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Subtitle: Die Protestbewegung gegen die schwarz-blaue Regierungsbildung im Frühjahr 2000
Scholary Paper (Seminar), 2006, 29 Pages
Author: MMag. Silvia Kornberger
Subject: Theater Studies
Details
Institution/College: Vienna University of Economics and Business Administration (Institut für Theater,-Film- und Medienwissenschaften)
Tags: Wien, Theater, Zeitgeschichte, Widerstand, Politik, Kunst, Österreich, Kultur
Year: 2006
Pages: 29
Grade: Sehr Gut
Bibliography: ~ 40 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-25581-8
ISBN (Book): 978-3-640-25655-6
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Abstract
In den 17 Jahren, die Emmy Werner das Volkstheater Wien leitete, veränderte sich die Welt. Zwischen 1988 und 2005 verlor der Eiserne Vorhang seinen Schrecken, die Europäische Union wuchs sukzessive und damit auch die Hoffnung auf hohen Lebensstandard in einem friedlichen Europa. Jenseits von Friede, Freude, Eierkuchen loderten Nationalismus und religiöser Fundamentalismus in Form von Terror und Bürgerkrieg wieder auf. Abseits der großen Weltpolitik schaffte es das ansonsten eher weniger beachtete kleine Österreich, auf internationaler Ebene in die Schlagzeilen zu kommen. Spätestens nach der überraschenden Regierungsbildung zwischen der ÖVP und der Haider-FPÖ schien der faschistische Geist der Vergangenheit wieder salonfähig zu werden. Nicht nur Israel, das seinen Botschafter aus Wien abzog, sondern auch der Großteil der EU-Partner reagierte sofort. In einer einzigartigen Aktion wurden alle bilateralen Beziehungen zum kleinen Österreich ausgesetzt, um mit sanfter Gewalt einen Regierungswechsel zu erreichen. Die so genannten „Sanktionen“ sind bis heute umstritten, wurden sie doch später bei ähnlichen Fällen in größeren Ländern innerhalb der EU nicht mehr eingesetzt. Viel aufrüttelnder als „von oben Verordnetes“ war der mahnende Protest von Österreichern, die ihr Bekenntnis gegen Rechts in zahlreichen Massendemonstrationen ablegten. Meist standen Künstler an der Spitze der Protestaktionen gegen Schwarz-Blau. Das Theater als Spiegel realer Zustände – inwiefern reagiert das Volkstheater unter Emmy Werner auf die aktuelle Lage? Ist in einem so großen Haus mit 1000 Plätzen, das auf eine bereits länger ausgetüftelte Balance zwischen Gefälligem und Experimentellem angewiesen ist, überhaupt viel Spontaneität in der Programmgestaltung möglich? Wenn ja, welche Schwerpunkte bzw. welche Akteure wären für das Volkstheater in diesem Zusammenhang interessant? Macht es überhaupt Sinn, wenn sich ein Theater politisch engagiert? Nicht zu vergessen ist auch die Frage der Resonanz: Wie reagieren Öffentlichkeit, Medien und Politik auf dieses spezielle Engagement von Seiten der Kunst. Um Antworten auf diese Fragestellungen in Bezug auf das Volkstheater zu finden, möchte ich mich auf die Saison 1999/2000 beschränken. Insbesondere die „heiße Phase“ zwischen Februar und Juni 2000 soll nach einer allgemeinen Einführung in die politische Vorgeschichte näher beleuchtet werden. Als Quellen dienten – abgesehen vom ausgezeichneten Buch „Der Eigene Blick“, das am Ende der Direktion Werner erschien – auch die informative Website des Volkstheaters, die sich für Interessierte anstelle des nur sehr willkürlich „für die Öffentlichkeit“ geöffneten Volkstheater-Archivs als sehr hilfreich erwies. Eine Hauptinformationsquelle waren ebenso Zeitungsartikel in Form von Interviews mit Emmy Werner und Kritiken, die aus dem AK-Archiv oder mit freundlicher Unterstützung im Literaturhaus gesammelt werden konnten.
Excerpt (computer-generated)
Forschungsseminar zur Theaterwissenschaft:
Das Wiener Volkstheater 1945-2000
Das Wiener Volkstheater als Teil politischer
Widerstandskultur:
Die Protestbewegung gegen
die schwarz-blaue Regierungsbildung im Frühjahr 2000
von
Silvia Kornberger
Inhaltsverzeichnis
1. Prolog 2
2. Kurze Einführung in die politische Situation nach den Nationalratswahlen des 3.10.1999
3
3. Von der politischen Protestkultur zum künstlerischem Widerstand 4
3.1. Die Protestwelle gerät ins Rollen 4
3.2. ,,Unruhiges Österreich": Veranstaltungen zur Lage" Sinn und Zweck 6
3.3. ,,Unruhiges Österreich": Veranstaltungen zur Lage" 7
3.3.1. ,,Texte zur Lage"
8
3.3.2. Männer.Phantasien.Politik 9
3.3.3. meinkampfmasseundmacht 10
3.3.4. Der Herr Karl 11
3.3.5. patrioten. ein worttheater 11
3.3.6. Dreck 11
3.3.7. Die Wohnung 12
3.4. Die Saison 1999/2000 12
3.5. Mögliche Wirkung und Auswirkung des politischen Engagements gegen Schwarz-Blau
14
4. Epilog 15
5. Appendix 17
5.1. Literaturverzeichnis 17
5.2. Zeitungskritiken und Interviews mit Emmy Werner
18
5.3. Zyklus Unruhiges Österreich. Veranstaltungen zur Lage (Haupthaus, Rauchsalon,
plafond) 21
5.4. Spielplan der Saison 1999/2000 24
5.5. Politik-Matineen (Herbst 1999-2000) 26
1
1. Prolog
In den 17 Jahren, die Emmy Werner das Volkstheater Wien leitete, veränderte sich die Welt.
Zwischen 1988 und 2005 verlor der Eiserne Vorhang seinen Schrecken, die Europäische
Union wuchs sukzessive und damit auch die Hoffnung auf hohen Lebensstandard in einem
friedlichen Europa. Jenseits von Friede, Freude, Eierkuchen loderten Nationalismus und
religiöser Fundamentalismus in Form von Terror und Bürgerkrieg wieder auf. Abseits der
großen Weltpolitik schaffte es das ansonsten eher weniger beachtete kleine Österreich, auf
internationaler Ebene in die Schlagzeilen zu kommen. Spätestens nach der überraschenden
Regierungsbildung zwischen der ÖVP und der Haider-FPÖ schien der faschistische Geist der
Vergangenheit wieder salonfähig zu werden. Nicht nur Israel, das seinen Botschafter aus
Wien abzog, sondern auch der Großteil der EU-Partner reagierte sofort. In einer einzigartigen
Aktion wurden alle bilateralen Beziehungen zum kleinen Österreich ausgesetzt, um mit
sanfter Gewalt einen Regierungswechsel zu erreichen. Die so genannten ,,Sanktionen" sind
bis heute umstritten, wurden sie doch später bei ähnlichen Fällen in größeren Ländern
innerhalb der EU nicht mehr eingesetzt. Viel aufrüttelnder als ,,von oben Verordnetes" war
der mahnende Protest von Österreichern, die ihr Bekenntnis gegen Rechts in zahlreichen
Massendemonstrationen ablegten. Meist standen Künstler an der Spitze der Protestaktionen
gegen Schwarz-Blau.
Das Theater als Spiegel realer Zustände inwiefern reagiert das Volkstheater unter Emmy
Werner auf die aktuelle Lage? Ist in einem so großen Haus mit 1000 Plätzen, das auf eine
bereits länger ausgetüftelte Balance zwischen Gefälligem und Experimentellem angewiesen
ist, überhaupt viel Spontaneität in der Programmgestaltung möglich? Wenn ja, welche
Schwerpunkte bzw. welche Akteure wären für das Volkstheater in diesem Zusammenhang
interessant? Macht es überhaupt Sinn, wenn sich ein Theater politisch engagiert? Nicht zu
vergessen ist auch die Frage der Resonanz: Wie reagieren Öffentlichkeit, Medien und Politik
auf dieses spezielle Engagement von Seiten der Kunst.
Um Antworten auf diese Fragestellungen in Bezug auf das Volkstheater zu finden, möchte ich
mich auf die Saison 1999/2000 beschränken. Insbesondere die ,,heiße Phase" zwischen
Februar und Juni 2000 soll nach einer allgemeinen Einführung in die politische
Vorgeschichte näher beleuchtet werden.
Als Quellen dienten abgesehen vom ausgezeichneten Buch ,,Der Eigene Blick", das am
Ende der Direktion Werner erschien auch die informative Website des Volkstheaters, die
sich für Interessierte anstelle des nur sehr willkürlich ,,für die Öffentlichkeit" geöffneten
2
Volkstheater-Archivs als sehr hilfreich erwies. Eine Hauptinformationsquelle waren ebenso
Zeitungsartikel in Form von Interviews mit Emmy Werner und Kritiken, die aus dem AK-
Archiv oder mit freundlicher Unterstützung im Literaturhaus gesammelt werden konnten.
2. Kurze Einführung in die politische Situation nach den Nationalratswahlen des 3.10.1999
Nach den Nationalratswahlen am 3.10.1999 liegt die ÖVP bei gleicher Mandatsanzahl, aber
mit 415 Stimmen weniger als die FPÖ an der dritten Stelle in der Wählergunst.1
Traditionsgemäß wurde am nächsten Tag der Vorsitzende der stimmenstärksten Partei
Viktor Klima von Bundespräsident Klestil mit der Regierungsbildung beauftragt. ÖVP-Chef
Wolfgang Schüssel hatte jedoch bereits vor der Wahl angekündigt, in die Opposition zu
gehen, falls die ÖVP ,,nur" die dritte Position erreichen würde. Trotz langwieriger
Verhandlungen zwischen der SPÖ und ÖVP kommt keine große Koalition zustande. Ab Mitte
Jänner scheint eine gemeinsame Regierungsperiode aufgrund von Spannungen zwischen ÖVP
und der Gewerkschaft immer unwahrscheinlicher, zudem werden Gerüchte über
Parallelverhandlungen der ÖVP mit der FPÖ laut. Nachdem Bundespräsident Klestil am
21.1.2006 Viktor Klima ein weiteres Mal den Auftrag zur Regierungsbildung auch in Form
einer vielleicht weniger stabilen Minderheitenregierung erteilt, werden die Gespräche
zwischen ÖVP und FPÖ immer konkreter. Bereits am 31.1.2000 einigt sich das politische
Überraschungspaar auf einen Koalitionspakt, der dem Bundespräsidenten mitgeteilt wird.
Trotz Bedenken Klestils und der Androhung möglicher Sanktionen seitens der EU wird die
schwarz-blaue Koalition am 4.2.2000 angelobt. Am Tag davor bemüht sich Bundespräsident
Thomas Klestil noch um Schadensbegrenzung, indem er an die EU-Mitglieder appelliert,
,,Österreich weiterhin als gleichwertigen Partner in der internationalen Staatengemeinschaft"
zu behandeln. Auch durch eine, ebenfalls von der österreichischen Präsidentschaftskanzlei
ausgearbeiteten Präambel, die von der neuen Regierung unterschrieben werden muss, sollte
den Bedenken eines möglichen Rechtsrucks in Österreich international Rechnung getragen
werden. Die neue Regierung reagiert auf EU-Sanktionen in einer Regierungserklärung durch
Bundeskanzler Schüssel2 und einer am 8.2.2000 erschienenen bezahlten Anzeige
1 Ergebnisse der Nationalratswahl vom 3.10.1999:
SPÖ
: 1,532.448 Stimmen = 65 Mandate,
FPÖ
: 1,244.087 = 52 Mandate,
ÖVP
: 1,243.672 = 52 Mandate,
Die Grünen
: 342.260 = 14 Mandate,
LIF
: 168.612 = 0 Mandate,
KPÖ
: 22.016 = 0 Mandate.
Aus: Die erste ÖVP-FPÖ-Koalition ihre Bildung, ,,Maßnahmen" der EU-14, Turbulenzen. In: www.demokratiezentrum.org
(Zugriff: Wien, am 18.8.2006).
2 Bundeskanzler Schüssel zitiert aus der Regierungserklärung der frisch angelobten schwarz-blauen Regierung (9.2.2000):
,,Unsere europäischen Partner und andere Länder nehmen Anstoß an der Regierungsbeteiligung der Freiheitlichen Partei.
Von 15 Mitgliedern haben 14 beschlossen, die bilateralen Kontakte zum Partnerland Österreich einzufrieren. Härte, Ausmaß,
Geschwindigkeit der Maßnahmen und die Art des Vorgehens haben Österreich schockiert. Vieles von dem, was jetzt über
3
(,,Declaration: Responsibility for Austria A Future in the Heart of Europe") in der
renommierten ,,International Herald Tribune".3
3. Von der politischen Protestkultur zum künstlerischem Widerstand
3.1. Die Protestwelle gerät ins Rollen
Die neue Mitte-rechts-Regierung stieß nicht nur im Ausland auf Ablehnung. Die Mitregierung
einer Partei unter Führung Jörg Haiders löste auch im Inland eindrucksvolle Protestaktionen
aus. Bezeichnend für die angespannte innenpolitische Situation waren auch die Umstände der
Angelobung, die nicht bloß durch die versteinerte Miene des Bundespräsidenten Geschichte
schrieb. Aufgrund von Demonstrationen sahen sich die neuen Regierungsmitglieder
gezwungen, auf unterirdischen Wegen zum Ort der Angelobung zu finden. Am 3.2.2000
versammeln sich viele Demonstranten nicht nur vor der ÖVP- und FPÖ-Zentrale und am
Ballhausplatz, sondern ,,erobern" auch die Bühne des Burgtheaters, um das Publikum
aufzufordern, sich ebenfalls an den Protesten zu beteiligen. Der zivile Widerstand gegen die
Schüssel-Haider-Regierung erreichte am 19.2.2000 mit einer Großdemonstration unter
Beteiligung von 150.000 (nach Schätzung der Exekutive) bis 250.000 Personen (nach
Schätzung der Veranstalter) einen neuen Höhepunkt. Selbst nach der ,,heißen Phase" der
Regierungsbildung finden wöchentlich Demonstrationen gegen Schwarz-Blau statt, die als
,,Donnerstagsdemonstrationen" noch jahrelang einen fixen Bestandteil der Widerstandskultur
gegen ein christlich-konservatives, rechts angehauchtes Weltbild darstellen.4 Die innen- und
außenpolitischen Proteste veranlassen die Regierung zwar nicht zum Rücktritt, bewirken
jedoch, dass sich Jörg Haider aus der FPÖ-Spitze und der vordergründigen Regierungsarbeit
zurückzieht. Selbst beim ersten und zweiten Jahrestag der Angelobung sind die kritischen
Stimmen noch nicht verstummt und äußern sich am 3.2.2001 und 2.2.2002 mit
Demonstrationen gegen die herrschenden Zustände. An den massiven Protesten gegen einen
möglichen Rechtsruck in Österreich beteiligten sich auch zahlreiche Künstler wie der
Schriftsteller Doron Rabinovici, der bei der Abschlusskundgebung der großen Demonstration
Österreich berichtet wird, ist nicht gerechtfertigt. Vieles wird undifferenziert dargestellt. (...) Es ist Zeit die Skeptiker im In-
und Ausland durch eine Politik der richtigen Taten und der richtigen Worte zu überzeugen. Ich fordere alle eine Politik im
Inland sowie unsere europäischen und transatlantischen Partner auf, ihre Vorurteile und vorgefassten Meinungen zu
überdenken. (...) Die bilateralen Maßnahmen der 14 Länder finden im Geist und im Wortlaut der europäischen Verträge
keine Deckung." In: Ebd.
3 http://www.wienerzeitung.at/linkmap/personen/klestil3.htm (Zugriff: Wien, am 20.8.2006).
4 www.wien.vienna.at/donnerstagsdemo.htm (Zugriff: Wien, am 20.8.2006).
4
am 19.2.2000 am Wiener Heldenplatz eine Rede hielt.5 Die Rolle kultureller Institutionen und
einzelner Künstler, die sich besonders gegen Schwarz-Blau einsetzen, verunsichert manche
Politiker so sehr, dass die FPÖ im Salzburger Landtag im Rahmen einer Sondersitzung
beantragt, ,,solche" Künstler nicht mehr in den Genuss von staatlichen Subventionen kommen
zu lassen.6 Der zivile Widerstand äußert sich in Gestalt von Widerstandslesungen auch auf
literarischem Weg. Ab Februar 2000 finden zuerst beinahe täglich Open-air-Lesungen an
symbolträchtigen Orten wie dem Ballhausplatz oder dem Heldenplatz statt.7
5 ,,Wir wollen nicht stillhalten, wenn irgendwer aufgrund seiner Herkunft verhöhnt, bespuckt, angerempelt oder verprügelt
wird. (...) Demokratie verlangt nicht die Kapitulation. Im Gegenteil: Demokratie in Österreich braucht unseren Protest. Für
die Demokratie gehen wir auf die Straße, um nicht weniger geht es. (...) Seit Anfang Februar ziehen jungen Menschen
täglich durch Österreichs Städte. Ihre Losung lautet Widerstand, und von nun an wird es, höre ich, wöchentlich Demos
geben." In: Ebd.
6 Mediawatch www.blackbox.net (Wien: Zugriff, am 20.8.2000).
7 Widerstandslesungen 2000. In: www.awadalla.at/el/literatur/widerstandslesungen.html (Wien: Zugriff, am 20.8.2000).
5
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