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Grenzgänge über Gibraltar

Untertitel: Die Fiktionalisierung des Fremden in den "Cartas marruecas"

Seminararbeit, 2007, 20 Seiten
Autor: Theresa Zuschnegg
Fach: Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Details

Veranstaltung: Cadalso und die spanische Aufklärung
Institution/Hochschule: Karl-Franzens-Universität Graz (Romanistik)
Tags: Grenzgänge, Gibraltar, Cadalso, Aufklärung
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2007
Seiten: 20
Note: Gut
Literaturverzeichnis: ~ 12  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V122693
ISBN (E-Book): 978-3-640-26532-9
ISBN (Buch): 978-3-640-26539-8

Zusammenfassung / Abstract

Im 18. Jahrhundert wurde der spanische Nation, die einst zu den größten Europas gehörte, immer deutlicher bewusst, dass sie eine Außenseiterposition innerhalb des Okzidents eingenommen hatte. Spanien befand sich in einer Stagnation, durch die es nur durch ein Umdenken herauszuführen war. Ein Umdenken, das in ganz Europa zwar in einer viel radikaleren Form umgesetzt wurde als auf der iberischen Halbinsel, das aber trotzdem maßgebend für eine neue Positionierung Spaniens verantwortlich war. So setzte sich auch José Cadalso y Vázquez für ein fortschrittliches Spanien ein, das aber nach wie vor seine ganz spezielle Mentalität wahren sollte – ein Seiltanz zwischen Traditionalismus und französischem Gedankengut. In seinem Werk Cartas marruecas versuchte er seine Landsleute aus einem Jahrhundertschlaf wachzurütteln und griff wie sein französischer Vorgänger, Charles de Secondat Montesquieu, in dieser neuen literarischen Gattung zu einem bisher unbekannten rhetorischen Mittel: Das Fremde als Kritikerinstanz. In der Epoche der Aufklärung begann man sich ernsthaft mit fremden Kulturen in der Literatur auseinanderzusetzen. Dem Fremden wurde erstmals das Fantastische und Irreale genommen und man versuchte nach dem Hervorkommen der Empirie wissenschaftlich an die Kulturforschung heranzugehen und sie kritisch zu beobachten. Das Fremde, das zum Spiegel des Eigenen wird, soll im Folgenden behandelt werden. Was macht die Faszination am Fremden aus und inwiefern wird deren Einzug in die Literatur als rhetorisches Mittel gehalten? Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die Umsetzung in der Sprache gelegt. Welche Stereotypen sind enthalten und was bewirken sie beim Leser? Was will Cadalso bewirken? Wo wird die Autorenintention besonders sichtbar? Neben diesen Fragestellungen soll auch die Dichotomie des Fremden behandelt werden. Es ist an dieser Stelle anzumerken, dass sich die Arbeit bei vielen Punkten auf Theorien des Postkolonialismus und der Systemtheorie stützt.


Textauszug (computergeneriert)

Grenzgänge über Gibraltar
Die Fiktionalisierung des Fremden in den
Cartas marruecas

vorgelegt von
Theresa ZUSCHNEGG


Inhaltsverzeichnis

Einleitung 3

1. Das Fremde 4

1.1. Definition des Fremden 4

1.2. Die Rolle des Fremden in der Identitätsbildung oder das Eigene 4

1.3. Das Fremde in der Aufklärung 5

1.4. Leseverständnis fremder Texte 6

2. Erzähltheoretische Rahmung der Cartas marruecas 7

2.1. Ein didaktischer Briefroman 7

2.2. Die Sprachrohrfunktion Gazels 7

2.3. Cadalsos Versuch einer Irreführung 8

2.4. El justo medio. Der Objektivitätsanspruch in den Cartas marruecas. 9

3. Der ,,fremde Blick" 10

3.1. Die Positionierung 10

3.2. Transportierung des Fremden durch die Sprache 11

3.2.1. Verwendung von Artikel und Demonstrativpronomen

11

3.2.2. Personalpronomen und Possessivpronomen

11

3.2.3. Sprachliche Darstellung der räumlichen Distanz

11

3.2.4. Die Benennung des Fremden

12

3.2.5. Schreibstil und Lexik

13

3.2.6. Sprachlosigkeit des Fremden

13

3.3. Stereotypen 14

3.3.1. Versuch einer Definition

14

3.3.2. Funktion der Stereotypen

14

3.3.3. Die Stereotypen in den Cartas marruecas

15

3.3.4. Montesquieus Klimatheorie

16

3.4. Hybridität 16

Zusammenfassung 18

Bibliografie 19

2


Einleitung

Im 18. Jahrhundert wurde der spanische Nation, die einst zu den größten Europas gehörte, immer deutlicher bewusst, dass sie eine Außenseiterposition innerhalb des Okzidents eingenommen hatte. Spanien befand sich in einer Stagnation, durch die es nur durch ein Umdenken herauszuführen war. Ein Umdenken, das in ganz Europa zwar in einer viel radikaleren Form umgesetzt wurde als auf der iberischen Halbinsel, das aber trotzdem maßgebend für eine neue Positionierung Spaniens verantwortlich war. So setzte sich auch José Cadalso y Vázquez für ein fortschrittliches Spanien ein, das aber nach wie vor seine ganz spezielle Mentalität wahren sollte ­ ein Seiltanz zwischen Traditionalismus und französischem Gedankengut. In seinem Werk

Cartas marruecas

versuchte er seine Landsleute aus einem Jahrhundertschlaf wachzurütteln und griff wie sein französischer Vorgänger, Charles de Secondat Montesquieu, in dieser neuen literarischen Gattung zu einem bisher unbekannten rhetorischen Mittel: Das Fremde als Kritikerinstanz.

In der Epoche der Aufklärung begann man sich ernsthaft mit fremden Kulturen in der Literatur auseinanderzusetzen. Dem Fremden wurde erstmals das Fantastische und Irreale genommen und man versuchte nach dem Hervorkommen der Empirie wissenschaftlich an die Kulturforschung heranzugehen und sie kritisch zu beobachten. Das Fremde, das zum Spiegel des Eigenen wird, soll im Folgenden behandelt werden. Was macht die Faszination am Fremden aus und inwiefern wird deren Einzug in die Literatur als rhetorisches Mittel gehalten? Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die Umsetzung in der Sprache gelegt.

Welche Stereotypen sind enthalten und was bewirken sie beim Leser? Was will Cadalso bewirken? Wo wird die Autorenintention besonders sichtbar? Neben diesen Fragestellungen soll auch die Dichotomie des Fremden behandelt werden. Es ist an dieser Stelle anzumerken, dass sich die Arbeit bei vielen Punkten auf Theorien des Postkolonialismus und der Systemtheorie stützt.

3


1 Das Fremde

In den

Cartas marruecas

stößt man auf zwei Kulturen, die sich mehr nicht unterscheiden können; auf der einen Seite die arabische, orientalische und auf der anderen die europäische, okzidentale. Die Begegnung von zwei Kulturen bringt auch automatisch die Begegnung mit dem, für die ,,Eigenkultur", Fremden mit sich. Man stößt auf fremde Wertesysteme, fremde Denk- und Handlungsmuster und auch auf Stereotypen.

1.1 Definition des Fremden

Mit

fremd

können Differenzen, Distanzen, Verschiedenheiten, etc. ausgedrückt werden. Das Bedeutungspotential ist aber dennoch unerschöpflich. (Im Deutschen wird je nach verwendetem Artikel ein Unterschied in der Semantik festgemacht: der Fremde, die Fremde, das Fremde.) Im Spanischen trifft man auf das Begriffspaar

extranjero

und

forastero

um einen Fremden zu bezeichnen. Dies geschieht nicht zufällig ­ mit der Wahl des einen oder des anderen Begriffs nimmt der Sprecher bereits eine Kategorisierung vor. So ist

extranjero

ein Derivat des Adjektivs

extraño

und entspricht unter anderem dem Deutschen

sonderbar

oder

befremdlich

, wohingegen das spanische

fuera

übersetzt

außerhalb

bedeutet. Das

fuera

scheint also näher bei der subjektiven Wahrnehmung angesiedelt zu sein, da es auf eine Distanz hinweist und einen weniger wertenden Charakter trägt. Verfolgt man die Etymologie der beiden Wörter lässt sich schon früh dieser feine Bedeutungsunterschied festmachen. span.

extraño

> lat.

extraneus

(von außen kommend, fremd)1 span. fuera > lat. foras (draußen) > griech. > ai.

dvár

(Tür)2 An dieser Stelle ist auch die lateinische Entsprechung

foris

für Tür, Türflügel unter Betracht zu ziehen.

Durch die jeweilige Verwendung des einen oder anderen Begriffs ­

extranjero

oder

forastero

­ liegt bereits eine Bewertung der Verschiedenheit vor ­ Fremde kann folglich sowohl positiv als auch negativ konnotiert werden.3 Es ist hierzu allerdings anzumerken, dass das Fremde meist als das Schlechtere gewertet und im schlimmsten Fall abgelehnt wird.

1.2 Die Rolle des Fremden in der Identitätsbildung oder das Eigene

Identität ­ ob kulturelle oder subjektive ­ wird stets neu konstruiert. Menschen imaginieren sich ständig und nehmen immer wieder neue Rollen an, sei es bezüglich Geschlecht, Alter, Nation, Interessen, etc. Diese Identitätskonstruktionen nimmt man auch als das

Eigene

wahr und kann somit als Kontrastbegriff zum

Fremden

gesehen werden. Setzt man sich nun nicht mit dem

Fremden

auseinander, vermeidet man gleichzeitig die Reflexion über das

Eigene

, also über vorgegebene Wertesysteme, Traditionen, usw. Durch dieses Nichthinterfragen kommt es zur Einengung des Bewusstseinshorizonts, zur Bildung eines ausgeprägten Wir-Gefühls in der Gemeinschaft und schlussendlich, in kultureller Hinsicht, zur Stagnation.

1 Vgl. Stowasser 1997, S. 198.
2 Vgl. Diccionario crítico etimológico castellano e hispánico 1980, S. 970f.
3 Vgl. Krusche 1985: Literatur und Fremde, S. 13.

4


1.3 Das Fremde in der Aufklärung

Gerade das christliche Abendland mit dessen antiken Traditionssträngen zeichnet sich durch extreme Selbstbezogenheit aus. Es wird als Kulturraum von enormer Konsistenz und Grenzschärfe wahrgenommen. Der Begriff Europa hat sich in der Weltgeschichte von den Rändern Europas her geschärft.4 Vor allem in der europäischen Aufklärung fiel das ,,Motiv der kulturellen Fremde"5 in der Literatur auf fruchtbaren Boden. Durch die Neuordnung des ,,Seins" hat man im 18. Jahrhundert die Aufgabe des Menschen in der Welt neu geformt. Kant, Montesquieu und Voltaire haben die einheitliche Abstammung der Menschen behauptet. Man sah sich das erste Mal mit dem Phänomen ,,Rasse" konfrontiert und man hat auch versucht den Begriff physiognomisch und anthropologisch auszudeuten.

Außereuropa ist für den aufgeklärten Denker immer interessanter geworden. Die Ambivalenz von Utopie und Allotopie wurde zum großen Kuriosum im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts. Ausgehend von der Wiege der Aufklärung, England, erfreute sich der utopische Roman einer großen Beliebtheit. Als berühmtester ist wohl Daniel Dafoes

Robinson Crusoe

zu nennen, der auf dem Festland sofort zahlreiche Nachahmungen fand, und sogar eine Untergattung, die Robinsonaden bildete. Neben dem utopischen Roman machte man die Reiseliteratur Ende des 17. Jahrhunderts zur großen Mode in Europa. Man erkannte, dass Europa längst nicht das Hochkulturenmonopol innehat, sondern dass es auch andere Kulturen gab, die ebenfalls nach ethischen Prinzipien handeln und durchaus Anerkennung und vor allem Beschäftigung mit jenen verdienen. Die Aufklärer machten sich also bereits die für sie noch unbekannte Systemtheorie, die sich der größten Popularität in der Postmoderne erfreute, zu Nutze.

Fremde ist keine Eigenschaft, die ein Objekt für ein betrachtendes Subjekt hat; sie ist ein Verhältnis, in dem ein Subjekt zu dem Gegenstand seiner Erfahrung und Erkenntnis steht.6

4 Vgl. Krusche 1985, S. 15.
5 Ebda. S 24.
6 Ebda. S. 13.

5



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