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Subtitle: Eine vergleichende Filmanalyse von Kusturicas „Underground“, Tanovićs „No Mans’ Land“ und Žbanićs „Esmas Geheimnis“
Thesis (M.A.), 2008, 93 Pages
Author: Nadija Tomasovic´
Subject: Russian / Slavic Languages
Details
Tags: Gewalt, Krieg, Beispiel, Ex-Jugoslawien
Year: 2008
Pages: 93
Grade: noch nicht bekannt
Bibliography: ~ 50 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-24358-7
ISBN (Book): 978-3-640-25391-3
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Abstract
Grundsätzlich ist jeder Film ein Kommunikationssystem und die in ihm Wirkenden, wie Schauspieler, Drehbuchautoren, Filmemacher, u. a. wollen mit ihrem Werk der Welt etwas mitteilen. Ohne die Annahme sinnvoller, über Zeichen vermittelter Kommunikation würde keine Sequenzanalyse Sinn machen. Die Frage nach dem Sinn ist also konstitutiv für diese Arbeit, obwohl nicht jede Mitteilung eine Bedeutung haben muss, was den informationstheoretischen und ästhetischen Spielraum des Mediums „Film“ aber noch erhöht, wie im weiteren zu zeigen sein wird. Die Sequenzanalysen ausgewählter Gewalt- und Kriegsszenen dreier Filme in der hier vorliegenden Abschlussarbeit von drei verschiedenen Regisseuren der ehemaligen sozialistischen föderativen Republik Jugoslawiens (SFRJ) bilden den Mittelpunkt. Diese Filmanalysen kreisen weder vorrangig um filmhistorische Zusammenhänge noch um genrespezifische Aspekte, sondern es handelt sich jeweils um detaillierte Analysen zur Problematik filmischer Gewalt und ihrer jeweiligen filmästhetischen Organisation. „Die Analyse(n) frag(en) nach der Eigenständigkeit der Ästhetik, nach der genuin filmischen Qualität seiner Formen, nach den Bedingungen des je unterschiedlichen Gelingens, mit den Mitteln des Films dem gesellschaftlichen Phänomen Gewalt Ausdruck zu geben.“ Mittel und Werkzeuge, mit denen der Film arbeitet zu untersuchen, bedeutet, etwas über die Mittel und Werkzeuge des Geistes, samt der Rolle des Gefühls und der Sinne zu erfahren. Gewalt wird zur Gewalt im Film nicht dadurch, dass ein Gewaltverhältnis der „äußeren Wirklichkeit“ mit Hilfe von bewegten Bildern abfotografiert wird, sondern erst dadurch, dass jene Gewalttätigkeit aus sich heraus eine Bildsprache, einen Rhythmus, eine Spannungskurve gewaltförmiger Qualität produziert. Dass sie, im Vermögen eines ästhetischen Transformationsprozesses, eine eigene gewaltförmige Wirklichkeit, eine filmische Gewalt organisiert, und dass sie diese filmische Gewalt nicht als Abbild äußerer Gewaltverhältnisse fälschlicherweise ausgibt, sondern sie vielmehr als eigengesetzliche Filmkunst Wirklichkeit fasst und mitteilt. In den Filmen werden Bilder inszeniert, angsterfüllte Wahrnehmung von Schrecken dargestellt. Dabei wird Gewalt technisch hoch organisiert mitgeteilt. Die Konzentration auf Wirkungsaspekte solcher Bilder, greift die Frage von aggressiven Energien durch Brutalität und Krieg auf.
Excerpt (computer-generated)
I
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis I
Abkürzungsverzeichnis III
1
Einleitung - 1 -
2
Historisch politischer Kontext - 6 -
2.1
Zerfal Jugoslawiens und seine filmische Widerspiegelung - 6 -
2.2
Neuer Primitivismus - 8 -
3
Macht und Gewalt - 10 -
3.1
Von der Aktionsmacht zur Gewalt - 10 -
3.1.1
Aktionsmacht in Zeiten des Krieges - 10 -
3.1.2
Gewaltverhältnisse im Krieg - 11 -
3.2
Das Konzept der mimetischen Gewalt - 12 -
3.2.1
Wunsch des Menschen nach Mimesis - 12 -
3.2.2
Mimetisches Begehren - 13 -
4
Underground - 16 -
4.1
Filmtechnische Besonderheiten - 17 -
4.1.1
Kamera und Schnitt - 19 -
4.1.2
,,Film im Film" - 20 -
4.2
Sequenzanalysen ausgewählter Gewalt-/ Kriegsszenen - 21 -
4.2.1
,,Belgrader Zoo" - 21 -
4.2.2
,,Apokalypse" - 25 -
4.3
Kreissymbolik Gewalt und Krieg als Dauerzustand - 28 -
4.4
Musik als emotionaler Spannungsverstärker - 30 -
4.5
Humor als Relativierung im Krieg - 31 -
4.6
Die Rol e von Erotik und Gewalt - 32 -
4.7
Fazit zu
Underground
- 34 -
5
No Man′s Land - 37 -
5.1
Strukturel e und filmische Besonderheiten - 39 -
5.1.1
Aufbau - 39 -
5.1.2
Sprache - 40 -
II
5.1.2.1 Sprache und Text - 40 -
5.1.2.2 Untertitel - 41 -
5.1.3
Mimesis - 41 -
5.1.4
Das Verhältnis Nino und Ciki - 41 -
5.1.5
Disharmonie - 43 -
5.2
Sequenzanalysen ausgewählter Gewalt-/ Kriegsszenen - 43 -
5.2.1
,,Erster feindseliger Kontakt" - 43 -
5.2.2
,,Die Spirale der Gewalt" - 49 -
5.2.3
,,Das Ende al er Hoffnung" - 50 -
5.3
Musik und Geräusche als Spannungsverstärker - 55 -
5.4
Humor und Ironie als Relativierung im Krieg - 57 -
5.5
Fazit zu No Man′s Land - 58 -
6
Esmas Geheimnis - 59 -
6.1
Strukturel e und filmtechnische Besonderheiten - 60 -
6.1.1
Generationen und Kontext - 60 -
6.1.2
Perspektive und Ort - 60 -
6.1.2.1 ,,Schlafende Frauen" - 61 -
6.2
Sequenzanalysen ausgewählter Gewaltszenen - 64 -
6.2.1 ,,Wetteinsatz vergessen abzugeben" - 64 -
6.2.2
,,Esmas Geheimnis" - 68 -
6.3
Musik als Teil der Dramaturgie - 72 -
6.4
Die Doppelrol e der Frau als Mutter und Opfer - 74 -
6.5
Das Männliche - 76 -
6.6
Kinder und Gewalt - Mimesis - 76 -
6.7
Fazit zu Esmas Geheimnis - 77 -
7
Abschließende Bemerkung - 79 -
Literaturverzeichnis IV
III
Abkürzungsverzeichnis
a. a. O. = am angeführten/angegebenem Ort
bzw. = beziehungsweise
dt. = deutsch
KZ = Konzentrationslager
o. D. = ohne Datum
o. V. = ohne Verfasser
sog. = so genannte(n)
u. a. = unter anderem
v. a. = vor al em
vs. = versus = gegen
1
Einleitung
- 1 -
1
Einleitung
Grundsätzlich ist jeder Film ein Kommunikationssystem und die in ihm
Wirkenden, wie Schauspieler, Drehbuchautoren, Filmemacher, u. a. wol en
mit ihrem Werk der Welt etwas mitteilen. Ohne die Annahme sinnvol er, über
Zeichen vermittelter Kommunikation würde keine Sequenzanalyse Sinn
machen. Die Frage nach dem Sinn ist also konstitutiv für diese Arbeit,
obwohl nicht jede Mitteilung eine Bedeutung haben muss, was den
informationstheoretischen und ästhetischen Spielraum des Mediums ,,Film"
aber noch erhöht, wie im weiteren zu zeigen sein wird.1
Die Sequenzanalysen ausgewählter Gewalt- und Kriegsszenen dreier Filme
in der hier vorliegenden Abschlussarbeit von drei verschiedenen
Regisseuren der ehemaligen sozialistischen föderativen Republik
Jugoslawiens (SFRJ) bilden den Mittelpunkt. Diese Filmanalysen kreisen
weder vorrangig um filmhistorische Zusammenhänge noch um
genrespezifische Aspekte, sondern es handelt sich jeweils um detail ierte
Analysen zur Problematik filmischer Gewalt und ihrer jeweiligen
filmästhetischen Organisation.
,,Die Analyse(n) frag(en) nach der Eigenständigkeit der Ästhetik, nach der
genuin filmischen Qualität seiner Formen, nach den Bedingungen des je
unterschiedlichen Gelingens, mit den Mitteln des Films dem
gesel schaftlichen Phänomen Gewalt Ausdruck zu geben."2
Mittel und Werkzeuge, mit denen der Film arbeitet zu untersuchen, bedeutet,
etwas über die Mittel und Werkzeuge des Geistes, samt der Rol e des
Gefühls und der Sinne zu erfahren.3 Gewalt wird zur Gewalt im Film nicht
dadurch, dass ein Gewaltverhältnis der ,,äußeren Wirklichkeit"4 mit Hilfe von
bewegten Bildern abfotografiert wird, sondern erst dadurch, dass jene
1 Jurij M. Lotman, Probleme der Kinoästhetik. Einführung in die Semiotik des Films, Frankfurt
a. M. 1977, S. 24.
2 Ralf Schnel , ,,Gewalt als Problem filmischer Ästhetik", in: Ralf Schnel (Hrsg.),
Gewalt im
Film,
Bielefeld 1987, S. 14.
3 Christian Mikunda, ,,Denn wir sind körpermenschen. Zur Tiefenpsychologie der
emotionalen Filmsprache", in: Christian Mikunda (Hrsg.),
Kino spüren.
München 1986, S.
223 ff.
4 Siegfried Kracauer, ,,Die Errettung der physischen Realität 1960. Eine Kunst, die anders
ist", in: Franz-Josef Albersmeier (Hrsg.),
Texte zur Theorie des Films
, Stuttgart 2001, S.
241.
1
Einleitung
- 2 -
Gewalttätigkeit aus sich heraus eine Bildsprache, einen Rhythmus, eine
Spannungskurve gewaltförmiger Qualität produziert. Dass sie, im Vermögen
eines ästhetischen Transformationsprozesses, eine eigene gewaltförmige
Wirklichkeit, eine filmische Gewalt organisiert, und dass sie diese filmische
Gewalt nicht als Abbild äußerer Gewaltverhältnisse fälschlicherweise ausgibt,
sondern sie vielmehr als eigengesetzliche Filmkunst Wirklichkeit fasst und
mitteilt. 5
In den Filmen werden Bilder inszeniert, angsterfül te Wahrnehmung von
Schrecken dargestel t. Dabei wird Gewalt technisch hoch organisiert
mitgeteilt. Die Konzentration auf Wirkungsaspekte solcher Bilder, greift die
Frage von aggressiven Energien durch Brutalität und Krieg auf. Die
Hypothese, dass mediale Darbietung von Gewalt nicht nur irgendwelche
Wirkungen haben kann, d. h., dass sie unvermeidlich vielfältige und im
Einzelfal auch verschiedene Wirkungen hat, sol dabei besonders betont
werden.6 Welche Wirkungen kann die mediale Darbietung von Gewalt haben
und wie findet sie ihre Umsetzung in den nachfolgenden Filmanalysen?
Meine erste Wahl fiel auf den Film
Underground (kroatisch: ,,Podzemlje").
Angesiedelt im Genre der Tragikkomödie hat der serbische Regisseur Emir
Kusturica, der sich selbst als "Botschafter der Sprachlosen" versteht, für sein
Werk 1995 bei den Filmfestspielen in Cannes die goldene Palme erhalten.
Wie kein zweiter prägt Kusturica bis heute die internationale cineastische
Wahrnehmung des ex-jugoslawischen Kinos. Dieser Film steht am Beginn
der Arbeit, da er inhaltlich für al jene Filme steht, die die Vorgeschichte des
blutigen Bürgerkrieges der 90er Jahre versuchten zu reflektieren.
Stel vertretend für die filmischen Arbeiten, die die Geschehnisse während
des Bürgerkrieges dokumentieren, wählte ich
No Man′s Land
(
bosnisch:
"Nicija zemlja"
), ein Spielfilm aus dem Jahr 2001, der als europäische
Koproduktion entstand. Das Drama des bosnischen Regisseurs Danis
Tanovi wurde mehrfach ausgezeichnet, so unter anderem 2002 mit einem
Oscar. Die vergleichende Filmanalyse schließe ich mit dem Film
Esmas
5 Schnel , ,,Gewalt als Problem", S. 10.
6 Rolf Grigat, Die Gewalt im Film oder die Gewalt des Films, München 1973, S. 150 153 ff.
1
Einleitung
- 3 -
Geheimnis (bosnisch: ,,Grbavica")
von der bosnischen Regisseurin Jasmila
Zbani ab. Für diese ebenfal s europäische Koproduktion erhielt sie neben
dem Goldenen Bären 2006 auch eine Oscarnominierung.
Esmas Geheimnis
wiederum steht für die Konsequenzen, die Folgen des Krieges und die
Wunden, die der Krieg gerissen hat, und wie sie im Al tag reflektiert werden.
Bevor ich auf die methodischen Zugänge zur filmischen Darstel ung von
Gewalt und Krieg am Beispiel des ex-jugoslawischen Films komme, sind
einige Anmerkungen zum Medium Film und seiner analytischen Dimension
notwendig. Denn der Film ist zum einen technisch und zum anderen in
ideologischer Hinsicht mit seinem ganz spezifischen Prüfungs- und
Methodikinstrumentarium analysierbar, bekanntlich
,,[j]ede Anschauung der Welt ergibt nämlich eine Weltanschauung. Jeder
Standpunkt der Kamera drückt einen inneren Standpunkt des
Kameramannes aus."7
Dabei übernimmt die Kamera die auktoriale, also die ,,al wissende"
Erzählinstanz im Film. Deshalb lassen sich diese beiden Seiten schwer
voneinander lösen. Dennoch werden bei der Arbeit mehr die filmtechnischen
Mittel bei der Darstel ung von Krieg und Gewalt im Film sowie ihre Wirkung
auf den Zuschauer interessieren. Die ästhetische Eigenart ist die Macht
seines Ausdrucks8. ,,Film" in dieser Perspektive ist als technisch hergestel tes
Ideologieprodukt extrem suggestiv, insofern, dass er dem Betrachter andere
Einstel ungen probeweise zur Verfügung stel t. Die Suggestivkraft, die der
Film in der Lage ist zu erzeugen, weil er in vol em Maße die Kraft
unmittelbarer Beeindruckung durch das Sehbild besitzt, unterscheidet ihn
damit von jeder anderen Kunst9. Die Unmittelbarkeit der Wahrnehmung des
Sehbildes und die Flexibilität der Montagekunstmittel schaffen Suggestion10.
Dieses Suggestivität liegt erstes in der ,,Direktheit" seiner Symbole, wie z. B.
Bilder, Geräusche, Stimmen, Musik und Bewegung, sowie zweitens in der
7 Wolfgang Becker, Norbert Schöl , Methoden und Praxis der Filmanalyse.
Untersuchungen zum Spielfilm und seinen Interpretationen, Opladen 1983, S. 43.
8 André Malraux, ,,Esquisse d′une psychologie du cinema 1939", in: André Malraux
(Hrsg.),
Présentation par Denis Marion (Cinéma d′ aujourdhui 65)
, Paris 1970, S. 84.
9 Birgit Recki, ,,Am Anfang ist das Licht. Elemente einer Ästhetik des Films", in:
Ludwig Nagl (Hrsg.),
Filmästhetik, Wiener Reihe Bd. 10,
Wien, München 1999, S. 47.
10 Wsewolod I. Pudowkin, ,,Über ,,Die Montage" Anfang der 40er Jahre", in: Franz-
Josef Albersmeier (Hrsg.),
Texte zur Theorie des Films,
Stuttgart 2001, S. 90.
1
Einleitung
- 4 -
Perspektive der Kamera begründet. Film spielt unter anderem in unserem
Leben die Rol e, von uns nicht persönliche überprüfbare Überzeugungen
herauszubilden oder zu korrigieren, und befriedigt ästhetisch das Bedürfnis
nach der Wirklichkeit, zu der der Zuschauer mit al em, was ihn bewegt
hinzuzählt11.
Das macht die besondere ästhetische Eigenart des Films
Underground
aus.
Er bezieht seine Macht gerade nicht aus der Nachahmung der Realität,
sondern daher, dass er der mächtige Interpret der ,,monde irrèel"12 ist
dessen, was seit jeher dem Realen zu gleichen scheint, aber dem Realen
nicht gleicht. Eine ganz andere Art findet sich im hier vorgestel ten Film
No
Man′s Land
, im Realismus der photographischen Aufnahme ist der Film
imstande, abbildgetreu zu dokumentieren13, um damit die Wahrheit zu
vermitteln oder zu verhindern.
Aber das Medium ,,Film" erschöpft sich nicht einzig als Mittel der Darstel ung
und Gewinnung von Erkenntnis14. So ist die Erkenntnis im Film
Esmas
Geheimnis,
wie Krieg und Gewalt
Wunden im Al tag der Menschen
hinterlassen haben. Der graphische Charakter für die Einschätzung des
künstlerischen Werts des Films ist entscheidender. Auf dem graphischen
Charakter beruht auch das hohe identifikatorische Potential, dass der Film
freisetzt. Intensiver und exzessiver noch als in der Lektüre besteht die
Möglichkeit, sich einzulassen auf die Möglichkeit als Wirklichkeit. Denn es
ist scheinbar immer Wirklichkeit, was der Film uns vorführt, und so fäl t es
uns leicht, es als eine Welt zu nehmen15, resultierend aus den Bestrebungen
des Regisseurs bei der Bearbeitung des Drehbuchs und der Aufnahme der
Szenen, die Handlung durchdacht und zielstrebig in einzeln aufgenommene
Teilstücke zu trennen, ist eine progressive und ästhetische Bestrebung, die
unmittelbar mit der Kultur des Regisseurs zusammenhängt. Ästhetische
11 Recki, ,,Am Anfang", S. 50.
12 Recki, ,,Am Anfang", S. 47.
13 Recki, ,,Am Anfang", S. 48.
14 Becker, Methoden und Praxis, S. 48.
15 Rudolph Arnheim, Film als Kunst, Frankfurt a. M. 2002, S. 52.
1
Einleitung
- 5 -
Eigenschaften drücken via ,,Ausdruck" metaphorische Stimmungen, Gefühle,
Rhythmen und mehr aus16.
In al diesen Filmen geht es um Gewalterfahrung als Erfahrung einer
Grenzsituation,
einer
Situation
der
Selbsterprobung
und
der
Wirklichkeitstranszendierung, der Auslieferung und der Grenzüberschreitung,
der konsequenten Vernichtung und Auslöschung. Aber die Abbilder auf der
Leinwand sind Mittel zum Zweck: Sie sol en Zuschauer befähigen, dazu
antreiben, das Grauen nachzuvol ziehen, das sie spiegeln. Die Spiegelbilder
des Grauens sind Selbstzweck. Und als Bilder, die um ihrer selbst wil en
erscheinen, locken sie den Zuschauer, sie in sich aufzunehmen, um seinem
Gedächtnis das wahre Angesicht von Dingen einzuprägen, die zu furchtbar
sind, als dass sie in der Realität wirklich gesehen werden könnten.17
Paral el dazu geht es mir um die Erörterung der Frage, ob nach dem
politischen Zerfal der sozialistischen, föderativen Republik Jugoslawiens und
dem folgenden blutigen Bürgerkrieg noch von einem ex jugoslawischen
Kino gesprochen werden kann oder ob die aus dem ehemaligen Jugoslawien
sieben neu entstandenen Nationalstaaten völ ig getrennte Wege gehen. Es
geht um die Existenz gemeinsamer Bezugspunkte bzw. Antagonismen.
Einige Besonderheiten, die in der Organisation der jugoslawischen
Filmindustrie angelegt sind, lassen darauf schließen, das auf kulturel em
Gebiet die Gemeinsamkeiten und damit ein gemeinsamer zukünftiger
Entwicklungsweg möglich ist, abgesichert über bi-nationale Kooperationen.
16 Simone Mahrenholz, ,,Zur Physiognomie von Grenzen. Symbol- und subjekttheoretische
Überlegungen, ausgehend vom Medium Film", in: Ludwig Nagl (Hrsg
.), Filmästethik. Wiener
Reihe Bd. 10,
Wien, München 1999, S. 71.
17 Kracauer, ,,Die Errettung", S. 247.
2
Historisch politischer Kontext
- 6 -
2
Historisch politischer Kontext
Diese Abschlussarbeit untersucht die komplexe Wechselbeziehung von
filmtechnischen Mitteln und ihrer Mechanismen, als auch die Wirkung auf
den Rezipienten an Hand ausgewählter Filme einmal aus der Mitte der 90er
Jahre des 20 Jh. und den anderen Beiden aktuel eren aus dem Jahr 2002
und 2006. Dabei beschränkt sie sich auf die filmische Darstel ung von Krieg
und Gewalt. Zudem werden die verschiedenen Herangehensweisen der
Regisseure hinsichtlich ihrer Reflexion von kol ektiver, nationalen Identitäten
und Geschichte analogisiert, denn al e drei Filme befassen sich auf einer
Ebene mit der unterschwel igen ästhetischen Konzeption und ihren konkreten
formalen
Eigenschaften.
Speziel ,
stilistische
Charakterzüge
der
ausgewählten kinematischen Filme Verbindungen zwischen Bild und
Musik, die narrative Logik oder ihr Fehlen hiervon, die Natur der
Mise-en-
Scène
, Kameraarbeit werden ausgearbeitet. Diese drei Serien textlicher
,,Fal werkstudien" sind ein überspannendes Ziel, eine systematische Kritik der
Ideologie im Kino zu entwickeln, im Unterfangen mit folgenden Prämissen
über den Zusammenbruch der Jugoslawischen Föderation: Das Aufkommen
ethnischer Intoleranz in der Region, die Unterstel ung eines scheinbar
,,verständlichen" oder sogar ,,unausweichlichen" Charakters, sind dabei
entscheidende Mechanismen des ideologischen Betrugs, durch welche die
lokalen politischen und kulturel en Autoritäten ihre territorialen Aspirationen,
also Krieg, und ihren Wil en um Macht verkausalisierten.
2.1
Zerfall Jugoslawiens und seine filmische Widerspiegelung
Nach
dem
gewaltsamen
Zusammenbruch
des
multi-ethnischen,
multikulturel en jugoslawischen Staates, setzt sich das ideologische Konzept
eines aggressiven Ethnonationalismus in dieser Region durch. Der
Nationalismus, der in den 90er dieses Gebiet fest im Griff hatte, wurde schon
in der 80er Jahren, nach dem Tod Titos18, sorgfältig von den ,,ethnisch
18 Als ,,Titoismus" wird das sozialistische System vom früheren Jugoslawien zwischen 1945-
1980 bezeichnet. Der
Untergrund
bei Kusturica ist die Metapher für den ,,Titoismus", der die
Menschen von der Realität der westlichen Länder fern hielt. Am Beginn ist es nur ein
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