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Bachelor Thesis, 2008, 47 Pages
Author: Theresa Zuschnegg
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Graz (Germanistik)
Tags: Demaskierung, Bewusstseins, Komödie, Aussicht, Volksstück, Italienische, Nacht, Seminar, Volksstück
Year: 2008
Pages: 47
Grade: Gut
Bibliography: ~ 32 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-26979-2
ISBN (Book): 978-3-640-26850-4
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Abstract
Gegenstand dieser Arbeit sind die zwei frühen Werke Ödön von Horváths Zur schönen Aussicht und Italienische Nacht, die auf die „Demaskierung des Bewusstseins“ hin untersucht werden. In einem kurzen allgemeinen Teil wird auf vom Autor angewandte Mittel wie etwa Dialogtechnik, Kitsch, Bildungsjargon und das Bemühen um Individualität, welche zu einem Demaskierungsprozess führen eingegangen. Danach wird jedes Werk zur besseren Übersicht einzeln behandelt und eben genannte Punkte werden erneut, dieses Mal werkspezifisch, betrachtet. Hierzu wird mit Zitaten aus den Stücken gearbeitet, um die Theorien aus dem allgemeinen Teil zu stützen, zu untermalen und plastischer darzustellen. Es wurde außerdem für wichtig erachtet, zum besseren Verständnis der geschichtlichen und soziologischen Verhältnisse der Zeit, den Werkhintergrund zu berücksichtigen – vor allem für das Volksstück Italienische Nacht macht dies Sinn. Titel, Szenentitel und Handlungsanweisungen für die Figuren werden untersucht, um auch dort das Autorenbewusstsein hervorzuheben. Das Hauptaugenmerk der Arbeit liegt dennoch auf den Figurenanalysen, wo die verschiedenen Bewusstseinsausprägungen der wichtigsten Charaktere dargelegt werden. Auch hier handelt es sich nur um eine Auswahl der signifikantesten Merkmale. In diesem Teil orientiere ich mich vor allem an den Werken Horváths komplexe Textur von Herbert Gamper und Die Uneigentlichkeit des Bewußtseins von Martin Walder. Schließlich soll Zielsetzung der Arbeit sein Parallelen zwischen den Figuren bzw. zwischen den Mitteln, die zur „Demaskierung des Bewusstseins“ führen, zu erkennen und auch darzulegen.
Excerpt (computer-generated)
Die ,,Demaskierung des Bewusstseins"
in der Komödie
Zur Schönen Aussicht
und im Volksstück
Italienische Nacht
Theresa Zuschnegg
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 4
2 ,,Demaskierung des Bewusstseins" 5
2.1 Haupt- und Nebentexte 6
2.1.1 Der Dialog 6
2.1.2 Die Stille 7
2.2 Bildungsjargon 8
2.3 Kitsch 10
2.4 Bemühen um Individualität 11
3 ,,Demaskierung" in der Komödie Zur Schönen Aussicht 13
3.1 Realistische Vorbilder, soziale Problematik und Thematik 13
3.2 Titel, Szenentexte und Handlungsanweisungen 14
3.3 Figurenanalyse 15
3.3.1 Ada, Freifrau von Stetten 15
3.3.2 Strasser 17
3.3.3 Christine 18
3.3.4 Müller 19
3.3.5 Karl 19
3.3.6 Max 20
3.3.7 Emanuel, Freiherr von Stetten 20
3.4 Bildungsjargon 21
3.4.1 Bildungszitate 21
3.4.2 Bildungssprachlicher Pathos 22
3.4.3 Fremdwörter 22
3.4.4 Klischee 23
3.4.5 Floskeln und Sprichwörter 23
3.4.6 Lyrismen 24
3.5 Kitsch 24
3.6 Auf der Suche nach Identität 25
4 ,,Demaskierung" im Volksstück Italienische Nacht 27
4.1 Soziale Problematik und geschichtlicher Hintergrund 27
4.2 Titel, Szenentexte und Handlungsanweisungen 27
4.3 Figurenanalyse 29
4.3.1 Martin 29
4.3.2 Stadtrat Ammetsberger 30
4.3.3 Karl 32
4.3.4 Anna 33
2
4.4 Bildungsjargon 34
4.4.1 Bildungszitate 34
4.4.2 Bildungssprachlicher Pathos 35
4.4.3 Fremdwörter und Idiome 35
4.4.4 Klischee 36
4.4.5 Floskeln 36
4.4.6 Kalauer 36
4.4.7 Intertexte 37
4.5 Kitsch 38
4.6 Unterdrückung der Frau 38
4.7 ,,Homo homini lupus" Freud im Volksstück Italienische Nacht 40
5 Zusammenfassung 42
6 Abkürzungsverzeichnis 43
7 Bibliografie 44
7.1 Primärliteratur 44
7.2 Materialbände 44
7.3 Texte anderer Autoren 44
7.4 Sekundärliteratur 44
7.5 Internetquellen 46
3
1 Einleitung
Gegenstand dieser Arbeit sind die zwei frühen Werke Ödön von Horváths
Zur schönen
Aussicht
und
Italienische Nacht
, die auf die ,,Demaskierung des Bewusstseins" hin
untersucht werden.
In einem kurzen allgemeinen Teil wird auf vom Autor angewandte Mittel wie etwa
Dialogtechnik, Kitsch, Bildungsjargon und das Bemühen um Individualität, welche zu einem
Demaskierungsprozess führen eingegangen. Danach wird jedes Werk zur besseren
Übersicht einzeln behandelt und eben genannte Punkte werden erneut, dieses Mal
werkspezifisch, betrachtet. Hierzu wird mit Zitaten aus den Stücken gearbeitet, um die
Theorien aus dem allgemeinen Teil zu stützen, zu untermalen und plastischer darzustellen.
Es muss an dieser Stelle allerdings gesagt werden, dass es sich nur um eine kleine Auswahl
von den sprechendsten und aussagekräftigsten Zitaten handelt, denn alles andere würde
den Rahmen dieser Arbeit sprengen.
Es wurde außerdem für wichtig erachtet, zum besseren Verständnis der geschichtlichen und
soziologischen Verhältnisse der Zeit, den Werkhintergrund zu berücksichtigen vor allem für
das Volksstück
Italienische Nacht
macht dies Sinn.
Als nächsten Schritt werden Titel, Szenentitel und Handlungsanweisungen für die Figuren
untersucht, um auch dort das Autorenbewusstsein hervorzuheben.
Das Hauptaugenmerk der Arbeit liegt dennoch auf den Figurenanalysen, wo die
Bewusstseins der wichtigsten Charaktere dargelegt werden. Auch hier handelt es sich nur
um eine Auswahl der signifikantesten Merkmale. In diesem Teil orientiere ich mich vor allem
an den Werken
Horváths komplexe Textur
von Herbert Gamper und
Die Uneigentlichkeit des
Bewußtseins
von Martin Walder.
Das Kapitel
Auf der Suche nach Identität
ist speziell auf die Komödie
Zur schönen Aussicht
ausgerichtet, wo der Aspekt des Identitätsverlustes der Figuren besonders untersucht wird.
Ebenso stehen die Kapitel
Die Unterdrückung der Frau
und
,,Homo homini lupus"
für das
Volksstück
Italienische Nacht
für die, für dieses Werk, gesonderte Untersuchung dieser
Problemstellungen. Schlussendlich soll aber auch Zielsetzung der Arbeit sein, Parallelen
zwischen den Figuren bzw. zwischen den Mitteln, die zur ,,Demaskierung des Bewusstseins"
führen, zu erkennen und auch darzulegen.
4
2 ,,Demaskierung des Bewusstseins"
,,Ich habe kein anderes Ziel als wie dies: Demaskierung des Bewußtseins."1, hebt Horváth in
seiner
Gebrauchsanweisung
hervor und lässt diesen Satz zur höchsten Maxime in seinem
dramatischen Werk werden. Er will nicht als Satiriker und schon gar nicht als Parodist gelten
denn Parodie hat für ihn mit ,,Dichtung gar nichts zu tun"2 und kann aus seiner Sicht nur als
,,ganz billiges Gefallmittel" (Mat.GLH, 15) gesehen werden; er nimmt sich selbst viel mehr als
Chronist seiner Zeit wahr. Einer Zeit, die von ,,asozialen Triebe[n]" (s.GW, 661) und
Bestialität im Volk beherrscht wird. Der Begriff ,,Volk" ist bei Horváth mit ,,Kleinbürgertum"
gleichzusetzen. In den frühen dreißiger Jahren existieren die alten Standesgrenzen nicht
mehr der Begriff ,,Kleinbürgertum" wird zu einem Sammelbecken, egal ob aufstrebender
Proletarier oder Kleinadeliger, nach Horváth machen neunzig Prozent des deutschen Volkes
das Kleinbürgertum aus (vgl. s.GW, 662).
Gemeinsam ist ihnen ihre unerbittliche, bestialische Triebnatur, ihr Egoismus, ihre
ökonomisch
fatale
Situation
bedingt
durch
die
Zwischenkriegszeit
und
die
Weltwirtschaftskrise, die sie in ihrer Raffgier und ihrem ewigen Emporstreben über Leichen
gehen lässt und auch ihre Verführbarkeit. Gerade diese unheilvolle Lage ist für Horváths
Volksstücke der Nährboden für den ,,Kampf zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein"
(s.GW, 664), dem seine Figuren ausgesetzt sind und der sich sprachlich im Bildungsjargon
niederschlägt dieser verrät was die Figuren gerne wären, nun aber nicht sind.
Zwischen Anschein und Wirklichkeit bewegen sich seine Figuren auf einem seidenen Faden
und entlarven ihr irrationales, triebgesteuertes Handeln unter dem Mantel der scheinbaren
Vernunft durch ihren Sprachduktus entweder selbst, oder im Gespräch mit anderen. So
schafft Horváth die für ihn so relevante ,,Synthese aus Realismus und Ironie" (s.GW, 663).
Geben sich die Figuren nachdenklich und gebildet, äußert sich dies in hohlen Phrasen und
Parolen; geben sie sich gefühlvoll, endet dies im Kitsch.
Walder nennt das ,,demaskierte" Bewusstsein ,,uneigentliches Bewusstsein", und das wirkt,
vorausgesetzt der Zuschauer durchschaut es, komisch. (Dennoch, Horváth ist kein
Komödienautor. Bei ihm wirkt das Komische tragisch, unheimlich).3
Haag spricht beim Bewusstseinskampf der horváthschen Figuren von ,,Fassaden-
Dramaturgie" und sieht eine Analogie zu Freuds Traumdeutung. Diese Ambivalenz des
Zeigens und Verbergens ist auf allen Ebenen der theatralischen Darbietung auffindbar.4
1 Ödön von Horváth. Gesammelte Werke in acht Bänden. Bd. 8. Hrsg. von Traugott Krischke u. Dieter
Hildebrandt. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1972, S. 660. In der Folge zitiert als: s.GW.
2 Materialien zu Ödön von Horváths ,,Glaube Liebe Hoffnung". Hrsg. von Traugott Krischke. Frankfurt
am Main: Suhrkamp 1973. (= edition suhrkamp. 671.), S. 15. In der Folge zitiert als: Mat.GLH.
3 Vgl. Martin Walder: Die Uneigentlichkeit des Bewußtseins. Zur Dramaturgie Ödön von Horváths.
Bonn: Bouvier 1974. (= Studien zur Germanistik, Anglistik und Komparatistik. 22.), S. 59.
4 Vgl. Ingrid Haag: Ödön von Horváth. Fassaden-Dramaturgie. Beschreibung einer theatralischen
Form. Frankfurt am Main [u. a.] 1995. (= Literarhistorische Untersuchungen. 26.), S. 6f.
5
Die Funktion, die dieser ,,Demaskierungsvorgang" innehat ist eine pädagogische. Doch ist
hier nicht nach Brecht das Theater als Erziehungsanstalt zu sehen. Der Zuseher hat sich
selbst zu erziehen, oder vielmehr noch, sich selbst zu erkennen wie Horváth in der
Randbemerkung
(Mat.GLH, 75) fordert.
Das Theater ermöglicht laut ihm das Befriedigen von ,,asozialen Triebe[n]" (s. GW, 661) im
Zuschauer, wobei hier ,,asozial" durchaus mit kriminell gleichzustellen ist. Nun geht er von
einem einmaligen Katharsiserlebnis aus; sieht der Zuschauer etwa einen Mord auf der
Bühne, erlebt er ihn mit, befriedigt so seinen eigenen ,,asozialen Trieb" und vermindert ihn.
(Vgl. s.GW, 661)
Vor allem soll der Zuschauer allerdings erkennen, dass er durch die Figuren im Stück einen
Spiegel vorgehalten bekommen hat, dass seine Gefühle verfälscht sind und er soll dadurch
beginnen sein eigenes Bewusstsein zu prüfen.
Im Folgenden soll auf sprachliche und nicht sprachliche Mittel, die zur ,,Demaskierung des
Bewusstseins" dienen, näher eingegangen werden.
2.1 Haupt- und Nebentexte
2.1.1 Der Dialog
,,Vergessen Sie nicht, daß die Stücke mit dem Dialog stehen und fallen!" (s.GW, 663) betont
Ödön von Horváth in der
Gebrauchsanweisung
und stellt somit den Dialog über jegliche
äußere Handlung.
Das von ihm gewollt Tragische erreicht er durch die Doppelbödigkeit der Sprache, und diese
wiederum durch das Einführen epischer Momente in die Dialogsprache. Das spiegelt sich
aber bei ihm nicht wie bei Brecht in einem Spielleiter wider, sondern wird direkt im Sprechen
der Figur geformt. ,,,Demaskierung des Bewußtseins′ erfordert ein Subjekt, das sich zum
Dialog verhält, ihn zum Objekt seiner Untersuchung macht. Das Gegenüber von Subjekt und
Objekt aber ist struktur- und stilbildendes Merkmal des Epischen."5
So entstehen im Dialog zwei Bewusstseinsebenen, die miteinander divergieren eine
kritische und die dialogische der Figur, welche beibehalten wird.
Der Demaskierungsvorgang kann nur durch diese Objektivierung erfolgreich gelingen. Der
handelnde Mensch tritt in den Hinter-, die Duplizität der Sprache in den Vordergrund. Die
wahren Intentionen der Figuren entsprechen nicht dem, was sie sagen; das Sagen und das
Meinen sind im horváthschen Dialog überhaupt einem steten Antagonismus ausgeliefert.
5 Hajo Kurzenberger: Horváths Volksstücke. Beschreibung eines poetischen Verfahrens. München:
Fink 1974. (= Kritische Information. 17.), S. 45.
6
So herrschen
Widersprüche zwischen dem vorgegebenen sprachlichen Ausdruck und der eigentlichen
Motivation, Widersprüche zwischen verbaler Artikulation und unterbewußtem Antrieb,
Widersprüche aber auch zwischen einem Aktionsablauf und der diesen überlagernden
gegenläufigen Aussage.6
Letzteres, der Widerspruch zwischen verbaler und nonverbaler Ebene, genauer die
,,Divergenz zwischen Rede und Handeln"7 zählt zu einem der Kunstmittel der Horváth-
Dramaturgie:
KARL [...] Es hat doch gar keinen Sinn, als Vieh durch das Leben zu laufen und immer nur an
die Befriedigung seiner niederen Instinkte zu denken
er legt seinen Arm unwillkürlich um ihre
[Annas]
Taille, ohne zu wissen, was er tut.
8
Durch dieses spezielle Arrangement von Haupt- und Nebentextzeilen erreicht Horváth seine
unheimliche Komik.
Der Demaskierungsprozess nimmt durch Anordnung der Dialogteile seinen vollen Lauf und
entlarvt Prahlerei, hohles moralisierendes Geschwafel und kleinbürgerliche Scheinidylle
unmittelbar nach deren Artikulation.
2.1.2 Die Stille
Allgemein ist zu sagen, dass Horváth wenige textuelle Handlungsanweisungen gibt; die
,,Stille"
hat die gewichtigste Funktion bei der ,,Demaskierung des Bewusstseins" inne und
deren Einhaltung wird von ihm nachdrücklich in der
Gebrauchsanweisung
(s.GW, 663)
gefordert.
Obwohl es paradox anmutet, können diese ,,Stillen" als die für den Rezipienten
sprechendsten Elemente der horváthschen Dramen angesehen werden. Eine ,,Stille"
kommt
zum Einsatz wenn das eben Gesagte der Figur mit ihrem uneingestandenen Triebleben
zusammenprallt:
[...] it is at such moments that the shamness of language is thrust into a void of critical silence.
The values are now reversed, the balance momentarily redressed, as the question of truth is
weighed. The falseness of language gives place to the truth of silence.9
6 Kurzenberger, Horváths Volksstücke, S. 49.
7 Kurt Bartsch: Scheitern im Gespräch. Beobachtungen zu typischen Kommunikationssituationen in
Horváths Volksstücken. In: Horváth-Diskussion. Hrsg. von Kurt Bartsch; Uwe Baur; Dietmar
Goltschnigg. Kronberg: Scriptor 1976. (= Monographien Literaturwissenschaft. 28.), S. 47.
8 Ödön von Horváth: Italienische Nacht. Gesammelte Werke. Kommentierte Werkausgabe. Bd. 3.
Hrsg. von Traugott Krischke unter Mitarbeit von Susanna Foral-Krischke. Frankfurt am Main:
Suhrkamp 2001. (= suhrkamp taschenbuch. 3335.), S. 80. In der Folge zitiert als: IN.
9 Alexander Stillmark: The Truth of Masks in Horváth′s Theatre. In: Symposium on Ödön von Horváth
(1901-1938). Hrsg. von The Department of German, University College London and the Austrian
Institute. London: Austrian Institute 1977, S. 8.
7
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