Nothdurft? Oder
Vereinsamung? Oder Unfriede mit dir?
Ich will, dass dein Sieg und deine Freiheit sich nach einem Kinde sehne.
Lebendige Denkmale sollst du bauen deinem Siege und deiner Befreiung.
Über dich sollst du hinausbauen. Aber erst musst du mir selber gebaut sein,
rechtwinklig an Leib und Seele.
Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf! Dazu helfe dir der
Garten der Ehe!
Einen höheren Leib sollst du schaffen, eine erste Bewegung, ein aus sich
rollendes Rad, - einen Schaffenden sollst du schaffen.
Ehe: so heisse ich den Willen zu Zweien, das Eine zu schaffen, das mehr ist, als
die es schufen. Ehrfurcht vor einander nenne ich Ehe als vor den Wollenden
eines solchen Willens.
Diess sei der Sinn und die Wahrheit deiner Ehe. Aber Das, was die Viel-zu-
Vielen Ehe nennen, diese Überflüssigen, - ach, wie nenne ich das?
Ach, diese Armuth der Seele zu Zweien! Ach, dieser Schmutz der Seele zu
Zweien! Ach diess erbärmliche Behagen zu Zweien!
Ehe nennen sie diess Alles; und sie sagen, ihre Ehen seien im Himmel
geschlossen.
Nun, ich mag ihn nicht, diesen Himmel der Überflüssigen! Nein, ich mag sie
nicht, diese im himmlischen Netz verschlungenen Thiere!
Ferne bleibe mir auch der Gott, der heranhinkt, zu segnen, was er nicht
zusammenfügte!
Lacht mir nicht über solche Ehen! Welches Kind hätte nicht Grund, über seine
Eltern zu weinen?
Würdig schien mir dieser Mann und reif für den Sinn der Erde: aber als ich sein
Weib sah, schien mir die Erde ein Haus für Unsinnige.
56
Ja, ich wollte, dass die Erde in Krämpfen bebte, wenn sich ein Heiliger und eine
Gans mit einander paaren.
Dieser gieng wie ein Held auf Wahrheiten aus und endlich erbeutete er sich eine
kleine geputzte Lüge. Seine Ehe nennt er′s.
Jener war spröde im Verkehre und wählte wählerisch. Aber mit Einem Male
verdarb er für alle Male seine Gesellschaft: seine Ehe nennt er′s.
Jener suchte eine Magd mit den Tugenden eines Engels. Aber mit Einem Male
wurde er die Magd eines Weibes, und nun thäte es Noth, dass er darüber noch
zum Engel werde.
Sorgsam fand ich jetzt alle Käufer, und Alle haben listige Augen. Aber seine
Frau kauft auch der Listigste noch im Sack.
Viele kurze Thorheiten - das heisst bei euch Liebe. Und eure Ehe macht vielen
kurzer Thorheiten ein Ende, als Eine lange Dummheit.
Eure Liebe zum Weibe und des Weibes Liebe zum Manne: ach, möchte sie doch
Mitleiden sein mit leidenden und verhüllten Göttern! Aber zumeist errathen
zwei Thiere einander.
Aber auch noch eure beste Liebe ist nur ein verzücktes Gleichniss und eine
schmerzhafte Gluth. Eine Fackel ist sie, die euch zu höheren Wegen leuchten
soll.
Über euch hinaus sollt ihr einst lieben! So lernt erst lieben! Und darum musstet
ihr den bittern Kelch eurer Liebe trinken.
Bitterniss ist im Kelch auch der besten Liebe: so macht sie Sehnsucht zum
Übermenschen, so macht sie Durst dir, dem Schaffenden!
Durst dem Schaffenden, Pfeil und Sehnsucht zum Übermenschen: sprich, mein
Bruder, ist diess dein Wille zur Ehe?
Heilig heisst mir solch ein Wille und solche Ehe. -
Also sprach Zarathustra.
Vom freien Tode
Viele sterben zu spät, und Einige sterben zu früh. Noch klingt fremd die Lehre:
»stirb zur rechten Zeit!«
Stirb zur rechten Zeit: also lehrt es Zarathustra.
Freilich, wer nie zur rechten Zeit lebt, wie sollte der je zur rechten Zeit sterben?
Möchte er doch nie geboren sein! - Also rathe ich den Überflüssigen.
57
Aber auch die Überflüssigen thun noch wichtig mit ihrem Sterben, und auch die
hohlste Nuss will noch geknackt sein.
Wichtig nehmen Alle das Sterben: aber noch ist der Tod kein Fest. Noch
erlernten die Menschen nicht, wie man die schönsten Feste weiht.
Den vollbringenden Tod zeige ich euch, der den Lebenden ein Stachel und ein
Gelöbniss wird.
Seinen Tod stirbt der Vollbringende, siegreich, umringt von Hoffenden und
Gelobenden.
Also sollte man sterben lernen; und es sollte kein Fest geben, wo ein solcher
Sterbender nicht der Lebenden Schwüre weihte!
Also zu sterben ist das Beste; das Zweite aber ist: im Kampfe zu sterben und
eine grosse Seele zu verschwenden.
Aber dem Kämpfenden gleich verhasst wie dem Sieger ist euer grinsender Tod,
der heranschleicht wie ein Dieb - und doch als Herr kommt.
Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil ich will.
Und wann werde ich wol en? - Wer ein Ziel hat und einen Erben, der will den
Tod zur rechten Zeit für Ziel und Erben.
Und aus Ehrfurcht vor Ziel und Erben wird er keine dürren Kränze mehr im
Heiligthum des Lebens aufhängen.
Wahrlich, nicht will ich den Seildrehern gleichen: sie ziehen ihren Faden in die
Länge und gehen dabei selber immer rückwärts.
Mancher wird auch für seine Wahrheiten und Siege zu alt; ein zahnloser Mund
hat nicht mehr das Recht zu jeder Wahrheit.
Und Jeder, der Ruhm haben will, muss sich bei Zeiten von der Ehre
verabschieden und die schwere Kunst üben, zur rechten Zeit zu - gehn.
Man muss aufhören, sich essen zu lassen, wenn man am besten schmeckt: das
wissen Die, welche lange geliebt werden wollen.
Saure Äpfel giebt es freilich, deren Loos will, dass sie bis auf den letzten Tag
des Herbstes warten: und zugleich werden sie reif, gelb und runzelig.
Andern altert das Herz zuerst und Andern der Geist. Und Einige sind greis in
der Jugend: aber spät jung erhält lang jung.
Manchem missräth das Leben: ein Giftwurm frisst sich ihm an′s Herz. So möge
er zusehn, dass ihm das Sterben um so mehr gerathe.
58
Mancher wird nie süss, er fault im Sommer schon. Feigheit ist es, die ihn an
seinem Aste festhält.
Viel zu Viele leben und viel zu lange hängen sie an ihren Ästen. Möchte ein
Sturm kommen, der all diess Faule und Wurmfressne vom Baume schüttelt!
Möchten Prediger kommen des schnellen Todes ! Das wären mir die rechten
Stürme und Schüttler an Lebensbäumen Aber ich höre nur den langsamen Tod
predigen und Geduld mit allem »Irdischen«.
Ach, ihr predigt Geduld mit dem Irdischen? Dieses Irdische ist es, das zu viel
Geduld mit euch hat, ihr Lästermäuler!
Wahrlich, zu früh starb jener Hebräer, den die Prediger des langsamen Todes
ehren: und Vielen ward es seitdem zum Verhängniss, dass er zu früh starb.
Noch kannte er nur Thränen und die Schwermuth des Hebräers, sammt dem
Hasse der Guten und Gerechten, - der Hebräer Jesus: da überfiel ihn die
Sehnsucht zum Tode.
Wäre er doch in der Wüste geblieben und ferne von den Guten und Gerechten!
Vielleicht hätte er leben gelernt und die Erde lieben gelernt - und das Lachen
dazu!
Glaubt es mir, meine Brüder! Er starb zu früh; er selber hätte seine Lehre
widerrufen, wäre er bis zu meinem Alter gekommen! Edel genug war er zum
Widerrufen!
Aber ungereift war er noch. Unreif liebt der Jüngling und unreif hasst er auch
Mensch und Erde. Angebunden und schwer ist ihm noch Gemüth und
Geistesflügel.
Aber im Manne ist mehr Kind als im Jünglinge, und weniger Schwermuth:
besser versteht er sich auf Tod und Leben.
Frei zum Tode und frei im Tode, ein heiliger Nein-sager, wenn es nicht Zeit
mehr ist zum Ja: also versteht er sich auf Tod und Leben.
Dass euer Sterben keine Lästerung sei auf Mensch und Erde, meine Freunde:
das erbitte ich mir von dem Honig eurer Seele.
In eurem Sterben soll noch euer Geist und eure Tugend glühn, gleich einem
Abendroth um die Erde: oder aber das Sterben ist euch schlecht gerathen.
Also will ich selber sterben, dass ihr Freunde um meinetwillen die Erde mehr
liebt; und zur Erde will ich wieder werden, dass ich in Der Ruhe habe, die mich
gebar.
59
Wahrlich, ein Ziel hatte Zarathustra, er warf seinen Ball: nun seid ihr Freunde
meines Zieles Erbe, euch werfe ich den goldenen Ball zu.
Lieber als Alles sehe ich euch, meine Freunde, den goldenen Ball werfen! Und
so verziehe ich noch ein Wenig auf Erden: verzeiht es mir!
Also sprach Zarathustra.
Von der schenkenden Tugend
1
Als Zarathustra von der Stadt Abschied genommen hatte, welcher sein Herz
zugethan war und deren Name lautet: »die bunte Kuh« - folgten ihm Viele, die
sich seine Jünger nannten und gaben ihm das Geleit. Also kamen sie an einen
Kreuzweg: da sagte ihnen Zarathustra, dass er nunmehr allein gehen wolle;
denn er war ein Freund des Alleingehens. Seine Jünger aber reichten ihm zum
Abschiede einen Stab, an dessen goldnem Griffe sich eine Schlange um die
Sonne ringelte. Zarathustra freute sich des Stabes und stützte sich darauf; dann
sprach er also zu seinen Jüngern.
Sagt mir doch: wie kam Gold zum höchsten Werthe? Darum, dass es ungemein
ist und unnützlich und leuchtend und mild im Glanze; es schenkt sich immer.
Nur als Abbild der höchsten Tugend kam Gold zum höchsten Werthe.
Goldgleich leuchtet der Blick dem Schenkenden. Goldes-Glanz schliesst Friede
zwischen Mond und Sonne.
Ungemein ist die höchste Tugend und unnützlich, leuchtend ist sie und mild im
Glanze: eine schenkende Tugend ist die höchste Tugend.
Wahrlich, ich errathe euch wohl, meine Jünger: ihr trachtet, gleich mir, nach der
schenkenden Tugend. Was hättet ihr mit Katzen und Wölfen gemeinsam?
Das ist euer Durst, selber zu Opfern und Geschenken zu werden: und darum
habt ihr den Durst, alle Reichthümer in euren Seele zu häufen.
Unersättlich trachtet eure Seele nach Schätzen und Kleinodien, weil eure
Tugend unersättlich ist im Verschenken-Wollen.
Ihr zwingt alle Dinge zu euch und in euch, dass sie aus eurem Borne
zurückströmen sollen als die Gaben eurer Liebe.
Wahrlich, zum Räuber an allen Werthen muss solche schenkende Liebe werden;
aber heil und heilig heisse ich diese Selbstsucht.
60
Eine andre Selbstsucht giebt es, eine allzuarme, eine hungernde, die immer
stehlen will, jene Selbstsucht der Kranken, die kranke Selbstsucht.
Mit dem Auge des Diebes blickt sie auf alles Glänzende; mit der Gier des
Hungers misst sie Den, der reich zu essen hat; und immer schleicht sie um den
Tisch der Schenkenden.
Krankheit redet aus solcher Begierde und unsichtbare Entartung; von siechem
Leibe redet die diebische Gier dieser Selbstsucht.
Sagt mir, meine Brüder: was gilt uns als Schlechtes und Schlechtestes? Ist es
nicht Entartung? - Und auf Entartung rathen wir immer, wo die schenkende
Seele fehlt.
Aufwärts geht unser Weg, von der Art hinüber zur Über-Art. Aber ein Grauen
ist uns der entartende Sinn, welcher spricht: »Alles für mich.«
Aufwärts fliegt unser Sinn: so ist er ein Gleichniss unsres Leibes, einer
Erhöhung Gleichniss. Solcher Erhöhungen Gleichnisse sind die Namen der
Tugenden.
Also geht der Leib durch die Geschichte, ein Werdender und ein Kämpfender.
Und der Geist - was ist er ihm? Seiner Kämpfe und Siege Herold, Genoss und
Wiederhall.
Gleichnisse sind alle Namen von Gut und Böse: sie sprechen nicht aus, sie
winken nur. Ein Thor, welcher von ihnen Wissen will!
Achtet mir, meine Brüder, auf jede Stunde, wo euer Geist in Gleichnissen reden
will: da ist der Ursprung eurer Tugend.
Erhöht ist da euer Leib und auferstanden; mit seiner Wonne entzückt er den
Geist, dass er Schöpfer wird und Schätzer und Liebender und al er Dinge
Wohlthäter.
Wenn euer Herz breit und voll wallt, dem Strome gleich, ein Segen und eine
Gefahr den Anwohnenden: da ist der Ursprung eurer Tugend.
Wenn ihr erhaben seid über Lob und Tadel, und euer Wille allen Dingen
befehlen will, als eines Liebenden Wille: da ist der Ursprung eurer Tugend.
Wenn ihr das Angenehme verachtet und das weiche Bett, und von den
Weichlichen euch nicht weit genug betten könnt: da ist der Ursprung eurer
Tugend.
Wenn ihr Eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Noth euch
Nothwendigkeit heisst: da ist der Ursprung eurer Tugend.
61
Wahrlich, ein neues Gutes und Böses ist sie! Wahrlich, ein neues tiefes
Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!
Macht ist sie, diese neue Tugend; ein herrschender Gedanke ist sie und um ihn
eine kluge Seele: eine goldene Sonne und um sie die Schlange der Erkenntniss
2
Hier schwieg Zarathustra eine Weile und sah mit Liebe auf seine Jünger. Dann
fuhr er also fort zu reden: - und seine Stimme hatte sich verwandelt.
Bleibt mir der Erde treu, meine Brüder, mit der Macht eurer Tugend! Eure
schenkende Liebe und eure Erkenntniss diene dem Sinn der Erde! Also bitte
und beschwöre ich euch.
Lasst sie nicht davon fliegen vom Irdischen und mit den Flügeln gegen ewige
Wände schlagen! Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend!
Führt, gleich mir, die verflogene Tugend zur Erde zurück - ja, zurück zu Leib
und Leben: dass sie der Erde ihren Sinn gebe, einen Menschen-Sinn!
Hundertfältig verflog und vergriff sich bisher so Geist wie Tugend. Ach, in
unserm Leibe wohnt jetzt noch all dieser Wahn und Fehlgriff: Leib und Wille ist
er da geworden.
Hundertfältig versuchte und verirrte sich bisher so Geist wie Tugend. Ja, ein
Versuch war der Mensch. Ach, viel Unwissen und Irrthum ist an uns Leib
geworden!
Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden - auch ihr Wahnsinn bricht an uns
aus. Gefährlich ist es, Erbe zu sein.
Noch kämpfen wir Schritt um Schritt mit dem Riesen Zufall, und über der
ganzen Menschheit waltete bisher noch der Unsinn, der Ohne-Sinn.
Euer Geist und eure Tugend diene dem Sinn der Erde, meine Brüder: und aller
Dinge Werth werde neu von euch gesetzt! Darum sollt ihr Kämpfende sein!
Darum sol t ihr Schaffende sein!
Wissend reinigt sich der Leib; mit Wissen versuchend erhöht er sich; dem
Erkennenden heiligen sich alle Triebe; dem Erhöhten wird die Seele fröhlich.
Arzt, hilf dir selber: so hilfst du auch deinem Kranken noch. Das sei seine beste
Hülfe, dass er Den mit Augen sehe, der sich selber heil macht.
Tausend Pfade giebt es, die nie noch gegangen sind; tausend Gesundheiten und
verborgene Eilande des Lebens. Unerschöpft und unentdeckt ist immer noch
Mensch und Menschen-Erde.
62
Wachet und horcht, ihr Einsamen! Von der Zukunft her kommen Winde mit
heimlichem Flügelschlagen; und an feine Ohren ergeht gute Botschaft.
Ihr Einsamen von heute, ihr Ausscheidenden, ihr sollt einst ein Volk sein: aus
euch, die ihr euch selber auswähltet, soll ein auserwähltes Volk erwachsen: - und
aus ihm der Übermensch.
Wahrlich, eine Stätte der Genesung sol noch die Erde werden! Und schon liegt
ein neuer Geruch um sie, ein Heil bringender, - und eine neue Hoffnung!
3
Als Zarathustra diese Worte gesagt hatte, schwieg er, wie Einer, der nicht sein
letztes Wort gesagt hat; lange wog er den Stab zweifelnd in seiner Hand.
Endlich sprach er also: - und seine Stimme hatte sich verwandelt.
Allein gehe ich nun, meine Jünger! Auch ihr geht nun davon und allein! So will
ich es.
Wahrlich, ich rathe euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra!
Und besser noch: schämt euch seiner! Vielleicht betrog er euch.
Der Mensch der Erkenntniss muss nicht nur seine Feinde lieben, sondern auch
seine Freunde hassen können.
Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt.
Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?
Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt? Hütet
euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!
Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra! Ihr seid
meine Gläubigen: aber was liegt an allen Gläubigen!
Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle Gläubigen;
darum ist es so wenig mit allem Glauben.
Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr mich
Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.
Wahrlich, mit andern Augen, meine Brüder, werde ich mir dann meine
Verlorenen suchen; mit einer anderen Liebe werde ich euch dann lieben.
Und einst noch sollt ihr mir Freunde geworden sein und Kinder Einer
Hoffnung: dann will ich zum dritten Male bei euch sein, dass ich den grossen
Mittag mit euch feiere.
63
Und das ist der grosse Mittag, da der Mensch auf der Mitte seiner Bahn steht
zwischen Thier und Übermensch und seinen Weg zum Abende als seine
höchste Hoffnung feiert: denn es ist der Weg zu einem neuen Morgen.
Alsda wird sich der Untergehende selber segnen, dass er ein Hinübergehender
sei; und die Sonne seiner Erkenntniss wird ihm im Mittage stehn.
» Todt sind alle Götter: nun wollen wir, dass der Übermensch lebe.« - diess sei
einst am grossen Mittage unser letzter Wille! -
Also sprach Zarathustra.
Zweiter Theil
»- und erst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.
Wahrlich, mit andern Augen, meine Brüder, werde ich mir dann meine
Verlorenen suchen; mit einer andern Liebe werde ich euch dann lieben«.
Zarathustra, von der schenkenden Tugend
Das Kind mit dem Spiegel
Hierauf gieng Zarathustra wieder zurück in das Gebirge und in die Einsamkeit
seiner Höhle und entzog sich den Menschen: wartend gleich einem Säemann,
der seinen Samen ausgeworfen hat. Seine Seele aber wurde voll von Ungeduld
und Begierde nach Denen, welche er liebte: denn er hatte ihnen noch Viel zu
geben. Diess nämlich ist das Schwerste, aus Liebe die offne Hand schliessen
und als Schenkender die Scham bewahren.
Also vergiengen dem Einsamen Monde und Jahre; seine Weisheit aber wuchs
und machte ihm Schmerzen durch ihre Fülle.
Eines Morgens aber wachte er schon vor der Morgenröthe auf, besann sich
lange auf seinem Lager und sprach endlich zu seinem Herzen:
»Was erschrak ich doch so in meinem Traume, dass ich aufwachte? Trat nicht
ein Kind zu mir, das einen Spiegel trug?
»Oh Zarathustra - sprach das Kind zu mir - schaue Dich an im Spiegel!«
Aber als ich in den Spiegel schaute, da schrie ich auf, und mein Herz war
erschüttert: denn nicht mich sahe ich darin, sondern eines Teufels Fratze und
Hohnlachen.
Wahrlich, allzugut verstehe ich des Traumes Zeichen und Mahnung: meine
Lehre ist in Gefahr, Unkraut will Weizen heissen!
64
Meine Feinde sind mächtig worden und haben meiner Lehre Bildniss entstellt,
also, dass meine Liebsten sich der Gaben schämen müssen, die ich ihnen gab.
Verloren giengen mir meine Freunde; die Stunde kam mir, meine Verlornen zu
suchen!′ -
Mit diesen Worten sprang Zarathustra auf, aber nicht wie ein Geängstigter, der
nach Luft sucht, sondern eher wie ein Seher und Sänger, welchen der Geist
anfällt. Verwundert sahen sein Adler und seine Schlange auf ihn hin: denn
gleich dem Morgenrothe lag ein kommendes Glück auf seinem Antlitze.
Was geschah mir doch, meine Thiere? - sagte Zarathustra. Bin ich nicht
verwandelt! Kam mir nicht die Seligkeit wie ein Sturmwind?
»Thöricht ist mein Glück und Thörichtes wird es reden: zu jung noch ist es - so
habt Geduld mit ihm!
Verwundet bin ich von meinem Glücke: alle Leidenden sollen mir Arzte sein!
Zu meinen Freunden darf ich wieder hinab und auch zu meinen Feinden!
Zarathustra darf wieder reden und schenken und Lieben das Liebste thun!
Meine ungeduldige Liebe fliesst über in Strömen, abwärts, nach Aufgang und
Niedergang. Aus schweigsamem Gebirge und Gewittern des Schmerzes rauscht
meine Seele in die Thäler.
Zu lange sehnte ich mich und schaute in die Ferne. Zu lange gehörte ich der
Einsamkeit: so verlernte ich das Schweigen.
Mund bin ich worden ganz und gar, und Brausen eines Bachs aus hohen Felsen:
hinab will ich meine Rede stürzen in die Thäler.
Und mag mein Strom der Liebe in Unwegsames stürzen! Wie sollte ein Strom
nicht endlich den Weg zum Meere finden!
Wohl ist ein See in mir, ein einsiedlerischer, selbstgenugsamer; aber mein Strom
der Liebe reisst ihn mit sich hinab - zum Meere!
Neue Wege gehe ich, eine neue Rede kommt mir; müde wurde ich, gleich allen
Schaffenden, der alten Zungen. Nicht will mein Geist mehr auf abgelaufnen
Sohlen wandeln.
Zu langsam läuft mir alles Reden: - in deinen Wagen springe ich, Sturm! Und
auch dich will ich noch peitschen mit meiner Bosheit!
Wie ein Schrei und ein jauchzen will ich über weite Meere hinfahren, bis ich die
glückseligen Inseln finde, wo meine Freunde weilen: -
65
Und meine Feinde unter ihnen! Wie liebe ich nun jeden, zu dem ich nur reden
darf! Auch meine Feinde gehören zu meiner Seligkeit.
Und wenn ich auf mein wildestes Pferd steigen will, so hilft mir mein Speer
immer am besten hinauf: der ist meines Fusses allzeit bereiter Diener: -
Der Speer, den ich gegen meine Feinde schleudere! Wie danke ich es meinen
Feinden, dass ich endlich ihn schleudern darf!
Zu gross war die Spannung meiner Wolke: zwischen Gelächtern der Blitze will
ich Hagelschauer in die Tiefe werfen.
Gewaltig wird sich da meine Brust heben, gewaltig wird sie ihren Sturm über
die Berge hinblasen: so kommt ihr Erleichterung.
Wahrlich, einem Sturme gleich kommt mein Glück und meine Freiheit! Aber
meine Feinde sollen glauben, der Böse rase über ihren Häuptern.
Ja, auch ihr werdet erschreckt sein, meine Freunde, ob meiner wilden Weisheit;
und vielleicht flieht ihr davon sammt meinen Feinden.
Ach, dass ich′s verstünde, euch mit Hirtenflöten zurück zu locken! Ach, dass
meine Löwin Weisheit zärtlich brüllen lernte! Und Vieles lernten wir schon mit
einander!
Meine wilde Weisheit wurde trächtig auf einsamen Bergen; auf rauhen Steinen
gebar sie ihr Junges, Jüngstes.
Nun läuft sie närrisch durch die harte Wüste und sucht und sucht nach sanftem
Rasen - meine alte wilde Weisheit!
Auf eurer Herzen sanften Rasen, meine Freunde! - auf eure Liebe möchte sie
ihr Liebstes betten!
Also sprach Zarathustra.
Auf den glückseligen Inseln
Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut und süss; und indem sie fallen,
reisst ihnen die rothe Haut. Ein Nordwind bin ich reifen Feigen.
Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun trinkt
ihren Saft und ihr süsses Fleisch! Herbst ist es umher und reiner Himmel und
Nachmittag.
Seht, welche Fülle ist um uns! Und aus dem Überflusse heraus ist es schön
hinaus zu blicken auf ferne Meere.
66
Einst sagte man Gott, wenn man auf ferne Meere blickte; nun aber lehrte ich
euch sagen: Übermensch.
Gott ist eine Muthmaassung; aber ich will, dass euer Muthmaassen nicht weiter
reiche, als euer schaffender Wille.
Könntet ihr einen Gott schaffen ? - So schweigt mir doch von al en Göttern!
Wohl aber könntet ihr den Übermenschen schaffen.
Nicht ihr vielleicht selber, meine Brüder! Aber zu Vätern und Vorfahren
könntet ihr euch umschaffen des Übermenschen: und Diess sei euer bestes
Schaffen! -
Gott ist eine Muthmaassung: aber ich will, dass euer Muthmaassen begrenzt sei
in der Denkbarkeit.
Könntet ihr einen Gott denken ? - Aber diess bedeute euch Wille zur Wahrheit,
dass Alles verwandelt werde in Menschen - Denkbares, Menschen - Sichtbares,
Menschen - Fühlbares! Eure eignen Sinne sollt ihr zu Ende denken!
Und was ihr Welt nanntet, das soll erst von euch geschaffen werden: eure
Vernunft, euer Bild, euer Wille, eure Liebe soll es selber werden! Und wahrlich,
zu eurer Seligkeit, ihr Erkennenden!
Und wie wolltet ihr das Leben ertragen ohne diese Hoffnung, ihr Erkennenden?
Weder in′s Unbegreifliche dürftet ihr eingeboren sein, noch in′s Unvernünftige.
Aber dass ich euch ganz mein Herz offenbare, ihr Freunde: wenn es Götter
gäbe, wie hielte ich′s aus, kein Gott zu sein! Also giebt es keine Götter.
Wohl zog ich den Schluss; nun aber zieht er mich. -
Gott ist eine Muthmaassung: aber wer tränke alle Qual dieser Muthmaassung,
ohne zu sterben? Soll dem Schaffenden sein Glaube genommen sein und dem
Adler sein Schweben in Adler-Fernen?
Gott ist ein Gedanke, der macht alles Gerade krumm und Alles, was steht,
drehend. Wie? Die Zeit wäre hinweg, und alles Vergängliche nur Lüge?
Diess zu denken ist Wirbel und Schwindel menschlichen Gebeinen und noch
dem Magen ein Erbrechen: wahrlich, die drehende Krankheit heisse ich′s,
Solches zu muthmaassen.
Böse heisse ich′s und menschenfeindlich: all diess Lehren vom Einen und
Vollen und Unbewegten und Satten und Unvergänglichen!
Alles Unvergängliche - das ist nur ein Gleichniss! Und die Dichter lügen zuviel.
-
67
Aber von Zeit und Werden sollen die besten Gleichnisse reden: ein Lob sollen
sie sein und eine Rechtfertigung aller Vergänglichkeit!
Schaffen - das ist die grosse Erlösung vom Leiden, und des Lebens
Leichtwerden. Aber dass der Schaffende sei, dazu selber thut Leid noth und viel
Verwandelung.
Ja, viel bitteres Sterben muss in eurem Leben sein, ihr Schaffenden! Also seid
ihr Fürsprecher und Rechtfertiger aller Vergänglichkeit.
Dass der Schaffende selber das Kind sei, das neu geboren werde, dazu muss er
auch die Gebärerin sein wollen und der Schmerz der Gebärerin.
Wahrlich, durch hundert Seelen gieng ich meinen Weg und durch hundert
Wiegen und Geburtswehen. Manchen Abschied nahm ich schon, ich kenne die
herzbrechenden letzten Stunden.
Aber so will′s mein schaffender Wil e, mein Schicksal. Oder, dass ich′s euch
redlicher sage: solches Schicksal gerade - will mein Wille.
Alles Fühlende leidet an mir und ist in Gefängnissen: aber mein Wollen kommt
mir stets als mein Befreier und Freudebringer.
Wollen befreit: das ist die wahre Lehre von Wille und Freiheit - so lehrt sie euch
Zarathustra.
Nicht-mehr-wollen und Nicht-mehr-schätzen und Nicht-mehr-schaffen! ach,
dass diese grosse Müdigkeit mir stets ferne bleibe!
Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zeuge- und Werde-Lust; und
wenn Unschuld in meiner Erkenntniss ist, so geschieht diess, weil Wille zur
Zeugung in ihr ist.
Hinweg von Gott und Göttem lockte mich dieser Wille; was wäre denn zu
schaffen, wenn Götter - da wären!
Aber zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein inbrünstiger
Schaffens-Wille; so treibt′s den Hammer hin zum Steine.
Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild meiner Bilder! Ach,
dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss!
Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine
stäuben Stücke: was schiert mich das?
Vollenden will ich′s: denn ein Schatten kam zu mir - aller Dinge Stillstes und
Leichtestes kam einst zu mir!
68
Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten. Ach, meine Brüder!
Was gehen mich noch - die Götter an! -
Also sprach Zarathustra.
Von den Mitleidigen
Meine Freunde, es kam eine Spottrede zu eurem Freunde: »seht nur
Zarathustra! Wandelt er nicht unter uns wie unter Thieren?«
Aber so ist es besser geredet: »der Erkennende wandelt unter Menschen als
unter Thieren.«
Der Mensch selber aber heisst dem Erkennenden: das Thier, das rothe Backen
hat.
Wie geschah ihm das? Ist es nicht, weil er sich zu oft hat schämen müssen?
Oh meine Freunde! So spricht der Erkennende: Scham, Scham, Scham - das ist
die Geschichte des Menschen!
Und darum gebeut sich der Edle, nicht zu beschämen: Scham gebeut er sich vor
allem Leidenden.
Wahrlich, ich mag sie nicht, die Barmherzigen, die selig sind in ihrem Mitleiden:
zu sehr gebricht es ihnen an Scham.
Muss ich mitleidig sein, so will ich′s doch nicht heissen; und wenn ich′s bin,
dann gern aus der Ferne.
Gerne verhülle ich auch das Haupt und fliehe davon, bevor ich noch erkannt
bin: und also heisse ich euch thun, meine Freunde!
Möge mein Schicksal mir immer Leidlose, gleich euch, über den Weg führen,
und Solche, mit denen mir Hoffnung und Mahl und Honig gemein sein darf!
Wahrlich, ich that wohl Das und jenes an Leidenden: aber Besseres schien ich
mir stets zu thun, wenn ich lernte, mich besser freuen.
Seit es Menschen giebt, hat der Mensch sich zu wenig gefreut: Das allein, meine
Brüder, ist unsre Erbsünde!
Und lernen wir besser uns freuen, so verlernen wir am besten, Andern wehe zu
thun und Wehes auszudenken.
Darum wasche ich mir die Hand, die dem Leidenden half, darum wische ich
mir auch noch die Seele ab.
Denn dass ich den Leidenden leidend sah, dessen schämte ich mich um seiner
Scham willen; und als ich ihm half, da vergieng ich mich hart an seinem Stolze.
69
Grosse Verbindlichkeiten machen nicht dankbar, sondern rachsüchtig; und
wenn die kleine Wohlthat nicht vergessen wird, so wird noch ein Nage-Wurm
daraus.
»Seid spröde im Annehmen! Zeichnet aus damit, dass ihr annehmt!« - also rathe
ich Denen, die Nichts zu verschenken haben.
Ich aber bin ein Schenkender: gerne schenke ich, als Freund den Freunden.
Fremde aber und Arme mögen sich die Frucht selber von meinem Baume
pflücken: so beschämt es weniger.
Bettler aber sollte man ganz abschaffen! Wahrlich, man ärgert sich ihnen zu
geben und, ärgert sich ihnen nicht zu geben.
Und insgleichen die Sünder und bösen Gewissen! Glaubt mir, meine Freunde:
Gewissensbisse erziehn zum Beissen.
Das Schlimmste aber sind die kleinen Gedanken. Wahrlich, besser noch bös
gethan, als klein gedacht!
Zwar ihr sagt: »die Lust an kleinen Bosheiten erspart uns manche grosse böse
That.« Aber hier sollte man nicht sparen wollen.
Wie ein Geschwür ist die böse That: sie juckt und kratzt und bricht heraus, - sie
redet ehrlich.
»Siehe, ich bin Krankheit« - so redet die böse That; das ist ihre Ehrlichkeit.
Aber dem Pilze gleich ist der kleine Gedanke: er kriecht und duckt sich und will
nirgendswo sein - bis der ganze Leib morsch und welk ist vor kleinen Pilzen.
Dem aber, der vom Teufel besessen ist, sage ich diess Wort in′s Ohr: »besser
noch, du ziehest deinen Teufel gross! Auch für dich giebt es noch einen Weg
der Grösse!« -
Ach, meine Brüder! Man weiss von Jedermann Etwas zu viel! Und Mancher
wird uns durchsichtig, aber desshalb können wir noch lange nicht durch ihn
hindurch.
Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist.
Und nicht gegen Den, der uns zuwider ist, sind wir am unbilligsten, sondern
gegen Den, welcher uns gar Nichts angeht.
Hast du aber einen leidenden Freund, so sei seinem Leiden eine Ruhestätte,
doch gleichsam ein hartes Bett, ein Feldbett: so wirst du ihm am besten nützen.
Und thut dir ein Freund Übles, so sprich: »ich vergebe dir, was du mir thatest;
dass du es aber dir thatest, - wie könnte ich das vergeben!«
70
Also redet alle grosse Liebe: die überwindet auch noch Vergebung und
Mitleiden.
Man soll sein Herz festhalten; denn lässt man es gehn, wie bald geht Einem da
der Kopf durch!
Ach, wo in der Welt geschahen grössere Thorheiten, als bei den Mitleidigen?
Und was in der Welt stiftete mehr Leid, als die Thorheiten der Mitleidigen?
Wehe allen Liebenden, die nicht noch eine Höhe haben, welche über ihrem
Mitleiden ist!
Also sprach der Teufel einst zu mir: »auch Gott hat seine Hölle: das ist seine
Liebe zu den Menschen.«
Und jüngst hörte ich ihn diess Wort sagen: »Gott ist todt; an seinem Mitleiden
mit den Menschen ist Gott gestorben.« -
So seid mir gewarnt vordem Mitleiden: daher kommt noch den Menschen eine
schwere Wolke! Wahrlich, ich verstehe mich auf Wetterzeichen!
Merket aber auch diess Wort: alle grosse Liebe ist noch über all ihrem Mitleiden:
denn sie will das Geliebte noch - schaffen!
»Mich selber bringe ich meiner Liebe dar, und meinen Nächsten gleich mir« - so
geht die Rede allen Schaffenden.
Alle Schaffenden aber sind hart. -
Also sprach Zarathustra.
Von den Priestern
Und einstmals gab Zarathustra seinen Jüngern ein Zeichen und sprach diese
Worte zu ihnen:
»Hier sind Priester: und wenn es auch meine Feinde sind, geht mir still an ihnen
vorüber und mit schlafendem Schwerte!
Auch unter ihnen sind Helden; Viele von ihnen litten zuviel -: so wollen sie
Andre leiden machen.
Böse Feinde sind sie: Nichts ist rachsüchtiger als ihre Demuth. Und leicht
besudelt sich Der, welcher sie angreift.
Aber mein Blut ist mit dem ihren verwandt; und ich will mein Blut auch noch in
dem ihren geehrt wissen.« -
Und als sie vorüber gegangen waren, fiel Zarathustra der Schmerz an; und nicht
lange hatte er mit seinem Schmerze gerungen, da hub er also an zu reden:
71
Es jammert mich dieser Priester. Sie gehen mir auch wider den Geschmack;
aber das ist mir das Geringste, seit ich unter Menschen bin.
Aber ich leide und litt mit ihnen: Gefangene sind es mir und Abgezeichnete.
Der, welchen sie Erlöser nennen, schlug sie in Banden: -
In Banden falscher Werthe und Wahn-Worte! Ach dass Einer sie noch von
ihrem Erlöser erlöste!
Auf einem Eilande glaubten sie einst zu landen, als das Meer sie herumriss; aber
siehe, es war ein schlafendes Ungeheuer!
Falsche Werthe und Wahn-Worte: das sind die schlimmsten Ungeheuer für
Sterbliche, - lange schläft und wartet in ihnen das Verhängniss.
Aber endlich kommt es und wacht und frisst und schlingt, was auf ihm sich
Hütten baute.
Oh seht mir doch diese Hütten an, die sich diese Priester bauten! Kirchen
heissen sie ihre süssduftenden Höhlen.
Oh über diess verfälschte Licht, diese versumpfte Luft! Hier, wo die Seele zu
ihrer Höhe hinauf - nicht fliegen darf!
Sondern also gebietet ihr Glaube: »auf den Knien die Treppe hinan, ihr
Sünder!«
Wahrlich, lieber sehe ich noch den Schamlosen, als die verrenkten Augen ihrer
Scham und Andacht!
Wer schuf sich solche Höhlen und Buss-Treppen? Waren es nicht Solche, die
sich verbergen wol ten und sich vor dem reinen Himmel schämten?
Und erst wenn der reine Himmel wieder durch zerbrochne Decken blickt, und
hinab auf Gras und rothen Mohn an zerbrochnen Mauern, - will ich den
Stätten dieses Gottes wieder mein Herz zuwenden.
Sie nannten Gott, was ihnen widersprach und wehe that: und wahrlich, es war
viel Helden-Art in ihrer Anbetung!
Und nicht anders wussten sie ihren Gott zu lieben, als indem sie den Menschen
an′s Kreuz schlugen!
Als Leichname gedachten sie zu leben, schwarz schlugen sie ihren Leichnam
aus; auch aus ihren Reden rieche ich noch die üble Würze von Todtenkammern.
Und wer ihnen nahe lebt, der lebt schwarzen Teichen nahe, aus denen heraus
die Unke ihr Lied mit süssem Tiefsinne singt.
72
Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne:
erlöster müssten mir seine jünger aussehen!
Nackt möchte ich sie sehn: denn allein die Schönheit sollte Busse predigen.
Aber wen überredet wohl diese vermummte Trübsal!
Wahrlich, ihre Erlöser selber kamen nicht aus der Freiheit und der Freiheit
siebentem Himmel! Wahrlich, sie selber wandelten niemals auf den Teppichen
der Erkenntniss!
Aus Lücken bestand der Geist dieser Erlöser; aber in jede Lücke hatten sie
ihren Wahn gestel t, ihren Lückenbüsser, den sie Gott nannten.
In ihrem Mitleiden war ihr Geist ertrunken, und wenn sie schwollen und
überschwollen von Mitleiden, schwamm immer obenauf eine grosse Thorheit.
Eifrig trieben sie und mit Geschrei ihre Heerde über ihren Steg: wie als ob es
zur Zukunft nur Einen Steg gäbe! Wahrlich, auch diese Hirten gehörten noch
zu den Schafen!
Kleine Geister und umfängliche Seelen hatten diese Hirten: aber, meine Brüder,
was für kleine Länder waren bisher auch die umfänglichsten Seelen!
Blutzeichen schrieben sie auf den Weg, den sie giengen, und ihre Thorheit
lehrte, dass man mit Blut die Wahrheit beweise.
Aber Blut ist der schlechteste Zeuge der Wahrheit; Blut vergiftet die reinste
Lehre noch zu Wahn und Hass der Herzen.
Und wenn Einer durch′s Feuer geht für seine Lehre, - was beweist diess! Mehr
ist′s wahrlich, dass aus eignem Brande die eigne Lehre kommt!
Schwüles Herz und kalter Kopf: wo diess zusammentrifft, da entsteht der
Brausewind, der »Erlöser«.
Grössere gab es wahrlich und Höher-Geborene, als Die, welche das Volk
Erlöser nennt, diese hinreissenden Brausewinde!
Und noch von Grösseren, als alle Erlöser waren, müsst ihr, meine Brüder, erlöst
werden, wollt ihr zur Freiheit den Weg finden!
Niemals noch gab es einen Übermenschen. Nackt sah ich Beide, den grössten
und den kleinsten Menschen: -
Allzuähnlich sind sie noch einander. Wahrlich, auch den Grössten fand ich -
allzumenschlich!
Also sprach Zarathustra.
73
Von den Tugendhaften
Mit Donnern und himmlischen Feuerwerken muss man zu schlaffen und
schlafenden Sinnen reden.
Aber der Schönheit Stimme redet leise: sie schleicht sich nur in die
aufgewecktesten Seelen.
Leise erbebte und lachte mir heut mein Schild; das ist der Schönheit heiliges
Lachen und Beben.
Über euch, ihr Tugendhaften, lachte heut meine Schönheit. Und also kam ihre
Stimme zu mir: »sie wollen noch - bezahlt sein!«
Ihr wollt noch bezahlt sein, ihr Tugendhaften! Wollt Lohn für Tugend und
Himmel für Erden und Ewiges für euer Heute haben?
Und nun zürnt ihr mir, dass ich lehre, es giebt keinen Lohn- und Zahlmeister?
Und wahrlich, ich lehre nicht einmal, dass Tugend ihr eigener Lohn ist.
Ach, das ist meine Trauer: in den Grund der Dinge hat man Lohn und Strafe
hineingelogen - und nun auch noch in den Grund eurer Seelen, ihr
Tugendhaften!
Aber dem Rüssel des Ebers gleich soll mein Wort den Grund eurer Seelen
aufreissen; Pflugschar will ich euch heissen.
Alle Heimlichkeiten eures Grundes sollen an′s Licht; und wenn ihr aufgewühlt
und zerbrochen in der Sonne liegt, wird auch eure Lüge von eurer Wahrheit
ausgeschieden sein.
Denn diess ist eure Wahrheit: ihr seid zu reinlich für den Schmutz der Worte:
Rache, Strafe, Lohn, Vergeltung.
Ihr liebt eure Tugend, wie die Mutter ihr Kind; aber wann hörte man, dass eine
Mutter bezahlt sein wollte für ihre Liebe?
Es ist euer liebstes Selbst, eure Tugend. Des Ringes Durst ist in euch: sich
selber wieder zu erreichen, dazu ringt und dreht sich jeder Ring.
Und dem Sterne gleich, der erlischt, ist jedes Werk eurer Tugend: immer ist sein
Licht noch unterwegs und wandert - und wann wird es nicht mehr unterwegs
sein?
Also ist das Licht eurer Tugend noch unterwegs, auch wenn das Werk gethan
ist. Mag es nun vergessen und todt sein: sein Strahl von Licht lebt noch und
wandert.
74
Dass eure Tugend euer Selbst sei und nicht ein Fremdes, eine Haut, eine
Bemäntelung: das ist die Wahrheit aus dem Grunde eurer Seele, ihr
Tugendhaften! -
Aber wohl giebt es Solche, denen Tugend der Krampf unter einer Peitsche
heisst: und ihr habt mir zuviel auf deren Geschrei gehört!
Und Andre giebt es, die heissen Tugend das Faulwerden ihrer Laster; und wenn
ihr Hass und ihre Eifersucht einmal die Glieder strecken, wird ihre
»Gerechtigkeit« munter und reibt sich die verschlafenen Augen.
Und Andre giebt es, die werden abwärts gezogen: ihre Teufel ziehn sie. Aber je
mehr sie sinken, um so glühender leuchtet ihr Auge und die Begierde nach
ihrem Gotte.
Ach, auch deren Geschrei drang zu euren Ohren, ihr Tugendhaften: was ich
nicht bin, das, das ist mir Gott und Tugend!′
Und Andre giebt es, die kommen schwer und knarrend daher, gleich Wägen, die
Steine abwärts fahren: die reden viel von Würde und Tugend, - ihren
Hemmschuh heissen sie Tugend!
Und Andre giebt es, die sind gleich Alltags-Uhren, die aufgezogen wurden; sie
machen ihr Tiktak und wollen, dass man Tiktak - Tugend heisse.
Wahrlich, an Diesen habe ich meine Lust: wo ich solche Uhren finde, werde ich
sie mit meinem Spotte aufziehn; und sie sollen mir dabei noch schnurren!
Und Andre sind stolz über ihre Handvoll Gerechtigkeit und begehen um
ihrerwillen Frevel an allen Dingen: also dass die Welt in ihrer Ungerechtigkeit
ertränkt wird.
Ach, wie übel ihnen das Wort »Tugend« aus dem Munde läuft! Und wenn sie
sagen: »ich bin gerecht,« so klingt es immer gleich wie: »ich bin gerächt!«
Mit ihrer Tugend wollen sie ihren Feinden die Augen auskratzen; und sie
erheben sich nur, um Andre zu erniedrigen.
Und wiederum giebt es Solche, die sitzen in ihrem Sumpfe und reden also
heraus aus dem Schilfrohr: »Tugend - das ist still im Sumpfe sitzen.
Wir beissen Niemanden und gehen Dem aus dem Wege, der beissen will; und in
Allem haben wir die Meinung, die man uns giebt.«
Und wiederum giebt es Solche, die lieben Gebärden und denken: Tugend ist
eine Art Gebärde.
Ihre Kniee beten immer an, und ihre Hände sind Lobpreisungen der Tugend,
aber ihr Herz weiss Nichts davon.
75
Und wiederum giebt es Solche, die halten es für Tugend, zu sagen: »Tugend ist
nothwendig«; aber sie glauben im Grunde nur daran, dass Polizei nothwendig
ist.
Und Mancher, der das Hohe an den Menschen nicht sehen kann, nennt es
Tugend, dass er ihr Niedriges allzunahe sieht: also heisst er seinen bösen Blick
Tugend.
Und Einige wollen erbaut und aufgerichtet sein und heissen es Tugend; und
Andre wollen umgeworfen sein - und heissen es auch Tugend.
Und derart glauben fast Alle daran, Antheil zu haben an der Tugend; und zum
Mindesten will ein jeder Kenner sein über »gut« und »böse«.
Aber nicht dazu kam Zarathustra, allen diesen Lügnern und Narren zu sagen:
»was wisst ihr von Tugend! Was könntet ihr von Tugend wissen!« -
Sondern, dass ihr, meine Freunde, der alten Worte müde würdet, welche ihr von
den Narren und Lügnern gelernt habt:
Müde würdet der Worte »Lohn,« »Vergeltung,« »Strafe,« »Rache in der
Gerechtigkeit« -
Müde würdet zu sagen: »dass eine Handlung gut ist, das macht, sie ist selbstlos.«
Ach, meine Freunde! Dass euer Selbst in der Handlung sei, wie die Mutter im
Kinde ist: das sei mir euer Wort von Tugend!
Wahrlich, ich nahm euch wohl hundert Worte und eurer Tugend liebste
Spielwerke; und nun zürnt ihr mir, wie Kinder zürnen.
Sie spielten am Meere, - da kam die Welle und riss ihnen ihr Spielwerk in die
Tiefe: nun weinen sie.
Aber die selbe Welle soll ihnen neue Spielwerke bringen und neue bunte
Muscheln vor sie hin ausschütten!
So werden sie getröstet sein; und gleich ihnen sollt auch ihr, meine Freunde,
eure Tröstungen haben - und neue bunte Muscheln! -
Also sprach Zarathustra.
Vom Gesindel
Das Leben ist ein Born der Lust; aber wo das Gesindel mit trinkt, da sind alle
Brunnen vergiftet.
Allem Reinlichen bin ich hold; aber ich mag die grinsenden Mäuler nicht sehn
und den Durst der Unreinen.
76
Sie warfen ihr Auge hinab in den Brunnen: nun glänzt mir ihr widriges Lächeln
herauf aus dem Brunnen.
Das heilige Wasser haben sie vergiftet mit ihrer Lüsternheit; und als sie ihre
schmutzigen Träume Lust nannten, vergifteten sie auch noch die Worte.
Unwillig wird die Flamme, wenn sie ihre feuchten Herzen an′s Feuer legen; der
Geist selber brodelt und raucht, wo das Gesindel an′s Feuer tritt.
Süsslich und übermürbe wird in ihrer Hand die Frucht: windfällig und
wipfeldürr macht ihr Blick den Fruchtbaum.
Und Mancher, der sich vom Leben abkehrte, kehrte sich nur vom Gesindel ab:
er wollte nicht Brunnen und Flamme und Frucht mit dem Gesindel theilen.
Und Mancher, der in die Wüste gieng und mit Raubthieren Durst litt, wollte nur
nicht mit schmutzigen Kameeltreibern um die Cisterne sitzen.
Und Mancher, der wie ein Vernichter daher kam und wie ein Hagelschlag allen
Fruchtfeldern, wollte nur seinen Fuss dem Gesindel in den Rachen setzen und
also seinen Schlund stopfen.
Und nicht das ist der Bissen, an dem ich am meisten würgte, zu wissen, dass das
Leben selber Feindschaft nöthig hat und Sterben und Marterkreuze: -
Sondern ich fragte einst und erstickte fast an meiner Frage: wie? hat das Leben
auch das Gesindel nöthig?
Sind vergiftete Brunnen nöthig und stinkende Feuer und beschmutzte Träume
und Maden im Lebensbrode?
Nicht mein Hass, sondern mein Ekel frass mir hungrig am Leben! Ach, des
Geistes wurde ich oft müde, als ich auch das Gesindel geistreich fand!
Und den Herrschenden wandt′ich den Rücken, als ich sah, was sie jetzt
Herrschen nennen: schachern und markten um Macht - mit dem Gesindel!
Unter Völkern wohnte ich fremder Zunge, mit verschlossenen Ohren: dass mir
ihres Schacherns Zunge fremd bliebe und ihr Markten um Macht.
Und die Nase mir haltend, gieng ich unmuthig durch alles Gestern und Heute:
wahrlich, übel riecht alles Gestern und Heute nach dem schreibenden Gesindel!
Einem Krüppel gleich, der taub und blind und stumm wurde: also lebte ich
lange, dass ich nicht mit Macht- und Schreib- und Lust-Gesindel lebte.
Mühsam stieg mein Geist Treppen, und vorsichtig; Almosen der Lust waren
sein Labsal; am Stabe schlich dem Blinden das Leben.
77
Was geschah mir doch? Wie erlöste ich mich vom Ekel? Wer verjüngte mein
Auge? Wie erflog ich die Höhe, wo kein Gesindel mehr am Brunnen sitzt?
Schuf mein Ekel selber mir Flügel und quellenahnende Kräfte? Wahrlich, in′s
Höchste musste ich fliegen, dass ich den Born der Lust wiederfände!
Oh, ich fand ihn, meine Brüder! Hier im Höchsten quillt mir der Born der Lust!
Und es giebt ein Leben, an dem kein Gesindel mit trinkt!
Fast zu heftig strömst du mir, Quell der Lust! Und oft leerst du den Becher
wieder, dadurch dass du ihn füllen willst!
Und noch muss ich lernen, bescheidener dir zu nahen: allzuheftig strömt dir
noch mein Herz entgegen: -
Mein Herz, auf dem mein Sommer brennt, der kurze, heisse, schwermüthige,
überselige: wie verlangt mein Sommer-Herz nach deiner Kühle!
Vorbei die zögernde Trübsal meines Frühlings! Vorüber die Bosheit meiner
Schneeflocken im Juni! Sommer wurde ich ganz und Sommer-Mittag!
Ein Sommer im Höchsten mit kalten Quellen und seliger Stille: oh kommt,
meine Freunde, dass die Stille noch seliger werde! Denn diess ist unsre Höhe
und unsre Heimat: zu hoch und steil wohnen wir hier allen Unreinen und ihrem
Durste. Werft nur eure reinen Augen in den Born meiner Lust, ihr Freunde!
Wie sollte er darob trübe werden! Entgegenlachen soll er euch mit seiner
Reinheit.
Auf dem Baume Zukunft bauen wir unser Nest; Adler sollen uns Einsamen
Speise bringen in ihren Schnäbeln!
Wahrlich, keine Speise, an der Unsaubere mitessen dürften! Feuer würden sie zu
fressen wähnen und sich die Mäuler verbrennen!
Wahrlich, keine Heimstätten halten wir hier bereit für Unsaubere! Eishöhle
würde ihren Leibern unser Glück heissen und ihren Geistern!
Und wie starke Winde wollen wir über ihnen leben, Nachbarn den Adlern,
Nachbarn dem Schnee, Nachbarn der Sonne: also leben starke Winde.
Und einem Winde gleich will ich einst noch zwischen sie blasen und mit
meinem Geiste ihrem Geiste den Athem nehmen: so will es meine Zukunft.
Wahrlich, ein starker Wind ist Zarathustra allen Niederungen; und solchen Rath
räth er seinen Feinden und Allem, was spuckt und speit: hütet euch gegen den
Wind zu speien!"
Also sprach Zarathustra.
78
Von den Taranteln
Siehe, das ist der Tarantel Höhle! Willst du sie selber sehn? Hier hängt ihr Netz:
rühre daran, dass es erzittert.
Da kommt sie willig: willkommen, Tarantel! Schwarz sitzt auf deinem Rücken
dein Dreieck und Wahrzeichen; und ich weiss auch, was in deiner Seele sitzt.
Rache sitzt in deiner Seele: wohin du beissest, da wächst schwarzer Schorf; mit
Rache macht dein Gift die Seele drehend!
Also rede ich zu euch im Gleichniss, die ihr die Seelen drehend macht, ihr
Prediger der Gleichheit! Taranteln seid ihr mir und versteckte Rachsüchtige!
Aber ich will eure Verstecke schon an′s Licht bringen: darum lache ich euch in′s
Antlitz mein Gelächter der Höhe.
Darum reisse ich an eurem Netze, dass eure Wuth euch aus eurer Lügen-Höhle
locke, und eure Rache hervorspringe hinter eurem Wort »Gerechtigkeit.«
Denn dass der Mensch erlöst werde von der Rache: das ist mir die Brücke zur
höchsten Hoffnung und ein Regenbogen nach langen Unwettern.
Aber anders wollen es freilich die Taranteln. »Das gerade heisse uns
Gerechtigkeit, dass die Welt voll werde von den Unwettern unsrer Rache« - also
reden sie mit einander.
»Rache wollen wir üben und Beschimpfung an Allen, die uns nicht gleich sind« -
so geloben sich die Tarantel-Herzen.
Und »Wille zur Gleichheit« - das selber soll fürderhin der Name für Tugend
werden; und gegen Alles, was Macht hat, wol en wir unser Geschrei erheben!«
Ihr Prediger der Gleichheit, der Tyrannen-Wahnsinn der Ohnmacht schreit also
aus euch nach »Gleichheit«: eure heimlichsten Tyrannen-Gelüste vermummen
sich also in Tugend-Worte!
Vergrämter Dünkel, verhaltener Neid, vielleicht eurer Väter Dünkel und Neid:
aus euch bricht′s als Flamme heraus und Wahnsinn der Rache.
Was der Vater schwieg, das kommt im Sohne zum Reden; und oft fand ich den
Sohn als des Vaters entblösstes Geheimniss.
Den Begeisterten gleichen sie: aber nicht das Herz ist es, was sie begeistert, -
sondern die Rache. Und wenn sie fein und kalt werden, ist′s nicht der Geist,
sondern der Neid, der sie fein und kalt macht.
79
Ihre Eifersucht führt sie auch auf der Denker Pfade; und diess ist das Merkmal
ihrer Eifersucht - immer gehn sie zu weit: dass ihre Müdigkeit sich zuletzt noch
auf Schnee schlafen legen muss.
Aus jeder ihrer Klagen tönt Rache, in jedem ihrer Lobsprüche ist ein Wehethun;
und Richter-sein scheint ihnen Seligkeit.
Also aber rathe ich euch, meine Freunde: misstraut Allen, in welchen der Trieb,
zu strafen, mächtig ist!
Das ist Volk schlechter Art und Abkunft; aus ihren Gesichtern blickt der
Henker und der Spürhund.
Misstraut allen Denen, die viel von ihrer Gerechtigkeit reden! Wahrlich, ihren
Seelen fehlt es nicht nur an Honig.
Und wenn sie sich selber »die Guten und Gerechten« nennen, so vergesst nicht,
dass ihnen zum Pharisäer Nichts fehlt als - Macht!
Meine Freunde, ich will nicht vermischt und verwechselt werden.
Es giebt Solche, die predigen meine Lehre vom Leben: und zugleich sind sie
Prediger der Gleichheit und Taranteln.
Dass sie dem Leben zu Willen reden, ob sie gleich in ihrer Höhle sitzen, diese
Gift-Spinnen, und abgekehrt vom Leben: das macht, sie wollen damit
wehethun.
Solchen wollen sie damit wehethun, die jetzt die Macht haben: denn bei diesen
ist noch die Predigt vom Tode am besten zu Hause.
Wäre es anders, so würden die Taranteln anders lehren: und gerade sie waren
ehemals die besten Welt-Verleumder und Ketzer-Brenner.
Mit diesen Predigern der Gleichheit will ich nicht vermischt und verwechselt
sein. Denn so redet mir die Gerechtigkeit: »die Menschen sind nicht gleich.«
Und sie sollen es auch nicht werden! Was wäre denn meine Liebe zum
Übermenschen, wenn ich anders spräche?
Auf tausend Brücken und Stegen sollen sie sich drängen zur Zukunft, und
immer mehr Krieg und Ungleichheit soll zwischen sie gesetzt sein: so lässt mich
meine grosse Liebe reden!
Erfinder von Bildern und Gespenstern sollen sie werden in ihren
Feindschaften, und mit ihren Bildern und Gespenstern sollen sie noch
gegeneinander den höchsten Kampf kämpfen!
80
Gut und Böse, und Reich und Arm, und Hoch und Gering, und alle Namen der
Werthe: Waffen sollen es sein und klirrende Merkmale davon, dass das Leben
sich immer wieder selber überwinden muss!
In die Höhe will es sich bauen mit Pfeilern und Stufen, das Leben selber: in
weite Fernen will es blicken und hinaus nach seligen Schönheiten, - darum
braucht es Höhe!
Und weil es Höhe braucht, braucht es Stufen und Widerspruch der Stufen und
Steigenden! Steigen will das Leben und steigend sich überwinden.
Und seht mir doch, meine Freunde! Hier, wo der Tarantel Höhle ist, heben sich
eines alten Tempels Trümmer aufwärts, - seht mir doch mit erleuchteten Augen
hin!
Wahrlich, wer hier einst seine Gedanken in Stein nach Oben thürmte, um das
Geheimniss alles Lebens wusste er gleich dem Weisesten!
Dass Kampf und Ungleiches auch noch in der Schönheit sei und Krieg um
Macht und Übermacht: das lehrt er uns hier im deutlichsten Gleichniss.
Wie sich göttlich hier Gewölbe und Bogen brechen, im Ringkampfe: wie mit
Licht und Schatten sie wider einander streben, die göttlich-Strebenden -
Also sicher und schön lasst uns auch Feinde sein, meine Freunde! Göttlich
wollen wir wider einander streben! -
Wehe! Da biss mich selber die Tarantel, meine alte Feindin! Göttlich sicher und
schön biss sie mich in den Finger!
»Strafe muss sein und Gerechtigkeit - so denkt sie: nicht umsonst soll er hier
der Feindschaft zu Ehren Lieder singen!«
Ja, sie hat sich gerächt! Und wehe! nun wird sie mit Rache auch noch meine
Seele drehend machen!
Dass ich mich aber nicht drehe, meine Freunde, bindet mich fest hier an diese
Säule! Lieber noch Säulen-Heiliger will ich sein, als Wirbel der Rachsucht!
Wahrlich, kein Dreh- und Wirbelwind ist Zarathustra; und wenn er ein Tänzer
ist, nimmermehr doch ein Tarantel-Tänzer! -
Also sprach Zarathustra.
81
Von den berühmten Weisen
Dem Volke habt ihr gedient und des Volkes Aberglauben, ihr berühmten
Weisen alle! - und nicht der Wahrheit! Und gerade darum zollte man euch
Ehrfurcht.
Und darum auch ertrug man euren Unglauben, weil er ein Witz und Umweg
war zum Volke. So lässt der Herr seine Sclaven gewähren und ergötzt sich noch
an ihrem Übermuthe.
Aber wer dem Volke verhasst ist wie ein Wolf den Hunden: das ist der freie
Geist, der Fessel-Feind, der Nicht-Anbeter, der in Wäldern Hausende.
Ihn zu jagen aus seinem Schlupfe - das hiess immer dem Volke »Sinn für das
Rechte«: gegen ihn hetzt es noch immer seine scharfzahnigsten Hunde.
»Denn die Wahrheit ist da: ist das Volk doch da! Wehe, wehe den Suchenden!« -
also schol es von jeher.
Eurem Volke wolltet ihr Recht schaffen in seiner Verehrung: das hiesset ihr
»Wille zur Wahrheit,« ihr berühmten Weisen!
Und euer Herz sprach immer zu sich: »vom Volke kam ich: von dort her kam
mir auch Gottes Stimme.«
Hart-nackig und klug, dem Esel gleich, wart ihr immer als des Volkes
Fürsprecher.
Und mancher Mächtige, der gut fahren wollte mit dem Volke, spannte vor seine
Rosse noch - ein Eselein, einen berühmten Weisen.
Und nun wollte ich, ihr berühmten Weisen, ihr würfet endlich das Fell des
Löwen ganz von euch!
Das Fell des Raubthiers, das buntgefleckte, und die Zotten des Forschenden,
Suchenden, Erobernden!
Ach, dass ich an eure »Wahrhaftigkeit« glauben lerne, dazu müsstet ihr mir erst
euren verehrenden Willen zerbrechen.
Wahrhaftig - so heisse ich Den, der in götterlose Wüsten geht und sein
verehrendes Herz zerbrochen hat.
Im gelben Sande und verbrannt von der Sonne schielt er wohl durstig nach den
quellenreichen Eilanden, wo Lebendiges unter dunkeln Bäumen ruht.
Aber sein Durst überredet ihn nicht, diesen Behaglichen gleich zu werden: denn
wo Oasen sind, da sind auch Götzenbilder.
Hungernd, gewaltthätig, einsam, gottlos: so will sich selber der Löwen-Wille.
82
Frei von dem Glück der Knechte, erlöst von Göttern und Anbetungen,
furchtlos und fürchterlich, gross und einsam: so ist der Wille des Wahrhaftigen.
In der Wüste wohnten von je die Wahrhaftigen, die freien Geister, als der Wüste
Herren; aber in den Städten wohnen die gutgefütterten, berühmten Weisen, -
die Zugthiere.
Immer nämlich ziehen sie, als Esel - des Volkes Karren!
Nicht dass ich ihnen darob zürne: aber Dienende bleiben sie mir und
Angeschirrte, auch wenn sie von goldnem Geschirre glänzen.
Und oft waren sie gute Diener und preiswürdige. Denn so spricht die Tugend:
musst du Diener sein, so suche Den, welchem dein Dienst am besten nützt!
»Der Geist und die Tugend deines Herrn sollen wachsen, dadurch dass du sein
Diener bist: so wächsest du selber mit seinem Geiste und seiner Tugend!«
Und wahrlich, ihr berühmten Weisen, ihr Diener des Volkes! Ihr selber wuchset
mit des Volkes Geist und Tugend - und das Volk durch euch! Zu euren Ehren
sage ich das!
Aber Volk bleibt ihr mir auch noch in euren Tugenden, Volk mit blöden Augen,
- Volk, das nicht weiss, was Geist ist!
Geist ist das Leben, das selber in′s Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt
es sich das eigne Wissen, - wusstet ihr das schon?
Und des Geistes Glück ist diess: gesalbt zu sein und durch Thränen geweiht
zum Opferthier, - wusstet ihr das schon?
Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von der
Macht der Sonne zeugen, in die er schaute, - wusstet ihr das schon?
Und mit Bergen soll der Erkennende bauen lernen! Wenig ist es, dass der Geist
Berge versetzt, - wusstet ihr das schon?
Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Ambos nicht, der er ist,
und nicht die Grausamkeit seines Hammers!
Wahrlich, ihr kennt des Geistes Stolz nicht! Aber noch weniger würdet ihr des
Geistes Bescheidenheit ertragen, wenn sie einmal reden wollte!
Und niemals noch durftet ihr euren Geist in eine Grube von Schnee werfen: ihr
seid nicht heiss genug dazu! So kennt ihr auch die Entzückungen seiner Kälte
nicht.
In Allem aber thut ihr mir zu vertraulich mit dem Geiste; und aus der Weisheit
machtet ihr oft ein Armen- und Krankenhaus für schlechte Dichter.
83
Ihr seid keine Adler: so erfuhrt ihr auch das Glück im Schrekken des Geistes
nicht. Und wer kein Vogel ist, soll sich nicht über Abgründen lagern.
Ihr seid mir Laue: aber kalt strömt jede tiefe Erkenntniss. Eiskalt sind die
innersten Brunnen des Geistes: ein Labsal heissen Händen und Handelnden.
Ehrbar steht ihr mir da und steif und mit geradem Rücken, ihr berühmten
Weisen! - euch treibt kein starker Wind und Wille.
Saht ihr nie ein Segel über das Meer gehn, geründet und gebläht und zitternd
vor dem Ungestüm des Windes?
Dem Segel gleich, zitternd vor dem Ungestüm des Geistes, geht meine Weisheit
über das Meer - meine wilde Weisheit!
Aber ihr Diener des Volkes, ihr berühmten Weisen, - wie könntet ihr mit mir
gehn! -
Also sprach Zarathustra.
Das Nachtlied
Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele
ist ein springender Brunnen.
Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine
Seele ist das Lied eines Liebenden.
Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir; das will laut werden. Eine Begierde nach
Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe.
Licht bin ich: ach, dass ich Nacht wäre! Aber diess ist meine Einsamkeit, dass
ich von Licht umgürtet bin.
Ach, dass ich dunkel wäre und nächtig! Wie wollte ich an den Brüsten des
Lichts saugen!
Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen Funkelsterne und
Leuchtwürmer droben! - und selig sein ob eurer Licht-Geschenke.
Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich zurück,
die aus mir brechen.
Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht; und oft träumte mir davon, dass
Stehlen noch seliger sein müsse, als Nehmen.
Das ist meine Armuth, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das ist
mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten Nächte der
Sehnsucht.
84
Oh Unseligkeit aller Schenkenden! Oh Verfinsterung meiner Sonne! Oh
Begierde nach Begehren! Oh Heisshunger in der Sättigung!
Sie nehmen von mir: aber rühre ich noch an ihre Seele? Eine Kluft ist zwischen
Geben und Nehmen; und die kleinste Kluft ist am letzten zu überbrücken.
Ein Hunger wächst aus meiner Schönheit: wehethun möchte ich Denen,
welchen ich leuchte, berauben möchte ich meine Beschenkten: - also hungere
ich nach Bosheit.
Die Hand zurückziehend, wenn sich schon ihr die Hand entgegenstreckt; dem
Wasserfälle gleich zögernd, der noch im Sturze zögert: - also hungere ich nach
Bosheit.
Solche Rache sinnt meine Fülle aus; solche Tücke quillt aus meiner Einsamkeit.
Mein Glück im Schenken erstarb im Schenken, meine Tugend wurde ihrer
selber müde an ihrem Überflusse!
Wer immer schenkt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere; wer immer
austheilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter Austheilen.
Mein Auge quillt nicht mehr über vor der Scham der Bittenden; meine Hand
wurde zu hart für das Zittern gefüllter Hände.
Wohin kam die Thräne meinem Auge und der Flaum meinem Herzen? Oh
Einsamkeit aller Schenkenden! Oh Schweigsamkeit aller Leuchtenden!
Viel Sonnen kreisen im öden Räume: zu Allem, was dunkel ist, reden sie mit
ihrem Lichte, - mir schweigen sie.
Oh diess ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes, erbarmungslos
wandelt es seine Bahnen.
Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen: kalt gegen Sonnen, - also
wandelt jede Sonne.
Einem Sturme gleich fliegen die Sonnen ihre Bahnen, das ist ihr Wandeln.
Ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.
Oh, ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft aus
Leuchtendem! Oh, ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus des Lichtes Eutern!
Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst ist in
mir, der schmachtet nach eurem Durste!
Nacht ist es: ach dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nächtigem! Und
Einsamkeit!
85
Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen, - nach Rede
verlangt mich.
Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele
ist ein springender Brunnen.
Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine
Seele ist das Lied eines Liebenden. -
Also sang Zarathustra.
Das Tanzlied
Eines Abends gieng Zarathustra mit seinen Jüngern durch den Wald; und als er
nach einem Brunnen suchte, siehe, da kam er auf eine grüne Wiese, die von
Bäumen und Gebüsch still umstanden war: auf der tanzten Mädchen mit
einander. Sobald die Mädchen Zarathustra erkannten, liessen sie vom Tanze ab;
Zarathustra aber trat mit freundlicher Gebärde zu ihnen und sprach diese
Worte:
»Lasst vom Tanze nicht ab, ihr lieblichen Mädchen! Kein Spielverderber kam zu
euch mit bösem Blick, kein Mädchen-Feind.
Gottes Fürsprecher bin ich vor dem Teufel: der aber ist der Geist der Schwere.
Wie sollte ich, ihr Leichten, göttlichen Tänzen feind sein? Oder Mädchen-
Füssen mit schönen Knöcheln?
Wohl bin ich ein Wald und eine Nacht dunkler Bäume: doch wer sich vor
meinem Dunkel nicht scheut, der findet auch Rosenhänge unter meinen
Cypressen.
Und auch den kleinen Gott findet er wohl, der den Mädchen der liebste ist:
neben dem Brunnen liegt er, still, mit geschlossenen Augen.
Wahrlich, am hellen Tage schlief er mir ein, der Tagedieb! Haschte er wohl zu
viel nach Schmetterlingen?
Zürnt mir nicht, ihr schönen Tanzenden, wenn ich den kleinen Gott ein Wenig
züchtige! Schreien wird er wohl und weinen, - aber zum Lachen ist er noch im
Weinen!
Und mit Thränen im Auge soll er euch um einen Tanz bitten; und ich selber
will ein Lied zu seinem Tanze singen:
Ein Tanz- und Spottlied auf den Geist der Schwere, meinen allerhöchsten
grossmächtigsten Teufel, von dem sie sagen, dass er »der Herr der Welt« sei.« -
86
Und diess ist das Lied, welches Zarathustra sang, als Cupido und die Mädchen
zusammen tanzten.
In dein Auge schaute ich jüngst, oh Leben! Und in′s Unergründliche schien ich
mir da zu sinken.
Aber du zogst mich mit goldner Angel heraus; spöttisch lachtest du, als ich dich
unergründlich nannte.
»So geht die Rede aller Fische, sprachst du; was sie nicht ergründen, ist
unergründlich.
»Aber veränderlich bin ich nur und wild und in Allem ein Weib, und kein
tugendhaftes:
»Ob ich schon euch Männern »die Tiefe« heisse oder »die Treue«, »die Ewige«,
»die Geheimnissvolle.« -
»Doch ihr Männer beschenkt uns stets mit den eignen Tugenden - ach, ihr
Tugendhaften!«
Also lachte sie, die Unglaubliche; aber ich glaube ihr niemals und ihrem Lachen,
wenn sie bös von sich selber spricht.
Und als ich unter vier Augen mit meiner wilden Weisheit redete, sagte sie mir
zornig: »Du willst, du begehrst, du liebst, darum allein lobst du das Leben!«
Fast hätte ich da bös geantwortet und der Zornigen die Wahrheit gesagt; und
man kann nicht böser antworten, als wenn man seiner Weisheit »die Wahrheit
sagt.«
So nämlich steht es zwischen uns Dreien. Von Grund aus liebe ich nur das
Leben - und, wahrlich, am meisten dann, wenn ich es hasse!
Dass ich aber der Weisheit gut bin und oft zu gut: das macht, sie erinnert mich
gar sehr an das Leben!
Sie hat ihr Auge, ihr Lachen und sogar ihr goldnes Angelrüthchen: was kann ich
dafür, dass die Beiden sich so ähnlich sehen?
Und als mich einmal das Leben fragte: Wer ist denn das, die Weisheit? - da sagte
ich eifrig: »Ach ja! die Weisheit!
Man dürstet um sie und wird nicht satt, man blickt durch Schleier, man hascht
durch Netze.
Ist sie schön? Was weiss ich! Aber die ältesten Karpfen werden noch mit ihr
geködert.
87
Veränderlich ist sie und trotzig; oft sah ich sie sich die Lippe beissen und den
Kamm wider ihres Haares Strich führen.
Vielleicht ist sie böse und falsch, und in Allem ein Frauenzimmer; aber wenn sie
von sich selber schlecht spricht, da gerade verführt sie am meisten.«
Als ich diess zu dem Leben sagte, da lachte es boshaft und machte die Augen
zu. Von wem redest du doch? sagte sie, wohl von mir?
Und wenn du Recht hättest, - sagt man das mir so in′s Gesicht! Aber nun sprich
doch auch von deiner Weisheit!«
Ach, und nun machtest du wieder dein Auge auf, oh geliebtes Leben! Und in′s
Unergründliche schien ich mir wieder zu sinken. -
Also sang Zarathustra. Als aber der Tanz zu Ende und die Mädchen
fortgegangen waren, wurde er traurig.
»Die Sonne ist lange schon hinunter, sagte er endlich; die Wiese ist feucht, von
den Wäldern her kommt Kühle.
Ein Unbekanntes ist um mich und blickt nachdenklich. Was! Du lebst noch,
Zarathustra?
Warum? Wofür? Wodurch? Wohin? Wo? Wie? Ist es nicht Thorheit, noch zu
leben? -
Ach, meine Freunde, der Abend ist es, der so aus mir fragt. Vergebt mir meine
Traurigkeit!
Abend ward es: vergebt mir, dass es Abend ward!«
Also sprach Zarathustra.
Das Grablied
»Dort ist die Gräberinsel, die schweigsame; dort sind auch die Gräber meiner
Jugend. Dahin will ich einen immergrünen Kranz des Lebens tragen.«
Also im Herzen beschliessend fuhr ich über das Meer. -
Oh ihr, meiner Jugend Gesichte und Erscheinungen! Oh, ihr Blicke der Liebe
alle, ihr göttlichen Augenblicke! Wie starbt ihr mir so schnell! Ich gedenke eurer
heute wie meiner Todten.
Von euch her, meinen liebsten Todten, kommt mir ein süsser Geruch, ein herz-
und thränenlösender. Wahrlich, er erschüttert und löst das Herz dem einsam
Schiffenden.
88
Immer noch bin ich der Reichste und Bestzubeneidende - ich der Einsamste!
Denn ich hatte euch doch, und ihr habt mich noch: sagt, wem fielen, wie mir,
solche Rosenäpfel vom Baume?
Immer noch bin ich eurer Liebe Erbe und Erdreich, blühend zu eurem
Gedächtnisse von bunten wildwachsenen Tugenden, oh ihr Geliebtesten!
Ach, wir waren gemacht, einander nahe zu bleiben, ihr holden fremden
Wunder; und nicht schüchternen Vögeln gleich kamt ihr zu mir und meiner
Begierde - nein, als Trauende zu dem Trauenden!
Ja, zur Treue gemacht, gleich mir, und zu zärtlichen Ewigkeiten: muss ich nun
euch nach eurer Untreue heissen, ihr göttlichen Blicke und Augenblicke: keinen
andern Namen lernte ich noch.
Wahrlich, zu schnell starbt ihr mir, ihr Flüchtlinge. Doch floht ihr mich nicht,
noch floh ich euch: unschuldig sind wir einander in unsrer Untreue.
Mich zu tödten, erwürgte man euch, ihr Singvögel meiner Hoffnungen! Ja, nach
euch, ihr Liebsten, schoss immer die Bosheit Pfeile - mein Herz zu treffen!
Und sie traf! Wart ihr doch stets mein Herzlichstes, mein Besitz und mein
Besessen-sein: darum musstet ihr jung sterben und allzu frühe!
Nach dem Verwundbarsten, das ich besass, schoss man den Pfeil: das waret ihr,
denen die Haut einem Flaume gleich ist und mehr noch dem Lächeln, das an
einem Blick erstirbt!
Aber diess Wort will ich zu meinen Feinden reden: was ist alles Menschen-
Morden gegen Das, was ihr mir thatet!
Böseres thatet ihr mir, als aller Menschen-Mord ist; Unwiederbringliches nahmt
ihr mir: - also rede ich zu euch, meine Feinde!
Mordetet ihr doch meiner Jugend Gesichte und liebste Wunder! Meine
Gespielen nahmt ihr mir, die seligen Geister! Ihrem Gedächtnisse lege ich
diesen Kranz und diesen Fluch nieder.
Diesen Fluch gegen euch, meine Feinde! Machtet ihr doch mein Ewiges kurz,
wie ein Ton zerbricht in kalter Nacht! Kaum als Aufblinken göttlicher Augen
kam es mir nur, - als Augenblick!
Also sprach zur guten Stunde einst meine Reinheit: »göttlich sollen mir alle
Wesen sein.«
Da überfielt ihr mich mit schmutzigen Gespenstern; ach, wohin floh nun jene
gute Stunde!
89
»Alle Tage sollen mir heilig sein« - so redete einst die Weisheit meiner Jugend:
wahrlich, einer fröhlichen Weisheit Rede!
Aber da stahlt ihr Feinde mir meine Nächte und verkauftet sie zu schlafloser
Qual: ach, wohin floh nun jene fröhliche Weisheit?
Einst begehrte ich nach glücklichen Vogelzeichen: da führtet ihr mir ein Eulen-
Unthier über den Weg, ein widriges. Ach, wohin floh da meine zärtliche
Begierde?
Allem Ekel gelobte ich einst zu entsagen: da verwandeltet ihr meine Nahen und
Nächsten in Eiterbeulen. Ach, wohin floh da mein edelstes Gelöbniss«
Als Blinder gieng ich einst selige Wege: da warft ihr Unflath auf den Weg des
Blinden: und nun ekelte ihn des alten Blinden-Fusssteigs.
Und als ich mein Schwerstes that und meiner Überwindungen Sieg feierte: da
machtet ihr Die, welche mich liebten, schrein, ich thue ihnen am wehesten.
Wahrlich, das war immer euer Thun: ihr vergälltet mir meinen besten Honig
und den Fleiss meiner besten Bienen.
Meiner Mildthätigkeit sandtet ihr immer die frechsten Bettler zu; um mein
Mitleiden drängtet ihr immer die unheilbar Schamlosen. So verwundetet ihr
meine Tugend in ihrem Glauben.
Und legte ich noch mein Heiligstes zum Opfer hin: flugs stellte eure
»Frömmigkeit« ihre fetteren Gaben dazu: also dass im Dampfe eures Fettes
noch mein Heiligstes erstickte.
Und einst wollte ich tanzen, wie nie ich noch tanzte: über alle Himmel weg
wol te ich tanzen. Da überredetet ihr meinen liebsten Sänger.
Und nun stimmte er eine schaurige dumpfe Weise an; ach, er tutete mir, wie ein
düsteres Horn, zu Ohren!
Mörderischer Sänger, Werkzeug der Bosheit, Unschuldigster! Schon stand ich
bereit zum besten Tanze: da mordetest du mit deinen Tönen meine
Verzückung!
Nur im Tanze weiss ich der höchsten Dinge Gleichniss zu reden: - und nun
blieb mir mein höchstes Gleichniss ungeredet in einen Gliedern!
Ungeredet und unerlöst blieb mir die höchste Hoffnung! Und es starben mir
alle Gesichte und Tröstungen meiner Jugend!
Wie ertrug ich′s nur? Wie verwand und überwand ich solche Wunden? Wie
erstand meine Seele wieder aus diesen Gräbern?
90
Ja, ein Unverwundbares, Unbegrabbares ist an mir, ein Felsensprengendes: das
heisst mein Wille. Schweigsam schreitet es und unverändert durch die Jahre.
Seinen Gang will er gehn auf meinen Füssen, mein alter Wille; herzenshart ist
ihm der Sinn und unverwundbar.
Unverwundbar bin ich allein an meiner Ferse. Immer noch lebst du da und bist
dir gleich, Geduldigster! Immer noch brachst du dich durch alle Gräber!
In dir lebt auch noch das Unerlöste meiner Jugend; und als Leben und Jugend
sitzest du hoffend hier auf gelben Grab-Trümmern.
Ja, noch bist du mir aller Gräber Zertrümmerer: Heil dir, mein Wille! Und nur
wo Gräber sind, giebt es Auferstehungen. -
Also sang Zarathustra. -
Von der Selbst-Ueberwindung
»Wille zur Wahrheit« heisst ihr′s, ihr Weisesten, was euch treibt und brünstig
macht?
Wille zur Denkbarkeit alles Seienden: also heisse ich euren Willen!
Alles Seiende wollt ihr erst denkbar machen : denn ihr zweifelt mit gutem
Misstrauen, ob es schon denkbar ist.
Aber es soll sich euch fügen und biegen! So will′s euer Wille. Glatt soll es
werden und dem Geiste unterthan, als sein Spiegel und Widerbild.
Das ist euer ganzer Wille, ihr Weisesten, als ein Wille zur Macht; und auch wenn
ihr vom Guten und Bösen redet und von den Werthschätzungen. Schaffen wollt
ihr noch die Welt, vor der ihr knien könnt: so ist es eure letzte Hoffnung und
Trunkenheit.
Die Unweisen freilich, das Volk, - die sind gleich dem Flusse, auf dem ein
Nachen weiter schwimmt: und im Nachen sitzen feierlich und vermummt die
Werthschätzungen.
Euren Willen und eure Werthe setztet ihr auf den Fluss des Werdens; einen
alten Willen zur Macht verräth mir, was vom Volke als gut und böse geglaubt
wird.
Ihr wart es, ihr Weisesten, die solche Gäste in diesen Nachen setzten und ihnen
Prunk und stolze Namen gaben, - ihr und euer herrschender Wille!
Weiter trägt nun der Fluss euren Nachen: er muss ihn tragen. Wenig thut′s, ob
die gebrochene Welle schäumt und zornig dem Kiele widerspricht!
91
Nicht der Fluss ist eure Gefahr und das Ende eures Guten und Bösen, ihr
Weisesten: sondern jener Wille selber, der Wille zur Macht, - der unerschöpfte
zeugende Lebens-Wille.
Aber damit ihr mein Wort versteht vom Guten und Bösen: dazu will ich euch
noch mein Wort vom Leben sagen und von der Art alles Lebendigen.
Dem Lebendigen gieng ich nach, ich gieng die grössten und die kleinsten Wege,
dass ich seine Art erkenne.
Mit hundertfachem Spiegel fieng ich noch seinen Blick auf, wenn ihm der
Mund geschlossen war: dass sein Auge mir rede. Und sein Auge redete mir.
Aber, wo ich nur Lebendiges fand, da hörte ich auch die Rede vom Gehorsame.
Alles Lebendige ist ein Gehorchendes.
Und diess ist das Zweite: Dem wird befohlen, der sich nicht selber gehorchen
kann. So ist es des Lebendigen Art.
Diess aber ist das Dritte, was ich hörte: dass Befehlen schwerer ist, als
Gehorchen. Und nicht nur, dass der Befehlende die Last aller Gehorchenden
trägt, und dass leicht ihn diese Last zerdrückt: -
Ein Versuch und Wagniss erschien mir in allem Befehlen; und stets, wenn es
befiehlt, wagt das Lebendige sich selber dran.
Ja noch, wenn es sich selber befiehlt: auch da noch muss es sein Befehlen
büssen. Seinem eignen Gesetze muss es Richter und Rächer und Opfer werden.
Wie geschieht diess doch! so fragte ich mich. Was überredet das Lebendige, dass
es gehorcht und befiehlt und befehlend noch Gehorsam übt?
Hört mir nun mein Wort, ihr Weisesten! Prüft es ernstlich, ob ich dem Leben
selber in′s Herz kroch und bis in die Wurzeln seines Herzens!
Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im Willen des
Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein.
Dass dem Stärkeren diene das Schwächere, dazu überredet es sein Wille, der
über noch Schwächeres Herr sein will: dieser Lust allein mag es nicht entrathen.
Und wie das Kleinere sich dem Grösseren hingiebt, dass es Lust und Macht am
Kleinsten habe: also giebt sich auch das Grösste noch hin und setzt um der
Macht willen - das Leben dran.
Das ist die Hingebung des Grössten, dass es Wagniss ist und Gefahr und um
den Tod ein Würfelspielen.
92
Und wo Opferung und Dienste und Liebesblicke sind: auch da ist Wille, Herr
zu sein. Auf Schleichwegen schleicht sich da der Schwächere in die Burg und
bis in′s Herz dem Mächtigeren - und stiehlt da Macht.
Und diess Geheimniss redete das Leben selber zu mir. Siehe, sprach es, ich bin
das, was sich immer selber überwinden muss.
»Freilich, ihr heisst es Wille zur Zeugung oder Trieb zum Zwecke, zum
Höheren, Ferneren, Vielfacheren: aber all diess ist Eins und Ein Geheimniss.
»Lieber noch gehe ich unter, als dass ich diesem Einen absagte; und wahrlich,
wo es Untergang giebt und Blätterfallen, siehe, da opfert sich Leben - um
Macht!
»Dass ich Kampf sein muss und Werden und Zweck und der Zwecke
Widerspruch: ach, wer meinen Willen erräth, erräth wohl auch, auf welchen
krummen Wegen er gehen muss!
»Was ich auch schaffe und wie ich′s auch liebe, - bald muss ich Gegner ihm sein
und meiner Liebe: so will es mein Wille.
»Und auch du, Erkennender, bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines Willens:
wahrlich, mein Wille zur Macht wandelt auch auf den Füssen deines Willens zur
Wahrheit!
»Der traf freilich die Wahrheit nicht, der das Wort nach ihr schoss vom »Willen
zum Dasein«: diesen Willen - giebt es nicht!
»Denn: was nicht ist, das kann nicht wollen; was aber im Dasein ist, wie könnte
das noch zum Dasein wollen!
»Nur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern - so
lehre ich′s dich - Wille zur Macht!
»Vieles ist dem Lebenden höher geschätzt, als Leben selber; doch aus dem
Schätzen selber heraus redet - der Wille zur Macht!« -
Also lehrte mich einst das Leben: und daraus löse ich euch, ihr Weisesten, noch
das Räthsel eures Herzens.
Wahrlich, ich sage euch: Gutes und Böses, das unvergänglich wäre - das giebt es
nicht! Aus sich selber muss es sich immer wieder überwinden.
Mit euren Werthen und Worten von Gut und Böse übt ihr Gewalt, ihr
Werthschätzenden: und diess ist eure verborgene Liebe und eurer Seele
Glänzen, Zittern und Überwallen.
Aber eine stärkere Gewalt wächst aus euren Werthen und eine neue
Überwindung: an der zerbricht Ei und Eierschale.
93
Und wer ein Schöpfer sein muss im Guten und Bösen: wahrlich, der muss ein
Vernichter erst sein und Werthe zerbrechen.
Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: diese aber ist die
schöpferische. -
Reden wir nur davon, ihr Weisesten, ob es gleich schlimm ist. Schweigen ist
schlimmer; alle verschwiegenere Wahrheiten werden giftig.
Und mag doch Alles zerbrechen, was an unseren Wahrheiten zerbrechen - kann!
Manches Haus giebt es noch zu bauen!
Also sprach Zarathustra.
Von den Erhabenen
Still ist der Grund meines Meeres: wer erriethe wohl, dass er scherzhafte
Ungeheuer birgt!
Unerschütterlich ist meine Tiefe: aber sie glänzt von schwimmenden Räthseln
und Gelächtern.
Einen Erhabenen sah ich heute, einen Feierlichen, einen Büsser des Geistes: oh
wie lachte meine Seele ob seiner Hässlichkeit!
Mit erhobener Brust und Denen gleich, welche den Athem an sich ziehn: also
stand er da, der Erhabene, und schweigsam:
Behängt mit hässlichen Wahrheiten, seiner Jagdbeute, und reich an zerrissenen
Kleidern; auch viele Dornen hiengen an ihm - aber noch sah ich keine Rose.
Noch lernte er das Lachen nicht und die Schönheit. Finster kam dieser Jäger
zurück aus dem Walde der Erkenntniss.
Vom Kampfe kehrte er heim mit wilden Thieren: aber aus seinem Ernste blickt
auch noch ein wildes Thier - ein unüberwundenes!
Wie ein Tiger steht er immer noch da, der springen will; aber ich mag diese
gespannten Seelen nicht, unhold ist mein Geschmack allen diesen
Zurückgezognen.
Und ihr sagt mir, Freunde, dass nicht zu streiten sei über Geschmack und
Schmecken? Aber alles Leben ist Streit um Geschmack und Schmecken!
Geschmack: das ist Gewicht zugleich und Wagschale und Wägender; und wehe
allem Lebendigen, das ohne Streit um Gewicht und Wagschale und Wägende
leben wollte!
94
Wenn er seiner Erhabenheit müde würde, dieser Erhabene: dann erst würde
seine Schönheit anheben, - und dann erst will ich ihn schmecken und
schmackhaft finden.
Und erst, wenn er sich von sich selber abwendet, wird er über seinen eignen
Schatten springen - und, wahrlich! hinein in seine Sonne.
Allzulange sass er im Schatten, die Wangen bleichten dem Büsser des Geistes;
fast verhungerte er an seinen Erwartungen.
Verachtung ist noch in seinem Auge; und Ekel birgt sich an seinem Munde.
Zwar ruht er jetzt, aber seine Ruhe hat sich noch nicht in die Sonne gelegt.
Dem Stiere gleich sollte er thun; und sein Glück sollte nach Erde riechen und
nicht nach Verachtung der Erde.
Als weissen Stier möchte ich ihn sehn, wie er schnaubend und brüllend der
Pflugschar vorangeht: und sein Gebrüll sollte noch alles Irdische preisen!
Dunkel noch ist sein Antlitz; der Hand Schatten spielt auf ihm. Verschattet ist
noch der Sinn seines Auges.
Seine That selber ist noch der Schatten auf ihm: die Hand verdunkelt den
Handelnden. Noch hat er seine That nicht überwunden.
Wohl liebe ich an ihm den Nacken des Stiers: aber nun will ich auch noch das
Auge des Engels sehn.
Auch seinen Helden-Willen muss er noch verlernen: ein Gehobener soll er mir
sein und nicht nur ein Erhabener: - der Aether selber sollte ihn heben, den
Willenlosen!
Er bezwang Unthiere, er löste Räthsel: aber erlösen sol te er auch noch seine
Unthiere und Räthsel, zu himmlischen Kindern sollte er sie noch verwandeln.
Noch hat seine Erkenntniss nicht lächeln gelernt und ohne Eifersucht sein;
noch ist seine strömende Leidenschaft nicht stille geworden in der Schönheit.
Wahrlich, nicht in der Sattheit soll sein Verlangen schweigen und untertauchen,
sondern in der Schönheit! Die Anmuth gehört zur Grossmuth des
Grossgesinnten.
Den Arm über das Haupt gelegt: so sollte der Held ausruhn, so sollte er auch
noch sein Ausruhen überwinden.
Aber gerade dem Helden ist das Schöne aller Dinge Schwerstes. Unerringbar ist
das Schöne allem heftigen Willen.
95
Ein Wenig mehr, ein Wenig weniger: das gerade ist hier Viel, das ist hier das
Meiste.
Mit lässigen Muskeln stehn und mit abgeschirrtem Willen: das ist das Schwerste
euch Allen, ihr Erhabenen!
Wenn die Macht gnädig wird und herabkommt in′s Sichtbare: Schönheit heisse
ich solches Herabkommen.
Und von Niemandem will ich so als von dir gerade Schönheit, du Gewaltiger:
deine Güte sei deine letzte Selbst- Überwältigung.
Alles Böse traue ich dir zu: darum will ich von dir das Gute.
Wahrlich, ich lachte oft der Schwächlinge, welche sich gut glauben, weil sie
lahme Tatzen haben!
Der Säule Tugend sollst du nachstreben: schöner wird sie immer und zarter,
aber inwendig härter und tragsamer, je mehr sie aufsteigt.
Ja, du Erhabener, einst sollst du noch schön sein und deiner eignen Schönheit
den Spiegel vorhalten.
Dann wird deine Seele vor göttlichen Begierden schaudern; und Anbetung wird
noch in deiner Eitelkeit sein!
Diess nämlich ist das Geheimniss der Seele: erst, wenn sie der Held verlassen
hat, naht ihr, im Traume, - der Über-Held.
Also sprach Zarathustra.
Vom Lande der Bildung
Zu weit hinein flog ich in die Zukunft: ein Grauen überfiel mich.
Und als ich um mich sah, siehe! da war die Zeit mein einziger Zeitgenosse.
Da floh ich rückwärts, heimwärts - und immer eilender: so kam ich zu euch, ihr
Gegenwärtigen, und in′s Land der Bildung.
Zum ersten Male brachte ich ein Auge mit für euch, und gute Begierde:
wahrlich, mit Sehnsucht im Herzen kam ich.
Aber wie geschah mir? So angst mir auch war, - ich musste lachen! Nie sah mein
Auge etwas so Buntgesprenkeltes!
Ich lachte und lachte, während der Fuss mir noch zitterte und das Herz dazu:
»hier ist ja die Heimat aller Farbentöpfe!« - sagte ich.
96
Mit fünfzig Klexen bemalt an Gesicht und Gliedern: so sasset ihr da zu meinem
Staunen, ihr Gegenwärtigen!
Und mit fünfzig Spiegeln um euch, die eurem Farbenspiele schmeichelten und
nachredeten!
Wahrlich, ihr könntet gar keine bessere Maske tragen, ihr Gegenwärtigen, als
euer eignes Gesicht ist! Wer könnte euch - erkennen!
Vollgeschrieben mit den Zeichen der Vergangenheit, und auch diese Zeichen
überpinselt mit neuen Zeichen: also habt ihr euch gut versteckt vor allen
Zeichendeutern!
Und wenn man auch Nierenprüfer ist: wer glaubt wohl noch, dass ihr Nieren
habt! Aus Farben scheint ihr gebacken und aus geleimten Zetteln.
Alle Zeiten und Völker blicken bunt aus euren Schleiern; alle Sitten und
Glauben reden bunt aus euren Gebärden.
Wer von euch Schleier und Überwürfe und Farben und Gebärden abzöge:
gerade genug würde er übrig behalten, um die Vögel damit zu erschrecken.
Wahrlich, ich selber bin der erschreckte Vogel, der euch einmal nackt sah und
ohne Farbe; und ich flog davon, als das Gerippe mir Liebe zuwinkte.
Lieber wollte ich doch noch Tagelöhner sein in der Unterwelt und bei den
Schatten des Ehemals! - feister und voller als ihr sind ja noch die
Unterweltlichen!
Diess, ja diess ist Bitterniss meinen Gedärmen, dass ich euch weder nackt, noch
bekleidet aushalte, ihr Gegenwärtigen!
Alles Unheimliche der Zukunft, und was je verflogenen Vögeln Schauder
machte, ist wahrlich heimlicher noch und traulicher als eure »Wirklichkeit«.
Denn so sprecht ihr: »Wirkliche sind wir ganz, und ohne Glauben und
Aberglauben«: also brüstet ihr euch - ach, auch noch ohne Brüste!
Ja, wie solltet ihr glauben können, ihr Buntgesprenkelten! - die ihr Gemälde seid
von Allem, was je geglaubt wurde!
Wandelnde Widerlegungen seid ihr des Glaubens selber, und aller Gedanken
Gliederbrechen. Unglaubwürdige : also heisse ich euch, ihr Wirklichen!
Alle Zeiten schwätzen wider einander in euren Geistern; und aller Zeiten
Träume und Geschwätz waren wirklicher noch als euer Wachsein ist!
97
Unfruchtbare seid ihr: darum fehlt es euch an Glauben. Aber wer schaffen
musste, der hatte auch immer seine Wahr-Träume und Stern-Zeichen - und
glaubte an Glauben! -
Halboffne Thore seid ihr, an denen Todtengräber warten. Und das ist eure
Wirklichkeit: »Alles ist werth, dass es zu Grunde geht.«
Ach, wie ihr mir dasteht, ihr Unfruchtbaren, wie mager in den Rippen! Und
Mancher von euch hatte wohl dessen selber ein Einsehen.
Und er sprach: »es hat wohl da ein Gott, als ich schlief, mir heimlich Etwas
entwendet? Wahrlich, genug, sich ein Weibchen daraus zu bilden!
Wundersam ist die Armuth meiner Rippen!« also sprach schon mancher
Gegenwärtige.
Ja, zum Lachen seid ihr mir, ihr Gegenwärtigen! Und sonderlich, wenn ihr euch
über euch selber wundert!
Und wehe mir, wenn ich nicht lachen könnte über eure Verwunderung, und
alles Widrige aus euren Näpfen hinunter trinken müsste!
So aber will ich′s mit euch leichter nehmen, da ich Schweres zu tragen habe;
und was thut′s mir, wenn sich Käfer und Flügelwürmer noch auf mein Bündel
setzen!
Wahrlich, es soll mir darob nicht schwerer werden! Und nicht aus euch, ihr
Gegenwärtigen, soll mir die grosse Müdigkeit kommen. - Ach, wohin soll ich
nun noch steigen mit meiner Sehnsucht! Von allen Bergen schaue ich aus nach
Vater- und Mutterländern.
Aber Heimat fand ich nirgends: unstät bin ich in allen Städten und ein
Aufbruch an allen Thoren.
Fremd sind mir und ein Spott die Gegenwärtigen, zu denen mich jüngst das
Herz trieb; und vertrieben bin ich aus Vater- und Mutterländern.
So liebe ich allein noch meiner Kinder Land, das unentdeckte, im fernsten
Meere: nach ihm heisse ich meine Segel suchen und suchen.
An meinen Kindern will ich es gut machen, dass ich meiner Väter Kind bin:
und an aller Zukunft - diese Gegenwart!
Also sprach Zarathustra.
98
Von der unbefleckten Erkenntniss
Als gestern der Mond aufgieng, wähnte ich, dass er eine Sonne gebären wolle:
so breit und trächtig lag er am Horizonte.
Aber ein Lügner war er mir mit seiner Schwangerschaft; und eher noch will ich
an den Mann im Monde glauben als an das Weib.
Freilich, wenig Mann ist er auch, dieser schüchterne Nachtschwärmer. Wahrlich,
mit schlechtem Gewissen wandelt er über die Dächer.
Denn er ist lüstern und eifersüchtig, der Mönch im Monde, lüstern nach der
Erde und nach allen Freuden der Liebenden.
Nein, ich mag ihn nicht, diesen Kater auf den Dächern! Widerlich sind mir
Alle, die um halbverschlossne Fenster schleichen!
Fromm und schweigsam wandelt er hin auf Sternen-Teppichen: - aber ich mag
alle leisetretenden Mannsfüsse nicht, an denen auch nicht ein Sporen klirrt.
Jedes Redlichen Schritt redet; die Katze aber stiehlt sich über den Boden weg.
Siehe, katzenhaft kommt der Mond daher und unredlich. -
Dieses Gleichniss gebe ich euch empfindsamen Heuchlern, euch, den "Rein-
Erkennenden!« Euch heisse ich - Lüsterne!
Auch ihr liebt die Erde und das Irdische: ich errieth euch wohl! - aber Scham ist
in eurer Liebe und schlechtes Gewissen, - dem Monde gleicht ihr!
Zur Verachtung des Irdischen hat man euren Geist überredet, aber nicht eure
Eingeweide: die aber sind das Stärkste an euch!
Und nun schämt sich euer Geist, dass er euren Eingeweiden zu willen ist und
geht vor seiner eignen Scham Schleich- und Lügenwege.
»Das wäre mir das Höchste - also redet euer verlogner Geist zu sich - auf das
Leben ohne Begierde zu schaun und nicht gleich dem Hunde mit hängender
Zunge:
»Glücklich zu sein im Schauen, mit erstorbenem Willen, ohne Griff und Gier
der Selbstsucht - kalt und aschgrau am ganzen Leibe, aber mit trunkenen
Mondesaugen!«
»Das wäre mir das Liebste, - also verführt sich selber der Verführte - die Erde
zu lieben, wie der Mond sie liebt, und nur mit dem Auge allein ihre Schönheit
zu betasten.
99
»Und das heisse mir aller Dinge unbefleckte Erkenntniss, dass ich von den
Dingen Nichts will: ausser dass ich vor ihnen da liegen darf wie ein Spiegel mit
hundert Augen.« -
Oh, ihr empfindsamen Heuchler, ihr Lüsternen! Euch fehlt die Unschuld in der
Begierde: und nun verleumdet ihr drum das Begehren!
Wahrlich, nicht als Schaffende, Zeugende, Werdelustige liebt ihr die Erde!
Wo ist Unschuld? Wo der Wille zur Zeugung ist. Und wer über sich hinaus
schaffen will, der hat mir den reinsten Willen.
Wo ist Schönheit? Wo ich mit allem Willen wollen muss; wo ich lieben und
untergehn will, dass ein Bild nicht nur Bild bleibe.
Lieben und Untergehn: das reimt sich seit Ewigkeiten. Wille zur Liebe: das ist,
willig auch sein zum Tode. Also rede ich zu euch Feiglingen!
Aber nun will euer entmanntes Schielen »Beschaulichkeit« heissen! Und was mit
feigen Augen sich tasten lässt, soll »schön« getauft werden! oh, ihr Beschmutzer
edler Namen!
Aber das soll euer Fluch sein, ihr Unbefleckten, ihr Rein-Erkennenden, dass ihr
nie gebären werdet: und wenn ihr auch breit und trächtig am Horizonte liegt!
Wahrlich, ihr nehmt den Mund voll mit edlen Worten: und wir sollen glauben,
dass euch das Herz übergehe, ihr Lügenbolde?
Aber in eine Worte sind geringe, verachtete, krumme Worte: gerne nehme ich
auf, was bei eurer Mahlzeit unter den Tisch fällt.
Immer noch kann ich mit ihnen - Heuchlern die Wahrheit sagen! ja, meine
Gräten, Muscheln und Stachelblätter sollen - Heuchlern die Nasen kitzeln!
Schlechte Luft ist immer um euch und eure Mahlzeiten: eure lüsternen
Gedanken, eure Lügen und Heimlichkeiten sind ja in der Luft!
Wagt es doch erst, euch selber zu glauben - euch und euren Eingeweiden! Wer
sich selber nicht glaubt, lügt immer.
Eines Gottes Larve hängtet ihr um vor euch selber, ihr »Reinen«: in eines
Gottes Larve verkroch sich euer greulicher Ringelwurm.
Wahrlich, ihr täuscht, ihr »Beschaulichen«! Auch Zarathustra war einst der Narr
eurer göttlichen Häute; nicht errieth er das Schlangengeringel, mit denen sie
gestopft waren.
Eines Gottes Seele wähnte ich einst spielen zu sehn in euren Spielen, ihr Rein-
Erkennenden! Keine bessere Kunst wähnte ich einst als eure Künste!
100
Schlangen-Unflath und schlimmen Geruch verhehlte mir die Ferne: und dass
einer Eidechse List lüstern hier herumschlich.
Aber ich kam euch nah: da kam mir der Tag - und nun kommt er euch, - zu
Ende gieng des Mondes Liebschaft!
Seht doch hin! Ertappt und bleich steht er da - vor der Morgenröthe!
Denn schon kommt sie, die Glühende, - ihre Liebe zur Erde kommt! Unschuld
und Schöpfer-Begier ist alle Sonnen-Liebe!
Seht doch hin, wie sie ungeduldig über das Meer kommt! Fühlt ihr den Durst
und den heissen Athem ihrer Liebe nicht?
Am Meere wil sie saugen und seine Tiefe zu sich in die Höhe trinken: da hebt
sich die Begierde des Meeres mit tausend Brüsten.
Geküsst und gesaugt will es sein vom Durste der Sonne; Luft will es werden
und Höhe und Fusspfad des Lichts und selber Licht!
Wahrlich, der Sonne gleich liebe ich das Leben und alle tiefen Meere.
Und diess heisst mir Erkenntniss: alles Tiefe soll hinauf - zu meiner Höhe!
Also sprach Zarathustra.
Von den Gelehrten
Als ich im Schlafe lag, da frass ein Schaf am Epheukranze meines Hauptes, -
frass und sprach dazu: »Zarathustra ist kein Gelehrter mehr.«
Sprach′s und gieng stotzig davon und stolz. Ein Kind erzählte mir′s.
Gerne liege ich hier, wo die Kinder spielen, an der zerbrochnen Mauer, unter
Disteln und rothen Mohnblumen.
Ein Gelehrter bin ich den Kindern noch und auch den Disteln und rothen
Mohnblumen. Unschuldig sind sie, selbst noch in ihrer Bosheit.
Aber den Schafen bin ich′s nicht mehr: so will es mein Loos - gesegnet sei es!
Denn diess ist die Wahrheit: ausgezogen bin ich aus dem Hause der Gelehrten:
und die Thür habe ich noch hinter mir zugeworfen.
Zu lange sass meine Seele hungrig an ihrem Tische; nicht, gleich ihnen, bin ich
auf das Erkennen abgerichtet wie auf das Nüsseknacken.
Freiheit liebe ich und die Luft über frischer Erde; lieber noch will ich auf
Ochsenhäuten schlafen, als auf ihren Würden und Achtbarkeiten.
101
Ich bin zu heiss und verbrannt von eigenen Gedanken: oft will es mir den
Athem nehmen. Da muss ich in′s Freie und weg aus allen verstaubten Stuben.
Aber sie sitzen kühl in kühlem Schatten: sie wollen in Allem nur Zuschauer sein
und hüten sich dort zu sitzen, wo die Sonne auf die Stufen brennt.
Gleich Solchen, die auf der Strasse stehn und die Leute angaffen, welche
vorübergehn: also warten sie auch und gaffen Gedanken an, die Andre gedacht
haben.
Greift man sie mit Händen, so stäuben sie um sich gleich Mehlsäcken, und
unfreiwillig. aber wer erriethe wohl, dass ihr Staub vom Korne stammt und von
der gelben Wonne der Sommerfelder?
Geben sie sich weise, so fröstelt mich ihrer kleinen Sprüche und Wahrheiten:
ein Geruch ist oft an ihrer Weisheit, als ob sie aus dem Sumpfe stamme: und
wahrlich, ich hörte auch schon den Frosch aus ihr quaken!
Geschickt sind sie, sie haben kluge Finger: was will meine Einfalt bei ihrer
Vielfalt! Alles Fädeln und Knüpfen und Weben verstehn ihre Finger: also
wirken sie die Strümpfe des Geistes!
Gute Uhrwerke sind sie: nur sorge man, sie richtig aufzuziehn! Dann zeigen sie
ohne Falsch die Stunde an und machen einen bescheidnen Lärm dabei.
Gleich Mühlwerken arbeiten sie und Stampfen: man werfe ihnen nur seine
Fruchtkörner zu! - sie wissen schon, Korn klein zu mahlen und weissen Staub
daraus zu machen.
Sie sehen einander gut auf die Finger und trauen sich nicht zum Besten.
Erfinderisch in kleinen Schlauheiten warten sie auf Solche, deren Wissen auf
lahmen Füssen geht, - gleich Spinnen warten sie.
Ich sah sie immer mit Vorsicht Gift bereiten; und immer zogen sie gläserne
Handschuhe dabei an ihre Finger.
Auch mit falschen Würfeln wissen sie zu spielen; und so eifrig fand ich sie
spielen, dass sie dabei schwitzten.
Wir sind einander fremd, und ihre Tugenden gehn mir noch mehr wider den
Geschmack, als ihre Falschheiten und falschen Würfel.
Und als ich bei ihnen wohnte, da wohnte ich über ihnen. Darüber wurden sie
mir gram.
Sie wol en Nichts davon hören, dass Einer über ihren Köpfen wandelt; und so
legten sie Holz und Erde und Unrath zwischen mich und ihre Köpfe.
102
Also dämpften sie den Schall meiner Schritte: und am schlechtesten wurde ich
bisher von den Gelehrtesten gehört.
Aller Menschen Fehl und Schwäche legten sie zwischen sich und mich: -
»Fehlboden« heissen sie das in ihren Häusern.
Aber trotzdem wandele ich mit meinen Gedanken über ihren Köpfen; und
selbst, wenn ich auf meinen eignen Fehlern wandeln wollte, würde ich noch
über ihnen sein und ihren Köpfen.
Denn die Menschen sind nicht gleich: so spricht die Gerechtigkeit. Und was ich
will, dürften sie nicht wollen!
Also sprach Zarathustra.
Von den Dichtern
»Seit ich den Leib besser kenne, - sagte Zarathustra zu einem seiner Jünger - ist
mir der Geist nur noch gleichsam Geist; und alles das »Unvergängliche« - das ist
auch nur ein Gleichniss.«
»So hörte ich dich schon einmal sagen, antwortete der Jünger; und damals
fügtest du hinzu: »aber die Dichter lügen zuviel.« Warum sagtest du doch, dass
die Dichter zuviel lügen?«
»Warum? sagte Zarathustra. Du fragst warum? Ich gehöre nicht zu Denen,
welche man nach ihrem Warum fragen darf.
Ist denn mein Erleben von Gestern? Das ist lange her, dass ich die Gründe
meiner Meinungen erlebte.
Müsste ich nicht ein Fass sein von Gedächtniss, wenn ich auch meine Gründe
bei mir haben wol te?
Schon zuviel ist mir′s, meine Meinungen selber zu behalten; und mancher Vogel
fliegt davon.
Und mitunter finde ich auch ein zugezogenes Thier in meinem Taubenschlage,
das mir fremd ist, und das zittert, wenn ich meine Hand darauf lege.
Doch was sagte dir einst Zarathustra? Dass die Dichter zuviel lügen? - Aber
auch Zarathustra ist ein Dichter.
Glaubst du nun, dass er hier die Wahrheit redete? Warum glaubst du das?«
Der Jünger antwortete: »ich glaube an Zarathustra.« Aber Zarathustra schüttelte
den Kopf und lächelte.
Der Glaube macht mich nicht selig, sagte er, zumal nicht der Glaube an mich.
103
Aber gesetzt, dass jemand allen Ernstes sagte, die Dichter lügen zuviel: so hat er
Recht, - wir lügen zuviel.
Wir wissen auch zu wenig und sind schlechte Lerner: so müssen wir schon
lügen.
Und wer von uns Dichtern hätte nicht seinen Wein verfälscht? Manch giftiger
Mischmasch geschah in unsern Kellern, manches Unbeschreibliche ward da
gethan.
Und weil wir wenig wissen, so gefallen uns von Herzen die geistig Armen,
sonderlich wenn es junge Weibchen sind!
Und selbst nach den Dingen sind wir noch begehrlich, die sich die alten
Weibchen Abends erzählen. Das heissen wir selber an uns das Ewig-Weibliche.
Und als ob es einen besondren geheimen Zugang zum Wissen gäbe, der sich
Denen verschütte, welche Etwas lernen: so glauben wir an das Volk und seine
»Weisheit.«
Das aber glauben alle Dichter: dass wer im Grase oder an einsamen Gehängen
liegend die Ohren spitze, Etwas von den Dingen erfahre, die zwischen Himmel
und Erde sind.
Und kommen ihnen zärtliche Regungen, so meinen die Dichter immer, die
Natur selber sei in sie verliebt:
Und sie schleiche zu ihrem Ohre, Heimliches hinein zu sagen und verliebte
Schmeichelreden: dessen brüsten und blähen sie sich vor allen Sterblichen!
Ach, es giebt so viel Dinge zwischen Himmel und Erden, von denen sich nur
die Dichter Etwas haben träumen lassen!
Und zumal über dem Himmel: denn alle Götter sind Dichter-Gleichniss,
Dichter-Erschleichniss!
Wahrlich, immer zieht es uns hinan - nämlich zum Reich der Wolken: auf diese
setzen wir unsre bunten Bälge und heissen sie dann Götter und Übermenschen:
-
Sind sie doch gerade leicht genug für diese Stühle! - alle diese Götter und
Übermenschen.
Ach, wie bin ich all des Unzulänglichen müde, das durchaus Ereigniss sein soll!
Ach, wie bin ich der Dichter müde!
Als Zarathustra so sprach, zürnte ihm sein Jünger, aber er schwieg. Und auch
Zarathustra schwieg; und sein Auge hatte sich nach innen gekehrt, gleich als ob
es in weite Fernen sähe. Endlich seufzte er und holte Athem.
104
Ich bin von Heute und Ehedem, sagte er dann; aber Etwas ist in mir, das ist von
Morgen und übermorgen und Einstmals.
Ich wurde der Dichter müde, der alten und der neuen: Oberflächliche sind sie
mir Alle und seichte Meere.
Sie dachten nicht genug in die Tiefe: darum sank ihr Gefühl nicht bis zu den
Gründen.
Etwas Wollust und etwas Langeweile: das ist noch ihr bestes Nachdenken
gewesen.
Gespenster-Hauch und -Huschen gilt mir all ihr Harfen-Klingklang; was
wussten sie bisher von der Inbrunst der Töne! -
Sie sind mir auch nicht reinlich genug: sie trüben Alle ihr Gewässer, dass es tief
scheine.
Und gerne geben sie sich damit als Versöhner: aber Mittler und Mischer bleiben
sie mir und Halb-und-Halbe und Unreinliche! -
Ach, ich warf wohl mein Netz in ihre Meere und wol te gute Fische fangen;
aber immer zog ich eines alten Gottes Kopf herauf.
So gab dem Hungrigen das Meer einen Stein. Und sie selber mögen wohl aus
dem Meere stammen.
Gewiss, man findet Perlen in ihnen: um so ähnlicher sind sie selber harten
Schalthieren. Und statt der Seele fand ich oft bei ihnen gesalzenen Schleim.
Sie lernten vom Meere auch noch seine Eitelkeit: ist nicht das Meer der Pfau
der Pfauen?
Noch vor dem hässlichsten al er Büffel rollt es seinen Schweif hin, nimmer wird
es seines Spitzenfächers von Silber und Seide müde.
Trutzig blickt der Büffel dazu, dem Sande nahe in seiner Seele, näher noch dem
Dickicht, am nächsten aber dem Sumpfe.
Was ist ihm Schönheit und Meer und Pfauen-Zierath! Dieses Gleichniss sage
ich den Dichtern.
Wahrlich, ihr Geist selber ist der Pfau der Pfauen und ein Meer von Eitelkeit!
Zuschauer will der Geist des Dichters: sollten′s auch Büffel sein! -
Aber dieses Geistes wurde ich müde: und ich sehe kommen, dass er seiner
selber müde wird.
Verwandelt sah ich schon die Dichter und gegen sich selber den Blick gerichtet.
105
Büsser des Geistes sah ich kommen: die wuchsen aus ihnen.
Also sprach Zarathustra.
Von grossen Ereignissen
Es giebt eine Insel im Meere - unweit den glückseligen Inseln Zarathustra′s -
auf welcher beständig ein Feuerberg raucht; von der sagt das Volk, und
sonderlich sagen es die alten Weibchen aus dem Volke, dass sie wie ein
Felsblock vor das Thor der Unterwelt gestellt sei: durch den Feuerberg selber
aber führe der schmale Weg abwärts, der zu diesem Thore der Unterwelt geleite.
Um jene Zeit nun, als Zarathustra auf den glückseligen Inseln weilte, geschah
es, dass ein Schiff an der Insel Anker warf, auf welcher der rauchende Berg
steht; und seine Mannschaft gieng an′s Land, um Kaninchen zu schiessen.
Gegen die Stunde des Mittags aber, da der Capitän und seine Leute wieder
beisammen waren, sahen sie plötzlich durch die Luft einen Mann auf sich
zukommen, und eine Stimme sagte deutlich: »es ist Zeit! Es ist die höchste
Zeit!« Wie die Gestalt ihnen aber am nächsten war - sie flog aber schnell gleich
einem Schatten vorbei, in der Richtung, wo der Feuerberg lag - da erkannten sie
mit grösster Bestürzung, dass es Zarathustra sei; denn sie hatten ihn Alle schon
gesehn, ausgenommen der Capitän selber, und sie liebten ihn, wie das Volk
liebt: also dass zu gleichen Theilen Liebe und Scheu beisammen sind.
»Seht mir an! sagte der alte Steuermann, da fährt Zarathustra zur Hölle!« -
Um die gleiche Zeit, als diese Schiffer an der Feuerinsel landeten, lief das
Gerücht umher, dass Zarathustra verschwunden sei; und als man seine Freunde
fragte, erzählten sie, er sei bei Nacht zu Schiff gegangen, ohne zu sagen, wohin
er reisen wolle.
Also entstand eine Unruhe; nach drei Tagen aber kam zu dieser Unruhe die
Geschichte der Schiffsleute hinzu - und nun sagte alles Volk, dass der Teufel
Zarathustra geholt habe. Seine jünger lachten zwar ob dieses Geredes; und einer
von ihnen sagte sogar: »eher glaube ich noch, dass Zarathustra sich den Teufel
geholt hat.′ Aber im Grunde der Seele waren sie Alle voll Besorgniss und
Sehnsucht: so war ihre Freude gross, als am fünften Tage Zarathustra unter
ihnen erschien.
Und diess ist die Erzählung von Zarathustra′s Gespräch mit dem Feuerhunde.
Die Erde, sagte er, hat eine Haut; und diese Haut hat Krankheiten. Eine dieser
Krankheiten heisst zum Beispiel: »Mensch.«
106
Und eine andere dieser Krankheiten heisst »Feuerhund«: über den haben sich
die Menschen Viel vorgelogen und vorlügen lassen.
Diess Geheimniss zu ergründen gieng ich über das Meer: und ich habe die
Wahrheit nackt gesehn, wahrlich! barfuss bis zum Halse.
Was es mit dem Feuerhund auf sich hat, weiss ich nun; und insgleichen mit all
den Auswurf- und Umsturz-Teufeln, vor denen sich nicht nur alte Weibchen
fürchten.
Heraus mit dir, Feuerhund, aus deiner Tiefe! rief ich, und bekenne, wie tief
diese Tiefe ist! Woher ist das, was du da heraufschnaubst?
Du trinkst reichlich am Meere: das verräth deine versalzte Beredsamkeit!
Fürwahr, für einen Hund der Tiefe nimmst du deine Nahrung zu sehr von der
Oberfläche!
Höchstens für den Bauchredner der Erde halt′ ich dich: und immer, wenn ich
Umsturz- und Auswurf-Teufel reden hörte, fand ich sie gleich dir: gesalzen,
lügnerisch und flach.
Ihr versteht zu brüllen und mit Asche zu verdunkeln! Ihr seid die besten
Grossmäuler und lerntet sattsam die Kunst, Schlamm heiss zu sieden.
Wo ihr seid, da muss stets Schlamm in der Nähe sein, und viel Schwammichtes,
Höhlichtes, Eingezwängtes: das will in die Freiheit.
»Freiheit« brüllt ihr Alle am liebsten: aber ich verlernte den Glauben an »grosse
Ereignisse,« sobald viel Gebrüll und Rauch um sie herum ist.
Und glaube mir nur, Freund Höllenlärm! Die grössten Ereignisse - das sind
nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.
Nicht um die Erfinder von neuem Lärme: um die Erfinder von neuen Werthen
dreht sich die Welt; unhörbar dreht sie sich.
Und gesteh es nur! Wenig war immer nur geschehn, wenn dein Lärm und
Rauch sich verzog. Was liegt daran, dass eine Stadt zur Mumie wurde, und eine
Bildsäule im Schlamme liegt!
Und diess Wort sage ich noch den Umstürzern von Bildsäulen. Das ist wohl die
grösste Thorheit, Salz in′s Meer und Bildsäulen in den Schlamm zu werfen.
Im Schlamme eurer Verachtung lag die Bildsäule: aber das ist gerade ihr Gesetz,
dass ihr aus der Verachtung wieder Leben und lebende Schönheit wächst!
Mit göttlicheren Zügen steht sie nun auf und leidendverführerisch; und
wahrlich! sie wird euch noch Dank sagen, dass ihr sie umstürztet, ihr
Umstürzer!
107
Diesen Rath aber rathe ich Königen und Kirchen und Allem, was alters- und
tugendschwach ist - lasst euch nur umstürzen! Dass ihr wieder zum Leben
kommt, und zu euch - die Tugend! -
Also redete ich vor dem Feuerhunde: da unterbrach er mich mürrisch und
fragte: »Kirche? Was ist denn das?«
Kirche? antwortete ich, das ist eine Art von Staat, und zwar die verlogenste.
Doch schweig still, du Heuchelhund! Du kennst deine Art wohl am besten
schon!
Gleich dir selber ist der Staat ein Heuchelhund; gleich dir redet er gern mit
Rauch und Gebrülle, - dass er glauben mache, gleich dir, er rede aus dem Bauch
der Dinge.
Denn er will durchaus das wichtigste Thier auf Erden sein, der Staat; und man
glaubt′s ihm auch. -
Als ich das gesagt hatte, gebärdete sich der Feuerhund wie unsinnig vor Neid.
»Wie? schrie er, das wichtigste Thier auf Erden? Und man glaubt′s ihm auch?«
Und so viel Dampf und grässliche Stimmen kamen ihm aus dem Schlunde, dass
ich meinte, er werde vor Arger und Neid ersticken.
Endlich wurde er stiller, und sein Keuchen liess nach; sobald er aber stille war,
sagte ich lachend:
»Du ärgerst dich, Feuerhund: also habe ich über dich Recht!
Und dass ich auch noch Recht behalte, so höre von einem andern Feuerhunde:
der spricht wirklich aus dem Herzen der Erde.
Gold haucht sein Athem und goldigen Regen: so will′s das Herz ihm. Was ist
ihm Asche und Rauch und heisser Schleim noch!
Lachen flattert aus ihm wie ein buntes Gewölke; abgünstig ist er deinem
Gurgeln und Speien und Grimmen der Ein- geweide!
Das Gold aber und das Lachen - das nimmt er aus dem Herzen der Erde: denn
dass du′s nur weisst, - das Herz der Erde ist von Gold.«
Als diess der Feuerhund vernahm, hielt er′s nicht mehr aus, mir zuzuhören.
Beschämt zog er seinen Schwanz ein, sagte auf eine kleinlaute Weise Wau! Wau!
und kroch hinab in seine Höhle. -
Also erzählte Zarathustra. Seine Jünger aber hörten ihm kaum zu: so gross war
ihre Begierde, ihm von den Schiffsleuten, den Kaninchen und dem fliegenden
Manne zu erzählen.
»Was soll ich davon denken! sagte Zarathustra. Bin ich denn ein Gespenst?
108
Aber es wird mein Schatten gewesen sein. Ihr hörtet wohl schon Einiges vom
Wanderer und seinem Schatten?
Sicher aber ist das: ich muss ihn kürzer halten, - er verdirbt mir sonst noch den
Ruf.«
Und nochmals schüttelte Zarathustra den Kopf und wunderte sich. »Was soll
ich davon denken!« sagte er nochmals.
»Warum schrie denn das Gespenst: es ist Zeit! Es ist die höchste Zeit!
Wozu ist es denn - höchste Zeit?« -
Also sprach Zarathustra.
Der Wahrsager
»- und ich sahe eine grosse Traurigkeit über die Menschen kommen. Die Besten
wurden ihrer Werke müde.
Eine Lehre ergieng, ein Glauben lief neben ihr: »Alles ist leer, Alles ist gleich,
Alles war!«
Und von allen Hügeln klang es wieder: »Alles ist leer, Alles ist gleich, Alles war!«
Wohl haben wir geerntet: aber warum wurden alle Früchte uns faul und braun?
Was fiel vom bösen Monde bei der letzten Nacht hernieder?
Umsonst war alle Arbeit, Gift ist unser Wein geworden, böser Blick sengte
unsre Felder und Herzen gelb.
Trocken wurden wir Alle; und fällt Feuer auf uns, so stäuben wir der Asche
gleich: - ja das Feuer selber machten wir müde.
Alle Brunnen versiegten uns, auch das Meer wich zurück. Aller Grund will
reissen, aber die Tiefe will nicht schlingen!
»Ach, wo ist noch ein Meer, in dem man ertrinken könnte«: so klingt unsre
Klage - hinweg über flache Sümpfe.
Wahrlich, zum Sterben wurden wir schon zu müde; nun wachen wir noch und
leben fort - in Grabkammern!« -
Also hörte Zarathustra einen Wahrsager reden; und seine Weissagung gieng ihm
zu Herzen und verwandelte ihn. Traurig gieng er umher und müde; und er
wurde Denen gleich, von welchen der Wahrsager geredet hatte.
Wahrlich, so sagte er zu seinen Jüngern, es ist um ein Kleines, so kommt diese
lange Dämmerung. Ach, wie soll ich mein Licht hinüber retten!
109
Dass es mir nicht ersticke in dieser Traurigkeit! Ferneren Welten soll es ja Licht
sein und noch fernsten Nächten!
Dergestalt im Herzen bekümmert gieng Zarathustra umher; und drei Tage lang
nahm er nicht Trank und Speise zu sich, hatte keine Ruhe und verlor die Rede.
Endlich geschah es, dass er in einen tiefen Schlaf verfiel. Seine jünger aber
sassen um ihn in langen Nachtwachen und warteten mit Sorge, ob er wach
werde und wieder rede und genesen sei von seiner Trübsal.
Diess aber ist die Rede, welche Zarathustra sprach, als er aufwachte; seine
Stimme aber kam zu seinen Jüngern wie aus weiter Ferne.
Hört mir doch den Traum, den ich träumte, ihr Freunde, und helft mir seinen
Sinn rathen!
Ein Räthsel ist er mir noch, dieser Traum; sein Sinn ist verborgen in ihm und
eingefangen und fliegt noch nicht über ihn hin mit freien Flügeln.
Allem Leben hatte ich abgesagt, so träumte mir. Zum Nacht- und Grabwächter
war ich worden, dort auf der einsamen Berg-Burg des Todes.
Droben hütete ich seine Särge: voll standen die dumpfen Gewölbe von solchen
Siegeszeichen. Aus gläsernen Särgen blickte mich überwundenes Leben an.
Den Geruch verstaubter Ewigkeiten athmete ich: schwül und verstaubt lag
meine Seele. Und wer hätte dort auch seine Seele lüften können!
Helle der Mitternacht war immer um mich, Einsamkeit kauerte neben ihr; und,
zudritt, röchelnde Todesstille, die schlimmste meiner Freundinnen.
Schlüssel führte ich, die rostigsten aller Schlüssel; und ich verstand es, damit das
knarrendste aller Thore zu öffnen.
Einem bitterbösen Gekrächze gleich lief der Ton durch die langen Gänge,
wenn sich des Thores Flügel hoben: unhold schrie dieser Vogel, ungern wollte
er geweckt sein.
Aber furchtbarer noch und herzzuschnürender war es, wenn es wieder schwieg
und rings stille ward, und ich allein sass in diesem tückischen Schweigen.
So gieng mir und schlich die Zeit, wenn Zeit es noch gab: was weiss ich davon!
Aber endlich geschah das, was mich weckte.
Dreimal schlugen Schläge an′s Thor, gleich Donnern, es hallten und heulten die
Gewölbe dreimal wieder: da gieng ich zum Thore.
Alpa! rief ich, wer trägt seine Asche zu Berge? Alpa! Alpa! Wer trägt seine
Asche zu Berge?
110
Und ich drückte den Schlüssel und hob am Thore und mühte mich. Aber noch
keinen Fingerbreit stand es offen:
Da riss ein brausender Wind seine Flügel auseinander: pfeifend, schrillend und
schneidend warf er mir einen schwarzen Sarg zu:
Und im Brausen und Pfeifen und Schrillen zerbarst der Sarg und spie
tausendfältiges Gelächter aus.
Und aus tausend Fratzen von Kindern, Engeln, Eulen, Narren und
kindergrossen Schmetterlingen lachte und höhnte und brauste es wider mich.
Grässlich erschrak ich darob: es warf mich nieder. Und ich schrie vor Grausen,
wie nie ich schrie.
Aber der eigne Schrei weckte mich auf: - und ich kam zu mir. -
Also erzählte Zarathustra seinen Traum und schwieg dann: denn er wusste noch
nicht die Deutung seines Traumes. Aber der jünger, den er am meisten lieb
hatte, erhob sich schnell, fasste die Hand Zarathustra′s und sprach:
»Dein Leben selber deutet uns diesen Traum, oh Zarathustra!
Bist du nicht selber der Wind mit schrillem Pfeifen, der den Burgen des Todes
die Thore aufreisst?
Bist du nicht selber der Sarg voll bunter Bosheiten und Engelsfratzen des
Lebens?
Wahrlich, gleich tausendfältigem Kindsgelächter kommt Zarathustra in alle
Todtenkammern, lachend über diese Nacht- und Grabwächter, und wer sonst
mit düstern Schlüsseln rasselt.
Schrecken und umwerfen wirst du sie mit deinem Gelächter; Ohnmacht und
Wachwerden wird deine Macht über sie beweisen.
Und auch, wenn die lange Dämmerung kommt und die Todesmüdigkeit, wirst
du an unserm Himmel, nicht untergehn, du Fürsprecher des Lebens!
Neue Sterne liessest du uns sehen und neue Nachtherrlichkeiten; wahrlich, das
Lachen selber spanntest du wie ein buntes Gezelt über uns.
Nun wird immer Kindes-Lachen aus Särgen quellen; nun wird immer siegreich
ein starker Wind kommen aller Todesmüdigkeit: dessen bist du uns selber Bürge
und Wahrsager!
Wahrlich, sie selber träumtest du, deine Feinde: das war dein schwerster Traum!
Aber wie du von ihnen aufwachtest und zu dir kamst, also sollen sie selber von
sich aufwachen - und zu dir kommen!« -
111
So sprach der jünger; und alle Anderen drängten sich nun um Zarathustra und
ergriffen ihn bei den Händen und wollten ihn bereden, dass er vom Bette und
von der Traurigkeit lasse und zu ihnen zurückkehre. Zarathustra aber sass
aufgerichtet auf seinem Lager, und mit fremdem Blicke. Gleichwie Einer, der
aus langer Fremde heimkehrt, sah er auf seine Jünger und prüfte ihre Gesichter;
und noch erkannte er sie nicht. Als sie aber ihn hoben und auf die Füsse
stellten, siehe, da verwandelte sich mit Einem Male sein Auge; er begriff Alles,
was geschehen war, strich sich den Bart und sagte mit starker Stimme:
»Wohlan! Diess nun hat seine Zeit; sorgt mir aber dafür, meine jünger, dass wir
eine gute Mahlzeit machen, und in Kürze! Also gedenke ich Busse zu thun für
schlimme Träume!
Der Wahrsager aber soll an meiner Seite essen und trinken: und wahrlich, ich
will ihm noch ein Meer zeigen, in dem er ertrinken kann!«
Also sprach Zarathustra. Darauf aber blickte er dem jünger, welcher den
Traumdeuter abgegeben hatte, lange in′s Gesicht und schüttelte dabei den
Kopf. -
Von der Erlösung
Als Zarathustra eines Tags über die grosse Brücke gieng, umringten ihn die
Krüppel und Bettler, und ein Bucklichter redete also zu ihm:
»Siehe, Zarathustra! Auch das Volk lernt von dir und gewinnt Glauben an deine
Lehre: aber dass es ganz dir glauben soll, dazu bedarf es noch Eines - du musst
erst noch uns Krüppel überreden! Hier hast du nun eine schöne Auswahl und
wahrlich, eine Gelegenheit mit mehr als Einem Schopfe! Blinde kannst du
heilen und Lahme laufen machen; und Dem, der zuviel hinter sich hat, könntest
du wohl auch ein Wenig abnehmen: - das, meine ich, wäre die rechte Art, die
Krüppel an Zarathustra glauben zu machen!«
Zarathustra aber erwiderte Dem, der da redete, also: »Wenn man dem
Bucklichten seinen Buckel nimmt, so nimmt man ihm seinen Geist - also lehrt
das Volk. Und wenn man dem Blinden seine Augen giebt, so sieht er zuviel
schlimme Dinge auf Erden: also dass er Den verflucht, der ihn heilte. Der aber,
welcher den Lahmen laufen macht, der thut ihm den grössten Schaden an: denn
kaum kann er laufen, so gehn seine Laster mit ihm durch - also lehrt das Volk
über Krüppel. Und warum sollte Zarathustra nicht auch vom Volke lernen,
wenn das Volk von Zarathustra lernt?
112
Das ist mir aber das Geringste, seit ich unter Menschen bin, dass ich sehe:
»Diesem fehlt ein Auge und jenem ein Ohr und einem Dritten das Bein, und
Andre giebt es, die verloren die Zunge oder die Nase oder den Kopf.«
Ich sehe und sah Schlimmeres und mancherlei so Abscheuliches, dass ich nicht
von Jeglichem reden und von Einigem nicht einmal schweigen möchte: nämlich
Menschen, denen es an Allem fehlt, ausser dass sie Eins zuviel haben -
Menschen, welche Nichts weiter sind als ein grosses Auge, oder ein grosses
Maul oder ein grosser Bauch oder irgend etwas Grosses, - umgekehrte Krüppel
heisse ich Solche.
Und als ich aus meiner Einsamkeit kam und zum ersten Male über diese Brücke
gieng: da traute ich meinen Augen nicht und sah hin, und wieder hin, und sagte
endlich: »das ist ein Ohr! Ein Ohr, so gross wie ein Mensch!« Ich sah noch
besser hin: und wirklich, unter dem Ohre bewegte sich noch Etwas, das zum
Erbarmen klein und ärmlich und schmächtig war. Und wahrhaftig, das
ungeheure Ohr sass auf einem kleinen dünnen Stiele, - der Stiel aber war ein
Mensch! Wer ein Glas vor das Auge nahm, konnte sogar noch ein kleines
neidisches Gesichtchen erkennen; auch, dass ein gedunsenes Seelchen am Stiele
baumelte. Das Volk sagte mir aber, das grosse Ohr sei nicht nur ein Mensch,
sondern ein grosser Mensch, ein Genie. Aber ich glaubte dem Volke niemals,
wenn es von grossen Menschen redete - und behielt meinen Glauben bei, dass
es ein umgekehrter Krüppel sei, der an Allem zu wenig und an Einem zu viel
habe.«
Als Zarathustra so zu dem Bucklichten geredet hatte und zu Denen, welchen er
Mundstück und Fürsprecher war, wandte er sich mit tiefem Unmuthe zu seinen
Jüngern und sagte:
»Wahrlich, meine Freunde, ich wandle unter den Menschen wie unter den
Bruchstücken und Gliedmaassen von Menschen!
Diess ist meinem Auge das Fürchterliche, dass ich den Menschen zertrümmert
finde und zerstreuet wie über ein Schlacht- und Schlächterfeld hin.
Und flüchtet mein Auge vom Jetzt zum Ehemals: es findet immer das Gleiche:
Bruchstücke und Gliedmaassen und grause Zufälle - aber keine Menschen!
Das jetzt und das Ehemals auf Erden - ach! meine Freunde - das, ist mein
Unerträglichstes; und ich wüsste nicht zu leben, wenn ich nicht noch ein Seher
wäre, dessen, was kommen muss.
Ein Seher, ein Wollender, ein Schaffender, eine Zukunft selber und eine Brücke
zur Zukunft - und ach, auch noch gleichsam ein Krüppel an dieser Brücke: das
Alles ist Zarathustra.
113
Und auch ihr fragtet euch oft: »wer ist uns Zarathustra? Wie soll er uns
heissen?« Und gleich mir selber gabt ihr euch Fragen zur Antwort.
Ist er ein Versprechender? Oder ein Erfüller? Ein Erobernder? Oder ein
Erbender? Ein Herbst? Oder eine Pflugschar? Ein Arzt? Oder ein Genesener?
Ist er ein Dichter? Oder ein Wahrhaftiger? Ein Befreier? Oder ein Bändiger?
Ein Guter? Oder ein Böser?
Ich wandle unter Menschen als den Bruchstücken der Zukunft: jener Zukunft,
die ich schaue.
Und das ist al mein Dichten und Trachten, dass ich in Eins dichte und
zusammentragen was Bruchstück ist und Räthsel und grauser Zufall.
Und wie ertrüge ich es, Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch Dichter
und Räthselrather und der Erlöser des Zufalls wäre!
Die Vergangnen zu erlösen und alles »Es war« umzuschauen in ein »So wollte
ich es!« - das hiesse mir erst Erlösung!
Wille - so heisst der Befreier und Freudebringer: also lehrte ich euch, meine
Freunde! Und nun lernt diess hinzu: der Wille selber ist noch ein Gefangener.
Wollen befreit: aber wie heisst Das, was auch den Befreier noch in Ketten
schlägt?
»Es war«: also heisst des Willens Zähneknirschen und einsamste Trübsal.
Ohnmächtig gegen Das, was gethan ist - ist er allem Vergangenen ein böser
Zuschauer.
Nicht zurück kann der Wille wollen; dass er die Zeit nicht brechen kann und
der Zeit Begierde, - das ist des Willens einsamste Trübsal.
Wollen befreit: was ersinnt sich das Wollen selber, dass es los seiner Trübsal
werde und seines Kerkers spotte?
Ach, ein Narr wird jeder Gefangene! Närrisch erlöst sich auch der gefangene
Wille.
Dass die Zeit nicht zurückläuft, das ist sein Ingrimm; »Das, was war« - so heisst
der Stein, den er nicht wälzen kann.
Und so wälzt er Steine aus Ingrimm und Unmuth und übt Rache an dem, was
nicht gleich ihm Grimm und Unmuth fühlt.
Also wurde der Wille, der Befreier, ein Wehethäter: und an Allem, was leiden
kann, nimmt er Rache dafür, dass er nicht zurück kann.
114
Diess, ja diess allein ist Rache selber: des Willens Widerwille gegen die Zeit und
ihr »Es war.«
Wahrlich, eine grosse Narrheit wohnt in unserm Willen; und zum Fluche wurde
es allem Menschlichen, dass diese Narrheit Geist lernte!
Der Geist der Rache: meine Freunde, das war bisher der Menschen bestes
Nachdenken; und wo Leid war, da sollte immer Strafe sein.
»Strafe« nämlich, so heisst sich die Rache selber: mit einem Lügenwort heuchelt
sie sich ein gutes Gewissen.
Und weil im Wollenden selber Leid ist, darob dass es nicht zurück wollen kann,
- also sollte Wollen selber und alles Leben - Strafe sein!
Und nun wälzte sich Wolke auf Wolke über den Geist: bis endlich der
Wahnsinn predigte: »Alles vergeht, darum ist Alles werth zu vergehn!«
»Und diess ist selber Gerechtigkeit, jenes Gesetz der Zeit, dass sie ihre Kinder
fressen muss«: also predigte der Wahnsinn.
»Sittlich sind die Dinge geordnet nach Recht und Strafe. Oh wo ist die Erlösung
vom Fluss der Dinge und der Strafe Dasein«? Also predigte der Wahnsinn.
»Kann es Erlösung geben, wenn es ein ewiges Recht giebt? Ach, unwälzbar ist
der Stein »Es war«: ewig müssen auch alle Strafen sein!« Also predigte der
Wahnsinn.
»Keine That kann vernichtet werden: wie könnte sie durch die Strafe ungethan
werden! Diess, diess ist das Ewige an der Strafe »Dasein«, dass das Dasein auch
ewig wieder That und Schuld sein muss!
»Es sei denn, dass der Wille endlich sich selber erlöste und Wollen zu Nicht-
Wollen würde -«: doch ihr kennt, meine Brüder, diess Fabellied des Wahnsinns!
Weg führte ich euch von diesen Fabelliedern, als ich euch lehrte: »der Wille ist
ein Schaffender.«
Alles »Es war« ist ein Bruchstück, ein Räthsel, ein grauser Zufall - bis der
schaffende Wille dazu sagt: aber so wollte ich es!«
Bis der schaffende Wille dazu sagt: »Aber so will ich es! So werde ich′s wollen!«
Aber sprach er schon so? Und wann geschieht diess? Ist der Wille schon
abgeschirrt von seiner eignen Thorheit?
Wurde der Wille sich selber schon Erlöser und Freudebringer? Verlernte er den
Geist der Rache und alles Zähneknirschen?
115
Und wer lehrte ihn Versöhnung mit der Zeit, und Höheres als alle Versöhnung
ist?
Höheres als alle Versöhnung muss der Wille wollen, welcher der Wille zur
Macht ist -: doch wie geschieht ihm das? Wer lehrte ihn auch noch das
Zurückwollen?«
- Aber an dieser Stelle seiner Rede geschah es, dass Zarathustra plötzlich
innehielt und ganz einem Solchen gleich sah, der auf das Äusserste erschrickt.
Mit erschrecktem Auge blickte er auf seine Jünger; sein Auge durchbohrte wie
mit Pfeilen ihre Gedanken und Hintergedanken. Aber nach einer kleinen Weile
lachte er schon wieder und sagte begütigt:
»Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist.
Sonderlich für einen Geschwätzigen.« -
Also sprach Zarathustra. Der Bucklichte aber hatte dem Gespräche zugehört
und sein Gesicht dabei bedeckt; als er aber Zarathustra lachen hörte, blickte er
neugierig auf und sagte langsam:
»Aber warum redet Zarathustra anders zu uns als zu seinen Jüngern?«
Zarathustra antwortete: »Was ist da zum Verwundern! Mit Bucklichten darf
man schon bucklicht reden!«
»Gut, sagte der Bucklichte; und mit Schülern darf man schon aus der Schule
schwätzen.
Aber warum redet Zarathustra anders zu seinen Schülern - als zu sich selber?« -
Von der Menschen-Klugheit
Nicht die Höhe: der Abhang ist das Furchtbare!
Der Abhang, wo der Blick hinunter stürzt und die Hand hinauf greift. Da
schwindelt dem Herzen vor seinem doppelten Willen.
Ach, Freunde, errathet ihr wohl auch meines Herzens doppelten Willen?
Das, Das ist mein Abhang und meine Gefahr, dass mein Blick in die Höhe
stürzt, und dass meine Hand sich halten und stützen möchte - an der Tiefe!
An den Menschen klammert sich mein Wille, mit Ketten binde ich mich an den
Menschen, weil es mich hinauf reisst zum Obermenschen: denn dahin will
mein andrer Wille.
Und dazu lebe ich blind unter den Menschen; gleich als ob ich sie nicht kennte:
dass meine Hand ihren Glauben an Festes nicht ganz verliere.
116
Ich kenne euch Menschen nicht: diese Finsterniss und Tröstung ist oft um mich
gebreitet.
Ich sitze am Thorwege für jeden Schelm und frage: wer will mich betrügen?
Das ist meine erste Menschen-Klugheit, dass ich mich betrügen lasse, um nicht
auf der Hut zu sein vor Betrügern.
Ach, wenn ich auf der Hut wäre vor dem Menschen: wie könnte meinem Balle
der Mensch ein Anker sein! Zu leicht risse es mich hinauf und hinweg!
Diese Vorsehung ist über meinem Schicksal, dass ich ohne Vorsicht sein muss.
Und wer unter Menschen nicht verschmachten will, muss lernen, aus allen
Gläsern zu trinken; und wer unter Menschen rein bleiben will, muss verstehn,
sich auch mit schmutzigem Wasser zu waschen.
Und also sprach ich oft mir zum Troste: »Wohlan! Wohlauf! Altes Herz! Ein
Unglück missrieth dir: geniesse diess als dein - Glück!«
Diess aber ist meine andre Menschen-Klugheit: ich schone die Eitlen mehr als
die Stolzen.
Ist nicht verletzte Eitelkeit die Mutter aller Trauerspiele? Wo aber Stolz verletzt
wird, da wächst wohl etwas Besseres noch, als Stolz ist.
Damit das Leben gut anzuschaun sei, muss sein Spiel gut gespielt werden: dazu
aber bedarf es guter Schauspieler.
Gute Schauspieler fand ich alle Eitlen: sie spielen und wollen, dass ihnen gern
zugeschaut werde, - all ihr Geist ist bei diesem Willen.
Sie führen sich auf, sie erfinden sich; in ihrer Nähe liebe ich′s, dem Leben
zuzuschaun, - es heilt von der Schwermuth.
Darum schone ich die Eitlen, weil sie mir Arzte sind meiner Schwermuth und
mich am Menschen fest halten als an einem Schauspiele.
Und dann: wer ermisst am Eitlen die ganze Tiefe seiner Bescheidenheit! Ich bin
ihm gut und mitleidig ob seiner Bescheidenheit.
Von euch will er seinen Glauben an sich lernen; er nährt sich an euren Blicken,
er frisst das Lob aus euren Händen.
Euren Lügen glaubt er noch, wenn ihr gut über ihn lügt: denn im Tiefsten
seufzt sein Herz: was bin ich!«
Und wenn das die rechte Tugend ist, die nicht um sich selber weiss: nun, der
Eitle weiss nicht um seine Bescheidenheit! -
117
Das ist aber meine dritte Menschen-Klugheit, dass ich mir den Anblick der
Bösen nicht verleiden lasse durch eure Furchtsamkeit.
Ich bin selig, die Wunder zu sehn, welche heisse Sonne ausbrütet: Tiger und
Palmen und Klapperschlangen.
Auch unter Menschen giebt es schöne Brut heisser Sonne und viel
Wunderwürdiges an den Bösen.
Zwar, wie eure Weisesten mir nicht gar so weise erschienen: so fand ich auch
der Menschen Bosheit unter ihrem Rufe.
Und oft fragte ich mit Kopfschütteln: Warum noch klappern, ihr
Klapperschlangen?
Wahrlich, es giebt auch für das Böse noch eine Zukunft! Und der heisseste
Süden ist noch nicht entdeckt für den Menschen.
Wie Manches heisst jetzt schon ärgste Bosheit, was doch nur zwölf Schuhe
breit und drei Monate lang ist! Einst aber werden grössere Drachen zur Welt
kommen.
Denn dass dem Übermenschen sein Drache nicht fehle, der Über-Drache, der
seiner würdig ist: dazu muss viel heisse Sonne noch auf feuchten Urwald
glühen!
Aus euren Wildkatzen müssen erst Tiger geworden sein und aus euren
Giftkröten Krokodile: denn der gute Jäger soll eine gute Jagd haben!
Und wahrlich, ihr Guten und Gerechten! An euch ist Viel zum Lachen und
zumal eure Furcht vor dem, was bisher »Teufel« hiess!
So fremd seid ihr dem Grossen mit eurer Seele, dass euch der Übermensch
furchtbar sein würde in seiner Güte!
Und ihr Weisen und Wissenden, ihr würdet vor dem Sonnenbrande der
Weisheit flüchten, in dem der Übermensch mit Lust seine Nacktheit badet!
Ihr höchsten Menschen, denen mein Auge begegnete! das ist mein Zweifel an
euch und mein heimliches Lachen: ich rathe, ihr würdet meinen Übermenschen
- Teufel heissen!
Ach, ich ward dieser Höchsten und Besten müde: aus ihrer »Höhe« verlangte
mich hinauf, hinaus, hinweg zu dem Übermenschen!
Ein Grausen überfiel mich, als ich diese Besten nackend sah: da wuchsen mir
die Flügel, fortzuschweben in ferne Zukünfte.
118
In fernere Zukünfte, in südlichere Süden, als je ein Bildner träumte: dorthin, wo
Götter sich aller Kleider schämen!
Aber verkleidet will ich euch sehn, ihr Nächsten und Mitmenschen, und gut
geputzt, und eitel, und würdig, als »die Guten und Gerechten,« -
Und verkleidet will ich selber unter euch sitzen, - dass ich euch und mich
verkenne: das ist nämlich meine letzte Menschen-Klugheit.
Also sprach Zarathustra.
Die stillste Stunde
Was geschah mir, meine Freunde? Ihr seht mich verstört, fortgetrieben,
unwillig-folgsam, bereit zu gehen - ach, von euch fortzugehen!
Ja, noch Ein Mal muss Zarathustra in seine Einsamkeit: aber unlustig geht
diessmal der Bär zurück in seine Höhle!
Was geschah mir? Wer gebeut diess? - Ach, meine zornige Herrin wil es so, sie
sprach zu mir: nannte ich je euch schon ihren Namen?
Gestern gen Abend sprach zu mir meine stillste Stunde: das ist der Name
meiner furchtbaren Herrin.
Und so geschah′s, - denn Alles muss ich euch sagen, dass euer Herz sich nicht
verhärte gegen den plötzlich Scheidenden!
Kennt ihr den Schrecken des Einschlafenden? -
Bis in die Zehen hinein erschrickt er, darob, dass ihm der Boden weicht und der
Traum beginnt.
Dieses sage ich euch zum Gleichniss. Gestern, zur stillsten Stunde, wich mir der
Boden: der Traum begann.
Der Zeiger rückte, die Uhr meines Lebens holte Athem - nie hörte ich solche
Stille um mich: also dass mein Herz erschrak.
Dann sprach es ohne Stimme zu mir: »Du weisst es, Zarathustra?« -
Und ich schrie vor Schrecken bei diesem Flüstern, und das Blut wich aus
meinem Gesichte: aber ich schwieg.
Da sprach es abermals ohne Stimme zu mir: »Du weisst es, Zarathustra, aber du
redest es nicht!« -
Und ich antwortete endlich gleich einem Trotzigen: »Ja, ich weiss es, aber ich
will es nicht reden!«
119
Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Du willst nicht, Zarathustra? Ist
diess auch wahr? Verstecke dich nicht in deinen Trotz!« -
Und ich weinte und zitterte wie ein Kind und sprach: »Ach, ich wollte schon,
aber wie kann ich es! Erlass mir diess nur! Es ist über meine Kraft!«
Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Was liegt an dir, Zarathustra! Sprich
dein Wort und zerbrich!« -
Und ich antwortete: »Ach, ist es mein Wort? Wer bin ich? Ich warte des
Würdigeren; ich bin nicht werth, an ihm auch nur zu zerbrechen.«
Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Was liegt an dir? Du bist mir noch
nicht demüthig genug. Die Demuth hat das härteste Fell.« -
Und ich antwortete: »Was trug nicht schon das Fel meiner Demuth! Am Fusse
wohne ich meiner Höhe: wie hoch meine Gipfel sind? Niemand sagte es mir
noch. Aber gut kenne ich meine Thäler.«
Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Oh Zarathustra, wer Berge zu
versetzen hat, der versetzt auch Thäler und Niederungen.« -
Und ich antwortete: »Noch versetzte mein Wort keine Berge, und was ich
redete, erreichte die Menschen nicht. Ich gieng wohl zu den Menschen, aber
noch langte ich nicht bei ihnen an.«
Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Was weisst du davon! Der Thau fäl t
auf das Gras, wenn die Nacht am verschwiegensten ist.« -
Und ich antwortete: »sie verspotteten mich, als ich meinen eigenen Weg fand
und gieng; und in Wahrheit zitterten damals meine Füsse.
Und so sprachen sie zu mir: du verlerntest den Weg, nun verlernst du auch das
Gehen!«
Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Was liegt an ihrem Spotte! Du bist
Einer, der das Gehorchen verlernt hat: nun sol st du befehlen!
Weisst du nicht, wer Allen am nöthigsten thut? Der Grosses befiehlt.
Grosses vollführen ist schwer: aber das Schwerere ist, Grosses befehlen.
Das ist dein Unverzeihlichstes: du hast die Macht, und du willst nicht
herrschen.« -
Und ich antwortete: »Mir fehlt des Löwen Stimme zu allem Befehlen.«
Da sprach es wieder wie ein Flüstern zu mir: »Die stillsten Worte sind es,
welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfüssen kommen, lenken
die Welt.
120
Oh Zarathustra, du sollst gehen als ein Schatten dessen, was kommen muss: so
wirst du befehlen und befehlend vorangehen.« -
Und ich antwortete: »Ich schäme mich.«
Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Du musst noch Kind werden und
ohne Scham.
Der Stolz der Jugend ist noch auf dir, spät bist du jung geworden: aber wer zum
Kinde werden will, muss auch noch seine Jugend überwinden.« -
Und ich besann mich lange und zitterte. Endlich aber sagte ich, was ich zuerst
sagte: »Ich will nicht.«
Da geschah ein Lachen um mich. Wehe, wie diess Lachen mir die Eingeweide
zerriss und das Herz aufschlitzte!
Und es sprach zum letzten Male zu mir: »Oh Zarathustra, deine Früchte sind
reif, aber du bist nicht reif für deine Früchte!
So musst du wieder in die Einsamkeit: denn du sollst noch mürbe werden.« -
Und wieder lachte es und floh: dann wurde es stille um mich wie mit einer
zwiefachen Stille. Ich aber lag am Boden, und der Schweiss floss mir von den
Gliedern.
- Nun hörtet ihr Alles, und warum ich in meine Einsamkeit zurück muss.
Nichts verschwieg ich euch, meine Freunde.
Aber auch diess hörtet ihr von mir, wer immer noch aller Menschen
Verschwiegenster ist - und es sein will!
Ach meine Freunde! Ich hätte euch noch Etwas zu sagen, ich hätte euch noch
Etwas zu geben! Warum gebe ich es nicht? Bin ich denn geizig?« -
Als Zarathustra aber diese Worte gesprochen hatte, überfiel ihn die Gewalt des
Schmerzes und die Nähe des Abschieds von seinen Freunden, also dass er laut
weinte; und Niemand wusste ihn zu trösten. Des Nachts aber gieng er allein
fort und verliess seine Freunde.
Dritter Theil
»Ihr seht nach Oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe hinab,
weil ich erhoben bin.
Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein?
Wer auf den höchsten Bergen steigt, der lacht über alle Trauer-Spiele und
Trauer-Ernste.«
121
Zarathustra, vom Lesen und Schreiben.
Der Wanderer
Um Mitternacht war es, da nahm Zarathustra seinen Weg über den Rücken der
Insel, dass er mit dem frühen Morgen an das andre Gestade käme: denn dort
wollte er zu Schiff steigen. Es gab nämlich al da eine gute Rhede, an der auch
fremde Schiffe gern vor Anker giengen; die nahmen Manchen mit sich, der von
den glückseligen Inseln über das Meer wollte. Als nun Zarathustra so den Berg
hinanstieg, gedachte er unterwegs des vielen einsamen Wanderns von Jugend
an, und wie viele Berge und Rücken und Gipfel er schon gestiegen sei.
Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger, sagte er zu seinem Herzen, ich liebe
die Ebenen nicht und es scheint, ich kann nicht lange still sitzen.
Und was mir nun auch noch als Schicksal und Erlebniss komme, - ein Wandern
wird darin sein und ein Bergsteigen: man erlebt endlich nur noch sich selber.
Die Zeit ist abgeflossen, wo mir noch Zufälle begegnen durften; und was
könnte
jetzt noch zu mir fallen, was nicht schon mein Eigen wäre!
Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim - mein eigen Selbst, und was
von ihm lange in der Fremde war und zerstreut unter alle Dinge und Zufälle.
Und noch Eins weiss ich: ich stehe jetzt vor meinem letzten Gipfel und vor
dem, was mir am längsten aufgespart war. Ach, meinen härtesten Weg muss ich
hinan! Ach, ich begann meine einsamste Wanderung!
Wer aber meiner Art ist, der entgeht einer solchen Stunde nicht: der Stunde, die
zu ihm redet: »Jetzo erst gehst du deinen Weg der Grösse! Gipfel und Abgrund
- das ist jetzt in Eins beschlossen!
Du gehst deinen Weg der Grösse: nun ist deine letzte Zuflucht worden, was
bisher deine letzte Gefahr hiess!
Du gehst deinen Weg der Grösse: das muss nun dein bester Muth sein, dass es
hinter dir keinen Weg mehr giebt!
Du gehst deinen Weg der Grösse; hier soll dir Keiner nachschleichen! Dein
Fuss selber löschte hinter dir den Weg aus, und über ihm steht geschrieben:
Unmöglichkeit.
Und wenn dir nunmehr alle Leitern fehlen, so musst du verstehen, noch auf
deinen eigenen Kopf zu steigen: wie wol test du anders aufwärts steigen?
Auf deinen eigenen Kopf und hinweg über dein eigenes Herz! Jetzt muss das
Mildeste an dir noch zum Härtesten werden.
122
Wer sich stets viel geschont hat, der kränkelt zuletzt an seiner vielen Schonung.
Gelobt sei, was hart macht! Ich lobe das Land nicht, wo Butter und Honig -
fliesst!
Von sich
absehn
lernen ist nöthig, um
Viel
zu sehn: - diese Härte thut jedem
Berge-Steigenden Noth.
Wer aber mit den Augen zudringlich ist als Erkennender, wie sollte der von
allen Dingen mehr als ihre vorderen Gründe sehn!
Du aber, oh Zarathustra, wolltest aller Dinge Grund schaun und Hintergrund:
so musst du schon über dich selber steigen, - hinan, hinauf, bis du auch deine
Sterne noch
unter
dir hast!
Ja! Hinab auf mich selber sehn und noch auf meine Sterne: das erst hiesse mir
mein
Gipfel
, das blieb mir noch zurück als mein
letzter
Gipfel! -
Also sprach Zarathustra im Steigen zu sich, mit harten Sprüchlein sein Herz
tröstend: denn er war wund am Herzen wie noch niemals zuvor. Und als er auf
die Höhe des Bergrückens kam, siehe, da lag das andere Meer vor ihm
ausgebreitet: und er stand still und schwieg lange. Die Nacht aber war kalt in
dieser Höhe und klar und hellgestirnt.
Ich erkenne mein Loos, sagte er endlich mit Trauer. Wohlan! Ich bin bereit.
Eben begann meine letzte Einsamkeit.
Ach, diese schwarze traurige See unter mir! Ach, diese schwangere nächtliche
Verdrossenheit! Ach, Schicksal und See! Zu euch muss ich nun
hinab
steigen!
Vor meinem höchsten Berge stehe ich und vor meiner längsten Wanderung:
darum muss ich erst tiefer hinab als ich jemals stieg:
- tiefer hinab in den Schmerz als ich jemals stieg, bis hinein in seine schwärzeste
Fluth! So will es mein Schicksal: Wohlan! Ich bin bereit.
Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich, dass sie
aus dem Meere kommen.
Diess Zeugniss ist in ihr Gestein geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel.
Aus dem Tiefsten muss das Höchste zu seiner Höhe kommen. -
Also sprach Zarathustra auf der Spitze des Berges, wo es kalt war; als er aber in
die Nähe des Meeres kam und zuletzt allein unter den Klippen stand, da war er
unterwegs müde geworden und sehnsüchtiger als noch zuvor.
Es schläft jetzt Alles noch, sprach er; auch das Meer schläft. Schlaftrunken und
fremd blickt sein Auge nach mir.
123
Aber es athmet warm, das fühle ich. Und ich fühle auch, dass es träumt. Es
windet sieh träumend auf harten Kissen.
Horch! Horch! Wie es stöhnt von bösen Erinnerungen! Oder bösen
Erwartungen?
Ach, ich bin traurig mit dir, du dunkles Ungeheuer, und mir selber noch gram
um deinetwillen.
Ach, dass meine Hand nicht Stärke genug hat! Gerne, wahrlich, möchte ich dich
von bösen Träumen erlösen! -
Und indem Zarathustra so sprach, lachte er mit Schwermuth und Bitterkeit
über sich selber. »Wie! Zarathustra! sagte er, willst du noch dem Meere Trost
singen?
Ach, du liebreicher Narr Zarathustra, du Vertrauens-Überseliger! Aber so warst
du immer: immer kamst du vertraulich zu allem Furchtbaren.
Jedes Ungethüm wolltest du noch streicheln. Ein Hauch warmen Athems, ein
Wenig weiches Gezottel an der Tatze -: und gleich warst du bereit, es zu lieben
und zu locken.
Die
Liebe
ist die Gefahr des Einsamsten, die Liebe zu Allem,
wenn es nur lebt
!
Zum Lachen ist wahrlich meine Narrheit und meine Bescheidenheit in der
Liebe!« -
Also sprach Zarathustra und lachte dabei zum andern Male: da aber gedachte er
seiner verlassenen Freunde -, und wie als ob er sich mit seinen Gedanken an
ihnen vergangen habe, zürnte er sich ob seiner Gedanken. Und alsbald geschah
es, dass der Lachende weinte: - vor Zorn und Sehnsucht weinte Zarathustra
bitterlich.
Vom Gesicht und Räthsel
1
Als es unter den Schiffsleuten ruchbar wurde, dass Zarathustra auf dem Schiffe
sei, - denn es war ein Mann zugleich mit ihm an Bord gegangen, der von den
glückseligen Inseln kam - da entstand eine grosse Neugierde und Erwartung.
Aber Zarathustra schwieg zwei Tage und war kalt und taub vor Traurigkeit, also,
dass er weder auf Blicke noch auf Fragen antwortete. Am Abende aber des
zweiten Tages that er seine Ohren wieder auf, ob er gleich noch schwieg: denn
es gab viel Seltsames und Gefährliches auf diesem Schiffe anzuhören, welches
weither kam und noch weiterhin wollte. Zarathustra aber war ein Freund aller
124
Solchen, die weite Reisen thun und nicht ohne Gefahr leben mögen. Und siehe!
zuletzt wurde ihm im Zuhören die eigne Zunge gelöst, und das Eis seines
Herzens brach: - da begann er also zu reden:
Euch, den kühnen Suchern, Versuchern, und wer je sich mit listigen Segeln auf
furchtbare Meere einschiffte, -
euch, den Räthsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit Flöten zu
jedem Irr-Schlunde gelockt wird:
- denn nicht wollt ihr mit feiger Hand einem Faden nachtasten; und, wo ihr
errathen könnt, da hasst ihr es, zu erschliessen -
euch allein erzähle ich das Räthsel, das ich sah, - das Gesicht des Einsamsten. -
Düster gieng ich jüngst durch leichenfarbne Dämmerung, - düster und hart, mit
gepressten Lippen. Nicht nur Eine Sonne war mir untergegangen.
Ein Pfad, der trotzig durch Geröll stieg, ein boshafter, einsamer, dem nicht
Kraut, nicht Strauch mehr zusprach: ein Bergpfad knirschte unter dem Trotz
meines Fusses.
Stumm über höhnischem Geklirr von Kieseln schreitend, den Stein zertretend,
der ihn gleiten liess: also zwang mein Fuss sich aufwärts.
Aufwärts: - dem Geiste zum Trotz, der ihn abwärts zog, abgrundwärts zog, dem
Geiste der Schwere, meinem Teufel und Erzfeinde.
Aufwärts: - obwohl er auf mir sass, halb Zwerg, halb Maulwurf; lahm; lähmend;
Blei durch mein Ohr, Bleitropfen-Gedanken in mein Hirn träufelnd.
»Oh Zarathustra, raunte er höhnisch Silb′ um Silbe, du Stein der Weisheit! Du
warfst dich hoch, aber jeder geworfene Stein muss - fallen!
Oh Zarathustra, du Stein der Weisheit, du Schleuderstein, du Stern-
Zertrümmerer! Dich selber warfst du so hoch, - aber jeder geworfene Stein -
muss fallen!
Verurtheilt zu dir selber und zur eignen Steinigung: oh Zarathustra, weit warfst
du ja den Stein, - aber auf dich wird er zurückfallen!«
Drauf schwieg der Zwerg; und das währte lange. Sein Schweigen aber drückte
mich; und solchermaassen zu Zwein ist man wahrlich einsamer als zu Einem!
Ich stieg, ich stieg, ich träumte, ich dachte, - aber Alles drückte mich. Einem
Kranken glich ich, den seine schlimme Marter müde macht, und den wieder ein
schlimmerer Traum aus dem Einschlafen weckt. -
125
Aber es giebt Etwas in mir, das ich Muth heisse: das schlug bisher mir jeden
Unmuth todt. Dieser Muth hiess mich endlich stille stehn und sprechen:
»Zwerg! Du! Oder ich!« -
Muth nämlich ist der beste Todtschläger, - Muth, welcher angreift : denn in
jedem Angriffe ist klingendes Spiel.
Der Mensch aber ist das muthigste Thier: damit überwand er jedes Thier. Mit
klingendem Spiele überwand er noch jeden Schmerz; Menschen-Schmerz aber
ist der tiefste Schmerz.
Der Muth schlägt auch den Schwindel todt an Abgründen: und wo stünde der
Mensch nicht an Abgründen! Ist Sehen nicht selber - Abgründe sehen?
Muth ist der beste Todtschläger: der Muth schlägt auch das Mitleiden todt.
Mitleiden aber ist der tiefste Abgrund: so tief der Mensch in das Leben sieht, so
tief sieht er auch in das Leiden.
Muth aber ist der beste Todtschläger, Muth, der angreift: der schlägt noch den
Tod todt, denn er spricht: »War das das Leben? Wohlan! Noch Ein Mal!«
In solchem Spruche aber ist viel klingendes Spiel. Wer Ohren hat, der höre. -
2
»Halt! Zwerg! sprach ich. Ich! Oder du! Ich aber bin der Stärkere von uns
Beiden -: du kennst meinen abgründlichen Gedanken nicht! Den - könntest du
nicht tragen!« -
Da geschah, was mich leichter machte: denn der Zwerg sprang mir von der
Schulter, der Neugierige! Und er hockte sich auf einen Stein vor mich hin. Es
war aber gerade da ein Thorweg, wo wir hielten.
»Siehe diesen Thorweg! Zwerg! sprach ich weiter: der hat zwei Gesichter. Zwei
Wege kommen hier zusammen: die gieng noch Niemand zu Ende.
Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse
hinaus - das ist eine andre Ewigkeit.
Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stossen sich gerade vor den Kopf: - und
hier, an diesem Thorwege, ist es, wo sie zusammen kommen. Der Name des
Thorwegs steht oben geschrieben: »Augenblick«.
Aber wer Einen von ihnen weiter gienge - und immer weiter und immer ferner:
glaubst du, Zwerg, dass diese Wege sich ewig widersprechen?« -
»Alles Gerade lügt, murmelte verächtlich der Zwerg. Alle Wahrheit ist krumm,
die Zeit selber ist ein Kreis.«
126
»Du Geist der Schwere! sprach ich zürnend, mache dir es nicht zu leicht! Oder
ich lasse dich hocken, wo du hockst, Lahmfuss, - und ich trug dich hoch!
Siehe, sprach ich weiter, diesen Augenblick! Von diesem Thorwege Augenblick
läuft eine lange ewige Gasse rückwärts hinter uns liegt eine Ewigkeit.
Muss nicht, was laufen kann von allen Dingen, schon einmal diese Gasse
gelaufen sein? Muss nicht, was geschehn kann von allen Dingen, schon einmal
geschehn, gethan, vorübergelaufen sein?
Und wenn Alles schon dagewesen ist: was hältst du Zwerg von diesem
Augenblick? Muss auch dieser Thorweg nicht schon - dagewesen sein?
Und sind nicht solchermaassen fest alle Dinge verknotet, dass dieser
Augenblick alle kommenden Dinge nach sich zieht? Also - - sich selber noch?
Denn, was laufen kann von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse hinaus -
muss es einmal noch laufen! -
Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser
Mondschein selber, und ich und du im Thorwege, zusammen flüsternd, von
ewigen Dingen flüsternd - müssen wir nicht Alle schon dagewesen sein?
- und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor uns, in
dieser langen schaurigen Gasse - müssen wir nicht ewig wiederkommen? -«
Also redete ich, und immer leiser: denn ich fürchtete mich vor meinen eignen
Gedanken und Hintergedanken. Da, plötzlich, hörte ich einen Hund nahe
heulen.
Hörte ich jemals einen Hund so heulen? Mein Gedanke lief zurück. Ja! Als ich
Kind war, in fernster Kindheit:
- da hörte ich einen Hund so heulen. Und sah ihn auch, gesträubt, den Kopf
nach Oben, zitternd, in stillster Mitternacht, wo auch Hunde an Gespenster
glauben:
- also dass es mich erbarmte. Eben nämlich gieng der vol e Mond,
todtschweigsam, über das Haus, eben stand er still, eine runde Gluth, - still auf
flachem Dache, gleich als auf fremdem Eigenthume: -
darob entsetzte sich damals der Hund: denn Hunde glauben an Diebe und
Gespenster. Und als ich wieder so heulen hörte, da erbarmte es mich abermals.
Wohin war jetzt Zwerg? und Thorweg? Und Spinne? Und alles Flüstern?
Träumte ich denn? Wachte ich auf? Zwischen wilden Klippen stand ich mit
Einem Male, allein, öde, im ödesten Mondscheine.
127
Aber da lag ein Mensch! Und da! Der Hund, springend, gesträubt, winselnd, -
jetzt sah er mich kommen - da heulte er wieder, da schrie er: - hörte ich je einen
Hund so Hülfe schrein?
Und, wahrlich, was ich sah, desgleichen sah ich nie. Einen jungen Hirten sah
ich, sich windend, würgend, zuckend, verzerrten Antlitzes, dem eine schwarze
schwere Schlange aus dem Munde hieng.
Sah ich je so viel Ekel und bleiches Grauen auf Einem Antlitze? Er hatte wohl
geschlafen? Da kroch ihm die Schlange in den Schlund - da biss sie sich fest.
Meine Hand riss die Schlange und riss: - umsonst! sie riss die Schlange nicht aus
dem Schlunde. Da schrie es aus mir: »Beiss zu! Beiss zu!
Den Kopf ab! Beiss zu!« - so schrie es aus mir, mein Grauen, mein Hass, mein
Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie mit Einem Schrei
aus mir. -
Ihr Kühnen um mich! Ihr Sucher, Versucher, und wer von euch mit listigen
Segeln sich in unerforschte Meere einschiffte! Ihr Räthsel-Frohen!
So rathet mir doch das Räthsel, das ich damals schaute, so deutet mir doch das
Gesicht des Einsamsten!
Denn ein Gesicht war′s und ein Vorhersehn: - was sah ich damals im
Gleichnisse? Und wer ist, der einst noch kommen muss?
Wer ist der Hirt, dem also die Schlange in den Schlund kroch? Wer ist der
Mensch, dem also alles Schwerste, Schwärzeste in den Schlund kriechen wird?
- Der Hirt aber biss, wie mein Schrei ihm rieth; er biss mit gutem Bisse! Weit
weg spie er den Kopf der Schlange -: und sprang empor. -
Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch, - ein Verwandelter, ein Umleuchteter,
welcher lachte ! Niemals noch auf Erden lachte je ein Mensch, wie er lachte!
Oh meine Brüder, ich hörte ein Lachen, das keines Menschen Lachen war, - -
und nun frisst ein Durst an mir, eine Sehnsucht, die nimmer stille wird.
Meine Sehnsucht nach diesem Lachen frisst an mir: oh wie ertrage ich noch zu
leben! Und wie ertrüge ich′s, jetzt zu sterben! -
Also sprach Zarathustra.
Von der Seligkeit wider Willen
Mit solchen Räthseln und Bitternissen im Herzen fuhr Zarathustra über das
Meer. Als er aber vier Tagereisen fern war von den glückseligen Inseln und von
128
seinen Freunden, da hatte er allen seinen Schmerz überwunden -: siegreich und
mit festen Füssen stand er wieder auf seinem Schicksal. Und damals redete
Zarathustra also zu seinem frohlockenden Gewissen:
Allein bin ich wieder und will es sein, allein mit reinem Himmel und freiem
Meere; und wieder ist Nachmittag um mich.
Des Nachmittags fand ich zum ersten Male einst meine Freunde, des
Nachmittags auch zum anderen Male: - zur Stunde, da alles Licht stiller wird.
Denn was von Glück noch unterwegs ist zwischen Himmel und Erde, das sucht
sich nun zur Herberge noch eine lichte Seele: vor Glück ist alles Licht jetzt
stiller worden.
Oh Nachmittag meines Lebens! Einst stieg auch mein Glück zu Thale, dass es
sich eine Herberge suche: da fand es diese offnen gastfreundlichen Seelen.
Oh Nachmittag meines Lebens! Was gab ich nicht hin, dass ich Eins hätte: diese
lebendige Pflanzung meiner Gedanken und diess Morgenlicht meiner höchsten
Hoffnung!
Gefährten suchte einst der Schaffende und Kinder seiner Hoffnung: und siehe,
es fand sich, dass er sie nicht finden könne, es sei denn, er schaffe sie selber
erst.
Also bin ich mitten in meinem Werke, zu meinen Kindern gehend und von
ihnen kehrend: um seiner Kinder willen muss Zarathustra sich selbst vollenden.
Denn von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo grosse Liebe
zu sich selber ist, da ist sie der Schwangerschaft Wahrzeichen: so fand ich′s.
Noch grünen mir meine Kinder in ihrem ersten Frühlinge, nahe bei einander
stehend und gemeinsam von Winden geschüttelt, die Bäume meines Gartens
und besten Erdreichs.
»Und wahrlich! Wo solche Bäume bei einander stehn, da sind glückselige Inseln!
Aber einstmals will ich sie ausheben und einen jeden für sich allein stellen: dass
er Einsamkeit lerne und Trotz und Vorsicht.
Knorrig und gekrümmt und mit biegsamer Härte soll er mir dann am Meere
dastehn, ein lebendiger Leuchtthurm unbesiegbaren Lebens.
Dort, wo die Stürme hinab in′s Meer stürzen, und des Gebirgs Rüssel Wasser
trinkt, da soll ein jeder einmal seine Tag- und Nachtwachen haben, zu seiner
Prüfung und Erkenntniss.
129
Erkannt und geprüft soll er werden, darauf, ob er meiner Art und Abkunft ist, -
ob er eines langen Willens Herr sei, schweigsam, auch wenn er redet, und
nachgebend also, dass er im Geben nimmt: -
- dass er einst mein Gefährte werde und ein Mitschaffender und Mitfeiernder
Zarathustra′s -: ein Solcher, der mir meinen Willen auf meine Tafeln schreibt:
zu aller Dinge vollerer Vollendung.
Und um seinetwillen und seines Gleichen muss ich selber mich vollenden:
darum weiche ich jetzt meinem Glücke aus und biete mich allem Unglücke an -
zu meiner letzten Prüfung und Erkenntniss.
Und wahrlich, Zeit war′s, dass ich gieng; und des Wanderers Schatten und die
längste Weile und die stillste Stunde - alle redeten mir zu: »es ist höchste Zeit!«
Der Wind blies mir durch′s Schlüsselloch und sagte »Komm!« Die Thür sprang
mir listig auf und sagte »Geh!«
Aber ich lag angekettet an die Liebe zu meinen Kindern: das Begehren legte mir
diese Schlinge, das Begehren nach Liebe, dass ich meiner Kinder Beute würde
und mich an sie verlöre.
Begehren - das heisst mir schon: mich verloren haben. Ich habe euch, meine
Kinder! In diesem Haben soll Alles Sicherheit und Nichts Begehren sein.
Aber brütend lag die Sonne meiner Liebe auf mir, im eignen Safte kochte
Zarathustra, - da flogen Schatten und Zweifel über mich weg.
Nach Frost und Winter gelüstete mich schon: »oh dass Frost und Winter mich
wieder knacken und knirschen machten!« seufzte ich: - da stiegen eisige Nebel
aus mir auf.
Meine Vergangenheit brach ihm Gräber, manch lebendig begrabner Schmerz
wachte auf -: ausgeschlafen hatte er sich nur, versteckt in Leichen-Gewänder.
Also rief mir Alles in Zeichen zu: »es ist Zeit!« - Aber ich - hörte nicht: bis
endlich mein Abgrund sich rührte und mein Gedanke mich biss.
Ach, abgründlicher Gedanke, der du mein Gedanke bist! Wann finde ich die
Stärke, dich graben zu hören und nicht mehr zu zittern?
Bis zur Kehle hinauf klopft mir das Herz, wenn ich dich graben höre! Dein
Schweigen noch will mich würgen, du abgründlich Schweigender!
Noch wagte ich niemals, dich herauf zu rufen: genug schon, dass ich dich mit
mir - trug! Noch war ich nicht stark genug zum letzten Löwen-Übermuthe und
-Muthwillen.
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Genug des Furchtbaren war mir immer schon deine Schwere: aber einst soll ich
noch die Stärke finden und die Löwen-Stimme, die dich herauf ruft!
Wenn ich mich dessen erst überwunden habe, dann will ich mich auch des
Grösseren noch überwinden; und ein Sieg soll meiner Vollendung Siegel sein! -
Inzwischen treibe ich noch auf ungewissen Meeren; der Zufall schmeichelt mir,
der glattzüngige; vorwärts und rückwärts schaue ich -, noch schaue ich kein
Ende.
Noch kam mir die Stunde meines letzten Kampfes nicht, - oder kommt sie
wohl mir eben? Wahrlich, mit tückischer Schönheit schaut mich rings Meer und
Leben an!
Oh Nachmittag meines Lebens! Oh Glück vor Abend! Oh Hafen auf hoher
See! Oh Friede im Ungewissen! Wie misstraue ich euch Allen!
Wahrlich, misstrauisch bin ich gegen eure tückische Schönheit! Dem Liebenden
gleiche ich, der allzusammtenem Lächeln misstraut.
Wie er die Geliebteste vor sich her stösst, zärtlich noch in seiner Härte, der
Eifersüchtige -, also stosse ich diese selige Stunde vor mir her.
Hinweg mit dir, du selige Stunde! Mit dir kam mir eine Seligkeit wider Willen!
Willig zu meinem tiefsten Schmerze stehe ich hier: - zur Unzeit kamst du!
Hinweg mit dir, du selige Stunde! Lieber nimm Herberge dort - bei meinen
Kindern! Eile! und segne sie vor Abend noch mit meinem Glücke!
Da naht schon der Abend: die Sonne sinkt. Dahin - mein Glück! -
Also sprach Zarathustra. Und er wartete auf sein Unglück die ganze Nacht:
aber er wartete umsonst. Die Nacht blieb hell und still, und das Glück selber
kam ihm immer näher und näher. Gegen Morgen aber lachte Zarathustra zu
seinem Herzen und sagte spöttisch: »das Glück läuft mir nach. Das kommt
davon, dass ich nicht den Weibern nachlaufe. Das Glück aber ist ein Weib.«
Vor Sonnen-Aufgang
Oh Himmel über mir, du Reiner! Tiefer! Du Licht-Abgrund! Dich schauend
schaudere ich vor göttlichen Begierden.
In deine Höhe mich zu werfen - das ist meine Tiefe! In deine Reinheit mich zu
bergen - das ist meine Unschuld!
Den Gott verhüllt seine Schönheit: so verbirgst du deine Sterne. Du redest
nicht: so kündest du mir deine Weisheit.
131
Stumm über brausendem Meere bist du heut mir aufgegangen, deine Liebe und
deine Scham redet Offenbarung zu meiner brausenden Seele.
Dass du schön zu mir kamst, verhüllt in deine Schönheit, dass du stumm zu mir
sprichst, offenbar in deiner Weisheit:
Oh wie erriethe ich nicht alles Schamhafte deiner Seele! Vor der Sonne kamst
du zu mir, dem Einsamsten.
Wir sind Freunde von Anbeginn: uns ist Gram und Grauen und Grund
gemeinsam; noch die Sonne ist uns gemeinsam.
Wir reden nicht zu einander, weil wir zu Vieles wissen -: wir schweigen uns an,
wir lächeln uns unser Wissen zu.
Bist du nicht das Licht zu meinem Feuer? Hast du nicht die Schwester-Seele zu
meiner Einsicht?
Zusammen lernten wir Al es; zusammen lernten wir über uns zu uns selber
aufsteigen und wolkenlos lächeln: -
- wolkenlos hinab lächeln aus lichten Augen und aus meilenweiter Ferne, wenn
unter uns Zwang und Zweck und Schuld wie Regen dampfen.
Und wanderte ich allein: wes hungerte meine Seele in Nächten und Irr-Pfaden?
Und stieg ich Berge, wen suchte ich je, wenn nicht dich, auf Bergen?
Und all mein Wandern und Bergsteigen: eine Noth war′s nur und ein Behelf des
Unbeholfenen: - fliegen allein will mein ganzer Wille, in dich hinein fliegen!
Und wen hasste ich mehr, als ziehende Wolken und Alles, was dich befleckt?
Und meinen eignen Hass hasste ich noch, weil er dich befleckte!
Den ziehenden Wolken bin ich gram, diesen schleichenden Raub-Katzen: sie
nehmen dir und mir, was uns gemein ist, - das ungeheure unbegrenzte Ja- und
Amen-sagen.
Diesen Mittlern und Mischern sind wir gram, den ziehenden Wolken: diesen
Halb- und Halben, welche weder segnen lernten, noch von Grund aus fluchen.
Lieber will ich noch unter verschlossnem Himmel in der Tonne sitzen, lieber
ohne Himmel im Abgrund sitzen, als dich, Licht-Himmel, mit Zieh-Wolken
befleckt sehn!
Und oft gelüstete mich, sie mit zackichten Blitz-Golddrähten festzuheften, dass
ich, gleich dem Donner, auf ihrem Kessel-Bauche die Pauke schlüge: -
132
- ein zorniger Paukenschläger, weil sie mir dein Ja! und Amen! rauben, du
Himmel über mir, du Reiner! Lichter! Du Licht-Abgrund! - weil sie dir mein Ja!
und Amen! rauben.
Denn lieber noch will ich Lärm und Donner und Wetter-Flüche, als diese
bedächtige zweifelnde Katzen-Ruhe; und auch unter Menschen hasse ich am
besten alle Leisetreter und Halb- und Halben und zweifelnde, zögernde Zieh-
Wolken.
Und »wer nicht segnen kann, der soll fluchen lernen!« - diese helle Lehre fiel
mir aus hellem Himmel, dieser Stern steht auch noch in schwarzen Nächten an
meinem Himmel.
Ich aber bin ein Segnender und ein Ja-sager, wenn du nur um mich bist, du
Reiner! Lichter! Du Licht-Abgrund! - in alle Abgründe trage ich da noch mein
segnendes Ja-sagen.
Zum Segnenden bin ich worden und zum Ja-sagenden: und dazu rang ich lange
und war ein Ringer, dass ich einst die Hände frei bekäme zum Segnen.
Das aber ist mein Segnen: über jedwedem Ding als sein eigener Himmel stehn,
als sein rundes Dach, seine azurne Glocke und ewige Sicherheit: und selig ist,
wer also segnet!
Denn alle Dinge sind getauft am Borne der Ewigkeit und jenseits von Gut und
Böse; Gut und Böse selber aber sind nur Zwischenschatten und feuchte
Trübsale und Zieh-Wolken.
Wahrlich, ein Segnen ist es und kein Lästern, wenn ich lehre: »über allen Dingen
steht der Himmel Zufall, der Himmel Unschuld, der Himmel Ohngefähr, der
Himmel Übermuth.«
»Von Ohngefähr« - das ist der älteste Adel der Welt, den gab ich allen Dingen
zurück, ich erlöste sie von der Knechtschaft unter dem Zwecke.
Diese Freiheit und Himmels-Heiterkeit stellte ich gleich azurner Glocke über
alle Dinge, als ich lehrte, dass über ihnen und durch sie kein »ewiger Wille« -
will.
Diesen Übermuth und diese Narrheit stellte ich an die Stelle jenes Willens, als
ich lehrte: »bei Allem ist Eins unmöglich - Vernünftigkeit!«
Ein Wenig Vernunft zwar, ein Same der Weisheit zerstreut von Stern zu Stern, -
dieser Sauerteig ist allen Dingen eingemischt: um der Narrheit willen ist
Weisheit allen Dingen eingemischt!
133
Ein Wenig Weisheit ist schon möglich; aber diese selige Sicherheit fand ich an
allen Dingen: dass sie lieber noch auf den Füssen des Zufalls - tanzen.
Oh Himmel über mir, du Reiner! Hoher! Das ist mir nun deine Reinheit, dass es
keine ewige Vernunft-Spinne und -Spinnennetze giebt: -
- dass du mir ein Tanzboden bist für göttliche Zufäl e, dass du mir ein
Göttertisch bist für göttliche Würfel und Würfelspieler! -
Doch du erröthest? Sprach ich Unaussprechbares? Lästerte ich, indem ich dich
segnen wollte?
Oder ist es die Scham zu Zweien, welche dich erröthen machte? - Heissest du
mich gehn und schweigen, weil nun - der Tag kommt?
Die Welt ist tief -: und tiefer als je der Tag gedacht hat. Nicht Alles darf vor
dem Tage Worte haben. Aber der Tag kommt: so scheiden wir nun!
Oh Himmel über mir, du Schamhafter! Glühender! Oh du mein Glück vor
Sonnen-Aufgang! Der Tag kommt: so scheiden wir nun! -
Also sprach Zarathustra.
Von der verkleinernden Tugend
1
Als Zarathustra wieder auf dem festen Lande war, gieng er nicht stracks auf
sein Gebirge und seine Höhle los, sondern that viele Wege und Fragen und
erkundete diess und das, also, dass er von sich selber im Scherze sagte: »siehe
einen Fluss, der in vielen Windungen zurück zur Quelle fliesst!« Denn er wollte
in Erfahrung bringen, was sich inzwischen mit dem Menschen zugetragen habe:
ob er grösser oder kleiner geworden sei. Und ein Mal sah er eine Reihe neuer
Häuser; da wunderte er sich und sagte:
Was bedeuten diese Häuser? Wahrlich, keine grosse Seele stellte sie hin, sich
zum Gleichnisse!
Nahm wohl ein blödes Kind sie aus seiner Spielschachtel? Dass doch ein
anderes Kind sie wieder in seine Schachtel thäte!
Und diese Stuben und Kammern: können Männer da aus- und eingehen?
Gemacht dünken sie mich für Seiden-Puppen; oder für Naschkatzen, die auch
wohl an sich naschen lassen.
Und Zarathustra blieb stehn und dachte nach. Endlich sagte er betrübt: »Es ist
Alles kleiner geworden!«
134
Überall sehe ich niedrigere Thore: wer meiner Art ist, geht da wohl noch
hindurch, aber - er muss sich bücken!
Oh wann komme ich wieder in meine Heimat, wo ich mich nicht mehr bücken
muss - nicht mehr bücken muss vor den Kleinen!« - Und Zarathustra seufzte
und blickte in die Ferne. -
Desselbigen Tages aber redete er seine Rede über die verkleinernde Tugend.
2
Ich gehe durch diess Volk und halte meine Augen offen: sie vergeben mir es
nicht, dass ich auf ihre Tugenden nicht neidisch bin.
Sie beissen nach mir, weil ich zu ihnen sage: für kleine Leute sind kleine
Tugenden nöthig - und weil es mir hart eingeht, dass kleine Leute nöthig sind!
Noch gleiche ich dem Hahn hier auf fremdem Gehöfte, nach dem auch die
Hennen beissen; doch darob bin ich diesen Hennen nicht ungut.
Ich bin höflich gegen sie wie gegen alles kleine Aergerniss; gegen das Kleine
stachlicht zu sein dünkt mich eine Weisheit für Igel.
Sie reden Al e von mir, wenn sie Abends um′s Feuer sitzen, - sie reden von mir,
aber Niemand denkt - an mich!
Diess ist die neue Stille, die ich lernte: ihr Lärm um mich breitet einen Mantel
über meine Gedanken.
Sie lärmen unter einander: »was will uns diese düstere Wolke? sehen wir zu, dass
sie uns nicht eine Seuche bringe!«
Und jüngst riss ein Weib sein Kind an sich, das zu mir wollte: »nehmt die
Kinder weg! schrie es; solche Augen versengen Kinder-Seelen.«
Sie husten, wenn ich rede: sie meinen, Husten sei ein Einwand gegen starke
Winde, - sie errathen Nichts vom Brausen meines Glückes!
»Wir haben noch keine Zeit für Zarathustra« - so wenden sie ein; aber was liegt
an einer Zeit, die für Zarathustra »keine Zeit hat«?
Und wenn sie gar mich rühmen: wie könnte ich wohl auf ihrem Ruhme
einschlafen? Ein Stachel-Gürtel ist mir ihr Lob: es kratzt mich noch, wenn ich
es von mir thue.
Und auch das lernte ich unter ihnen: der Lobende stellt sich, als gäbe er zurück,
in Wahrheit aber will er mehr beschenkt sein!
135
Fragt meinen Fuss, ob ihm ihre Lob- und Lock-Weise gefällt! Wahrlich, nach
solchem Takt und Tiktak mag er weder tanzen, noch stille stehn.
Zur kleinen Tugend möchten sie mich locken und loben; zum Tiktak des
kleinen Glücks möchten sie meinen Fuss überreden.
Ich gehe durch diess Volk und halte die Augen offen: sie sind kleiner geworden
und werden immer kleiner: - das aber macht ihre Lehre von Glück und Tugend.
Sie sind nämlich auch in der Tugend bescheiden - denn sie wollen Behagen. Mit
Behagen aber verträgt sich nur die bescheidene Tugend.
Wohl lernen auch sie auf ihre Art Schreiten und Vorwärts-Schreiten: das heisse
ich ihr Humpeln -. Damit werden sie jedem zum Anstosse, der Eile hat.
Und Mancher von ihnen geht vorwärts und blickt dabei zurück, mit versteiftem
Nacken: dem renne ich gern wider den Leib.
Fuss und Augen sollen nicht lügen, noch sich einander Lügen strafen. Aber es
ist viel Lügnerei bei den kleinen Leuten.
Einige von ihnen wollen, aber die Meisten werden nur gewollt. Einige von
ihnen sind ächt, aber die Meisten sind schlechte Schauspieler.
Es giebt Schauspieler wider Wissen unter ihnen und Schauspieler wider Willen
-, die Ächten sind immer selten, sonderlich die ächten Schauspieler.
Des Mannes ist hier wenig: darum vermännlichen sich ihre Weiber. Denn nur
wer Mannes genug ist, wird im Weibe das Weib - erlösen.
Und diese Heuchelei fand ich unter ihnen am schlimmsten: dass auch Die,
welche befehlen, die Tugenden Derer heucheln, welche dienen.
»Ich diene, du dienst, wir dienen« - so betet hier auch die Heuchelei der
Herrschenden, - und wehe, wenn der erste Herr nur der erste Diener ist!
Ach, auch in ihre Heucheleien verflog sich wohl meines Auges Neugier; und gut
errieth ich all ihr Fliegen-Glück und ihr Summen um besonnte Fensterscheiben.
Soviel Güte, soviel Schwäche sehe ich. Soviel Gerechtigkeit und Mitleiden,
soviel Schwäche.
Rund, rechtlich und gütig sind sie mit einander, wie Sandkörnchen rund,
rechtlich und gütig mit Sandkörnchen sind.
Bescheiden ein kleines Glück umarmen - das heissen sie »Ergebung«! und dabei
schielen sie bescheiden schon nach einem neuen kleinen Glücke aus.
Sie wol en im Grunde einfältiglich Eins am meisten: dass ihnen Niemand wehe
thue. So kommen sie jedermann zuvor und thun ihm wohl.
136
Diess aber ist Feigheit : ob es schon »Tugend« heisst. -
Und wenn sie einmal rauh reden, diese kleinen Leute: ich höre darin nur ihre
Heiserkeit, - jeder Windzug nämlich macht sie heiser.
Klug sind sie, ihre Tugenden haben kluge Finger. Aber ihnen fehlen die Fäuste,
ihre Finger wissen nicht, sich hinter Fäuste zu verkriechen.
Tugend ist ihnen das, was bescheiden und zahm macht: damit machten sie den
Wolf zum Hunde und den Menschen selber zu des Menschen bestem
Hausthiere.
»Wir setzten unsern Stuhl in die Mitte - das sagt mir ihr Schmunzeln - und
ebenso weit weg von sterbenden Fechtern wie von vergnügten Säuen.«
Diess aber ist - Mittelmässigkeit: ob es schon Mässigkeit heisst. -
3
Ich gehe durch diess Volk und lasse manches Wort fallen: aber sie wissen weder
zu nehmen noch zu behalten.
Sie wundern sich, dass ich nicht kam, auf Lüste und Laster zu lästern; und
wahrlich, ich kam auch nicht, dass ich vor Taschendieben warnte!
Sie wundern sich, dass ich nicht bereit bin, ihre Klugheit noch zu witzigen und
zu spitzigen: als ob sie noch nicht genug der Klüglinge hätten, deren Stimme
mir gleich Schieferstiften kritzelt!
Und wenn ich rufe: »Flucht allen feigen Teufeln in euch, die gerne winseln und
Hände falten und anbeten möchten«: so rufen sie: »Zarathustra ist gottlos«.
Und sonderlich rufen es ihre Lehrer der Ergebung -; aber gerade ihnen liebe
ich′s, in das Ohr zu schrein: Ja! Ich bin Zarathustra, der Gottlose!
Diese Lehrer der Ergebung! Überal hin, wo es klein und krank und grindig ist,
kriechen sie, gleich Läusen; und nur mein Ekel hindert mich, sie zu knacken.
Wohlan! Diess ist meine Predigt für ihre Ohren: ich bin Zarathustra, der
Gottlose, der da spricht »wer ist gottloser denn ich, dass ich mich seiner
Unterweisung freue?«
Ich bin Zarathustra, der Gottlose: wo finde ich Meines-Gleichen? Und alle Die
sind Meines-Gleichen, die sich selber ihren Willen geben und alle Ergebung von
sich abthun.
Ich bin Zarathustra, der Gottlose: ich koche mir noch jeden Zufall in meinem
Topfe. Und erst, wenn er da gar gekocht ist, heisse ich ihn willkommen, als
meine Speise.
137
Und wahrlich, mancher Zufall kam herrisch zu mir: aber herrischer noch sprach
zu ihm mein Wille, - da lag er schon bittend auf den Knieen -
- bittend, dass er Herberge finde und Herz bei mir, und schmeichlerisch
zuredend: »sieh doch; oh Zarathustra, wie nur Freund zu Freunde kommt!« -
Doch was rede ich, wo Niemand meine Ohren hat! Und so will ich es hinaus in
alle Winde rufen:
Ihr werdet immer kleiner, ihr kleinen Leute! Ihr bröckelt ab, ihr Behaglichen!
Ihr geht mir noch zu Grunde -
- an euren vielen kleinen Tugenden, an eurem vielen kleinen Unterlassen, an
eurer vielen kleinen Ergebung!
Zu viel schonend, zu viel nachgebend: so ist euer Erdreich! Aber dass ein Baum
gross werde, dazu will er um harte Felsen harte Wurzeln schlagen!
Auch was ihr unterlasse, webt am Gewebe aller Menschen-Zukunft; auch euer
Nichts ist ein Spinnennetz und eine Spinne, die von der Zukunft Blute lebt.
Und wenn ihr nehmt, so ist es wie stehlen, ihr kleinen Tugendhaften; aber noch
unter Schelmen spricht die Ehre : »man soll nur stehlen, wo man nicht rauben
kann.«
»Es giebt sich« - das ist auch eine Lehre der Ergebung. Aber ich sage euch, ihr
Behaglichen: es nimmt sich und wird immer mehr noch von euch nehmen!
Ach, dass ihr alles halbe Wollen von euch abthätet und entschlossen würdet zur
Trägheit wie zur That!
Ach, dass ihr mein Wort verstündet: »thut immerhin, was ihr wollt, - aber seid
erst Solche, die wollen können!«
»Liebt immerhin euren Nächsten gleich euch, - aber seid mir erst solche, die
sich selber lieben -
- mit der grossen Liebe lieben, mit der grossen Verachtung lieben!« Also spricht
Zarathustra, der Gottlose. -
Doch was rede ich, wo Niemand meine Ohren hat! Es ist hier noch eine Stunde
zu früh für mich.
Mein eigner Vorläufer bin ich unter diesem Volke, mein eigner Hahnen-Ruf
durch dunkle Gassen.
Aber ihre Stunde kommt! Und es kommt auch die meine! Stündlich werden sie
kleiner, ärmer, unfruchtbarer, - armes Kraut! armes Erdreich!
138
Und bald sollen sie mir dastehn wie dürres Gras und Steppe, und wahrlich!
ihrer selber müde - und mehr, als nach Wasser, nach Feuer lechzend!
Oh gesegnete Stunde des Blitzes! Oh Geheimniss vor Mittag! - Laufende Feuer
will ich einst noch aus ihnen machen und Verkünder mit Flammen-Zungen: -
- verkünden sollen sie einst noch mit Flammen-Zungen: Er kommt, er ist nahe,
der grosse Mittag!
Also sprach Zarathustra.
Auf dem Oelberge
Der Winter, ein schlimmer Gast, sitzt bei mir zu Hause; blau sind meine Hände
von seiner Freundschaft Händedruck.
Ich ehre ihn, diesen schlimmen Gast, aber lasse gerne ihn allein sitzen. Gerne
laufe ich ihm davon; und, läuft man gut, so entläuft man ihm!
Mit warmen Füssen und warmen Gedanken laufe ich dorthin, wo der Wind
stille steht, - zum Sonnen-Winkel meines Oelbergs.
Da lache ich meines gestrengen Gastes und bin ihm noch gut, dass er zu Hause
mir die Fliegen wegfängt und vielen kleinen Lärm stille macht.
Er leidet es nämlich nicht, wenn eine Mücke singen will, oder gar zwei; noch die
Gasse macht er einsam, dass der Mondschein drin Nachts sich fürchtet.
Ein harter Gast ist er, - aber ich ehre ihn, und nicht bete ich, gleich den
Zärtlingen, zum dickbäuchichten Feuer-Götzen.
Lieber noch ein Wenig zähneklappern als Götzen anbeten! - so will′s meine Art.
Und sonderlich bin ich allen brünstigen dampfenden dumpfigen Feuer-Götzen
gram.
Wen ich liebe, den liebe ich Winters besser als Sommers; besser spotte ich jetzt
meiner Feinde und herzhafter, seit der Winter mir im Hause sitzt.
Herzhaft wahrlich, selbst dann noch, wenn ich zu Bett krieche -: da lacht und
muthwillt noch mein verkrochenes Glück; es lacht noch mein Lügen-Traum.
Ich - ein Kriecher? Niemals kroch ich im Leben vor Mächtigen; und log ich je,
so log ich aus Liebe. Desshalb bin ich froh auch im Winter-Bette.
Ein geringes Bett wärmt mich mehr als ein reiches, denn ich bin eifersüchtig
auf meine Armuth. Und im Winter ist sie mir am treuesten.
Mit einer Bosheit beginne ich jeden Tag, ich spotte des Winters mit einem
kalten Bade: darob brummt mein gestrenger Hausfreund.
139
Auch kitzle ich ihn gerne mit einem Wachskerzlein: dass er mir endlich den
Himmel herauslasse aus aschgrauer Dämmerung.
Sonderlich boshaft bin ich nämlich des Morgens: zur frühen Stunde, da der
Eimer am Brunnen klirrt und die Rosse warm durch graue Gassen wiehern: -
Ungeduldig warte ich da, dass mir endlich der lichte Himmel aufgehe, der
schneebärtige Winter-Himmel, der Greis und Weisskopf, -
- der Winter-Himmel, der schweigsame, der oft noch seine Sonne verschweigt!
Lernte ich wohl von ihm das lange lichte Schweigen? Oder lernte er′s von mir?
Oder hat ein jeder von uns es selbst erfunden?
Aller guten Dinge Ursprung ist tausendfältig, - alle guten muthwilligen Dinge
springen vor Lust in′s Dasein: wie sollten sie das immer nur - Ein Mal thun!
Ein gutes muthwilliges Ding ist auch das lange Schweigen und gleich dem
Winter-Himmel blicken aus lichtem rundäugichten Antlitze: -
- gleich ihm seine Sonne verschweigen und seinen unbeugsamen Sonnen-
Willen: wahrlich, diese Kunst und diesen Winter-Muthwillen lernte ich gut!
Meine liebste Bosheit und Kunst ist es, dass mein Schweigen lernte, sich nicht
durch Schweigen zu verrathen.
Mit Worten und Würfeln klappernd überliste ich mir die feierlichen Warter:
allen diesen gestrengen Aufpassern soll mein Wille und Zweck entschlüpfen.
Dass mir Niemand in meinen Grund und letzten Willen hinab sehe, - dazu
erfand ich mir das lange lichte Schweigen.
So manchen Klugen fand ich: der verschleierte sein Antlitz und trübte sein
Wasser, dass Niemand ihm hindurch und hinunter sehe.
Aber zu ihm gerade kamen die klügeren Misstrauer und Nussknacker: ihm
gerade fischte man seinen verborgensten Fisch heraus!
Sondern die Hellen, die Wackern, die Durchsichtigen - das sind mir die klügsten
Schweiger: denen so tief ihr Grund ist, dass auch das hellste Wasser ihn nicht -
verräth. -
Du schneebärtiger schweigender Winter-Himmel, du rundäugichter Weisskopf
über mir! Oh du himmlisches Gleichniss meiner Seele und ihres Muthwillens!
Und muss ich mich nicht verbergen, gleich Einem, der Gold verschluckt hat, -
dass man mir nicht die Seele aufschlitze?
Muss ich nicht Stelzen tragen, dass sie meine langen Beine übersehen, - alle
diese Neidbolde und Leidholde, die um mich sind?
140
Diese räucherigen, stubenwarmen, verbrauchten, vergrünten, vergrämelten
Seelen - wie könnte ihr Neid mein Glück ertragen!
So zeige ich ihnen nur das Eis und den Winter auf meinen Gipfeln - und nicht,
dass mein Berg noch alle Sonnengürtel um sich schlingt!
Sie hören nur meine Winter-Stürme pfeifen: und nicht, dass ich auch über
warme Meere fahre, gleich sehnsüchtigen, schweren, heissen Südwinden.
Sie erbarmen sich noch meiner Unfälle und Zufälle: - aber mein Wort heisst:
»lasst den Zufall zu mir kommen: unschuldig ist er, wie ein Kindlein!«
Wie könnten sie mein Glück ertragen, wenn ich nicht Unfälle und Winter-
Nöthe und Eisbären-Mützen und Schneehimmel-Hüllen um mein Glück legte!
- wenn ich mich nicht selbst ihres Mitleids erbarmte - des Mitleids dieser
Neidbolde und Leidholde!
- wenn ich nicht selber vor ihnen seufzte und frostklapperte und mich
geduldsam in ihr Mitleid wickeln liesse!
Diess ist der weise Muthwille und Wohlwille meiner Seele, dass sie ihren Winter
und ihre Froststürme nicht verbirgt; sie verbirgt auch ihre Frostbeulen nicht.
Des Einen Einsamkeit ist die Flucht des Kranken; des Andern Einsamkeit die
Flucht vor den Kranken.
Mögen sie mich klappern und seufzen hören vor Winterkälte, alle diese armen
scheelen Schelme um mich! Mit solchem Geseufz und Geklapper flüchte ich
noch vor ihren geheizten Stuben.
Mögen sie mich bemitleiden und bemitseufzen ob meiner Frostbeulen: »am Eis
der Erkenntniss erfriert er uns noch!« - so klagen sie.
Inzwischen laufe ich mit warmen Füssen kreuz und quer auf meinem Oelberge:
im Sonnen-Winkel meines Oelberges singe und spotte ich alles Mitleids. -
Also sang Zarathustra.
Vom Vorübergehen
Also, durch viel Volk und vielerlei Städte langsam hindurchschreitend, gieng
Zarathustra auf Umwegen zurück zu seinem Gebirge und seiner Höhle. Und
siehe, dabei kam er unversehens auch an das Stadtthor der grossen Stadt : hier
aber sprang ein schäumender Narr mit ausgebreiteten Händen auf ihn zu und
trat ihm in den Weg. Diess aber war der selbige Narr, welchen das Volk »den
Affen Zarathustra′s« hiess: denn er hatte ihm Etwas vom Satz und Fall der Rede
141
abgemerkt und borgte wohl auch gerne vom Schatze seiner Weisheit. Der Narr
aber redete also zu Zarathustra:
»Oh Zarathustra, hier ist die grosse Stadt: hier hast du Nichts zu suchen und
Alles zu verlieren.
Warum wolltest du durch diesen Schlamm waten? Habe doch Mitleiden mit
deinem Fusse! Speie lieber auf das Stadtthor und - kehre um!
Hier ist die Hölle für Einsiedler-Gedanken: hier werden grosse Gedanken
lebendig gesotten und klein gekocht.
Hier verwesen alle grossen Gefühle: hier dürfen nur klapperdürre Gefühlchen
klappern!
Riechst du nicht schon die Schlachthäuser und Garküchen des Geistes? Dampft
nicht diese Stadt vom Dunst geschlachteten Geistes?
Siehst du nicht die Seelen hängen wie schlaffe schmutzige Lumpen? - Und sie
machen noch Zeitungen aus diesen Lumpen!
Hörst du nicht, wie der Geist hier zum Wortspiel wurde? Widriges Wort-
Spülicht bricht er heraus! - Und sie machen noch Zeitungen aus diesem Wort-
Spülicht.
Sie hetzen einander und wissen nicht, wohin? Sie erhitzen einander und wissen
nicht, warum? Sie klimpern mit ihrem Bleche, sie klingeln mit ihrem Golde.
Sie sind kalt und suchen sich Wärme bei gebrannten Wassern; sie sind erhitzt
und suchen Kühle bei gefrorenen Geistern; sie sind Alle siech und süchtig an
öffentlichen Meinungen.
Alle Lüste und Laster sind hier zu Hause; aber es giebt hier auch Tugendhafte,
es giebt viel anstellige angestellte Tugend: -
Viel anstellige Tugend mit Schreibfingern und hartem Sitz- und Warte-Fleische,
gesegnet mit kleinen Bruststernen und ausgestopften steisslosen Töchtern.
Es giebt hier auch viel Frömmigkeit und viel gläubige Speichel-Leckerei,
Schmeichel-Bäckerei vor dem Gott der Heerschaaren.
»Von Oben« her träufelt ja der Stern und der gnädige Speichel; nach Oben hin
sehnt sich jeder sternenlose Busen.
Der Mond hat seinen Hof, und der Hof hat seine Mondkälber: zu Allem aber,
was vom Hofe kommt, betet das Bettel-Volk und alle anstellige Bettel-Tugend.
»Ich diene, du dienst, wir dienen« - so betet alle anstellige Tugend hinauf zum
Fürsten: dass der verdiente Stern sich endlich an den schmalen Busen hefte!
142
Aber der Mond dreht sich noch um alles Irdische: so dreht sich auch der Fürst
noch um das Aller-Irdischste -: das aber ist das Gold der Krämer.
Der Gott der Heerschaaren ist kein Gott der Goldbarren; der Fürst denkt, aber
der Krämer - lenkt!
Bei Allem, was licht und stark und gut in dir ist, oh Zarathustra! Speie auf diese
Stadt der Krämer und kehre um!
Hier fliesst alles Blut faulicht und lauicht und schaumicht durch alle Adern:
speie auf die grosse Stadt, welche der grosse Abraum ist, wo aller Abschaum
zusammenschäumt!
Speie auf die Stadt der eingedrückten Seelen und schmalen Brüste, der spitzen
Augen, der klebrigen Finger -
- auf die Stadt der Aufdringlinge, der Unverschämten, der Schreib- und
Schreihälse, der überheizten Ehrgeizigen: -
- wo alles Anbrüchige, Anrüchige, Lüsterne, Düsterne, Übermürbe,
Geschwürige, Verschwörerische zusammenschwärt: -
- speie auf die grosse Stadt und kehre um!« - -
Hier aber unterbrach Zarathustra den schäumenden Narren und hielt ihm den
Mund zu.
»Höre endlich auf! rief Zarathustra, mich ekelt lange schon deiner Rede und
deiner Art!
Warum wohntest du so lange am Sumpfe, dass du selber zum Frosch und zur
Kröte werden musstest?
Fliesst dir nicht selber nun ein faulichtes schaumichtes Sumpf-Blut durch die
Adern, dass du also quaken und lästern lerntest?
Warum giengst du nicht in den Wald? Oder pflügtest die Erde? Ist das Meer
nicht voll von grünen Eilanden?
Ich verachte dein Verachten; und wenn du mich warntest, - warum warntest du
dich nicht selber?
Aus der Liebe allein soll mir mein Verachten und mein warnender Vogel
auffliegen: aber nicht aus dem Sumpfe! -
Man heisst dich meinen Affen, du schäumender Narr: aber ich heisse dich mein
Grunze-Schwein, - durch Grunzen verdirbst du mir noch mein Lob der
Narrheit.
143
Was war es denn, was dich zuerst grunzen machte? Dass Niemand dir genug
geschmeichelt hat: - darum setztest du dich hin zu diesem Unrathe, dass du
Grund hättest viel zu grunzen, -
- dass du Grund hättest zu vieler Rache! Rache nämlich, du eitler Narr, ist all
dein Schäumen, ich errieth dich wohl!
Aber dein Narren-Wort thut mir Schaden, selbst, wo du Recht hast! Und wenn
Zarathustra′s Wort sogar hundert Mal Recht hätte : du würdest mit meinem
Wort immer - Unrecht thun!«
Also sprach Zarathustra; und er blickte die grosse Stadt an, seufzte und schwieg
lange. Endlich redete er also:
Mich ekelt auch dieser grossen Stadt und nicht nur dieses Narren. Hier und
dort ist Nichts zu bessern, Nichts zu bösern.
Wehe dieser grossen Stadt! - Und ich wol te, ich sähe schon die Feuersäule, in
der sie verbrannt wird!
Denn solche Feuersäulen müssen dem grossen Mittage vorangehn. Doch diess
hat seine Zeit und sein eigenes Schicksal. -
Diese Lehre aber gebe ich dir, du Narr, zum Abschiede: wo man nicht mehr
lieben kann, da soll man - vorübergehn! -
Also sprach Zarathustra und gieng an dem Narren und der grossen Stadt
vorüber.
Von den Abtrünnigen
1
Ach, liegt Alles schon welk und grau, was noch jüngst auf dieser Wiese grün
und bunt stand? Und wie vielen Honig der Hoffnung trug ich von hier in meine
Bienenkörbe!
Diese jungen Herzen sind alle schon alt geworden, - und nicht alt einmal! nur
müde, gemein, bequem: - sie heissen es »Wir sind wieder fromm geworden.«
Noch jüngst sah ich sie in der Frühe auf tapferen Füssen hinauslaufen: aber
ihre Füsse der Erkenntniss wurden müde, und nun verleumden sie auch noch
ihre Morgen-Tapferkeit!
Wahrlich, Mancher von ihnen hob einst die Beine wie ein Tänzer, ihm winkte
das Lachen in meiner Weisheit: - da besann er sich. Eben sah ich ihn krumm -
zum Kreuze kriechen.
144
Um Licht und Freiheit flatterten sie einst gleich Mücken und jungen Dichtern.
Ein Wenig älter, ein Wenig kälter: und schon sind sie Dunkler und Munkler und
Ofenhocker.
Verzagte ihnen wohl das Herz darob, dass mich die Einsamkeit verschlang
gleich einem Wallfische? Lauschte ihr Ohr wohl sehnsüchtig-lange umsonst
nach mir und meinen Trompeten- und Herolds-Rufen?
- Ach! Immer sind ihrer nur Wenige, deren Herz einen langen Muth und
Übermuth hat; und solchen bleibt auch der Geist geduldsam. Der Rest aber ist
feige.
Der Rest: das sind immer die Allermeisten, der Alltag, der Überfluss, die Viel-
zu-Vielen - diese alle sind feige! -
Wer meiner Art ist, dem werden auch die Erlebnisse meiner Art über den Weg
laufen: also, dass seine ersten Gesellen Leichname und Possenreisser sein
müssen.
Seine zweiten Gesellen aber - die werden sich seine Gläubigen heissen: ein
lebendiger Schwarm, viel Liebe, viel Thorheit, viel unbärtige Verehrung.
An diese Gläubigen soll Der nicht sein Herz binden, wer meiner Art unter
Menschen ist; an diese Lenze und bunte Wiesen soll Der nicht glauben, wer die
flüchtig-feige Menschenart kennt!
Könnten sie anders, so würden sie auch anders wollen. Halb- und Halbe
verderben alles Ganze. Dass Blätter welk werden, - was ist da zu klagen!
Lass sie fahren und fallen, oh Zarathustra, und klage nicht! Lieber noch blase
mit raschelnden Winden unter sie, -
- blase unter diese Blätter, oh Zarathustra: dass alles Welke schneller noch von
dir davonlaufen! -
2
»Wir sind wieder fromm geworden« - so bekennen diese Abtrünnigen; und
Manche von ihnen sind noch zu feige, also zu bekennen.
Denen sehe ich in′s Auge, - denen sage ich es in′s Gesicht und in die Röthe
ihrer Wangen: ihr seid Solche, welche wieder beten!
Es ist aber eine Schmach, zu beten! Nicht für Al e, aber für dich und mich und
wer auch im Kopfe sein Gewissen hat. Für dich ist es eine Schmach, zu beten!
145
Du weisst es wohl: dein feiger Teufel in dir, der gerne Hände-falten und Hände-
in-den-Schooss-legen und es bequemer haben möchte: - dieser feige Teufel
redet dir zu »es giebt einen Gott!«
Damit aber gehörst du zur lichtscheuen Art, denen Licht nimmer Ruhe lässt;
nun musst du täglich deinen Kopf tiefer in Nacht und Dunst stecken!
Und wahrlich, du wähltest die Stunde gut: denn eben wieder fliegen die
Nachtvögel aus. Die Stunde kam allem lichtscheuen Volke, die Abend- und
Feierstunde, wo es nicht - »feiert.«
Ich höre und rieche es: es kam ihre Stunde für Jagd und Umzug, nicht zwar für
eine wilde Jagd, sondern für eine zahme lahme schnüffelnde Leisetreter- und
Leisebeter-Jagd, -
- für eine Jagd auf seelenvolle Duckmäuser: alle Herzens- Mausefallen sind jetzt
wieder aufgestellt! Und wo ich einen Vorhang aufhebe, da kommt ein
Nachtfalterchen herausgestürzt.
Hockte es da wohl zusammen mit einem andern Nachtfalterchen? Denn überall
rieche ich kleine verkrochne Gemeinden; und wo es Kämmerlein giebt, da giebt
es neue Bet-Brüder drin und den Dunst von Bet-Brüdern.
Sie sitzen lange Abende bei einander und sprechen: lasset uns wieder werden
wie die Kindlein und »lieber Gott« sagen!« - an Mund und Magen verdorben
durch die frommen Zuckerbäcker.
Oder sie sehen lange Abende einer listigen lauernden Kreuzspinne zu, welche
den Spinnen selber Klugheit predigt und also lehrt: »unter Kreuzen ist gut
spinnen!«
Oder sie sitzen Tags über mit Angelruthen an Sümpfen und glauben sich tief
damit; aber wer dort fischt, wo es keine Fische giebt, den heisse ich noch nicht
einmal oberflächlich!
Oder sie lernen fromm-froh die Harfe schlagen bei einem Lieder-Dichter, der
sich gern jungen Weibchen in′s Herz harfnen möchte: - denn er wurde der alten
Weibchen müde und ihres Lobpreisens.
Oder sie lernen gruseln bei einem gelehrten Halb-Tollen, der in dunklen
Zimmern wartet, dass ihm die Geister kommen - und der Geist ganz
davonläuft!
Oder sie horchen einem alten umgetriebnen Schnurr- und Knurrpfeifer zu, der
trüben Winden die Trübsal der Töne ablernte; nun pfeift er nach dem Winde
und predigt in trüben Tönen Trübsal.
146
Und Einige von ihnen sind sogar Nachtwächter geworden: die verstehen jetzt in
Hörner zu blasen und Nachts umherzugehn und alte Sachen aufzuwecken, die
lange schon eingeschlafen sind.
Fünf Worte von alten Sachen hörte ich gestern Nachts an der Garten-Mauer:
die kamen von solchen alten betrübten trocknen Nachtwächtern.
»Für einen Vater sorgt er nicht genug um seine Kinder: Menschen-Väter thun
diess besser!« -
»Er ist zu alt! Er sorgt schon gar nicht mehr um seine Kinder« - also antwortete
der andere Nachtwächter.
»Hat er denn Kinder? Niemand kann′s beweisen, wenn er′s selber nicht beweist!
Ich wollte längst, er bewiese es einmal gründlich.«
»Beweisen? Als ob Der je Etwas bewiesen hätte! Beweisen fällt ihm schwer; er
hält grosse Stücke darauf, dass man ihm glaubt.«
»Ja! Ja! Der Glaube macht ihn selig, der Glaube an ihn. Das ist so die Art alter
Leute! So geht′s uns auch!« -
- Also sprachen zu einander die zwei alten Nachtwächter und Lichtscheuchen,
und tuteten darauf betrübt in ihre Hörner: so geschah′s gestern Nachts an der
Garten-Mauer.
Mir aber wand sich das Herz vor Lachen und wollte brechen und wusste nicht,
wohin? und sank in′s Zwerchfell.
Wahrlich, das wird noch mein Tod sein, dass ich vor Lachen ersticke, wenn ich
Esel betrunken sehe und Nachtwächter also an Gott zweifeln höre.
Ist es denn nicht lange vorbei auch für al e solche Zweifel? Wer darf noch
solche alte eingeschlafne lichtscheue Sachen aufwecken!
Mit den alten Göttern gieng es ja lange schon zu Ende: - und wahrlich, ein
gutes fröhliches Götter-Ende hatten sie!
Sie »dämmerten« sich nicht zu Tode, - das lügt man wohl! Vielmehr: sie haben
sich selber einmal zu Tode - gelacht !
Das geschah, als das gottloseste Wort von einem Gotte selber ausgieng, - das
Wort: »Es ist Ein Gott! Du sollst keinen andern Gott haben neben mir!« -
- ein alter Grimm-Bart von Gott, ein eifersüchtiger vergass sich also:
Und alle Götter lachten damals und wackelten auf ihren Stühlen und riefen: »Ist
das nicht eben Göttlichkeit, dass es Götter, aber keinen Gott giebt?«
Wer Ohren hat, der höre. -
147
Also redete Zarathustra in der Stadt, die er liebte und welche zubenannt ist die
bunte Kuh.′ Von hier nämlich hatte er nur noch zwei Tage zu gehen, dass er
wieder in seine Höhle käme und zu seinen Thieren; seine Seele aber frohlockte
beständig ob der Nähe seiner Heimkehr. -
Die Heimkehr
Oh Einsamkeit! Du meine Heimat Einsamkeit! Zu lange lebte ich wild in wilder
Fremde, als dass ich nicht mit Thränen zu dir heimkehrte!
Nun drohe mir nur mit dem Finger, wie Mütter drohn, nein lächle mir zu, wie
Mütter lächeln, nun sprich nur: »Und wer war das, der wie ein Sturmwind einst
von mir davonstürmte? -
»- der scheidend rief: zu lange sass ich bei der Einsamkeit, da verlernte ich das
Schweigen! D a s - lerntest du nun wohl?
»Oh Zarathustra, Alles weiss ich: und dass du unter den Vielen verlassener
warst, du Einer, als je bei mir!
»Ein Anderes ist Verlassenheit, ein Anderes Einsamkeit: Das - lerntest du nun!
Und dass du unter Menschen immer wild und fremd sein wirst:
»-Wild und fremd auch noch, wenn sie dich lieben: denn zuerst von Allem
wollen sie geschont sein!
»Hier aber bist du bei dir zu Heim und Hause; hier kannst du Alles hinausreden
und alle Gründe ausschütten, Nichts schämt sich hier versteckter, verstockter
Gefühle.
»Hier kommen alle Dinge liebkosend zu deiner Rede und schmeicheln dir: denn
sie wollen auf deinem Rücken reiten. Auf jedem Gleichniss reitest du hier zu
jeder Wahrheit.
»Aufrecht und aufrichtig darfst du hier zu allen Dingen reden: und wahrlich, wie
Lob klingt es ihren Ohren, dass Einer mit allen Dingen - gerade redet!
»Ein Anderes aber ist Verlassensein. Denn, weisst du noch, oh Zarathustra? Als
damals dein Vogel über dir schrie, als du im Walde standest, unschlüssig, wohin?
unkundig, einem Leichnam nahe: -
»- als du sprachst: mögen mich meine Thiere führen! Gefährlicher fand ich′s
unter Menschen, als unter Thieren: - Das war Verlassenheit!
»Und weisst du noch, oh Zarathustra? Als du auf deiner Insel sassest, unter
leeren Eimern ein Brunnen Weins, gebend und ausgebend, unter Durstigen
schenkend und ausschenkend:
148
»- bis du endlich durstig allein unter Trunkenen sassest und nächtlich klagtest
»ist Nehmen nicht seliger als Geben? Und Stehlen noch seliger als Nehmen?« -
Das war Verlassenheit!
»Und weisst du noch, oh Zarathustra? Als deine stillste Stunde kam und dich
von dir selber forttrieb, als sie mit bösem Flüstern sprach: Sprich und zerbrich!«
-
»- als sie dir all dein Warten und Schweigen leid machte und deinen demüthigen
Muth entmuthigte: Das war Verlassenheit!« -
Oh Einsamkeit! Du meine Heimat Einsamkeit! Wie selig und zärtlich redet
deine Stimme zu mir!
Wir fragen einander nicht, wir klagen einander nicht, wir gehen offen mit
einander durch offne Thüren.
Denn offen ist es bei dir und hell; und auch die Stunden laufen hier auf
leichteren Füssen. Im Dunklen nämlich trägt man schwerer an der Zeit, als im
Lichte.
Hier springen mir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf: alles Sein will hier
Wort werden, alles Werden will hier von mir reden lernen.
Da unten aber - da ist alles Reden umsonst! Da ist Vergessen und Vorübergehn
die beste Weisheit: Das - lernte ich nun!
Wer Alles bei den Menschen begreifen wollte, der müsste Alles angreifen. Aber
dazu habe ich zu reinliche Hände.
Ich mag schon ihren Athem nicht einathmen; ach, dass ich so lange unter ihrem
Lärm und üblem Athem lebte!
Oh selige Stille um mich! Oh reine Gerüche um mich! Oh wie aus tiefer Brust
diese Stille reinen Athem holt! Oh wie sie horcht, diese selige Stille!
Aber da unten - da redet Alles, da wird Al es überhört. Man mag seine Weisheit
mit Glocken einläuten: die Krämer auf dem Markte werden sie mit Pfennigen
überklingeln!
Alles bei ihnen redet, Niemand weiss mehr zu verstehn. Alles fällt in′s Wasser,
Nichts fällt mehr in tiefe Brunnen.
Alles bei ihnen redet, Nichts geräth mehr und kommt zu Ende. Alles gackert,
aber wer will noch still auf dem Neste sitzen und Eier brüten?
Alles bei ihnen redet, Alles wird zerredet. Und was gestern noch zu hart war für
die Zeit selber und ihren Zahn: heute hängt es zerschabt und zernagt aus den
Mäulern der Heutigen.
149
Alles bei ihnen redet, Alles wird verrathen. Und was einst Geheimniss hiess und
Heimlichkeit tiefer Seelen, heute gehört es den Gassen-Trompetern und andern
Schmetterlingen.
Oh Menschenwesen, du wunderliches! Du Lärm auf dunklen Gassen! Nun
liegst du wieder hinter mir: - meine grösste Gefahr liegt hinter mir!
Im Schonen und Mitleiden lag immer meine grösste Gefahr; und alles
Menschenwesen will geschont und gelitten sein.
Mit verhaltenen Wahrheiten, mit Narrenhand und vernarrtem Herzen und reich
an kleinen Lügen des Mitleidens: - also lebte ich immer unter Menschen.
Verkleidet sass ich unter ihnen, bereit, mich zu verkennen, dass ich sie ertrüge,
und gern mir zuredend »du Narr, du kennst die Menschen nicht!«
Man verlernt die Menschen, wenn man unter Menschen lebt: zu viel
Vordergrund ist an allen Menschen, - was sollen da weitsichtige, weit-süchtige
Augen!
Und wenn sie mich verkannten: ich Narr schonte sie darob mehr, als mich:
gewohnt zur Härte gegen mich und oft noch an mir selber mich rächend für
diese Schonung.
Zerstochen von giftigen Fliegen und ausgehöhlt, dem Steine gleich, von vielen
Tropfen Bosheit, so sass ich unter ihnen und redete mir noch zu: »unschuldig
ist alles Kleine an seiner Kleinheit!«
Sonderlich Die, welche sich »die Guten« heissen, fand ich als die giftigsten
Fliegen: sie stechen in aller Unschuld, sie lügen in aller Unschuld; wie
vermöchten sie, gegen mich - gerecht zu sein!
Wer unter den Guten lebt, den lehrt Mitleid lügen. Mitleid macht dumpfe Luft
allen freien Seelen. Die Dummheit der Guten nämlich ist unergründlich.
Mich selber verbergen und meinen Reichthum - das lernte ich da unten: denn
jeden fand ich noch arm am Geiste. Das war der Lug meines Mitleidens, dass
ich bei jedem wusste,
- dass ich jedem es ansah und anroch, was ihm Geistes genug und was ihm
schon Geistes zuviel war!
Ihre steifen Weisen: ich hiess sie weise, nicht steif, - so lernte ich Worte
verschlucken. Ihre Todtengräber: ich hiess sie Forscher und Prüfer, - so lernte
ich Worte vertauschen.
150
Die Todtengräber graben sich Krankheiten an. Unter altem Schutte ruhn
schlimme Dünste. Man soll den Morast nicht aufrühren. Man soll auf Bergen
leben.
Mit seligen Nüstern athme ich wieder Berges-Freiheit! Erlöst ist endlich meine
Nase vom Geruch alles Menschenwesens!
Von scharfen Lüften gekitzelt, wie von schäumenden Weinen, niest meine Seele,
- niest und jubelt sich zu: Gesundheit!
Also sprach Zarathustra.
Von den drei Bösen
1
Im Traum, im letzten Morgentraume stand ich heut auf einem Vorgebirge, -
jenseits der Welt, hielt eine Wage und wog die Welt.
Oh dass zu früh mir die Morgenröthe kam: die glühte mich wach, die
Eifersüchtige! Eifersüchtig ist sie immer auf meine Morgentraum-Gluthen.
Messbar für Den, der Zeit hat, wägbar für einen guten Wäger, erfliegbar für
starke Fittige, errathbar für göttliche Nüsseknacker: also fand mein Traum die
Welt: -
Mein Traum, ein kühner Segler, halb Schiff, halb Windsbraut, gleich
Schmetterlingen schweigsam, ungeduldig gleich Edelfalken: wie hatte er doch
zum Welt-Wägen heute Geduld und Weile!
Sprach ihm heimlich wohl meine Weisheit zu, meine lachende wache Tags-
Weisheit, welche über alle »unendliche Welten« spottet? Denn sie spricht: »wo
Kraft ist, wird auch die Zahl Meisterin: die hat mehr Kraft.«
Wie sicher schaute mein Traum auf diese endliche Welt, nicht neugierig, nicht
altgierig, nicht fürchtend, nicht bittend: -
- als ob ein voller Apfel sich meiner Hand böte, ein reifer Goldapfel, mit kühl-
sanfter sammtener Haut: - so bot sich mir die Welt: -
- als ob ein Baum mir winke, ein breitästiger, starkwilliger, gekrümmt zur Lehne
und noch zum Fussbrett für den Wegmüden: so stand die Welt auf meinem
Vorgebirge: -
- als ob zierliche Hände mir einen Schrein entgegentrügen, - einen Schrein
offen für das Entzücken schamhafter verehrender Augen: also bot sich mir
heute die Welt entgegen: -
151
- nicht Räthsel genug, um Menschen-Liebe davon zu scheuchen, nicht Lösung
genug, um Menschen-Weisheit einzuschläfern: - ein menschlich gutes Ding war
mir heut die Welt, der man so Böses nachredet!
Wie danke ich es meinem Morgentraum, dass ich also in der Frühe heut die
Welt wog! Als ein menschlich gutes Ding kam er zu mir, dieser Traum und
Herzenströster!
Und dass ich′s ihm gleich thue am Tage und sein Bestes ihm nach- und ablerne:
will ich jetzt die drei bösesten Dinge auf die Wage thun und menschlich gut
abwägen. -
Wer da segnen lehrte, der lehrte auch fluchen: welches sind in der Welt die drei
bestverfluchten Dinge? Diese will ich auf die Wage thun.
Wol ust, Herrschsucht, Selbstsucht: diese Drei wurden bisher am besten
verflucht und am schlimmsten beleu- und belügenmundet, - diese Drei will ich
menschlich gut abwägen.
Wohlauf! Hier ist mein Vorgebirg und da das Meer: das wälzt sich zu mir heran,
zottelig, schmeichlerisch, das getreue alte hundertköpfige Hunds-Ungethüm,
das ich liebe.
Wohlauf! Hier will ich die Wage halten über gewälztem Meere: und auch einen
Zeugen wähle ich, dass er zusehe, - dich, du Einsiedler-Baum, dich
starkduftigen, breitgewölbten, den ich liebe! -
Auf welcher Brücke geht zum Dereinst das Jetzt? Nach welchem Zwange
zwingt das Hohe sich zum Niederen? Und was heisst auch das Höchste noch -
hinaufwachsen? -
Nun steht die Wage gleich und still: drei schwere Fragen warf ich hinein, drei
schwere Antworten trägt die andre Wagschale.
2
Wollust: allen busshemdigen Leib-Verächtern ihr Stachel und Pfahl, und als
»Welt« verflucht bei allen Hinterweltlern: denn sie höhnt und narrt alle Wirr-
und Irr-Lehrer.
Wollust: dem Gesindel das langsame Feuer, auf dem es verbrannt wird; allem
wurmichten Holze, allen stinkenden Lumpen der bereite Brunst- und Brodel-
Ofen.
Wol ust: für die freien Herzen unschuldig und frei, das Garten-Glück der Erde,
aller Zukunft Dankes-Überschwang an das Jetzt.
152
Wollust: nur dem Welken ein süsslich Gift, für die Löwen-Willigen aber die
grosse Herzstärkung, und der ehrfürchtig geschonte Wein der Weine.
Wollust: das grosse Gleichniss-Glück für höheres Glück und höchste Hoffnung.
Vielem nämlich ist Ehe verheissen und mehr als Ehe, -
- Vielem, das fremder sich ist, als Mann und Weib: - und wer begriff es ganz,
wie fremd sich Mann und Weib sind!
Wollust: - doch ich wil Zäune um meine Gedanken haben und auch noch um
meine Worte: dass mir nicht in meine Gärten die Schweine und Schwärmer
brechen! -
Herrschsucht: die Glüh-Geissel der härtesten Herzensharten; die grause Marter,
die sich dem Grausamsten selber aufspart; die düstre Flamme lebendiger
Scheiterhaufen.
Herrschsucht: die boshafte Bremse, die den eitelsten Völkern aufgesetzt wird;
die Verhöhnerin aller ungewissen Tugend; die auf jedem Rosse und jedem
Stolze reitet.
Herrschsucht: das Erdbeben, das alles Morsche und Höhlichte bricht und
aufbricht; die rollende grollende strafende Zerbrecherin übertünchter Gräber;
das blitzende Fragezeichen neben vorzeitigen Antworten.
Herrschsucht: vor deren Blick der Mensch kriecht und duckt und fröhnt und
niedriger wird als Schlange und Schwein: - bis endlich die grosse Verachtung aus
ihm aufschreie -,
Herrschsucht: die furchtbare Lehrerin der grossen Verachtung, welche Städten
und Reichen in′s Antlitz predigt »hinweg mit dir!« - bis es aus ihnen selber
aufschreie »hinweg mit mir!«
Herrschsucht: die aber lockend auch zu Reinen und Einsamen und hinauf zu
selbstgenugsamen Höhen steigt, glühend gleich einer Liebe, welche purpurne
Seligkeiten lockend an Erdenhimmel malt.
Herrschsucht: doch wer hiesse es Sucht, wenn das Hohe hinab nach Macht
gelüstet! Wahrlich, nichts Sieches und Süchtiges ist an solchem Gelüsten und
Niedersteigen!
Dass die einsame Höhe sich nicht ewig vereinsame und selbst begnüge; dass der
Berg zu Thale komme und die Winde der Höhe zu den Niederungen: -
Oh wer fände den rechten Tauf- und Tugendnamen für solche Sehnsucht!
»Schenkende Tugend« - so nannte das Unnennbare einst Zarathustra.
153
Und damals geschah es auch, - und wahrlich, es geschah zum ersten Male! -
dass sein Wort die Selbstsucht selig pries, die heile, gesunde Selbstsucht, die aus
mächtiger Seele quillt: -
- aus mächtiger Seele, zu welcher der hohe Leib gehört, der schöne, sieghafte,
erquickliche, um den herum jedwedes Ding Spiegel wird:
- der geschmeidige überredende Leib, der Tänzer, dessen Gleichniss und
Auszug die selbst-lustige Seele ist. Solcher Leiber und Seelen Selbst-Lust heisst
sich selber: »Tugend.«
Mit ihren Worten von Gut und Schlecht schirmt sich solche Selbst-Lust wie mit
heiligen Hainen; mit den Namen ihres Glücks bannt sie von sich alles
Verächtliche.
Von sich weg bannt sie alles Feige; sie spricht: Schlecht - das ist feige!
Verächtlich dünkt ihr der immer Sorgende, Seufzende, Klägliche und wer auch
die kleinsten Vortheile aufliest.
Sie verachtet auch alle wehselige Weisheit: denn, wahrlich, es giebt auch
Weisheit, die im Dunklen blüht, eine Nachtschatten-Weisheit: als welche immer
seufzt: »Alles ist eitel!«
Das scheue Misstrauen gilt ihr gering, und Jeder, wer Schwüre statt Blicke und
Hände will: auch alle allzu misstrauische Weisheit, - denn solche ist feiger Seelen
Art.
Geringer noch gilt ihr der Schnell-Gefällige, der Hündische, der gleich auf dem
Rücken liegt, der Demüthige; und auch Weisheit giebt es, die demüthig und
hündisch und fromm und schnellgefällig ist.
Verhasst ist ihr gar und ein Ekel, wer nie sich wehren will, wer giftigen Speichel
und böse Blicke hinunterschluckt, der All-zu-Geduldige, Alles-Dulder,
Allgenügsame: das nämlich ist die knechtische Art.
Ob Einer vor Göttern und göttlichen Fusstritten knechtisch ist, ob vor
Menschen und blöden Menschen-Meinungen: alle Knechts-Art speit sie an,
diese selige Selbstsucht!
Schlecht: so beisst sie Alles, was geknickt und knickerisch-knechtisch ist, unfreie
Zwinker-Augen, gedruckte Herzen, und jene falsche nachgebende Art, welche
mit breiten feigen Lippen küsst.
Und After-Weisheit: so heisst sie Alles, was Knechte und Greise und Müde
witzeln; und sonderlich die ganze schlimme aberwitzige, überwitzige Priester-
Narrheit!
154
Die After-Weisen aber, alle die Priester, Weltmüden und wessen Seele von
Weibs- und Knechtsart ist, - oh wie hat ihr Spiel von jeher der Selbstsucht übel
mitgespielt!
Und Das gerade sollte Tugend sein und Tugend heissen, dass man der
Selbstsucht übel mitspiele! Und »selbstlos« - so wünschten sich selber mit gutem
Grunde alle diese weltmüden Feiglinge und Kreuzspinnen!
Aber denen Allen kommt nun der Tag, die Wandlung, das Richtschwert, der
grosse Mittag : da soll Vieles offenbar werden!
Und wer das Ich heil und heilig spricht und die Selbstsucht selig, wahrlich, der
spricht auch, was er weiss, ein Weissager: » Siehe, er kommt, er ist nahe, der
grosse Mittag!«
Also sprach Zarathustra.
Vom Geist der Schwere
1
Mein Mundwerk - ist des Volks: zu grob und herzlich rede ich für die
Seidenhasen. Und noch fremder klingt mein Wort allen Tinten-Fischen und
Feder-Füchsen.
Meine Hand - ist eine Narrenhand: wehe allen Tischen und Wänden, und was
noch Platz hat für Narren-Zierath, Narren-Schmierath!
Mein Fuss - ist ein Pferdefuss; damit trapple und trabe ich über Stock und Stein,
kreuz- und querfeld-ein und bin des Teufels vor Lust bei allem schnellen
Laufen.
Mein Magen - ist wohl eines Adlers Magen? Denn er liebt am liebsten
Lammfleisch. Gewisslich aber ist er eines Vogels Magen.
Von unschuldigen Dingen genährt und von Wenigem, bereit und ungeduldig zu
fliegen, davonzufliegen - das ist nun meine Art: wie sollte nicht Etwas daran
von Vogel-Art sein!
Und zumal, dass ich dem Geist der Schwere feind bin, das ist Vogel-Art: und
wahrlich, todfeind, erzfeind, urfeind! Oh wohin flog und verflog sich nicht
schon meine Feindschaft!
Davon könnte ich schon ein Lied singen - - und will es singen: ob ich gleich
allein in leerem Hause bin und es meinen eignen Ohren singen muss.
155
Andre Sänger giebt es freilich, denen macht das volle Haus erst ihre Kehle
weide, ihre Hand gesprächig, ihr Auge ausdrücklich, ihr Herz wach: - Denen
gleiche ich nicht. -
2
Wer die Menschen einst fliegen lehrt, der hat alle Grenzsteine verrückt; alle
Grenzsteine selber werden ihm in die Luft fliegen, die Erde wird er neu taufen -
als »die Leichte.«
Der Vogel Strauss läuft schneller als das schnellste Pferd, aber auch er steckt
noch den Kopf schwer in schwere Erde: also der Mensch, der noch nicht
fliegen kann.
Schwer heisst ihm Erde und Leben; und so will es der Geist der Schwere! Wer
aber leicht werden will und ein Vogel, der muss sich selber lieben: - also lehre
ich.
Nicht freilich mit der Liebe der Siechen und Süchtigen: denn bei denen stinkt
auch die Eigenliebe!
Man muss sich selber lieben lernen - also lehre ich - mit einer heilen und
gesunden Liebe: dass man es bei sich selber aushalte und nicht umherschweife.
Solches Umherschweifen tauft sich »Nächstenliebe«: mit diesem Worte ist
bisher am besten gelogen und geheuchelt worden, und sonderlich von Solchen,
die aller Welt schwer fielen.
Und wahrlich, das ist kein Gebot für Heute und Morgen, sich lieben lernen.
Vielmehr ist von allen Künsten diese die feinste, listigste, letzte und
geduldsamste.
Für seinen Eigener ist nämlich alles Eigene gut versteckt; und von allen
Schatzgruben wird die eigne am spätesten ausgegraben, - also schafft es der
Geist der Schwere.
Fast in der Wiege giebt man uns schon schwere Worte und Werthe mit: »gut«
und »böse« - so heisst sich diese Mitgift. Um derentwillen vergiebt man uns,
dass wir leben.
Und dazu lässt man die Kindlein zu sich kommen, dass man ihnen bei Zeiten
wehre, sich selber zu lieben: also schafft es der Geist der Schwere.
Und wir - wir schleppen treulich, was man uns mitgiebt, auf harten Schultern
und über rauhe Berge! Und schwitzen wir, so sagt man uns: »Ja, das Leben ist
schwer zu tragen!«
156
Aber der Mensch nur ist sich schwer zu tragen! Das macht, er schleppt zu vieles
Fremde auf seinen Schultern. Dem Kameele gleich kniet er nieder und lässt
sich gut aufladen.
Sonderlich der starke, tragsame Mensch, dem Ehrfurcht innewohnt: zu viele
fremde schwere Worte und Werthe lädt er auf sich, - nun dünkt das Leben ihm
eine Wüste!
Und wahrlich! Auch manches Eigene ist schwer zu tragen! Und viel Inwendiges
am Menschen ist der Auster gleich, nämlich ekel und schlüpfrig und schwer
erfasslich -,
- also dass eine edle Schale mit edler Zierath fürbitten muss. Aber auch diese
Kunst muss man lernen: Schale haben und schönen Schein und kluge Blindheit!
Abermals trügt über Manches am Menschen, dass manche Schale gering und
traurig und zu sehr Schale ist. Viel verborgene Güte und Kraft wird nie
errathen; die köstlichsten Leckerbissen finden keine Schmecker!
Die Frauen wissen das, die köstlichsten: ein Wenig fetter, ein Wenig magerer -
oh wie viel Schicksal liegt in so Wenigem!
Der Mensch ist schwer zu entdecken und sich selber noch am schwersten; oft
lügt der Geist über die Seele. Also schafft es der Geist der Schwere.
Der aber hat sich selber entdeckt, welcher spricht: Das ist mein Gutes und
Böses: damit hat er den Maulwurf und Zwerg stumm gemacht, welcher spricht
»Allen gut, Allen bös.«
Wahrlich, ich mag auch Solche nicht, denen jegliches Ding gut und diese Welt
gar die beste heisst. Solche nenne ich die Allgenügsamen.
Allgenügsamkeit, die Alles zu schmecken weiss: das ist nicht der beste
Geschmack! Ich ehre die widerspänstigen wählerischen Zungen und Mägen,
welche »Ich« und »Ja« und »Nein« sagen lernten.
Alles aber kauen und verdauen - das ist eine rechte Schweine-Art! Immer I-a
sagen - das lernte allein der Esel, und wer seines Geistes ist! -
Das tiefe Gelb und das heisse Roth: so will es mein Geschmack, - der mischt
Blut zu allen Farben. Wer aber sein Haus weiss tüncht, der verräth mir eine
weissgetünchte Seele.
In Mumien verliebt die Einen, die Andern in Gespenster; und Beide gleich
feind al em Fleisch und Blute - oh wie gehen Beide mir wider den Geschmack!
Denn ich liebe Blut.
157
Und dort will ich nicht wohnen und weilen, wo Jedermann spuckt und speit:
das ist nun mein Geschmack, - lieber noch lebte ich unter Dieben und
Meineidigen. Niemand trägt Gold im Munde.
Widriger aber sind mir noch alle Speichellecker; und das widrigste Thier von
Mensch, das ich fand, das taufte ich Schmarotzer: das wollte nicht lieben und
doch von Liebe leben.
Unselig heisse ich Alle, die nur Eine Wahl haben: böse Thiere zu werden oder
böse Thierbändiger: bei Solchen würde ich mir keine Hütten bauen.
Unselig heisse ich auch Die, welche immer warten müssen, - die gehen mir
wider den Geschmack: alle die Zöllner und Krämer und Könige und andren
Länder- und Ladenhüter.
Wahrlich, ich lernte das Warten auch und von Grund aus,
- aber nur das Warten auf mich. Und über Allem lernte ich stehn und gehn und
laufen und springen und klettern und tanzen.
Das ist aber meine Lehre: wer einst fliegen lernen will, der muss erst stehn und
gehn und laufen und klettern und tanzen lernen: - man erfliegt das Fliegen
nicht!
Mit Strickleitern lernte ich manches Fenster erklettern, mit hurtigen Beinen
klomm ich auf hohe Masten: auf hohen Masten der Erkenntniss sitzen dünkte
mich keine geringe Seligkeit, -
- gleich kleinen Flammen flackern auf hohen Masten: ein kleines Licht zwar,
aber doch ein grosser Trost für verschlagene Schiffer und Schiffbrüchige! -
Auf vielerlei Weg und Weise kam ich zu meiner Wahrheit; nicht auf Einer
Leiter stieg ich zur Höhe, wo mein Auge in meine Ferne schweift.
Und ungern nur fragte ich stets nach Wegen, - das gieng mir immer wider den
Geschmack! Lieber fragte und versuchte ich die Wege selber.
Ein Versuchen und Fragen war all mein Gehen: - und wahrlich, auch antworten
muss man lernen auf solches Fragen! Das aber - ist mein Geschmack:
- kein guter, kein schlechter, aber mein Geschmack, dessen ich weder Scham
noch Hehl mehr habe.
»Das - ist nun mein Weg, - wo ist der eure?« so antwortete ich Denen, welche
mich »nach dem Wege« fragten. Den Weg nämlich - den giebt es nicht!
Also sprach Zarathustra.
158
Von alten und neuen Tafeln
1
Hier sitze ich und warte, alte zerbrochene Tafeln um mich und auch neue halb
beschriebene Tafeln. Wann kommt meine Stunde?
- die Stunde meines Niederganges, Unterganges: denn noch Ein Mal will ich zu
den Menschen gehn.
Dess warte ich nun: denn erst müssen mir die Zeichen kommen, dass es meine
Stunde sei, - nämlich der lachende Löwe mit dem Taubenschwarme.
Inzwischen rede ich als Einer, der Zeit hat, zu mir selber. Niemand erzählt mir
Neues: so erzähle ich mir mich selber. -
2
Als ich zu den Menschen kam, da fand ich sie sitzen auf einem alten Dünkel:
Alle dünkten sich lange schon zu wissen, was dem Menschen gut und böse sei.
Eine alte müde Sache dünkte ihnen al es Reden von Tugend; und wer gut
schlafen wol te, der sprach vor Schlafengehen noch von »Gut« und »Böse«.
Diese Schläferei störte ich auf, als ich lehrte: was gut und böse ist, das weiss
noch Niemand: - es sei denn der Schaffende!
- Das aber ist Der, welcher des Menschen Ziel schafft und der Erde ihren Sinn
giebt und ihre Zukunft: Dieser erst schafft es, dass Etwas gut und böse ist.
Und ich hiess sie ihre alten Lehr-Stühle umwerfen, und wo nur jener alte
Dünkel gesessen hatte; ich hiess sie lachen über ihre grossen Tugend-Meister
und Heiligen und Dichter und Welt-Erlöser.
Über ihre düsteren Weisen hiess ich sie lachen, und wer je als schwarze
Vogelscheuche warnend auf dem Baume des Lebens gesessen hatte.
An ihre grosse Gräberstrasse setzte ich mich und selber zu Aas und Geiern -
und ich lachte über all ihr Einst und seine mürbe verfallende Herrlichkeit.
Wahrlich, gleich Busspredigern und Narrn schrie ich Zorn und Zeter über all
ihr Grosses und Kleines -, dass ihr Bestes so gar klein ist! Dass ihr Bösestes so
gar klein ist! - also lachte ich.
Meine weise Sehnsucht schrie und lachte also aus mir, die auf Bergen geboren
ist, eine wilde Weisheit wahrlich! - meine grosse flügelbrausende Sehnsucht.
159
Und oft riss sie mich fort und hinauf und hinweg und mitten im Lachen: da
flog ich wohl schaudernd, ein Pfeil, durch sonnentrunkenes Entzücken:
- hinaus in ferne Zukünfte, die kein Traum noch sah, in heissere Süden, als je
sich Bildner träumten: dorthin, wo Götter tanzend sich aller Kleider schämen: -
- dass ich nämlich in Gleichnissen rede und gleich Dichtern hinke und stammle:
und wahrlich, ich schäme mich, dass ich noch Dichter sein muss! -
Wo alles Werden mich Götter-Tanz und Götter-Muthwillen dünkte, und die
Welt los- und ausgelassen und zu sich selber zurückfliehend: -
- als ein ewiges Sich-fliehn und -Wiedersuchen vieler Götter, als das selige Sich-
Widersprechen, Sich-Wieder-hören, Sich-Wieder-Zugehören vieler Götter: -
Wo alle Zeit mich ein seliger Hohn auf Augenblicke dünkte, wo die
Nothwendigkeit die Freiheit selber war, die selig mit dem Stachel der Freiheit
spielte: -
Wo ich auch meinen alten Teufel und Erzfeind wiederfand, den Geist der
Schwere und Alles, was er schuf: Zwang, Satzung, Noth und Folge und Zweck
und Wille und Gut und Böse: -
Denn muss nicht dasein, über das getanzt, hinweggetanzt werde? Müssen nicht
um der Leichten, Leichtesten willen - Maulwürfe und schwere Zwerge dasein? -
-
3
Dort war′s auch, wo ich das Wort »Übermensch« vom Wege auflas, und dass
der Mensch Etwas sei, das überwunden werden müsse,
- dass der Mensch eine Brücke sei und kein Zweck: sich selig preisend ob seines
Mittags und Abends, als Weg zu neuen Morgenröthen:
- das Zarathustra-Wort vom grossen Mittage, und was sonst ich über den
Menschen aufhängte, gleich purpurnen zweiten Abendröthen.
Wahrlich, auch neue Sterne liess ich sie sehn sammt neuen Nächten; und über
Wolken und Tag und Nacht spannte ich noch das Lachen aus wie ein buntes
Gezelt.
Ich lehrte sie all mein Dichten und Trachten: in Eins zu dichten und zusammen
zu tragen, was Bruchstück ist am Menschen und Räthsel und grauser Zufall, -
- als Dichter, Räthselrather und Erlöser des Zufalls lehrte ich sie an der Zukunft
schaffen, und Alles, das war -, schaffend zu erlösen.
160
Das Vergangne am Menschen zu erlösen und alles »Es war« umzuschauen, bis
der Wille spricht: »Aber so wollte ich es! So werde ich′s wollen -«
- Diess hiess ich ihnen Erlösung, Diess allein lehrte ich sie Erlösung heissen. - -
Nun warte ich meiner Erlösung -, dass ich zum letzten Male zu ihnen gehe.
Denn noch Ein Mal will ich zu den Menschen: unter ihnen will ich untergehen,
sterbend will ich ihnen meine reichste Gabe geben!
Der Sonne lernte ich Das ab, wenn sie hinabgeht, die Überreiche: Gold schüttet
sie da in′s Meer aus unerschöpflichem Reichthume, -
- also, dass der ärmste Fischer noch mit goldenem Ruder rudert! Diess nämlich
sah ich einst und wurde der Thränen nicht satt im Zuschauen. - -
Der Sonne gleich will auch Zarathustra untergehn: nun sitzt er hier und wartet,
alte zerbrochne Tafeln um sich und auch neue Tafeln, - halbbeschriebene.
4
Siehe, hier ist eine neue Tafel: aber wo sind meine Brüder, die sie mit mir zu
Thale und in fleischerne Herzen tragen? -
Also heischt es meine grosse Liebe zu den Fernsten: schone deinen Nächsten
nicht! Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss.
Es giebt vielerlei Weg und Weise der Überwindung.- da siehe du zu! Aber nur
ein Possenreisser denkt: »der Mensch kann auch übersprungen werden.«
Überwinde dich selber noch in deinem Nächsten: und ein Recht, das du dir
rauben kannst, sollst du dir nicht geben lassen!
Was du thust, das kann dir Keiner wieder thun. Siehe, es giebt keine Vergeltung.
Wer sich nicht befehlen kann, der soll gehorchen. Und Mancher kann sich
befehlen, aber da fehlt noch Viel, dass er sich auch gehorche!
5
Also will es die Art edler Seelen: sie wollen Nichts umsonst haben, am
wenigsten das Leben.
Wer vom Pöbel ist, der wil umsonst leben; wir Anderen aber, denen das Leben
sich gab, - wir sinnen immer darüber, was wir am besten dagegen geben!
Und wahrlich, diess ist eine vornehme Rede, welche spricht: »was uns das Leben
verspricht, das wol en wir - dem Leben halten!«
161
Man soll nicht geniessen wollen, wo man nicht zu geniessen giebt. Und - man
soll nicht geniessen wollen!
Genuss und Unschuld nämlich sind die schamhaftesten Dinge: Beide wollen
nicht gesucht sein. Man soll sie haben -, aber man soll eher noch nach Schuld
und Schmerzen suchen! -
6
Oh meine Brüder, wer ein Erstling ist, der wird immer geopfert. Nun aber sind
wir Erstlinge.
Wir bluten Alle an geheimen Opfertischen, wir brennen und braten Alle zu
Ehren alter Götzenbilder.
Unser Bestes ist noch jung: das reizt alte Gaumen. Unser Fleisch ist zart, unser
Fell ist nur ein Lamm-Fell: - wie sollten wir nicht alte Götzenpriester reizen!
In uns selber wohnt er noch, der alte Götzenpriester, der unser Bestes sich zum
Schmause brät. Ach, meine Brüder, wie sollten Erstlinge nicht Opfer sein!
Aber so will es unsre Art; und ich liebe Die, welche sich nicht bewahren wol en.
Die Untergehenden liebe ich mit meiner ganzen Liebe: denn sie gehn hinüber. -
7
Wahr sein - das können Wenige! Und wer es kann, der will es noch nicht! Am
wenigsten aber können es die Guten.
Oh diese Guten! - Gute Menschen reden nie die Wahrheit; für den Geist ist
solchermaassen gut sein eine Krankheit.
Sie geben nach, diese Guten, sie ergeben sich, ihr Herz spricht nach, ihr Grund
gehorcht; wer aber gehorcht, der hört sich selber nicht!
Alles, was den Guten böse heisst, muss zusammen kommen, dass Eine
Wahrheit geboren werde: oh meine Brüder, seid ihr auch böse genug zu dieser
Wahrheit?
Das verwegene Wagen, das lange Misstrauen, das grausame Nein, der
Überdruss, das Schneiden in′s Lebendige - wie selten kommt das zusammen!
Aus solchem Samen aber wird Wahrheit gezeugt!
Neben dem bösen Gewissen wuchs bisher alles Wissen! Zerbrecht, zerbrecht
mir, ihr Erkennenden, die alten Tafeln!
162
8
Wenn das Wasser Balken hat, wenn Stege und Geländer über den Fluss
springen: wahrlich, da findet Keiner Glauben, der da spricht: »Alles ist im
Fluss.«
Sondern selber die Tölpel widersprechen ihm. »Wie? sagen die Tölpel, Alles
wäre im Flusse? Balken und Geländer sind doch über dem Flusse!«
» Über dem Flusse ist Alles fest, alle die Werthe der Dinge, die Brücken,
Begriffe, alles »Gut« und »Böse«: das ist Alles fest!« -
Kommt gar der harte Winter, der Fluss-Thierbändiger: dann lernen auch die
Witzigsten Misstrauen; und, wahrlich, nicht nur die Tölpel sprechen dann:
»Sollte nicht Alles - stille stehn?«
»Im Grunde steht Alles stille« -, das ist eine rechte Winter-Lehre, ein gut Ding
für unfruchtbare Zeit, ein guter Trost für Winterschläfer und Ofenhocker.
»Im Grund steht Alles still« -: dagegen aber predigt der Thauwind!
Der Thauwind, ein Stier, der kein pflügender Stier ist, - ein wüthender Stier, ein
Zerstörer, der mit zornigen Hörnern Eis bricht! Eis aber - - bricht Stege!
Oh meine Brüder, ist jetzt nicht Alles im Flusse? Sind nicht alle Geländer und
Stege in′s Wasser gefallen? Wer hielte sich noch an »Gut« und »Böse«?
»Wehe uns! Heil uns! Der Thauwind weht!« - Also predigt mir, oh meine
Brüder, durch alle Gassen!
9
Es giebt einen alten Wahn, der heisst Gut und Böse. Um Wahrsager und
Sterndeuter drehte sich bisher das Rad dieses Wahns.
Einst glaubte man an Wahrsager und Sterndeuter: und darum glaubte man
»Alles ist Schicksal: du sollst, denn du musst!«
Dann wieder misstraute man allen Wahrsagern und Sterndeutern: und darum
glaubte man »Alles ist Freiheit: du kannst, denn du willst!«
Oh meine Brüder, über Sterne und Zukunft ist bisher nur gewähnt, nicht
gewusst worden: und darum ist über Gut und Böse bisher nur gewähnt, nicht
gewusst worden!
163
10
»Du sollst nicht rauben! Du sollst nicht todtschlagen!« - solche Worte hiess man
einst heilig; vor ihnen beugte man Knie und Köpfe und zog die Schuhe aus.
Aber ich frage euch: wo gab es je bessere Räuber und Todtschläger in der Welt,
als es solche heilige Worte waren?
Ist in allem Leben selber nicht - Rauben und Todtschlagen? Und dass solche
Worte heilig hiessen, wurde damit die Wahrheit selber nicht - todtgeschlagen?
Oder war es eine Predigt des Todes, dass heilig hiess, was allem Leben
widersprach und widerrieth? - Oh meine Brüder, zerbrecht, zerbrecht mir die
alten tafeln!
11
Diess ist mein Mitleid mit allem Vergangenen, dass ich sehe: es ist preisgegeben,
-
- der Gnade, dem Geiste, dem Wahnsinne jedes Geschlechtes preisgegeben, das
kommt und Alles, was war, zu seiner Brücke umdeutet!
Ein grosser Gewalt-Herr könnte kommen, ein gewitzter Unhold, der mit seiner
Gnade und Ungnade alles Vergangene zwänge und zwängte: bis es ihm Brücke
würde und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei.
Diess aber ist die andre Gefahr und mein andres Mitleiden: - wer vom Pöbel ist,
dessen Gedenken geht zurück bis zum Grossvater, - mit dem Grossvater aber
hört die Zeit auf.
Also ist alles Vergangene preisgegeben: denn es könnte einmal kommen, dass
der Pöbel Herr würde und in seichten Gewässern alle Zeit ertränke.
Darum, oh meine Brüder, bedarf es eines neuen Adels, der allem Pöbel und
allem Gewalt-Herrischen Widersacher ist und auf neue Tafeln neu das Wort
schreibt »edel«.
Vieler Edlen nämlich bedarf es und vielerlei Edlen, dass es Adel gebe! Oder,
wie ich einst im Gleichniss sprach: »Das eben ist Göttlichkeit, dass es Götter,
aber keinen Gott giebt!«
12
Oh meine Brüder, ich weihe und weise euch zu einem neuen Adel: ihr sollt mir
Zeuger und Züchter werden und Säemänner der Zukunft, -
164
- wahrlich, nicht zu einem Adel, den ihr kaufen könntet gleich den Krämern
und mit Krämer-Golde: denn wenig Werth hat Alles, was seinen Preis hat.
Nicht, woher ihr kommt, mache euch fürderhin eure Ehre, sondern wohin ihr
geht! Euer Wille und euer Fuss, der über euch selber hinaus will, - das mache
eure neue Ehre!
Wahrlich nicht, dass ihr einem Fürsten gedient habt - was liegt noch an Fürsten!
- oder dem, was steht, zum Bollwerk wurdet, dass es fester stünde!
Nicht, dass euer Geschlecht an Höfen höfisch wurde, und ihr lerntet, bunt,
einem Flamingo ähnlich, lange Stunden in flachen Teichen stehn.
- Denn Stehen- können ist ein Verdienst bei Höflingen; und alle Höflinge
glauben, zur Seligkeit nach dem Tode gehöre - Sitzen- dürfen! -
Nicht auch, dass ein Geist, den sie heilig nennen, eure Vorfahren in gelobte
Länder führte, die ich nicht lobe: denn wo der schlimmste aller Bäume wuchs,
das Kreuz, - an dem Lande ist Nichts zu loben! -
- und wahrlich, wohin dieser »heilige Geist« auch seine Ritter führte, immer
liefen bei solchen Zügen - Ziegen und Gänse und Kreuz- und Querköpfe
voran! -
Oh meine Brüder, nicht zurück soll euer Adel schauen, sondern hinaus!
Vertriebene sollt ihr sein aus allen Vater- und Urväterländern!
Eurer Kinder Land sollt ihr lieben: diese Liebe sei euer neuer Adel, - das
unentdeckte, im feinsten Meere! Nach ihm heisse ich eure Segel suchen und
suchen!
An euren Kindern sollt ihr gutmachen, dass ihr eurer Väter Kinder seid: alles
Vergangene sollt ihr so erlösen! Diese neue Tafel stelle ich über euch!
13
»Wozu leben? Alles ist eitel! Leben - das ist Stroh dreschen; Leben - das ist sich
verbrennen und doch nicht warm werden.« -
Solch alterthümliches Geschwätz gilt immer noch als »Weisheit«; dass es aber alt
ist und dumpfig riecht, darum wird es besser geehrt. Auch der Moder adelt. -
Kinder durften so reden: die scheuen das Feuer, weil es sie brannte! Es ist viel
Kinderei in den alten Büchern der Weisheit.
Und wer immer »Stroh drischt«, wie sollte der auf das Dreschen lästern dürfen!
Solchem Narren müsste man doch das Maul verbinden!
165
Solche setzen sich zu Tisch und bringen Nichts mit, selbst den guten Hunger
nicht: - und nun lästern sie »Alles ist eitel!«
Aber gut essen und trinken, oh meine Brüder, ist wahrlich keine eitle Kunst!
Zerbrecht, zerbrecht mir die Tafeln der Nimmer-Frohen!
14
»Dem Reinen ist Alles rein« - so spricht das Volk. Ich aber sage euch: den
Schweinen wird Alles Schwein!
Darum predigen die Schwärmer und Kopfhänger, denen auch das Herz
niederhängt: »die Welt selber ist ein kothiges Ungeheuer.«
Denn diese Alle sind unsäuberlichen Geistes; sonderlich aber Jene, welche nicht
Ruhe, noch Rast haben, es sei denn, sie sehen die Welt von hinten, - die
Hinterweltler!
Denen sage ich in′s Gesicht, ob es gleich nicht lieblich klingt: die Welt gleicht
darin dem Menschen, dass sie einen Hintern hat, - so Viel ist wahr!
Es giebt in der Welt viel Koth: so Viel ist wahr! Aber darum ist die Welt selber
noch kein kothiges Ungeheuer!
Es ist Weisheit darin, dass Vieles in der Welt übel riecht: der Ekel selber schafft
Flügel und quellenahnende Kräfte!
An dem Besten ist noch Etwas zum Ekeln; und der Beste ist noch Etwas, das
überwunden werden muss! -
Oh meine Brüder, es ist viel Weisheit darin, dass viel Koth in der Welt ist! -
15
Solche Sprüche hörte ich fromme Hinterweltler zu ihrem Gewissen reden; und
wahrlich, ohne Arg und Falsch, - ob es Schon nichts Falscheres in der Welt
giebt, noch Ärgeres.
»Lass doch die Welt der Welt sein! Hebe dawider auch nicht Einen Finger auf!«
»Lass, wer da wolle, die Leute würgen und stechen und schneiden und schaben:
hebe dawider auch nicht Einen Finger auf! Darob lernen sie noch der Welt
absagen.«
»Und deine eigne Vernunft - die sollst du selber görgeln und würgen; denn es
ist eine Vernunft von dieser Welt, - darob lernst du selber der Welt absagen.« -
- Zerbrecht, zerbrecht mir, oh meine Brüder, diese alten Tafeln der Frommen!
Zersprecht mir die Sprüche der Welt-Verleumder!
166
16
»Wer viel lernt, der verlernt alles heftige Begehren« - das flüstert man heute sich
zu auf allen dunklen Gassen.
»Weisheit macht müde, es lohnt sich - Nichts; du sol st nicht begehren!« - diese
neue Tafel fand ich hängen selbst auf offnen Märkten.
Zerbrecht mir, oh meine Brüder, zerbrecht mir auch diese neue Tafel! Die Welt-
Müden hängten sie hin und die Prediger des Todes, und auch die Stockmeister:
denn seht, es ist auch eine Predigt zur Knechtschaft! -
Dass sie schlecht lernten und das Beste nicht, und Alles zu früh und Alles zu
geschwind: dass sie schlecht assen, daher kam ihnen jener verdorbene Magen, -
- ein verdorbener Magen ist nämlich ihr Geist: der räth zum Tode! Denn
wahrlich, meine Brüder, der Geist ist ein Magen!
Das Leben ist ein Born der Lust: aber aus wem der verdorbene Magen redet,
der Vater der Trübsal, dem sind alle Quellen vergiftet.
Erkennen: das ist Lust dem Löwen-willigen! Aber wer müde wurde, der wird
selber nur »gewollt«, mit dem spielen alle Wellen.
Und so ist es immer schwacher Menschen Art: sie verlieren sich auf ihren
Wegen. Und zuletzt fragt noch ihre Müdigkeit: »wozu giengen wir jemals Wege!
Es ist Alles gleich!«
Denen klingt es lieblich zu Ohren, dass gepredigt wird: »Es verlohnt sich
Nichts! Ihr sollt nicht wollen!« Diess aber ist eine Predigt zur Knechtschaft.
Oh meine Brüder, ein frischer Brause-Wind kommt Zarathustra allen Weg-
Müden; viele Nasen wird er noch niesen machen!
Auch durch Mauern bläst mein freier Athem, und hinein in Gefängnisse und
eingefangne Geister!
Wollen befreit: denn Wollen ist Schaffen: so lehre ich. Und nur zum Schaffen
sollt ihr lernen!
Und auch das Lernen sollt ihr erst von mir lernen, das Gut-Lernen! - Wer
Ohren hat, der höre!
17
Da steht der Nachen, - dort hinüber geht es vielleicht in′s grosse Nichts. - Aber
wer will in diess »Vielleicht« einsteigen?
167
Niemand von euch will in den Todes-Nachen einsteigen! Wieso wollt ihr dann
Welt-Müde sein!
Weltmüde! Und noch nicht einmal Erd-Entrückte wurdet ihr! Lüstern fand ich
euch immer noch nach Erde, verliebt noch in die eigne Erd-Müdigkeit!
Nicht umsonst hängt euch die Lippe herab: - ein kleiner Erden-Wunsch sitzt
noch darauf! Und im Auge - schwimmt da nicht ein Wölkchen unvergessner
Erden-Lust?
Es giebt auf Erden viel gute Erfindungen, die einen nützlich, die andern
angenehm: derentwegen ist die Erde zu lieben.
Und mancherlei so gut Erfundenes giebt es da, dass es ist wie des Weibes
Busen: nützlich zugleich und angenehm.
Ihr Welt-Müden aber! Ihr Erden-Faulen! Euch soll man mit Ruthen streichen!
Mit Ruthenstreichen soll man euch wieder muntre Beine machen.
Denn: seid ihr nicht Kranke und verlebte Wichte, deren die Erde müde ist, so
seid ihr schlaue Faulthiere oder naschhafte verkrochene Lust-Katzen. Und wollt
ihr nicht wieder lustig laufen, so sollt ihr - dahinfahren!
An Unheilbaren soll man nicht Arzt sein wollen: also lehrt es Zarathustra: - so
sollt ihr dahinfahren!
Aber es gehört mehr Muth dazu, ein Ende zu machen, als einen neuen Vers: das
wissen alle Ärzte und Dichter. -
18
Oh meine Brüder, es giebt Tafeln, welche die Ermüdung, und Tafeln, welche
die Faulheit schuf, die faulige: ob sie schon gleich reden, so wollen sie doch
ungleich gehört sein. -
Seht hier diesen Verschmachtenden! Nur eine Spanne weit ist er noch von
seinem Ziele, aber vor Müdigkeit hat er sich trotzig hier in den Staub gelegt:
dieser Tapfere!
Vor Müdigkeit gähnt er Weg und Erde und Ziel und sich selber an: keinen
Schritt will er noch weiter thun, - dieser Tapfere!
Nun glüht die Sonne auf ihn, und die Hunde lecken nach seinem Schweisse:
aber er liegt da in seinem Trotze und will lieber verschmachten: -
- eine Spanne weit von seinem Ziele verschmachten! Wahrlich, ihr werdet ihn
noch an den Haaren in seinen Himmel ziehen müssen, - diesen Helden!
168
Besser noch, ihr lasst ihn liegen, wohin er sich gelegt hat, dass der Schlaf ihm
komme, der Tröster, mit kühlendem Rausche-Regen:
Lasst ihn liegen, bis er von selber wach wird, bis er von selber alle Müdigkeit
widerruft und was Müdigkeit aus ihm lehrte!
Nur, meine Brüder, dass ihr die Hunde von ihm scheucht, die faulen Schleicher,
und all das schwärmende Geschmeiss: -
- all das schwärmende Geschmeiss der »Gebildeten«, das sich am Schweisse
jedes Helden - gütlich thut! -
19
Ich schliesse Kreise um mich und heilige Grenzen; immer Wenigere steigen mit
mir auf immer höhere Berge, - ich baue ein Gebirge aus immer heiligeren
Bergen. -
Wohin ihr aber auch mit mir steigen mögt, oh meine Brüder: seht zu, dass nicht
ein Schmarotzer mit euch steige!
Schmarotzer: das ist ein Gewürm, ein kriechendes, geschmiegtes, das fett
werden will an euren kranken wunden Winkeln.
Und das ist seine Kunst, dass er steigende Seelen erräth, wo sie müde sind: in
euren Gram und Unmuth, in eure zarte Scham baut er sein ekles Nest.
Wo der Starke schwach, der Edle allzumild ist, - dahinein baut er sein ekles
Nest: der Schmarotzer wohnt, wo der Grosse kleine wunde Winkel hat.
Was ist die höchste Art alles Seienden und was die geringste? Der Schmarotzer
ist die geringste Art; wer aber höchster Art ist, der ernährt die meisten
Schmarotzer.
Die Seele nämlich, welche die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter kann:
wie sollten nicht an der die meisten Schmarotzer sitzen? -
- die umfänglichste Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und
schweifen kann; die nothwendigste, welche sich aus Lust in den Zufall stürzt: -
- die seiende Seele, welche in′s Werden taucht; die habende, welche in′s Wollen
und Verlangen will: -
- die sich selber fliehende, die sich selber im weitesten Kreise einholt; die
weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten zuredet: -
- die sich selber liebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und Wiederströmen
und Ebbe und Fluth haben: - oh wie sollte die höchste Seele nicht die
schlimmsten Schmarotzer haben?
169
20
Oh meine Brüder, bin ich denn grausam? Aber ich sage: was fällt, das soll man
auch noch stossen!
Das Alles von Heute - das fällt, das verfällt: wer wollte es halten! Aber ich - ich
will es noch stossen!
Kennt ihr die Wollust, die Steine in steile Tiefen rollt? - Diese Menschen von
heute: seht sie doch, wie sie in meine Tiefen rollen!
Ein Vorspiel bin ich besserer Spieler, oh meine Brüder! Ein Beispiel! Thut nach
meinem Beispiele!
Und wen ihr nicht fliegen lehrt, den lehrt mir - schneller fallen! -
21
Ich liebe die Tapferen: aber es ist nicht genug, Hau-Degen sein, - man muss
auch wissen Hau-schau- Wen !
Und oft ist mehr Tapferkeit darin, dass Einer an sich hält und vorübergeht:
damit er sich dem würdigeren Feinde aufspare!
Ich sollt nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum
Verachten: ihr müsst stolz auf euren Feind sein: also lehrte ich schon Ein Mal.
Dem würdigeren Feinde, oh meine Freunde, sollt ihr euch aufsparen: darum
müsst ihr an Vielem vorübergehn, -
- sonderlich an vielem Gesindel, das euch in die Ohren lärmt von Volk und
Völkern.
Haltet euer Auge rein von ihrem Für und Wider! Da giebt es viel Recht, viel
Unrecht: wer da zusieht, wird zornig.
Dreinschaun, dreinhaun - das ist da Eins: darum geht weg in die Wälder und
legt euer Schwert schlafen!
Geht eure Wege! Und lasst Volk und Völker die ihren gehn! - dunkle Wege
wahrlich, auf denen auch nicht Eine Hoffnung mehr wetterleuchtet!
Mag da der Krämer herrschen, wo Alles, was noch glänzt - Krämer-Gold ist! Es
ist die Zeit der Könige nicht mehr: was sich heute Volk heisst, verdient keine
Könige.
Seht doch, wie diese Völker jetzt selber den Krämern gleich thun: sie lesen sich
die kleinsten Vortheile noch aus jedem Kehricht!
170
Sie lauern einander auf, sie lauern einander Etwas ab, - das heissen sie »gute
Nachbarschaft.« Oh selige ferne Zeit, wo ein Volk sich sagte: »ich will über
Völker - Herr sein!«
Denn, meine Brüder: das Beste soll herrschen, das Beste will auch herrschen!
Und wo die Lehre anders lautet, da - fehlt es am Besten.
22
Wenn Die - Brod umsonst hätten, wehe! Wonach würden Die schrein! Ihr
Unterhalt - das ist ihre rechte Unterhaltung; und sie sollen es schwer haben!
Raubthiere sind es.- in ihrem »Arbeiten« - da ist auch noch Rauben, in ihrem
»Verdienen« - da ist auch noch Überlisten! Darum sollen sie es schwer haben!
Bessere Raubthiere sollen sie also werden, feinere, klügere, menschen-
ähnlichere: der Mensch nämlich ist das beste Raubthier.
Allen Thieren hat der Mensch schon ihre Tugenden abgeraubt: das macht, von
allen Thieren hat es der Mensch am schwersten gehabt.
Nur noch die Vögel sind über ihm. Und wenn der Mensch noch fliegen lernte,
wehe! wohinauf - würde seine Raublust fliegen!
23
So will ich Mann und Weib: kriegstüchtig den Einen, gebärtüchtig das Andre,
beide aber tanztüchtig mit Kopf und Beinen.
Und verloren sei uns der Tag, wo nicht Ein Mal getanzt wurde! Und falsch
heisse uns jede Wahrheit, bei der es nicht Ein Gelächter gab!
24
Euer Eheschliessen: seht zu, dass es nicht ein schlechtes Schliessen sei! Ihr
schlosset zu schnell: so folgt daraus - Ehebrechen!
Und besser noch Ehebrechen als Ehe-biegen, Ehelügen! - So sprach mir ein
Weib: »wohl brach ich die Ehe, aber zuerst brach die Ehe - mich!«
Schlimm-Gepaarte fand ich immer als die schlimmsten Rachsüchtigen: sie
lassen es aller Welt entgelten, dass sie nicht mehr einzeln laufen.
Desswillen will ich, dass Redliche zu einander reden: »wir lieben uns: lasst uns
zusehn, dass wir uns lieb behalten! Oder soll unser Versprechen ein Versehen
sein?«
171
- »Gebt uns eine Frist und kleine Ehe, dass wir zusehn, ob wir zur grossen Ehe
taugen! Es ist ein grosses Ding, immer zu Zwein sein!«
Also rathe ich allen Redlichen; und was wäre denn meine Liebe zum
Übermenschen und zu Allem, was kommen soll, wenn ich anders riethe und
redete!
Nicht nur fort euch zu pflanzen, sondern hinauf - dazu, oh meine Brüder, helfe
euch der Garten der Ehe!
25
Wer über alte Ursprünge weise wurde, siehe, der wird zuletzt nach Quellen der
Zukunft suchen und nach neuen Ursprüngen. -
Oh meine Brüder, es ist nicht über lange, da werden neue Völker entspringen
und neue Quellen hinab in neue Tiefen rauschen.
Das Erdbeben nämlich - das verschüttet viel Brunnen, das schafft viel
Verschmachten: das hebt auch innre Kräfte und Heimlichkeiten an′s Licht.
Das Erdbeben macht neue Quellen offenbar. Im Erdbeben alter Völker
brechen neue Quellen aus.
Und wer da ruft: »Siehe hier ein Brunnen für viele Durstige, Ein Herz für viele
Sehnsüchtige, Ein Wille für viele Werkzeuge«: - um den sammelt sich ein Volk,
das ist: viel Versuchende.
Wer befehlen kann, wer gehorchen muss - Das wird da versucht! Ach, mit welch
langem Suchen und Rathen und Missrathen und Lernen und Neu-Versuchen!
Die Menschen-Gesellschaft: die ist ein Versuch, so lehre ich′s, - ein langes
Suchen: sie sucht aber den Befehlenden! -
- ein Versuch, oh meine Brüder! Und kein »Vertrag«! Zerbrecht, zerbrecht mir
solch Wort der Weich-Herzen und Halb- und Halben!
26
Oh meine Brüder! Bei Welchen liegt doch die grösste Gefahr aller Menschen-
Zukunft? Ist es nicht bei den Guten und Gerechten? -
- als bei Denen, die sprechen und im Herzen fühlen: »wir wissen schon, was gut
ist und gerecht, wir haben es auch; wehe Denen, die hier noch suchen!« -
Und was für Schaden auch die Bösen thun mögen: der Schaden der Guten ist
der schädlichste Schaden!
172
Und was für Schaden auch die Welt-Verleumder thun mögen: der Schaden der
Guten ist der schädlichste Schaden.
Oh meine Brüder, den Guten und Gerechten sah Einer einmal in′s Herz, der da
sprach: »es sind die Pharisäer.« Aber man verstand ihn nicht.
Die Guten und Gerechten selber durften ihn nicht verstehen: ihr Geist ist
eingefangen in ihr gutes Gewissen. Die Dummheit der Guten ist unergründlich
klug.
Das aber ist die Wahrheit: die Guten müssen Pharisäer sein, - sie haben keine
Wahl!
Die Guten müssen Den kreuzigen, der sich seine eigne Tugend erfindet! Das ist
die Wahrheit!
Der Zweite aber, der ihr Land entdeckte, Land, Herz und Erdreich der Guten
und Gerechten: das war, der da fragte: »wen hassen sie am meisten?«
Den Schaffenden hassen sie am meisten: den, der Tafeln bricht und alte Werthe,
den Brecher - den heissen sie Verbrecher.
Die Guten nämlich - die können nicht schaffen: die sind immer der Anfang
vom Ende:-
- sie kreuzigen Den, der neue Werthe auf neue Tafeln schreibt, sie opfern sich
die Zukunft, - sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft!
Die Guten - die waren immer der Anfang vom Ende. -
27
Oh meine Brüder, verstandet ihr auch diess Wort? Und was ich einst sagte vom
»letzten Menschen«? - -
Bei Welchen liegt die grösste Gefahr aller Menschen-Zukunft? Ist es nicht bei
den Guten und Gerechten?
Zerbrecht, zerbrecht mir die Guten und Gerechten! - Oh meine Brüder,
verstandet ihr auch diess Wort?
28
Ihr flieht von mir? Ihr seid erschreckt? Ihr zittert vor diesem Worte?
Oh meine Brüder, als ich euch die Guten zerbrechen hiess und die Tafeln der
Guten: da erst schiffte ich den Menschen ein auf seine hohe See.
173
Und nun erst kommt ihm der grosse Schrecken, das grosse Um-sich-sehn, die
grosse Krankheit, der grosse Ekel, die grosse See-Krankheit.
Falsche Küsten und falsche Sicherheiten lehrten euch die Guten; in Lügen der
Guten wart ihr geboren und geborgen. Alles ist in den Grund hinein verlogen
und verbogen durch die Guten.
Aber wer das Land »Mensch« entdeckte, entdeckte auch das Land »Menschen-
Zukunft«. Nun sollt ihr mir Seefahrer sein, wackere, geduldsame!
Aufrecht geht mir bei Zeiten, oh meine Brüder, lernt aufrecht gehn! Das Meer
stürmt: Viele wollen an euch sich wieder aufrichten.
Das Meer stürmt: Alles ist im Meere. Wohlan! Wohlauf! Ihr alten Seemanns-
Herzen!
Was Vaterland! Dorthin will unser Steuer, wo unser Kinder-Land ist!
Dorthinaus, stürmischer als das Meer, stürmt unsre grosse Sehnsucht! -
29
»Warum so hart! - sprach zum Diamanten einst die Küchen-Kohle; sind wir
denn nicht Nah-Verwandte?« -
Warum so weich? Oh meine Brüder, also frage ich euch: seid ihr denn nicht -
meine Brüder?
Warum so weich, so weichend und nachgebend? Warum ist so viel Leugnung,
Verleugnung in eurem Herzen? So wenig Schicksal in eurem Blicke?
Und wollt ihr nicht Schicksale sein und Unerbittliche: wie könntet ihr mit mir -
siegen?
Und wenn eure Härte nicht blitzen und scheiden und zerschneiden will: wie
könntet ihr einst mit mir - schaffen?
Die Schaffenden nämlich sind hart. Und Seligkeit muss es euch dünken, eure
Hand auf Jahrtausende zu drücken wie auf Wachs, -
- Seligkeit, auf dem Willen von Jahrtausenden zu schreiben wie auf Erz, - härter
als Erz, edler als Erz. Ganz hart ist allein das Edelste.
Diese neue Tafel, oh meine Brüder, stelle ich über euch: werdet hart! -
30
Oh du mein Wille! Du Wende aller Noth du meine Nothwendigkeit! Bewahre
mich vor allen kleinen Siegen!
174
Du Schickung meiner Seele, die ich Schicksal heisse! Du-In-mir! Über-mir!
Bewahre und spare mich auf zu Einem grossen Schicksale!
Und deine letzte Grösse, mein Wille, spare dir für dein Letztes auf, - dass du
unerbittlich bist in deinem Siege! Ach, wer unterlag nicht seinem Siege!
Ach, wessen Auge dunkelte nicht in dieser trunkenen Dämmerung! Ach, wessen
Fuss taumelte nicht und verlernte im Siege - stehen! -
- Dass ich einst bereit und reif sei im grossen Mittage: bereit und reif gleich
glühendem Erze, blitzschwangrer Wolke und schwellendem Milch-Euter: -
- bereit zu mir selber und zu meinem verborgensten Willen: ein Bogen brünstig
nach seinem Pfeile, ein Pfeil brünstig nach seinem Sterne: -
- ein Stern bereit und reif in seinem Mittage, glühend, durchbohrt, selig vor
vernichtenden Sonnen-Pfeilen: -
- eine Sonne selber und ein unerbittlicher Sonnen-Wille, zum Vernichten bereit
im Siegen!
Oh Wille, Wende aller Noth, du meine Nothwendigkeit! Spare mich auf zu
Einem grossen Siege! - -
Also sprach Zarathustra.
Der Genesende
1
Eines Morgens, nicht lange nach seiner Rückkehr zur Höhle, sprang Zarathustra
von seinem Lager auf wie ein Toller, schrie mit furchtbarer Stimme und
gebärdete sich, als ob noch Einer auf dem Lager läge, der nicht davon aufstehn
wolle; und also tönte Zarathustra′s Stimme, dass seine Thiere erschreckt
hinzukamen, und dass aus allen Höhlen und Schlupfwinkeln, die Zarathustra′s
Höhle benachbart waren, alles Gethier davon huschte, - fliegend, flatternd,
kriechend, springend, wie ihm nur die Art von Fuss und Flügel gegeben war.
Zarathustra aber redete diese Worte:
Herauf, abgründlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und
Morgen-Grauen, verschlafener Wurm: auf! auf! Meine Stimme soll dich schon
wach krähen!
Knüpfe die Fessel deiner Ohren los: horche! Denn ich will dich hören! Auf!
Auf! Hier ist Donners genug, dass auch Gräber horchen lernen!
175
Und wische den Schlaf und alles Blöde, Blinde aus deinen Augen! Höre mich
auch mit deinen Augen: meine Stimme ist ein Heilmittel noch für Blindgeborne.
Und bist du erst wach, sollst du mir ewig wach bleiben. Nicht ist das meine Art,
Urgrossmütter aus dem Schlafe wecken, dass ich sie heisse - weiterschlafen!
Du regst dich, dehnst dich, röchelst? Auf! Auf! Nicht röcheln - reden sollst du
mir! Zarathustra ruft dich, der Gottlose!
Ich, Zarathustra, der Fürsprecher des Lebens, der Fürsprecher des Leidens, der
Fürsprecher des Kreises - dich rufe ich, meinen abgründlichsten Gedanken!
Heil mir! Du kommst - ich höre dich! Mein Abgrund redet, meine letzte Tiefe
habe ich an′s Licht gestülpt!
Heil mir! Heran! Gieb die Hand - - ha! lass! Haha! - - Ekel, Ekel, Ekel - - - wehe
mir!
2
Kaum aber hatte Zarathustra diese Worte gesprochen, da stürzte er nieder
gleich einem Todten und blieb lange wie ein Todter. Als er aber wieder zu sich
kam, da war er bleich und zitterte und blieb liegen und wollte lange nicht essen
noch trinken. Solches Wesen dauerte an ihm sieben Tage; seine Thiere
verliessen ihn aber nicht bei Tag und Nacht, es sei denn, dass der Adler ausflog,
Speise zu holen. Und was er holte und zusammenraubte, das legte er auf
Zarathustra′s Lager: also dass Zarathustra endlich unter gelben und rothen
Beeren, Trauben, Rosenäpfeln, wohlriechendem Krautwerke und Pinien-Zapfen
lag. Zu seinen Füssen aber waren zwei Lämmer gebreitet, welche der Adler mit
Mühe ihren Hirten abgeraubt hatte.
Endlich, nach sieben Tagen, richtete sich Zarathustra auf seinem Lager auf,
nahm einen Rosenapfel in die Hand, roch daran und fand seinen Geruch
lieblich. Da glaubten seine Thiere, die Zeit sei gekommen, mit ihm zu reden.
»Oh Zarathustra, sagten sie, nun liegst du schon sieben Tage so, mit schweren
Augen: willst du dich nicht endlich wieder auf deine Füsse stellen?
Tritt hinaus aus deiner Höhle: die Welt wartet dein wie ein Garten. Der Wind
spielt mit schweren Wohlgerüchen, die zu dir wol en; und alle Bäche möchten
dir nachlaufen.
Alle Dinge sehnen sich nach dir, dieweil du sieben Tage allein bliebst, - tritt
hinaus aus deiner Höhle! Alle Dinge wollen deine Ärzte sein!
176
Kam wohl eine neue Erkenntniss zu dir, eine saure, schwere? Gleich
angesäuertem Teige lagst du, deine Seele gieng auf und schwoll über alle ihre
Ränder. -«
- Oh meine Thiere, antwortete Zarathustra, schwätzt also weiter und lasst mich
zuhören! Es erquickt mich so, dass ihr schwätzt: wo geschwätzt wird, da liegt
mir schon die Welt wie ein Garten.
Wie lieblich ist es, dass Worte und Töne da sind: sind nicht Worte und Töne
Regenbogen und Schein-Brücken zwischen Ewig-Geschiedenem?
Zu jeder Seele gehört eine andre Welt; für jede Seele ist jede andre Seele eine
Hinterwelt.
Zwischen dem Ähnlichsten gerade lügt der Schein am schönsten; denn die
kleinste Kluft ist am schwersten zu überbrücken.
Für mich - wie gäbe es ein Ausser-mir? Es giebt kein Aussen! Aber das
vergessen wir bei allen Tönen; wie lieblich ist es, dass wir vergessen!
Sind nicht den Dingen Namen und Töne geschenkt, dass der Mensch sich an
den Dingen erquicke? Es ist eine schöne Narrethei, das Sprechen: damit tanzt
der Mensch über alle Dinge.
Wie lieblich ist alles Reden und alle Lüge der Töne! Mit Tönen tanzt unsre
Liebe auf bunten Regenbögen. -
- »Oh Zarathustra, sagten darauf die Thiere, Solchen, die denken wie wir,
tanzen alle Dinge selber: das kommt und reicht sich die Hand und lacht und
flieht - und kommt zurück.
Alles geht, Alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins. Alles stirbt, Alles
blüht wieder auf, ewig läuft das Jahr des Seins.
Alles bricht, Alles wird neu gefügt; ewig baut sich das gleiche Haus des Seins.
Alles scheidet, Alles grüsst sich wieder; ewig bleibt sich treu der Ring des Seins.
In jedem Nu beginnt das Sein; um jedes Hier rollt sich die Kugel Dort. Die
Mitte ist überall. Krumm ist der Pfad der Ewigkeit.« -
- Oh ihr Schalks-Narren und Drehorgeln! antwortete Zarathustra und lächelte
wieder, wie gut wisst ihr, was sich in sieben Tagen erfüllen musste: -
- und wie jenes Unthier mir in den Schlund kroch und mich würgte! Aber ich
biss ihm den Kopf ab und spie ihn weg von mir.
Und ihr, - ihr machtet schon ein Leier-Lied daraus? Nun aber liege ich da, müde
noch von diesem Beissen und Wegspein, krank noch von der eigenen Erlösung.
177
Und ihr schautet dem Allen zu? Oh meine Thiere, seid auch ihr grausam? Habt
ihr meinem grossen Schmerze zuschaun wollen, wie Menschen thun? Der
Mensch nämlich ist das grausamste Thier.
Bei Trauerspielen, Stierkämpfen und Kreuzigungen ist es ihm bisher am
wohlsten geworden auf Erden; und als er sich die Hölle erfand, siehe, da war
das sein Himmel auf Erden.
Wenn der grosse Mensch schreit -: flugs läuft der kleine hinzu; und die Zunge
hängt ihm aus dem Halse vor Lüsternheit. Er aber heisst es sein »Mitleiden.«
Der kleine Mensch, sonderlich der Dichter - wie eifrig klagt er das Leben in
Worten an! Hört hin, aber überhört mir die Lust nicht, die in allem Anklagen
ist!
Solche Ankläger des Lebens: die überwindet das Leben mit einem
Augenblinzeln. »Du liebst mich? sagt die Freche; warte noch ein Wenig, noch
habe ich für dich nicht Zeit.«
Der Mensch ist gegen sich selber das grausamste Thier; und bei Allem, was sich
»Sünder« und »Kreuzträger« und »Büsser« heisst, überhört mir die Wollust
nicht, die in diesem Klagen und Anklagen ist!
Und ich selber - will ich damit des Menschen Ankläger sein? Ach, meine Thiere,
Das allein lernte ich bisher, dass dem Menschen sein Bösestes nöthig ist zu
seinem Besten, -
- dass alles Böseste seine beste Kraft ist und der härteste Stein dem höchsten
Schaffenden; und dass der Mensch besser und böser werden muss: -
Nicht an diess Marterholz war ich geheftet, dass ich weiss: der Mensch ist böse,
- sondern ich schrie, wie noch Niemand geschrien hat:
»Ach dass sein Bösestes so gar klein ist! Ach dass sein Bestes so gar klein ist!«
Der grosse Überdruss am Menschen - der würgte mich und war mir in den
Schlund gekrochen: und was der Wahrsager wahrsagte: »Alles ist gleich, es lohnt
sich Nichts, Wissen würgt.«
Eine lange Dämmerung hinkte vor mir her, eine todesmüde, todestrunkene
Traurigkeit, welche mit gähnendem Munde redete.
»Ewig kehrt er wieder, der Mensch, dess du müde bist, der kleine Mensch« - so
gähnte meine Traurigkeit und schleppte den Fuss und konnte nicht einschlafen.
Zur Höhle wandelte sich mir die Menschen-Erde, ihre Brust sank hinein, alles
Lebendige ward mir Menschen-Moder und Knochen und morsche
Vergangenheit.
178
Mein Seufzen sass auf allen Menschen-Gräbern und konnte nicht mehr
aufstehn; mein Seufzen und Fragen unkte und würgte und nagte und klagte bei
Tag und Nacht:
- »ach, der Mensch kehrt ewig wieder! Der kleine Mensch kehrt ewig wieder!« -
Nackt hatte ich einst Beide gesehn, den grössten Menschen und den kleinsten
Menschen: allzuähnlich einander, - allzumenschlich auch den Grössten noch!
Allzuklein der Grösste! - Das war mein Überdruss am Menschen! Und ewige
Wiederkunft auch des Kleinsten! - Das war mein Überdruss an allem Dasein!
Ach, Ekel! Ekel! Ekel! - - Also sprach Zarathustra und seufzte und schauderte;
denn er erinnerte sich seiner Krankheit. Da liessen ihn aber seine Thiere nicht
weiter reden.
»Sprich nicht weiter, du Genesender! - so antworteten ihm seine Thiere,
sondern geh hinaus, wo die Welt auf dich wartet gleich einem Garten.
Geh hinaus zu den Rosen und Bienen und Taubenschwärmen! Sonderlich aber
zu den Singe-Vögeln: dass du ihnen das Singen ablernst!
Singen nämlich ist für Genesende; der Gesunde mag reden. Und wenn auch der
Gesunde Lieder will, will er andre Lieder doch als der Genesende.«
- »Oh ihr Schalks-Narren und Drehorgeln, so schweigt doch! - antwortete
Zarathustra und lächelte über seine Thiere. Wie gut ihr wisst, welchen Trost ich
mir selber in sieben Tagen erfand!
Dass ich wieder singen müsse, - den Trost erfand ich mir und diese Genesung:
wollt ihr auch daraus gleich wieder ein Leier-Lied machen?«
- »Sprich nicht weiter, antworteten ihm abermals seine Thiere; lieber noch, du
Genesender, mache dir erst eine Leier zurecht, eine neue Leier!
Denn siehe doch, oh Zarathustra! Zu deinen neuen Liedern bedarf es neuer
Leiern.
Singe und brause über, oh Zarathustra, heile mit neuen Liedern deine Seele:
dass du dein grosses Schicksal tragest, das noch keines Menschen Schicksal war!
Denn deine Thiere wissen es wohl, oh Zarathustra, wer du bist und werden
musst: siehe, du bist der Lehrer der ewigen Wiederkunft -, das ist nun dein
Schicksal!
Dass du als der Erste diese Lehre lehren musst, - wie sollte diess grosse
Schicksal nicht auch deine grösste Gefahr und Krankheit sein!
179
Siehe, wir wissen, was du lehrst: dass alle Dinge ewig wiederkehren und wir
selber mit, und dass wir schon ewige Male dagewesen sind, und alle Dinge mit
uns.
Du lehrst, dass es ein grosses Jahr des Werdens giebt, ein Ungeheuer von
grossem Jahre: das muss sich, einer Sanduhr gleich, immer wieder von Neuem
umdrehn, damit es von Neuem ablaufe und auslaufe: -
- so dass alle diese Jahre sich selber gleich sind, im Grössten und auch im
Kleinsten, - so dass wir selber in jedem grossen Jahre uns selber gleich sind, im
Grössten und auch im Kleinsten.
Und wenn du jetzt sterben wolltest, oh Zarathustra: siehe, wir wissen auch, wie
du da zu dir sprechen würdest: - aber deine Thiere bitten dich, dass du noch
nicht sterbest!
Du würdest sprechen und ohne Zittern, vielmehr aufathmend vor Seligkeit:
denn eine grosse Schwere und Schwüle wäre von dir genommen, du
Geduldigster! -
»Nun sterbe und schwinde ich, würdest du sprechen, und im Nu bin ich ein
Nichts. Die Seelen sind so sterblich wie die Leiber.
Aber der Knoten von Ursachen kehrt wieder, in den ich verschlungen bin, - der
wird mich wieder schaffen! Ich selber gehöre zu den Ursachen der ewigen
Wiederkunft.
Ich komme wieder, mit dieser Sonne, mit dieser Erde, mit diesem Adler, mit
dieser Schlange - nicht zu einem neuen Leben oder besseren Leben oder
ähnlichen Leben:
- ich komme ewig wieder zu diesem gleichen und selbigen Leben, im Grössten
und auch im Kleinsten, dass ich wieder aller Dinge ewige Wiederkunft lehre, -
- dass ich wieder das Wort spreche vom grossen Erden- und Menschen-Mittage,
dass -ich wieder den Menschen den Übermenschen künde.
Ich sprach mein Wort, ich zerbreche an meinem Wort: so will es mein ewiges
Loos -, als Verkündiger gehe ich zu Grunde!
Die Stunde kam nun, dass der Untergehende sich selber segnet. Also- endet
Zarathustra′s Untergang.« - -
Als die Thiere diese Worte gesprochen hatten, schwiegen sie und warteten, dass
Zarathustra Etwas zu ihnen sagen werde: aber Zarathustra hörte nicht, dass sie
schwiegen. Vielmehr lag er still, mit geschlossenen Augen, einem Schlafenden
ähnlich, ob er schon nicht schlief: denn er unterredete sich eben mit seiner
180
Seele. Die Schlange aber und der Adler, als sie ihn solchermaassen schweigsam
fanden, ehrten die grosse Stille um ihn und machten sich behutsam davon.
Von der grossen Sehnsucht
Oh meine Seele, ich lehrte dich »Heute« sagen wie »Einst« und »Ehemals« und
über alles Hier und Da und Dort deinen Reigen hinweg tanzen.
Oh meine Seele, ich erlöste dich von allen Winkeln, ich kehrte Staub, Spinnen
und Zwielicht von dir ab.
Oh meine Seele, ich wusch die kleine Scham und die Winkel-Tugend von dir ab
und überredete dich, nackt vor den Augen der Sonne zu stehn.
Mit dem Sturme, welcher »Geist« heisst, blies ich über deine wogende See; alle
Wolken blies ich davon, ich erwürgte selbst die Würgerin, die »Sünde« heisst.
Oh meine Seele, ich gab dir das Recht, Nein zu sagen wie der Sturm und Ja zu
sagen wie offner Himmel Ja sagt: still wie Licht stehst du und gehst du nun
durch verneinende Stürme.
Oh meine Seele, ich gab dir die Freiheit zurück über Erschaffnes und
Unerschaffnes: und wer kennt, wie du sie kennst, die Wollust des Zukünftigen?
Oh meine Seele, ich lehrte dich das Verachten, das nicht wie ein Wurmfrass
kommt, das grosse, das liebende Verachten, welches am meisten liebt, wo es am
meisten verachtet.
Oh meine Seele, ich lehrte dich so überreden, dass du zu dir die Gründe selber
überredest: der Sonne gleich, die das Meer noch zu seiner Höhe überredet.
Oh meine Seele, ich nahm von dir alles Gehorchen Kniebeugen und Herr-
Sagen; ich gab dir selber den Namen »Wende der Noth« und »Schicksal«.
Oh meine Seele, ich gab dir neue Namen und bunte Spielwerke, ich hiess dich
»Schicksal« und »Umfang der Umfänge« und »Nabelschnur der Zeit« und
»azurne Glocke«.
Oh meine Seele, deinem Erdreich gab ich alle Weisheit zu trinken, alle neuen
Weine und auch alle unvordenklich alten starken Weine der Weisheit.
Oh meine Seele, jede Sonne goss ich auf dich und jede Nacht und jedes
Schweigen und jede Sehnsucht: - da wuchsest du mir auf wie ein Weinstock.
Oh meine Seele, überreich und schwer stehst du nun da, ein Weinstock mit
schwellenden Eutern und gedrängten braunen Gold-Weintrauben: -
181
- gedrängt und gedrückt von deinem Glücke, wartend vor Überflusse und
schamhaft noch ob deines Wartens.
Oh meine Seele, es giebt nun nirgends eine Seele, die liebender wäre und
umfangender und umfänglicher! Wo wäre Zukunft und Vergangnes näher
beisammen als bei dir?
Oh meine Seele, ich gab dir Alles, und alle meine Hände sind an dich leer
geworden: - und nun! Nun sagst du mir lächelnd und voll Schwermuth: »Wer
von uns hat zu danken? -
- hat der Geber nicht zu danken, dass der Nehmende nahm? Ist Schenken nicht
eine Nothdurft? Ist Nehmen nicht - Erbarmen?« -
Oh meine Seele, ich verstehe das Lächeln deiner Schwermuth: dein Über-
Reichthum selber streckt nun sehnende Hände aus!
Deine Fülle blickt über brausende Meere hin und sucht und wartet; die
Sehnsucht der Über-Fülle blickt aus deinem lächelnden Augen-Himmel!
Und wahrlich, oh meine Seele! Wer sähe dein Lächeln und schmelze nicht vor
Thränen? Die Engel selber schmelzen vor Thränen ob der Über-Güte deines
Lächelns.
Deine Güte und Über-Güte ist es, die nicht klagen und weinen will: und doch
sehnt sich, oh meine Seele, dein Lächeln nach Thränen und dein zitternder
Mund nach Schluchzen.
»Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen nicht ein Anklagen?« Also
redest du zu dir selber, und darum willst du, oh meine Seele, lieber lächeln, als
dein Leid ausschütten.
- in stürzende Thränen ausschütten all dein Leid über deine Fülle und über all
die Drängniss des Weinstocks nach Winzer und Winzermesser!
Aber willst du nicht weinen, nicht ausweinen deine purpurne Schwermuth, so
wirst du singen müssen, oh meine Seele! - Siehe, ich lächle selber, der ich dir
solches vorhersage:
- singen, mit brausendem Gesange, bis alle Meere stil werden, dass sie deiner
Sehnsucht zuhorchen, -
- bis über stille sehnsüchtige Meere der Nachen schwebt, das güldene Wunder,
um dessen Gold alle guten schlimmen wunderlichen Dinge hüpfen: -
- auch vieles grosse und kleine Gethier und Alles, was leichte wunderliche Füsse
hat, dass es auf veilchenblauen Pfaden laufen kann, -
182
- hin zu dem güldenen Wunder, dem freiwilligen Nachen und zu seinem Herrn:
das aber ist der Winzer, der mit diamantenem Winzermesser wartet, -
- dein grosser Löser, oh meine Seele, der Namenlose - - dem zukünftige
Gesänge erst Namen finden! Und wahrlich, schon duftet dein Athem nach
zukünftigen Gesängen, -
- schon glühst du und träumst, schon trinkst du durstig an allen tiefen
klingenden Trost-Brunnen, schon ruht deine Schwermuth in der Seligkeit
zukünftiger Gesänge! - -
Oh meine Seele, nun gab ich dir Al es und auch mein Letztes, und alle meine
Hände sind an dich leer geworden: - dass ich dich singen hiess, siehe, das war
mein Letztes!
Dass ich dich singen hiess, sprich nun, sprich: wer von uns hat jetzt - zu
danken? - Besser aber noch: singe mir, singe, oh meine Seele! Und mich lass
danken! -
Also sprach Zarathustra.
Das andere Tanzlied
1
»In dein Auge schaute ich jüngst, oh Leben: Gold sah ich in deinem Nacht-
Auge blinken, - mein Herz stand still vor dieser Wollust:
- einen goldenen Kahn sah ich blinken auf mächtigen Gewässern, einen
sinkenden, trinkenden, wieder winkenden goldenen Schaukel-Kahn!
Nach meinem Fusse, dem tanzwüthigen, warfst du einen Blick, einen lachenden
fragenden schmelzenden Schaukel-Blick:
Zwei Mal nur regtest du deine Klapper mit kleinen Händen - da schaukelte
schon mein Fuss vor Tanz-Wuth. -
Meine Fersen bäumten sich, meine Zehen horchten, dich zu verstehen: trägt
doch der Tänzer sein Ohr - in seinen Zehen!
Zu dir hin sprang ich: da flohst du zurück vor meinem Sprunge; und gegen
mich züngelte deines fliehenden fliegenden Haars Zunge!
Von dir weg sprang ich und von deinen Schlangen: da standst du schon,
halbgewandt, das Auge voll Verlangen.
Mit krummen Blicken - lehrst du mich krumme Bahnen; auf krummen Bahnen
lernt mein Fuss - Tücken!
183
Ich fürchte dich Nahe, ich liebe dich Ferne; deine Flucht lockt mich, dein
Suchen stockt mich: - ich leide, aber was litt ich um dich nicht gerne!
Deren Kälte zündet, deren Hass verführt, deren Flucht bindet, deren Spott -
rührt:
- wer hasste dich nicht, dich grosse Binderin, Umwinderin, Versucherin,
Sucherin, Finderin! Wer liebte dich nicht, dich unschuldige, ungeduldige,
windseilige, kindsäugige Sünderin!
Wohin ziehst du mich jetzt, du Ausbund und Unband? Und jetzt fliehst du
mich wieder, du süsser Wildfang und Undank!
Ich tanze dir nach, ich folge dir auch auf geringer Spur. Wo bist du? Gieb mir
die Hand! Oder einen Finger nur!
Hier sind Höhlen und Dickichte: wir werden uns verirren! - Halt! Steh still!
Siehst du nicht Eulen und Fledermäuse schwirren?
Du Eule! Du Fledermaus! Du willst mich äffen? Wo sind wir? Von den Hunden
lerntest du diess Heulen und Kläffen.
Du fletschest mich lieblich an mit weissen Zähnlein, deine bösen Augen
springen gegen mich aus lockichtem Mähnlein!
Das ist ein Tanz über Stock und Stein: ich bin der Jäger, - willst du mein Hund
oder meine Gemse sein?
Jetzt neben mir! Und geschwind, du boshafte Springerin! Jetzt hinauf! Und
hinüber! - Wehe! Da fiel ich selber im Springen hin!
Oh sieh mich liegen, du Übermuth, und um Gnade flehn! Gerne möchte ich
mit dir - lieblichere Pfade gehn!
- der Liebe Pfade durch stille bunte Büsche! Oder dort den See entlang: da
schwimmen und tanzen Goldfische!
Du bist jetzt müde? Da drüben sind Schafe und Abendröthen: ist es nicht
schön, zu schlafen, wenn Schäfer flöten?
Du bist so arg müde? Ich trage dich hin, lass nur die Arme sinken! Und hast du
Durst, - ich hätte wohl Etwas, aber dein Mund will es nicht trinken! -
- Oh diese verfluchte flinke gelenke Schlange und Schlupf-Hexe! Wo bist du
hin? Aber im Gesicht fühle ich von deiner Hand zwei Tupfen und rothe Klexe!
Ich bin es wahrlich müde, immer dein schafichter Schäfer zu sein! Du Hexe,
habe ich dir bisher gesungen, nun sollst du mir - schrein!
184
Nach dem Takt meiner Peitsche sol st du mir tanzen und schrein! Ich vergass
doch die Peitsche nicht? - Nein!« -
2
Da antwortete mir das Leben also und hielt sich dabei die zierlichen Ohren zu:
»Oh Zarathustra! Klatsche doch nicht so fürchterlich mit deiner Peitsche! Du
weisst es ja: Lärm mordet Gedanken, - und eben kommen mir so zärtliche
Gedanken.
Wir sind Beide zwei rechte Thunichtgute und Thunichtböse. Jenseits von Gut
und Böse fanden wir unser Eiland und unsre grüne Wiese - wir Zwei allein!
Darum müssen wir schon einander gut sein!
Und lieben wir uns auch nicht von Grund aus -, muss man sich denn gram sein,
wenn man sich nicht von Grund aus liebt?
Und dass ich dir gut bin und oft zu gut, Das weisst du: und der Grund ist, dass
ich auf deine Weisheit eifersüchtig bin. Ah, diese tolle alte Närrin von Weisheit!
Wenn dir deine Weisheit einmal davonliefe, ach! da liefe dir schnell auch meine
Liebe noch davon.« -
Darauf blickte das Leben nachdenklich hinter sich und um sich und sagte leise:
»Oh Zarathustra, du bist mir nicht treu genug!
Du liebst mich lange nicht so sehr wie du redest; ich weiss, du denkst daran,
dass du mich bald verlassen willst.
Es giebt eine alte schwere schwere Brumm-Glocke: die brummt Nachts bis zu
deiner Höhle hinauf: -
- hörst du diese Glocke Mitternachts die Stunde schlagen, so denkst du
zwischen Eins und Zwölf daran -
- du denkst daran, oh Zarathustra, ich weiss es, dass du mich bald verlassen
willst!« -
»Ja, antwortete ich zögernd, aber du weisst es auch -« Und ich sagte ihr Etwas
in′s Ohr, mitten hinein zwischen ihre verwirrten gelben thörichten Haar-
Zotteln.
Du weisst Das, oh Zarathustra? Das weiss Niemand. - -
Und wir sahen uns an und blickten auf die grüne Wiese, über welche eben der
kühle Abend lief, und weinten mit einander. - Damals aber war mir das Leben
lieber, als je alle meine Weisheit. -
185
Also sprach Zarathustra.
3
Eins!
Oh Mensch! Gieb Acht!
Zwei!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
Drei!
»Ich schlief, ich schlief -,
Vier!
»Auf tiefen Traum bin ich erwacht:-
Fünf!
»Die Welt ist tief,
Sechs!
»Und tiefer als der Tag gedacht.
Sieben!
»Tief ist ihr Weh -,
Acht!
»Lust - tiefer noch als Herzeleid:
Neun!
»Weh spricht: Vergeh!
Zehn!
»Doch alle Lust will Ewigkeit -,
Elf!
»- will tiefe, tiefe Ewigkeit!
Zwölf!
186
Die sieben Siegel (Oder: das Ja- und Amen-Lied)
1
Wenn ich ein Wahrsager bin und voll jenes wahrsagerischen Geistes, der auf
hohem Joche zwischen zwei Meeren wandelt, -
zwischen Vergangenem und Zukünftigem als schwere Wolke wandelt, -
schwülen Niederungen feind und Allem, was müde ist und nicht sterben, noch
leben kann.-
zum Blitze bereit im dunklen Busen und zum erlösenden Lichtstrahle,
schwanger von Blitzen, die Ja! sagen, Ja! lachen, zu wahrsagerischen
Blitzstrahlen: -
- selig aber ist der also Schwangere! Und wahrlich, lange muss als schweres
Wetter am Berge hängen, wer einst das Licht der Zukunft zünden soll! -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib,
das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
2
Wenn mein Zorn je Gräber brach, Grenzsteine rückte und alte Tafeln
zerbrochen in steile Tiefen rollte:
Wenn mein Hohn je vermoderte Worte zerblies, und ich wie ein Besen kam den
Kreuzspinnen und als Fegewind alten verdumpften Grabkammern:
Wenn ich je frohlockend sass, wo alte Götter begraben liegen, weltsegnend,
weltliebend neben den Denkmalen alter Welt-Verleumder: -
- denn selbst Kirchen und Gottes-Gräber liebe ich, wenn der Himmel erst
reinen Auges durch ihre zerbrochenen Decken blickt; gern sitze ich gleich Gras
und rothem Mohne auf zerbrochnen Kirchen -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib,
das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
187
3
Wenn je ein Hauch zu mir kam vom schöpferischen Hauche und von jener
himmlischen Noth, die noch Zufälle zwingt, Sternen-Reigen zu tanzen:
Wenn ich je mit dem Lachen des schöpferischen Blitzes lachte, dem der lange
Donner der That grollend, aber gehorsam nachfolgt:
Wenn ich je am Göttertisch der Erde mit Göttern Würfel spielte, dass die Erde
bebte und brach und Feuerflüsse heraufschnob: -
- denn ein Göttertisch ist die Erde, und zitternd von schöpferischen neuen
Worten und Götter-Würfen: -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib,
das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
4
Wenn ich je vollen Zuges trank aus jenem schäumenden Würz- und
Mischkruge, in dem alle Dinge gut gemischt sind:
Wenn meine Hand je Fernstes zum Nächsten goss und Feuer zu Geist und Lust
zu Leid und Schlimmstes zum Gütigsten:
Wenn ich selber ein Korn bin von jenem erlösenden Salze, welches macht, dass
alle Dinge im Mischkruge gut sich mischen: -
- denn es giebt ein Salz, das Gutes mit Bösem bindet; und auch das Böseste ist
zum Würzen würdig und zum letzten Überschäumen: -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib,
das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
5
Wenn ich dem Meere hold bin und Allem, was Meeres-Art ist, und am
holdesten noch, wenn es mir zornig widerspricht:
188
Wenn jene suchende Lust in mir ist, die nach Unentdecktem die Segel treibt,
wenn eine Seefahrer-Lust in meiner Lust ist:
Wenn je mein Frohlocken rief: »die Küste schwand, - nun fiel mir die letzte
Kette ab -
- das Grenzenlose braust um mich, weit hinaus glänzt mir Raum und Zeit,
wohlan! wohlauf! altes Herz!« -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib,
das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
6
Wenn meine Tugend eines Tänzers Tugend ist, und ich oft mit beiden Füssen in
gold-smaragdenes Entzücken sprang:
Wenn meine Bosheit eine lachende Bosheit ist, heimisch unter Rosenhängen
und Lilien-Hecken:
- im Lachen nämlich ist alles Böse bei einander, aber heilig- und losgesprochen
durch seine eigne Seligkeit: -
Und wenn Das mein A und O ist, dass alles Schwere leicht, aller Leib Tänzer,
aller Geist Vogel werde: und wahrlich, Das ist mein A und O! -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib,
das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
7
Wenn ich je stille Himmel über mir ausspannte und mit eignen Flügeln in eigne
Himmel flog:
Wenn ich spielend in tiefen Licht-Fernen schwamm, und meiner Freiheit Vogel-
Weisheit kam: -
- so aber spricht Vogel-Weisheit: »Siehe, es giebt kein Oben, kein Unten! Wirf
dich umher, hinaus, zurück, du Leichter! Singe! sprich nicht mehr!
189
- »sind alle Worte nicht für die Schweren gemacht? Lügen dem Leichten nicht
alle Worte! Singe! sprich nicht mehr!« -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib,
das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Vierter und letzter Theil
Ach, wo in der Welt geschahen grössere Thorheiten, als bei den Mitleidigen?
Und was in der Weit stiftete mehr Leid, als die Thorheiten der Mitleidigen?
Wehe allen Liebenden, die nicht noch eine Höhe haben, welche über ihrem
Mitleiden ist!
Also sprach der Teufel einst zu mir: »auch Gott hat seine Hölle: das ist seine
Liebe zu den Menschen.«
Und jüngst hörte ich ihn diess Wort sagen: »Gott ist todt; an seinem Mitleiden
mit den Menschen ist Gott gestorben.«
Zarathustra, Von den Mitleidigen
Das Honig-Opfer
- Und wieder liefen Monde und Jahre über Zarathustra′s Seele, und er achtete
dessen nicht; sein Haar aber wurde weiss. Eines Tages, als er auf einem Steine
vor seiner Höhle sass und still hinausschaute, - man schaut aber dort auf das
Meer hinaus, und hinweg über gewundene Abgründe - da giengen seine Thiere
nachdenklich um ihn herum und stellten sich endlich vor ihn hin.
»Oh Zarathustra, sagten sie, schaust du wohl aus nach deinem Glücke?« - »Was
liegt am Glücke! antwortete er, ich trachte lange nicht mehr nach Glücke, ich
trachte nach meinem Werke.« - »Oh Zarathustra, redeten die Thiere abermals,
Das sagst du als Einer, der des Guten übergenug hat. Liegst du nicht in einem
himmelblauen See von Glück?« - Ihr Schalks-Narren, antwortete Zarathustra
und lächelte, wie gut wähltet ihr das Gleichniss! Aber ihr wisst auch, dass mein
Glück schwer ist und nicht wie eine flüssige Wasserwelle: es drängt mich und
will nicht von mir und thut gleich geschmolzenem Peche.« -
190
Da giengen die Thiere wieder nachdenklich um ihn herum und stellten sich
dann abermals vor ihn hin. »Oh Zarathustra, sagten sie, daher also kommt es,
dass du selber immer gelber und dunkler wirst, obschon dein Haar weiss und
flächsern aussehen will? Siehe doch, du sitzest in deinem Peche!« - Was sagt ihr
da, meine Thiere, sagte Zarathustra und lachte dazu, wahrlich, ich lästerte als ich
von Peche sprach. Wie mir geschieht, so geht es allen Früchten, die reif werden.
Es ist der Honig in meinen Adern, der mein Blut dicker und auch meine Seele
stiller macht.« - »So wird es sein, oh Zarathustra, antworteten die Thiere und
drängten sich an ihn; willst du aber nicht heute auf einen hohen Berg steigen?
Die Luft ist rein, und man sieht heute mehr von der Welt als jemals.« - »Ja,
meine Thiere, antwortete er, ihr rathet trefflich und mir nach dem Herzen: ich
will heute auf einen hohen Berg steigen! Aber sorgt, dass dort Honig mir zur
Hand sei, gelber, weisser, guter, eisfrischer Waben-Goldhonig. Denn wisset, ich
will droben das Honig-Opfer bringen.« -
Als Zarathustra aber oben auf der Höhe war, sandte er die Thiere heim, die ihn
geleitet hatten, und fand, dass er nunmehr allein sei: - da lachte er aus ganzem
Herzen, sah sich um und sprach also:
Dass ich von Opfern sprach und Honig-Opfern, eine List war′s nur meiner
Rede und, wahrlich, eine nützliche Thorheit! Hier oben darf ich schon freier
reden, als vor Einsiedler-Höhlen und Einsiedler-Hausthieren.
Was opfern! Ich verschwende, was mir geschenkt wird, ich Verschwender mit
tausend Händen: wie dürfte ich Das noch - Opfern heissen!
Und als ich nach Honig begehrte, begehrte ich nur nach Köder und süssem
Seime und Schleime, nach dem auch Brummbären und wunderliche mürrische
böse Vögel die Zunge lecken:
- nach dem besten Köder, wie er Jägern und Fischfängern noththut. Denn
wenn die Welt wie ein dunkler Thierwald ist und aller wilden Jäger Lustgarten,
so dünkt sie mich noch mehr und lieber ein abgründliches reiches Meer,
- ein Meer voll bunter Fische und Krebse, nach dem es auch Götter gelüsten
möchte, dass sie an ihm zu Fischern würden und zu Netz-Auswerfern: so reich
ist die Welt an Wunderlichem, grossem und kleinem!
Sonderlich die Menschen-Welt, das Menschen-Meer: - nach dem werfe ich nun
meine goldene Angelruthe aus und spreche: thue dich auf, du Menschen-
Abgrund!
Thue dich auf und wirf mir deine Fische und Glitzer-Krebse zu! Mit meinem
besten Köder ködere ich mir heute die wunderlichsten Menschen-Fische!
191
- mein Glück selber werfe ich hinaus in alle Weiten und Fernen, zwischen
Aufgang, Mittag und Niedergang, ob nicht an meinem Glücke viele Menschen-
Fische zerrn und zappeln lernen.
Bis sie, anbeissend an meine spitzen verborgenen Haken, hinauf müssen in
meine Höhe, die buntesten Abgrund-Gründlinge zu dem boshaftigsten aller
Menschen- Fischfänger.
Der nämlich bin ich von Grund und Anbeginn, ziehend, heranziehend,
hinaufziehend, aufziehend, ein Zieher, Züchter und Zuchtmeister, der sich nicht
umsonst einstmals zusprach: »Werde, der du bist!«
Also mögen nunmehr die Menschen zu mir hinauf kommen: denn noch warte
ich der Zeichen, dass es Zeit sei zu meinem Niedergange, noch gehe ich selber
nicht unter, wie ich muss, unter Menschen.
Dazu warte ich hier, listig und spöttisch auf hohen Bergen, kein Ungeduldiger,
kein Geduldiger, vielmehr Einer, der auch die Geduld verlernt hat, - weil er
nicht mehr »duldet.«
Mein Schicksal nämlich lässt mir Zeit: es vergass mich wohl? Oder sitzt es
hinter einem grossen Steine im Schatten und fängt Fliegen?
Und wahrlich, ich bin ihm gut darob, meinem ewigen Schicksale, dass es mich
nicht hetzt und drängt und mir Zeit zu Possen lässt und Bosheiten: also dass ich
heute zu einem Fischfange auf diesen hohen Berg stieg.
Fieng wohl je ein Mensch auf hohen Bergen Fische? Und wenn es auch eine
Thorheit ist, was ich hier oben will und treibe: besser noch Diess, als dass ich da
unten feierlich würde vor Warten und grün und gelb -
- ein gespreitzter Zornschnauber vor Warten, ein heiliger Heule-Sturm aus
Bergen, ein Ungeduldiger, der in die Thäler hinabruft: »Hört, oder ich peitsche
euch mit der Geissel Gottes!«
Nicht dass ich solchen Zürnern darob gram würde: zum Lachen sind sie mir
gut genung! Ungeduldig müssen sie schon sein, diese grossen Lärmtrommeln,
welche heute oder niemals zu Worte kommen!
Ich aber und mein Schicksal - wir reden nicht zum Heute, wir reden auch nicht
zum Niemals: wir haben zum Reden schon Geduld und Zeit und Überzeit.
Denn einst muss er doch kommen und darf nicht vorübergehn.
Wer muss einst kommen und darf nicht vorübergehn? Unser grosser Hazar, das
ist unser grosses fernes Menschen-Reich, das Zarathustra-Reich von tausend
Jahren - -
192
Wie ferne mag solches »Ferne« sein? was geht′s mich an! Aber darum steht es
mir doch nicht minder fest -, mit beiden Füssen stehe ich sicher auf diesem
Grunde,
- auf einem ewigen Grunde, auf hartem Urgesteine, auf diesem höchsten
härtesten Urgebirge, zu dem alle Winde kommen als zur Wetterscheide, fragend
nach Wo? und Woher? und Wohinaus?
Hier lache, lache meine helle heile Bosheit! Von hohen Bergen wirf hinab dein
glitzerndes Spott-Gelächter! Ködere mit deinem Glitzern mir die schönsten
Menschen-Fische!
Und was in allen Meeren mir zugehört, mein An-und-für-mich in allen Dingen -
Das fische mir heraus, Das führe zu mir herauf: dess warte ich, der boshaftigste
aller Fischfänger.
Hinaus, hinaus, meine Angel! Hinein, hinab, Köder meines Glücks! Träufle
deinen süssesten Thau, mein Herzens-Honig! Beisse, meine Angel, in den
Bauch aller schwarzen Trübsal!
Hinaus, hinaus, mein Auge! Oh welche vielen Meere rings um mich, welch
dämmernde Menschen-Zukünfte! Und über mir - welch rosenrothe Stille!
Welch entwölktes Schweigen!
Der Nothschrei
Des nächsten Tages sass Zarathustra wieder auf seinem Steine vor der Höhle,
während die Thiere draussen in der Welt herumschweiften, dass sie neue
Nahrung heimbrächten, - auch neuen Honig: denn Zarathustra hatte den alten
Honig bis auf das letzte Korn verthan und verschwendet. Als er aber
dermaassen dasass, mit einem Stecken in der Hand, und den Schatten seiner
Gestalt auf der Erde abzeichnete, nachdenkend und, wahrlich! nicht über sich
und seinen Schatten - da erschrak er mit Einem Male und fuhr zusammen: denn
er sahe neben seinem Schatten noch einen andern Schatten. Und wie er schnell
um sich blickte und aufstand, siehe, da stand der Wahrsager neben ihm, der
selbe, den er einstmals an seinem Tische gespeist und getränkt hatte, der
Verkündiger der grossen Müdigkeit, welcher lehrte: »Alles ist gleich, es lohnt
sich Nichts, Welt ist ohne Sinn, Wissen würgt.« Aber sein Antlitz hatte sich
inzwischen verwandelt; und als ihm Zarathustra in die Augen blickte, wurde
sein Herz abermals erschreckt: so viel schlimme Verkündigungen und aschgraue
Blitze liefen über diess Gesicht.
Der Wahrsager, der es wahrgenommen, was sich in Zarathustra′s Seele zutrug,
wischte mit der Hand über sein Antlitz hin, wie als ob er dasselbe wegwischen
193
wollte; desgleichen that auch Zarathustra. Und als Beide dergestalt sich
schweigend gefasst und gekräftigt hatten, gaben sie sich die Hände, zum
Zeichen, dass sie sich wiedererkennen wollten.
»Sei mir willkommen, sagte Zarathustra, du Wahrsager der grossen Müdigkeit,
du sollst nicht umsonst einstmals mein Tisch- und Gastfreund gewesen sein. Iss
und trink auch heute bei mir und vergieb es, dass ein vergnügter alter Mann mit
dir zu Tische sitzt!« - »Ein vergnügter alter Mann? antwortete der Wahrsager,
den Kopf schüttelnd: wer du aber auch bist oder sein wil st, oh Zarathustra, du
bist es zum Längsten hier Oben gewesen, - dein Nachen soll über Kurzem nicht
mehr im Trocknen sitzen!« - »Sitze ich denn im Trocknen?« fragte Zarathustra
lachend. - »Die Wellen um deinen Berg, antwortete der Wahrsager, steigen und
steigen, die Wellen grosser Noth und Trübsal: die werden bald auch deinen
Nachen heben und dich davontragen.« - Zarathustra schwieg hierauf und
wunderte sich. - »Hörst du noch Nichts? fuhr der Wahrsager fort: rauscht und
braust es nicht herauf aus der Tiefe?« - Zarathustra schwieg abermals und
horchte: da hörte er einen langen, langen Schrei, welchen die Abgründe sich
zuwarfen und weitergaben, denn keiner wol te ihn behalten: so böse klang er.
»Du schlimmer Verkündiger, sprach endlich Zarathustra, das ist ein Nothschrei
und der Schrei eines Menschen, der mag wohl aus einem schwarzen Meere
kommen. Aber was geht mich Menschen-Noth an! Meine letzte Sünde, die mir
aufgespart blieb, - weisst du wohl, wie sie heisst?«
- » Mitleiden! antwortete der Wahrsager aus einem überströmenden Herzen und
hob beide Hände empor - oh Zarathustra, ich komme, dass ich dich zu deiner
letzten Sünde verführe!« -
Und kaum waren diese Worte gesprochen, da erscholl der Schrei abermals, und
länger und ängstlicher als vorher, auch schon viel näher. »Hörst du? Hörst du,
oh Zarathustra? rief der Wahrsager, dir gilt der Schrei, dich ruft er: komm,
komm, komm, es ist Zeit, es ist höchste Zeit!« -
Zarathustra schwieg hierauf, verwirrt und erschüttert; endlich fragte er, wie
Einer, der bei sich selber zögert: »Und wer ist das, der dort mich ruft?«
»Aber du weisst es ja, antwortete der Wahrsager heftig, was verbirgst du dich?
Der höhere Mensch ist es, der nach dir schreit!«
»Der höhere Mensch? schrie Zarathustra von Grausen erfasst: was will der? Was
will der? Der höhere Mensch! Was will der hier?« - und seine Haut bedeckte sich
mit Schweiss.
194
Der Wahrsager aber antwortete nicht auf die Angst Zarathustra′s, sondern
horchte und horchte nach der Tiefe zu. Als es jedoch lange Zeit dort stille blieb,
wandte er seinen Blick zurück und sahe Zarathustra stehn und zittern.
»Oh Zarathustra, hob er mit trauriger Stimme an, du stehst nicht da wie Einer,
den sein Glück drehend macht: du wirst tanzen müssen, dass du mir nicht
umfällst!
Aber wenn du auch vor mir tanzen wolltest und alle deine Seitensprünge
springen: Niemand soll mir doch sagen dürfen: »Siehe, hier tanzt der letzte
frohe Mensch!«
Umsonst käme Einer auf diese Höhe, der den hier suchte: Höhlen fände er
wohl und Hinter-Höhlen, Verstecke für Versteckte, aber nicht Glücks-Schachte
und Schatzkammern und neue Glücks-Goldadern.
Glück - wie fände man wohl das Glück bei solchen Vergrabenen und
Einsiedlern! Muss ich das letzte Glück noch auf glückseligen Inseln suchen und
ferne zwischen vergessenen Meeren?
Aber Alles ist gleich, es lohnt sich Nichts, es hilft kein Suchen, es giebt auch
keine glückseligen Inseln mehr!« - -
Also seufzte der Wahrsager; bei seinem letzten Seufzer aber wurde Zarathustra
wieder hell und sicher, gleich Einem, der aus einem tiefen Schlunde an′s Licht
kommt. »Nein! Nein! Drei Mal Nein! rief er mit starker Stimme und strich sich
den Bart - Das weiss ich besser! Es giebt noch glückselige Inseln! Stille davon,
du seufzender Trauersack!
Höre davon auf zu plätschern, du Regenwolke am Vormittag! Stehe ich denn
nicht schon da, nass von deiner Trübsal und begossen wie ein Hund?
Nun schüttle ich mich und laufe dir davon, dass ich wieder trocken werde: dess
darfst du nicht Wunder haben! Dünke ich dir unhöflich? Aber hier ist mein
Hof.
Was aber deinen höheren Menschen angeht: wohlan! ich suche ihn flugs in
jenen Wäldern: daher kam sein Schrei. Vielleicht bedrängt ihn da ein böses
Thier.
Er ist in meinem Bereiche: darin soll er mir nicht zu Schaden kommen! Und
wahrlich, es giebt viele böse Thiere bei mir.« -
Mit diesen Worten wandte sich Zarathustra zum Gehen. Da sprach der
Wahrsager: »Oh Zarathustra, du bist ein Schelm!
195
Ich weiss es schon: du willst mich los sein! Lieber noch läufst du in die Wälder
und stellst bösen Thieren nach!
Aber was hilft es dir? Des Abends wirst du doch mich wiederhaben, in deiner
eignen Höhle werde ich dasitzen, geduldig und schwer wie ein Klotz - und auf
dich warten!«
»So sei′s! rief Zarathustra zurück im Fortgehn: und was mein ist in meiner
Höhle, gehört auch dir, meinem Gastfreunde!
Solltest du aber drin noch Honig finden, wohlan! so lecke ihn nur auf, du
Brummbär, und versüsse deine Seele! Am Abende nämlich wollen wir Beide
guter Dinge sein,
- guter Dinge und froh darob, dass dieser Tag zu Ende gieng! Und du selber
sollst zu meinen Liedern als mein Tanzbär tanzen.
Du glaubst nicht daran? Du schüttelst den Kopf? Wohlan! Wohlauf! Alter Bär!
Aber auch ich - bin ein Wahrsager.«
Also sprach Zarathustra.
Gespräch mit den Königen
1
Zarathustra war noch keine Stunde in seinen Bergen und Wäldern unterwegs,
da sahe er mit Einem Male einen seltsamen Aufzug. Gerade auf dem Wege, den
er hinabwollte, kamen zwei Könige gegangen, mit Kronen und Purpurgürteln
geschmückt und bunt wie Flamingo-Vögel: die trieben einen beladenen Esel
vor sich her. »Was wollen diese Könige in meinem Reiche?« sprach Zarathustra
erstaunt zu seinem Herzen und versteckte Sich geschwind hinter einem Busche.
Als aber die Könige bis zu ihm herankamen, sagte er, halblaut, wie Einer, der zu
sich allein redet: »Seltsam! Seltsam! Wie reimt sich Das zusammen? Zwei
Könige sehe ich - und nur Einen Esel!«
Da machten die beiden Könige Halt, lächelten, sahen nach der Stelle hin, woher
die Stimme kam, und sahen sich nachher selber in′s Gesicht. »Solcherlei denkt
man wohl auch unter uns, sagte der König zur Rechten, aber man spricht es
nicht aus.«
Der König zur Linken aber zuckte mit den Achseln und antwortete: »Das mag
wohl ein Ziegenhirt sein. Oder ein Einsiedler, der zu lange unter Felsen und
Bäumen lebte. Gar keine Gesellschaft nämlich verdirbt auch die guten Sitten.«
196
»Die guten Sitten? entgegnete unwillig und bitter der andre König: wem laufen
wir denn aus dem Wege? Ist es nicht den »guten Sitten«? Unsrer »guten
Gesellschaft«?
Lieber, wahrlich, unter Einsiedlern und Ziegenhirten als mit unserm
vergoldeten falschen überschminkten Pöbel leben, - ob er sich schon »gute
Gesellschaft« heisst,
- ob er sich schon »Adel« heisst. Aber da ist Alles falsch und faul, voran das
Blut, Dank alten schlechten Krankheiten und schlechteren Heil-Künstlern.
Der Beste und Liebste ist mir heute noch ein gesunder Bauer, grob, listig,
hartnäckig, langhaltig: das ist heute die vornehmste Art.
Der Bauer ist heute der Beste; und Bauern-Art sollte Herr sein! Aber es ist das
Reich des Pöbels, - ich lasse mir Nichts mehr vormachen. Pöbel aber, das heisst:
Mischmasch.
Pöbel-Mischmasch: darin ist Alles in Allem durcheinander, Heiliger und
Hallunke und Junker und Jude und jeglich Vieh aus der Arche Noäh.
Gute Sitten! Alles ist bei uns falsch und faul. Niemand weiss mehr zu verehren:
dem gerade laufen wir davon. Es sind süssliche zudringliche Hunde, sie
vergolden Palmenblätter.
Dieser Ekel würgt mich, dass wir Könige selber falsch wurden, überhängt und
verkleidet durch alten vergilbten Grossväter-Prunk, Schaumünzen für die
Dümmsten und die Schlauesten, und wer heute Alles mit der Macht Schacher
treibt!
Wir sind nicht die Ersten - und müssen es doch bedeuten: dieser Betrügerei
sind wir endlich satt und ekel geworden.
Dem Gesindel giengen wir aus dem Wege, allen diesen Schreihälsen und
Schreib-Schmeissfliegen, dem Krämer-Gestank, dem Ehrgeiz-Gezappel, dem
üblen Athem -: pfui, unter dem Gesindel leben,
- pfui, unter dem Gesindel die Ersten zu bedeuten! Ach, Ekel! Ekel! Ekel! Was
liegt noch an uns Königen!« -
»Deine alte Krankheit fällt dich an, sagte hier der König zur Linken, der Ekel
fällt dich an, mein armer Bruder. Aber du weisst es doch, es hört uns Einer zu.«
Sofort erhob sich Zarathustra, der zu diesen Reden Ohren und Augen
aufgesperrt hatte, aus seinem Schlupfwinkel, trat auf die Könige zu und
begann:
»Der Euch zuhört, der Euch gerne zuhört, ihr Könige, der heisst Zarathustra.
197
Ich bin Zarathustra, der einst sprach: »Was liegt noch an Königen!« Vergebt mir,
ich freute mich, als Ihr zu einander sagtet: »Was liegt an uns Königen!«
Hier aber ist mein Reich und meine Herrschaft: was mögt Ihr wohl in meinem
Reiche suchen? Vielleicht aber fandet Ihr unterwegs, was ich suche: nämlich den
höheren Menschen.«
Als Diess die Könige hörten, schlugen sie sich an die Brust und sprachen mit
Einem Munde: »Wir sind erkannt!
Mit dem Schwerte dieses Wortes zerhaust du unsres Herzens dickste
Finsterniss. Du entdecktest unsre Noth, denn siehe! Wir sind unterwegs, dass
wir den höheren Menschen fänden -
- den Menschen, der höher ist als wir: ob wir gleich Könige sind. Ihm führen
wir diesen Esel zu. Der höchste Mensch nämlich soll auf Erden auch der
höchste Herr sein.
Es giebt kein härteres Unglück in allem Menschen-Schicksale, als wenn die
Mächtigen der Erde nicht auch die ersten Menschen sind. Da wird Alles falsch
und schief und ungeheuer.
Und wenn sie gar die letzten sind und mehr Vieh als Mensch: da steigt und
steigt der Pöbel im Preise, und endlich spricht gar die Pöbel-Tugend: »siehe, ich
allein bin Tugend!« -
Was hörte ich eben? antwortete Zarathustra; welche Weisheit bei Königen! Ich
bin entzückt, und, wahrlich, schon gelüstet′s mich, einen Reim darauf zu
machen: -
- mag es auch ein Reim werden, der nicht für Jedermanns Ohren taugt. Ich
verlernte seit langem schon die Rücksicht auf lange Ohren. Wohlan! Wohlauf!
(Hier aber geschah es, dass auch der Esel zu Worte kam: er sagte aber deutlich
und mit bösem Willen I-A.)
Einstmals - ich glaub′, im Jahr des Heiles Eins -
Sprach die Sibylle, trunken sonder Weins:
»Weh, nun geht′s schief!
»Verfall! Verfall! Nie sank die Welt so tief!
»Rom sank zur Hure und zur Huren-Bude,
»Rom′s Caesar sank zum Vieh, Gott selbst - ward Jude!«
198
2
An diesen Reimen Zarathustra′s weideten sich die Könige; der König zur
Rechten aber sprach: »oh Zarathustra, wie gut thaten wir, dass wir auszogen,
dich zu sehn!
Deine Feinde nämlich zeigten uns dein Bild in ihrem Spiegel: da blicktest du mit
der Fratze eines Teufels und hohnlachend: also dass wir uns vor dir fürchteten.
Aber was half′s! Immer wieder stachst du uns in Ohr und Herz mit deinen
Sprüchen. Da sprachen wir endlich: was liegt daran, wie er aussieht!
Wir müssen ihn hören, ihn, der lehrt »ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu
neuen Kriegen, und den kurzen Frieden mehr als den langen!«
Niemand sprach je so kriegerische Worte: »Was ist gut? Tapfer sein ist gut. Der
gute Krieg ist′s, der jede Sache heiligt.«
Oh Zarathustra, unsrer Väter Blut rührte sich bei solchen Worten in unserm
Leibe: das war wie die Rede des Frühlings zu alten Weinfässern.
Wenn die Schwerter durcheinander liefen gleich rothgefleckten Schlangen, da
wurden unsre Väter dem Leben gut; alles Friedens Sonne dünkte sie flau und
lau, der lange Frieden aber machte Scham.
Wie sie seufzten, unsre Väter, wenn sie an der Wand blitzblanke ausgedorrte
Schwerter sahen! Denen gleich dürsteten sie nach Krieg. Ein Schwert nämlich
will Blut trinken und funkelt vor Begierde.« - -
- Als die Könige dergestalt mit Eifer von dem Glück ihrer Väter redeten und
schwätzten, überkam Zarathustra keine kleine Lust, ihres Eifers zu spotten:
denn ersichtlich waren es sehr friedfertige Könige, welche er vor sich sah,
solche mit alten und feinen Gesichtern. Aber er bezwang sich. »Wohlan! sprach
er, dorthin führt der Weg, da liegt die Höhle Zarathustra′s; und dieser Tag soll
einen langen Abend haben! Jetzt aber ruft mich eilig ein Nothschrei fort von
Euch.
Es ehrt meine Höhle, wenn Könige in ihr sitzen und warten wol en: aber,
freilich, Ihr werdet lange warten müssen!
Je nun! Was thut′s! Wo lernt man heute besser warten als an Höfen? Und der
Könige ganze Tugend, die ihnen übrig blieb, - heisst sie heute nicht: Warten-
können ?«
Also sprach Zarathustra.
199
Der Blutegel
Und Zarathustra gieng nachdenklich weiter und tiefer, durch Wälder und vorbei
an moorigen Gründen; wie es aber Jedem ergeht, der über schwere Dinge
nachdenkt, so trat er unversehens dabei auf einen Menschen. Und siehe, da
sprützten ihm mit Einem Male ein Weheschrei und zwei Flüche und zwanzig
schlimme Schimpfworte in′s Gesicht: also dass er in seinem Schrecken den
Stock erhob und auch auf den Getretenen noch zuschlug. Gleich darauf aber
kam ihm die Besinnung; und sein Herz lachte über die Thorheit, die er eben
gethan hatte.
»Vergieb, sagte er zu dem Getretenen, der sich grimmig erhoben und gesetzt
hatte, vergieb und vernimm vor Allem erst ein Gleichniss.
Wie ein Wanderer, der von fernen Dingen träumt, unversehens auf einsamer
Strasse einen schlafenden Hund anstösst, einen Hund, der in der Sonne liegt:
- wie da Beide auffahren, sich anfahren, Todfeinden gleich, diese zwei zu Tod
Erschrockenen: also ergieng es uns.
Und doch! Und doch - wie wenig hat gefehlt, dass sie einander liebkosten,
dieser Hund und dieser Einsame! Sind sie doch Beide - Einsame!«
- »Wer du auch sein magst, sagte immer noch grimmig der Getretene, du trittst
mir auch mit deinem Gleichniss zu nahe, und nicht nur mit deinem Fusse!
Siehe doch, bin ich denn ein Hund?« - und dabei erhob sich der Sitzende und
zog seinen nackten Arm aus dem Sumpfe. Zuerst nämlich hatte er ausgestreckt
am Boden gelegen, verborgen und unkenntlich gleich Solchen, die einem
Sumpf-Wilde auflauern.
»Aber was treibst du doch!« rief Zarathustra erschreckt, denn er sahe, dass über
den nackten Arm weg viel Blut floss, - was ist dir zugestossen? Biss dich, du
Unseliger, ein schlimmes Thier?
Der Blutende lachte, immer noch erzürnt. »Was geht′s dich an! sagte er und
wollte weitergehn. Hier bin ich heim und in meinem Bereiche. Mag mich
fragen, wer da will: einem Tölpel aber werde ich schwerlich antworten.«
»Du irrst, sagte Zarathustra mitleidig und hielt ihn fest, du irrst: hier bist du
nicht bei dir, sondern in meinem Reiche, und darin soll mir Keiner zu Schaden
kommen.
Nenne mich aber immerhin, wie du willst, - ich bin, der ich sein muss. Ich
selber heisse mich Zarathustra.
200
Wohlan! Dort hinauf geht der Weg zu Zarathustra′s Höhle: die ist nicht fern, -
willst du nicht bei mir deiner Wunden warten?
Es gieng dir schlimm, du Unseliger, in diesem Leben: erst biss dich das Thier,
und dann - trat dich der Mensch!« - -
Als aber der Getretene den Namen Zarathustra′s hörte, verwandelte er sich.
»Was geschieht mir doch! rief er aus, wer kümmert mich denn noch in diesem
Leben, als dieser Eine Mensch, nämlich Zarathustra, und jenes Eine Thier, das
vom Blute lebt, der Blutegel?
Des Blutegels halber lag ich hier an diesem Sumpfe wie ein Fischer, und schon
war mein ausgehängter Arm zehn Mal angebissen, da beisst noch ein schönerer
Igel nach meinem Blute, Zarathustra selber!
Oh Glück! Oh Wunder! Gelobt sei dieser Tag, der mich in diesen Sumpf lockte!
Gelobt sei der beste lebendigste Schröpfkopf, der heut lebt, gelobt sei der
grosse Gewissens-Blutegel Zarathustra!« -
Also sprach der Getretene; und Zarathustra freute sich über seine Worte und
ihre feine ehrfürchtige Art. »Wer bist du? fragte er und reichte ihm die Hand,
zwischen uns bleibt Viel aufzuklären und aufzuheitern: aber schon, dünkt mich,
wird es reiner heller Tag.«
»Ich bin der Gewissenhafte des Geistes, antwortete der Gefragte, und in
Dingen des Geistes nimmt es nicht leicht Einer strenger, enger und härter als
ich, ausgenommen der, von dem ich′s lernte, Zarathustra selber.
Lieber Nichts wissen, als Vieles halb wissen! Lieber ein Narr sein auf eigne
Faust, als ein Weiser nach fremdem Gutdünken! Ich - gehe auf den Grund:
- was liegt daran, ob er gross oder klein ist? Ob er Sumpf oder Himmel heisst?
Eine Hand breit Grund ist mir genung: wenn er nur wirklich Grund und Boden
ist!
- eine Hand breit Grund: darauf kann man stehn. In der rechten Wissen-
Gewissenschaft giebt es nichts Grosses und nichts Kleines.«
»So bist du vielleicht der Erkenner des Blutegels? fragte Zarathustra; und du
gehst dem Blutegel nach bis auf die letzten Gründe, du Gewissenhafter?«
»Oh Zarathustra, antwortete der Getretene, das wäre ein Ungeheures, wie
dürfte ich mich dessen unterfangen!
Wess ich aber Meister und Kenner bin, das ist des Blutegels Hirn: - das ist
meine Welt!
201
Und es ist auch eine Welt! Vergieb aber, dass hier mein Stolz zu Worte kommt,
denn ich habe hier nicht meines Gleichen. Darum sprach ich »hier bin ich
heim.«
Wie lange gehe ich schon diesem Einen nach, dem Hirn des Blutegels, dass die
schlüpfrige Wahrheit mir hier nicht mehr entschlüpfe! Hier ist mein Reich!
- darob warf ich alles Andere fort, darob wurde mir alles. Andre gleich; und
dicht neben meinem Wissen lagert mein schwarzes Unwissen.
Mein Gewissen des Geistes will es so von mir, dass ich Eins weiss und sonst
Alles nicht weiss: es ekelt mich aller Halben des Geistes, aller Dunstigen,
Schwebenden, Schwärmerischen.
Wo meine Redlichkeit aufhört, bin ich blind und will auch blind sein. Wo ich
aber wissen will, will ich auch redlich sein, nämlich hart, streng, eng, grausam,
unerbittlich.
Dass du einst sprachst, oh Zarathustra: »Geist ist das Leben, das selber in′s
Leben schneidet,« das führte und verführte mich zu deiner Lehre. Und,
wahrlich, mit eignem Blute mehrte ich mir das eigne Wissen!«
- Wie der Augenschein lehrt,« fiel Zarathustra ein; denn immer noch floss das
Blut an dem nackten Arme des Gewissenhaften herab. Es hatten nämlich zehn
Blutegel sich in denselben eingebissen.
»Oh du wunderlicher Gesell, wie Viel lehrt mich dieser Augenschein da,
nämlich du selber! Und nicht Alles dürfte ich vielleicht in deine strengen Ohren
giessen!
Wohlan! So scheiden wir hier! Doch möchte ich gerne dich wiederfinden. Dort
hinauf führt der Weg zu meiner Höhle: heute Nacht sol st du dort mein lieber
Gast sein!
Gerne möchte ich′s auch an deinem Leibe wieder gut machen, dass Zarathustra
dich mit Füssen trat: darüber denke ich nach. Jetzt aber ruft mich ein
Nothschrei eilig fort von dir.«
Also sprach Zarathustra.
Der Zauberer
1
Als aber Zarathustra um einen Felsen herumbog, da sahe er, nicht weit unter
sich, auf dem gleichen Wege, einen Menschen, der die Glieder warf wie ein
202
Tobsüchtiger und endlich bäuchlings zur Erde niederstürzte. »Halt! sprach da
Zarathustra zu seinem Herzen, Der dort muss wohl der höhere Mensch sein,
von ihm kam jener schlimme Nothschrei, - ich will sehn, ob da zu helfen ist.«
Als er aber hinzulief, an die Stelle, wo der Mensch auf dem Boden lag, fand er
einen zitternden alten Mann mit stieren Augen; und wie sehr sich Zarathustra
mühte, dass er ihn aufrichte und wieder auf seine Beine stelle, es war umsonst.
Auch schien der Unglückliche nicht zu merken, dass jemand um ihn sei;
vielmehr sah er sich immer mit rührenden Gebärden um, wie ein von aller Welt
Verlassener und Vereinsamter. Zuletzt aber, nach vielem Zittern, Zucken und
Sich-zusammen-Krümmen, begann er also zu jammern:
Wer wärmt mich, wer liebt mich noch?
Gebt heisse Hände!
Gebt Herzens-Kohlenbecken!
Hingestreckt, schaudernd,
Halbtodtem gleich, dem man die Füsse wärmt -
Geschüttelt, ach! von unbekannten Fiebern,
Zitternd vor spitzen eisigen Frost-Pfeilen,
Von dir gejagt, Gedanke!
Unnennbarer! Verhüllter! Entsetzlicher!
Du Jäger hinter Wolken!
Darniedergeblitzt von dir,
Du höhnisch Auge, das mich aus Dunklem anblickt:
- so liege ich,
Biege mich, winde mich, gequält
Von allen ewigen Martern,
Getroffen
Von Dir, grausamster Jäger,
Du unbekannter - Gott!
Triff tiefer,
Triff Ein Mal noch!
Zerstich, zerbrich diess Herz!
Was soll diess Martern
Mit zähnestumpfen Pfeilen?
Was blickst du wieder,
Der Menschen-Qual nicht müde,
Mit schadenfrohen Götter-Blitz-Augen?
Nicht tödten willst du,
Nur martern, martern?
203
Wozu - mich martern,
Du schadenfroher unbekannter Gott? -
Haha! Du schleichst heran?
Bei solcher Mitternacht
Was willst du? Sprich!
Du drängst mich, drückst mich -
Ha! schon viel zu nahe!
Weg! Weg!
Du hörst mich athmen,
Du behorchst mein Herz,
Du Eifersüchtiger -
Worauf doch eifersüchtig?
Weg! Weg! Wozu die Leiter?
Willst du hinein,
In′s Herz,
Einsteigen, in meine heimlichsten
Gedanken einsteigen?
Schamloser! Unbekannter - Dieb!
Was willst du dir erstehlen,
Was willst du dir erhorchen,
Was willst du dir erfoltern,
Du Folterer!
Du - Henker-Gott!
Oder soll ich, dem Hunde gleich,
Vor dir mich wälzen?
Hingebend, begeistert-ausser-mir,
Dir - Liebe zuwedeln?
Umsonst! Stich weiter,
Grausamster Stachel! Nein,
Kein Hund - dein Wild nur bin ich,
Grausamster Jäger!
Dein stolzester Gefangner,
Du Räuber hinter Wolken!
Sprich endlich,
Was willst du, Wegelagerer, von mir?
Du Blitz-Verhüllter! Unbekannter! Sprich,
Was willst du, unbekannter Gott? - -
204
Wie? Lösegeld?
Was willst du Lösegelds?
Verlange Viel - das räth mein Stolz!
Und rede kurz - das räth mein andrer Stolz!
Haha!
Mich - willst du? Mich?
Mich - ganz?
Haha!
Und marterst mich, Narr, der du bist,
Zermarterst meinen Stolz?
Gieb Liebe mir - wer wärmt mich noch?
Wer liebt mich noch? - gieb heisse Hände,
Gieb Herzens-Kohlenbecken,
Gieb mir, dem Einsamsten,
Den Eis, ach! siebenfaches Eis
Nach Feinden selber,
Nach Feinden schmachten lehrt,
Gieb, ja ergieb,
Grausamster Feind,
Mir - dich! - -
Davon!
Da floh er selber,
Mein letzter einziger Genoss,
Mein grosser Feind,
Mein Unbekannter,
Mein Henker-Gott! -
- Nein! Komm zurück,
Mit allen deinen Martern!
Zum Letzten aller Einsamen
Oh komm zurück!
All meine Thränen-Bäche laufen
Zu dir den Lauf!
Und meine letzte Herzens-Flamme -
Dir glüht sie auf!
Oh komm zurück,
Mein unbekannter Gott! Mein Schmerz! Mein letztes -
Glück!
205
2
- Hier aber konnte sich Zarathustra nicht länger halten, nahm seinen Stock und
schlug mit allen Kräften auf den jammernden los. »Halt ein! schrie er ihm zu,
mit ingrimmigem Lachen, halt ein, du Schauspieler! Du Falschmünzer! Du
Lügner aus dem Grunde! Ich erkenne dich wohl!
Ich will dir schon warme Beine machen, du schlimmer Zauberer, ich verstehe
mich gut darauf, Solchen wie du bist - einzuheizen!«
- »Lass ab, sagte der alte Mann und sprang vom Boden auf, schlage nicht mehr,
oh Zarathustra! Ich trieb′s also nur zum Spiele!
Solcherlei gehört zu meiner Kunst; dich selber wollte ich auf die Probe stellen,
als ich dir diese Probe gab! Und, wahrlich, du hast mich gut durchschaut!
Aber auch du - gabst mir von dir keine kleine Probe: du bist hart, du weiser
Zarathustra! Hart schlägst du zu mit deinen »Wahrheiten,« dein Knüttel
erzwingt von mir - diese Wahrheit!«
- »Schmeichle nicht, antwortete Zarathustra, immer noch erregt und
finsterblickend, du Schauspieler aus dem Grunde! Du bist falsch: was redest du
- von Wahrheit!
Du Pfau der Pfauen, du Meer der Eitelkeit, was spieltest du vor mir, du
schlimmer Zauberer, an wen sollte ich glauben, als du in solcher Gestalt
jammertest?«
» Den Büsser des Geistes, sagte der alte Mann, den - spielte ich: du selber
erfandest einst diess Wort -
- den Dichter und Zauberer, der gegen sich selber endlich seinen Geist wendet,
den Verwandelten, der an seinem bösen Wissen und Gewissen erfriert.
Und gesteh es nur ein: es währte lange, oh Zarathustra, bis du hinter meine
Kunst und Lüge kamst! Du glaubtest an meine Noth, als du mir den Kopf mit
beiden Händen hieltest, -
- ich hörte dich jammern »man hat ihn zu wenig geliebt, zu wenig geliebt!« Dass
ich dich soweit betrog, darüber frohlockte inwendig meine Bosheit.«
»Du magst Feinere betrogen haben als mich, sagte Zarathustra hart. Ich bin
nicht auf der Hut vor Betrügern, ich muss ohne Vorsicht sein: so will es mein
Loos.
Du aber - musst betrügen: so weit kenne ich dich! Du musst immer zwei- drei-
vier- und fünfdeutig sein! Auch was du jetzt bekanntest, war mir lange nicht
wahr und nicht falsch genung!
206
Du schlimmer Falschmünzer, wie könntest du anders! Deine Krankheit würdest
du noch schminken, wenn du dich deinem Arzte nackt zeigtest.
So schminktest du eben vor mir deine Lüge, als du sprachst: »ich trieb′s also nur
zum Spiele!« Es war auch Ernst darin, du bist Etwas von einem Büsser des
Geistes!
Ich errathe dich wohl: du wurdest der Bezauberer Aller, aber gegen dich hast du
keine Lüge und List mehr übrig, - du selber bist dir entzaubert!
Du erntetest den Ekel ein, als deine Eine Wahrheit. Kein Wort ist mehr an dir
ächt, aber dein Mund: nämlich der Ekel, der an deinem Munde klebt.« - -
- »Wer bist du doch! schrie hier der alte Zauberer mit einer trotzigen Stimme,
wer darf also zu m i r reden, dem Grössten, der heute lebt?« - und ein grüner
Blitz schoss aus seinem Auge nach Zarathustra. Aber gleich darauf verwandelte
er sich und sagte traurig:
»Oh Zarathustra, ich bin′s müde, es ekelt mich meiner Künste, ich bin nicht
gross, was verstelle ich mich! Aber, du weisst es wohl - ich suchte nach Grösse!
Einen grossen Menschen wollte ich vorstellen und überredete Viele: aber diese
Lüge gieng über meine Kraft. An ihr zerbreche ich.
Oh Zarathustra, Alles ist Lüge an mir; aber dass ich zerbreche - diess mein
Zerbrechen ist ächt!« -
»Es ehrt dich, sprach Zarathustra düster und zur Seite niederblickend, es ehrt
dich, dass du nach Grösse suchtest, aber es verräth dich auch. Du bist nicht
gross.
Du schlimmer alter Zauberer, das ist dein Bestes und Redlichstes, was ich an dir
ehre, dass du deiner müde wurdest und es aussprachst: »ich bin nicht gross.«
Darin ehre ich dich als einen Büsser des Geistes: und wenn auch nur für einen
Hauch und Husch, diesen Einen Augenblick warst du - ächt.
Aber sprich, was suchst du hier in meinen Wäldern und Felsen? Und wenn du
mir dich in den Weg legtest, welche Probe wolltest du von mir? -
- wess versuchtest du mich?« -
Also sprach Zarathustra, und seine Augen funkelten. Der alte Zauberer schwieg
eine Weile, dann sagte er: »Versuchte ich dich? Ich - suche nur.
Oh Zarathustra, ich suche einen Ächten, Rechten, Einfachen, Eindeutigen,
einen Menschen aller Redlichkeit, ein Gefäss der Weisheit, einen Heiligen der
Erkenntniss, einen grossen Menschen!
207
Weisst du es denn nicht, oh Zarathustra? Ich suche Zarathustra.«
- Und hier entstand ein langes Stillschweigen zwischen Beiden; Zarathustra aber
versank tief hinein in sich selber, also dass er die Augen schloss. Dann aber, zu
seinem Unterredner zurückkehrend, ergriff er die Hand des Zauberers und
sprach, voller Artigkeit und Arglist:
»Wohlan! Dort hinauf führt der Weg, da liegt die Höhle Zarathustra′s. In ihr
darfst du suchen, wen du finden möchtest.
Und frage meine Thiere um Rath, meinen Adler und meine Schlange: die sollen
dir suchen helfen. Meine Höhle aber ist gross.
Ich selber freilich - ich sah noch keinen grossen Menschen. Was gross ist, dafür
ist das Auge der Feinsten heute grob. Es ist das Reich des Pöbels.
So Manchen fand ich schon, der streckte und blähte sich, und das Volk schrie:
»Seht da, einen grossen Menschen!« Aber was helfen alle Blasebälge! Zuletzt
fährt der Wind heraus.
Zuletzt platzt ein Frosch, der sich zu lange aufblies: da fährt der Wind heraus.
Einem Geschwollnen in den Bauch stechen, das heisse ich eine brave Kurzweil.
Hört das, ihr Knaben!
Diess Heute ist des Pöbels: wer weiss da noch, was gross, was klein ist! Wer
suchte da mit Glück nach Grösse! Ein Narr allein: den Narren glückt′s.
Du suchst nach grossen Menschen, du wunderlicher Narr? Wer lehrte′s dich?
Ist heute dazu die Zeit? Oh du schlimmer Sucher, was - versuchst du mich?« - -
Also sprach Zarathustra, getrösteten Herzens, und gieng lachend seines Wegs
fürbass.
Ausser Dienst
Nicht lange aber, nachdem Zarathustra sich von dem Zauberer losgemacht
hatte, sahe er wiederum Jemanden am Wege sitzen, den er gieng, nämlich einen
schwarzen langen Mann mit einem hageren Bleichgesicht: der verdross ihn
gewaltig. »Wehe, sprach er zu seinem Herzen, da, sitzt vermummte Trübsal, das
dünkt mich von der Art der Priester: was wollen die in meinem Reiche?
Wie! Kaum bin ich jenem Zauberer entronnen: muss mir da wieder ein anderer
Schwarzkünstler über den Weg laufen, -
- irgend ein Hexenmeister mit Handauflegen, ein dunkler Wunderthäter von
Gottes Gnaden, ein gesalbter Welt-Verleumder, den der Teufel holen möge!
208
Aber der Teufel ist nie am Platze, wo er am Platze wäre: immer kommt er zu
spät, dieser vermaledeite Zwerg und Klumpfuss!« -
Also fluchte Zarathustra ungeduldig in seinem Herzen und gedachte, wie er
abgewandten Blicks an dem schwarzen Manne vorüberschlüpfe: aber siehe, es
kam anders. Im gleichen Augenblicke nämlich hatte ihn schon der Sitzende
erblickt; und nicht unähnlich einem Solchen, dem ein unvermuthetes Glück
zustösst, sprang er auf und gieng auf Zarathustra los.
»Wer du auch bist, du Wandersmann, sprach er, hilf einem Verirrten, einem
Suchenden, einem alten Manne, der hier leicht zu Schaden kommt!
Diese Welt hier ist mir fremd und fern, auch hörte ich wilde Thiere heulen; und
Der, welcher mir hätte Schutz bieten können, der ist selber nicht mehr.
Ich suchte den letzten frommen Menschen, einen Heiligen und Einsiedler, der
allein in seinem Walde noch Nichts davon gehört hatte, was alle Welt heute
weiss.«
» Was weiss heute alle Welt? fragte Zarathustra. Etwa diess, dass der alte Gott
nicht mehr lebt, an den alle Welt einst geglaubt hat?«
»Du sagst es, antwortete der alte Mann betrübt. Und ich diente diesem alten
Gotte bis zu seiner letzten Stunde.
Nun aber bin ich ausser Dienst, ohne Herrn, und doch nicht frei, auch keine
Stunde mehr lustig, es sei denn in Erinnerungen.
Dazu stieg ich in diese Berge, dass ich endlich wieder ein Fest mir machte, wie
es einem alten Papste und Kirchen-Vater zukommt: denn wisse, ich bin der
letzte Papst! - ein Fest frommer Erinnerungen und Gottesdienste.
Nun aber ist er selber todt, der frömmste Mensch, jener Heilige im Walde, der
seinen Gott beständig mit Singen und Brummen lobte.
Ihn selber fand ich nicht mehr, als ich seine Hütte fand, - wohl aber zwei Wölfe
darin, welche um seinen Tod heulten - denn alle Thiere liebten ihn. Da lief ich
davon.
Kam ich also umsonst in diese Wälder und Berge? Da entschloss sich mein
Herz, dass ich einen Anderen suchte, den Frömmsten aller Derer, die nicht an
Gott glauben -, dass ich Zarathustra suchte!«
Also sprach der Greis und blickte scharfen Auges Den an, welcher vor ihm
stand; Zarathustra aber ergriff die Hand des alten Papstes und betrachtete sie
lange mit Bewunderung.
209
»Siehe da, du Ehrwürdiger, sagte er dann, welche schöne und lange Hand! Das
ist die Hand eines Solchen, der immer Segen ausgetheilt hat. Nun aber hält sie
Den fest, welchen du suchst, mich, Zarathustra.
Ich bin′s, der gottlose Zarathustra, der da spricht: wer ist gottloser als ich, dass
ich mich seiner Unterweisung freue?« -
Also sprach Zarathustra und durchbohrte mit seinen Blicken die Gedanken und
Hintergedanken des alten Papstes. Endlich begann dieser:
»Wer ihn am meisten liebte und besass, der hat ihn nun am meisten auch
verloren -:
- siehe, ich selber bin wohl von uns Beiden jetzt der Gottlosere? Aber wer
könnte daran sich freuen!« -
»Du dientest ihm bis zuletzt, fragte Zarathustra nachdenklich, nach einem tiefen
Schweigen, du weisst, wie er starb? Ist es wahr, was man spricht, dass ihn das
Mitleiden erwürgte,
- dass er es sah, wie der Mensch am Kreuze hieng, und es nicht ertrug, dass die
Liebe zum Menschen seine Hölle und zuletzt sein Tod wurde?« - -
Der alte Papst aber antwortete nicht, sondern blickte scheu und mit einem
schmerzlichen und düsteren Ausdrucke zur Seite.
»Lass ihn fahren, sagte Zarathustra nach einem langen Nachdenken, indem er
immer noch dem alten Manne gerade in′s Auge blickte.
Lass ihn fahren, er ist dahin. Und ob es dich auch ehrt, dass du diesem Todten
nur Gutes nachredest, so weisst du so gut als ich, wer er war; und dass er
wunderliche Wege gieng.«
»Unter drei Augen gesprochen, sagte erheitert der alte Papst (denn er war auf
Einem Auge blind), in Dingen Gottes bin ich aufgeklärter als Zarathustra selber
- und darf es sein.
Meine Liebe diente ihm lange Jahre, mein Wille gieng allem seinen Willen nach.
Ein guter Diener aber weiss Alles, und Mancherlei auch, was sein Herr sich
selbst verbirgt.
Es war ein verborgener Gott, voller Heimlichkeit. Wahrlich zu einem Sohne
sogar kam er nicht anders als auf Schleichwegen. An der Thür seines Glaubens
steht der Ehebruch.
Wer ihn als einen Gott der Liebe preist, denkt nicht hoch genug von der Liebe
selber. Wollte dieser Gott nicht auch Richter sein? Aber der Liebende liebt
jenseits von Lohn und Vergeltung.
210
Als er jung war, dieser Gott aus dem Morgenlande, da war er hart und
rachsüchtig und erbaute sich eine Hölle zum Ergötzen seiner Lieblinge.
Endlich aber wurde er alt und weich und mürbe und mitleidig, einem
Grossvater ähnlicher als einem Vater, am ähnlichsten aber einer wackeligen
alten Grossmutter.
Da sass er, welk, in seinem Ofenwinkel, härmte sich ob seiner schwachen Beine,
weltmüde, willensmüde, und erstickte eines Tags an seinem allzugrossen
Mitleiden.« - -
»Du alter Papst, sagte hier Zarathustra dazwischen, hast du Das mit Augen
angesehn? Es könnte wohl so abgegangen sein: so, und auch anders. Wenn
Götter sterben, sterben sie immer viele Arten Todes.
Aber wohlan! So oder so, so und so - er ist dahin! Er gieng meinen Ohren und
Augen wider den Geschmack, Schlimmeres möchte ich ihm nicht nachsagen.
Ich liebe Al es, was hel blickt und redlich redet. Aber er - du weisst es ja, du
alter Priester, es war Etwas von deiner Art an ihm, von Priester-Art - er war
vieldeutig.
Er war auch undeutlich. Was hat er uns darob gezürnt, dieser Zornschnauber,
dass wir ihn schlecht verstanden Aber warum sprach er nicht reinlicher?
Und lag es an unsern Ohren, warum gab er uns Ohren, die ihn schlecht hörten?
War Schlamm in unsern Ohren, wohlan! wer legte ihn hinein?
Zu Vieles missrieth ihm, diesem Töpfer, der nicht ausgelernt hatte! Dass er aber
Rache an seinen Töpfen und Geschöpfen nahm, dafür dass sie ihm schlecht
geriethen, - das war eine Sünde wider den guten Geschmack.
Es giebt auch in der Frömmigkeit guten Geschmack: der sprach endlich »Fort
mit einem solchen Gotte! Lieber keinen Gott, lieber auf eigne Faust Schicksal
machen, lieber Narr sein, lieber selber Gott sein!«
- »Was höre ich! sprach hier der alte Papst mit gespitzten Ohren; oh
Zarathustra, du bist frömmer als du glaubst, mit einem solchen Unglauben!
Irgend ein Gott in dir bekehrte dich zu deiner Gottlosigkeit.
Ist es nicht deine Frömmigkeit selber, die dich nicht mehr an einen Gott
glauben lässt? Und deine übergrosse Redlichkeit wird dich auch noch jenseits
von Gut und Böse wegfuhren!
Siehe, doch, was blieb dir aufgespart? Du hast Augen und Hand und Mund, die
sind zum Segnen vorher bestimmt seit Ewigkeit. Man segnet nicht mit der
Hand allein.
211
In deiner Nähe, ob du schon der Gottloseste sein willst, wittere ich einen
heimlichen Weih- und Wohlgeruch von langen Segnungen: mir wird wohl und
wehe dabei.
Lass mich deinen Gast sein, oh Zarathustra, für eine einzige Nacht! Nirgends
auf Erden wird es mir jetzt wohler als bei dir!« -
»Amen! So soll es sein! sprach Zarathustra mit grosser Verwunderung, dort
hinauf führt der Weg, da liegt die Höhle Zarathustra′s.
Gerne, fürwahr, würde ich dich selber dahin geleiten, du Ehrwürdiger, denn ich
liebe alle frommen Menschen. Aber jetzt ruft mich eilig ein Nothschrei weg von
dir.
In meinem Bereiche soll mir Niemand zu Schaden kommen; meine Höhle ist
ein guter Hafen. Und am liebsten möchte ich jedweden Traurigen wieder auf
festes Land und feste Beine stellen.
Wer aber nähme dir deine Schwermuth von der Schulter? Dazu bin ich zu
schwach. Lange, wahrlich, möchten wir warten, bis dir Einer deinen Gott
wieder aufweckt.
Dieser alte Gott nämlich lebt nicht mehr: der ist gründlich todt.« -
Also sprach Zarathustra.
Der hässlichste Mensch
- Und wieder liefen Zarathustra′s Füsse durch Berge und Wälder, und seine
Augen suchten und suchten, aber nirgends war Der zu sehen, welchen sie sehn
wollten, der grosse Nothleidende und Nothschreiende. Auf dem ganzen Wege
aber frohlockte er in seinem Herzen und war dankbar. »Welche guten Dinge,
sprach er, schenkte mir doch dieser Tag, zum Entgelt, dass er schlimm begann!
Welche seltsamen Unterredner fand ich!
An deren Worten will ich lange nun kauen gleich als an guten Körnern; klein
soll mein Zahn sie mahlen und malmen, bis sie mir wie Milch in die Seele
fliessen!« - -
Als aber der Weg wieder um einen Felsen bog, veränderte sich mit Einem Male
die Landschaft, und Zarathustra trat in ein Reich des Todes. Hier starrten
schwarze und rothe Klippen empor: kein Gras, kein Baum, keine Vogelstimme.
Es war nämlich ein Thal, welches alle Thiere mieden, auch die Raubthiere-, nur
dass eine Art hässlicher, dicker, grüner Schlangen, wenn sie alt wurden, hierher
kamen, um zu sterben. Darum nannten diess Thal die Hirten: Schlangen-Tod.
212
Zarathustra aber versank in eine schwarze Erinnerung, denn ihm war, als habe
er schon ein Mal in diesem Thal gestanden. Und vieles Schwere legte sich ihm
über den Sinn: also, dass er langsam gieng und immer langsamer und endlich
still stand. Da aber sahe er, als er die Augen aufthat, Etwas, das am Wege sass,
gestaltet wie ein Mensch und kaum wie ein Mensch, etwas Unaussprechliches.
Und mit Einem Schlage überfiel Zarathustra die grosse Scham darob, dass er so
Etwas mit den Augen angesehn habe: erröthend bis hinauf an sein weisses
Haar, wandte er den Blick ab und hob den Fuss, dass er diese schlimme Stelle
verlasse. Da aber wurde die todte Öde laut: vom Boden auf nämlich quoll es
gurgelnd und röchelnd, wie Wasser Nachts durch verstopfte Wasser-Röhren
gurgelt und röchelt; und zuletzt wurde daraus eine Menschen-Stimme und
Menschen-Rede: - die lautete also.
»Zarathustra! Zarathustra! Rathe mein Räthsel! Sprich, sprich! Was ist die Rache
am Zeugen?
Ich locke dich zurück, hier ist glattes Eis! Sieh zu, sieh zu, ob dein Stolz sich
hier nicht die Beine bricht!
Du dünkst dich weise, du stolzer Zarathustra! So rathe doch das Räthsel, du
harter Nüsseknacker, - das Räthsel, das ich bin! So sprich doch - wer bin ich! «
- Als aber Zarathustra diese Worte gehört hatte, - was glaubt ihr wohl, dass sich
da mit seiner Seele zutrug? Das Mitleiden fiel ihn an; und er sank mit Einem
Male nieder, wie ein Eichbaum, der lange vielen Holzschlägern widerstanden
hat, - schwer, plötzlich, zum Schrecken selber für Die, welche ihn fällen wollten.
Aber schon stand er wieder vom Boden auf, und sein Antlitz wurde hart.
»Ich erkenne dich wohl, sprach er mit einer erzenen Stimme: du bist der Mörder
Gottes! Lass mich gehn.
Du ertrugst Den nicht, der dich sah, - der dich immer und durch und durch sah,
du hässlichster Mensch! Du nahmst Rache an diesem Zeugen!«
Also sprach Zarathustra und wollte davon; aber der Unaussprechliche fasste
nach einem Zipfel seines Gewandes und begann von Neuem zu gurgeln und
nach Worten zu suchen. »Bleib!« sagte er endlich -
- bleib! Geh nicht vorüber! Ich errieth, welche Axt dich zu Boden schlug: Heil
dir, oh Zarathustra, dass du wieder stehst!
Du erriethest, ich weiss es gut, wie Dem zu Muthe ist, der ihn tödtete, - dem
Mörder Gottes. Bleib! Setze dich her zu mir, es ist nicht umsonst.
Zu wem wollte ich, wenn nicht zu dir? Bleib, setze dich! Blicke mich aber nicht
an! Ehre also - meine Hässlichkeit!
213
Sie verfolgen mich: nun bist du meine letzte Zuflucht. Nicht mit ihrem Hasse,
nicht mit ihren Häschern: - oh solcher Verfolgung würde ich spotten und stolz
und froh sein!
War nicht aller Erfolg bisher bei den Gut-Verfolgten? Und wer gut verfolgt,
lernt leicht folgen: - ist er doch einmal - hinterher! Aber ihr Mitleid ist′s -
- ihr Mitleid ist′s, vor dem ich flüchte und dir zuflüchte. Oh Zarathustra,
schütze mich, du meine letzte Zuflucht, du Einziger, der mich errieth:
- du erriethest, wie Dem zu Muthe ist, welcher ihn tödtete. Bleib! Und willst du
gehn, du Ungeduldiger: geh nicht den Weg, den ich kam. Der Weg ist schlecht.
Zürnst du mir, dass ich zu lange schon rede-rade-breche? Dass ich schon dir
rathe? Aber wisse, ich bin′s, der hässlichste Mensch,
- der auch die grössten schwersten Füsse hat. Wo ich gieng, ist der Weg
schlecht. Ich trete alle Wege todt und zu Schanden.
Dass du aber an mir vorübergiengst, schweigend; dass du erröthetest, ich sah es
wohl: daran erkannte ich dich als Zarathustra.
Jedweder Andere hätte mir sein Almosen zugeworfen, sein Mitleiden, mit Blick
und Rede. Aber dazu - bin ich nicht Bettler genug, das erriethest du -
- dazu bin ich zu reich , reich an Grossem, an Furchtbarem, am Hässlichsten,
am Unaussprechlichsten! Deine Scham, oh Zarathustra, ehrte mich!
Mit Noth kam ich heraus aus dem Gedräng der Mitleidigen, - dass ich den
Einzigen fände, der heute lehrt »Mitleiden ist zudringlich« - dich, oh
Zarathustra!
- sei es eines Gottes, sei es der Menschen Mitleiden: Mitleiden geht gegen die
Scham. Und nicht-helfen-wollen kann vornehmer sein als jene Tugend, die
zuspringt.
Das aber heisst heute Tugend selber bei allen kleinen Leuten, das Mitleiden: -
die haben keine Ehrfurcht vor grossem Unglück, vor grosser Hässlichkeit, vor
grossem Missrathen.
Über diese Alle blicke ich hinweg, wie ein Hund über die Rücken wimmelnder
Schafheerden wegblickt. Es sind kleine wohlwollige wohlwillige graue Leute.
Wie ein Reiher verachtend über flache Teiche wegblickt, mit zurückgelegtem
Kopfe: so blicke ich über das Gewimmel grauer kleiner Wellen und Willen und
Seelen weg.
214
Zu lange hat man ihnen Recht gegeben, diesen kleinen Leuten: so gab man
ihnen endlich auch die Macht - nun lehren sie: »gut ist nur, was kleine Leute gut
heissen.«
Und »Wahrheit« heisst heute, was der Prediger sprach, der selber aus ihnen
herkam, jener wunderliche Heilige und Fürsprecher der kleinen Leute, welcher
von sich zeugte »ich - bin die Wahrheit.«
Dieser Unbescheidne macht nun lange schon den kleinen Leuten den Kamm
hoch schwellen - er, der keinen kleinen Irrthum lehrte, als er lehrte »ich - bin die
Wahrheit.«
Ward einem Unbescheidnen jemals höflicher geantwortet? - Du aber, oh
Zarathustra, giengst an ihm vorüber und sprachst: »Nein! Nein! Drei Mal Nein!«
Du warntest vor seinem Irrthum, du warntest als der Erste vor dem Mitleiden -
nicht Alle, nicht Keinen, sondern dich und deine Art.
Du schämst dich an der Scham des grossen Leidenden; und wahrlich, wenn du
sprichst »von dem Mitleiden her kommt eine grosse Wolke, habt Acht, ihr
Menschen!«
- wenn du lehrst »alle Schaffenden sind hart, alle grosse Liebe ist über ihrem
Mitleiden«: oh Zarathustra, wie gut dünkst du mich eingelernt auf Wetter-
Zeichen!
Du selber aber - warne dich selber auch vor deinem Mitleiden! Denn Viele sind
zu dir unterwegs, viele Leidende, Zweifelnde, Verzweifelnde, Ertrinkende,
Frierende -
Ich warne dich auch vor mir. Du erriethest mein bestes, schlimmstes Räthsel,
mich selber und was ich that. Ich kenne die Axt, die dich fällt.
Aber er - musste sterben: er sah mit Augen, welche Alles sahn, - er sah des
Menschen Tiefen und Gründe, alle seine verhehlte Schmach und Hässlichkeit.
Sein Mitleiden kannte keine Scham: er kroch in meine schmutzigsten Winkel.
Dieser Neugierigste, Über-Zudringliche, Über-Mitleidige musste sterben.
Er sah immer mich: an einem solchen Zeugen wollte ich Rache haben - oder
selber nicht leben.
Der Gott, der Alles sah, auch den Menschen dieser Gott musste sterben! Der
Mensch erträgt es nicht, dass solch ein Zeuge lebt.«
Also, sprach der hässlichste Mensch. Zarathustra aber erhob sich und schickte
sich an fortzugehn: denn ihn fröstelte bis in seine Eingeweide.
215
»Du Unaussprechlicher, sagte er, du warntest mich vor deinem Wege. Zum
Danke dafür lobe ich dir den meinen. Siehe, dort hinauf liegt die Höhle
Zarathustra′s.
Meine Höhle ist gross und tief und hat viele Winkel; da findet der Versteckteste
sein Versteck. Und dicht bei ihr sind hundert Schlüpfe und Schliche für
kriechendes, flatterndes und springendes Gethier.
Du Ausgestossener, der du dich selber ausstiessest, du willst nicht unter
Menschen und Menschen-Mitleid wohnen? Wohlan, so thu′s mir gleich! So
lernst du auch von mir; nur der Thäter lernt.
Und rede zuerst und -nächst mit meinen Thieren! Das stolzeste Thier und das
klügste Thier - die möchten uns Beiden wohl die rechten Rathgeber sein!« - -
Also sprach Zarathustra und gieng seiner Wege, nachdenklicher und langsamer
noch als zuvor: denn er fragte sich Vieles und wusste sich nicht leicht zu
antworten.
»Wie arm ist doch der Mensch! dachte er in seinem Herzen, wie hässlich, wie
röchelnd, wie voll verborgener Scham!
Man sagt mir, dass der Mensch sich selber liebe: ach, wie gross muss diese
Selber-Liebe sein! Wie viel Verachtung hat sie wider sich!
Auch dieser da liebte sich, wie er sich verachtete, - ein grosser Liebender ist er
mir und ein grosser Verächter.
Keinen fand ich noch, der sich tiefer verachtet hätte: auch Das ist Höhe. Wehe,
war Der vielleicht der höhere Mensch, dessen Schrei ich hörte?
Ich liebe die grossen Verachtenden. Der Mensch aber ist Etwas, das
überwunden werden muss.« - -
Der freiwillige Bettler
Als Zarathustra den hässlichsten Menschen verlassen hatte, fror ihn, und er
fühlte sich einsam: es gieng ihm nämlich vieles Kalte und Einsame durch die
Sinne, also, dass darob auch seine Glieder kälter wurden. Indem er aber weiter
und weiter stieg, hinauf, hinab, bald an grünen Weiden vorbei, aber auch über
wilde steinichte Lager, wo ehedem wohl ein ungeduldiger Bach sich zu Bett
gelegt hatte.- da wurde ihm mit Einem Male wieder wärmer und herzlicher zu
Sinne.
»Was geschah mir doch? fragte er sich, etwas Warmes und Lebendiges erquickt
mich, das muss in meiner Nähe sein.
216
Schon bin ich weniger allein; unbewusste Gefährten und Brüder schweifen um
mich, ihr warmer Athem rührt an meine Seele.«
Als er aber um sich spähete und nach den Tröstern seiner Einsamkeit suchte:
siehe, da waren es Kühe, welche auf einer Anhöhe bei einander standen; deren
Nähe und Geruch hatten sein Herz erwärmt. Diese Kühe aber schienen mit
Eifer einem Redenden zuzuhören und gaben nicht auf Den Acht, der
herankam. Wie aber Zarathustra ganz in ihrer Nähe war, hörte er deutlich, dass
eine Menschen-Stimme aus der Mitte der Kühe heraus redete; und ersichtlich
hatten sie allesammt ihre Köpfe dem Redenden zugedreht.
Da sprang Zarathustra mit Eifer hinauf und drängte die Thiere auseinander,
denn er fürchtete, dass hier jemandem ein Leids geschehn sei, welchem
schwerlich das Mitleid von Kühen abhelfen mochte. Aber darin hatte er sich
getäuscht; denn siehe, da sass ein Mensch auf der Erde und schien den Thieren
zuzureden, dass sie keine Scheu vor ihm haben sollten, ein friedfertiger Mensch
und Berg-Prediger, aus dessen Augen die Güte selber predigte. »Was suchst du
hier?« rief Zarathustra mit Befremden.
»Was ich hier suche? antwortete er: das Selbe, was du suchst, du Störenfried!
nämlich das Glück auf Erden.
Dazu aber möchte ich von diesen Kühen lernen. Denn, weisst du wohl, einen
halben Morgen schon rede ich ihnen zu, und eben wollten sie mir Bescheid
geben. Warum doch störst du sie?
So wir nicht umkehren und werden wie die Kühe, so kommen wir nicht in das
Himmelreich. Wir sollten ihnen nämlich Eins ablernen: das Wiederkäuen.
Und wahrlich, wenn der Mensch auch die ganze Welt gewönne und lernte das
Eine nicht, das Wiederkäuen: was hülfe es! Er würde nicht seine Trübsal los
- seine grosse Trübsal: die aber heisst heute Ekel. Wer hat heute von Ekel nicht
Herz, Mund und Augen voll? Auch du! Auch du! Aber siehe doch diese Kühe
an!« -
Also sprach der Berg-Prediger und wandte dann seinen eignen Blick
Zarathustra zu, - denn bisher hieng er mit Liebe an den Kühen -: da aber
verwandelte er sich. »Wer ist das, mit dem ich rede? rief er erschreckt und
sprang vom Boden empor.
Diess ist der Mensch ohne Ekel, diess ist Zarathustra selber, der Überwinder
des grossen Ekels, diess ist das Auge, diess ist der Mund, diess ist das Herz
Zarathustra′s selber.«
217
Und indem er also sprach, küsste er Dem, zu welchem er redete, die Hände, mit
überströmenden Augen, und gebärdete sich ganz als Einer, dem ein kostbares
Geschenk und Kleinod unversehens vom Himmel fällt. Die Kühe aber schauten
dem Allen zu und wunderten sich.
»Sprich nicht von mir, du Wunderlicher! Lieblicher! sagte Zarathustra und
wehrte seiner Zärtlichkeit, sprich mir erst von dir! Bist du nicht der freiwillige
Bettler, der einst einen grossen Reichthum von sich warf, -
- der sich seines Reichthums schämte und der Reichen, und zu den Ärmsten
floh, dass er ihnen seine Fülle und sein Herz schenke? Aber sie nahmen ihn
nicht an.«
»Aber sie nahmen mich nicht an, sagte der freiwillige Bettler, du weisst es ja. So
gieng ich endlich zu den Thieren und zu diesen Kühen.«
»Da lerntest du, unterbrach Zarathustra den Redenden, wie es schwerer ist,
recht geben als recht nehmen, und dass gut schenken eine Kunst ist und die
letzte listigste Meister-Kunst der Güte.«
»Sonderlich heutzutage, antwortete der freiwillige Bettler: heute nämlich, wo
alles Niedrige aufständisch ward und scheu und auf seine Art hoffährtig:
nämlich auf Pöbel-Art.
Denn es kam die Stunde, du weisst es ja, für den grossen schlimmen langen
langsamen Pöbel- und Sklaven-Aufstand: der wächst und wächst!
Nun empört die Niedrigen alles Wohlthun und kleine Weggeben; und die
Überreichen mögen auf der Hut sein!
Wer heute gleich bauchichten Flaschen tröpfelt aus allzuschmalen Hälsen: -
solchen Flaschen bricht man heute gern den Hals.
Lüsterne Gier, gallichter Neid, vergrämte Rachsucht, Pöbel-Stolz: das sprang
mir Alles in′s Gesicht. Es ist nicht mehr wahr, dass die Armen selig sind. Das
Himmelreich aber ist bei den Kühen.«
Und warum ist es nicht bei den Reichen? fragte Zarathustra versuchend,
während er den Kühen wehrte, die den Friedfertigen zutraulich anschnauften.
»Was versuchst du mich? antwortete dieser. Du weisst es selber besser noch als
ich. Was trieb mich doch zu den Ärmsten, oh Zarathustra? War es nicht der
Ekel vor unsern Reichsten?
- vor den Sträflingen des Reichthums, welche sich ihren Vortheil aus jedem
Kehricht auflesen, mit kalten Augen, geilen Gedanken, vor diesem Gesindel,
das gen Himmel stinkt,
218
- vor diesem vergüldeten verfälschten Pöbel, dessen Väter Langfinger oder
Aasvögel oder Lumpensammler waren, mit Weibern willfährig, lüstern,
vergesslich: - sie haben′s nämlich alle nicht weit zur Hure -
Pöbel oben, Pöbel unten! Was ist heute noch »Arm« und »Reich«! Diesen
Unterschied verlernte ich, - da floh ich davon, weiter, immer weiter, bis ich zu
diesen Kühen kam.«
Also sprach der Friedfertige und schnaufte selber und schwitzte bei seinen
Worten: also dass die Kühe sich von Neuem wunderten. Zarathustra aber sah
ihm immer mit Lächeln in′s Gesicht, als er so hart redete, und schüttelte dazu
schweigend den Kopf.
»Du thust dir Gewalt an, du Berg-Prediger, wenn du solche harte Worte
brauchst. Für solche Härte wuchs dir nicht der Mund, nicht das Auge.
Auch, wie mich dünkt, dein Magen selber nicht: dem widersteht all solches
Zürnen und Hassen und Überschäumen. Dein Magen will sanftere Dinge: du
bist kein Fleischer.
Vielmehr dünkst du mich ein Pflanzler und Wurzelmann. Vielleicht malmst du
Körner. Sicherlich aber bist du fleischlichen Freuden abhold und liebst den
Honig.«
»Du erriethst mich gut, antwortete der freiwillige Bettler, mit erleichtertem
Herzen. Ich liebe den Honig, ich malme auch Körner, denn ich suchte, was
lieblich mundet und reinen Athem macht:
- auch was lange Zeit braucht, ein Tag- und Maul-Werk für sanfte Müssiggänger
und Tagediebe.
Am weitesten freilich brachten es diese Kühe: die erfanden sich das
Wiederkäuen und In-der-Sonne-Liegen. Auch enthalten sie sich aller schweren
Gedanken, welche das Herz blähn.«
- Wohlan! sagte Zarathustra: du solltest auch meine Thiere sehn, meinen Adler
und meine Schlange, - ihres Gleichen giebt es heute nicht auf Erden.
Siehe, dorthin führt der Weg zu meiner Höhle: sei diese Nacht ihr Gast. Und
rede mit meinen Thieren vom Glück der Thiere, -
- bis ich selber heimkomme. Denn jetzt ruft ein Nothschrei Mich eilig weg von
dir. Auch findest du neuen Honig bei mir, eisfrischen Waben-Goldhonig: den
iss!
219
Jetzt aber nimm flugs Abschied von deinen Kühen, du Wunderlicher!
Lieblicher! ob es dir schon schwer werden mag. Denn es sind deine wärmsten
Freunde und Lehrmeister!« -
»- Einen ausgenommen, den ich noch lieber habe, antwortete der freiwil ige
Bettler. Du selber bist gut und besser noch als eine Kuh, oh Zarathustra!«
»Fort, fort mit dir! du arger Schmeichler! schrie Zarathustra mit Bosheit, was
verdirbst du mich mit solchem Lob und Schmeichel-Honig?«
»Fort, fort von mir!« schrie er noch Ein Mal und schwang seinen Stock nach
dem zärtlichen Bettler: der aber lief hurtig davon.
Der Schatten
Kaum aber war der freiwillige Bettler davongelaufen und Zarathustra wieder
mit sich allein, da hörte er hinter sich eine neue Stimme: die rief »Halt!
Zarathustra! So warte doch! Ich bin′s ja, oh Zarathustra, ich, dein Schatten!«
Aber Zarathustra wartete nicht, denn ein plötzlicher Verdruss überkam ihn ob
des vielen Zudrangs und Gedrängs in seinen Bergen. »Wo ist meine Einsamkeit
hin? sprach er.
Es wird mir wahrlich zu viel; diess Gebirge wimmelt, mein Reich ist nicht mehr
von dieser Welt, ich brauche neue Berge.
Mein Schatten ruft mich? Was liegt an meinem Schatten! Mag er mir nachlaufen!
ich - laufe ihm davon. -
Also sprach Zarathustra zu seinem Herzen und lief davon. Aber Der, welcher
hinter ihm war, folgte ihm nach: so dass alsbald drei Laufende hinter einander
her waren, nämlich voran der freiwillige Bettler, dann Zarathustra und zudritt
und -hinterst sein Schatten. Nicht lange liefen sie so, da kam Zarathustra zur
Besinnung über seine Thorheit und schüttelte mit Einem Rucke allen Verdruss
und Überdruss von sich.
»Wie! sprach er, geschahen nicht von je die lächerlichsten Dinge bei uns alten
Einsiedlern und Heiligen?
Wahrlich, meine Thorheit wuchs hoch in den Bergen! Nun höre ich sechs alte
Narren-Beine hinter einander her klappern!
Darf aber Zarathustra sich wohl vor einem Schatten fürchten? Auch dünkt
mich zu guterletzt, dass er längere Beine hat als ich.«
Also sprach Zarathustra, lachend mit Augen und Eingeweiden, blieb stehen und
drehte sich schnell herum - und siehe, fast warf er dabei seinen Nachfolger und
220
Schatten zu Boden: so dicht schon folgte ihm derselbe auf den Fersen, und so
schwach war er auch. Als er ihn nämlich mit Augen prüfte, erschrak er wie vor
einem plötzlichen Gespenste: so dünn, schwärzlich, hohl und überlebt sah
dieser Nachfolger aus.
»Wer bist du? fragte Zarathustra heftig, was treibst du hier? Und wesshalb
heissest du dich meinen Schatten? Du gefällst mir nicht.«
»Vergieb mir, antwortete der Schatten, dass ich′s bin; und wenn ich dir nicht
gefalle, wohlan, oh Zarathustra! darin lobe ich dich und deinen guten
Geschmack.
Ein Wanderer bin ich, der viel schon hinter deinen Fersen her gieng: immer
unterwegs, aber ohne Ziel, auch ohne Heim: also dass mir wahrlich wenig zum
ewigen Juden fehlt, es sei denn, dass ich nicht ewig, und auch nicht Jude bin.
Wie? Muss ich immerdar unterwegs sein? Von jedem Winde gewirbelt, unstät,
fortgetrieben? Oh Erde, du wardst mir zu rund!
Auf jeder Oberfläche sass ich schon, gleich müdem Staube schlief ich ein auf
Spiegeln und Fensterscheiben: Alles nimmt von mir, Nichts giebt, ich werde
dünn, - fast gleiche ich einem Schatten.
Dir aber, oh Zarathustra, flog und zog ich am längsten nach, und, verbarg ich
mich schon vor dir, so war ich doch dein bester Schatten: wo du nur gesessen
hast, sass ich auch.
Mit dir bin ich in fernsten, kältesten Welten umgegangen, einem Gespenste
gleich, das freiwillig über Winterdächer und Schnee läuft.
Mit dir strebte ich in jedes Verbotene, Schlimmste, Fernste: und wenn irgend
Etwas an mir Tugend ist, so ist es, dass ich vor keinem Verbote Furcht hatte.
Mit dir zerbrach ich, was je mein Herz verehrte, alle Grenzsteine und Bilder
warf ich um, den gefährlichsten Wünschen lief ich nach, - wahrlich, über
jedwedes Verbrechen lief ich einmal hinweg.
Mit dir verlernte ich den Glauben an Worte und Werthe und grosse Namen.
Wenn der Teufel sich häutet, fällt da nicht auch sein Name ab? der ist nämlich
auch Haut. Der Teufel selber ist vielleicht - Haut.
»Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt«: so sprach ich mir zu. In die kältesten Wasser
stürzte ich mich, mit Kopf und Herzen. Ach, wie oft stand ich darob nackt als
rother Krebs da!
221
Ach, wohin kam mir alles Gute und alle Scham und aller Glaube an die Guten!
Ach, wohin ist jene verlogne Unschuld, die ich einst besass, die Unschuld der
Guten und ihrer edlen Lügen!
Zu oft, wahrlich, folgte ich der Wahrheit dicht auf dem Fusse: da trat sie mir
vor den Kopf. Manchmal meinte ich zu lügen, und siehe! da erst traf ich - die
Wahrheit.
Zu Viel klärte sich mir auf: nun geht es mich Nichts mehr an. Nichts lebt mehr,
das ich liebe, - wie sollte ich noch mich selber lieben?
»Leben, wie ich Lust habe, oder gar nicht leben«: so will ich′s, so will′s auch der
Heiligste. Aber, wehe! wie habe ich noch - Lust?
Habe ich - noch ein Ziel? Einen Hafen, nach dem mein Segel läuft?
Einen guten Wind? Ach, nur wer weiss, wohin er fährt, weiss auch, welcher
Wind gut und sein Fahrwind ist.
Was blieb mir noch zurück? Ein Herz müde und frech; ein unstäter Wille;
Flatter-Flügel; ein zerbrochnes Rückgrat.
Diess Suchen nach meinem Heim: oh Zarathustra, weisst du wohl, diess Suchen
war meine Heimsuchung, es frisst mich auf.
»Wo ist - mein Heim?« Darnach frage und suche und suchte ich, das fand ich
nicht. Oh ewiges Überall, oh ewiges Nirgendwo, oh ewiges - Umsonst!«
Also sprach der Schatten, und Zarathustra′s Gesicht verlängerte sich bei seinen
Worten. »Du bist mein Schatten! sagte er endlich, mit Traurigkeit.
Deine Gefahr ist keine kleine, du freier Geist und Wanderer! Du hast einen
schlimmen Tag gehabt: sieh zu, dass dir nicht noch ein schlimmerer Abend
kommt!
Solchen Unstäten, wie du, dünkt zuletzt auch ein Gefängniss selig. Sahst du je,
wie eingefangne Verbrecher schlafen? Sie schlafen ruhig, sie gemessen ihre neue
Sicherheit.
Hüte dich, dass dich nicht am Ende noch ein enger Glaube einfängt, ein harter,
strenger Wahn! Dich nämlich verführt und versucht nunmehr Jegliches, das eng
und fest ist.
Du hast das Ziel verloren: wehe, wie wirst du diesen Verlust verscherzen und
verschmerzen? Damit - hast du auch den Weg verloren!
Du armer Schweifender, Schwärmender, du müder Schmetterling! willst du
diesen Abend eine Rast und Heimstätte haben? So gehe hinauf zu meiner
Höhle!
222
Dorthin führt der Weg zu meiner Höhle. Und jetzo will ich Schnell wieder von
dir davonlaufen. Schon liegt es wie ein Schatten auf mir.
Ich will allein laufen, dass es wieder hell um mich werde. Dazu muss ich noch
lange lustig auf den Beinen sein. Des Abends aber wird bei mir - getanzt!« - -
Also sprach Zarathustra.
Mittags
- Und Zarathustra lief und lief und fand Niemanden mehr und war allein und
fand immer wieder sich und genoss und schlürfte seine Einsamkeit und dachte
an gute Dinge, - stundenlang. Um die Stunde des Mittags aber, als die Sonne
gerade über Zarathustra′s Haupte stand, kam er an einem alten krummen und
knorrichten Baume vorbei, der von der reichen Liebe eines Weinstocks rings
umarmt und vor sich selber verborgen war: von dem hiengen gelbe Trauben in
Fülle dem Wandernden entgegen. Da gelüstete ihn, einen kleinen Durst zu
löschen und sich eine Traube abzubrechen; als er aber schon den Arm dazu
ausstreckte, da gelüstete ihn etwas Anderes noch mehr: nämlich sich neben den
Baum niederzulegen, um die Stunde des vollkommnen Mittags, und zu schlafen.
Diess that Zarathustra; und sobald er auf dem Boden lag, in der Stille und
Heimlichkeit des bunten Grases, hatte er auch schon seinen kleinen Durst
vergessen und schlief ein. Denn, wie das Sprichwort Zarathustra′s sagt: Eins ist
nothwendiger als das Andre. Nur dass seine Augen offen blieben: - sie wurden
nämlich nicht satt, den Baum und die Liebe des Weinstocks zu sehn und zu
preisen. Im Einschlafen aber sprach Zarathustra also zu seinem Herzen:
Still! Still! Ward die Welt nicht eben vollkommen? Was geschieht mir doch?
Wie ein zierlicher Wind, ungesehn, auf getäfeltem Meere tanzt, leicht,
federleicht: so - tanzt der Schlaf auf mir,
Kein Auge drückt er mir zu, die Seele lässt er mir wach. Leicht ist er, wahrlich!
federleicht.
Er überredet mich, ich weiss nicht wie?, er betupft mich innewendig mit
schmeichelnder Hand, er zwingt mich. Ja, er zwingt mich, dass meine Seele sich
ausstreckt: -
- wie sie mir lang und müde wird, meine wunderliche Seele! Kam ihr eines
siebenten Tages Abend gerade am Mittage? Wandelte sie zu lange schon selig
zwischen guten und reifen Dingen?
223
Sie streckt sich lang aus, lang, - länger! sie liegt stille, meine wunderliche Seele.
Zu viel Gutes hat sie schon geschmeckt, diese. goldene Traurigkeit drückt sie,
sie verzieht den Mund.
- Wie ein Schiff, das in seine stillste Bucht einlief: - nun lehnt es sich an die
Erde, der langen Reisen müde und der ungewissen Meere. Ist die Erde nicht
treuer?
Wie solch ein Schiff sich dem Lande anlegt, anschmiegt: - da genügt′s, dass eine
Spinne vom Lande her zu ihm ihren Faden spinnt. Keiner stärkeren Taue
bedarf es da.
Wie solch ein müdes Schiff in der stillsten Bucht: so ruhe auch ich nun der
Erde nahe, treu, zutrauend, wartend, mit den leisesten Fäden ihr angebunden.
Oh Glück! Oh Glück! Willst du wohl singen, oh meine Seele? Du liegst im
Grase. Aber das ist die heimliche feierliche Stunde, wo kein Hirt seine Flöte
bläst.
Scheue dich! Heisser Mittag schläft auf den Fluren. Singe. nicht! Still! Die Welt
ist vollkommen.
Singe nicht, du Gras-Geflügel, oh meine Seele! Flüstere nicht einmal! Sieh doch
- still! der alte Mittag schläft, er bewegt den Mund: trinkt er nicht eben einen
Tropfen Glücks -
- einen alten braunen Tropfen goldenen Glücks, goldenen Weins? Es huscht
über ihn hin, sein Glück lacht. So - lacht ein Gott. Still! -
- »Zum Glück, wie wenig genügt schon zum Glücke!« So sprach ich einst, und
dünkte mich klug. Aber es war eine Lästerung: das lernte ich nun. Kluge Narrn
reden besser.
Das Wenigste gerade, das Leiseste, Leichteste, einer Eidechse Rascheln, ein
Hauch, ein Husch, ein Augen-Blidk - Wenig macht die Art des besten Glücks.
Still!
- Was geschah mir: Horch! Flog die Zeit wohl davon? Fal e ich nicht? Fiel ich
nicht - horch! in den Brunnen der Ewigkeit?
- Was geschieht mir? Still! Es sticht mich - wehe - in′s Herz? In′s Herz! Oh
zerbrich, zerbrich, Herz, nach solchem Glücke, nach solchem Stiche!
- Wie? Ward die Welt nicht eben vollkommen? Rund und reif? Oh des goldenen
runden Reifs - wohin fliegt er wohl? Laufe ich ihm nach! Husch!
Still - - (und hier dehnte sich Zarathustra und fühlte, dass er schlafe.) -
224
Auf! sprach er zu sich selber, du Schläfer! Du Mittagsschläfer! Wohlan, wohlauf,
ihr alten Beine! Zeit ist′s und Überzeit, manch gut Stück Wegs blieb euch noch
zurück -
Nun schlieft ihr euch aus, wie lange doch? Eine halbe Ewigkeit! Wohlan,
wohlauf nun, mein altes Herz! Wie lange erst darfst du nach solchem Schlaf -
dich auswachen?
(Aber da schlief er schon von Neuem ein, und seine Seele sprach gegen ihn und
wehrte sich und legte sich wieder hin) - »Lass mich doch! Still! Ward nicht die
Welt eben vollkommen? Oh des goldnen runden Balls!« -
»Steh auf, sprach Zarathustra, du kleine Diebin, du Tagediebin! Wie? Immer
noch sich strecken, gähnen, seufzen, hinunterfallen in tiefe Brunnen?
Wer bist du doch! Oh meine Seele!« (und hier erschrak er, denn ein
Sonnenstrahl fiel vom Himmel herunter auf sein Gesicht)
»Oh Himmel über mir, sprach er seufzend und setzte sich aufrecht, du schaust
mir zu? Du horchst meiner wunderlichen Seele zu?
Wann trinkst du diesen Tropfen Thau′s, der auf alle Erden-Dinge niederfiel, -
wann trinkst du diese wunderliche Seele -
- wann, Brunnen der Ewigkeit! du heiterer schauerlicher Mittags-Abgrund!
wann trinkst du meine Seele in dich zurück?«
Also sprach Zarathustra und erhob sich von seinem Lager am Baume wie aus
einer fremden Trunkenheit: und siehe, da stand die Sonne immer noch gerade
über seinem Haupte. Es möchte aber Einer daraus mit Recht abnehmen, dass
Zarathustra damals nicht lange geschlafen habe.
Die Begrüssung
Am späten Nachmittage war es erst, dass Zarathustra, nach langem
umsonstigen Suchen und Umherstreifen, wieder zu seiner Höhle heimkam. Als
er aber derselben gegenüberstand, nicht zwanzig Schritt mehr von ihr ferne, da
geschah das, was er jetzt am wenigsten erwartete: von Neuem hörte er den
grossen Nothschrei. Und, erstaunlich! diess Mal kam derselbige aus seiner
eignen Höhle. Es war aber ein langer vielfältiger seltsamer Schrei, und
Zarathustra unterschied deutlich, dass er sich aus vielen Stimmen
zusammensetze: mochte er schon, aus der Ferne gehört, gleich dem Schrei aus
einem einzigen Munde klingen.
Da sprang Zarathustra auf seine Höhle zu, und siehe! welches Schauspiel
erwartete ihn erst nach diesem Hörspiele! Denn da sassen sie allesammt bei
225
einander, an denen er des Tags vorübergegangen war: der König zur Rechten
und der König zur Linken, der alte Zauberer, der Papst, der freiwillige Bettler,
der Schatten, der Gewissenhafte des Geistes, der traurige Wahrsager und der
Esel; der hässlichste Mensch aber hatte sich eine Krone aufgesetzt und zwei
Purpurgürtel umgeschlungen, - denn er liebte es, gleich allen Hässlichen, sich zu
verkleiden und schön zu thun. Inmitten aber dieser betrübten Gesellschaft
stand der Adler Zarathustra′s, gesträubt und unruhig, denn er sollte auf zu
Vieles antworten, wofür sein Stolz keine Antwort hatte; die kluge Schlange aber
hieng um seinen Hals.
Diess Alles schaute Zarathustra mit grosser Verwunderung; dann prüfte er
jeden Einzelnen seiner Gäste mit leutseliger Neugierde, las ihre Seelen ab und
wunderte sich von Neuem. Inzwischen hatten sich die Versammelten von ihren
Sitzen erhoben und warteten mit Ehrfurcht, dass Zarathustra reden werde.
Zarathustra aber sprach also:
»Ihr Verzweifelnden! Ihr Wunderlichen! Ich hörte also euren Nothschrei? Und
nun weiss ich auch, wo Der zu suchen ist, den ich umsonst heute suchte: der
höhere Mensch - :
- in meiner eignen Höhle sitzt er, der höhere Mensch! Aber was wundere ich
mich! Habe ich ihn nicht selber zu mir gelockt durch Honig-Opfer und listige
Lockrufe meines Glücks?
Doch dünkt mir, ihr taugt euch schlecht zur Gesellschaft, ihr macht einander
das Herz unwirsch, ihr Nothschreienden, wenn ihr hier beisammen sitzt? Es
muss erst Einer kommen,
- Einer, der euch wieder lachen macht, ein guter fröhlicher Hanswurst, ein
Tänzer und Wind und Wildfang, irgend ein alter Narr: - was dünket euch?
Vergebt mir doch, ihr Verzweifelnden, dass ich vor euch mit solch kleinen
Worten rede, unwürdig, wahrlich!, solcher Gäste! Aber ihr errathet nicht, was
mein Herz muthwillig macht: -
- ihr selber thut es und euer Anblick, vergebt es mir! Jeder nämlich wird muthig,
der einem Verzweifelnden zuschaut. Einem Verzweifelnden zuzusprechen -
dazu dünkt sich jeder stark genug.
Mir selber gabt ihr diese Kraft, - eine gute Gabe, meine hohen Gäste! Ein
rechtschaffnes Gastgeschenk! Wohlan, so zürnt nun nicht, dass ich euch auch
vom Meinigen anbiete.
226
Diess hier ist mein Reich und meine Herrschaft: was aber mein ist, für diesen
Abend und diese Nacht sol es euer sein. Meine Thiere sollen euch dienen:
meine Höhle sei eure Ruhestatt!
Bei mir zu Heim-und-Hause soll Keiner verzweifeln, in meinem Reviere schütze
ich jeden vor seinen wilden Thieren. Und das ist das Erste, was ich euch
anbiete: Sicherheit!
Das Zweite aber ist: mein kleiner Finger. Und habt ihr den erst, so nehmt nur
noch die ganze Hand, wohlan! und das Herz dazu! Willkommen hier,
willkommen, meine Gastfreunde!«
Also sprach Zarathustra und lachte vor Liebe und Bosheit. Nach dieser
Begrüssung verneigten sich seine Gäste abermals und schwiegen ehrfürchtig;
der König zur Rechten aber antwortete ihm in ihrem Namen.
»Daran, oh Zarathustra, wie du uns Hand und Gruss botest, erkennen wir dich
als Zarathustra. Du erniedrigtest dich vor uns; fast thatest du unserer Ehrfurcht
wehe -:
- wer aber vermochte gleich dir sich mit solchem Stolze zu erniedrigen? Das
richtet uns selber auf, ein Labsal ist es unsern Augen und Herzen.
Diess allein nur zu schaun, stiegen gern wir auf höhere Berge, als dieser Berg
ist. Als Schaulustige nämlich kamen wir, wir wollten sehn, was trübe Augen hell
macht.
Und siehe, schon ist es vorbei mit allem unsern Nothschrein. Schon steht Sinn
und Herz uns offen und ist entzückt. Wenig fehlt: und unser Muth wird
muthwillig.
Nichts, oh Zarathustra, wächst Erfreulicheres auf Erden, als ein hoher starker
Wille: der ist ihr schönstes Gewächs. Eine ganze Landschaft erquickt sich an
Einem solchen Baume.
Der Pinie vergleiche ich, wer gleich dir, oh Zarathustra, aufwächst: lang,
schweigend, hart, allein, besten biegsamsten Holzes, herrlich, -
- zuletzt aber hinausgreifend mit starken grünen Ästen nach seiner Herrschaft,
starke Fragen fragend vor Winden und Wettern und was immer auf Höhen
heimisch ist,
- stärker antwortend, ein Befehlender, ein Siegreicher: oh wer sollte nicht,
solche Gewächse zu schaun, auf hohe Berge steigen?
227
Deines Baumes hier, oh Zarathustra, erlabt sich auch der Düstere, der
Missrathene, an deinem Anblicke wird auch der Unstäte sicher und heilt sein
Herz.
Und wahrlich, zu deinem Berge und Baume richten sich heute viele Augen; eine
grosse Sehnsucht hat sich aufgemacht, und Manche lernten fragen: wer ist
Zarathustra?
Und wem du jemals dein Lied und deinen Honig in′s Ohr geträufelt: al e die
Versteckten, die Einsiedler, die Zweisiedler sprachen mit Einem Male zu ihrem
Herzen:
»Lebt Zarathustra noch? Es lohnt sich nicht mehr zu leben, Alles ist gleich,
Alles ist umsonst: oder - wir müssen mit Zarathustra leben!«
»Warum kommt er nicht, der sich so lange ankündigte? also fragen Viele;
verschlang ihn die Einsamkeit? Oder sollen wir wohl zu ihm kommen?«
Nun geschieht′s, dass die Einsamkeit selber mürbe wird und zerbricht, einem
Grabe gleich, das zerbricht und seine Todten nicht mehr halten kann. Überall
sieht man Auferstandene.
Nun steigen und steigen die Wel en um deinen Berg, oh Zarathustra. Und wie
hoch auch deine Höhe ist, Viele müssen zu dir hinauf; dein Nachen soll nicht
lange mehr im Trocknen sitzen.
Und dass wir Verzweifelnde jetzt in deine Höhle kamen und schon nicht mehr
verzweifeln: ein Wahr- und Vorzeichen ist es nur, davon, dass Bessere zu dir
unterwegs sind, -
- denn er selber ist zu dir unterwegs, der letzte Rest Gottes unter Menschen, das
ist: alle die Menschen der grossen Sehnsucht, des grossen Ekels, des grossen
Überdrusses,
- Al e, die nicht leben wol en, oder sie lernen wieder hoffen - oder sie lernen
von dir, oh Zarathustra, die grosse Hoffnung!«
Also sprach der König zur Rechten und ergriff die Hand Zarathustra′s, um sie
zu küssen; aber Zarathustra wehrte seiner Verehrung und trat erschreckt
zurück, schweigend und plötzlich wie in weite Fernen entfliehend. Nach einer
kleinen Weile aber war er schon wieder bei seinen Gästen, blickte sie mit hellen,
prüfenden Augen an und sprach:
Meine Gäste, ihr höheren Menschen, ich will deutsch und deutlich mit euch
reden. Nicht auf euch wartete ich hier in diesen Bergen.
228
(»Deutsch und deutlich? Dass Gott erbarm! sagte hier der König zur Linken,
bei Seite; man merkt, er kennt die lieben Deutschen nicht, dieser Weise aus dem
Morgenlande!
Aber er meint »deutsch und derb« - wohlan! Das ist heutzutage noch nicht der
schlimmste Geschmack!«)
»Ihr mögt wahrlich insgesammt höhere Menschen sein, fuhr Zarathustra fort:
aber für mich - seid ihr nicht hoch und stark genug.
Für mich, das heisst: für das Unerbittliche, das in mir schweigt, aber nicht
immer schweigen wird. Und gehört ihr zu mir, so doch nicht als mein rechter
Arm.
Wer nämlich selber auf kranken und zarten Beinen steht, gleich euch, der will
vor Allem, ob er′s weiss oder sich verbirgt: dass er geschont werde.
Meine Arme und meine Beine aber schone ich nicht, ich schone meine Krieger
nicht: wieso könntet ihr zu meinem Kriege taugen?
Mit euch verdürbe ich mir jeden Sieg noch. Und Mancher von euch fiele schon
um, wenn er nur den lauten Schall meiner Trommeln hörte.
Auch seid ihr mir nicht schön genug und wohlgeboren. Ich brauche reine glatte
Spiegel für meine Lehren; auf eurer Oberfläche verzerrt sich noch mein eignes
Bildniss.
Eure Schultern drückt manche Last, manche Erinnerung; manch schlimmer
Zwerg hockt in euren Winkeln. Es giebt verborgenen Pöbel auch in euch.
Und seid ihr auch hoch und höherer Art: Vieles an euch ist krumm und
missgestalt. Da ist kein Schmied in der Welt, der euch mir zurecht und gerade
schlüge.
Ihr seid nur Brücken: mögen Höhere auf euch hinüber schreiten! Ihr bedeutet
Stufen: so zürnt Dem nicht, der über euch hinweg in seine Höhe steigt!
Aus eurem Samen mag auch mir einst ein ächter Sohn und vollkommener Erbe
wachsen: aber das ist ferne. Ihr selber seid Die nicht, welchen mein Erbgut und
Name zugehört.
Nicht auf euch warte ich hier in diesen Bergen, nicht mit euch darf ich zum
letzten Male niedersteigen. Als Vorzeichen kamt ihr mir nur, dass schon Höhere
zu mir unterwegs sind, -
- nicht die Menschen der grossen Sehnsucht, des grossen Ekels, des grossen
Überdrusses und Das, was ihr den Überrest Gottes nanntet.
229
- Nein! Nein! Drei Mal Nein! Auf Andere warte ich hier in diesen Bergen und
will meinen Fuss nicht ohne sie von dannen heben,
- auf Höhere, Stärkere, Sieghaftere, Wohlgemuthere, Solche, die rechtwinklig
gebaut sind an Leib und Seele: lachende Löwen müssen kommen!
Oh, meine Gastfreunde, ihr Wunderlichen, - hörtet ihr noch Nichts von meinen
Kindern? Und dass sie zu mir unterwegs sind?
Sprecht mir doch von meinen Gärten, von meinen glückseligen Inseln, von
meiner neuen schönen Art, - warum sprecht ihr mir nicht davon?
Diess Gastgeschenk erbitte ich mir von eurer Liebe, dass ihr mir von meinen
Kindern sprecht. Hierzu bin ich reich, hierzu ward ich arm: was gab ich nicht
hin,
- was gäbe ich nicht hin, dass ich Eins hätte: diese Kinder, diese lebendige
Pflanzung, diese Lebensbäume meines Willens und meiner höchsten
Hoffnung!«
Also sprach Zarathustra und hielt plötzlich inne in seiner Rede: denn ihn
überfiel seine Sehnsucht, und er schloss Augen und Mund vor der Bewegung
seines Herzens. Und auch alle seine Gäste schwiegen und standen still und
bestürzt: nur dass der alte Wahrsager mit Händen und Gebärden Zeichen gab.
Das Abendmahl
An dieser Stelle nämlich unterbrach der Wahrsager die Begrüssung
Zarathustra′s und seiner Gäste: er drängte sich vor, wie Einer, der keine Zeit zu
verlieren hat, fasste die Hand Zarathustra′s und rief: »Aber Zarathustra!
Eins ist nothwendiger als das Andre, so redest du selber: wohlan, Eins ist mir
jetzt nothwendiger als alles Andere.
Ein Wort zur rechten Zeit: hast du mich nicht zum Mahle eingeladen? Und hier
sind viele, die lange Wege machten. Du willst uns doch nicht mit Reden
abspeisen?
Auch gedachtet ihr Alle mir schon zu viel des Erfrierens, Ertrinkens, Erstickens
und andrer Leibes-Nothstände: Keiner aber gedachte meines Nothstandes,
nämlich des Verhungerns -«
(Also sprach der Wahrsager; wie die Thiere Zarathustra′s aber diese Worte
hörten, liefen sie vor Schrecken davon. Denn sie sahen, dass was sie auch am
Tage heimgebracht hatten, nicht genug sein werde, den Einen Wahrsager zu
stopfen.)
230
»Eingerechnet das Verdursten, fuhr der Wahrsager fort. Und ob ich schon
Wasser hier plätschern höre, gleich Reden der Weisheit, nämlich reichlich und
unermüdlich: ich - will Wein!
Nicht jeder ist gleich Zarathustra ein geborner Wassertrinker. Wasser taugt auch
nicht für Müde und Verwelkte: uns gebührt Wein, - der erst giebt plötzliches
Genesen und stegreife Gesundheit!«
Bei dieser Gelegenheit, da der Wahrsager nach Wein begehrte, geschah es, dass
auch der König zur Linken, der Schweigsame, einmal zu Worte kam. »Für Wein,
sprach er, trugen wir Sorge, ich sammt meinem Bruder, dem Könige zur
Rechten: wir haben Weins genug, - einen ganzen Esel voll. So fehlt Nichts als
Brod.«
»Brod? entgegnete Zarathustra und lachte dazu. Nur gerade Brod haben
Einsiedler nicht. Aber der Mensch lebt nicht vom Brod allein, sondern auch
vom Fleische guter Lämmer, deren ich zwei habe:
- Die soll man geschwinde schlachten und würzig, mit Salbei, zubereiten: so
liebe ich′s. Und auch an Wurzeln und Früchten fehlt es nicht, gut genug selbst
für Lecker- und Schmeckerlinge; noch an Nüssen und andern Räthseln zum
Knacken.
Also wollen wir in Kürze eine gute Mahlzeit machen. Wer aber mit essen will,
muss auch mit Hand anlegen, auch die Könige. Bei Zarathustra nämlich darf
auch ein König Koch sein.«
Mit diesem Vorschlage war Allen nach dem Herzen geredet: nur dass der
freiwillige Bettler sich gegen Fleisch und Wein und Würzen sträubte.
»Nun hört mir doch diesen Schlemmer Zarathustra! sagte er scherzhaft: geht
man dazu in Höhlen und Hoch-Gebirge, dass man solche Mahlzeiten macht?
Nun freilich verstehe ich, was er einst uns lehrte: »Gelobt sei die kleine
Armuth!« Und warum er die Bettler abschaffen will.«
»Sei guter Dinge, antwortete ihm Zarathustra, wie ich es bin. Bleibe bei deiner
Sitte, du Trefflicher, malme deine Körner, trink dein Wasser, lobe deine Küche:
wenn sie dich nur fröhlich macht!
Ich bin ein Gesetz nur für die Meinen, ich bin kein Gesetz für Alle. Wer aber zu
mir gehört, der muss von starken Knochen sein, auch von leichten Füssen, -
- lustig zu Kriegen und Festen, kein Düsterling, kein Traum-Hans, bereit zum
Schwersten wie zu seinem Feste, gesund und heil.
231
Das Beste gehört den Meinen und mir; und giebt man′s uns nicht, so nehmen
wir′s: - die beste Nahrung, den reinsten Himmel, die stärksten Gedanken, die
schönsten Fraun!« -
Also sprach Zarathustra; der König zur Rechten aber entgegnete: »Seltsam!
Vernahm man je solche kluge Dinge aus dem Munde eines Weisen?
Und wahrlich, das ist das Seltsamste an einem Weisen, wenn er zu alledem auch
noch klug und kein Esel ist.«
Also sprach der König zur Rechten und wunderte sich; der Esel aber sagte zu
seiner Rede mit bösem Willen I-A. Diess aber war der Anfang von jener langen
Mahlzeit, welche »das Abendmahl« in den Historien-Büchern genannt wird. Bei
derselben aber wurde von nichts Anderem geredet als vom höheren Menschen.
Vom höheren Menschen
1
Als ich zum ersten Male zu den Menschen kam, da that ich die Einsiedler-
Thorheit, die grosse Thorheit: ich stellte mich auf den Markt.
Und als ich zu Allen redete, redete ich zu Keinem. Des Abends aber waren
Seiltänzer meine Genossen, und Leichname; und ich selber fast ein Leichnam.
Mit dem neuen Morgen aber kam mir eine neue Wahrheit: da lernte ich
sprechen »Was geht mich Markt und Pöbel und Pöbel-Lärm und lange Pöbel-
Ohren an!«
Ihr höheren Menschen, Diess lernt von mir: auf dem Markt glaubt Niemand an
höhere Menschen. Und wollt ihr dort reden, wohlan! Der Pöbel aber blinzelt
»wir sind Alle gleich.«
»Ihr höheren Menschen, - so blinzelt der Pöbel - es giebt keine höheren
Menschen, wir sind Alle gleich, Mensch ist Mensch, vor Gott - sind wir Alle
gleich!«
Vor Gott! - Nun aber starb dieser Gott. Vor dem Pöbel aber wollen wir nicht
gleich sein. Ihr höheren Menschen, geht weg vom Markt!
2
Vor Gott! - Nun aber starb dieser Gott! Ihr höheren Menschen, dieser Gott war
eure grösste Gefahr.
232
Seit er im Grabe liegt, seid ihr erst wieder auferstanden. Nun erst kommt der
grosse Mittag, nun erst wird der höhere Mensch - Herr!
Verstandet ihr diess Wort, oh meine Brüder? Ihr seid erschreckt: wird euren
Herzen schwindlig? Klafft euch hier der Abgrund? Kläfft euch hier der
Höllenhund?
Wohlan! Wohlauf! Ihr höheren Menschen! Nun erst kreisst der Berg der
Menschen-Zukunft. Gott starb: nun wollen wir, - dass der Übermensch lebe.
3
Die Sorglichsten fragen heute: »wie bleibt der Mensch erhalten?« Zarathustra
aber fragt als der Einzige und Erste: »wie wird der Mensch überwunden?«
Der Übermensch liegt mir am Herzen, der ist mein Erstes und Einziges, - und
nicht der Mensch: nicht der Nächste, nicht der Ärmste, nicht der Leidendste,
nicht der Beste -
Oh meine Brüder, was ich lieben kann am Menschen, das ist, dass er ein
Übergang ist und ein Untergang. Und auch an euch ist vieles, das mich lieben
und hoffen macht.
Dass ihr verachtetet, ihr höheren Menschen, das macht mich hoffen. Die
grossen Verachtenden nämlich sind die grossen Verehrenden.
Dass ihr verzweifeltet, daran ist Viel zu ehren. Denn ihr lerntet nicht, wie ihr
euch ergäbet, ihr lerntet die kleinen Klugheiten nicht.
Heute nämlich wurden die kleinen Leute Herr: die predigen Alle Ergebung und
Bescheidung und Klugheit und Fleiss und Rücksicht und das lange Und-so-
weiter der kleinen Tugenden.
Was von Weibsart ist, was von Knechtsart stammt und sonderlich der Pöbel-
Mischmasch: Das will nun Herr werden alles Menschen-Schicksals - oh Ekel!
Ekel! Ekel!
Das frägt und frägt und wird nicht müde: »Wie erhält sich der Mensch, am
besten, am längsten, am angenehmsten?« Damit - sind sie die Herrn von Heute.
Diese Herrn von Heute überwindet mir, oh meine Brüder, - diese kleinen
Leute: die sind des Übermenschen grösste Gefahr!
»Überwindet mir, ihr höheren Menschen, die kleinen Tugenden, die kleinen
Klugheiten, die Sandkorn-Rücksichten, den Ameisen-Kribbelkram, das
erbärmliche Behagen, das »Glück der Meisten« -!
233
Und lieber verzweifelt, als dass ihr euch ergebt. Und, wahrlich, ich liebe euch
dafür, dass ihr heute nicht zu leben wisst, ihr höheren Menschen! So nämlich
lebt ihr - am Besten!
4
Habt ihr Muth, oh meine Brüder? Seid ihr herzhaft? Nicht Muth vor Zeugen,
sondern Einsiedler- und Adler-Muth, dem auch kein Gott mehr zusieht?
Kalte Seelen, Maulthiere, Blinde, Trunkene heissen mir nicht herzhaft. Herz hat,
wer Furcht kennt, aber Furcht zwingt, er den Abgrund sieht, aber mit Stolz.
Wer den Abgrund sieht, aber mit Adlers-Augen, wer mit Adlers-Krallen den
Abgrund fasst: Der hat Muth. - -
5
»Der Mensch ist böse« - so sprachen mir zum Troste alle Weisesten. Ach, wenn
es heute nur noch wahr ist! Denn das Böse ist des Menschen beste Kraft.
»Der Mensch muss besser und böser werden« - so lehre ich. Das Böseste ist
nöthig zu des Übermenschen Bestem.
Das mochte gut sein für jenen Prediger der kleinen Leute, dass er litt und trug
an des Menschen Sünde. Ich aber erfreue mich der grossen Sünde als meines
grossen Trostes. -
Solches ist aber nicht für lange Ohren gesagt. Jedwedes Wort gehört auch nicht
in jedes Maul. Das sind feine ferne Dinge: nach denen sollen nicht Schafs-
Klauen greifen!
6
Ihr höheren Menschen, meint ihr, ich sei da, gut zu machen, was ihr schlecht
machtet?
Oder ich wol te fürderhin euch Leidende bequemer betten? Oder euch
Unstäten, Verirrten, Verkletterten neue leichtere Fusssteige zeigen?
Nein! Nein! Drei Mal Nein! Immer Mehr, immer Bessere eurer Art sollen zu
Grunde gehn, - denn ihr sollt es immer schlimmer und härter haben. So allein -
- so allein wächst der Mensch in die Höhe, wo der Blitz ihn trifft und zerbricht:
hoch genug für den Blitz!
Auf Weniges, auf Langes, auf Fernes geht mein Sinn und meine Sehnsucht:
was gienge mich euer kleines, vieles, kurzes Elend an!
234
Ihr leidet mir noch nicht genug! Denn ihr leidet an euch, ihr littet noch nicht am
Menschen. Ihr würdet lügen, wenn ihr′s anders sagtet! Ihr leidet Alle nicht,
woran ich litt. - -
7
Es ist mir nicht genug, dass der Blitz nicht mehr schadet. Nicht ableiten will ich
ihn: er soll lernen für mich - arbeiten. -
Meine Weisheit sammlet sich lange schon gleich einer Wolke, sie wird stiller und
dunkler. So thut jede Weisheit, welche einst Blitze gebären soll. -
Diesen Menschen von Heute will ich nicht Licht sein, nicht Licht heissen. Die -
will ich blenden: Blitz meiner Weisheit! Stich ihnen die Augen aus!
8
Wollt Nichts über euer Vermögen: es giebt eine schlimme Falschheit bei
Solchen, die über ihr Vermögen wollen.
Sonderlich, wenn sie grosse Dinge wol en! Denn sie wecken Misstrauen gegen
grosse Dinge, diese feinen Falschmünzer und Schauspieler: -
- bis sie endlich falsch vor sich selber sind, schieläugig, übertünchter Wurmfrass,
bemäntelt durch starke Worte, durch Aushänge-Tugenden, durch glänzende
falsche Werke.
Habt da eine gute Vorsicht, ihr höheren Menschen! Nichts nämlich gilt mir
heute kostbarer und seltner als Redlichkeit.
Ist diess Heute nicht des Pöbels? Pöbel aber weiss nicht, was gross, was klein,
was gerade und redlich ist: der ist unschuldig krumm, der lügt immer.
9
Habt heute ein gutes Misstrauen, ihr höheren Menschen, ihr Beherzten! Ihr
Offenherzigen! Und haltet eure Gründe geheim! Diess Heute nämlich ist des
Pöbels.
Was der Pöbel ohne Gründe einst glauben lernte, wer könnte ihm durch
Gründe Das - umwerfen?
Und auf dem Markte überzeugt man mit Gebärden. Aber Gründe machen den
Pöbel misstrauisch.
Und wenn da einmal Wahrheit zum Siege kam, so fragt euch Mit gutem
Misstrauen: »welch starker Irrthum hat für sie gekämpft?«
235
Hütet euch auch vor den Gelehrten! Die hassen euch: denn sie sind
unfruchtbar! Sie haben kalte vertrocknete Augen, vor ihnen liegt jeder Vogel
entfedert.
Solche brüsten sich damit, dass sie nicht lügen: aber Ohnmacht zur Lüge ist
lange noch nicht Liebe zur Wahrheit. Hütet euch!
Freiheit von Fieber ist lange noch nicht Erkenntniss! Ausgekälteten Geistern
glaube ich nicht. Wer nicht lügen kann, weiss nicht, was Wahrheit ist.
10
Wol t ihr hoch hinaus, so braucht die eignen Beine! Lasst euch nicht empor
tragen, setzt euch nicht auf fremde Rükken und Köpfe!
Du aber stiegst zu Pferde? Du reitest nun hurtig hinauf zu deinem Ziele?
Wohlan, mein Freund! Aber dein lahmer Fuss sitzt auch mit zu Pferde!
Wenn du an deinem Ziele bist, wenn du von deinem Pferde springst: auf deiner
Höhe gerade, du höherer Mensch - wirst du stolpern!
11
Ihr Schaffenden, ihr höheren Menschen! Man ist nur für das eigne Kind
schwanger.
Lasst euch Nichts vorreden, einreden! Wer ist denn euer Nächster? Und handelt
ihr auch »für den Nächsten«, - ihr schafft doch nicht für ihn!
Verlernt mir doch diess »Für«, ihr Schaffenden: eure Tugend gerade will es, dass
ihr kein Ding mit »für« und »um« und »weil« thut. Gegen diese falschen kleinen
Worte sollt ihr euer Ohr zukleben.
Das »für den Nächsten« ist die Tugend nur der kleinen Leute: da heisst es
»gleich und gleich« und »Hand wäscht Hand«: - sie haben nicht Recht noch
Kraft zu eurem Eigennutz!
In eurem Eigennutz, ihr Schaffenden, ist der Schwangeren Vorsicht und
Vorsehung! Was Niemand noch mit Augen sah, die Frucht: die schirmt und
schont und nährt eure ganze Liebe.
Wo eure ganze Liebe ist, bei eurem Kinde, da ist auch eure ganze Tugend! Euer
Werk, euer Wille ist euer »Nächster«: lasst euch keine falschen Werthe einreden!
236
12
Fragt die Weiber: man gebiert nicht, weil es Vergnügen macht. Der Schmerz
macht Hühner und Dichter gackern.
Ihr Schaffenden, an euch ist viel Unreines. Das macht, ihr musstet Mütter sein.
Ein neues Kind: oh wie viel neuer Schmutz kam auch zur Welt! Geht bei Seite!
Und wer geboren hat, soll seine Seele rein waschen!
13
Seid nicht tugendhaft über eure Kräfte! Und wollt Nichts von euch wider die
Wahrscheinlichkeit!
Geht in den Fusstapfen, wo schon eurer Väter Tugend gierig! Wie wolltet ihr
hoch steigen, wenn nicht eurer Väter Wille mit euch steigt?
Wer aber Erstling sein will, sehe zu, dass er nicht auch Letztling werde! Und wo
die Laster eurer Väter sind, darin sollt ihr nicht Heilige bedeuten wollen!
Wessen Väter es mit Weibern hielten und mit starken Weinen und
Wildschweinen: was wäre es, wenn Der von sich Keuschheit wollte?
Eine Narrheit wäre es! Viel, wahrlich, dünkt es mich für einen Solchen, wenn er
Eines oder zweier oder dreier Weiber Mann ist.
Und stiftete er Klöster und schriebe über die Thür: »der Weg zum Heiligen,« -
ich spräche doch: wozu! es ist eine neue Narrheit!
Er stiftete sich selber ein Zucht- und Fluchthaus: wohl bekomm′s! Aber ich
glaube nicht daran.
In der Einsamkeit wächst, was Einer in sie bringt, auch das innere Vieh.
Solchergestalt widerräth sich Vielen die Einsamkeit.
Gab es Schmutzigeres bisher auf Erden als Wüsten-Heilige? Um die herum war
nicht nur der Teufel los, - sondern auch das Schwein.
14
Scheu, beschämt, ungeschickt, einem Tiger gleich, dem der Sprung missrieth:
also, ihr höheren Menschen, sah ich oft euch bei Seite schleichen. Ein Wurf
missrieth euch.
Aber, ihr Würfelspieler, was liegt daran! Ihr lerntet nicht spielen und spotten,
wie man spielen und spotten muss! Sitzen wir nicht immer an einem grossen
Spott- und Spieltische?
237
Und wenn euch Grosses missrieth, seid ihr selber darum - missrathen? Und
missriethet ihr selber, missrieth darum - der Mensch? Missrieth aber der
Mensch: wohlan! wohlauf!
15
Je höher von Art, je seltener geräth ein Ding. Ihr höheren Menschen hier, seid
ihr nicht alle - missgerathen?
Seid guten Muths, was liegt daran! Wie Vieles ist noch möglich! Lernt über euch
selber lachen, wie man lachen muss!
Was Wunders auch, dass ihr missriethet und halb geriethet, ihr Halb-
Zerbrochenen! Drängt und stösst sich nicht in euch - des Menschen Zukunft?
Des Menschen Fernstes, Tiefstes, Sternen-Höchstes, seine ungeheure Kraft:
schäumt Das nicht alles gegen einander in eurem Topfe?
Was Wunders, dass mancher Topf zerbricht! Lernt über euch lachen, wie man
lachen muss! Ihr höheren Menschen, oh wie Vieles ist noch möglich!
Und wahrlich, wie Viel gerieth schon! Wie reich ist diese Erde an kleinen guten
vollkommenen Dingen, an Wohlgerathenem!
Stellt kleine gute vollkommne Dinge um euch, ihr höheren Menschen! Deren
goldene Reife heilt das Herz. Vollkommnes lehrt hoffen.
16
Welches war hier auf Erden bisher die grösste Sünde? War es nicht das Wort
Dessen, der sprach: »Wehe Denen, die hier lachen!«
Fand er zum Lachen auf der Erde selber keine Gründe? So suchte er nur
schlecht. Ein Kind findet hier noch Gründe.
Der - liebte nicht genug: sonst hätte er auch uns geliebt, die Lachenden! Aber er
hasste und höhnte uns, Heulen und Zähneklappern verhiess er uns.
Muss man denn gleich fluchen, wo man nicht liebt? Das - dünkt mich ein
schlechter Geschmack. Aber so that er, dieser Unbedingte. Er kam vom Pöbel.
Und er selber liebte nur nicht genug: sonst hätte er weniger gezürnt, dass man
ihn nicht liebe. Alle grosse Liebe will nicht Liebe: - die will mehr.
Geht aus dem Wege allen solchen Unbedingten! Das ist eine arme kranke Art,
eine Pöbel-Art: sie sehn schlimm diesem Leben zu, sie haben den bösen Blick
für diese Erde.
238
Geht aus dem Wege allen solchen Unbedingten! Sie haben Schwere Füsse und
schwüle Herzen: - sie wissen nicht zu tanzen. Wie möchte Solchen wohl die
Erde leicht sein!
17
Krumm kommen alle guten Dinge ihrem Ziele nahe. Gleich Katzen machen sie
Buckel, sie schnurren innewendig vor ihrem nahen Glücke, - alle guten Dinge
lachen.
Der Schritt verräth, ob Einer schon auf seiner Bahn schreitet: so seht mich
gehn! Wer aber seinem Ziel nahe kommt, der tanzt.
Und, wahrlich, zum Standbild ward ich nicht, noch stehe ich nicht da, starr,
stumpf, steinern, eine Säule; ich liebe geschwindes Laufen.
Und wenn es auf Erden auch Moor und dicke Trübsal giebt: wer leichte Füsse
hat, läuft über Schlamm noch hinweg und tanzt wie auf gefegtem Eise.
Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch! höher! Und vergesst mir auch die
Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser noch: ihr
steht auch auf dem Kopf!
18
Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte mir
diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter. Keinen Anderen fand
ich heute stark genug dazu.
Zarathustra der Tänzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flügeln winkt, ein
Flugbereiter, allen Vögeln zuwinkend, bereit und fertig, ein Selig-Leichtfertiger:
-
Zarathustra der Wahrsager, Zarathustra der Wahrlacher, kein Ungeduldiger, kein
Unbedingter, Einer, der Sprünge und Seitensprünge liebt; ich selber setzte mir
diese Krone auf!
19
Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch! höher! Und vergesst mir auch die
Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser noch: ihr
steht auch auf dem Kopf!
Es giebt auch im Glück schweres Gethier, es giebt Plumpfüssler von Anbeginn.
Wunderlich müht sie sich ab, einem Elephanten gleich, der sich müht auf dem
Kopf zu stehn.
239
Besser aber noch närrisch sein vor Glücke als närrisch vor Unglücke, besser
plump tanzen als lahm gehn. So lernt mir doch meine Weisheit ab: auch das
schlimmste Ding hat zwei gute Kehrseiten, -
- auch das schlimmste Ding hat gute Tanzbeine: so lernt mir doch euch selbst,
ihr höheren Menschen, auf eure rechten Beine stellen!
So verlernt mir doch Trübsal-Blasen und alle Pöbel-Traurigkeit! Oh wie traurig
dünken mich heute des Pöbels Hanswürste noch! Diess Heute aber ist des
Pöbels.
20
Dem Winde thut mir gleich, wenn er aus seinen Berghöhlen stürzt: nach seiner
eignen Pfeife will er tanzen, die Meere zittern und hüpfen unter seinen
Fusstapfen.
Der den Eseln Flügel giebt, der Löwinnen melkt, gelobt sei dieser gute
unbändige Geist, der allem Heute und allem Pöbel wie ein Sturmwind kommt, -
- der Distel- und Tiftelköpfen feind ist und allen welken Blättern und
Unkräutern: gelobt sei dieser wilde gute freie Sturmgeist, welcher auf Mooren
und Trübsalen wie auf Wiesen tanzt!
Der die Pöbel-Schwindhunde hasst und alles missrathene düstere Gezücht:
gelobt sei dieser Geist aller freien Geister, der lachende Sturm, welcher allen
Schwarzsichtigen, Schwärsüchtigen Staub in die Augen bläst!
Ihr höheren Menschen, euer Schlimmstes ist: ihr lerntet alle nicht tanzen, wie
man tanzen muss - über euch hinweg tanzen! Was liegt daran, dass ihr
missriethet!
Wie Vieles ist noch möglich! So lernt doch über euch hinweg lachen! Erhebt
eure Herzen, ihr guten Tänzer, hoch! höher! Und vergesst mir auch das gute
Lachen nicht!
Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen Brüdern,
werfe ich diese Krone zu! Das Lachen sprach ich heilig; ihr höheren Menschen,
lernt mir - lachen!
240
Das Lied der Schwermuth
1
Als Zarathustra diese Reden sprach, stand er nahe dem Eingange seiner Höhle;
mit den letzten Worten aber entschlüpfte er seinen Gästen und floh für eine
kurze Weile in′s Freie.
»Oh reine Gerüche um mich, rief er aus, oh selige Stille um mich! Aber wo sind
meine Thiere? Heran, heran, mein Adler und meine Schlange!
Sagt mir doch, meine Thiere: diese höheren Menschen insgesammt - riechen sie
vielleicht nicht gut? Oh reine Gerüche um mich! Jetzo weiss und fühle ich erst,
wie ich euch, meine Thiere, liebe.«
- Und Zarathustra sprach nochmals: »ich liebe euch, meine Thiere!« Der Adler
aber und die Schlange drängten sich an ihn, als er diese Worte sprach, und
sahen zu ihm hinauf. Solchergestalt waren sie zu drei still beisammen und
schnüffelten und schlürften mit einander die gute Luft. Denn die Luft war hier
draussen besser als bei den höheren Menschen.
2
Kaum aber hatte Zarathustra seine Höhle verlassen, da erhob sich der alte
Zauberer, sah listig umher und sprach: »Er ist hinaus!
Und schon, ihr höheren Menschen - dass ich euch mit diesem Lob- und
Schmeichel-Namen kitzle, gleich ihm selber - schon fällt mich mein schlimmer
Trug- und Zaubergeist an, mein schwermüthiger Teufel,
- welcher diesem Zarathustra ein Widersacher ist aus dem Grunde: vergebt es
ihm! Nun will er vor euch zaubern, er hat gerade seine Stunde; umsonst ringe
ich mit diesem bösen Geiste.
Euch Allen, welche Ehren ihr euch mit Worten geben mögt, ob ihr euch »die
freien Geister« nennt oder »die Wahrhaftigen« oder »die Büsser des Geistes«
oder »die Entfesselten« oder »die grossen Sehnsüchtigen« -
- euch Allen, die ihr am grossen Ekel leidet gleich mir, denen der alte Gott starb
und noch kein neuer Gott in Wiegen und Windeln liegt, - euch Allen ist mein
böser Geist und Zauber-Teufel hold.
Ich kenne euch, ihr höheren Menschen, ich kenne ihn, - ich kenne auch diesen
Unhold, den ich wider Willen liebe, diesen Zarathustra: er selber dünkt mich
öfter gleich einer schönen Heiligen-Larve,
241
- gleich einem neuen wunderlichen Mummenschanze, in dem sich mein böser
Geist, der schwermüthige Teufel, gefällt: - ich liebe Zarathustra, so dünkt mich
oft, um meines bösen Geistes Willen. -
Aber schon fällt der mich an und zwingt mich, dieser Geist der Schwermuth,
dieser Abend-Dämmerungs-Teufel: und, wahrlich, ihr höheren Menschen, es
gelüstet ihn -
- macht nur die Augen auf! - es gelüstet ihn, nackt zu kommen, ob männlich, ob
weiblich, noch weiss ich′s nicht: aber er kommt, er zwingt mich, wehe! macht
eure Sinne auf!
Der Tag klingt ab, allen Dingen kommt nun der Abend, auch den besten
Dingen; hört nun und seht, ihr höheren Menschen, welcher Teufel, ob Mann,
ob Weib, dieser Geist der Abend-Schwermuth ist!«
Also sprach der alte Zauberer, sah listig umher und griff dann zu seiner Harfe.
3
Bei abgehellter Luft, Wenn schon des Thau′s Tröstung Zur Erde niederquillt,
Unsichtbar, auch ungehört: - Denn zartes Schuhwerk trägt Der Tröster Thau
gleich allen Trost-Milden -: Gedenkst du da, gedenkst du, heisses Herz, Wie
einst du durstetest, Nach himmlischen Thränen und Thau-Geträufel Versengt
und müde durstetest, Dieweil auf gelben Gras-Pfaden Boshaft abendliche
Sonnenblicke Durch schwarze Bäume um dich liefen, Blendende Sonnen-
Gluthblicke, schadenfrohe.
»Der Wahrheit Freier? Du? - so höhnten sie - Nein! Nur ein Dichter! Ein Thier,
ein listiges, raubendes, schleichendes, Das lügen muss, Das wissentlich,
willentlich lügen muss: Nach Beute lüstern, Bunt verlarvt, Sich selber Larve,
Sich selbst zur Beute - Das - der Wahrheit Freier? Nein! Nur Narr! Nur Dichter!
Nur Buntes redend, Aus Narren-Larven bunt herausschreiend, Herumsteigend
auf lügnerischen Wort-Brücken, Auf bunten Regenbogen, Zwischen falschen
Himmeln Und falschen Erden, Herumschweifend, herumschwebend, - Nur
Narr! Nur Dichter!
Das - der Wahrheit Freier? Nicht still, starr, glatt, kalt, Zum Bilde worden, Zur
Gottes-Säule, Nicht aufgestellt vor Tempeln, Eines Gottes Thürwart: Nein!
Feindselig solchen Wahrheits-Standbildern, In jeder Wildniss heimischer als vor
Tempeln, Voll Katzen-Muthwillens, Durch jedes Fenster springend Husch! in
jeden Zufall, Jedem Urwalde zuschnüffelnd, Süchtig-sehnsüchtig zuschnüffelnd,
Dass du in Urwäldern Unter buntgefleckten Raubthieren Sündlich-gesund und
242
bunt und schön liefest, Mit lüsternen Lefzen, Selig-höhnisch, selig-höllisch,
selig-blutgierig, Raubend, schleichend, lügend liefest: -
Oder, dem Adler gleich, der lange, Lange starr in Abgründe blickt, In seine
Abgründe: - - Oh wie sie sich hier hinab, Hinunter, hinein, In immer tiefere
Tiefen ringeln! - Dann, Plötzlich, geraden Zugs, Gezückten Flugs, Auf Lämmer
stossen, Jach hinab, heisshungrig, Nach Lämmern lüstern, Gram allen Lamms-
Seelen, Grimmig-gram Allem, was blickt Schafmässig, lammäugig, krauswollig,
Grau, mit Lamms-Schafs-Wohlwollen!
Also Adlerhaft, pantherhaft Sind des Dichters Sehnsüchte, Sind deine
Sehnsüchte unter tausend Larven, Du Narr! Du Dichter!
Der du den Menschen schautest So Gott als Schaf -: Den Gott zerreissen im
Menschen Wie das Schaf im Menschen, Und zerreisend lachen -
Das, Das ist deine Seligkeit! Eines Panthers und Adlers Seligkeit! Eines Dichters
und Narren Seligkeit!« - -
Bei abgehellter Luft, Wenn schon des Monds Sichel Grün zwischen
Purpurröthen Und neidisch hinschleicht: - dem Tage feind, Mit jedem Schritte
heimlich An Rosen-Hängematten Hinsichelnd, bis sie sinken, Nacht-abwärts
blass hinabsinken:
So sank ich selber einstmals Aus meinem Wahrheits-Wahnsinne, Aus meinen
Tages-Sehnsüchten, Des Tages müde, krank vom Lichte, - sank abwärts,
abendwärts, schattenwärts: Von Einer Wahrheit Verbrannt und durstig: -
gedenkst du noch, gedenkst du, heisses Herz, Wie da du durstetest? - Dass ich
verbannt sei Von aller Wahrheit, Nur Narr! Nur Dichter!
Von der Wissenschaft
Also sang der Zauberer; und Alle, die beisammen waren, giengen gleich Vögeln
unvermerkt in das Netz seiner listigen und schwermüthigen Wollust. Nur der
Gewissenhafte des Geistes war nicht eingefangen: er nahm flugs dem Zauberer
die Harfe weg und rief »Luft! Lasst gute Luft herein! Lass Zarathustra herein!
Du machst diese Höhle schwül und giftig, du schlimmer alter Zauberer!
Du verfährst, du Falscher, Feiner, zu unbekannten Begierden und Wildnissen.
Und wehe, wenn Solche, wie du, von der Wahrheit Redens und Wesens machen!
Wehe allen freien Geistern, welche nicht vor solchen Zauberern auf der Hut
sind! Dahin ist es mit ihrer Freiheit: du lehrst und lockst zurück in Gefängnisse,
-
243
- du alter schwermüthiger Teufel, aus deiner Klage klingt eine Lockpfeife, du
gleichst Solchen, welche mit ihrem Lobe der Keuschheit heimlich zu Wollüsten
laden!«
Also sprach der Gewissenhafte; der alte Zauberer aber blickte um sich, genoss
seines Sieges und verschluckte darüber den Verdruss, welchen ihm der
Gewissenhafte machte. »Sei still! sagte er mit bescheidener Stimme, gute Lieder
wollen gut wiederhallen; nach guten Liedern soll man lange schweigen.
So thun es diese Alle, die höheren Menschen. Du aber hast wohl Wenig von
meinem Lied verstanden? In dir ist Wenig von einem Zaubergeiste.«
»Du lobst mich, entgegnete der Gewissenhafte, indem du mich von dir
abtrennst, wohlan! Aber ihr Anderen, was sehe ich? Ihr sitzt alle noch mit
lüsternen Augen da -:
Ihr freien Seelen, wohin ist eure Freiheit! Fast, dünkt mich′s, gleicht ihr Solchen,
die lange schlimmen tanzenden nackten Mädchen zusahn: eure Seelen tanzen
selber!
In euch, ihr höheren Menschen, muss Mehr von Dem sein, was der Zauberer
seinen bösen Zauber- und Truggeist nennt: - wir müssen wohl verschieden sein.
Und wahrlich, wir sprachen und dachten genug mitsammen, ehe Zarathustra
heimkam zu seiner Höhle, als dass ich nicht wüsste: wir sind verschieden.
Wir suchen Verschiednes auch hier oben, ihr und ich. Ich nämlich suche mehr
Sicherheit, desshalb kam ich zu Zarathustra. Der nämlich ist noch der festeste
Thurm und Wille -
- heute, wo Al es wackelt, wo alle Erde bebt. Ihr aber, wenn ich eure Augen
sehe, die ihr macht, fast dünkt mich′s, ihr sucht mehr Unsicherheit,
- mehr Schauder, mehr Gefahr, mehr Erdbeben. Euch gelüstet, fast dünkt
mich′s so, vergebt meinem Dünkel, ihr höheren Menschen -
- euch gelüstet nach dem schlimmsten gefährlichsten Leben, das mir am
meisten Furcht macht, nach dem Leben wilder Thiere, nach Wäldern, Höhlen,
steilen Bergen und Irr- Schlünden.
Und nicht die Führer aus der Gefahr gefallen euch am besten, sondern die euch
von al en Wegen abführen, die Verführer. Aber, wenn solch Gelüsten an euch
wirklich ist, so dünkt es mich trotzdem unmöglich.
Furcht nämlich - das ist des Menschen Erb- und Grundgefühl; aus der Furcht
erklärt sich jegliches, Erbsünde und Erbtugend. Aus der Furcht wuchs auch
meine Tugend, die heisst: Wissenschaft.
244
Die Furcht nämlich vor wildem Gethier - die wurde dem Menschen am
längsten angezüchtet, einschliesslich das Thier, das er in sich selber birgt und
fürchtet: - Zarathustra heisst es »das innere Vieh.«
Solche lange alte Furcht, endlich fein geworden, geistlich, geistig - heute, dünkt
mich, heisst sie: Wissenschaft.« -
Also sprach der Gewissenhafte; aber Zarathustra, der eben in seine Höhle
zurückkam und die letzte Rede gehört und errathen hatte, warf dem
Gewissenhaften eine Hand vol Rosen zu und lachte ob seiner »Wahrheiten«.
»Wie! rief er, was hörte ich da eben? Wahrlich, mich dünkt, du bist ein Narr
oder ich selber bin′s: und deine »Wahrheit« stelle ich rucks und flugs auf den
Kopf.
Furcht nämlich - ist unsre Ausnahme. Muth aber und Abenteuer und Lust am
Ungewissen, am Ungewagten, - Muth dünkt mich des Menschen ganze
Vorgeschichte.
Den wildesten muthigsten Thieren hat er alle ihre Tugenden abgeneidet und
abgeraubt: so erst wurde er - zum Menschen.
Dieser Muth, endlich fein geworden, geistlich, geistig, dieser Menschen-Muth
mit Adler-Flügeln und Schlangen-Klugheit: der, dünkt mich, heisst heute -«
» Zarathustra«! schrien Alle, die beisammen sassen, wie aus Einem Munde und
machten dazu ein grosses Gelächter; es hob sich aber von ihnen wie eine
schwere Wolke. Auch der Zauberer lachte und sprach mit Klugheit: »Wohlan!
Er ist davon, mein böser Geist!
Und habe ich euch nicht selber vor ihm gewarnt, als ich sagte, dass er ein
Betrüger sei, ein Lug- und Truggeist?
Sonderlich nämlich, wenn er sich nackend zeigt. Aber was kann ich für seine
Tücken! Habe ich ihn und die Welt geschaffen?
Wohlan! Seien wir wieder gut und guter Dinge! Und ob schon Zarathustra böse
blickt - seht ihn doch! er ist mir gram -:
- bevor die Nacht kommt, lernt er wieder, mich lieben und loben, er kann nicht
lange leben, ohne solche Thorheiten zu thun.
Der - liebt seine Feinde: diese Kunst versteht er am besten von Allen, die ich
sah. Aber er nimmt Rache dafür - an seinen Freunden!«
Also sprach der alte Zauberer, und die höheren Menschen zollten ihm Beifall:
so dass Zarathustra herumgieng und mit Bosheit und Liebe seinen Freunden
die Hände schüttelte, - gleichsam als Einer, der an Allen Etwas gutzumachen
245
und abzubitten hat. Als er aber dabei an die Thür seiner Höhle kam, siehe, da
gelüstete ihn schon wieder nach der guten Luft da draussen und nach seinen
Thieren, - und er wollte hinaus schlüpfen.
Unter Töchtern der Wüste
1
»Gehe nicht davon! sagte da der Wanderer, welcher sich den Schatten
Zarathustra′s nannte, bleibe bei uns, es möchte uns sonst die alte dumpfe
Trübsal wieder anfallen.
Schon gab uns jener alte Zauberer von seinem Schlimmsten zum Besten, und
siehe doch, der gute fromme Papst da hat Thränen in den Augen und hat sich
ganz wieder auf′s Meer der Schwermuth eingeschifft.
Diese Könige mögen wohl vor uns noch gute Miene machen: das lernten Die
nämlich von uns Allen heute am Besten! Hätten sie aber keine Zeugen, ich
wette, auch bei ihnen fienge das böse Spiel wieder an -
- das böse Spiel der ziehenden Wolken, der feuchten Schwermuth, der
verhängten Himmel, der gestohlenen Sonnen, der heulenden Herbst-Winde,
- das böse Spiel unsres Heulens und Nothschreiens: bleibe bei uns, oh
Zarathustra! Hier ist viel verborgenes Elend, das reden will, viel Abend, viel
Wolke, viel dumpfe Luft!
Du nährtest uns mit starker Manns-Kost und kräftigen Sprüchen: lass es nicht
zu, dass uns zum Nachtisch die weichlichen weiblichen Geister wieder anfallen!
Du allein machst die Luft um dich herum stark und klar! Fand ich je auf Erden
so gute Luft als bei dir in deiner Höhle?
Viele Länder sah ich doch, meine Nase lernte vielerlei Luft prüfen und
abschätzen: aber bei dir schmecken meine Nüstern ihre grösste Lust!
Es sei denn, - es sei denn - , oh vergieb eine alte Erinnerung! Vergieb mir ein
altes Nachtisch-Lied, das ich einst unter Töchtern der Wüste dichtete: -
- bei denen nämlich gab es gleich gute helle morgenländische Luft; dort war ich
am fernsten vom wolkigen feuchten schwermüthigen Alt-Europa!
Damals liebte ich solcherlei Morgenland-Mädchen und andres blaues
Himmelreich, über dem keine Wolken und keine Gedanken hängen.
246
Ihr glaubt es nicht, wie artig sie dasassen, wenn sie nicht tanzten, tief, aber ohne
Gedanken, wie kleine Geheimnisse, wie bebänderte Räthsel, wie Nachtisch-
Nüsse -
bunt und fremd fürwahr! aber ohne Wolken: Räthsel, die sich rathen lassen:
solchen Mädchen zu Liebe erdachte ich damals einen Nachtisch-Psalm.«
Also sprach der Wanderer und Schatten; und ehe Jemand ihm antwortete, hatte
er schon die Harfe des alten Zauberers ergriffen, die Beine gekreuzt und blickte
gelassen und weise um sich: - mit den Nüstern aber zog er langsam und fragend
die Luft ein, wie Einer, der in neuen Ländern neue fremde Luft kostet. Darauf
hob er mit einer Art Gebrül zu singen an.
2
Die Wüste wächst: weh Dem, der Wüsten birgt!
- Ha! Feierlich!
In der That feierlich!
Ein würdiger Anfang!
Afrikanisch feierlich!
Eines Löwen würdig,
Oder eines moralischen Brüllaffen -
- aber Nichts für euch,
Ihr allerliebsten Freundinnen,
Zu deren Füssen mir
Zum ersten Male,
Einem Europäer, unter Palmen
Zu sitzen vergönnt ist. Sela.
Wunderbar wahrlich!
Da sitze ich nun,
Der Wüste nahe und bereits
So fern wieder der Wüste,
Auch in Nichts noch verwüstet:
Nämlich hinabgeschluckt
Von dieser kleinsten Oasis - :
- sie sperrte gerade gähnend
Ihr liebliches Maul auf.
Das wohlriechendste aller Mäulchen:
Da fiel ich hinein,
Hinab, hindurch - unter euch,
Ihr allerliebsten Freundinnen! Sela.
247
Heil, Heil jenem Wallfische,
Wenn er also es seinem Gaste
Wohl sein liess! - ihr versteht
Meine gelehrte Anspielung?
Heil seinem Bauche,
Wenn er also
Ein so lieblicher Oasis-Bauch war
Gleich diesem: was ich aber in Zweifel ziehe,
- dafür komme ich aus Europa,
Das zweifelsüchtiger ist als alle
Ältlichen Eheweibchen.
Möge Gott es bessern!
Amen!
Da sitze ich nun,
In dieser kleinsten Oasis,
Einer Dattel gleich,
Braun, durchsüsst, goldschwürig, lüstern
Nach einem runden Mädchenmunde,
Mehr noch aber nach mädchenhaften
Eiskalten schneeweissen schneidigen
Beisszähnen: nach denen nämlich
Lechzt das Herz allen heissen Datteln. Sela.
Den genannten Südfrüchten
Ähnlich, allzuähnlich
Liege ich hier, von kleinen
Flügelkäfern
Umtänzelt und umspielt,
Insgleichen von noch kleineren
Thörichteren boshafteren
Wünschen und Einfällen,
Umlagert von euch,
Ihr stummen, ihr ahnungsvollen
Mädchen-Katzen,
Dudu und Suleika,
- umsphinxt, dass ich in Ein Wort
Viel Gefühle stopfe:
(Vergebe mir Gott
Diese Sprach-Sünde!)
- sitze hier, die beste Luft schnüffelnd,
248
Paradieses-Luft wahrlich,
Lichte leichte Luft, goldgestreifte,
So gute Luft nur je
Vom Monde herabfiel -
Sei es aus Zufall,
Oder geschah es aus Übermuthe?
Wie die alten Dichter erzählen.
Ich Zweifler aber ziehe es
In Zweifel, dafür aber komme ich
Aus Europa,
Das zweifelsüchtiger ist als alle
Ältlichen Eheweibchen.
Möge Gott es bessern!
Amen!
Diese schönste Luft trinkend,
Mit Nüstern geschwellt gleich Bechern,
Ohne Zukunft, ohne Erinnerungen,
So sitze ich hier, ihr
Allerliebsten Freundinnen,
Und sehe der Palme zu,
Wie sie, einer Tänzerin gleich,
Sich biegt und schmiegt und in der Hüfte wiegt,
- man thut es mit, sieht man lange zu!
Einer Tänzerin gleich, die, wie mir scheinen will,
Zu lange schon, gefährlich lange
Immer, immer nur auf Einem Beine stand?
- da vergass sie darob, wie mir scheinen will,
Das andre Bein?
Vergebens wenigstens
Suchte ich das vermisste
Zwillings-Kleinod
- nämlich das andre Bein -
In der heiligen Nähe
Ihres allerliebsten, allerzierlichsten
Fächer- und Flatter- und Flitterröckchens.
ja, wenn ihr mir, ihr schönen Freundinnen,
Ganz glauben wollt:
Sie hat es verloren!
Es ist dahin!
249
Auf ewig dahin!
Das andre Bein!
Oh schade um dieses liebliche andre Bein!
Wo - mag es wohl weilen und verlassen trauern?
Das einsame Bein?
In Furcht vielleicht vor einem
Grimmen gelben blondgelockten
Löwen-Unthiere? Oder gar schon
Abgenagt, abgeknabbert -
Erbärmlich, wehe! wehe! abgeknabbert! Sela.
Oh weint mir nicht,
Weiche Herzen!
Weint mir nicht, ihr
Dattel-Herzen! Milch-Busen!
Ihr Süssholz-Herz-
Beutelchen!
Weine nicht mehr,
Bleiche Dudu!
Sei ein Mann, Suleika! Muth! Muth!
- Oder sollte vielleicht
Etwas Stärkendes, Herz-Stärkendes,
Hier am Platze sein?
Ein gesalbter Spruch?
Ein feierlicher Zuspruch? -
Ha! Herauf, Würde!
Tugend-Würde! Europäer-Würde!
Blase, blase wieder,
Blasebalg der Tugend!
Ha!
Noch Ein Mal brüllen,
Moralisch brüllen!
Als moralischer Löwe
Vor den Töchtern der Wüste brüllen!
- Denn Tugend-Geheul,
Ihr allerliebsten Mädchen,
Ist mehr als Alles
Europäer-Inbrunst, Europäer-Heisshunger!
Und da stehe ich schon,
Als Europäer,
250
Ich kann nicht anders, Gott helfe mir!
Amen!
Die Wüste wächst: weh Dem, der Wüsten birgt!
Die Erweckung
1
Nach dem Liede des Wanderers und Schattens wurde die Höhle mit Einem
Male voll Lärmens und Lachens; und da die versammelten Gäste alle zugleich
redeten, und auch der Esel, bei einer solchen Ermuthigung, nicht mehr still
blieb, überkam Zarathustra ein kleiner Widerwille und Spott gegen seinen
Besuch: ob er sich gleich ihrer Fröhlichkeit erfreute. Denn sie dünkte ihm ein
Zeichen der Genesung. So schlüpfte er hinaus in′s Freie und sprach zu seinen
Thieren.
»Wo ist nun ihre Noth hin? sprach er, und schon athmete er selber von seinem
kleinen Überdrusse auf, - bei mir verlernten sie, wie mich dünkt, das
Nothschrein!
- wenn auch, leider, noch nicht das Schrein.« Und Zarathustra hielt sich die
Ohren zu, denn eben mischte sich das I-A des Esels wunderlich mit dem Jubel-
Lärm dieser höheren Menschen.
»Sie sind lustig, begann er wieder, und wer weiss? vielleicht auf ihres Wirthes
Unkosten; und lernten sie von mir lachen, so ist es doch nicht mein Lachen, das
sie lernten.
Aber was liegt daran! Es sind alte Leute: sie genesen auf ihre Art, sie lachen auf
ihre Art; meine Ohren haben schon Schlimmeres erduldet und wurden nicht
unwirsch.
Dieser Tag ist ein Sieg: er weicht schon, er flieht, der Geist der Schwere, mein
alter Erzfeind! Wie gut will dieser Tag enden, der so schlimm und schwer
begann!
Und enden will er. Schon kommt der Abend: über das Meer her reitet er, der
gute Reiter! Wie er sich wiegt, der Selige, Heimkehrende, in seinen purpurnen
Sätteln!
Der Himmel blickt klar dazu, die Welt liegt tief: oh all ihr Wunderlichen, die ihr
zu mir kamt, es lohnt sich schon, bei mir zu leben!«
Also sprach Zarathustra. Und wieder kam da das Geschrei und Gelächter der
höheren Menschen aus der Höhle: da begann er von Neuem.
251
»Sie beissen an, mein Köder wirkt, es weicht auch ihnen ihr Feind, der Geist der
Schwere. Schon lernen sie über sich selber lachen: höre ich recht?
Meine Manns-Kost wirkt, mein Saft- und Kraft-Spruch: und wahrlich, ich
nährte sie nicht mit Bläh-Gemüsen! Sondern mit Krieger-Kost, mit Eroberer-
Kost: neue Begierden weckte ich.
Neue Hoffnungen sind in ihren Armen und Beinen, ihr Herz streckt sich aus.
Sie finden neue Worte, bald wird ihr Geist Muthwillen athmen.
Solche Kost mag freilich nicht für Kinder sein, noch auch für sehnsüchtige alte
und junge Weibchen. Denen überredet man anders die Eingeweide; deren Arzt
und Lehrer bin ich nicht.
Der Ekel weicht diesen höheren Menschen: wohlan! das ist mein Sieg. In
meinem Reiche werden sie sicher, alle dumme Scham läuft davon, sie schütten
sich aus.
Sie schütten ihr Herz aus, gute Stunden kehren ihnen zurück, sie feiern und
käuen wieder, - sie werden dankbar.
Das nehme ich als das beste Zeichen: sie werden dankbar. Nicht lange noch,
und sie denken sich Feste aus und stellen Denksteine ihren alten Freuden auf.
Es sind Genesende!« Also sprach Zarathustra fröhlich zu seinem Herzen und
schaute hinaus; seine Thiere aber drängten sich an ihn und ehrten sein Glück
und sein Stillschweigen.
2
Plötzlich aber erschrak das Ohr Zarathustra′s: die Höhle nämlich, welche bisher
voller Lärmens und Gelächters war, wurde mit Einem Male todtenstill; - seine
Nase aber roch einen wohlriechenden Qualm und Weihrauch, wie von
brennenden Pinien-Zapfen.
»Was geschieht? Was treiben sie?« fragte er sich und schlich zum Eingange
heran, dass er seinen Gästen, unvermerkt, zusehn könne. Aber, Wunder über
Wunder! was musste er da mit seinen eignen Augen sehn!
»Sie sind Alle wieder fromm geworden, sie beten, sie sind tol !« - sprach er und
verwundene sich über die Maassen. Und, fürwahr!, alle diese höheren
Menschen, die zwei Könige, der Papst ausser Dienst, der schlimme Zauberer,
der freiwillige Bettler, der Wanderer und Schatten, der alte Wahrsager, der
Gewissenhafte des Geistes und der hässlichste Mensch: sie lagen Alle gleich
Kindern und gläubigen alten Weibchen auf den Knien und beteten den Esel an.
Und eben begann der hässlichste Mensch zu gurgeln und zu schnauben, wie als
252
ob etwas Unaussprechliches aus ihm heraus wolle; als er es aber wirklich bis zu
Worten gebracht hatte, siehe, da war es eine fromme seltsame Litanei zur
Lobpreisung des angebeteten und angeräucherten Esels. Diese Litanei aber
klang also:
Amen! Und Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Stärke sei
unserm Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit!
- Der Esel aber schrie dazu I-A.
Er trägt unsre Last, er nahm Knechtsgestalt an, er ist geduldsam von Herzen
und redet niemals Nein; und wer seinen Gott liebt, der züchtigt ihn.
- Der Esel aber schrie dazu I-A.
Er redet nicht: es sei denn, dass er zur Welt, die er Schuf, immer Ja sagt: also
preist er seine Welt. Seine Schlauheit ist es, die nicht redet: so bekommt er
selten Unrecht.
- Der Esel aber schrie dazu I-A.
Unscheinbar geht er durch die Welt. Grau ist die Leib-Farbe, in welche er seine
Tugend hüllt. Hat er Geist, so verbirgt er ihn; Jedermann aber glaubt an seine
langen Ohren.
- Der Esel aber schrie dazu I-A.
Welche verborgene Weisheit ist das, dass er lange Ohren trägt und allein ja und
nimmer Nein sagt! Hat er nicht die Welt erschaffen nach seinem Bilde, nämlich
so dumm als möglich?
- Der Esel aber schrie dazu I-A.
Du gehst gerade und krumme Wege; es kümmert dich wenig, was uns
Menschen gerade oder krumm dünkt. Jenseits von Gut und Böse ist dein Reich.
Es ist deine Unschuld, nicht zu wissen, was Unschuld ist.
- Der Esel aber schrie dazu I-A.
Siehe doch, wie du Niemanden von dir stössest, die Bettler nicht, noch die
Könige. Die Kindlein lässest du zu dir kommen, und wenn dich die bösen
Buben locken, so sprichst du einfältiglich I-A.
- Der Esel aber schrie dazu I-A.
Du liebst Eselinnen und frische Feigen, du bist kein Kostverächter. Eine Distel
kitzelt dir das Herz, wenn du gerade Hunger hast. Darin liegt eines Gottes
Weisheit.
- Der Esel aber schrie dazu I-A.
253
Das Eselsfest
1
An dieser Stelle der Litanei aber konnte Zarathustra sich nicht länger
bemeistern, schrie selber I-A, lauter noch als der Esel, und sprang mitten unter
seine tollgewordenen Gäste.
»Aber was treibt ihr da, ihr Menschenkinder? rief er, indem er die Betenden
vom Boden empor riss. Wehe, wenn euch Jemand Anderes zusähe als
Zarathustra:
Jeder würde urtheilen, ihr wäret mit eurem neuen Glauben die ärgsten
Gotteslästerer oder die thörichtsten aller alten Weiblein!
Und du selber, du alter Papst, wie stimmt Das mit dir selber zusammen, dass du
solchergestalt einen Esel hier als Gott anbetest?« -
»Oh Zarathustra, antwortete der Papst, vergieb mir, aber in Dingen Gottes bin
ich aufgeklärter noch als du. Und so ist′s billig.
Lieber Gott also anbeten, in dieser Gestalt, als in gar keiner Gestalt! Denke über
diesen Spruch nach, mein hoher Freund: du erräthst geschwind, in solchem
Spruch steckt Weisheit.
Der, welcher sprach »Gott ist ein Geist« - der machte bisher auf Erden den
grössten Schritt und Sprung zum Unglauben: solch Wort ist auf Erden nicht
leicht wieder gut zu machen!
Mein altes Herz springt und hüpft darob, dass es auf Erden noch Etwas
anzubeten giebt. Vergieb das, oh Zarathustra, einem alten frommen Papst-
Herzen! -«
- »Und du, sagte Zarathustra zu dem Wanderer und Schatten, du nennst und
wähnst dich einen freien Geist? Und treibst hier solchen Götzen- und
Pfaffendienst?
Schlimmer, wahrlich, treibst du′s hier noch als bei deinen schlimmen braunen
Mädchen, du schlimmer neuer Gläubiger!«
»Schlimm genug, antwortete der Wanderer und Schatten, du hast Recht: aber
was kann ich dafür! Der alte Gott lebt wieder, Oh Zarathustra, du magst reden,
was du willst.
Der hässlichste Mensch ist an Allem schuld: der hat ihn wieder auferweckt. Und
wenn er sagt, dass er ihn einst getödtet habe: Tod ist bei Göttern immer nur ein
Vorurtheil.«
254
- Und du, sprach Zarathustra, du schlimmer alter Zauberer, was thatest du! Wer
soll, in dieser freien Zeit, fürderhin an dich glauben, wenn du an solche Götter-
Eseleien glaubst?
Es war eine Dummheit, was du thatest; wie konntest du, du Kluger, eine solche
Dummheit thun!
»Oh Zarathustra, antwortete der kluge Zauberer, du hast Recht, es war eine
Dummheit, - es ist mir auch schwer genug geworden.«
- »Und du gar, sagte Zarathustra, zu dem Gewissenhaften des Geistes, erwäge
doch und lege den Finger an deine Nase! Geht hier denn Nichts wider dein
Gewissen? Ist dein Geist nicht zu reinlich für diess Beten und den Dunst dieser
Betbrüder?«
»Es ist Etwas daran, antwortete der Gewissenhafte und legte den Finger an die
Nase, es ist Etwas an diesem Schauspiele, das meinem Gewissen sogar
wohlthut.
Vielleicht, dass ich an Gott nicht glauben darf: gewiss aber ist, dass Gott mir in
dieser Gestalt noch am glaubwürdigsten dünkt.
Gott soll ewig sein, nach dem Zeugnisse der Frömmsten: wer so viel Zeit hat,
lässt sich Zeit. So langsam und so dumm als möglich: damit kann ein Solcher es
doch sehr weit bringen.
Und wer des Geistes zu viel hat, der möchte sich wohl in die Dumm- und
Narrheit selber vernarren. Denke über dich selber nach, oh Zarathustra!
Du selber - wahrlich! auch du könntest wohl aus Überfluss und Weisheit zu
einem Esel werden.
Geht nicht ein vollkommner Weiser gern auf den krümmsten Wegen? Der
Augenschein lehrt es, oh Zarathustra, - dein Augenschein!«
- »Und du selber zuletzt, sprach Zarathustra und wandte sich gegen den
hässlichsten Menschen, der immer noch auf dem Boden lag, den Arm zu dem
Esel emporhebend (er gab ihm nämlich Wein zu trinken). Sprich, du
Unaussprechlicher, was hast du da gemacht!
Du dünkst mich verwandelt, dein Auge glüht, der Mantel des Erhabenen liegt
um deine Hässlichkeit: was thatest du?
Ist es denn wahr, was jene sagen, dass du ihn wieder auferwecktest? Und wozu?
War er nicht mit Grund abgetödtet und abgethan?
Du selber dünkst mich aufgeweckt: was thatest du? was kehrtest du um? Was
bekehrtest du dich? Sprich, du Unaussprechlicher?«
255
»Oh Zarathustra, antwortete der hässlichste Mensch, du bist ein Schelm!
Ob Der noch lebt oder wieder lebt oder gründlich todt ist, - wer von uns
Beiden weiss Das am Besten? Ich frage dich.
Eins aber weiss ich, - von dir selber lernte ich′s einst, oh Zarathustra: wer am
gründlichsten tödten will, der lacht.
»Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tödtet man« - so sprachst du einst.
Oh Zarathustra, du Verborgener, du Vernichter ohne Zorn, du gefährlicher
Heiliger, - du bist ein Schelm!«
2
Da aber geschah es, dass Zarathustra, verwundert über lauter solche Schelmen-
Antworten, zur Thür seiner Höhle zurück sprang und, gegen alle seine Gäste
gewendet, mit starker Stimme schrie:
»Oh ihr Schalks-Narren allesammt, ihr Possenreisser! Was verstellt und
versteckt ihr euch vor mir!
Wie doch einem jeden von euch das Herz zappelte vor Lust und Bosheit, darob,
dass ihr endlich einmal wieder wurdet wie die Kindlein, nämlich fromm, -
- dass ihr endlich wieder thatet wie Kinder thun, nämlich betetet, hände-faltetet
und »lieber Gott« sagtet!
Aber nun lasst mir diese Kinderstube, meine eigne Höhle, wo heute al e
Kinderei zu Hause ist. Kühlt hier draussen euren heissen Kinder-Übermuth
und Herzenslärm ab!
Freilich: so ihr nicht werdet wie die Kindlein, so kommt ihr nicht in das
Himmelreich. (Und Zarathustra zeigte mit den Händen nach Oben.)
Aber wir wollen auch gar nicht in′s Himmelreich: Männer sind wir worden, - so
wol en wir das Erdenreich.«
3
Und noch einmal hob Zarathustra an zu reden. »Oh meine neuen Freunde,
sprach er, - ihr Wunderlichen, ihr höheren Menschen, wie gut gefallt ihr mir
nun, -
- seit ihr wieder fröhlich wurdet! Ihr seid wahrlich Alle aufgeblüht: mich dünkt,
solchen Blumen, wie ihr seid, thun neue Feste noth,
- ein kleiner tapferer Unsinn, irgend ein Gottesdienst und Eselsfest, irgend ein
alter fröhlicher Zarathustra-Narr, ein Brausewind, der euch die Seelen hell bläst.
256
Vergesst die Nacht und diess Eselsfest nicht, ihr höheren Menschen! Das
erfandet ihr bei mir, Das nehme ich als gutes Wahrzeichen, - Solcherlei erfinden
nur Genesende!
Und feiert ihr es abermals, dieses Eselsfest, thut′s euch zu Liebe, thut′s auch mir
zu Liebe! Und zu meinem Gedächtniss!«
Also sprach Zarathustra.
Das Nachtwandler-Lied
1
Inzwischen aber war Einer nach dem Andern hinaus getreten, in′s Freie und in
die kühle nachdenkliche Nacht; Zarathustra selber aber führte den hässlichsten
Menschen an der Hand, dass er ihm seine Nacht-Welt und den grossen runden
Mond und die silbernen Wasserstürze bei seiner Höhle zeige. Da standen sie
endlich still bei einander, lauter alte Leute, aber mit einem getrösteten tapferen
Herzen und verwundert bei sich, dass es ihnen auf Erden so wohl war; die
Heimlichkeit der Nacht aber kam ihnen näher und näher an′s Herz. Und von
Neuem dachte Zarathustra bei sich: »oh wie gut sie mir nun gefallen, diese
höheren Menschen!« - aber er sprach es nicht aus, denn er ehrte ihr Glück und
ihr Stillschweigen. -
Da aber geschah Das, was an jenem erstaunlichen langen Tage das
Erstaunlichste war: der hässlichste Mensch begann noch ein Mal und zum
letzten Mal zu gurgeln und zu schnauben, und als er es bis zu Worten gebracht
hatte, siehe, da sprang eine Frage rund und reinlich aus seinem Munde, eine
gute tiefe klare Frage, welche Allen, die ihm zuhörten, das Herz im Leibe
bewegte.
»Meine Freunde insgesammt, sprach der hässlichste Mensch, was dünket euch?
Um dieses Tags Willen -
ich
bin′s zum ersten Male zufrieden, dass ich das ganze
Leben lebte.
Und dass ich so viel bezeuge, ist mir noch nicht genug. Es lohnt sich auf der
Erde zu leben: Ein Tag, Ein Fest mit Zarathustra lehrte mich die Erde lieben.
»War
Das
- das Leben?« will ich zum Tode sprechen. »Wohlan! Noch Ein Mal!«
Meine Freunde, was dünket euch? Wollt ihr nicht gleich mir zum Tode
sprechen: War Das - das Leben? Um Zarathustra′s Wil en, wohlan! Noch Ein
Mal!« - -
257
Also sprach der hässlichste Mensch; es war aber nicht lange vor Mitternacht.
Und was glaubt ihr wohl, dass damals sich zutrug? Sobald die höheren
Menschen seine Frage hörten, wurden sie sich mit Einem Male ihrer
Verwandlung und Genesung bewusst, und wer ihnen dieselbe gegeben habe: da
sprangen sie auf Zarathustra zu, dankend, verehrend, liebkosend, ihm die
Hände küssend, so wie es der Art eines Jeden eigen war: also dass Einige
lachten, Einige weinten. Der alte Wahrsager aber tanzte vor Vergnügen; und
wenn er auch, wie manche Erzähler meinen, damals voll süssen Weines war, so
war er gewisslich noch voller des süssen Lebens und hatte aller Müdigkeit
abgesagt. Es giebt sogar Solche, die erzählen, dass damals der Esel getanzt habe:
nicht umsonst nämlich habe ihm der hässlichste Mensch vorher Wein zu trinken
gegeben. Diess mag sich nun so verhalten oder auch anders; und wenn in
Wahrheit an jenem Abende der Esel nicht getanzt hat, so geschahen doch
damals grössere und seltsamere Wunderdinge als es das Tanzen eines Esels
wäre. Kurz, wie das Sprichwort Zarathustra′s lautet: »was liegt daran!«
2
Zarathustra aber, als sich diess mit dem hässlichsten Menschen zutrug, stand da,
wie ein Trunkener: sein Blick erlosch, seine Zunge lallte, seine Füsse
schwankten. Und wer möchte auch errathen, welche Gedanken dabei über
Zarathustra′s Seele liefen? Ersichtlich aber wich sein Geist zurück und floh
voraus und war in weiten Fernen und gleichsam »auf hohem Joche, wie
geschrieben steht, zwischen zwei Meeren,
- zwischen Vergangenem und Zukünftigem als schwere Wolke wandelnd.«
Allgemach aber, während ihn die höheren Menschen in den Armen hielten, kam
er ein Wenig zu sich selber zurück und wehrte mit den Händen dem Gedränge
der Verehrenden und Besorgten; doch sprach er nicht. Mit Einem Male aber
wandte er schnell den Kopf, denn er schien Etwas zu hören: da legte er den
Finger an den Mund und sprach: »
Kommt!
«
Und alsbald wurde es rings still und heimlich; aus der Tiefe aber kam langsam
der Klang einer Glocke herauf. Zarathustra horchte darnach, gleich den
höheren Menschen; dann aber legte er zum andern Male den Finger an den
Mund und sprach wiederum: »
Kommt! Kommt! Es geht gen Mitternacht
!« - und seine
Stimme hatte sich verwandelt. Aber immer noch rührte er sich nicht von der
Stelle: da wurde es noch stiller und heimlicher, und Alles horchte, auch der Esel,
und Zarathustra′s Ehrenthiere, der Adler und die Schlange, insgleichen die
Höhle Zarathustra′s und der grosse kühle Mond und die Nacht selber.
Zarathustra aber legte zum dritten Male die Hand an den Mund und sprach:
258
Kommt! Kommt! Kommt! Lasst uns jetzo wandeln! Es ist die Stunde: lasst uns in die Nacht
wandeln!
3
Ihr höheren Menschen, es geht gen Mitternacht: da will ich euch Etwas in die
Ohren sagen, wie jene alte Glocke es mir in′s Ohr sagt, -
- so heimlich, so schrecklich, so herzlich, wie jene Mitternachts-Glocke zu mir
es redet, die mehr erlebt hat als Ein Mensch:
- welche schon eurer Väter Herzens-Schmerzens-Schläge abzählte - ach! ach!
wie sie seufzt! wie sie im Traume lacht! die alte tiefe tiefe Mitternacht!
Still! Still! Da hört sich Manches, das am Tage nicht laut werden darf; nun aber,
bei kühler Luft, da auch aller Lärm eurer Herzen stille ward, -
- nun redet es, nun hört es sich, nun schleicht es sich in nächtliche überwache
Seelen: ach! ach! wie sie seufzt! wie sie im Traume lacht!
- hörst du′s nicht, wie sie heimlich, schrecklich, herzlich zu
dir
redet, die alte
tiefe tiefe Mitternacht?
Oh Mensch, gieb Acht!
4
Wehe mir! Wo ist die Zeit hin? Sank ich nicht in tiefe Brunnen? Die Welt schläft
-
Ach! Ach! Der Hund heult, der Mond scheint. Lieber will ich sterben, sterben,
als euch sagen, was mein Mitternachts-Herz eben denkt.
Nun starb ich schon. Es ist dahin. Spinne, was spinnst du um mich? Willst du
Blut? Ach! Ach! der Thau fällt, die Stunde kommt -
- die Stunde, wo mich fröstelt und friert, die fragt und fragt und fragt: »wer hat
Herz genug dazu?
- wer soll der Erde Herr sein? Wer will sagen:
so
sollt ihr laufen, ihr grossen und
kleinen Ströme!«
- die Stunde naht: oh Mensch, du höherer Mensch, gieb Acht! diese Rede ist für
feine Ohren, für deine Ohren
was spricht die tiefe Mitternacht
?
5
Es trägt mich dahin, meine Seele tanzt. Tagewerk! Tagewerk! Wer soll der Erde
Herr sein?
259
Der Mond ist kühl, der Wind schweigt. Ach! Ach! Flogt ihr schon hoch genug?
Ihr tanztet: aber ein Bein ist doch kein Flügel.
Ihr guten Tänzer, nun ist alle Lust vorbei, Wein ward Hefe, jeder Becher ward
mürbe, die Gräber stammeln.
Ihr flogt nicht hoch genug: nun stammeln die Gräber »erlöst doch die Todten!
Warum ist so lange Nacht? Macht uns nicht der Mond trunken?«
Ihr höheren Menschen, erlöst doch die Gräber, weckt die Leichname auf! Ach,
was gräbt noch der Wurm? Es naht, es naht die Stunde, -
- es brummt die Glocke, es schnarrt noch das Herz, es gräbt noch der
Holzwurm, der Herzenswurm. Ach! Ach!
Die Welt ist tief
!
6
Süsse Leier! Süsse Leier! Ich liebe deinen Ton, deinen trunkenen Unken-Ton! -
wie lang her, wie fern her kommt mir dein Ton, weit her, von den Teichen der
Liebe!
Du alte Glocke, du süsse Leier! Jeder Schmerz riss dir in′s Herz, Vaterschmerz,
Väterschmerz, Urväterschmerz, deine Rede wurde reif,-
- reif gleich goldenem Herbste und Nachmittage, gleich meinem
Einsiedlerherzen - nun redest du: die Welt selber ward reif, die Traube bräunt,
- nun will sie sterben, vor Glück sterben. Ihr höheren Menschen, riecht ihr′s
nicht? Es quillt heimlich ein Geruch herauf,
- ein Duft und Geruch der Ewigkeit, ein rosenseliger, brauner Gold-Wein-
Geruch von altem Glücke,
von trunkenem Mitternachts-Sterbeglücke, welches singt: die Welt ist tief
und
tiefer als der Tag gedacht
!
7
Lass mich! Lass mich! Ich bin zu rein für dich. Rühre mich nicht an! Ward
meine Welt nicht eben vollkommen?
Meine Haut ist zu rein für deine Hände. Lass mich, du dummer tölpischer
dumpfer Tag! Ist die Mitternacht nicht heller?
Die Reinsten sollen der Erde Herrn sein, die Unerkanntesten, Stärksten, die
Mitternachts-Seelen, die heller und tiefer sind als jeder Tag.
Oh Tag, du tappst nach mir? Du tastest nach meinem Glücke? Ich bin dir reich,
einsam, eine Schatzgrube, eine Goldkammer?
260
Oh Welt, du willst
mich
? Bin ich dir weltlich? Bin ich dir geistlich? Bin ich dir
göttlich? Aber Tag und Welt, ihr seid zu plump, -
- habt klügere Hände, greift nach tieferem Glücke, nach tieferem Unglücke,
greift nach irgend einem Gotte, greift nicht nach mir:
- mein Unglück, mein Glück ist tief, du wunderlicher Tag, aber doch bin ich
kein Gott, keine Gottes-Hölle:
tief ist ihr Weh
.
8
Gottes Weh ist tiefer, du wunderliche Welt! Greife nach Gottes Weh, nicht nach
mir! Was bin ich! Eine trunkene süsse Leier, -
eine Mitternachts-Leier, eine Glocken-Unke, die Niemand versteht, aber welche
reden
muss
, vor Tauben, ihr höheren Menschen! Denn ihr versteht mich nicht!
Dahin! Dahin! Oh Jugend! Oh Mittag! Oh Nachmittag! Nun kam Abend und
Nacht und Mitternacht, - der Hund heult, der Wind:
- ist der Wind nicht ein Hund? Er winselt, er kläfft, er heult. Ach! Ach! wie sie
seufzt! wie sie lacht, wie sie röchelt und keucht, die Mitternacht!
Wie sie eben nüchtern spricht, diese trunkene Dichterin! sie übertrat wohl ihre
Trunkenheit? sie wurde überwach? sie käut zurück?
- ihr Weh käut sie zurück, im Traume, die alte tiefe Mitternacht, und mehr noch
ihre Lust. Lust nämlich, wenn schon Weh tief ist:
Lust ist tiefer noch als Herzeleid
.
9
Du Weinstock! Was preisest du mich? Ich schnitt dich doch! Ich bin grausam,
du blutest -: was will dein Lob meiner trunkenen Grausamkeit?
»Was vollkommen ward, alles Reife - will sterben!« so redest du. Gesegnet,
gesegnet sei das Winzermesser! Aber alles Unreife will leben: wehe!
Weh spricht: »Vergeh! Weg, du Wehe!« Aber Alles, was leidet, will leben, dass es
reif werde und lustig und sehnsüchtig,
- sehnsüchtig nach Fernerem, Höherem, Hellerem. »Ich will Erben, so spricht
Alles, was leidet, ich will Kinder, ich will nicht
mich
,« -
Lust aber will nicht Erben, nicht Kinder, - Lust will sich selber, will Ewigkeit,
will Wiederkunft, will Alles-sich-ewig-gleich.
Weh spricht: »Brich, blute, Herz! Wandle, Bein! Flügel, flieg! Hinan! Hinauf!
Schmerz!« Wohlan! Wohlauf! Oh mein altes Herz:
Weh spricht: »vergeh
!«
261
10
Ihr höheren Menschen, was dünket euch? Bin ich ein Wahrsager? Ein
Träumender? Trunkener? Ein Traumdeuter? Eine Mitternachts-Glocke?
Ein Tropfen Thau′s? Ein Dunst und Duft der Ewigkeit? Hört ihr′s nicht?
Riecht ihr′s nicht? Eben ward meine Welt vollkommen, Mitternacht ist auch
Mittag, -
Schmerz ist auch eine Lust, Fluch ist auch ein Segen, Nacht ist auch eine Sonne,
- geht davon oder ihr lernt: ein Weiser ist auch ein Narr.
Sagtet ihr jemals ja zu Einer Lust? Oh, meine Freunde, so sagtet ihr Ja auch zu
allem
Wehe. Alle Dinge sind verkettet, verfädelt, verliebt, -
- wolltet ihr jemals Ein Mal Zwei Mal, spracht ihr jemals »du gefällst mir, Glück!
Husch! Augenblick!« so wolltet ihr
Alles
zurück!
- Alles von neuem, Alles ewig, Alles verkettet, verfädelt, verliebt, oh so
liebtet
ihr
die Welt, -
- ihr Ewigen, liebt sie ewig und allezeit: und auch zum Weh sprecht ihr: vergeh,
aber komm zurück!
Denn alle Lust will - Ewigkeit!
11
Alle Lust will aller Dinge Ewigkeit, will Honig, will Hefe, will trunkene
Mitternacht, will Gräber, will Gräber-Thränen-Trost, will vergüldetes
Abendroth -
-
was
will nicht Lust! sie ist durstiger, herzlicher, hungriger, schrecklicher,
heimlicher als alles Weh, sie will
sich
, sie beisst in
sich
, des Ringes Wille ringt in
ihr, -
- sie will Liebe, sie will Hass, sie ist überreich, schenkt, w
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