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Scholary Paper (Seminar), 2006, 22 Pages
Author: Julia Hohm
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: Friedrich-Alexander University Erlangen-Nuremberg (Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturgeschichte)
Tags: Stefan, Zweig, Welt, Gestern, Erinnerungen, Europäers, Autobiographisches, Schreiben, Jahrhundert
Year: 2006
Pages: 22
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 17 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-27942-5
Die Arbeit ist gut strukturiert und sowohl in der Konzeption, was die Fragestellung anbetrifft, als auch in der Realisierung, was die Argumentationsstruktur und ihre Ergebnisse anbetrifft, sehr überzeugend.
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Abstract
In der vorliegenden Arbeit soll Stefan Zweigs Verhältnis zur Internationalität und sein Ringen um ein geistig vereintes Europa näher beleuchtet werden, denn schon im gewählten Untertitel Erinnerungen eines Europäers leuchtet die Wichtigkeit dieser Thematik für ihn auf. Ein weiterer Schwerpunkt wird auf Stefan Zweigs Verhältnis zur Kunst und Musik liegen, das er Zeit seines Lebens pflegte. Schließlich wird noch der Frage nachgegangen, ob es sich bei dem vorliegenden Werk tatsächlich um eine Autobiographie oder doch vielmehr um Memoiren handelt.
Excerpt (computer-generated)
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturgeschichte
Proseminar: Autobiographisches Schreiben im 20. Jahrhundert
Sommersemester 2006
Stefan Zweig: ,,Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers"
Julia Ebert
LAG Germanistik / Lateinische Philologie
3./2. Semester
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Der Europäer Stefan Zweig 4
2.1. Sein gelebtes Europäertum 4
2.2. Seine Idealformen des Zusammenlebens 8
3. Zweigs Verhältnis zu Kunst und Musik 10
3.1. Seine Begeisterung für Kunst und Musik von Kindheit an 10
3.2. Stefan Zweig und die Musik 11
3.3. Der Sammler Stefan Zweig 13
4. Die Welt von Gestern (k)eine Autobiographie? 14
5. Episoden und Zufälle aus seinem Leben 17
6. Quellen- und Literaturverzeichnis 20
2
1. Einleitung
Als Stefan Zweig Ende des Jahres 1939 in Amerika damit beginnt, seine Autobiographie
niederzuschreiben, geschieht dies unter besonderen und ungünstigen Umständen. Er befindet
sich in der Ferne im Exil und muss sein Werk ohne jegliche Erinnerungsstütze verfassen:
,,Kein Exemplar meiner Bücher, keine Aufzeichnungen, keine Freundesbriefe sind mir in
meinem Hotelzimmer zur Hand"1, denn all das hat er bei seiner Emigration zurücklassen
müssen. Den Entschluss, überhaupt solch ein Erinnerungsbuch zu schreiben, fasst er auf
Grund der ungeheuren Situation und Katastrophen, insbesondere der beiden Weltkriege, die
er als Zeitgenosse miterleben musste. Eigentlich liegt es ihm nämlich eher fern, seine eigene
Person derart in den Vordergrund zu stellen. ,,Viel mußte sich ereignen, unendlich viel mehr,
als sonst einer einzelnen Generation an Geschehnissen, Katastrophen und Prüfungen zugeteilt
ist, ehe ich den Mut fand, ein Buch zu beginnen, das mein Ich zur Hauptperson hat oder
besser gesagt zum Mittelpunkt. [...] Dies unser gespanntes, dramatisch
überraschungsreiches Leben zu bezeugen, scheint mir Pflicht"2. So möchte er den
nachfolgenden Generationen ein umfassendes und vor allem wahres Zeugnis seiner Zeit
geben.
Die Titelfindung gestaltet sich zunächst schwierig, mehrere Titel wie z.B.
Meine drei Leben
,
These Days are Gone
,
Ein Leben für Europa
oder
Wir, Eine geprüfte Generation,
über die
Stefan Zweig auch mit seinen Freunden diskutiert,
werden als unpassend verworfen. Erst nach
Vollendung des Werkes im Oktober 1941 entscheidet er sich für den Titel
Die Welt von
Gestern.
Unter diesem Titel erscheint sein Werk posthum 1944 im Bermann-Fischer-Verlag
Stockholm.
Das Buch ist in insgesamt 16 Kapitel unterteilt, wobei man jeweils 8 Kapitel thematisch
zusammenfassen kann3: Im ersten Teil behandelt Zweig die von ihm so genannte ,,Welt der
Sicherheit", die Welt vor dem ersten Weltkrieg, seine Schul- und Jugendzeit, die Sexualmoral
der Zeit und diverse Reisen, z.B. nach Paris, Indien und Amerika. Der zweite Teil umfasst
dann den ersten Weltkrieg, die Inflation in Berlin und Österreich, Zweigs Kampf um ein
intellektuell vereintes Europa, den Aufstieg Hitlers und seinen Gang ins Exil.
1 Zweig, Stefan: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. Berlin: Suhrkamp Verlag 1949. S. 12.
2 Zweig, S.: Die Welt von Gestern. S. 7ff.
3 Vgl. im Folgenden:
Kesten, Hermann: Stefan Zweig, der Freund. In: Stefan Zweig. Im Zeugnis seiner Freunde. Herausgegeben
und eingeleitet von Hanns Arens. München/Wien: Langen Müller Verlag 1968. S. 137.
3
In der vorliegenden Arbeit soll Stefan Zweigs Verhältnis zur Internationalität und sein Ringen
um ein geistig vereintes Europa näher beleuchtet werden, denn schon im gewählten Untertitel
Erinnerungen eines Europäers
leuchtet die Wichtigkeit dieser Thematik für ihn auf. Ein
weiterer Schwerpunkt wird auf Stefan Zweigs Verhältnis zur Kunst und Musik liegen, das er
Zeit seines Lebens pflegte. Schließlich wird noch der Frage nachgegangen, ob es sich bei dem
vorliegenden Werk tatsächlich um eine Autobiographie oder doch vielmehr um Memoiren
handelt.
2. Der Europäer Stefan Zweig
2.1. Sein gelebtes Europäertum
Internationalität, Europäertum sowie der Gedanke von einem vereinten Europa spielen in
Die
Welt von Gestern
eine große Rolle und sind oftmals Gegenstand der Erzählung. Auch der
Untertitel ,,Erinnerungen eines Europäers", den Stefan Zweig ursprünglich als alleinigen Titel
wählen wollte, verweist darauf, wie sehr sich Zweig als Europäer fühlte und welchen
Stellenwert ein europäisches Gemeinschaftsbewusstsein für ihn Zeit seines Lebens hatte.
Schon in seiner eigenen Familie zeigt sich Stefan Zweigs persönliche Internationalität.4
Mitglieder der Familie seiner Mutter gehen als ,,Bankiers, Direktoren, Professoren,
Advokaten und Ärzte"5 in alle Welt, nach St. Gallen, Wien, Paris, Italien oder New York,
,,und dieser internationale Kontakt [verleiht] ihnen besseren Schliff, größeren Ausblick"6. Sie
alle sprechen mehrere verschiedene Sprachen, bei Familientreffen wechselt man wie
selbstverständlich fließend von einer in die andere hinüber. Auch Stefans Vater Moritz Zweig
ist ,,gebildet, weltläufig [und] beherrscht[] Englisch und Französisch"7.
Stefan Zweig selbst unternimmt nach seiner Schulzeit, die für ihn ,,mehr Bedrückung als
Geborgenheit"8 bedeutete, unzählige Reisen innerhalb Europas und fühlt sich selbst laut
eigener Aussage als ,,Weltbürger"9. Dieses Reisen ,,[fällt] ihm um so leichter, weil er als Sohn
eines Millionärs und später als glänzend verdienender Schriftsteller zu den ,happy few′
gehört[], die auf Reisen einen gepflegten Lebensstil kultivieren [können]"10. Seine erste Reise
4 Vgl. für diesen Absatz:
Zweig, Stefan: Die Welt von Gestern. S. 23-26.
5 Zweig, S.: Die Welt von Gestern. S. 23.
6 Zweig, S.: Die Welt von Gestern. S. 23.
7 Schröter, Klaus (Hrsg): Stefan Zweig mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von Hartmut
Müller. Hamburg: Rowohlt 1988. S. 12.
8 Bauer, Arnold: Stefan Zweig (= Köpfe des XX. Jahrhunderts. Band 21). Berlin: Colloquium Verlag 1961. S.
11.
9 Zweig, S.: Die Welt von Gestern. S. 256.
10 Schröter, K.: Stefan Zweig mit Selbstzeugnissen. S. 39.
4
führt ihn im Rahmen seines Studiums nach Berlin, wo er aus der engen Bindung an seine
Familie und seinem aus der gleichen jüdisch-bürgerlichen Schicht stammenden Freundeskreis
ausbrechen und neue interessante Menschen aus den verschiedensten Gegenden und
Schichten treffen will.11 Wenig später reist er nach Belgien, um dem von ihm verehrten
Dichter Emile Verhaeren zu begegnen, den er später auch ins Deutsche übersetzt und im
deutschen Sprachraum bekannt macht. Gleichzeitig kommt er bei dieser Gelegenheit mit zwei
ihm befreundeten Bildhauern zusammen. ,,Der lange Aufenthalt in Belgien [ist] für Zweig nur
der Auftakt zu einem ausgedehnten Wanderleben, das ihn zwischen seinem zwanzigsten und
dreißigsten Lebensjahr in die Zentren Europas und bald darauf in alle Erdteile führt[]"12, z.B.
nach Frankreich, England, Spanien oder in die Niederlande. Vor allem eine gewisse innere
Unruhe und Unrast sind Gründe für diese ,,Wanderjahre"13 zwischen 1904 und 1914. Auf
Anraten Walther Rathenaus unternimmt er schließlich sogar Reisen nach Indien und Amerika:
,,Sie können England nicht verstehen, solange Sie nur die Insel kennen. [...] Und nicht
unseren Kontinent, solange Sie nicht mindestens einmal über ihn hinausgekommen sind. [...]
Warum fahren Sie nicht einmal nach Indien und nach Amerika?"14, so Rathenaus Worte. Auf
all seinen Reisen kommt Stefan Zweig mit ihm bekannten Schriftstellern, Künstlern und
Intellektuellen zusammen, sucht ,,stoffliche und thematische Anregungen für seine literarische
Arbeit"15 und veröffentlicht seine ersten Werke.
Bei der Lektüre von
Die Welt von Gestern
fällt zudem auf, dass er viele fremdsprachige, vor
allem englische und französische Vokabeln und Wendungen wie selbstverständlich in seinen
eigenen Sprachschatz übernommen hat. Dies mag zum einen an seinen vielen Reisen ins
europäische Ausland, zum anderen aber sicherlich auch an seiner vielsprachigen Prägung von
Seiten des Elternhauses liegen. So betritt er beispielsweise die ,,hall" eines Hotels und nicht
die Empfangshalle oder legt sich einen ,,shawl" statt eines Schals um. Auch viele französische
Wendungen finden sich in seinen Worten wieder, die er fließend in seinen Wortschatz
integriert hat.
Diese enorme Sprachkenntnis erleichtert ihm auch seinen Umgang mit unzähligen nationalen
und internationalen Wissenschaftlern, Künstlern und Politikern. Einige von ihnen lernt er teils
zufällig über schon bestehende Bekanntschaften auf seinen Reisen kennen und ist ab diesem
Zeitpunkt dann auch mit ihnen eng befreundet. An dieser Stelle seien nur wenige dieser
11 Vgl. für diesen Absatz:
Schröter, K.: Stefan Zweig mit Selbstzeugnissen. S. 30-55.
12 Bauer, A.: Stefan Zweig. S. 22.
13 Schröter, K.: Stefan Zweig mit Selbstzeugnissen. S. 39.
14 Zweig, S.: Die Welt von Gestern. S. 207.
15 Schröter, K.: Stefan Zweig mit Selbstzeugnissen. S. 39.
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