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Korrumpierte Idyllen in Flauberts "L'Education Sentimentale"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 26 Pages
Author: Simone Linde
Subject: Romance Languages - French Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2003
Pages: 26
Grade: sehr gut
Language: German
Archive No.: V12285
ISBN (E-book): 978-3-638-18209-6
ISBN (Book): 978-3-638-77466-6
File size: 254 KB

Abstract

Obwohl Flaubert das Etikett Realist ablehnte, zählt er zu den bedeutendsten Schriftstellern des bürgerlichen Realismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Ebenso wie Stendhal und Balzac wollte er im Roman die Geschichte seiner Generation schreiben: „Je veux faire l’histoire morale des hommes de ma génération; sentimentale serait plus vrai.“ Dieses gross angelegte Projekt muss man im Zusammenhang mit der Entwicklung im 19. Jahrhundert sehen. Im Jahrhundert der Revolutionen wendete sich die Betrachtung auf die historische Wirklichkeit der sich verändernden Gesellschaft, die durch zunehmende Kommerzialisierung und Kapitalisierung aller Lebensbereiche gekennzeichnet war. Die Literatur versuchte dem gerecht zu werden, indem sie persönliche Lebensgeschichten im aktuellen Bezug auf die sozialen, politischen und ökonomischen Bedingungen darstellte. Den Vertretern des realistischen Romans war dabei eine antibürgerliche Haltung gemeinsam, die die Korruption der Gesellschaft offenlegte und die Frage nach der Rolle des Individuums stellte, dass nur noch scheitern kann. Die realistischen Romane haben Paris als Zentrum der modernen Gesellschaft gemeinsam. In Flauberts L’Education Sentimentale ist Paris für die Hauptfigur Frédéric Moreau die Fläche für die Projektion seiner romantischen Sehnsüchte und gesellschaftlichen Ambitionen. Im klassischen Gegensatz zur Verderbtheit der Stadt steht die Landidylle, in die Frédéric mehrfach flieht und dort auch bis zu einem gewissen Grad seine Sehnsüchte erfüllt findet. Diese Arbeit möchte zeigen, wie in der L’Education Sentimentale das Motiv der Idylle als Sinnmodel und narratologischer Subtext evoziert wird, um jedoch durch Korruption und Banalisierung als falsches Ideal entlarvt zu werden. Der Topos der Idylle als zeitloser Raum eines vorzivilisatorischen Naturzustands ruft Konzepte wie spielerische Ereignislosigkeit und regressive Nostalgie auf, die Frédéric in trauter Zweisamkeit mit verschiedenen Frauen erfährt. Jedoch dringt in die Landidyllen in der Education Sentimentale die Leidenschaft und die politische Gewalt in kongruenter Form ein. Genauso wie die Stadt sind die Idyllen von Anfang an mit zunehmender Korruption und Brutalität durchzogen und bieten keineswegs Schutz vor der kapitalistischen Gesellschaft.


Excerpt (computer-generated)

Simone Linde
9. Semester (6. FS)
SS 2002

 


Korrumpierte Idyllen
in Flauberts L’Education Sentimentale


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 2

2. korrumpierte Idyllen

2.1 naive Idylle in Nogent (Louise Roque) 5
2.2 romantische Idylle in Auteuil (Mme Arnoux) 10
2.3 mythische Idylle in Fontainebleau (Rosanette) 15

3. Schluss 21

Literaturverzeichnis 23


1. Einleitung

Obwohl Flaubert das Etikett Realist ablehnte, zählt er zu den bedeutendsten Schriftstellern des bürgerlichen Realismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Ebenso wie Stendhal und Balzac wollte er im Roman die Geschichte seiner Generation schreiben: „Je veux faire l’histoire morale des hommes de ma génération; sentimentale serait plus vrai.“1 Dieses gross angelegte Projekt muss man im Zusammenhang mit der Entwicklung im 19. Jahrhundert sehen. Im Jahrhundert der Revolutionen wendete sich die Betrachtung auf die historische Wirklichkeit der sich verändernden Gesellschaft, die durch zunehmende Kommerzialisierung und Kapitalisierung aller Lebensbereiche gekennzeichnet war. Die Literatur versuchte dem gerecht zu werden, indem sie persönliche Lebensgeschichten im aktuellen Bezug auf die sozialen, politischen und ökonomischen Bedingungen darstellte. Dabei wurde die Wirklichkeit nicht mehr als statische Situation gedacht, sondern als dynamische „Dialektik der Kulturbewegung“2, in der das Indivuduum sowohl Handelnder als auch Produkt der fortschreitenden Entwicklung war. Den Vertretern des realistischen Romans war dabei eine antibürgerliche Haltung gemeinsam, die die Korruption der Gesellschaft offenlegte und die Frage nach der Rolle des Individuums stellte, dass nur noch scheitern kann. Während bei Balzac die Gesellschaft als Ganzes noch von einem allwissenden Erzähler zusammengehalten wird und die Desillusionierung der Protagonisten offenbart, verzichtet Flaubert auf diese Instanz und führt statt dessen den unpersönlichen Erzähler ein, der durch impassibilité bestimmt ist. Dabei nimmt er seinen Protagonisten nicht nur die Möglichkeit zur Erkenntnis ihres Scheiterns, sondern stellt auch die Geschichte als System der Welterkenntnis in Frage. Dieser Verwissenschaftlichung des Romans steht die implizite Ironie des Erzählers gegenüber, die dem Leser eine Position außerhalb der Protagonistendimension ermöglicht und ihm die Wertung aufträgt.

Die realistischen Romane haben Paris als Zentrum der modernen Gesellschaft gemeinsam. In Flauberts L’Education Sentimentale ist Paris für Frédéric Moreau die Fläche für die Projektion seiner romantischen Sehnsüchte und gesellschaftlichen Ambitionen. Die Darstellung der städtischen Landschaft ist durch Frédérics Wahrnehmung bestimmt, die an seine Stimmungen gebunden ist. Dabei ist Frédérics Paris hauptsächlich „das Paris der Mme [...]


1 Flaubert, Gustave: L’Education sentimentale – Histoire d’un jeune homme. [ES] hrsg. von Claudine Gothot-Mersch. Paris: Flammarion 1985. Introduction. S. 8
2 G. Keller zitiert nach Schweikle, Günther u. Irmgard: Metzler Literatur Lexikon – Begriffe und Definitionen. Stuttgart 1990. S. 376


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