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Der Salon der Rahel Varnhagen

Subtitle: Bildungsromantik im Zeitalter der Aufklärung oder Jüdische Mädchenbildung in Preußen

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 26 Pages
Author: Juliane Voigt
Subject: History - Modern Times, Absolutism, Industrialization

Details

Event: Das weibliche Wissen Gebildete Frauen in Europa im 16. - 20. Jahrhundert
Institution/College: University of Rostock (Historisches Institut)
Tags: Salon, Rahel, Varnhagen, Wissen, Gebildete, Frauen, Europa, Jahrhundert
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2008
Pages: 26
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 14  Entries
Language: German
Archive No.: V121680
ISBN (E-book): 978-3-640-26686-9
ISBN (Book): 978-3-640-26777-4

Abstract

Die Arbeit befasst sich mit den Bildungsstandards jüdischer Mädchen im 18. Jahrhundert. Unter diesem Aspekt wird das Leben der berühmten Saloniere Rahel Varnhagen von Ense beleuchtet. Die 15 seitige Hauptseminararbeit stellt die jüdischen Assimilationsbemühungen, die unter Friedrich II. begannen, in den Mittelpunkt. Sie zeigt die Emanzipationsbestrebungen der gebildeten jüdischen Oberschicht am Beispiel einer lebenslang nach Selbstbildung strebenden Frau und das daraus resultierende schwierige Selbstbild einer neuen Generation von jungen Juden in der deutschen Romantik auf.


Excerpt (computer-generated)

Universität Rostock

Philosophische Fakultät

Historisches Institut

SoSe 2008

HS: Das weibliche Wissen. Gebildete Frauen in Europa 16. - 20. Jahrhundert

Der Salon der Rahel Varnhagen

Bildungsromantik im Zeitalter der Aufklärung oder

Jüdische Mädchenbildung in Preußen

Vorgelegt von:

Juliane Voigt

Stralsund, 2008-10-29

Seite: 1


Inhaltsangaben

Einführung

S. 3

1. Friedrich II. und sein Toleranzanspruch

S. 5

1.1 Juden unter Friedrich II.

S. 7

2.

Kindheit

und

Erziehung

S.

9

3.

Salonkultur

S.

12

3.1. Jüdische Salons in Preußen

S. 13

3.2. Der Salon der Rahel Levin

S. 15

3.3. Das Leben nach dem Salon

S. 18

4. Frauenbilder ­ ein literarische Suche

S. 20

Zusammenfassung

S.

22

Literaturangaben

S. 24

Seite: 2


Einführung

Das Leben von Rahel Levin, später Varnhagen, ist ausführlich dokumentiert

worden. Und zwar von ihr selbst. Es ist eine Autobiografie in tausenden von

Briefen und Tagebuchaufzeichnungen. Und da ich sie in ihren Äußerungen als

ausgesprochen authentisch erlebt habe, sind diese Selbstzeugnisse für eine

Persönlichkeitsanalyse weitestgehend aussagekräftig. In einer Zeit, da die

Menschen gerade erst ihre Individualität entdeckten, beschrieb sie in immer

neuen Ansätzen, in täglicher Betrachtung Körpererfahrungen und seelische

Zustände, Leidenschaften und Verletzungen eines weiblichen Individuums.

Obwohl man in der Rezeption vorsichtig davon ausgehen sollte, dass sie

zumindest damit kokettierte, ihr Leben für die Nachwelt zu dokumentieren.

,,Und sterb´ ich" schreibt sie an eine Freundin im Jahr 1800 ,,such all meine

Briefe ... von allen meinen Freunden und Bekannten zu bekommen ... Es wird

eine Original-Geschichte und poetisch."1 Gehen wir also davon aus, dass eine

gewisse eigensinnige Färbung schon im Moment des Niederschreibens erfolgt ist.

Ein ungeheurer Aufwand. Mit fast 300 Persönlichkeiten war sie Zeit ihres Lebens

in Kontakt. Wenn man dazu nimmt, dass die Beförderung eines Briefes in ihrer

Zeit so teuer war wie ,,ein Pfund Fleisch"2 hat ihr ausgedehnter Briefwechsel

auch einen nicht zu beziffernden Teil ihres Vermögens beansprucht.

Das Varnhagen-Archiv lagerte lange Zeit im Besitz der preußischen

Nationalbibliothek in Berlin. Zusammen mit Originalpartituren von Mozart- und

Beethoven kamen die Rahel-Briefe ins niederschlesische Benediktinerkloster

Grüssau, um sie im 2. Weltkrieg vor britischen Luftangriffen zu schützen. In

festen Kisten nahe der Orgel waren sie hier zwar sicher aber nach Kriegsende

verschwunden.

Erst 1977 kam heraus, dass das Archiv in der Biblioteka Jagiellonska in Krakau

aufbewahrt wird. Der Nachlass gehört jetzt also der polnischen Nation.

1. Stern Carola: Der Text meines Lebens; Das Leben der Rahel Varnhagen. Reinbek bei Hamburg,

1996. S. 9

2. ebenda S. 152

Seite: 3


Ab 1979 waren die Schriften dann wieder zugänglich. 1984 erschien in einem

Münchener Verlag die zehnbändige Gesamtausgabe: ,,Gesammelte Werke der

Rahel Varnhagen von Ense". Ich habe mich mit diesem ausführlichen

Quellenmaterial für diese Hausarbeit nur punktuell auseinandergesetzt. Die für

dieses Thema wichtigsten Aussagen sind in der Sekundärliteratur

zusammengefasst. Vor Allem habe ich mit zwei sehr eindrucksvollen Biografien

arbeiten können. Hannah Ahrendt, die ihr Buch über Rahel Varnhagen 1933

noch in der Staatsbibliothek in Berlin recherchierte, gab ihre Biografie 1959 mit

dem Hinweis heraus, die Quellen nicht überprüft haben zu können, da das Archiv

verschwunden sei. Ahrendt hat eine Art Psychogramm angefertigt. Mit dem

Verständnis einer engen Freundin und Jüdin hat sie es hauptsächlich auf die

widersprüchlichen Seiten der Persönlichkeit Rahel Varnhagens abgesehen. Sie

hatte sich vorgenommen, über ihr Leben so zu schreiben, wie sie es selbst getan

hätte. Rahel wird hier beschrieben als eine zerrissene Persönlichkeit, ihr Leben

lang suchend. Unausgeglichen zwischen einem von Gesellschaft und

Zugehörigkeiten abhängenden Glücksgefühl und totaler Vereinsamung: Sie war

Ehe- und Kinderlos, litt unter dem Geburtsfehler, Jüdin zu sein, fühlte sich

entwurzelt durch den Traditionsverlust dieser Zeit, haltlos, beherrscht von einer

autoaggressiven Erfüllungssehnsucht. Das ist alles unglaublich liebevoll

dargestellt.

Auch die Biografie von Carola Stern zeichnet das Bild einer Frau, die am Ende

glaubhaft von sich gibt, dass sie

es

nicht anders hätte machen können. Ein

Kapitel beschreibt beispielsweise ihren Hang zum bösen Tratsch, der sich in

ihren Briefzeugnissen ebenso wieder findet wie ihr geistreiches

Gedankenkonvolut. Aber in der Darstellung von Stern entwickelt man sogar

dafür auch noch Toleranzen. Carola Stern gab ihre Biografie 1994 heraus und

hatte dafür schon Zugang zum Archiv in Krakau.

Für diese Hausarbeit habe ich vielmehr versucht, das Thema ,,Frauenbildung" in

dieser besonderen Zeit des Umbruchs zu erforschen. Wie lebten Juden unter

Friedrich II. in Preußen, das heißt: Wieviel Freiheit und Selbstbestimmung stand

ihnen überhaupt rechtlich zu? Zu welcher Bildung hatten jüdische Mädchen

Seite: 4


Zugang? Wie und was lernte Rahel? Woher kam ihr legendärer Selbst-

Bildungsdrang? Welches Ansehen hatten gebildete Frauen? Und hat sich der

Bildungsweg der Rahel Levin von anderen jüdischen Frauen unterschieden? Wie

änderten sich Bedingungen und die Auffassung davon gerade in ihrer Zeit? Wie

kam es dazu, dass sie sich ausgerechnet als Saloniere so perfekt verwirklichen

konnte? Nebenbei habe ich dafür auch Literatur der Epoche herangezogen. Ein

Kapitel der Arbeit untersucht wichtige Romane der Zeit und zitiert Zeitgenossen

und Autoren zum Thema ,,Frauenbildung".

Ich werde Rahel Varnhagen in dieser Hausarbeit als ,,Rahel" bezeichnen. Ihr

Mädchenname war ja bis zu ihrem 43. Lebensjahr Levin. Erst kurz vor ihrem Tod

autorisierte sie die erste Veröffentlichung von überarbeiteten Briefen unter dem

Namen ,,Rahel Varnhagen", obwohl sie zu dem Zeitpunkt den christlich

bürgerlichen Namen Antonie Friederike Varnhagen von Ense trug. Sie hatte sich

für die Eheschließung mit Carl August Varnhagen taufen lassen, da Ehen

zwischen Christen und Juden nicht erlaubt waren. Zwischendurch war es auch

mal interessant gewesen, sich Männernamen zu geben. Also nannte sie sich seit

1810 Rahel Robert. Bleiben wir aber, in großer Würdigung ihrer Person, beim

vertraulichen ,,Rahel", wie sie auch in dieser von ihr selbst geschaffenen

halbprivaten Öffentlichkeit genannt worden ist. Es war das Zeitalter der

Romantik, der aufblühenden Herzensverbindungen, der Frauen-Freundschaften.

Gerade die Frauen nannte man beim Vornamen. Es gab Bettine (Bettina von

Arnim) und Caroline (Schlegel) und Pelle (Pauline Wiesel) und eben Rahel oder

Ralle oder Robert oder auch nur ,,das R.". Sie hing, trotz oder gerade wegen

ihrer Konvertierung zum Christentum, und trotz der Anstrengungen, ihre

jüdischen Wurzeln zu verwischen, an ihrem ursprünglichen Vornamen.

1. Friedrich II. und sein Toleranzanspruch

Friedrich II leistete sich eine verhältnismäßige Großzügigkeit, zumindest in

Fragen der Presse und des Glaubens. Und diese Freiheit wurde mehr und mehr

vom gebildeten Bürgertum in Anspruch genommen. Die Toleranz des Königs hat

Seite: 5


nur in der historischen Schönfärberei mit dem aufgeklärten Geist des

umstrittenen Monarchen zu tun. Sie resultierte nicht zuletzt aus der

Menschenverachtung des alternden Herrschers.3 Vor Allem aber aus der

Tatsache, dass er ,,in seinem Machtbereich protestantische und katholische

(Schlesien) Untertanen vereinigte."4 Das königliche Generalpatent vom 17. April

1750 gewährleistete auch die Ausübung des jüdischen Glaubens und nahm die

Juden in Preußen ausdrücklich vor Übergriffen anderer Konfessionen in Schutz.5

Friedrich argumentierte seine neue Toleranzpolitik damit, dass die Duldung

verschiedenartiger Bekenntnisse dem Staat ökonomische Vorteile verschaffe,

Intoleranz hingegen dem Handel und Gewerbe schade und den wirtschaftlichen

Kredit der Nation ruiniere. Er erblickte im konfessionellen Pluralismus ein Gebot

der Staatsklugheit und handelte also, indem er zum Beispiel den Juden mehr

Rechte einräumte, nicht aus Gründen der Moral oder Gerechtigkeit, sondern

einzig zweckmäßig, im Interesse des Staates.6 Juden hatten nach wie vor kein

Staatsbürgerrecht, waren vom Zunft-Handwerk, vom Grundbesitz und von

staatlichen Ämtern ausgeschlossen. Zudem hatten sie mit einer Unzahl an

Einschränkungen und Abgaben zu kämpfen, die Friedrich II. ständig erhöhen

ließ, um die leeren Staatskassen nach seinen Eroberungskriegen wieder

aufzufüllen. Er ordnete beispielsweise den Zwangskauf von Porzellan aus der

königlich preußischen Porzellanmanufaktur an. Für eine festgelegte Summe

erhielten Juden Kisten mit Porzellan, das sie gar nicht haben wollten. Moses

Mendelssohn geriet auf diesem Weg in den Besitz von 20 Porzellanaffen.7

3. Vgl. Kroll, Frank-Lothar: Das geistige Preußen. Zur Ideengeschichte eines Staates. Paderborn;

München; Wien ; Zürich 2001, Fußnote 50, S. 18

4. Scurla, Herbert: Begegnungen mit Rahel. Der Salon der Rahel Levin. Berlin 1975. S. 28

5. Das bis 1812 geltende ,,Revidierte General-Privilegium und Reglement für die Judenschaft im

Königreich Preußen" legte in 32 Artikeln die Modalitäten des Handels, der Gemeindeordnung, der

finanziellen Belastung, aber auch etwa der familiären Lebensführung (Unterbindung einer

Vermehrung der Familienzahl) für die in Preußen lebenden Juden fest. Kroll, Frank-Lothar: Das

geistige Preußen. Zur Ideengeschichte eines Staates. Paderborn; München; Wien ; Zürich 2001,

Fußnote 50, S. 27

6. Vgl. Kroll: Das geistige Preußen, S. 22

7. Vgl. Thomann Tewarson, Heidi: Rahel Varnhagen (Rowohlts-Monografien) Hamburg. 1988. S. 12ff

Seite: 6



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