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Scholary Paper (Seminar), 2006, 23 Pages
Author: Julia Hohm
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: Friedrich-Alexander University Erlangen-Nuremberg
Tags: Elemente, Rezeptionshaltung, Leiden, Werther, Briefroman
Year: 2006
Pages: 23
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 12 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-27943-2
Eine im Ganzen sehr gelungene Arbeit! Handwerklich einwandfrei und sprachlich adäquat gehen sie mit Primär- und Sekundärliteratur um. Insgesamt eine sehr gute Leistung.
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Abstract
Wie ist es zu erklären, dass Publikum und Autor in Bezug auf Die Leiden des jungen Werthers ein verschiedenartiges Verständnis des Romans hatten? Die Differenzen zwischen der empirisch belegten zeitgenössischen und der von Goethe erwarteten Rezeption können sich damit begründen lassen, dass es in diesem Text sowohl Signale gibt, die bei den Lesern eine identifikatorisch-affektive Rezeptionshaltung gefördert haben, aber auch Elemente, die eine eher intellektuell-distanzierte Lektürehaltung – wie sie im Sinne Goethes gewesen wäre – nahe gelegt hätten. Hinweise auf die unterschiedlichen Wirkungsintentionen sollen im Folgenden aufgezeigt und ihre Wirkung beim Leser erklärt werden.
Excerpt (computer-generated)
FRIEDRICH ALEXANDER UNIVERSITÄT ERLANGEN NÜRNBERG
LEHRSTUHL FÜR VERGLEICHENDE LITERATURWISSENSCHAFT IN VERBINDUNG MIT NEUERER
DEUTSCHER LITERATURGESCHICHTE
PROSEMINAR: BRIEFROMAN
WINTERSEMESTER 2005/2006
ELEMENTE EINER IDENTIFIKATORISCH-AFFEKTIVEN UND INTELLEKTUELL-
DISTANZIERTEN REZEPTIONSHALTUNG IN
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHERS
JULIA EBERT
LAG GERMANISTIK, LATEINISCHE PHILOLOGIE
2./1. SEMESTER
Inhalt
1. Einleitung __________________________________________________3
2. Elemente einer identifikatorisch-affektiven Rezeptionshaltung ______4
2.1. Anlegung als monologischer Briefroman _____________________________________________4
2.2. Vorwort erster Teil ______________________________________________________________5
2.3. Sprache und Satzbau Werthers _____________________________________________________6
2.4. Leseverhalten Werthers __________________________________________________________8
2.5. Neue Thematik und fehlende ästhetische Distanz ______________________________________9
3. Elemente einer intellektuell-distanzierten Rezeptionshaltung ______11
3.1. Vorwort zweiter Teil ___________________________________________________________11
3.2. Entwurf eines Modells der distanzierten Identifikation in den ersten Briefen ________________13
3.3. Herausgeber __________________________________________________________________14
3.4. Leseverhalten Werthers _________________________________________________________16
3.5. Das Motiv der Krankheit ________________________________________________________17
4. Resümee und kurzer Ausblick auf die 2. Fassung ________________19
5. Literaturverzeichnis ________________________________________21
2
1. Einleitung
Die erste Fassung von Goethes
Die Leiden des jungen Werthers
erschien im Herbst 1774 und
wurde schlagartig zu einem großen Erfolg. ,,Die Wirkung dieses Büchleins war groß, ja
ungeheuer"1, wie Goethe selbst bemerkte, jedoch war er mit dem Großteil der
zeitgenössischen Rezeption unzufrieden, da ,,von seinen Bewunderern, vorrangig der
jugendlichen Leserschaft, [...] die Werther-Gestalt rasch vereinnahmt und bedenkenlos zum
Identifikationsobjekt gemacht [wurde]"2. Genau das Gegenteil aber wollte Goethe mit der
Niederschrift der Werther-Geschichte erreichen: dass sich die an Hypochondrie leidende
Sturm und Drang-Generation wie auch er selbst durch die literarische Beschreibung der
Krankheit von selbiger distanziert und dadurch geheilt wird3. ,,Wie ich mich nun aber dadurch
erleichtert und aufgeklärt fühlte, die Wirklichkeit in Poesie verwandelt zu haben, so
verwirrten sich meine Freunde daran, indem sie glaubten, man müsse die Poesie in
Wirklichkeit verwandeln"4, und so musste Goethe erkennen, ,,daß Autoren und Publikum
durch eine ungeheuere Kluft getrennt sind"5.
Nach einer Einteilung von Monika Moravetz favorisiert jeder Briefroman entweder eine
identifikatorisch-affektive Wirkungsintention, bei der sich der Leser in das fiktive
Romangeschehen einfühlt und sich damit identifiziert, oder eine intellektuell-distanzierte
Wirkungsintention, die den Leser zur Reflexion und distanzierten Betrachtung der Handlung
anregt.6 Hierbei stehen dem impliziten Autor verschiedene Textstrategien zur Verfügung, mit
denen er die Rezeption der Leser in die von ihm bevorzuge Richtung lenken kann. Dazu
gehören beispielsweise die Ausgestaltung der Mehrstimmigkeit im Roman entweder im Sinne
von Polyperspektivität oder von Auffächerung einer einheitlichen Position, die Ausgestaltung
von Identifikationsangeboten, die kompositorische Anordnung der Briefe oder die Funktion
des Herausgebers.
1 Goethe, Johann Wolfgang von: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Hrsg. von der deutschen
Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Historisch-kritische Ausgabe bearbeitet von Siegfried Scheibe. Bd.
1: Text. Berlin: Akademie-Verlag 1970. S. 485.
2 Bunzel, Wolfgang: Rück-Wirkung: Goethes literarische Reaktion auf die Rezeption seines Romans Die
Leiden des jungen Werthers. Eine historische Fallstudie als Baustein zu einer künftigen Theorie der
Autor/Leser-Kommunikation. In: Spuren, Signaturen, Spiegelungen. Zur Goethe-Rezeption in Europa. Hrsg.
von Bernhard Beutler und Anke Bosse. Köln/Weimar/Wien: Böhlau 2000. S. 129-167.
3 vgl.: Martin, Ariane: Die kranke Jugend. J.M.R. Lenz und Goethes Werther in der Rezeption des Sturm und
Drang bis zum Naturalismus. Würzburg: Königshausen & Neumann GmbH 2002. S. 64f.
4 Goethe, J. W. v.: Dichtung und Wahrheit. S. 484.
5 Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Bd. IX. Mit Anmerkungen versehen von Erich Trunz,
Textkritisch durchgesehen von Lieselotte Blumenthal. Hamburg: Christian Wegner Verlag 1955. S. 593.
6 vgl. für diesen Abschnitt:
Moravetz, Monika: Formen der Rezeptionslenkung im Briefroman des 18. Jahrhunderts. Richardsons Clarissa,
Rousseaus Nouvelle Héloise und Laclos′ Liaisons Dangereuses. Tübingen: Gunter Narr Verlag 1990. S. 1-6,
25-43.
3
Wie ist es nun zu erklären, dass Publikum und Autor in Bezug auf
Die Leiden des jungen
Werthers
ein verschiedenartiges Verständnis des Romans hatten? Die Differenzen zwischen
der empirisch belegten zeitgenössischen und der von Goethe erwarteten Rezeption können
sich damit begründen lassen, dass es in diesem Text sowohl Signale gibt, die bei den Lesern
eine identifikatorisch-affektive Rezeptionshaltung gefördert haben, aber auch Elemente, die
eine eher intellektuell-distanzierte Lektürehaltung wie sie im Sinne Goethes gewesen wäre
nahe gelegt hätten. Hinweise auf die unterschiedlichen Wirkungsintentionen sollen im
Folgenden aufgezeigt und ihre Wirkung beim Leser erklärt werden.
2. Elemente einer identifikatorisch-affektiven Rezeptionshaltung
2.1. Anlegung als monologischer Briefroman
Goethe hat
Die Leiden des jungen Werthers
als monologischen Briefroman angelegt. Anders
als im polylogischen Briefroman, in dem sich mehrere Personen schriftlich äußern und dabei
verschiedene Perspektiven vertreten können, was den Leser dazu auffordert, die
verschiedenen Positionen gegeneinander abzugrenzen und sich nicht auf eine Perspektive
festzulegen, stammen die wiedergegebenen Briefe im vorliegenden Fall ausschließlich von
Werther selbst, wodurch sich der Blick des Lesers auf ihn konzentriert und eine Identifikation
mit der Hauptfigur gefördert wird.7 ,,
Nolens volens
übernehmen wir Werthers Sehweise,
fühlen uns im Mit-fühlen, erkennen uns in ihm"8. Auch Herausgeberanmerkungen und -
bericht, der ohnehin erst spät einsetzt, durchbrechen diesen Blickwinkel nicht nachdrücklich.
,,Der Leser kann viel tiefer in seine Seele eindringen, als es ihm bei den anderen Charakteren
möglich ist"9, die stets nur durch Dritte (Werther, Herausgeber) beschrieben oder
charakterisiert werden, sich aber nie selbst zu Wort melden und so etwas über ihr Seelen- oder
Gefühlsleben aussagen könnten. Bei Werther hingegen konzentriert sich die Darstellung
größtenteils auf sein inneres Erleben, seine Leidenschaft, seine Gefühlsausbrüche. Sie stehen
für ihn im Mittelpunkt des Daseins, äußere Handlung indessen wird nur selten geschildert.
Der tiefe Einblick in das Gefühls- und Seelenleben Werthers, dem sich der Rezipient kaum
entziehen kann, sowie das Miterleben seiner Leidenschaft fördern das Einfühlen in die
Hauptperson und damit die Identifikation mit selbiger.
7 vgl. für dieses Kapitel:
Reiss, Hans: Goethes Romane. Bern/München: Francke Verlag 1963. S. 15-71.
Waniek, Erdmann: Werther lesen und Werther als Leser. In: Goethe Yearbook 1 (1982). S. 51-85.
8 Waniek, E.: Werther lesen und Werther als Leser. S. 54.
9 Reiss, H.: Goethes Romane. S. 17.
4
Die Briefe Werthers kommen Tagebucheinträgen nahe. Die Folge oft unzusammenhängender,
kurzer und eben tagebuchähnlicher Aufzeichnungen ist ein Zeichen für die Spontaneität des
Aufschreibens, Werther gibt sein Erleben zeitnah und mit all den damit verbundenen
Gefühlen und Leidenschaften wieder. Durch diese Unmittelbarkeit des schriftlichen Fixierens
ohne vorherige Ordnung oder Reflexion des Geschehenen, was auch durch Werthers eigene
Aussage gestützt wird, er sei ,,kein guter Historienschreiber"10, wird die Distanz zwischen
Erlebtem und Fixiertem verkürzt11. Der Leser hat den Eindruck, dem Geschehen selbst in
diesem Moment beizuwohnen, er erlebt alle Leidenschaft Werthers im Augenblick des
Empfindens mit, was eine Identifikation mit der Figur Werther abermals fördert. Diese
Lebensnähe des Buches förderte im Rahmen der Nachahmung Werthers auch den so
genannten Wertherkult, der sich beispielsweise in Wallfahrten zu seinem Grab oder dem
Tragen der im Buch beschriebenen Werthermode niederschlug.
Der eigentliche Adressat der meisten Briefe Werthers, sein Freund Wilhelm, ,,bleibt [...] eine
blasse Chiffre, und so drängt das Fehlen eines als fiktive Gestalt faßbaren Empfängers den
Leser umsomehr in die Rolle des Gegenübers"12. Antwortbriefe fehlen, und so tritt der Leser
in die Position des antwortenden Freundes und wird durch diese Intentionalität direkt in das
Romangeschehen mit einbezogen. Werther in den Antwortbriefen allerdings zu
widersprechen, ist dem Rezipienten kaum möglich, schließlich nimmt er oftmals mögliche
Einwände oder Kritik an seinen Aussagen vorweg und entkräftet sie dadurch von Beginn an13.
2.2. Vorwort erster Teil
Eine einfühlende, identifikatorische Rezeptionshaltung wird in den ersten beiden Sätzen des
Herausgebervorwortes der ersten Wertherfassung entworfen und vom Leser gefordert:14
Was ich von der Geschichte des armen Werthers nur habe auffinden
können, habe ich mit Fleiß gesammlet, und leg es euch hier vor, und weis,
daß ihr mir′s danken werdet. Ihr könnt seinem Geist und seinem Charakter
10 Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werthers. Leipzig 1774. Mit einem Kommentar von
Wilhelm Große. (Suhrkamp BasisBibliothek 5). Frankfurt am Main: Suhrkamp 1998. S. 19. (Brief vom 16.
Juny)
11 vgl.: Vosskamp, Wilhelm: Dialogische Vergegenwärtigung beim Schreiben und Lesen. Zur Poetik des
Briefromans im 18. Jahrhundert. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und
Geistesgeschichte 45 (1971). S. 80-116.
12 Waniek, E.: Werther lesen und Werther als Leser. S. 56.
13 vgl. exemplarisch die Briefe vom 8. August (Goethe, J. W. v.: Die Leiden des jungen Werthers. S. 45f) oder
11. Juni (S. 79).
14 vgl. für dieses Kapitel:
Waniek, E.: Werther lesen und Werther als Leser. S. 51-85.
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