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Genese und Ansätze zur Lösung des Induktionsproblems

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2009, 25 Pages
Author: Bachelor of Arts (B.A.) Inga Bones
Subject: Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2009
Pages: 25
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 10  Entries
Language: German
Archive No.: V122742
ISBN (E-book): 978-3-640-27929-6
ISBN (Book): 978-3-640-28312-5
Notes :
23seitige Hausarbeit zum Hauptseminar Wissenschaftstheorie an der Universität Stuttgart. Behandelt werden die Genese des Induktionsproblems ausgehend von David Hume sowie Lösungsansätze bzw. Umgehungsversuche von Karl Popper, Peter F. Strawson und Nelson Goodman. Außerdem werden probabilistische Ansätze sowie der Versuch der Etablierung einer supreme premise diskutiert.


Abstract

Einleitung [Auszug]: David Hume, ein Vertreter des Empirismus, lenkte mit seiner 1758 erschienenen Untersuchung über den menschlichen Verstand die Aufmerksamkeit auf das Induktions–problem und weckte, so formulierte es Kant in den Prolegomena, die akademische Philosophie aus ihrem „dogmatischen Schlummer.“ Während das erste Kapitel dieser Arbeit die Hume’sche Analyse des Problems skizziert, sollen im zweiten Kapitel verschiedene Lösungsansätze vorgestellt werden – die Suche nach einer obersten Prämisse, wahrscheinlichkeitstheoretische Überlegungen und – ausführlicher – Poppers Falsifikationismus. Im dritten Kapitel sollen die Positionen zweier Philosophen des 20. Jahrhunderts, Peter F. Strawson und Nelson Goodman, dargestellt und miteinander verglichen werden: Wie charakterisieren Strawson und Goodman das Induktionsproblem? Halten sie es für lösbar und, wenn ja, welchen Lösungsansatz verfolgen beide? Unterscheiden sich die Positionen bereits im Ansatz oder lassen sie sich problemlos miteinander vereinbaren; ergänzen sich möglicherweise sogar? Und schließlich: Können die Antworten der beiden Philosophen auf Humes Problem überzeugen?


Excerpt (computer-generated)

Universität Stuttgart

HS Wissenschaftstheorie

WiSe 2008/09














Genese und Ansätze zur Lösung des

Induktionsproblems



von

Inga Bones

Master of Arts Philosophie/Linguistik (1. FS)


Inhaltsverzeichnis





Einleitung

2



1. Genese des Induktionsproblems

3

2. Antworten auf Humes Problem

6

2.1. Die Suche nach einer obersten Prämisse

6

2.2. Probabilistische Ansätze

8

2.3. Karl Poppers deduktive Methode der Theorienüberprüfung

10

2.3.1. Die (deduktive) Methode der kritischen Nachprüfung

10

2.3.2. Das Abgrenzungsproblem

11

2.3.3. Hilfshypothesen, Basissätze und intersubjektive Nachprüfbarkeit

12


3. Eine Neudefinition des Induktionsproblems

13

3.1. Die Auflösung des alten Induktionsproblems

13

3.2. Das ,,neue Rätsel" der Induktion

15

3.3. Eine Evaluation der Positionen Strawsons und Goodmans

18



Schluss

21





Literaturverzeichnis

23













1


Einleitung

Zweck oder Ziel der Wissenschaft ist ­ nicht nur in einem vorphilosophischen

Verständnis ­ der Erkenntnisgewinn. Wissenschaft soll die vielfältigen Phänomene unserer

Umwelt beschreiben und, über die bloße Beschreibung hinaus,

erklären

; sie soll

gehalterweiternde, wahre Aussagen über die Wirklichkeit treffen; sie soll

Wissen

schaffen.

Wenn wir einer Person berechtigterweise Wissen um einen bestimmten Sachverhalt

zuschreiben, müssen drei notwendige Bedingungen erfüllt sein: Die den Sachverhalt

beschreibende Aussage muss mit der Wirklichkeit übereinstimmen, sie muss

wahr

sein; die

betreffende Person muss der Aussage

Glauben

schenken und in ihrem Glauben

gerechtfertigt

sein. Kurz, Wissen ist wahrer und ­ persönlich und sachlich ­ gerechtfertigter Glaube. In der

persönlichen Rechtfertigung, d.h. im Nachweis der Konsistenz eines wahren (und nicht

analytischen) Glaubenssatzes, liegt die skeptische Herausforderung der Erkenntnistheorie.

Für die Wissenschaftstheorie stellt sich die Frage nach der Rechtfertigung synthetischer

Sätze als ähnlich fundamental heraus: Im Rahmen der wissenschaftlichen Praxis werden

Theorien aufgestellt, die natürliche Phänomene zu erklären imstande sind und uns

ermöglichen, Vorhersagen über zukünftige Ereignisse zu treffen. Durch Verallgemeinerung

singulärer Beobachtungssätze gewinnt der Wissenschaftler gesetzesartige Allaussagen; um

ein Beispiel aus der Newtonschen Mechanik zu nennen: ,,Beim frontalen Aufprall einer

bewegten Billardkugel auf eine unbewegte Kugel gleicher Masse übernimmt die zuvor

unbewegte Kugel Geschwindigkeit und Stoßrichtung der ersten Kugel, während jene liegen

bleibt." Gesetzesaussagen ermöglichen dann wiederum die Ableitung potentieller

Beobachtungssätze, d.h. Vorhersagen von der Art: ,,Wenn eine Person X diese rote

Billardkugel so stößt, dass sie frontal auf die blaue Kugel prallt, so wird die blaue Kugel

Geschwindigkeit und Stoßrichtung der roten übernehmen, während jene still am Punkt des

Aufpralles verharren wird." Diese Ableitung potentieller Beobachtungssätze ist

unproblematisch; sie beruht auf einem rein deduktiven Verfahren, welches keiner weiteren

Rechtfertigung bedarf. Problematischer ist die Rechtfertigung der induktiven

Verallgemeinerung von Einzelaussagen: Wie gelangen wir von einer endlichen Anzahl

singulärer (Beobachtungs-)Sätze zu einer Aussage über potentiell unendlich viele mögliche,

zukünftige oder vergangene, Beobachtungen? Vor dem Hintergrund eines induktivistischen

Wissenschaftsbildes, wie es in dieser Einleitung skizziert wurde, stellt das Induktionsproblem

­ das Problem der Rechtfertigung induktiver Schlussverfahren ­ eine große Herausforderung

für den Wissenschaftstheoretiker dar.

Karl Popper formulierte eine deduktivistische Wissenschaftsmethodik, die das

Induktionsproblem zu umgehen scheint, sich bei genauerer Prüfung aber wieder dem gleichen

2


Rechtfertigungsproblem induktiver Verallgemeinerung gegenüber sieht, das sie zu vermeiden

sucht.

David Hume, ein Vertreter des Empirismus, lenkte mit seiner 1758 erschienenen

Untersuchung über den menschlichen Verstand

1 die Aufmerksamkeit auf das Induktions­

problem und weckte, so formulierte es Kant in den

Prolegomena

, die akademische

Philosophie aus ihrem ,,dogmatischen Schlummer."2 Während das erste Kapitel dieser Arbeit

die Hume′sche Analyse des Problems skizziert, sollen im zweiten Kapitel verschiedene

Lösungsansätze vorgestellt werden ­ die Suche nach einer obersten Prämisse, wahr-

scheinlichkeitstheoretische Überlegungen und ­ ausführlicher ­ Poppers Falsifikationismus.

Im dritten Kapitel sollen die Positionen zweier Philosophen des 20. Jahrhunderts, Peter F.

Strawson und Nelson Goodman, dargestellt und miteinander verglichen werden: Wie

charakterisieren Strawson und Goodman das Induktionsproblem? Halten sie es für lösbar und,

wenn ja, welchen Lösungsansatz verfolgen beide? Unterscheiden sich die Positionen bereits

im Ansatz oder lassen sie sich problemlos miteinander vereinbaren; ergänzen sich

möglicherweise sogar? Und schließlich: Können die Antworten der beiden Philosophen auf

Humes Problem

überzeugen?

1. Genese des Induktionsproblems

Das Problem der Induktion wurde erstmals von David Hume in der

Untersuchung über

den menschlichen Verstand

thematisiert. Der Terminus

Induktion

wurde von Hume nicht

explizit verwendet ­ er richtete sein Augenmerk vielmehr auf Kausalschlüsse ­ und die

verschiedenen Arten induktiven Schließens sind weniger differenziert dargestellt als heute;

dennoch berühren die Ausführungen Humes den Kern des Problems.

Zwei Arten von Gegenständen können Inhalt des menschlichen Denkens, der

Vernunfttätigkeit

sein:

Beziehungen

von

Vorstellungen

und

Tatsachen.

Den

Vorstellungsbeziehungen ist eigentümlich, dass sie ,,durch die reine Tätigkeit des Denkens

[mit ...] intuitiver oder demonstrativer Gewißheit"3 zu erkennen sind. Zu ihnen gehören die

Sätze der Geometrie, Arithmetik und Algebra, aber auch andere notwendige Wahrheiten oder

analytische Sätze wie ,,Ein Junggeselle ist ein unverheirateter Mann." Um einen Satz, der eine

Vorstellungsbeziehung ausdrückt, als wahr anzuerkennen, braucht es keine Erfahrung ­ Sätze

dieser Art gelten a priori, bereichern unser Weltwissen allerdings nicht oder nur unwesentlich.

1 David HUME:

Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand.

Hamburg (12. Aufl.): Meiner 2005.

Schon im Jahre 1748 veröffentlichte Hume die Untersuchungen unter dem Titel

Philosophical Essays
concerning Human Understanding.

2 Immanuel KANT:

Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik.

Stuttgart: Reclam 2005. S. 11.

3 HUME 2005: S. 35.

3


Gehaltvoller, aber auch komplizierter und schwerer zu rechtfertigen, sind Sätze, die

Tatsachen formulieren. ,,Das Gegenteil einer Tatsache bleibt immer möglich,"4 oder, nach

Wittgenstein: ,,Was wahr sein kann, kann auch falsch sein." Gehalterweiternde ­

synthetische ­ Sätze können nicht mit derselben intuitiven Gewissheit erkannt werden, die uns

einem analytischen Satz zustimmen lässt; sie bleiben rechtfertigungsbedürftig.

Hume führt den Leser in drei Schritten zum Induktionsproblem: Zunächst fragt er nach

dem ,,Wesen all unserer Denkakte in betreff von Tatsachen." 5 Tatsachen, bzw. die sie

betreffenden Denkakte, gründen in der Beziehung von Ursache und Wirkung; eine

Kausalitätsbeziehung zwischen Einzeldingen und Ereignissen wird von uns vorausgesetzt. Im

zweiten Schritt fragt Hume nach der ,,Grundlage [...] unserer Denkakte und Schlüsse in

betreff dieser [Kausalitäts-]Beziehung."6 Unser Wissen um die Beziehung von Ursache und

Wirkung stammt ,,ganz und gar aus der Erfahrung" 7 ; Kausalität ist kein Natur- oder

notwendiges Prinzip, welches wir a priori zu erkennen imstande sind. Die dritte und letzte

Frage führt den Leser zum eigentlichen Kern der Untersuchung, zum Hume′schen oder

Induktionsproblem: ,,Was ist die Grundlage aller Schlüsse aus der Erfahrung?"8 Auf welcher

Basis und mit welcher Rechtfertigung schließen wir aus unserer Erfahrung? Welches Prinzip

erlaubt uns, induktiv zu schließen?

In den

Untersuchungen

bespricht Hume ausschließlich induktive Generalisierungs-

schlüsse, d.h. Schlüsse von einer beliebigen Anzahl von Einzelbeobachtungen

bzw. -erfahrungen auf eine Gesamtheit tatsächlicher und möglicher Beobachtungen und

Erfahrungen in Form einer Allaussage.

Unsere Erfahrungen dehnen wir auf potenzielle, auf zukünftige Erfahrungen aus. Ein

Beispiel nennt Hume im vierten Abschnitt der

Untersuchungen

: Wenn wir in der

Vergangenheit positive Erfahrungen mit dem Nahrungsmittel Brot gemacht haben, wenn uns

Brot gesättigt hat, bekömmlich und nahrhaft war, so werden wir auch in Zukunft auf den

Nährwert und die Bekömmlichkeit von Brot vertrauen. Wir werden nicht jedes Mal von

Neuem überrascht sein, wenn uns ein Stück Brot schmeckt und uns nicht ­ wie giftige Pilze ­

umbringt. Ein solcher ,,Fortgang im Denken"9, ein Schluss von der Vergangenheit auf die

Zukunft, vom Besonderen auf das Allgemeine, bedarf einer Erklärung. Hume bemerkt, dass

die beiden Sätze

4 Ebd.

5 HUME 2005: S. 42.

6 Ebd.

7 HUME 2005: S. 37.

8 HUME 2005: S. 43.

9 HUME 2005: S. 44.

4


(1)

,,Ich habe gefunden, daß ein solcher Gegenstand immer von einer solchen Wirkung

begleitet gewesen ist"

und

(2)

,,Ich sehe voraus, daß andere Gegenstände, die in der Erscheinung gleichartig sind,

von gleichartigen Wirkungen begleitet sein werden"

10

in ihrem Gehalt und Allgemeinheitsgrad wesentlich verschieden sind und der zweite Satz

unmöglich deduktiv aus dem ersten Satz abgeleitet werden kann.

Ein induktiver Generalisierungsschluss, wie im obigen Schema dargestellt, setzt als

Hilfshypothese voraus, dass ,,die Zukunft mit der Vergangenheit gleichförmig sein werde."11

Jene Vorannahme, die Zukunft werde sich im Wesentlichen nicht anders als die

Vergangenheit verhalten, bezeichnet man als Gleichförmigkeitsthese. Unter Zuhilfenahme

einer Gleichförmigkeitsthese ließe sich also die Folgerung von (2) aus (1) rechtfertigen.

Beim Versuch, die Gleichförmigkeitsthese selbst zu begründen, ergeben sich jedoch

Schwierigkeiten: Wie, wenn nicht durch induktives Schließen, gelangen wir überhaupt zu der

Vorstellung der Gleichförmigkeit von Vergangenheit und Zukunft? Das Prinzip der

Gleichförmigkeit der Natur ist kein apriorisches Prinzip ­ also muss es a posteriori, aus der

Erfahrung, gewonnen werden. An dieser Stelle scheint man in einem

vicious circle

, einem

Teufelskreis, gefangen. Induktion folgt nicht den Regeln des deduktiven Schließens und ist

demnach nicht logisch zu rechtfertigen. Jeder Versuch, Induktion durch Zuhilfenahme einer

Uniformitäts- oder Gleichförmigkeitsthese zu rechtfertigen, scheitert an einem Zirkel ­ wir

können die Gültigkeit eines induktiven Verfahrens nicht durch Berufung auf induktiv

gewonnene Erkenntnis beweisen.

Was bleibt also, nachdem David Hume dem Leser so deutlich die Grenzen seiner

Erkenntnis vor Augen geführt hat? Welches Prinzip veranlasst den Menschen zum induktiven

Schließen? Nach Hume ist ,,die Gewohnheit die große Führerin im menschlichen Leben."12

Einzig dem psychologischen Prinzip der gewohnheitsmäßigen Verknüpfung ist es zu

verdanken, dass der Mensch seine Erfahrung so ,,nutzbringend gestalte[n]"13 und zu seinem

Wohl einsetzen kann.

10 HUME 2005: S. 45.

11 HUME 2005: S. 46.

12 HUME 2005: S. 57.

13 Ebd.

5



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