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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 30 Pages
Author: Andrej Wackerow
Subject: History - 19. Century
Details
Institution/College: University of Potsdam (Historisches Institut)
Tags: Vize, Sprutz, Entlassungskandidaten-Bewegung, Militärgeschichte, Nationale Volksarmee, NVA, DDR, EK, Ek-Bewegung
Year: 2008
Pages: 30
Grade: 2,7
Bibliography: ~ 28 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-27568-7
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Abstract
Die 'EK-Bewegung' ist wohl eine der ungewöhnlichsten und auch am weitesten verbreitete sozio-kulturelle Erscheinung innerhalb der modernen Armeen des 20. Jahrhunderts. Es finden sich zwar auch innerhalb der Armeen des Warschauer Paktes und denen der NATO-Staaten vergleichbare Strukturen unter den Wehrpflichtigen1, jedoch bildet die Ausprägung der 'EK-Bewegung' in der NVA durch die Vielzahl an Gegenständen und Bräuchen ein Spezifikum, wie es unter den Armeen des 19. und 20. Jahrhunderts einzigartig ist. Die Herausbildung von Sozialistischen Soldatenpersönlichkeiten in der NVA wurde durch die als sekundäre Anpassung bekannt gewordene hierarchische Struktur der 'EK-Bewegung' oft unterwandert und zum Teil auch konterkariert. [...] Zentrales Untersuchungsthema der Arbeit wird sein, welches die Gründe waren, die die Entstehung der informellen Hierarchie unter den Wehrdienstleistenden begünstigen und wie sich diese auf den militärischen Gesamtkontext auswirkte. Was waren die Rituale, deren sich die EKs bedienten? Warum war die Zeit das zentrale Instrument der Bewegung gewesen?
Excerpt (computer-generated)
1
Universität Potsdam
Historisches Institut
HS: Einführung in die Militärgeschichte der DDR
WS 07/08
Hausarbeit
,,Der EK denkt, der Vize lenkt, der Sprutz rennt"
Die ′EK-Bewegung′ in der Nationalen Volksarmee
Andrej Wackerow
MA: Anglistik/Amerikanistik (1.HF) Geschichte (2. HF)
10. Fachsemester
2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Zum Wesen und zur Geschichte der ′EK-Bewegung′ 5
2.1 Wesen und Entstehung die sechziger Jahre 5
2.2 Die Manifestierung der ′EK-Bewegung′ die siebziger und achtziger Jahre 7
2.3 Das Ende der ′EK-Bewegung:′ 1989 1990 8
3 Rolle der ′EK-Bewegung′ im militärischen Alltag 9
3.1 Bräuche, Gegenstände und Riten 9
3.2 Der Kult um die Zeit 11
3.3 Die drei Diensthalbjahre: Sprutz, Vitze, EK 13
4 Die ′EK-Bewegung′ im Spiegel der Vorgesetzten und Offiziellen 15
4.1 Ambivalenz zwischen Entlassungskandidaten und Unteroffizieren 15
4.2 Prinzipien der Dienstverweigerung - Militärischer Ungehorsam der EK′s 18
4.3 Die Reaktion der Institutionen - Militärjustiz 20
5 Zusammenfassung 22
6 Anhang 23
6.1 Dokumente und Bilder 23
6.2 Abkürzungsverzeichnis 26
6.3 Quellen- und Literaturverzeichnis 27
3
1 Einleitung
,,
EK, EK, EK, bald bist du nicht mehr da"
1. Was sich für einen Außenstehenden wie ein
befremdlich klingender Reim anhörte, war für die Entlassungskandidaten unter den
Wehrpflichtigen der NVA ein durchaus gängiger Schlachtruf. Er beschreibt - trotz seiner
Kürze - sehr treffend die Gefühlslage der Soldaten des dritten Diensthalbjahres.
Die Geschichte der Wehrpflicht in der Nationalen Volksarmee ist eng mit der ′EK-
Bewegung′ verbunden. Bereits in den sechziger Jahren kristallisierten sich unter den, zumeist
sehr jungen Wehrpflichtigen interne Strukturen heraus, die parallel zu der militärischen
Rangordnung verliefen. Entgegengesetzt der Überzeugung in der Partei, dass die NVA
aufgrund ihres ,,Klassencharakters" einen neuen Typus von Militärorganisation hervorbringen
würde, der von Kameradschaft und sozialistischer Hilfsbereitschaft in der Arbeiter- und
Bauernarmee geprägt sein sollte und Zwistigkeiten wie in feudalen oder kapitalistischen
Armeen nicht aufkommen lassen sollte, entstanden in der NVA neben den militärischen vor
allem informelle Hierachien unter den Mannschaftsdienstgraden2. Geprägt wurden diese von
den Wehrpflichtigen des dritten DHJ, die von dem starken Wunsch getrieben wurden, die
NVA bald verlassen zu können. Nichts sehnten die Soldaten mehr herbei als ihre Entlassung
aus den oft als Gefängnis empfundenen und wegen ihrer Einöde verhassten Kasernen. Zentral
für die ′EK-Bewegung′ war die Anzahl der noch zu dienenden Tage, die den Rang innerhalb
der informellen Hierarchie bestimmte.
Die ′EK-Bewegung′ ist wohl eine der ungewöhnlichsten und auch am weitesten
verbreitete sozio-kulturelle Erscheinung innerhalb der modernen Armeen des 20.
Jahrhunderts. Es finden sich zwar auch innerhalb der Armeen des Warschauer Paktes und
denen der NATO-Staaten vergleichbare Strukturen unter den Wehrpflichtigen3, jedoch bildet
die Ausprägung der ′EK-Bewegung′ in der NVA durch die Vielzahl an Gegenständen und
Bräuchen ein Spezifikum, wie es unter den Armeen des 19. und 20. Jahrhunderts einzigartig
ist. Die Herausbildung von
Sozialistischen Soldatenpersönlichkeiten
in der NVA wurde durch
die als
sekundäre Anpassung
bekannt gewordene hierarchische Struktur der ′EK-Bewegung′
oft unterwandert und zum Teil auch konterkariert.
1
Gehler, Ralf: ,,EK, EK, EK - bald bist du nicht mehr da!" Soldatenkultur in der Nationalen Volksarmee,
Hagenow 1998 ( Schriftenreihe des Museums der Stadt Hagenow, Bd. 5), S. 20.
2
Vgl. Müller, Christian Th.: Tausend Tage bei der ,,Asche" Unteroffiziere in der NVA. Untersuchungen zu
Alltag und Binnenstruktur einer ,,sozialistischen" Armee, Berlin 2003, S. 228.
3 Vgl. Müller, Christian: Die EK-Bewegung in den Kasernen der NVA. Eine Form sekundärer Anpassung in
totalen Institutionen. In: Rogg, Matthias; Ehlert, Hans (Hg.): Militär, Staat und Gesellschaft in der DDR.
Forschungsfelder, Ergebnisse, Perspektiven, Berlin 2004, S. 576.
4
Die neuere Forschung beschäftigte sich bereits näher mit dem Thema der ′EK-
Bewegung′ und konnte durch sozio-kulturelle Untersuchungen4 bereits aufzeigen, in welchem
Ausmaß die ′EK-Bewegung′ in der NVA auftrat. Daneben bestehen noch einige
aufschlussreiche Aufsätze5 zu dem Thema, jedoch wurde die ′EK-Bewegung′ an sich noch
nicht in Form einer Monographie6 in allen ihren Facetten untersucht. Ein großer disparater
Quellenbestand mit Einträgen über die ′EK-Bewegung′ befindet sich im Bundesarchiv-
Militärarchiv (BA-MA) sowie bei der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen
der ehemaligen DDR (SAPMO-BArch). Die vorliegende Arbeit stützt sich vornehmlich auf
die gesammelten Aufsätze und Monographien sowie die Militärhandbücher der DDR7, da eine
Untersuchung der Akten, bspw. der Militärgerichtsbarkeit, den Rahmen dieser Arbeit
sprengen würden.
Zentrales Untersuchungsthema der Arbeit wird sein, welches die Gründe waren, die
die Entstehung der informellen Hierarchie unter den Wehrdienstleistenden begünstigen und
wie sich diese auf den militärischen Gesamtkontext auswirkte. Was waren die Rituale, deren
sich die EKs bedienten? Warum war die Zeit das zentrale Instrument der Bewegung
gewesen? Der erste Teil der Arbeit soll aufzeigen, wie es zur Entstehung der ′EK-Bewegung′
[2.1] kommen konnte und was die Ursachen waren, die die jungen Wehrpflichtigen
veranlassten, eine durch Symbole und Riten geprägte Struktur - die oft mit Erniedrigungen
einher ging - innerhalb der NVA zu schaffen. Im weiteren Verlauf der Arbeit soll besprochen
werden, wie sich die Strukturen der ′EK-Bewegung′ in der Hochphase der 70ger und 80ger
[2.2] verfestigen konnten und welcher Aspekt letztendlich zum Verschwinden [2.3] der ′EK-
Bewegung′ führte. Der zweite Teil der Abhandlung geht dann näher auf die innere
Beschaffenheit der ′EK-Bewegung′ ein. Es werden sowohl Bräuche und Gegenstände [3.1]
untersucht, als auch das zentrale Thema der Entlassungskandidaten der Kult um die Zeit
[3.2]. Weiterhin soll aufgezeigt werden, inwiefern die ′EK-Bewegung′ sich eigene Strukturen
schuf [3.3]. Im letzten Teil der Arbeit wird dann auf das Dienstverhältnis der EKs zu ihren
Vorgesetzten eingegangen [4.1], wobei vor allem untersucht werden soll, inwieweit sich die
Macht der EKs auf das militärische Rangverhältnis Vorgesetzter - Untergebener auswirkte
[4.2]. Die Reaktionen der Institutionen auf die ′EK-Bewegung′ bildet das Ende des Hauptteils
[4.2], um abschließend dann ein Resümee ziehen zu können [5].
4
Vgl. Gehler, Ralf: a.a.O.
5
Vgl. u.a. Müller, Christian: Die EK-Bewegung in den Kasernen der NVA.a.a.O.
6
Es liegt zur Zeit nur eine Untersuchung der Soldatensprache der DDR vor, die vor allem die Sprache EK-
Bewegung aufgreift. Es handelt sich dabei um ein Wörterbuch. Vgl. hierzu: Möller, Klaus-Peter: Der wahre E.
Ein Wörterbuch der DDR-Soldatensprache, Berlin 2000.
7 Vgl. hierzu: Wehrdienstgesetz; Handbuch Militärisches Grundwissen.
5
2 Zum Wesen und zur Geschichte der ′EK-Bewegung′
2.1 Wesen und Entstehung die sechziger Jahre
Der Mauerbau vom 13. August 1961 legte den Grundstein für die Umgestaltung der NVA.
Bereits fünf Monate später verabschiedete die Volkskammer der DDR das Gesetz über die
Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, das am 24. Januar 1962 in Kraft trat. Alle Männer
im Alter zwischen 18 und 26 Jahren wurden nun verpflichtet, einen achtzehnmonatigen
Wehrdienst abzuleisten8. Die Verfügung zum Erlass einer allgemeinen Wehrpflicht kann
jedoch nicht gleichgesetzt werden mit der Entstehung einer totalitären, zum Teil
menschenverachtenden Struktur wie der ′EK-Bewegung′. Vielmehr ist der Grund in der Art
der Durchführung des Wehrdienstes zu sehen. Zentral hierbei ist der Befehl zu
Aufrechterhaltung der Gefechtsbereitschaft von 85 Prozent, mit der eine Beschränkung der
Freizeit und der Urlaubsvergabe einhergingen9. Die Wehrpflichtigen wussten also, dass sie
mit dem Tag der Einberufung für die nächsten achtzehn Monate in ein anderes Leben
eintauchen würden, was im Gegensatz zur Vorstellung und Propaganda der SED auf wenig
Gegenliebe unter den jungen DDR-Männern stieß.
Eine Verweigerung des Wehrdienstes, selbst aus Gewissensgründen, war praktisch
nicht möglich. Der Wehrdienst war für die junge Männer in der DDR demnach die einzige
Möglichkeit, sich nicht schon in jungen Jahren die Zukunft zu verbauen10. Den Schülern der
Oberstufe wurde von ihren Lehrern stets geraten, den Wehrdienst zu leisten, selbst wenn es
mit dem eigenen Gewissen nicht zu vereinbaren war. Dies hatte vor allem damit zu tun, dass
bei der Studienplatzvergabe strengstens darauf geachtet wurde, ob der Wehrdienst
ordnungsgemäß abgeleistet wurde. So heißt es im Paragraph sieben des Wehrpflichtgesetzes
(24. Januar 1962): ,,[...]
Nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Wehrdienst sind den
entlassenen Wehrpflichtigen bevorzugt Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten zuzuweisen
11."
Bereits hier wird sehr deutlich aufgezeigt, welche Bedeutung der aktive Wehrdienst für die
spätere berufliche Laufbahn eines jeden jungen Mannes der DDR hatte.
Die ab dem Jahr 1964 eingeführte Möglichkeit, den Wehrdienst auch als Bausoldat
abzuleisten, brachte keine Verbesserung der Situation, da auch die ,,Teilverweigerung" nicht
dem Anspruch der SED an die jungen Männer der Republik genügen konnte. Die Zukunft der
8 Hagemann, Frank: Parteiherrschaft in der NVA. Zur Rolle der SED bei der inneren Entwicklung der DDR-
Streitkräfte (1956-1971), Berlin 2002, S. 150.
9 Müller, Christian: Tausend Tage bei der ,,Asche" Unteroffiziere in der NVA. a.a.O., S. 13.
10 Gehler, Ralf: a.a.O., S. 7.
11 Wehrpflichtgesetz: § 7 Abs. 5.
6
als Bausoldaten dienender Männer war - wenn auch nicht komplett zerstört - zumindest
befleckt und stand unter einem weitaus schlechteren Vorzeichen, als die der normalen
Wehrdienstleistenden.
Ausschlaggebend für die Entstehung der informellen Hierarchie unter den
Wehrpflichtigen war, dass innerhalb der achtzehn Monate des Wehrdienstes eine fast
vollständige Kasernierung vorgenommen wurde. Die Wehrpflichtigen konnten die Kaserne
selbst an den Wochenenden nicht verlassen und mussten ihre Freizeit unter militärischer
Obhut verbringen. Der nur sehr knapp gewährte Urlaub (18 Tage bei 18 Monaten
Wehrpflicht)12 trug sein Übriges zur schlechten Stimmung bei. Der Hass auf das System der
DDR und die Ablehnung gegenüber politischen und militärischen Schulungen im
Grundwehrdienst sollte über Generationen Bestand haben und durch die Weitergabe an
Traditionen einen Kultstatus annehmen.
Die ersten Züge der ′EK-Bewegung′ zeigten sich dann auch schon in der ersten
Generation der Wehrpflichtigen, wie aus einem Bericht des Ministeriums für Staatssicherheit
vom 24. Oktober 1963 hervorgeht, in dem es heißt: ,,
Ferner trugen eine Anzahl der
entlassenen NVA Angehörigen/ Grenze an ihrem Zivilanzug Schulterklappen der NVA mit
Aufschriften wie >EK< und >Heimgänger Grenze<,
[...]13". Aus soziologischer Sicht ist es
nicht verwunderlich, dass unter den kasernierten Wehrpflichtigen eine Eigendynamik
entstand, die durch den Gruppencharakter geprägt war. Alle Soldaten waren gezwungen, das
gleiche zu erleben und aus diesem Grund vornehmlich durch ein Ziel geprägt: Die Entlassung
aus dem aktiven Wehrdienst. Obwohl der Halbjahresrythmus bei der Einberufung der jungen
Männer zum Wehrdienst von der SED vorgegeben wurde, so der Nebeneffekt, die Enstehung
der ′EK-Bewegung′, gänzlich ungewollt. So konstatierte das MfS in einem weiteren Bericht
vom 13. April 1966, dass ,,
[...] in allen Truppenteilen [...] unter den zur Entlassung
stehenden NVA-Angehörigen Erscheinungen einer sogenannten EK-Bewegung [auftreten]
14."
Deutlich wird aus dem Bericht, dass sich zu diesem Zeitpunkt der Begriff ′EK-Bewegung′
bereits unter den Offiziellen verbreitet hatte und dass ein flächendeckendes Phänomen wie
dieses Anlass zur Sorge geben musste.
Da in jedem Frühjahr und Herbst ein neuer Jahrgang eingezogen wurde und auf den
Stuben der Kasernen alle drei Diensthalbjahre zusammenlebten, kristallisierte sich bald eine
interne Hierarchie heraus. Diese Hierarchie verband alle Wehrpflichtigen, obwohl sie, wie
sich noch zeigen wird, für das erste DHJ mit erheblichen Repressionen verbunden war. Um
12 Gehler, Ralf: a.a.O., S. 9.
13
Zitiert aus: Müller, Christian: Die EK-Bewegung in den Kasernen der NVA.a.a.O., S. 561.
14 Zitiert aus: Ebd.: S. 561.
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