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Analogien zwischen Geschlecht und Skulptur bei Lynda Benglis

Termpaper, 2007, 24 Pages
Author: Magister Artium Philipp Blum
Subject: Art - Sculpture / Plastics

Details

Category: Termpaper
Year: 2007
Pages: 24
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 16  Entries
Language: German
Archive No.: V122687
ISBN (E-book): 978-3-640-26524-4


Abstract

In dieser Hausarbeit möchte ich mich mit den Wechselwirkungen zwischen theoretischer Kunstreflexion und praktischer Kunstausübung am Beispiel von Lynda Benglis „Polyurethanskulpturen“1 und einigen Vorformen dieser auseinandersetzen. Ausgangsthese dieser Arbeit ist, dass sich Bedeutung in der gegenwärtigen Kunst in erster Linie über einen reflexiven, theoretischen Zugang erschließen lässt, weswegen ein naives Betrachten von Kunst heute – solange es an dem Erkennen objektiver Bedeutung orientiert ist – scheitern muss, da solche Prozesse einer Bedeutungskonstruktion, die auf eine Eindeutigkeit – ferner einen sinnfälligen Appell an eine außerästhetische Wirklichkeit des Kunstwerks – der Bedeutung abzielen, nicht länger aktuell sind. Schon der Versuch einer unfassenden Einordnung der Kunst nach 1960, die oft mit dem Begriff postmodern etikettiert wird, zeigt die Schwierigkeiten auf, die der Umgang mit „postmoderner Kunst“ bereitet. Beschreibt der Begriff „postmodern“ doch in erster Linie eine geistesgeschichtliche Strömung soziologischer und philosophischer Provenienz, die erst sekundär über die Semiotik zum Mittel der Kunstreflexion geworden ist. Um Missverständnisse auszuräumen: Es wird hier kein Zweifel an der Charakterisierung einer Kunst als postmodern geäußert; im Gegenteil, eine solche Charakterisierung wird hier ausdrücklich bejaht: einerseits, weil nicht nur die postmoderne Geisteshaltung, sondern auch die Kunst nach 1960 im Allgemeinen wie auch das Werk Benglis’ im Speziellen das Festhalten an Eindeutigkeiten negiert; andererseits, weil eine solche Zuschreibung die Verschränkung theoretischer Perspektiven mit Kunstwerken und deren Wechselwirkungen vorführt. [...] Im Einzelnen möchte ich zunächst Lynda Benglis und eine Auswahl ihrer Arbeiten in Polyurethan vorstellen und anschließend über die Gender Studies einen Bedeutung konstruierenden, theoretischen Zugang zu erarbeiten, indem ich vertieft auf die Theorie Judith Butlers eingehen werde. Zunächst erscheint es mir jedoch sinnvoll den zeitlichen Rahmen in der die zu thematisierenden Arbeiten Lynda Benglis’ entstanden sind – auch geistesgeschichtlich – näher zu beschreiben. [...]


Excerpt (computer-generated)

Philipps Universität Marburg

Fachbereich 09: Germanistik und Kunstwissenschaften

Institut für Kunstgeschichte

Se.: Dinge und Undinge

Wintersemester 06/07

Analogien zwischen Geschlecht und Skulptur

bei Lynda Benglis




Philipp Blum

9. Semester Kunstgeschichte Magisternebenfach


Analogien zwischen Geschlecht und Skulptur bei Lynda Benglis

2

Inhalt

1.

Einleitung

Seite

03

2.

Neue Kunst und neues Denken ­ Was ist ,,Postmoderne Kunst"?

Seite 04

2.1 Zwischen Beliebigkeit und Pluralität ­ Postmoderne oder postmodern Seite 05

2.2 Zuschreibung oder Gehalt ­ Was ist postmoderne Kunst?

Seite 06

3.

Zwischen Skulptur und Malerei ­ Lynda Benglis

Seite 08

3.1 Reflexionen des Materials ­ Farbe und Polyuritan

Seite 09

3.2 Erschüttung der Form als Erschütterung der Form

Seite 10

3.3 Sex/Genderaspekte in Benglis Kunst

Seite 11

3.4 Kunstform Frau ­ Benglis und Feminismus

Seite 15

4.

Theoretischer Zugang: Dekonstruktion nach Judith Butler

Seite 16

4.1 Die Macht des Diskurses ­ Foucaults Einfluss auf Butler

Seite 17

4.2 Dekonstruktion des Geschlechts nach Judith Butler

Seite 18

4.3 Analogien zwischen Geschlecht und Skulptur bei Benglis und Butler Seite 20

5.

Fazit

Seite

21

Literatur

Seite

22

Internetquellen

Seite

23


Analogien zwischen Geschlecht und Skulptur bei Lynda Benglis

3

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit möchte ich mich mit den Wechselwirkungen zwischen theoretischer

Kunstreflexion und praktischer Kunstausübung am Beispiel von Lynda Benglis

,,Polyurethanskulpturen"1 und einigen Vorformen dieser auseinandersetzen. Ausgangsthese

dieser Arbeit ist, dass sich Bedeutung in der gegenwärtigen Kunst in erster Linie über einen

reflexiven, theoretischen Zugang erschließen lässt, weswegen ein naives Betrachten von

Kunst heute ­ solange es an dem Erkennen objektiver Bedeutung orientiert ist ­ scheitern

muss, da solche Prozesse einer Bedeutungskonstruktion, die auf eine Eindeutigkeit ­ ferner

einen sinnfälligen Appell an eine außerästhetische Wirklichkeit des Kunstwerks ­ der

Bedeutung abzielen, nicht länger aktuell sind. Schon der Versuch einer unfassenden

Einordnung der Kunst nach 1960, die oft mit dem Begriff postmodern etikettiert wird, zeigt

die Schwierigkeiten auf, die der Umgang mit ,,postmoderner Kunst" bereitet. Beschreibt der

Begriff ,,postmodern" doch in erster Linie eine geistesgeschichtliche Strömung soziologischer

und philosophischer Provenienz, die erst sekundär über die Semiotik zum Mittel der

Kunstreflexion geworden ist. Um Missverständnisse auszuräumen: Es wird hier kein Zweifel

an der Charakterisierung einer Kunst als postmodern geäußert; im Gegenteil, eine solche

Charakterisierung wird hier ausdrücklich bejaht: einerseits, weil nicht nur die postmoderne

Geisteshaltung, sondern auch die Kunst nach 1960 im Allgemeinen wie auch das Werk

Benglis′ im Speziellen das Festhalten an Eindeutigkeiten negiert; andererseits, weil eine

solche Zuschreibung die Verschränkung theoretischer Perspektiven mit Kunstwerken und

deren Wechselwirkungen vorführt.

Während das gewohnte Bild einer Kunstepoche neben einer geistes- und/oder

gesellschaftsgeschichtlichen Strömung (es gibt keine barocke Philosophie, wohl aber eine

Philosophie im Zeitalter des Barock) bis zu den zahlreichen Ismen der klassischen

Avantgarden bestand hatte, die ihrerseits meist mit eigenem theoretischen Manifest

aufwarteten, zeigt sich für die darauf folgende Kunst häufig eine Tendenz zur Verbundenheit

von allgemein theoretisch philosophischen Strömungen und den eigentlichen Kunstobjekten

wie es eben in der Phrase von der postmodernen Kunst2 zum Ausdruck kommt. Trotz aller

Problematik und Unschärfe, die sich mit dem Begriff der Postmoderne verbindet soll hier

1 Die Identifikation von Benglis Polyurethanarbeiten als Skulptur ist hier als eine vorläufige Hilfsbeschreibung aufzufassen,

inwiefern sich Benglis Arbeiten überhaupt in das klassische Gattungsgefüge aus Malerei, Skulptur und Architektur

integrieren lassen oder diese gewohnten Begrifflichkeiten nicht nur im Zusammenhang ihres Schaffens obsolet werden wird

im folgenden noch zu besprechen sein.

2 Die Bezeichnung einer postmodernen Kunst soll keine Epochenzuschreibung anzeigen, sondern dient hier

vorläufig in erster Linie jene Kunst deren Entstehung nach den klassischen Avantgarden erfolgte zu

subsumieren.


Analogien zwischen Geschlecht und Skulptur bei Lynda Benglis

4

nicht auf seine Anwendung verzichtet werden, nähere Angaben zur Orientierung und

Anwendung dieses Begriffs sowie die Motivation seiner Verwendung für diese Hausarbeit

sollen im folgenden Kapitel geklärt werden.

Einschränkend möchte ich bereits an dieser Stelle erklären, dass es hier weder um eine

makroperspektivische Analyse der gegenwärtigen Kunst, bzw. der der jüngsten

Vergangenheit gehen soll und noch viel weniger um den Wahnwitz eines Versuchs

allgemeingültige Schlüsse aus der Betrachtung einer einzelnen Künstlerin zu ziehen. Es geht

aber ferner auch nicht darum, in den Scheuklappen einer werksimmanenten Analyse verhaftet

zu bleiben. Natürlich ist ein solcher Blick nicht sehr umfassend oder auch nur im Ansatz

absolut und erhebt demnach auch nicht den Anspruch den angedeuteten Themenkreisen in

einer absoluten Gänze gerecht zu werden. In dieser Konsequenz und unter Bezug auf das

eingangs gesagte, soll Folgendes dieser Arbeit als eine mögliche Betrachtung unter vielen

verstanden werden, allerdings ohne einer Beliebigkeit Vorschub zu leisten, die der

postmodernen Pluralität gerne zum Vorwurf gemacht wird.

Im Einzelnen möchte ich zunächst Lynda Benglis und eine Auswahl ihrer Arbeiten in

Polyurethan vorstellen und anschließend über die Gender Studies einen Bedeutung

konstruierenden, theoretischen Zugang zu erarbeiten, indem ich vertieft auf die Theorie Judith

Butlers eingehen werde. Zunächst erscheint es mir jedoch sinnvoll den zeitlichen Rahmen in

der die zu thematisierenden Arbeiten Lynda Benglis′ entstanden sind ­ auch

geistesgeschichtlich ­ näher zu beschreiben.

2.

Neue Kunst und neues Denken ­ Was ist ,,Postmoderne Kunst"?

In diesem Kapitel möchte ich mich dem Gegenstand dieser Hausarbeit von zwei Seiten

nähern: In der Einleitung ­ wie auch im Titel dieses Kapitels ­ wurde der nicht unumstrittene

Begriff

postmodern

verwendet. Dieser Begriff erfreut sich nun schon einige Weile einer

gewissen Konjunktur in den Geistes- und Sozialwissenschaften und hat auch ausgehend von

der Literaturwissenschaft die Kunstgeschichte nicht unberührt gelassen.3 Dabei muss bestätigt

werden, dass die klassifizierende Bezeichnung postmodern häufig analytisch unscharf und

nicht selten beliebig angewendet worden ist und mitunter angewendet wird. Dementsprechend

soll einer solchen Zuschreibung vorbeugend in einem ersten folgenden Unterkapitel der

3 Vgl.

Welsch

, Wolfgang:

Unsere postmoderne Moderne

; Akademie Verlag; 6. Auflage; Berlin, 2002; Seite 9


Analogien zwischen Geschlecht und Skulptur bei Lynda Benglis

5

Begriff, seine Anwendbarkeit auf das Gebiet der Kunstgeschichte und seine konkrete

Verwendung in dieser Arbeit vorgestellt werden.

Darauf folgend möchte ich noch einmal explizit den Anwendungsbereich des Begriffs

in der bildenden Kunst beschreiben und erste Entwicklungen der Kunst nach 1960 vorstellen,

denen dieser Begriff zugedacht worden ist.

2.1

Zwischen

Beliebigkeit

und

Pluralität ­ Postmoderne oder postmodern

Vorab drängt sich eine weitere Unterscheidung auf: zwischen einem
diffusen und einem präzisen Postmodernismus. Der diffuse ist der
grassierende. Seine Spielarten reichen von wissenschaftlichen
Universal-Mixturen in Lacan-Derrida-Tunke bis zu aufgedrehten
Beliebigkeits-Szenarien chicer Kulturmode.

4

Dieses Zitat soll über die Problematik, die sich mit der Verwendung des Begriffs postmodern

ergibt, Auskunft geben. Tatsächlich ist nicht selten die Verwendung des Begriffs Postmoderne

mit einem Epochenanspruch verknüpft, doch wie Welsch aber bereits eingangs seines Buches

erklärt, und dieser Haltung schließe ich mich an, übernimmt sich der Begriff mit diesem

Anspruch zweifelsfrei. Nicht nur ­ wie es bei Welsch zu lesen ist ­ wegen seiner Gehalte, die

nicht einfach jenseits der Moderne stehen5, sondern weil seine Gehalte selbst einer so

perspektivierenden Entität wie einer Epoche radikal entgegenstehen. Trotzdem ich mich

Welsch anschließe und mich in diesem Kapitel vorrangig auf ihn beziehen werde, sei an

dieser Stelle bereits verraten; es wird und soll ohne Derrida und Lacan ­ zumindest indirekt ­

nicht gehen.

Zunächst allerdings ­ nicht zuletzt um eben jener angesprochenen Diffusion

vorzubeugen ­ erscheint es jedoch sinnvoll den Begriff der Postmoderne näher zu beschreiben

und zu präzisieren. Der Begriff postmodern wird als Reflexion der Verfasstheit moderner

(westlicher) Gesellschaften aufgefasst, und diese Verfasstheit äußert sich in der Pluralität von

Bedeutungen. Anstelle der einen Wahrheit treten differente Betrachtungen Grenzen von

Realität und Virtualität erscheinen zunehmend weniger klar und verschwommen.

Postmoderne ist in dieser ersten Annäherung nicht als eine Erfindung, die diese Pluralität

generiert, sondern der Modus unter der diese reflektiert werden kann. Umso mehr erscheint

Postmoderne als Konzeption nicht der Verengung sondern als Potenzierung von Bedeutung.

Postmoderne soll in dieser Arbeit also ­ nach Welsch ­ als Verfassung radikaler Pluralität

verstanden werden. Radikal deshalb, weil die zu beschreibende Pluralität noch jeden Rahmen

4 Ebd. Seite 2. (Welsch bezieht sich in der Charakterisierung des diffusen Postmodernismus eigener Angabe zu Folge auf den

Artikel ,,

Lacancan und Derridada. Über die Frankolatrie in den Kulturwissenschaften

" von Klaus Laermann).

5 Vgl. ebd. Seite 1.



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