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Termpaper, 1997, 22 Pages
Author: Christian Vähling
Subject: Sociology - Media, Art, Music
Details
Institution/College: University of Bremen (Institut für Soziologie)
Tags: Adorno, Musiksoziologie
Year: 1997
Pages: 22
Grade: 1
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-18107-5
File size: 78 KB
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Abstract
Wann immer sich jemand von Adorno distanzieren möchte, ohne richtige Argumente zu haben, kommt früher oder später der Hinweis auf Adornos Missverhältnis zur Jazzmusik. Tatsächlich gilt Adornos Ablehnung des Jazz als Prototyp der Kritik an der Kulturindustrie in der "Dialektik der Aufklärung". Wer sich die betreffenden Texte genauer ansieht, stellt fest, dass Adornos Ablehnung des Jazz keineswegs total war. Er bezieht sich in seiner Kritik vor allem auf den nachgespielten, von Noten abgelesenen Jazz der deutschen Tanzorchester (eine Differenzierung, die später verwischt). Er kritisiert die stilistischen Besonderheiten des aufgeschriebenen Jazz aus der Perspektive des Zwölftonkomponisten und berücksichtigt nur am Rand, dass die Übertragung auf das europäische Notensystem bereits eine Verfremdung der afrikanischen Harmonik des Jazz beinhaltet. Zudem entlarvt er den kreativen Impuls des Jazz als eher sportlich denn künstlerisch. So betrachtet, ist der Jazz für Adorno wenig mehr als ein triviales Ausdrucksmittel der Kulturindustrie, und auf keinen Fall die Kunstmusik, als die er heute gilt. (Zu unrecht, denn auch das war er anfangs nicht. Der frühe Jazz lässt sich eher mit dem heutigen Hip Hop vergleichen als mit dem heutigen Avantgarde-Jazz.) Aus all dem lässt sich ableiten, dass Adorno schlicht keine Ahnung vom Jazz hatte, aber diese Kritik greift zu kurz. Denn die Formen, die er (fälschlich) als Grundelemente des Jazz analysiert hatte, (die Synkope und die Blue Notes) wurden in der weiteren Entwicklung, spätestens im Jazzrock der Siebziger, tatsächlich zu ebendiesen Grundelementen. Der Jazz entwickelte sich, vereinfacht gesagt, entlang der von Adorno und Horkheimer beschriebenen Mechanismen der Kulturindustrie zu genau dem Produkt, das Adorno beschrieben hatte. Als Kritik der massenmedialen Verwertung des Jazz ist Adornos Jazzkritik weit besser als ihr Ruf. Oder anders formuliert: Selbst wenn Adorno keine richtige Ahnung hatte, war seine Theorie gut.
Excerpt (computer-generated)
Universität Bremen
Sommersemester 1997
Einleitung in die Musiksoziologie
Christian Vähling
Dialektik des Jazz
Oder:
Warum Adorno den Jazz nicht mögen konnte
Programm:
1. Intro: Mißtöne S. 1
2. Tonart: Geistiger Hintergrund S. 2
3. Grundmelodie: Adornos Musiksoziologie S. 4
4. Jam: „Wirklichkeit“ des Jazz S. 6
5. Solo: „Wahrheit“ des Jazz S. 9
6. Schlußakkord: Adorno kritisieren S. 15
7. Notenblatt: verwendete Literatur S. 20
1. Intro: Mißtöne
Es gibt einen Diskurs über Theodor W. Adorno, der bislang bis auf wenige Ausnahmen eher außerwissenschaftlich geführt wurde - feuilletonistisch, polemisch, affektiv oder alles auf einmal. Im Vorbeihören entsteht ein wenig der Eindruck, daß, wer Adorno nicht mag, in Diskussionen gerne diesen Diskurs zur Sprache bringt, um sogleich einen breiten Konsens vorzufinden.1 Es geht dabei um Adornos Verhältnis zur Jazz-Musik, das in krassem Gegensatz zum landläufigen Verständnis des Jazz als fortschrittlicher, rebellischer Musik steht. Besonders deutlich wird dieser Mißton in dem Aufsatz „Abschied vom Jazz“ (G.S. 18, S. 795ff), in dem Adorno dem Verbot des Jazz durch die Nationalsozialisten weit weniger scharf entgegentritt, als man dies von einem linken Intellektuellen erwartet hätte.
An kritischen Arbeiten zu diesem Thema sind dem Referenten zwei bekannt. Neitzert (1992) befaßt sich allgemein mit der bürgerlichen Rezeption des Jazz und deren Problem, sich auf diese improvisierte Musik einzulassen. Er führt dies Unvermögen auf den „Hoheitsanspruch der Partitur“ (ebd., S. 37) zurück, der sich seit dem 19. Jahrhundert in der bürgerlichen Kultur durchgesetzt hat - eine Argumentation, der sich Adorno durchaus anschließen würde, die sich auch in seiner Musiksoziologie findet. Doch auch Adorno ist, Neitzert zufolge, der Dialektik einer solchen standortgebundenen (partiturbezogenen) Kritik zum Opfer gefallen. Ob er diese Dialektik wirklich übersieht oder nur vernachlässigt, sei zunächst dahingestellt.
Steinert (1992) ist insofern interessant, als er dem Thema ein ganzes Buch gewidmet hat. Er demonstriert, wie Adornos Jazzkritik in sein gesamtes Denken tief verwoben ist und besonders seine berühmte Diagnose der Kulturindustrie (Horkheimer/Adorno 1994, S. 128ff) im wesentlichen vorbereitet hat. Adornos Festhalten am Ideal des autonomen Kunstwerks hält Steinert einVerständnis vom Jazz als ereignishafter und ironischer, damit zeitgemäßerer kritischer Kunst entgegen. Der ironische Stil der Überschriften legt aber bereits eine distanzierte Haltung zum verbildeten bürgerlichen Intellektuellen nahe. Diese Argumentationen sollen im Folgenden nicht weiter verfolgt werden. Vielmehr soll das, was Adorno über den Jazz geschrieben hat, daraufhin geprüft werden, inwieweit es das Wesentliche des Jazz nicht doch wiedergibt, wenn auch vielleicht auf Umwegen.
Vielleicht mochte Adorno den Jazz einfach nicht und hat sich viel Mühe gegeben, das zu rationalisieren. Vielleicht konnte er als Bildungsbürger wirklich nichts mit der Urwüchsigkeit des Jazz anfangen. Doch bei diesen Erklärungen zu verweilen, scheint wenig fruchtbar. Auch der gerechtfertigte Horror, den die Kombination aus Blaskapelle und 4/4-Takt angesichts des heraufziehenden Totalitarismus bei Adorno ausgelöst haben mag, macht nur einen Teil seiner Abneigung gegen den Jazz aus.
Adorno war zu intelligent, sich einfach einem ideologischen Urteil für oder gegen den Jazz anzuschließen. Deshalb verdient seine Ablehnung des Jazz zumindest eine kritische Würdigung, wenn nicht wirkliche Beachtung - auch wenn sie auf die Geschichte sowohl der Soziologie als auch des Jazz eher geringen Einfluß gehabt zu haben scheint.2
2. Tonart: Geistiger Hintergrund
Adorno zu verstehen, ist leicht.
Natürlich erschließen sich seine Texte nicht immer auf Anhieb und schon gar nicht dem mäßig aufmerksamen Blick; vielmehr scheint es, als schäle sich bei jedem erneuten Betrachten eine neue Wendung der Bedeutung heraus.
[....]
1 Auf die genauen Argumente des außerwissenschaftlichen Diskurses einzugehen, ist müßig. Wo nötig, wird an späterer Stelle auf Aspekte davon eingegangen.
2 Inwieweit diese zugegebenermaßen vorwissenschaftliche These wahr ist, sollte diskursanalytisch geprüft werden. Immerhin ist vorstellbar, daß die vehemente Ablehnung des Jazz bei (deutschen) Jazzmusikern zu einem Rechtfertigungsdruck geführt haben mag, der wiederum das Selbstverständnis des Jazz... (aber nicht hier.)
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