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Tschernobyl

Subtitle: Die kollektive Verantwortungslosigkeit

Termpaper, 2002, 38 Pages
Author: Magister Artium Kevin Kutani
Subject: Communications: Ethics in the Media

Details

Category: Termpaper
Year: 2002
Pages: 38
Bibliography: ~ 9  Entries
Language: German
Archive No.: V122314
ISBN (E-book): 978-3-640-27492-5
ISBN (Book): 978-3-640-27511-3

Abstract

Der einfachste Weg, einer unergründlichen, unverstandenen Sache auf die Spur zu kommen, ist Fragen zu stellen. Allerdings, bei einer Fülle von Fragen, wo soll man beginnen? Im Jahre 1986 ereignete sich etwas so Unfassbares, etwas, das die Welt für geschätzte 24.000 Jahre „belasten“ wird, etwas, was vertuscht werden sollte, sowohl vor der eigenen Bevölkerung, als auch vor der ganzen Welt, etwas, wovor man Angst hatte aber durch Planerfüllungstabellen gezwungen war, in Kauf zu nehmen. Etwas, was ein sowieso schon wirtschaftlich und anderweitig gebeuteltes Land vor der ganzen Welt in Verruf brachte und teilweise zur Aufdeckung drohender, auch zukünftiger, unverantwortlicher Gefahren sorgte. Etwas, das in der Vertuschungs- und Aufräumphase zu Grausamkeiten ohne Beispiel geführt hat. Unwissende Menschen wurden unaufgeklärt, ungeschützt und zwangsverpflichtet in den Tod geschickt. Die Rede ist vom Supergau im AKW Tschernobyl, die Folgen und der Nachlass.


Excerpt (computer-generated)

Universität Lüneburg

Fachbereich Angewandte Kulturwissenschaften

Hausarbeit zum Thema:

Tschernobyl

,,Die kol ektive Verantwortungslosigkeit"

Zu der Vorlesung:

Alternatives Video, Gegenöffentlichkeit, politischer Dokumentarfilm:

Theorie und Geschichte

Im Sommersemester 2002













2

Inhaltsverzeichnis

Seite

1.

Einleitung

4

2.

Chronik des Störfalls im AKW Tschernobyl

7

2.1.

Der Verlauf

7

2.2.

Details und Fakten

10

2.2.1.

Recherche und Quellen

11

2.2.2.

Die Hauptthemen

11

2.2.2.1.

Vertuschung

12

2.2.2.2.

Evakuierung

14

2.2.2.3.

Liquidatoren

15

2.2.2.4.

Auswirkungen

17

3.

Dokumentation: ,,Ich bediente den Reaktor"

19

3.1.

Der Aufbau (Dokumentationsprotokoll)

20

3.1.1.

Die Personen

20

3.1.2.

Drehorte

21

3.1.3.

Themen

22

3.1.4.

Atmosphäre, Emotion

23

3.2.

Das Neue

23

3.2.1.

Stilistische Umsetzung der Dokumentation

24

3.2.2.

Objektive Berichterstattung oder Sensationshascherei?

24

4.

RASPAD ­ DER ZERFALL

25

4.1.

Der Aufbau

25

4.2.

Die Personen

26

4.3.

Drehorte

27

4.4.

Die Geschichte im Schnelldurchlauf

28

4.5.

Die Effekte, die Botschaften und versteckter Symbolismus

31

4.6.

Verdeutlichende Dialoge

32


3

5.

Gegenüberstellung von Dokumentation und Spielfilm

32

5.1.

Wie wird die Thematik aufbereitet

? 32

5.1.1.

Gibt es Gegensätzlichkeiten, Parallelen?

33

5.1.2.

Anklagen?

34

5.2.

Thema Sachlichkeit contra Emotionen

34

6.

Fazit

35

7.

Literaturverzeichnis

37


4

1. Einleitung

Der einfachste Weg, einer unergründlichen, unverstandenen Sache auf die Spur zu

kommen, ist Fragen zu stel en. Al erdings, bei einer Fül e von Fragen, wo sol man

beginnen?

Im Jahre 1986 ereignete sich etwas so Unfassbares, etwas, das die Welt für

geschätzte 24.000 Jahre ,,belasten" wird, etwas, was vertuscht werden sol te, sowohl

vor der eigenen Bevölkerung, als auch vor der ganzen Welt, etwas, wovor man Angst

hatte aber durch Planerfül ungstabel en gezwungen war, in Kauf zu nehmen. Etwas,

was ein sowieso schon wirtschaftlich und anderweitig gebeuteltes Land vor der

ganzen Welt in Verruf brachte und teilweise zur Aufdeckung drohender, auch

zukünftiger, unverantwortlicher Gefahren sorgte. Etwas, das in der Vertuschungs-

und Aufräumphase zu Grausamkeiten ohne Beispiel geführt hat. Unwissende

Menschen wurden unaufgeklärt, ungeschützt und zwangsverpflichtet in den Tod

geschickt. Die Rede ist vom Supergau im AKW Tschernobyl, die Folgen und der

Nachlass.

Mittlerweile ist diese Episode der Geschichte Vergangenheit, ein Abschnitt in

neueren Geschichtsbüchern und - unfreiwil ig - zu einer Art Schlagwort geworden,

wie vorher Hiroshima und Nagasaki oder danach das Muroa Atol . Die menschliche

Natur beschäftigt sich mit al en Dingen, die mit den fünf Sinnen erfassbar sind. Wir

haben längst den Sinn dafür verloren, Dinge zu ahnen, zu spüren oder zu wittern.

Tiere wittern Gefahr, spüren durch irgendeinen Mechanismus defekte Gene auf, die

ein Artgenosse in sich trägt und zur Fortpflanzung untauglich macht. Diese Gabe

besitzen wir nicht mehr. Wir sind degeneriert und darum weigern wir uns auch, nicht

sichtbare Gefahren, wie Viren oder Strahlung ernst zu nehmen. Schäden sind nicht

eminent oder evident sichtbar wie bei einer Fleischwunde. Sie zerfrisst uns von

innen, langsam und unmerklich - aber was ich nicht sehe, macht mir keine Angst.

Wäre ein Virus so groß wie eine Kokosnuss, wir würden uns durch Sterilität

schützen, es mit al er Macht bekämpfen und ausrotten, zumindest rein hypothetisch.

Ähnlich verhält es sich mit der Strahlung. Man kann Strahlung zwar sichtbar machen

aber man kann sich nicht auf die Lauer legen und sie einfangen und erlegen. Es wird

also frei nach der Devise gehandelt, was ich nicht weiß (sehe), macht mich nicht

heiß.


5

Die ersten Erkenntnisse über die Strahlung, die Eindruck machten, waren die des

Ehepaares Curie. Damals war die Gefahr, die von einer Überdosis Strahlung

ausgeht, noch nicht erforscht. Man war überglücklich, nun Menschen behandeln zu

können, an Hand von Röntgenbildern komplizierte Knochenbrüche richten zu können

und so weiter, die Medizin wart revolutioniert. So war es auch mit den weiteren

Entdeckungen in diesem Feld, die zu der Spaltung eines Atoms führten, die letztlich

die Basis der Kernkraft bildet.

Dass da, wo gehobelt wird, auch Späne fal en, interessiert nur eine Minderheit,

zumeist, wenn sie dadurch direkt bedroht wird, der Rest der Welt schaltet

desinteressiert auf einen anderen TV-Kanal und ist froh, ausreichend Strom zur

Verfügung zu haben, wo der herkommt, ist unwichtig, und wie der entsteht, erst

recht. Wird jedoch die Menschheit oder weite Teile des Globusses bedroht, ist der

Aufschrei so groß, dass das Echo lange nachhal t. So geschehen im Fal

Tschernobyl.

Leider liegt es jedoch in der Natur des Menschen schnel zu vergessen. Es ist jetzt

16 Jahre her seit dem Reaktorunfal im Block 4 des AKW Tschernobyl, und es verhält

sich mit der Thematik ,,Gefahr durch Strahlung", wie mit dem AIDS - Virus, der an

öffentlichem Interesse verloren hat, genauso wie das Ozonloch. Zu finden sind diese

Themen weitestgehend auf den Internetseiten von Greenpeace oder ab und zu in

den Parteiprogrammen Umweltbewusstseinsgruppierungen. Dem großen Teil der

Weltpopulation ist das ziemlich egal.

Eine Renaissance jedoch erlebt eine verdrängte Thematik in dem Moment, wo

geheime Dokumente enthül t werden, die neue Erkenntnisse liefern über den

wirklichen Hergang einer Katastrophe. Das ist Enthül ungsjournalismus par

Excel ance. Die neu gewonnen Erkenntnisse bieten die Möglichkeit, alte Fakten

aufzubereiten und in neuer Gestalt, mit Insiderwissen gespickt, in sensationel er,

aufreißerischer Form als neu zu verkaufen. Als die UdSSR zusammenbrach, kamen

die geheimen Dokumente über den wirklichen Ablauf und die Handhabung des

Störfal s im AKW Tschernobyl ans Licht. Die Mutmaßungen, die von der

Weltöffentlichkeit und deren Experten angestel t worden waren, wurden teilweise

bestätigt und in einigen Punkten sogar in alarmierendem Masse übertroffen. Das

Thema Tschernobyl war wieder reanimiert und bahnte sich seinen Weg in die


6

Medien. Durch die Öffnung der Grenzen und dem Wegfal des Überwachungsstaates

und der Parteizensur, bot sich die Möglichkeit mit Betroffenen der Katastrophe zu

sprechen, in Sperrgebiete vorzudringen und Proben zu nehmen. Al es das, was noch

zu Sowjetzeiten undenkbar gewesen wäre. Es entstanden viele Dokumentationen

und sogar ein Spielfilm, der von Russen selbst gedreht wurde.

Diese beiden Formen der medialen Aufbereitung (Spielfilm contra Dokumentation)

von Informationsgehalten und Tatbeständen in unterschiedlicher Gestaltungsform

sol en in dieser Arbeit verglichen und strukturiert analysiert werden.

Vorab sol jedoch eine Chronik die Ereignisse wieder ins Gedächtnis rufen, die in

Verbindung mit dem bisher größten Störfal in einem AKW stehen. Wichtig im Bezug

auf diese Zusammenfassung ist die Bedeutung folgender Bereiche, die mit den neu

gewonnenen Einsichten vervol ständigt wurden. Da wären: Vertuschung,

Evakuierung, Auswirkungen, Liquidatoren und Zukunft.

Im Anschluss daran sol die von Radio Bremen stammende Dokumentation aus der

Sendereihe Film Probe: Ich habe den Reaktor bedient; Berichte einiger

Überlebender, analysiert werden. Vor al em im Bezug auf die Fragen: Wie wird mit

der Thematik umgegangen? Ist der Aufbau der Dokumentation schlüssig? Was ist an

Informationsgehalt vorhanden und wie ist dieser verarbeitet?

Darauf folgt eine Darstel ung des Spielfilms: RASPAD ­ DER ZERFALL von Vladimir

Dal aus dem Jahr 1990, der in der UdSSR gedreht wurde und ausschließlich mit

Russen besetzt ist. Auch dieser Film sol analysiert und den gleichen Fragen wie der

Dokumentation unterzogen werden.

Im letzten Abschnitt sol en beide Werke miteinander verglichen werden. Was ist in

beiden Werken zu finden? Wie unterschieden sie sich? Ist eine unterschiedliche

Herangehensweise eines ausländischen Teams merkbar im Vergleich zu der

einheimischen Darstel ungsform? Ist der Spielfilm eine Dokumentation oder fiktiv?

Das Fazit liefert dann letztlich den subjektiven Eindruck des Verfassers nach

Sichtung beider Werke und schildert die empfundenen Gefühle und Emotionen, die

beim Rezipieren auftraten.


7

2. Chronik des Störfal s im AKW Tschernobyl

2.1. Der Verlauf

26. April 1986

- Im ukrainischen "Lenin" - Atomkraftwerk Tschernobyl wird ein

Experiment gestartet: Es sol geprüft werden, wie lange die Turbine mit der

Restwärme des abgeschalteten Reaktors weiterläuft. Der Reaktor wird zuerst zur

Leistungsspitze gebracht und sol dann heruntergefahren werden. Damit der

Probelauf des Reaktors nicht unterbrochen wird, werden die Sicherheitssysteme mit

Absicht außer Funktion gesetzt.

26. April 1986, 1 Uhr, 23 Minuten, 40 Sekunden

- Es kommt zum

Turbinenstil stand. Der Kühlwasserzufluss ist eingeschränkt, die automatische

Abschaltung unterbrochen. Es entwickelt sich ein Hitzestau. Innerhalb von Sekunden

steigt die Leistung des Meilers um ein Vielfaches an. 6 Sekunden nach der

Notabschaltung ereignet sich der größte anzunehmende Unfal (GAU). Der Block 4

des Atomkraftwerkes Tschernobyl explodiert. Die 256 Arbeiter der Nachtschicht

dürfen das Kraftwerk nicht verlassen.1

Samstag, 26. April

: (...) Es gibt erste Tote und viele Verstrahlte. Eine Wolke mit

hochradioaktiven Teilchen steigt auf und treibt nach Norden. Nachrichtensperre um

das ganze Gebiet von Tschernobyl. Gerüchte vom Unglück erreichen das ca. 130 km

entfernte Kiew.2

3

1 http://www.greenpeace.de/GP_DOK_3P/HINTERGR/C02HI02.HTM (Stand vom 16.10.02)

2 Beilageheft zum Film: RASPAD ­ DER ZERFALL

3 Chernousenko, V.M.: Chernobyl ­ Insight from the Inside. Berlin 1991. Aussenband



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