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Analyse und Interpretation von Sallust, Bellum Iugurthinum 84,1-85,9

Seminararbeit, 2007, 30 Seiten
Autor: Julia Hohm
Fach: Latein

Details

Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2007
Seiten: 30
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 21  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V122801
ISBN (E-Book): 978-3-640-27940-1

Anmerkungen :
Eine sehr schöne, tiefgehende, sprachlich gesicherte, zutreffende Interpretation


Zusammenfassung / Abstract

Vor der Truppenaushebung für seinen Feldzug in Numidien spricht Marius in einer Volksversammlung zur Menge, einerseits um die Rekruten zu ermutigen, andererseits aber vielmehr, um gegen die Nobilität anzugehen, der er schon lange feindlich gesonnen ist. Die einleitenden Worte zu dieser Rede sowie deren Proömium (Kap. 84,1-85,9) sollen in der vorliegenden Arbeit zunächst lateinisch wiedergegeben und dann ins Deutsche übersetzt werden. Den Hauptteil bildet im Anschluss die Interpretation dieser Paragraphen, woraufhin in einem letzten Abschnitt einige ausgewählte textkritische Stellen untersucht werden.


Textauszug (computergeneriert)

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Lehrstuhl für Klassische Philologie (Latein)

Proseminar: Sallust, Historien

Sommersemester 2007

Analyse und Interpretation von Sallust, Bellum Iugurthinum 84,1-85,9

(eingereicht am 31.08.2007)















Julia Ebert

LAG Germanistik, Latein

5./4. Semester


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 3

2. Text und Übersetzung 4

3. Interpretation von Sall. Bel. Iug. 84,1-85,9 6

4. Textkritische Erläuterungen 24

5. Literaturverzeichnis 28

2


1. Einleitung

,,Non sunt composita verba mea: parvi id facio. Ipsa se virtus satis ostendit: illis artificio

opus est, ut turpia facta oratione tegant. Neque litteras Graecas didici: parum placebat eas

discere, quippe quae ad virtutem doctoribus nihil profuerant."1

In diesen Worten charakterisiert Marius sich selbst als wenig beredt; er nämlich lehne für

seine Person die griechische Gelehrsamkeit ab und schätze die Beredsamkeit gering, da sie

selbst nicht zur

virtus

verhelfen und damit auch dem Gemeinwesen nicht nützen. Dennoch

legt Sallust ihm in seiner Abhandlung über den Jugurthinischen Krieg die längste Rede seines

gesamten Werkes in den Mund, mit deren Hilfe er ,,ein äusserst lebensvolles,

charakteristisches Bild des Mannes [entwirft], in dem sich mehrere anderweitig berichtete

Züge mit Leichtigkeit wiedererkennen lassen"2.

Nach der Schilderung der Kriegsführung des Metellus gegen Jugurtha in Numidien beschreibt

Sallust in seiner zweiten Monographie den Übergang des Oberbefehls auf Marius. Dieser

wirft dort nämlich dem Metellus öffentlich vor, den Krieg mit Absicht in die Länge zu ziehen,

und rühmt sich selbst, den Krieg in Afrika auch mit einem geringeren Truppenkontingent in

nur wenigen Tagen beenden zu können. Dies führt dazu, dass viele Briefe von seinen

Anhängern bei deren Bekannten in Rom eingehen, die einerseits gegen Metellus wettern,

andererseits Marius als neuen Feldherrn fordern. Auf diese Weise werden durch die

Unterstützung des Volkes schließlich das Konsulat sowie der Oberbefehl über Numidien dem

homo novus

Marius übertragen.

Vor der Truppenaushebung für seinen Feldzug in Numidien spricht dieser in einer

Volksversammlung zur Menge, einerseits um die Rekruten zu ermutigen, andererseits aber

vielmehr, um gegen die Nobilität anzugehen, der er schon lange feindlich gesonnen ist. Die

einleitenden Worte zu dieser Rede sowie deren Proömium (Kap. 84,1-85,9) sollen in der

vorliegenden Arbeit zunächst lateinisch wiedergegeben und dann ins Deutsche übersetzt

werden. Den Hauptteil bildet im Anschluss die Interpretation dieser Paragraphen, woraufhin

in einem letzten Abschnitt einige ausgewählte textkritische Stellen untersucht werden.

1 C. Sallusti Crispi: Iugurtha. Recognovit brevique adnotatione critica instruxit L. D. Reynolds. Oxford 1991.

S. 124.

2 Schnorr von Carolsfeld, Hans: Über die Reden und Briefe bei Sallust. Leipzig 1888. S. 52.

3


2. Text und Übersetzung

(84) At Marius, ut supra diximus, cupientissuma plebe consul factus, postquam ei provinciam

Numidiam populus iussit, antea iam infestus nobilitati, tum vero multus atque ferox instare,

singulos modo, modo univorsos laedere, dictitare sese consulatum ex victis illis spolia

cepisse, alia praeterea magnifica pro se et illis dolentia; interim quae bello opus erant prima

habere, postulare legionibus supplementum, auxilia a populis et regibus arcessere, praeterea

ex Latio sociisque fortissumum quemque, plerosque militiae, paucos fama cognitos, adcire et

ambiundo cogere homines emeritis stipendiis secum proficisci. Neque illi senatus, quamquam

advorsus erat, de ullo negotio abnuere audebat; ceterum supplementum etiam laetus

decreverat, quia neque plebi militia volenti putabatur et Marius aut belli usum aut studia volgi

amissurus. Sed ea res frustra sperata: tanta lubido cum Mario eundi plerosque invaserat. Sese

quisque praeda locupletem fore, victorem domum rediturum, alia huiusce modi animis

trahebant, et eos non paulum oratione sua Marius adrexerat. Nam postquam omnibus quae

postulaverat decretis milites scribere volt, hortandi causa simul et nobilitatem, uti

consueverat, exagitandi contionem populi advocavit. Deinde hoc modo disseruit:

(85) ,,Scio ego, Quirites, plerosque non isdem artibus imperium a vobis petere et, postquam

adepti sunt, gerere: primo industrios supplicis modicos esse, dein per ignaviam et superbiam

aetatem agere. Sed mihi contra ea videtur; nam quo pluris est univorsa res publica quam

consulatus aut praetura, eo maiore cura illam administrari quam haec peti debere. Neque me

fallit quantum cum maxumo vostro beneficio negoti sustineam. Bellum parare simul et aerario

parcere, cogere ad militiam eos quos nolis offendere, domi forisque omnia curare et ea agere

inter invidos occursantis factiosos opinione, Quirites, asperius est. Ad hoc, alii si deliquere,

vetus nobilitas, maiorum fortia facta, cognatorum et adfinium opes, multae clientelae, omnia

haec praesidio adsunt: mihi spes omnes in memet sitae, quas necesse est virtute et innocentia

tutari; nam alia infirma sunt. Et illud intellego, Quirites, omnium ora in me convorsa esse,

aequos bonosque favere ­ quippe mea bene facta rei publicae procedunt ­ nobilitatem locum

invadundi quaerere. Quo mihi acrius adnitundum est uti neque vos capiamini et illi frustra

sint. Ita ad hoc aetatis a pueritia fui uti omnis labores et pericula consueta habeam: quae ante

vostra beneficia gratuito faciebam, ea uti accepta mercede deseram non est consilium,

Quirites. Illis difficile est in potestatibus temperare qui per ambitionem sese probos

simulavere: mihi, qui omnem aetatem in optumis artibus egi, bene facere iam ex consuetudine

in naturam vortit.

4


Aber Marius hingegen war, wie wir oben gesagt haben, auf dringendes Begehren des Volkes

hin Konsul geworden; nachdem das Volk ihm auch den Oberbefehl in der Provinz Numidien

übertragen hatte, setzte er der Nobilität, der er schon vorher feindlich gesonnen war, dann

ganz besonders unablässig und unbändig zu, er verletzte bald Einzelne, bald alle miteinander,

er sagte immer wieder, dass er selbst sich das Konsulat von ihnen, den Besiegten, als Beute

genommen habe, außerdem sagte er noch anderes, das für ihn prunkend, für jene aber

schmerzlich war.

Unterdessen tat er zuvorderst das, was für den Krieg nötig war: er forderte Verstärkung für

die Legionen, holte Hilfstruppen von anderen Völkern und Königen herbei, außerdem rief er

aus Latium und von den Bundesgenossen gerade die Allertapfersten herbei, von denen ihm

die meisten wegen ihres Kriegsdienstes, wenige wegen ihres guten Rufes bekannt waren, und

durch sein Ersuchen veranlasste er Leute, obwohl sie ihren Dienst bereits beendet hatten, mit

ihm in den Krieg zu ziehen.

Und obwohl der Senat dagegen war, wagte er es nicht, jenem überhaupt irgendetwas zu

versagen. Im Übrigen hatte er die Verstärkung sogar gern bewilligt, weil man glaubte, dem

Volk sei der Kriegsdienst auch nicht erwünscht und Marius werde deswegen entweder die

Mittel für den Krieg oder die Ergebenheit der großen Masse verlieren. Aber dies hoffte man

vergebens: solch große Lust, mit Marius zu gehen, hatte die meisten befallen. Dass jeder reich

an Beute sein werde, dass er als Sieger nach Hause zurückkehren werde und anderes solcher

Art erwogen sie im Geiste, und nicht wenig hatte sie Marius durch seine Rede angefeuert.

Denn nachdem ihm alles, was er gefordert hatte, genehmigt worden war und er daraufhin

Soldaten ausheben wollte, rief er eine Volksversammlung ein, um sie zu ermutigen und

zugleich die Nobilität anzugreifen, wie er es gewohnt war. Dann sprach er folgendermaßen:

,,Ich weiß, Quiriten, dass die meisten sich nicht mit denselben Eigenschaften bei euch um ein

Amt bewerben, wie sie es später ausführen, nachdem sie es erreicht haben. Zuerst sind sie

fleißig, demütig und maßvoll, dann verbringen sie ihr Leben in Trägheit und Hochmut. Mir

hingegen scheint das Gegenteil richtig: dass nämlich ­ um wie viel der gesamte Staat höher

steht als ein Konsulat oder eine Prätur ­ mit so viel größerer Sorge dieser Staat zu verwalten

ist als diese Ämter anzustreben sind. Und ich täusche mich nicht darin, welch bedeutende

Aufgabe ich durch euer ungeheuer großes Wohlwollen übernehme. Zugleich einen Krieg

vorzubereiten und die Staatskasse zu schonen, diejenigen zum Kriegsdienst zu drängen, die

man nicht kränken will, in der Heimat und auswärts für alles zu sorgen, und dies alles unter

Menschen zu betreiben, die missgünstig, widerspenstig und herrschsüchtig sind, das, Quiriten,

ist schwieriger als man denkt. Dazu kommt noch, wenn andere einen Fehler machen, stehen

alter Adel, die Heldentaten der Vorfahren, die Mittel von Verwandten und Verschwägerten,

5


viele Gefolgschaften, all diese Dinge zu ihrem Schutz bereit. Für mich liegt alle Hoffnung in

mir selbst, welche ich mit meiner Tüchtigkeit und Unbescholtenheit schützen muss; denn

alles andere ist ohne Kraft. Und auch dies begreife ich wohl, Quiriten, dass nämlich aller

Augen auf mich gerichtet sind, dass die Unbescholtenen und Redlichen mir gewogen sind ­

denn meine guten Taten nützen ja dem Staat ­ und, dass die Nobilität eine Gelegenheit sucht,

euch anzugreifen. Umso energischer muss ich mich anstrengen, dass ihr nicht überlistet

werdet und jene erfolglos sind. So war ich bis zu dieser Zeit von Kindheit an, so dass ich alle

Mühen und Gefahren gewohnt bin. Was ich vor euren Wohltaten unentgeltlich machte, das

aufzugeben, nachdem ich den Lohn dafür empfangen habe, ist nicht meine Absicht, Quiriten.

Für jene nämlich ist es schwierig, sich in ihren Machtpositionen zu mäßigen, die sie sich aus

Ehrsucht als rechtschaffen darstellten; mir, der ich mein ganzes Leben in den allerbesten

Eigenschaften verbracht habe, ist gutes Handeln schon aus Gewohnheit zur Natur geworden.

3. Interpretation von Sall. Bel. Iug. 84,1-85,9

Im Vorspann der Rede des Marius, welcher durch die Konjunktion

at

eingeleitet wird, die hier

wieder an die zuvor unterbrochene Mariushandlung anknüpft, verweist Sallust zunächst

zurück auf Kapitel 73,6, in dem bereits die Übertragung des Konsulats auf den

homo novus

geschildert wurde. Dies wird durch die Parenthese

ut supra diximus

unterstrichen, welche den

einzigen sichtbaren Rückverweis dieser Art im gesamten Werk darstellt. Marius war auf

dringendes Bitten des Volkes hin (

cupientissuma plebe

) Konsul geworden (

consul factus

).

Viele Angehörige der Plebs hatten sogar ihren Broterwerb hintangestellt, um nach Rom zu

ziehen und ihrem bevorzugten Kandidaten die Ehre zu geben3. Dass diese Übertragung des

Konsulats auf einen Angehörigen der Plebs und die damit verbundene Schwächung des

bisherigen Oberbefehlshabers in Numidien, Metellus, von Sallust eher negativ beurteilt wird,

macht die Verwendung des Partizips

cupientissuma

deutlich. Denn wie Dix bemerkt, ist diese

Vokabel auf Grund ihrer Nähe zu

cupido

und

cupidus

eher ambivalent zu betrachten, und der

von Sallust sonst selten gebrauchte Superlativ lässt die negative Komponente hervortreten4.

Weiterhin wurde Marius auch die Provinz Numidien vom Volk übertragen (

ei provinciam

Numidiam populus iussit

), was durch die Stellung des Subjekts

populus

direkt vor das

Prädikat besonders betont wird, obwohl der Oberbefehl in dieser Provinz durch den Senat

zuvor dem Metellus zugesprochen worden war5. Das Verbum

iubere

wird im vorliegenden

3 Vgl.: C. Sallusti Crispi: Iugurtha. S. 108 (Kapitel 65,4).

4 Vgl.: Dix, Christina Viola: Interpretationen der Charakterzeichnungen in Sallusts Bellum Iugurthinum. Trier

2006 (= Bochumer Altertumswissenschaftliches Colloquium, Band 79). S. 218.

5 Vgl. Kap. 73,7.

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