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"Und das wäre männlich?" (Béla Balázs): Zur Kritik an der Neuen Sachlichkeit

Presentation (Elaboration), 2006, 28 Pages
Author: Tino Wiesinger
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Geschlechterdiskurse in der Literatur der Neuen Sachlichkeit
Institution/College: University of Kassel (Sprach- und Literaturwissenschaften)
Tags: Neue Sachlichkeit, Balázs, Béla, Kritik, männlich, Literatur, Geschlechterdiskurse
Category: Presentation (Elaboration)
Year: 2006
Pages: 28
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 48  Entries
Language: German
Archive No.: V122103
ISBN (E-book): 978-3-640-26651-7
ISBN (Book): 978-3-640-26673-9

Abstract

„Schluß mit der Neuen Sachlichkeit!“ Diesem Aufruf Joseph Roths aus dem Jahr 1930 folgten nur wenige Autoren. Um jedoch die komplexe Diskussion über die Neue Sachlichkeit vollständig erfassen zu können, scheint es geboten, auch die gegnerischen Stimmen in die literaturwissenschaftliche Untersuchung mit einzubeziehen. Die hier vorliegende Ausarbeitung zu meinem Referat vom 10. Mai 2006, gehalten im Rahmen des Seminars „Geschlechterdiskurse in der Literatur der Neuen Sachlichkeit“ an der Universität Kassel, soll diesem Gebot ansatzweise Rechnung tragen. Die folgenden Ausführungen beziehen sich dabei im Wesentlichen auf die Untersuchung von Sabina Becker: Neue Sachlichkeit. Band 1: Die Ästhetik der neusachlichen Literatur (1920-1933) , in welcher Becker nicht nur die Dimensionen neusachlicher Ästhetik näher beleuchtet, sondern vor allem auch deren Kritik in das Blickfeld rückt. Laut Becker handelt es sich dabei weniger um eine Kritik der neusachlichen Ideologie (so wie von vielen Literaturwissenschaftlern angenommen); vielmehr gehe es um die Beurteilung der neusachlichen Ästhetik, die von ökonomischen Gegebenheiten und Lebensbedingungen unabhängig sei. Bevor es allerdings um die kritische Auseinandersetzung mit der Literatur der Neuen Sachlichkeit gehen kann, sollen einleitend zu dieser Ausarbeitung die ästhetischen Parameter dargestellt werden, welche für die neusachlichen Autoren konstitutiv gewesen sind, und auf die in der kritischen Debatte immer wieder Bezug genommen wird. Ein Schwerpunkt dieser Arbeit liegt in der bisher wenig beachteten binnenkritischen sowie in der marxistischen Auseinandersetzung mit der Neuen Sachlichkeit, wobei vor allem der marxistische Kritiker Georg Lukács sowie der ungarische Kritiker, Schriftsteller und Filmtheoretiker Béla Balázs in den Mittelpunkt der Untersuchungen treten, die sich beide sehr intensiv mit der Literatur der Neuen Sachlichkeit auseinandergesetzt haben.


Excerpt (computer-generated)

Universität Kassel

FB 02 ­ Sprach- und Literaturwissenschaften

,,Und das wäre männlich?" (Béla Balázs):

Zur Kritik an der Neuen Sachlichkeit

Referatsausarbeitung zum Seminar

,,Geschlechterdiskurse in der Literatur der Neuen Sachlichkeit"

SS 2006

Tino Wiesinger

Studiengang: Evangelische Religion / Deutsch (L3)

3. / 2. Semester


Inhaltsverzeichnis



1. Einleitung

3



2. Dimensionen neusachlicher Ästhetik

4



3. Die Kritik an der Neuen Sachlichkeit

6

3.1 Die neusachliche Kritik an der Neuen Sachlichkeit

6

3.2 Die marxistische Kritik an der Neuen Sachlichkeit

10

3.2.1 Die Kritik Georg Lukács′

10

3.2.2

Die

Kritik

Béla

Balázs′

11

3.3

Dokumentarismus

14

3.4

Reportagestil

15

3.5

Entpoetisierung

/

Entsentimentalisierung

17

3.6

Antiindividualismus

19

3.7

Gebrauchsliteratur

20

3.8 Die rechtskonservative und völkisch-nationale Kritik an

der Neuen Sachlichkeit

20



4.

Abschließende

Bemerkung

23



5.

Literaturverzeichnis

25

2


1. Einleitung

,,Schluß mit der Neuen Sachlichkeit!"1 Diesem Aufruf Joseph Roths aus dem Jahr

1930 folgten nur wenige Autoren. Um jedoch die komplexe Diskussion über die

Neue Sachlichkeit vollständig erfassen zu können, scheint es geboten, auch die

gegnerischen Stimmen in die literaturwissenschaftliche Untersuchung mit

einzubeziehen.

Die hier vorliegende Ausarbeitung zu meinem Referat vom 10. Mai 2006, gehalten

im Rahmen des Seminars ,,Geschlechterdiskurse in der Literatur der Neuen

Sachlichkeit" an der Universität Kassel, soll diesem Gebot ansatzweise Rechnung

tragen. Die folgenden Ausführungen beziehen sich dabei im Wesentlichen auf die

Untersuchung von Sabina Becker:

Neue Sachlichkeit. Band 1: Die Ästhetik der

neusachlichen Literatur (1920-1933)

2, in welcher Becker nicht nur die Dimensionen

neusachlicher Ästhetik näher beleuchtet, sondern vor allem auch deren Kritik in das

Blickfeld rückt. Laut Becker handelt es sich dabei weniger um eine Kritik der

neusachlichen Ideologie (so wie von vielen Literaturwissenschaftlern angenommen);

vielmehr gehe es um die Beurteilung der neusachlichen Ästhetik, die von

ökonomischen Gegebenheiten und Lebensbedingungen unabhängig sei.

Bevor es allerdings um die kritische Auseinandersetzung mit der Literatur der Neuen

Sachlichkeit gehen kann, sollen einleitend zu dieser Ausarbeitung die ästhetischen

Parameter dargestellt werden, welche für die neusachlichen Autoren konstitutiv

gewesen sind, und auf die in der kritischen Debatte immer wieder Bezug genommen

wird.

Ein Schwerpunkt dieser Arbeit liegt in der bisher wenig beachteten binnenkritischen

sowie in der marxistischen Auseinandersetzung mit der Neuen Sachlichkeit, wobei

vor allem der marxistische Kritiker Georg Lukács sowie der ungarische Kritiker,

Schriftsteller und Filmtheoretiker Béla Balázs in den Mittelpunkt der

Untersuchungen treten, die sich beide sehr intensiv mit der Literatur der Neuen

Sachlichkeit auseinandergesetzt haben.

1 Vgl. Joseph Roth: Schluß mit der Neuen Sachlichkeit! In: Die Literarische Welt 6 (1930). Nr. 3. S.

3f.

2 Sabina Becker: Neue Sachlichkeit. Bd. 1: Die Ästhetik der neusachlichen Literatur (1920-1933).

Köln, Weimar, Wien 2000.

Auf Bezüge auf diese Untersuchung wird im Folgenden nur noch in Ausnahmefällen hingewiesen.

3


2. Dimensionen neusachlicher Ästhetik

Im Rahmen dieser Referatsausarbeitung sollen die neusachlich-ästhetischen

Parameter nur kurz erwähnt und erläutert werden, da diese im Hauptteil der Arbeit,

der sich mit der kritischen Auseinandersetzung mit der Neuen Sachlichkeit befasst,

noch einmal expliziert und näher beleuchtet werden.

Zu Beginn der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts entwickelt sich die Neue

Sachlichkeit zu einer antiexpressionistischen Bewegung, die auf Elemente des

von der expressionistischen Generation abgelehnten Naturalismus zurückgreift. Es

entsteht ein so genannter ,,neuer Naturalismus" bzw. ,,Neonaturalismus", der

sich wieder stärker zur Wirklichkeit hinwendet und die Ratio an die Stelle des

Gefühls treten lässt. Dagegen wird jeglicher Ausdruck von Gefühlen und die

Darstellung pathetischer, sentimentaler und menschlich-persönlicher Aspekte

abgelehnt (Entsentimentalisierung, Entindividualisierung).

Ein wesentlicher Aspekt des neusachlichen Antiexpressionismus ist das ,,Bedürfnis

nach Vereinfachung und Versachlichung des literarischen Stils."3 Objektivität und

die klare Darstellung der Wirklichkeit ohne persönliche Wertungen werden in der

literarischen Produktion vorausgesetzt. Somit wird der ,,Ruf nach mehr

Realitätsnähe und stärkerem Gegenwartsbezug der Literatur greifbar."4 In

Verbindung mit diesen Zielen setzt sich die Forderung nach einer

,,Präzisionsästhetik" durch, also ein Anspruch nach Anschaulichkeit der

Darstellung und der Klarheit und Einfachheit der sprachlichen und stilistischen

Formulierung.

Dem neusachlichen Ziel der Ausbildung einer Präzisionsästhetik steht das Bedürfnis

einer wirklichkeitsnahen Literatur sehr nahe. Man strebt eine Tatsachenpoetik an,

deren Hauptmerkmale eine dokumentarische Schreibweise auf der stilistisch-

formalen sowie Realitätsnähe und Aktualität auf der inhaltlichen Ebene sind.5 Im

Sinne einer realistischen Berichtserstattung setzt sich der Reportagestil durch, der

die Entfiktionalisierung und Entidealisierung der literarischen Produktion zur Folge

hat. Demnach findet ein Übergang vom Erfinden zum Beobachten statt, der Autor

3 Becker: Neue Sachlichkeit. Bd. 1. S. 116.

4 Ebd.

5 Vgl. Becker: Neue Sachlichkeit. Bd. 1. S. 138 f.

4


wird vom Dichter zum reinen Beobachter, der eine neutrale, antipsychologisierende

und berichtende Schreibweise einnimmt.

Im Hinblick auf die eher journalistische Arbeit des Autors, verzichtet dieser auf

introspektive Schilderungen und nimmt eine beobachtende Außenperspektive ein.

Nicht innere Abläufe oder die emotionale Empfindlichkeit der Protagonisten sollen

beschrieben werden, sondern nur die äußerlich wahrnehmbaren Reaktionen, Abläufe

und Handlungen stehen im Blickfeld des Schriftstellers.

Die Autoren der Neuen Sachlichkeit legen besonderen Wert auf Neutralität und

die Objektivität der Darstellung. Somit verzichten sie auf eine subjektive Deutung

des Geschilderten, um die Ehrlichkeit der Beobachtung möglichst zu garantieren,

was häufig durch die Einbeziehung von Dokumentarmaterial noch verstärkt werden

soll (Dokumentarismus). Der Bericht wird zur bevorzugten literarischen

Mitteilungsform, denn dieser ermöglicht das von der Neuen Sachlichkeit geforderte

Zusammenspiel der realen Welt und der literarischen Verarbeitung.

In der Neuen Sachlichkeit wandelt sich das traditionelle Literaturverständnis

grundlegend. Keine andere literarische Modernebewegung hat, mit Ausnahme des

Dadaismus, die Ausbildung einer Gebrauchsliteratur so konsequent betrieben

wie die Neue Sachlichkeit. Aus dem Prozess der Politisierung der Gesellschaft in

der Weimarer Republik leitet sich das Ziel der Funktionalisierung von Literatur her.6

Man produziert Literatur nicht mehr nur zum bloßen Vergnügen des Rezipienten,

vielmehr bewertet man Literatur nach ihrem Nutzaspekt, welchen sie für den Leser

hat. Bereits 1924 werden die Begriffe ,,Sachlichkeit und Zweckmäßigkeit"

miteinander in Verbindung gebracht.7

Die genannten Parameter tragen alle zur Konstituierung der Neuen Sachlichkeit bei.

Wie aber bereits erwähnt, sollen die Merkmale der neusachlichen Literatur in dieser

Arbeit nur als eine Voraussetzung für das Verständnis der folgenden Ausführungen

begriffen werden. Denn der literarische Diskurs über die Neue Sachlichkeit umfasst

nicht nur die Konstituierung, sondern auch die Kritik der neusachlichen

Programmatik und Ästhetik, die im Folgenden näher betrachtet werden soll.

6 Vgl. Becker: Neue Sachlichkeit. Bd. 1. S. 230.

7 Mies van der Rohe: Baukunst und Zeitwille. In: Der Querschnitt 4 (1924). Nr. 1. S. 31f.

5


3. Die Kritik an der Neuen Sachlichkeit

Die Kritik an der Neuen Sachlichkeit kommt sowohl von Seiten der bürgerlichen

und marxistischen Linken, die in dieser Ausarbeitung einen Schwerpunkt bilden, als

auch von rechtskonservativen, völkisch-nationalen Gruppierungen. Dabei ist zu

beachten, dass nach 1930 besonders die Nationalsozialisten sehr massive Angriffe

gegen die Neue Sachlichkeit vortrugen, die ausschlaggebend dafür war, dass fast alle

Autoren, die im Umkreis der Neuen Sachlichkeit agierten, Deutschland verlassen.

Nach 1933 finden sich neusachliche Tendenzen daher nicht innerhalb der in

Deutschland produzierten, sondern im Zusammenhang mit der im Exil verfassten

Literatur.

Daneben spielt die Binnenkritik in der Neuen Sachlichkeit eine bedeutsame Rolle.

Auch sie soll im Folgenden genauer analysiert werden.

3.1 Die neusachliche Kritik an der Neuen Sachlichkeit

Eine Dimension des kritischen Diskurses über die Neue Sachlichkeit ist ihre

Binnenkritik. Schon früh benennen auch Befürworter der Sachlichkeitsästhetik die

Defizite und negativen Auswirkungen des literarischen Versachlichungsprozesses:

Viele Autoren fordern zwar Sachlichkeit, seien in ihrer eigenen literarischen

Produktion aber selbst nicht sachlich. Dabei tritt wiederholt die Klage über

,,Neusachlichkeits-Schwindler" auf, die einen Vorwurf an eine nicht eingelöste

Sachlichkeitsästhetik beinhaltet. Außerdem tritt innerhalb der Binnenkritik häufig

die Kritik auf, die neusachliche Literatur sei trostlos und durch eine pedantische

Trockenheit geprägt.

Ein bedeutendes Dokument dieser Binnenkritik ist der Aufsatz

Kritische Rhapsodie

1928

8 von Bernhard Diebold. In diesem Aufsatz unterzieht Diebold die neusachliche

Literatur einer kritischen Überprüfung und zeigt die Diskrepanzen zwischen

theoretischem Anspruch und literarischer Praxis auf. Dabei fordert er besonders eine

Aktualität und Zeitbezogenheit literarischer Texte, die er jedoch häufig nicht

verwirklicht sieht. Außerdem kritisiert Diebold, dass die meisten Autoren wie Arnolt

Bronnen oder Bertolt Brecht aufgrund des fehlenden Zeitbezugs nicht das gesamte

Volk erreichen, sondern nur einen kleinen Kreis, der sich mit deren Werken

8 Bernhard Diebold: Kritische Rhapsodie 1928. In: Die neue Rundschau 39 (1928). Bd. II. S. 550-

561.

6



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