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Das Grinsen ohne Katze

Subtitle: Der Begriff des Sinns bei Gilles Deleuze und Lewis Carroll

Termpaper, 2008, 11 Pages
Author: B.A. Felicitas Aull
Subject: Philosophy - Philosophy of the Present

Details

Event: Seminar: Der Begriff der Erfahrung bei Lewis Carroll, Henry James und Virginia Woolf
Institution/College: European University Viadrina Frankfurt (Oder)
Tags: Grinsen, Katze, Seminar, Begriff, Erfahrung, Lewis, Carroll, Henry, James, Virginia, Woolf
Category: Termpaper
Year: 2008
Pages: 11
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 6  Entries
Language: German
Archive No.: V122037
ISBN (E-book): 978-3-640-27331-7


Abstract

„Dem Satz entzogen, ist der Sinn unabhängig von diesem, weil er dessen Bejahung und dessen Verneinung suspendiert, und ist dennoch nur sein entschwundenes Double: genau dieses Grinsen ohne Katze bei Carroll oder die kerzenlose Flamme.“ Nehmen wir uns der reinen Textaussage dieses Ausschnittes aus Deleuze’ Serie der Paradoxa, dem 5. Teil „Vom Sinn“, an, so fällt zunächst auf, dass Deleuze hier eine Einheit von Satz und Sinn formuliert, die eine trennbare ist. Der Sinn kann dem Satz also entzogen werden, und existiert dann als ein Double, wenn auch ein entschwundenes, weiter. Entschwindet dieser Sinn, so muss er, formaler Logik folgend, zuvor in den Satz selbst hinein gelegt, hinein gelesen, gesprochen, oder gesetzt worden sein. Er ist also die Voraussetzung für das Verständnis oder die Bedeutung eines Satzes, für den bestimmenden Inhalt. Daraus erklärt sich, dass er, nunmehr entschwunden, den Satz als ein Abstraktum zurücklässt, über das keine Aussage mehr getroffen werden kann. Die Bejahung und Verneinung seien suspendiert, der Satz als ein hohles Konstrukt, eine verlassene Form, weiterhin als grammatische Schöpfung nackt und bloß existierend.


Fulltext (computer-generated)

Hausarbeit

Das Grinsen ohne Katze

Der Begriff des Sinns bei Gilles Deleuze und Lewis Carroll

innerhalb des Seminars:

Der Begriff der Erfahrung bei Lewis Carroll, Henry James und Virginia Woolf

SS 2008

Europauniversität Viadrina Frankfurt/Oder

Verfasserin:

Felicitas Aul

Master of European Studies

Datum der Abgabe:

27. Juli 2008


Inhaltsverzeichnis

1

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis 1

1

Eine Annäherung an den Gegenstand 2

1.1

Gil es Deleuze - ,,vom Sinn" 2

1.2

Lewis Carrol - ,,das Grinsen ohne Katze" 2

2

Das Paradox 4

3

Verkörperung und Ereignis 5

4

Strukturwandel 7

4.1

Gleichzeitigkeit und Multidimensionalität 7

Literaturverzeichnis 9


1 Eine Annäherung an den Gegenstand

2

1

Eine Annäherung an den Gegenstand

1.1 Gil es Deleuze

- ,,vom Sinn"

,,Dem Satz entzogen, ist der Sinn unabhängig von diesem, weil er dessen Bejahung und dessen

Verneinung suspendiert, und ist dennoch nur sein entschwundenes Double: genau dieses

Grinsen ohne Katze bei Carroll oder die kerzenlose Flamme."

1

Nehmen wir uns der reinen Textaussage dieses Ausschnittes aus Deleuze′ Serie der Paradoxa,

dem 5. Teil ,,Vom Sinn", an, so fällt zunächst auf, dass Deleuze hier eine Einheit von Satz und

Sinn formuliert, die eine trennbare ist. Der Sinn kann dem Satz also entzogen werden, und

existiert dann als ein Double, wenn auch ein entschwundenes, weiter. Entschwindet dieser Sinn,

so muss er, formaler Logik folgend, zuvor in den Satz selbst hinein gelegt, hinein gelesen,

gesprochen, oder gesetzt worden sein. Er ist also die Voraussetzung für das Verständnis oder die

Bedeutung eines Satzes, für den bestimmenden Inhalt. Daraus erklärt sich, dass er, nunmehr

entschwunden, den Satz als ein Abstraktum zurücklässt, über das keine Aussage mehr getroffen

werden kann. Die Bejahung und Verneinung seien suspendiert, der Satz als ein hohles Konstrukt,

eine verlassene Form, weiterhin als grammatische Schöpfung nackt und bloß existierend.

1.2 Lewis Carrol

- ,,das Grinsen ohne Katze"

Nehmen wir uns dazu die Passage des von Deleuze genanntem Beispiel vor, dem Grinsen ohne

Katze:

,,»All right,« said the Cat; and this time it vanished quite slowly, beginning with the end of

the tail, and ending with the grin, which remained some time after the rest of it had gone.

,,»Wel ! I′ve often seen a cat without a grin,« thought Alice; »but a grin without a cat! It′s

the most curious thing I ever saw in all my life!"

2

Was genau geschieht in dieser Situation? Die Katze beginnt von der Schwanzspitze an zu

verschwinden, und lässt das Grinsen übrig, das noch einige Zeit sichtbar bleibt. Entsprechend

dem Sinn, der sich dem Satz entzieht und diesen zurücklässt, als eine undeutbare, leere Form,

die aber mit ihrem Double, dem Sinn, eine Einheit bildete und verbunden bleibt, steht auch dieses

Grinsen für seine entschwundene Katze, seinen Sinn, den Ursprung seiner Existenz, seiner

Ausdeutung und seinem Inhalt. Ohne die Katze ist das Grinsen nichts und doch alles. Ohne den

Sinn ist der Satz nichts, und doch alles, denn nur er kann die Ausprägung des Sinnes aufnehmen

und darstellen, nur er kann das Attribut Sinn, den Sinn als Attribut, erfahrbar und erlebbar

machen. Auch das Grinsen ist die einzige Möglichkeit der Katze eben zu grinsen, und ein

Ereignis darzustellen, eine Situation bewusst zu machen, ein Attribut zu vollziehen, kurz, sich in

einer bestimmten Art und Weise auszudrücken, die eine Aussage möglich macht und so einer

"Bejahung oder Verneinung" unterzogen werden kann.

Wenn dieser Sinn und sein Satz aber als Double und Original existieren, so stellt sich die Frage

wie sie zeitlich und räumlich zu verorten sind. Um dieses Problem näher einzukreisen und

1 G. Deleuze, 5. Serie der Paradoxa ­ Vom Sinn. 1993, S. 52.

2 L. Carrol , Penguin 1994, S. 33.


1 Eine Annäherung an den Gegenstand

3

bestimmen zu können, muss als Aspekt der Betrachtung herangezogen werden, wie ein Sinn zu

seinem Satz und umgekehrt kommt.


2 Das Paradox

4

2

Das Paradox

Ein erster Schritt ist hierbei die Darstellung, warum ein Sinn überhaupt paradox ist und wie sich

das auf das Ausgedrückte im Satz niederschlägt.

Deleuze in eigenen Worten und so komprimiert und hoffentlich klar als möglich

zusammengefasst:

Weil der Sinn auf der Schwelle zwischen Satz und Ding, zwischen Bezeichnetem und

Ausgedrücktem steht und nicht nur beides verbindet, sondern sich in beidem findet und von dort

hervorschimmert und wahrgenommen, schemenhaft in dieser Verschränkung innerhalb seines

Seins, entdeckt wird, ist er paradox.

Im Satz findet sich dieses Paradoxon, so Deleuze, in zwei Formen wieder: zum einen die

unbegrenzte Wucherung

, zum anderen die

sterile Verdopplung

.

In beiden Fällen geht er davon aus, dass eine Bezeichnung nur dann vorgenommen werden

kann, wenn ihr Sinn schon erfasst ist. Der Sinn ist also schon vorausgesetzt, wenn man den

ersten Satz, die erste Bezeichnung formuliert, woraus er schließt, dass diese Bezeichnung

niemals den zuvor erfassten Sinn enthalten kann. Dies führt nun in einem Fall zu einer sich

immer weiter bereits zitierten

verschränkenden Wucherung

mit Sinnverweisen innerhalb von

aufeinanderfolgenden Sätzen, die an dieser Stel e nicht weiter betrachtet werden soll, oder zur

sterilen Verdopplung

. Dies ist die Möglichkeit den durchschimmernden Sinn zu fassen zu kriegen,

ihn vom Satz zu trennen, in Form des Infinitivs oder Partizips, und so als Double festzuhalten.


3 Verkörperung und Ereignis

5

3

Verkörperung und Ereignis

In dieser Form lässt sich herauslesen, was eingangs bereits festgestel t worden ist: Der Sinn ist

das Attribut, das im Satz erst wirken kann, das vorher nichts ist, jedenfal s nicht konstatierbar und

nicht von Bedeutung, das erst im Satz wirklich wird, indem es mit diesem verschmilzt, oder wie

Deleuze formuliert, im Satz ,,insistiert oder subsistiert", das folglich so "steril" erfasst, seine eigene

Bedeutung offenbaren kann. Der Sinn ist dann nämlich endlich sichtbar in seiner Existenz

außerhalb des Bezeichnetem, des Dinges, und bekommt nun eine "Sterilität", eine in seiner

Separation erfassbare Räumlichkeit, die er im Satz selbst nie erlangen kann. Er ist dort nur

Verdinglichung seiner selbst, doch er erlebt seine Seinsformen nicht selbst. Er haucht dem Ding

Leben ein, als Attribut, als nähere Bestimmung; das Ding selbst aber steht im Zusammenhang

der Welt und erleidet und erlebt. Der Sinn selbst ist Beschreibung des Zustandes, nicht Erlebnis

oder Vollzug, er ist ein unkörperlicher, der die Ereignisse notwendig begleitet.

Der Sinn könnte in diesem Zusammenhang also auch als Oberflächenphänomen bezeichnet

werden, als ein außerdingliches Phänomen, dass in seiner Gleichzeitigkeit extern für sich, wenn

auch bedeutungslos, steht, und intern durch das Ding und in ihm, wirkt. An dieser Stelle steht das

Grinsen ohne Katze für die Katze und für sich. Wir können also das Grinsen als ein

außerdingliches Phänomen wahrnehmen und gleichzeitig noch als das Grinsen der Katze, als

ihren situativen Ausdruck verknüpfen. Das Grinsen ist hier in einer weiteren Form gleichzeitig,

nämlich als aktives und passives Attribut. Es wird aktiviert durch seine Zugehörigkeit zur Katze

und besteht daneben als passives So-sein, ohne Bezug zu etwas, ohne Existenz in einem

Körper, ohne Bedeutung.

Das Ereignis lässt sich nun nicht mehr in einer zeitlichen Abfolge durch Knotenpunkte eines linear

betrachtbaren Kausalclusters erklären. Als ein Aufeinanderprallen von Objekten, von Molekülen

oder Entitäten in einem bestimmten Umfeld in einer bestimmten Reihenfolge. Ereignisse können

vielmehr geschehen, oder auch nicht und das an verschiedenen Orten und zu verschiedenen

Zeiten ­ eine Unzahl von Realitäten, von realen Möglichkeiten, die durch das Grinsen

repräsentiert werden. Der Sinn hat sich entzogen und ist doch da. Er verlässt seinen aktuellen

Körper, um in ihm zurück zu bleiben und gleichzeitig an anderer Stelle, an außerkörperlicher

Virtualität, zu bleiben, oder sich in einer anderen Form zu verwirklichen.

Interessant wird in diesem Zusammenhang auch Frage nach der Wahrnehmung dieser

Ereignisse. Sie sind in unserem Verständnis als Situationen und Vorstellungen gespeichert, die

durch das Wiedererkennen von Teilstrukturen eine Aktualisierung erfahren.

,,You cannot recognise an event; because when it is gone, it is gone. ( ) But a character

of an event can be recognised."

3

Ein Partikel eines Ereignisses genügt also die Mechanismen unserer Erkenntnis in Gang zu

setzen und vorhandene Beziehungen und Verknüpfungen zu aktualisieren.

Im Grinsen der Katze liegt also ein Teil der Katze selbst. Und mehr noch, das Grinsen ist die

abstrahierte Katze, liegend auf ihrem Gesicht.

3 A. N. Whitehead, 1920, S. 169


3 Verkörperung und Ereignis

6

"So an electron is abstract because you cannot wipe out the whole structure of events

and yet retain the electron in existence. In the same way the grin on the cat is abstract;

and the molecule is really in the event in the same sense as the grin is real y on the

cat′s face."

4

4 A. N. Whitehead, 1920, S. 171


4 Strukturwandel

7

4

Strukturwandel

4.1 Gleichzeitigkeit und Multidimensionalität

Das Grinsen ist mit der Katze denkbar, als sie, als ihr Überbleibsel, gleichzeitig jedoch singulär

als pures Grinsen erkennbar. Hier sehen wir den Sinn in seiner Mannigfaltigkeit, in seinem Sein

als Substanz und Substrat. Der Sinn wird möglich oder bleibt unmöglich, er wird körperlich oder

bleibt unkörperlich, aber er ist da, und das gleichzeitig. In seiner Möglichkeit sich zu

transformieren gelangen wir an diesem Punkt zu seiner stetigen Verfügbarkeit als potentiellen

Faktor. Der Sinn kann zum Einsatz gebracht werden, dann wird er passiv aktiviert. Er kann aber

auch ein nur Gedachtes bleiben und wird aktiv in seiner passiven virtuellen Außerseins-Stellung

belassen. Ihm widerfährt etwas als Form einer denkbaren Möglichkeit. Das sind Deleuze

Rhizome, die gleichzeitig existieren und in verschiedenen Zeitsphären zugleich bestehen.

,,Aber je nach Geschwindigkeitsgrad oder nach dem Verhältnis von Bewegung und

Ruhe, in das sie eintreten, gehören sie zu diesem oder jenem Individuum, das in einem

anderen, komplexeren Verhältnis bis ins Unendliche Teil eines anderen Individuums

sein kann."5

Ein Anfang und ein Ende der Zeit ist hier nicht mehr wichtig, es existiert schlicht nicht mehr. Es

gibt nur noch ein ausgebreitetes Zeitfeld, in dem die Verknüpfung eines Dings und eines Satzes

durch den Sinn entsteht und in dieser unbegrenzten Räumlichkeit zum Ereignis wird.

Die Gleichzeitigkeit einer vielfältigen Zeit kann so mit dem griffigen Ausdruck von Zeit als

,,reversibler Sprunggröße"6 bezeichnet werden.

Als schlichte Vehikel unserer Wahrnehmung sind Raum und Zeit in den Aussagen Whiteheads

aufzufassen:

"What I mean is that there are no spatial facts or temporal facts apart from physical

nature, namely that space and time are merely ways of expressing certain truths about

the relations between events."7

Um wieder auf die Figur zurückzukommen: Die Katze tritt in ihrem Attribut, dem Grinsen, in

Erscheinung, sie ist aber zugleich eine Abwesende, die also bloße Möglichkeit des Grinsens

gedacht wird. Ebenso wie das Grinsen die Katze in der aktuellen Realität, dem Zeitfeld Alice′,

belässt respektive repräsentiert, bestätigt es sich als Doppelgänger der Katze und bescheinigt ihr

eine andere Realität. Hier wird die Stellvertreterfunktion des Sinns in der Verkörperung eines

beschriebenen Dings deutlich.

Diese Zeitvielfalt korrespondiert also mit einem anderen Begriff von Räumlichkeit, von mir als

Multidimensionalität bezeichnet. Sie entspricht einer ,,heterotopischen"8 Raumordnung, die sich

ausbreitet und in sich al e Zeitdimensionen trägt, ohne sie strukturiert oder geordnet in

5 G. Deleuze, 20056, S. 346

6 vgl. J. Vogl, 1998, S. 45.

7 ebd., S. 168

8 ebd.


4 Strukturwandel

8

Räumlichkeit setzen zu können. Man sei hier nochmals an die von Deleuze in ,,Tausend

Plateaus" vorgestellte Wurzelstruktur erinnert, die dieses Nebeneinander von Orten und Un-orten

ermöglicht, und sich einer ,,einheitlichen Repräsentation" widersetzen.9

Ein Kommentar Juli Zehs an uns, die Rezipienten dieser Vorstellungsebene, unterstreicht diese

Transformation, diesen Strukturwandel der Begrifflichkeit:

,,Ihr steht an der Schwelle zu der Erkenntnis, dass Virtualität und Wirklichkeit einander

ähneln, dass sie sich facettenartig ineinanderschieben. Jetzt geht noch einen Schritt

weiter: Virtualität ist Wirklichkeit. Keine andere, fremde, neue oder parallele Wirklichkeit,

sondern die ganz normale, gute, alte Wirklichkeit in einem wieder neuen Gewand."10

Die Katze ist das Grinsen. Das Grinsen ist die Katze. Beide sind eins.

9 ebd.

10 J. Zeh, in: ,,Zeit Internet Spezial", 2008, S. 30


Literaturverzeichnis

9

Literaturverzeichnis

Carroll, Lewis

. Alice′s adventures in wonderland, Penguin Books, London 1994

Deleuze, Gilles

. Logik des Sinns, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1993.

Deleuze, Gilles

. Kapitalismus und Schizophrenie. Tausend Plateaus. Übersetzung:

Gabriele Ricke und Ronald Voullié, Merve Verlag, Berlin, 1992

Vogel, Jürgen

. Grinsen ohne Katze. Vom Wissen virtuel er Objekte. In: Hans-Christian

von Herrmann/Matthias Middell (Hrsg.), Orte der Kulturwissenschaft, 5 Vorträge,

Leipziger Universitätsverlag 1998.

Whitehead, Alfred North

. The concept of nature. University Press, London/Cambridge,

1920.

Zeh, Juli

. Seid keine Netz-Neandertaler! Beitrag in: ,,Zeit Internet Spezial" der Ausgabe

der ,,Die Zeit" Nr. 21 vom 15.05.2008.



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