Please wait
Please install the Adobe Flash Player if no e-book is displayed.
Examination Thesis, 2008, 63 Pages
Author: Michael Schmidt
Subject: Mathematics - Didactics
Details
Institution/College: University of Flensburg (Institut für Mathematik und ihre Didaktik)
Tags: Funktion, Funktionen, Funktionsbegriff, funktional, funktionales Denken, handlungsorientiert, Handlungsorientierung, Zugänge, Denken
Year: 2008
Pages: 63
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 21 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-24272-6
ISBN (Book): 978-3-640-24617-5
Other users also were interested in the following titles:
Abstract
Der Begriff der Funktion ist einer der Kernbegriffe der modernen Mathematik. Kaum ein Gebiet der Mathematik ist gänzlich frei von den Erscheinungsformen des Funktionsbegriffs. Deshalb ist es in hohem Maße bedeutend, den Funktionsbegriff treffend und sorgfältig in den Schulen einzuführen. Es stellt sich dabei insbesondere die Frage, wie die Entwicklung des funktionalen Denkens am geeignetsten gefördert und unterstützt wird und die latenten Chancen für die Herausarbeitung einer angemessenen Vorstellung und eines sicheren Verständnisses des Funktionsbegriffs tatsächlich wahrgenommen werden können. Dabei ist es wichtig, die Schüler auf der einen Seite nicht zu früh mit formalen Ausdrucksweisen zu überfordern. Andererseits ist es ja gerade das Geschick der Mathematik, Aussagen bzw. Gesetzmäßigkeiten möglichst prägnant in ihrer eigenen Sprache wiederzugeben. Nicht zuletzt deshalb wird oft auch von der Schönheit der Mathematik gesprochen, in der viele eine Kunst sehen und sie als eine ästhetische Disziplin bezeichnen. [...] Wenngleich die Behandlung von Funktionen im Mathematikunterricht, oder genauer der Funktionsbegriffserwerb und dessen Festigung, der Kern dieser Arbeit ist, ist es zunächst sinnvoll, das handlungsorientierte Unterrichten allgemein durch ihre Eigenschaften zu bestimmen, da dieses Unterrichtskonzept hierbei eine bedeutende Rolle spielt. Das Thema Funktionen wird dabei zwischendurch immer wieder explizit mit einbezogen. Anschließend wird noch etwas zum Funktionsbegriff und einigen grundlegenden Funktionsarten, so wie sie in der Sekundarstufe 1 vorkommen, gesagt. Dabei wird der Fokus insbesondere auf die Begriffe Proportionalität und Antiproportionalität gelegt und einige Eigenschaften unter einem fachwissenschaftlichen Aspekt betrachtet. In dem umfangreichen Kapitel 4 geht es um den Mathematikunterricht. Darin werden viele Möglichkeiten und Beispiele genannt, die Lehrern und vor allem den Schülern von Nutzen sein können, da sie Nachhaltigkeit beim Verständnis des Funktionsbegriffs zu versprechen vermögen. Das fächerübergreifende Unterrichten (mit der Physik), d.h. die Behandlung außermathematischer Problemstellungen, wird ebenso Inhalt sein wie innermathematische Sachverhalte im Umgang mit Funktionen.
Excerpt (computer-generated)
Universität Flensburg
Institut für Mathematik und ihre Didaktik
Handlungsorientierte Zugänge zum
Funktionsbegriff und
Möglichkeiten zur Förderung des
funktionalen Denkens
Schriftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung für die Laufbahn
der Realschullehrerinnen und Realschullehrer in Schleswig-Holstein
Dem Prüfungsamt vorgelegt
von: Michael Schmidt
Flensburg, den 01. Juli 2008
1
Inhaltsübersicht:
1
Einleitung 2
2
Handlungsorientierung als Konzept zur Umsetzung eines
5
größeren Realitätsbezuges der Fachinhalte in den Unterricht
3
Funktionsbegriff und Funktionsarten
12
3.1
Der Funktionsbegriff
12
3.2
Lineare Funktionen mit fachwissenschaftlicher Analyse
16
proportionaler Funktionen
3.3
Potenzfunktionen mit dem Spezialfall der Antiproportionalität
21
3.4
Exponentialfunktionen
23
4
Chancen für instruktives Unterrichten zur Unterstützung und
25
Entwicklung des funktionalen Denkens und des
Funktionsbegriffserwerbs
4.1
Differenzierung und Verbundenheit von unterschiedlichen
25
Repräsentationen desselben Sachverhalts
4.2
Mathematik als Instrument der Physik
30
4.2.1 Proportionalität als Eigenschaft von Funktionen
32
4.2.2 Experimentelle Ermittlung proportionaler Zusammenhänge
35
4.2.3 Herausarbeitung von Potenzfunktionen
43
4.2.4 Modellierung als mathematisch-theoretisches Konstrukt eines realen
47
(Natur-) Vorgangs
4.3
Innermathematische Anwendungen von proportionalen und
54
antiproportionalen Funktionen
5
Schlussbetrachtung
59
6
Inhaltsverzeichnis
60
7
Abbildungsverzeichnis
61
2
1
Einleitung
Mathematik wird in unserer Gesellschaft oftmals als etwas verstanden, was eher
lästig und anstrengend ist als dass sie Freude bereitet und für unser Leben nützlich
sein kann. Sie habe rein gar nichts mit dem richtigen Leben zu tun, sondern
erscheine zwecklos und diene zu gar nichts, was die Menschheit zum Leben
benötige, mögen einige Menschen in den Extremfällen sagen. Höchstens den
Aufgaben des Zählens, Rechnens und Messens, wie sie in der Form der
Grundfertigkeiten verstanden werden, würde noch Bedeutung zukommen. Und viele
Jugendliche, vielleicht die Mehrheit, werden sich während des Mathematikunterrichts
in der Schule zumindest insgeheim schon einmal gefragt haben, wozu man ,,das
Ganze" überhaupt jemals wieder brauchen wird. Wohl fast jeder Mathematiklehrer
wird diese Frage schon einmal gestellt bekommen haben. Dass Mathematik jedoch
weitaus mehr ist als das Zählen und Rechnen, leuchtet längst nicht jedem
unmittelbar ein. Sogar von einem Imageproblem der Mathematik ist die Rede, wie
kürzlich in der Zeitschrift
DAAD Letter
zu lesen war, obwohl im Alltag fast nichts mehr
ohne Mathematik funktioniere, so die Autorin des Artikels.1 Wie kommt diese
weitläufig ablehnende Haltung gegenüber dieser Wissenschaft, die einer der ältesten
überhaupt ist, zustande? Als ,,zu schwer" und ,,zu abstrakt" wird die Mathematik
bereits in den Schuljahren verurteilt. In signifikantem Maße liegt die Ursache also
bereits im Schul-
Unterricht
, beim Heranführen der Schüler an diese großartige
Disziplin die Mathematik.
Und hier setzt diese Arbeit an2 im Mathematikunterricht. Das erfolgreiche Lernen
kann überhaupt nur dann gelingen, wenn den Schülern3 gleichzeitig die
Bedeutsamkeit und der Nutzen des Gelernten vermittelt werden. Andernfalls erfolgt
wiederum die Suche der Kinder und Jugendlichen nach dem veritablen Wert
bestimmter Themenbereiche und die Gefahr des Infragestellens und der Skepsis bis
hin zur Resignation, wie sie leider allzu oft vorhanden ist. Die Mathematik muss
keineswegs langweilig und sinnlos erscheinen. Und es wäre fatal, Kindern schon in
1 Vgl. Jung, K.: Magie der Mathematik Mehr Anerkennung für ein Traditionsfach. In: DAAD Letter,
28. Jg. 2008, Heft 1, S. 10-13.
2 Die ursprünglich angesetzte Seitenzahl ist aufgrund zahlreicher Abbildungen im Text um etwa 10
Seiten überschritten. (Anm. d. Verf.)
3 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit durchgehend die männliche Form
verwendet. Natürlich sind damit auch immer beide Geschlechter gemeint. (Anm. d. Verf.)
3
frühen Jahren mit (für sie) sinnleeren Formeln, Gesetzen und Theorien zu begegnen.
Vorgegebenen, fertigen Systematiken sollte dort Einhalt geboten werden, wo es
möglich ist. Die Erkenntnis für die Herkunft des Elementaren ginge ansonsten
verloren und damit auch das grundsätzliche Interesse an der Mathematik. Die
Gliederung sachlichen und logischen Wissens kann nur in nachvollziehbaren
Zusammenhängen erlernt werden. Eine grundlegende Chance hierfür bietet uns die
Natur. Sie gehorcht in einer ungemein großen Vielfalt gewissen mathematischen
Regeln, sodass einige Menschen gar der Meinung sind, die ganze Welt könne durch
die Mathematik
beschrieben
werden. Deshalb verwundert es nicht, dass die
Mathematik trotz ihrer Nähe zur Natur als Sprach- und nicht als Naturwissenschaft
deklariert wird. (Allein die Verbundenheit mit der Wirtschaft schließt die Vermutung
aus, die Mathematik sei eine Naturwissenschaft). Dabei spielen Modellierungen eine
tragende Rolle, denn ohne sie könnte man viele (Natur-) Vorgänge aus der Welt
schlicht und ergreifend nicht übersetzen und somit weder interpretieren noch
analysieren.
Der Begriff der Funktion ist einer der Kernbegriffe der modernen Mathematik. Kaum
ein Gebiet der Mathematik ist gänzlich frei von den Erscheinungsformen des
Funktionsbegriffs. Deshalb ist es in hohem Maße bedeutend, den Funktionsbegriff
treffend und sorgfältig in den Schulen einzuführen. Es stellt sich dabei insbesondere
die Frage, wie die Entwicklung des funktionalen Denkens am geeignetsten gefördert
und unterstützt wird und die latenten Chancen für die Herausarbeitung einer
angemessenen Vorstellung und eines sicheren Verständnisses des Funktionsbegriffs
tatsächlich wahrgenommen werden können. Dabei ist es wichtig, die Schüler auf der
einen Seite nicht zu früh mit formalen Ausdrucksweisen zu überfordern. Andererseits
ist es ja gerade das Geschick der Mathematik, Aussagen bzw. Gesetzmäßigkeiten
möglichst prägnant in ihrer eigenen Sprache wiederzugeben. Nicht zuletzt deshalb
wird oft auch von der Schönheit der Mathematik gesprochen, in der viele eine Kunst
sehen und sie als eine ästhetische Disziplin bezeichnen. Den Schülern muss sie mit
Lebendigkeit begegnen, denn schließlich besteht auch die Musik ,,nicht nur aus
Kreisen und Kreuzchen, die über die Notenlinien tanzen. Ganz entsprechend
4
erwachen auch die mathematischen Symbole erst zum Leben [...]"4, wenn die
Schüler die Mathematik auf reale Sachverhalte übertragen und anwenden können.
Wenngleich die Behandlung von Funktionen im Mathematikunterricht, oder genauer
der Funktionsbegriffserwerb und dessen Festigung, der Kern dieser Arbeit ist, ist es
zunächst sinnvoll, das handlungsorientierte Unterrichten allgemein durch ihre
Eigenschaften zu bestimmen, da dieses Unterrichtskonzept hierbei eine bedeutende
Rolle spielt. Das Thema
Funktionen
wird dabei zwischendurch immer wieder explizit
mit einbezogen. Anschließend wird noch etwas zum Funktionsbegriff und einigen
grundlegenden Funktionsarten, so wie sie in der Sekundarstufe 1 vorkommen,
gesagt. Dabei wird der Fokus insbesondere auf die Begriffe
Proportionalität
und
Antiproportionalität
gelegt und einige Eigenschaften unter einem
fachwissenschaftlichen Aspekt betrachtet. In dem umfangreichen Kapitel 4 geht es
um den Mathematikunterricht. Darin werden viele Möglichkeiten und Beispiele
genannt, die Lehrern und vor allem den Schülern von Nutzen sein können, da sie
Nachhaltigkeit beim Verständnis des Funktionsbegriffs zu versprechen vermögen.
Das fächerübergreifende Unterrichten (mit der Physik), d.h. die Behandlung
außermathematischer Problemstellungen, wird ebenso Inhalt sein wie
innermathematische Sachverhalte im Umgang mit Funktionen. Allerdings hat es sich
während des Verfassens der Arbeit aufgrund des umfassenden Themas als sinnvoll
erwiesen, das Augenmerk hauptsächlich auf die Proportionalität bzw.
Antiproportionalität gerichtet zu lassen. Die Arbeit hätte bei Einbeziehung mehrerer
Funktionsarten (inkl. Beispiele) ansonsten beliebig weit fortgeführt werden können
oder massive Einschränkungen inhaltlicher Art nach sich ziehen müssen. Der Titel
dieser Arbeit macht schließlich schon deutlich, dass die
Zugänge
zu diesem Thema
und in die Unterstützung für ein altersgerechtes
Entwickeln
des Funktionsbegriffs den
Kern bilden. Die ersten Einblicke in dieses Gebiet finden nun einmal primär mit den
genannten Funktionseigenschaften (nach den einfachsten Zuordnungen) statt und
bilden somit ein gewisses Fundament des Funktionsverständnisses die Grundlage
alles Aufbauendem also.
4 Du Sautoy, M.: The Music of the Primes Why an Unsolved Problem in Mathematics Matters.
London 2003. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Filk: Die Musik der Primzahlen Auf
den Spuren des größten Rätsels der Mathematik. München 32007, S. 102.
5
2
Handlungsorientierung als Konzept zur Umsetzung eines größeren
Realitätsbezuges der Fachinhalte in den Unterricht
Der handlungsorientierte Unterricht findet auf der Basis schüleraktiver Form statt. Die
Schüler sind demnach aktiv am Unterrichtsgeschehen beteiligt und erfahren somit
einen anderen Zugang zu einem inhaltlichen Stoff als es der Frontalunterricht
beispielsweise vorgibt. Diese Form ist in einigen Fächern beliebter als in anderen, da
entweder die Voraussetzungen günstiger erscheinen oder sich auf der anderen Seite
die Haltung durchsetzt, den darlegenden (frontalen) Unterricht der Bequemlichkeit
wegen ,,standardmäßig" durchzuführen. Nichtsdestoweniger ist der Frontalunterricht
hin und wieder vonnöten und soll insgesamt nicht abgewertet werden. Allerdings ist
dringend auf eine ausgewogene Handhabung mit den verschiedenen
Unterrichtsformen- bzw. Konzepten zu achten. Nach Hilbert Meyer ist der
handlungsorientierte Unterricht ,,ein ganzheitlicher und schüleraktiver Unterricht, in
dem die zwischen Lehrer und den Schülern vereinbarten Handlungsprodukte die
Organisation des Unterrichtsprozesses leiten, so daß Kopf- und Handarbeit der
Schüler in ein ausgewogenes Verhältnis zueinander werden können."5 Das Ganze ist
aber nur durch eine komplexe unterrichtliche Gestaltung zu erreichen, was viele
Lehrer womöglich davon abschreckt, diesen Weg zu gehen. Da die Mathematik eng
mit formalen Attributen zusammenhängt, diese Wissenschaft also durch ihre
formalen Systeme, den abstrakten Strukturen und logischen Schlussfolgerungen
überhaupt erst ,,lebt", sind leider immer noch viele Lehrer der konventionellen
Auffassung, dass sich der Mathematikunterricht kaum handlungsorientiert
durchführen lässt. Doch das ist nicht der Fall, wie in dieser Arbeit am Beispiel zur
Behandlung von Zuordnungen und Funktionen im Folgenden gezeigt werden soll.
Bei diesem Thema wäre es fatal, die Chance des schülerorientierten Unterrichts nicht
zu nutzen. Hier kann ich als Lehrer beweisen, dass ,,Mathematik [...] kein
Zuschauersport"6 ist, sondern durchaus von Aktivitäten lebt und dass es sie ,,nicht
nur in den Hirnen der Mathematiker gibt"7, sondern dass sie wirklich existiert.
Das Prinzip des exemplarischen und genetischen
Lernens nach Martin Wagenschein8 und das entdeckende Lernen nach Bruner9
5 Meyer, H.: Unterrichtsmethoden I: Theorieband. Berlin 112006, S. 214.
6 Zeitler, H.: Zur Einführung. In: Der Mathematikunterricht, 47. Jg. 2001, Heft 2, S. 3.
7 Ebd., S. 3.
8 Vgl.: Wagenschein, M.: Verstehen lehren. Weinheim und Basel 52005, S. 27-114.
9 Vgl.: Bruner, Jerome S.: Studien zur kognitiven Entwicklung. Stuttgart 11971, S. 21-44.
6
gehören zum Konzept der Handlungsorientierung. Wenn Kinder aufgrund eines
Phänomens jeglicher Art oder speziell eines mathematischen Problems oder gar
eines funktionellen Zusammenhangs fragen: ,,Warum?", dann wollen sie keinen
großartigen fachwissenschaftlichen Vortrag hören. Sie wollen vielmehr wissen, unter
welchen Umständen dies oder jenes passiert. Die Kinder suchen sich die
Erklärungen zu den Problemen / Phänomenen selbst. (Allein die Suche danach hat
einen hohen Wert!). Als Beispiel dient hier etwa der funktionale Zusammenhang
einer Flüssigkeitsmenge zu der Füllhöhe bei unterschiedlichen Gefäßen. Dies wird
aber noch in Kapitel 4.1 eingehender beschrieben.
Das lernpsychologische Modell der Äquilibration10 von Piaget kommt bei solchen
handlungsorientierten Zugängen sehr zum Tragen. Denn nach dem
Äquilibrationsprinzip hat jeder Lernende eine kognitive Struktur, die sich im Laufe
seines Lebens durch individuelle Erfahrungen in der Umwelt gebildet hat. Wenn
jemand also beispielsweise sportlich aktiv ist, wird er gewisse funktionale
Abhängigkeiten, bewusst oder unbewusst, ständig erfahren: Parabel beim
Hochsprung, Kugelstoßen oder beim Speerwerfen; Geschwindigkeitsveränderungen
oder -konstanz bei diversen Bewegungen (100m-Lauf, 400m-Lauf, Radfahren bei
unterschiedlichen Steigungen/Strecken usw.). Dabei haben diese Kenntnisse zwar
nicht immer unbedingt quantitativen, aber doch zumindest qualitativen Charakter.
Genauso können aber auch Erfahrungen anderer Art zum Teil vorhanden sein.
Insbesondere viele Proportionalitäten (als Eigenschaft von Funktionen, aber ohne
zwingendes Wissen
über
Funktionen) werden im Alltagsleben ,,automatisch"
erfahren. Auch im Mathematikunterricht kann sich diese so genannte kognitive
Struktur weiter ausbilden nämlich durch Handlungsorientierung. Ein Kind muss
sehen
, wie verschiedene Größen voneinander abhängen. Es genügt nicht, jede
funktionale Abhängigkeit rein mündlich und schriftlich zu besprechen. Sondern sie
müssen sich für Kinder und Jugendliche anhand eines Versuchs aufwerfen und in
der Auswertung entweder bestätigen oder zum Staunen bringen. Im ersten Fall,
wenn also eine sicher geglaubte Vermutung bestätigt wird, spricht man von einer
Assimilation11. Die neue Information bzw. das Ergebnis passt zu der bereits
vorhandenen kognitiven Struktur, sodass diese nun verstärkt wird. Im zweiten Fall
dagegen, wenn also ein Experiment oder irgendeine andere gemachte Erfahrung ein
10 Vgl.: Buggle, F.: Die Entwicklungspsychologie Jean Piagets. 2., überarbeitete Auflage, Stuttgart
[u.a]. 1993, S. 36-40.
11 Ebd., S. 25.
7
anderes Ergebnis liefert als es der vorherigen Vermutung entspricht, spricht man von
einer Akkomodation12. Zunächst herrscht dadurch ein kognitives Ungleichgewicht.
Die vorhandene Struktur muss korrigiert und angepasst werden, sodass sich die
neue kognitive Struktur ausbilden kann. Akkomodation kann aber meist nur da
erfolgen, wo man handelnd tätig ist. Sie kann jedenfalls dann viel besser erfolgen.
Erst dann kann mithilfe des Erfahrungsfeldes der Sinne ein Staunen und daraus ein
Nachdenken resultieren, um schließlich neue Erkenntnisse zu gewinnen. Im Beispiel
der bereits oben genannten Zuordnung ,,Füllhöhe in Abhängigkeit von der
Füllmenge" bei unterschiedlichen Gefäßformen ist bei Schülern oft zu beobachten,
dass sie bei einem Gefäß wie z. B. in der Form eines (oben offenen)
Kreiskegelstumpfes eine Proportionalität vermuten. Meistens lautet ihre
Argumentation: ,,Das Wasser steigt gleichmäßig, weil ja die Seitenkanten des
Behälters gerade verlaufen." (Sie meinen damit aber nicht ,,orthogonal zur
Grundfläche", sondern lediglich ,,nicht gewölbt"). Selbst wenn erkannt wird, dass das
Wasser nicht
in gleichem Maße
ansteigt, haben viele Schüler die falsche Vorstellung,
dass ein entsprechender Funktionsgraph linear ansteigen müsse. Hier bietet sich die
Chance, sie durch praktisches Tun von ihrer Fehleinschätzung zu überzeugen.
Die handelnde Auseinandersetzung mit den Dingen ist demnach eine
vor-
formale
Phase, die gerade in der Schule beim Thema Funktionen eine wichtige Rolle spielt.
Erst dadurch kann eine vernünftige Grundlage für den Funktionsbegriff und die
Behandlung von weiteren Funktionsarten geschaffen werden. Die Übersetzung in die
Sprache der Mathematik (Funktionsgraphen, Symbolik usw.) erfolgt entweder parallel
oder nach der aktiven Auseinandersetzung; sie sollte aber niemals davor oder gar
nicht stattfinden. Bei anderen Themengebieten der Mathematik mag das zum Teil
schwieriger sein; man denke zum Beispiel an die Zahlentheorie. Im Endeffekt ist die
Mathematik nun mal abstrakt, doch sie kann in vielen Bereichen lebendig und somit
für Kinder und Jugendliche besser zugänglich gemacht werden.
Wichtig bei der Auseinandersetzung mit mathematischen Problemen ist es, die
Mathematik in der Schule nicht als Lernpensum zu verstehen. Sture
Anwendungsschemata, die lediglich für die Lösung eines Problems von Nutzen sind,
machen keinen Sinn, wenn nicht das Fundamentalste dieses Problems sorgfältig
12 Ebd., S. 25.
Comments
No comments yet
Other users also were interested in the following titles:
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit - Formatvorlage / Vorlage für eine Hausarbeit für Microsoft Word
Author: GRIN VerlagPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2005 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit - Formatvorlage / Vorlage für eine Hausarbeit für OpenOffice.org
Author: GRIN VerlagPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2005 Download as PDF-file for 9,99 EUR
Formatvorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit / Vorlage zur Erstellung einer Hausarbeit
Author: Marco FeindlerPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2005 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Author: GRIN VerlagPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2008 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wissenschaftlichen Arbeit
Author: Zoran ZivkovicPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2004 Download as PDF-file for 5,99 EUR
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Author: Claudia NickelPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2006 Download as PDF-file for 4,99 EUR
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Author: Maik PhilippPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2004 Download as PDF-file for 5,99 EUR
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - Hausarbeiten - Seminararbeiten
Author: Mark RichterPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2008
This text can be quoted and accessed from this url: