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Das Phänomen des "Genius loci" unter besonderer Berücksichtigung der eigenschaftslosen Stadt

Presentation (Elaboration), 2005, 26 Pages
Author: Diplom-Ingenieur Linda Liebl
Subject: Landscape Management

Details

Category: Presentation (Elaboration)
Year: 2005
Pages: 26
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 25  Entries
Language: German
Archive No.: V122068
ISBN (E-book): 978-3-640-26591-6
ISBN (Book): 978-3-640-26592-3
Notes :
Quellen für Abbildungen finden sich im Abbildungsverzeichnis


Abstract

Eine Stadt ohne Eigenschaften ist nach Rem Koolhaas eine Stadt ohne Identität. Denn Identität wird bestimmt durch physische Substanz, Geschichte, Kontext und Realität. Diese Faktoren treffen auf eine eigenschaftslos Stadt nicht zu. Das Ideal der eigenschaftslosen Stadt ist die Konzentration in der Isolation, die durch die verstärkte Vertikalität und Vergrößerung der Städte entsteht. In der eigenschaftslosen Stadt ist Planung irrelevant, da Ursache und Wirkung nicht vorhersehbar sind. Hier ist es Hauptsache, dass die Dinge funktionieren.


Excerpt (computer-generated)

Universität Hannover, Fachbereich Landschaftsarchitektur und Umweltentwicklung,

Institut für Grünplanung und Gartenarchitektur

Das Phänomen des Genius loci

unter besonderer Berücksichtigung der eigenschaftslosen Stadt

Linda Liebl

Vorlesung

Theorie aktueller Landschaftsarchitektur

im WS 2004/05


Linda Liebl:

Das Phänomen des

Genius loci

­

unter besonderer Berücksichtigung der eigenschaftslosen Stadt

Inhaltsverzeichnis

1. Zum Begriff

Ort

3

2. Definition

Stadt

4

3.

Die Stadt ohne Eigenschaften

nach Rem Koolhaas 8

4. Singapur als Beispiel für eine Stadt ohne Eigenschaften 12

5. Köln als Beispiel für eine Stadt mit Eigenschaften 16

6. Bewertender Vergleich der Städte Singapur und Köln 18

7. Auf der Spur des

Genius loci

­Beispiele aus der Praxis 21

8 Literatur- und Quellenverzeichnis 24

9. Abbildungsverzeichnis 24

2


Linda Liebl:

Das Phänomen des

Genius loci

­

unter besonderer Berücksichtigung der eigenschaftslosen Stadt

1. Zum Begriff Ort

CHRISTIAN NORBERG-SCHULZ

beschreibt in seinem Aufsatz

,,Ort?"

den

Geni-

us loci.

Damit meint er den Geist, das Wesen eines Ortes. Dieser Geist wird

durch verschiedene Elemente geprägt, sowohl durch konkrete, als auch durch

weniger fassbare, die zusammen eine gewisse Stimmung erzeugen.

Das Wort

Genius loci

hat seinen Ursprung im römischen Glauben. Man sagte,

Menschen und Orte haben ihren Genius (lat.: Schutzgeist), der sie durch das ge-

samte Leben begleitet. Durch die Epochen hindurch ist der

Genius loci

teilweise

erhalten geblieben, er wird meistens als Ortscharakter oder ähnliches erwähnt.1

Im Laufe der Zeit hat er zunehmend an Bedeutung verloren, besonders ab der

Nachkriegszeit und dem einsetzenden Wiederaufbau. Als Antwort und Appell

zur Rückbesinnung auf den

Genius loci

hat der Architekt Christian Norberg-

Schulz 1979 sein Buch ,,Genius loci, Landschaft Lebensraum Baukunst"heraus-

gebracht. Er erklärt hier die Bedeutung der Rücksichtnahme auf die örtlichen Ei-

genheiten und Besonderheiten.

Auch die Landschaftsarchitektur befasst sich mit dem

Genius loci

. Er kann ein

brauchbares Werkzeug sein, dessen man sich bedienen könnte, um bestimmte

Landschaftsstrukturen, die zunehmend durch unsere Gesellschaft entstehen,

sinnvoll und nachhaltig zu verändern.

MARC AUGÉ

dagegen spricht von Nicht-Orten. Nicht-Orte sind im Wesentlichen

die Transiträume, die wir nur durchqueren, die wir passieren und an denen wir

uns nie längere Zeit aufhalten. Das sind sogenannte

schnelle Orte

, die durch kur-

ze Aufenthalte, geringe ausschnitthafte Wahrnehmung der Umgebung, räumliche

Bezugslosigkeit, Monotonie und Leere gekennzeichnet sind. Die Reduktion auf

die jeweilige Funktionalität ist ein wesentliches Kennzeichen von Nicht-Orten.

Die wichtigste Eigenschaft von Nicht-Orten ist, dass sie weder Geschichte, noch

Identität oder Relation haben.2 Es sind also Orte ohne

Genius loci

.

Nach Augé werden Nicht-Orte durch die

Übermoderne

produziert. Diese

Über-

moderne

wird durch drei wesentliche Transformationen gekennzeichnet: eine

Beschleunigung der Geschichte, ein ,,Kleinwerden"der Erde und eine zuneh-

mende Individualisierung.3

REM KOOHAAS

stellt in seinem Aufsatz das Wesen einer Stadt ohne Eigen-

schaften dar. Eine solche Stadt besteht, um mit Augés Worten zu sprechen,

hauptsächlich aus Nicht-Orten.

1 vgl. NORGERG-SCHULZ 1982, S. 131

2 vgl. AUGÉ 1994, S. 92

3 vgl. ebd., S. 127

3


Linda Liebl:

Das Phänomen des

Genius loci

­

unter besonderer Berücksichtigung der eigenschaftslosen Stadt

Im Folgenden werde ich mich genauer mit dem Phänomen der

eigenschaftslosen

Stadt

auseinander setzen.

Zuerst stelle ich verschiedene Definitionsversuche des Begriffs

Stadt

vor, um

dann die

Stadt ohne Eigenschaften

nach Koolhaas zu beschreiben. Um Koolhaas´

komplexe Vorstellungen etwas verständlicher zu machen und abschließend zu

einer relativ objektiven Bewertung der

Stadt ohne Eigenschaften

zu gelangen,

gebe ich anschließend ein Beispiel einer Stadt ohne, sowie einer mit Eigen-

schaften.

Den Schluss des Aufsatzes bildet die Darstellung des Umgangs mit dem

Genius

loci

in der Praxis anhand des Beispiels zweier Landschaftsarchitekten.

2. Definition Stadt

Es wurde bereits vielfach diskutiert, wie der Begriff der

Stadt

zu definieren sei.

Es gibt viele unterschiedliche Meinungen darüber. Viele Wissenschaftler glau-

ben jedoch, dass es keine allgemeingültige Definition für den Begriff

Stadt

ge-

ben kann, da Orte in einem permanenten Wandel begriffen sind und man sie da-

her nie ganz greifen kann. Gerhard Dilcher beschreibt dieses Phänomen in sei-

nem Aufsatz mit einem Zitat von Nietzsche: ,,Alle Begriffe, in denen sich ein

Prozess semiotisch zusammenfaßt, entziehen sich der Definition; definierbar ist

nur das, was keine Geschichte hat."4 Dilcher schließt daraus, dass

,,jede Stadt als

historisches Individuum zu sehen ist, das in seiner Einmaligkeit durch die Viel-

falt [seiner] Faktoren bestimmt ist und nur beschreibend historisch erfasst wer-

den kann."5

Trotz der These, dass nur Dinge ohne Geschichte definiert werden können, wur-

de immer wieder versucht eine ungefähre Definition zu finden.

Ein interessanter Definitionsversuch ist der von Carl Haase. Seine Definition be-

ruht auf variablen Kriterienbündeln, so dass viele unterschiedliche Städte und

auch unterschiedliche zeitliche Konstellationen berücksichtigt werden können.6

Auch Max Weber hat sich mit dem Phänomen

Stadt

auseinander gesetzt und den

Begriff der

okzidentalen Stadt

eingeführt. Er stellt die abendländische Stadt als

den Idealtypus der Stadt dar. Die Kriterien dieses Idealtypus´ sind Befestigung,

eigener Markt, eigenes Gericht und teilweise eigenes Recht, Verbandscharakter,

teilweise Autonomie und Autokephalie.7 Diese Betrachtung von Stadt ist eine

Typisierung, die die Gesellschafts- und Verfassungsform einer Stadt zeigt und

4 DILCHER, Gerhard: Einheit und Vielheit in Geschichte und Begriff der europäischen

Stadt. In: JOHANEK 2004, S. 13

5 ebd., S. 14

6 vgl. ebd., S. 14

7 ebd., S. 16. Autokephalie bedeutet eigene Normsetzung und eigene politische Herr-

schaft..

4


Linda Liebl:

Das Phänomen des

Genius loci

­

unter besonderer Berücksichtigung der eigenschaftslosen Stadt

sie so von anderen Städten abgrenzt. Diese Art der gestuften und verallgemei-

nernden Typenbildung war ein wichtiger Schritt zur Definition.

Rolf Kießling stößt in seinem Aufsatz ebenfalls auf das Problem der sich mit der

Zeit wandelnden Orte. Sie durchlaufen bei ihrer Entwicklung verschiedene Sta-

dien, so dass sich ihr Stellenwert nicht eindeutig bestimmen lässt.8 Der Stellen-

wert oder Status eines Ortes bemisst sich nach Kießling anhand seiner Zuord-

nung zu einem Siedlungstyp. Bei diesen Siedlungstypen ist das Dorf am niedrig-

sten und die Stadt am höchsten zu bewerten. Zwischen Stadt und Dorf steht der

Markt

. Die Stadt spiegelt eine besondere Qualität wieder, sie ist die Spitze der

Entwicklung. Alle anderen Siedlungstypen nennt er ein ,,Noch-Nicht"oder ein

,,Nicht-Mehr". Somit hat für Kießling jede Ortschaft das Ziel, eine Stadt zu wer-

den.9

Auf einer ähnlichen Grundlage wie Kießling wagt Heit den Versuch einer kon-

kreten Definition. Hierzu macht er zwei Vorschläge:

,,Vorschlag 1: Innerhalb eines wählbaren Bezugssystems, für das der Begriff

,,Siedlung"sinnvolle Anwendung finden kann, ist ,,Stadt"diejenige gestuft rea-

lisierte Siedlungsform, die durch die Modalkategorie der Steigerung gekenn-

zeichnet ist gegenüber einer inferioren Vergleichsgesamtheit nichtstädtischer

Siedlungen."10

Ebenso wie Kießling sagt Heit hiermit also, dass die Stadt sich durch ihr Gegen-

teil zum Dorf definiert, nämlich durch die Tendenz zum Maximum und Opti-

mum, dadurch dass sie eine bessere Qualität hat und die Spitze der Entwicklung

darstellt.

Heits zweiter Vorschlag hat einen ähnlichen Ansatz, bezieht sich aber mehr auf

die Einzelelemente, die eine Stadt ausmachen.

,,Vorschlag 2: Mit Bezug auf die der Siedlung inhärenten Kategorien ist Stadt

diejenige Siedlungsform, bei der sich eine variante Verbindung qualitativ wie

quantitativ unterschiedlich gesteigerter Elemente zu einer gestuften Pluralität

individualisierender Prägung vereint."11

Hier geht Heit also wieder auf die Steigerung der Qualität ein, aber außerdem be-

rücksichtigt er auch, dass die Identität einer Stadt gerade dadurch entsteht, dass

8 KIEßLING, Rolf: Zwischen Stadt und Dorf? Zum Marktbegriff in Oberdeutschland. In:

JOHANEK 2004, S. 121

9 ebd., S. 122

10 HEIT, Alfred: Vielfalt der Erscheinung ­Einheit des Begriffs? Die Stadtdefinition in der

deutschsprachigen Stadtgeschichtsforschung seit dem 18. Jahrhundert. In: JOHANEK 2004,

S. 12

5


Linda Liebl:

Das Phänomen des

Genius loci

­

unter besonderer Berücksichtigung der eigenschaftslosen Stadt

sich in jeder Stadt unterschiedliche Elemente unterschiedlich stark weiterentwik-

keln.

Peter Sloterdijk hat diesen Sachverhalt folgendermaßen ausgedrückt

: ,,Stadt ist

die Mobilmachung der in der Siedlung ruhenden Potentiale aus dem Geist der

Selbstintensivierung."

12

Dies ist sicher eine gute Möglichkeit einer allgemeingültigen Definition für den

Begriff

Stadt

. Sie beschreibt die Entstehung von Städten und gleichzeitig den

Unterschied von Städten zu anderen Siedlungstypen.

Um die einzelne Siedlung nun aber einordnen zu können, reicht diese Definition

nicht aus. Hierzu muss man die Siedlung in den verschiedenen Phasen ihrer

Entwicklung betrachten. Nur so kann man feststellen, ob man es mit einer Stadt

zu tun hat, oder nicht.13

Im Folgenden möchte ich auf verschiedene Definitionen von

Stadt

aus diversen

Lexika eingehen. Das Bertelsmann Volkslexikon schreibt 1960:

,,

Stadt

Der Übergang von Agrar- zu Industriestaat führte zur Bildung der Groß-

städte (durch Bevölkerungszusammenballung, durch Gemeindezusammenle-

gung) und Weltstädte sowie zur Verstädterung. (...)"14

Diese Definition klingt sehr euphorisch, wie ein großer Triumph. Hier wird nicht

sachlich erklärt, wie eine Stadt an sich entsteht oder zusammengesetzt ist, son-

dern nur die Entstehung einer neuen Form von Städten, den Großstädten, hervor-

gehoben. Auf diese Großstädte ist man stolz, da sie sich nach dem Krieg so

schnell und mühelos entwickelt haben.

Im DTV ­Lexikon von 1973 sieht die Definition ähnlich aus. Allerdings ist sie

sachlicher und beschreibender. Man ist immer noch stolz auf den großen Fort-

schritt.

,,Stadt

(Heutige Bedeutung seit dem frühen Mittelalter) Größerer geschlossener

Wohnplatz, Ortschaft mit Stadtrecht. Die Stadt ist eine Form der Siedlung, im

Unterschied zum Dorf ein Sammelplatz von Gewerbe und Industrie, von Handel

und Verkehr, (...).

Zum Begriff der Stadt gehören u. a.: dichte Bebauung, innerräumliche Aufglie-

derung, bestimmte Einwohnerzahl, soziale Schichtung mit fortgeschrittener Ar-

beitsteilung, in den letzten Jahrzehnten zunehmende Citybildung. (...)"15

11 ebd., S. 12

12 ebd., S. 12

13 KIEßLING, Rolf: Zwischen Stadt und Dorf? Zum Marktbegriff in Oberdeutschland. In:

JOHANEK 2004, S. 143

14 BERTELSMANN-VOLKSLEXIKON 1960,

Stadt

15 DTV-LEXIKON 1973,

Stadt

6



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