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Der doppelte Kursus in Hartmanns „Erec“ und Chrétiens „Erec und Enide“

Seminararbeit, 2007, 29 Seiten
Autor: Dipl.-Kauffrau Katja Schulz
Fach: Germanistik - ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Details

Veranstaltung: Hartmann von Aue - Erec
Institution/Hochschule: Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Tags: Kursus, Hartmanns, Chrétiens, Enide“, Hartmann, Erec
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2007
Seiten: 29
Note: 2,3
Literaturverzeichnis: ~ 16  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V122891
ISBN (E-Book): 978-3-640-27013-2
ISBN (Buch): 978-3-640-26867-2

Zusammenfassung / Abstract

Hartmann von Aue begründete mit seiner Übertragung von Chrétiens de Troyes „Erec et Enide“ den höfischen und Artusroman in deutscher Sprache. Das Werk steht allerdings nicht wirklich überzeugend vor uns und der Leser gewinnt das Gefühl, das das Ganze nur höchst subtil zusammengesetzt ist. In diesem Sinne hat schon im Jahre 1887 Roetteken die Geschichte des Erec als einen „bunten Haufen von Abenteuern“ bezeichnet. Problematisch ist in diesem Zusammenhang, dass der Text keine eindeutigen Signale liefert, die eine Großgliederung erlauben würden. Im Ambreser Heldenbuch sind auch keine Großinitialen vorhanden, von denen auf eine Abgrenzung der verschiedenen Handlungsblöcke geschlossen werden könnte. Daher waren die Bauprinzipien des Artusromans in den letzten Jahrzehnten Gegenstand lebhafter Forschung. In der folgenden Arbeit wird der doppelte Kursus genauer erläutert. Im Anschluss werden die Probleme erörtert, die sich unmittelbar aus einer genaueren Betrachtung der Theorie ergeben. Danach wird Chrétiens „Erec et Enide“ im Hinblick auf Gliederungsmöglichkeiten untersucht und das Ergebnis mit dem doppelten Kursus von Hartmanns Erec verglichen. Die Fragestellung wird also sein: Falls Hartmann den doppelten Kursus von Chrétien übernommen hat, hat er ihn genauso übernommen oder hat er den Aufbau geändert und wenn ja, warum? Welche Aspekte erschienen ihm wichtiger und welche wollte er in seiner Bedeutung reduzieren? Diese Fragen werden im letzten Abschnitt bearbeitet. [...]


Textauszug (computergeneriert)

Der doppelte Kursus in Hartmanns ,,Erec" und

Chrétiens ,,Erec und Enide"

Name:

Katja Schulz

Studiengang:

Germanistik (HF)

(Magister)

Neuere deutsche Literatur (NF)

Betriebswirtschaftslehre (NF)

Semesterzahl:

5


2

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 3

2. Die Bauform des ,,Erec" 4

2.1. Allgemeiner Aufbau des Erec 4

2.2. Der doppelte Kursus 4

2.2.1. Überblick 4

2.2.2. Zusammenhang des Ganzen 7

2.2.3. Deutung der Form 8

3. Probleme des ,,doppelten Kursus" 10

4. Chrétiens ,,Erec et Enide" 11

4.1. Der Aufbau 11

4.1.2. Gliederung nach den Hinweisen Chrétiens 12

4.1.3. Der doppelte Kursus bei Chrétien 16

4.2. Vergleich des doppelten Kursus bei Chrétien und Hartmann 17

4.3. Versuch einer Erklärung des Unterschiedes 22

5. Schlussbemerkung 24

Anhang 25

Literaturverzeichnis 27


3

1. Einleitung

Hartmann von Aue begründete mit seiner Übertragung von Chrétiens de Troyes

,,Erec et Enide" den höfischen und Artusroman in deutscher Sprache.1 Das Werk

steht allerdings nicht wirklich überzeugend vor uns und der Leser gewinnt das

Gefühl, das das Ganze nur höchst subtil zusammengesetzt ist.2 In diesem Sinne

hat schon im Jahre 1887 Roetteken die Geschichte des Erec als einen ,,bunten

Haufen von Abenteuern" bezeichnet.3 Problematisch ist in diesem

Zusammenhang, dass der Text keine eindeutigen Signale liefert, die eine

Großgliederung erlauben würden. Im Ambreser Heldenbuch sind auch keine

Großinitialen vorhanden, von denen auf eine Abgrenzung der verschiedenen

Handlungsblöcke geschlossen werden könnte.4 Daher waren die Bauprinzipien

des Artusromans in den letzten Jahrzehnten Gegenstand lebhafter Forschung.5

Eine Möglichkeit dieses Problem zu bearbeiten, ist eine Gliederung aus der

Inhaltsanalyse zu erschließen. Vorreiter auf diesem Gebiet war Hugo Kuhn, der

mit seiner Theorie des doppelten Kursus 1948 den entscheidenden Anstoß für

eine inhaltliche Gliederung lieferte.6 Ausgangspunkt von Kuhns Analyse ist die

Betrachtung Erecs und dessen Weg durch die Dichtung. Mit diesem Ansatz

wurde die Konstruiertheit des Romans anerkannt und es wurde zunehmend

deutlich, dass das Arrangement von einfachen Handlungsepisoden selbst

richtungsweisende Aussagequalität hat.

In der folgenden Arbeit möchte ich nun den doppelten Kursus genauer erläutern.

Im Anschluss werde ich die Probleme erörtern, die sich unmittelbar aus einer

genaueren Betrachtung der Theorie ergeben. Danach werde ich Chrétiens ,,Erec

et Enide" im Hinblick auf Gliederungsmöglichkeiten untersuchen und das Ergebnis

mit dem doppelten Kursus von Hartmanns Erec vergleichen. Die Fragestellung

wird also sein: Fal s Hartmann den doppelten Kursus von Chrétien übernommen

hat, hat er ihn genauso übernommen oder hat er den Aufbau geändert und wenn

ja, warum? Welche Aspekte erschienen ihm wichtiger und welche wol te er in

seiner Bedeutung reduzieren? Diese Fragen werde ich im letzten Abschnitt

bearbeiten.

1 Deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Bd. 3. Hrsg. von Kurt Ruh. Berlin 1981, S.

507

2 Kuhn, Hugo: Erec, in: Ders.: Dichtung und Welt im Mittelalter. Stuttgart 1959, S. 133

3 Haase, Gudrun: Die germanistische Forschung zum Erec Hartmanns von Aue. Frankfurt am

Main 1988, S. 142

4 Bumke, Joachim: Der ,,Erec" Hartmanns von Aue. Berlin 2006, S. 73

5 Cormeau/ Störmer: Hartmann von Aue. München 1985, S. 174

6 Bumke (2006), S. 73


4

2. Die Bauform des ,,Erec"

2.1. Allgemeiner Aufbau des Erec

Der doppelte Kursus ist allgemein gefasst nichts anderes als der doppelte Weg

Erecs durch die Dichtung, also der erste und zweite Abenteuerweg. Abgegrenzt

sind die beiden Abenteuerreihen, also die zwei Teile des Werks, durch Szenen

am Artushof. Die Handlung beginnt am Artushof. Der Held verlässt den Hof

zweimal und zweimal kehrt er dorthin zurück. Die Zweiteilung des Werks wird also

äußerlich markiert durch einen zirkulären Ortswechsel. Dazwischen liegen die

beiden Abenteuerreihen, die einem allgemeinen Ablauf folgen. Der Held gerät in

eine Krise, d.h. einen Zustand der Schmach und Schande, und arbeitet sich auf

den Abenteuerwegen durch große Rittertaten zu neuem und höherem Ruhm

heraus. Durch die Rückkehr an den Artushof wird beide Male der Status

ritterlicher Vorbildlichkeit bestätigt.7 Interessant ist, dass die Handlungskette aus

äußerlich voneinander weithin unabhängigen Episodenmotiven besteht, die

aneinander gereiht oder ineinander verschachtelt sind. Nur durch die Figur des

Titelhelden, der durchweg Hauptakteur des Geschehens ist, werden die Episoden

zu einer Einheit verbunden. Verbindungsmittel ist dabei hauptsächlich der Zufall,

der den Helden in neue âventiuren führt, wobei ein Ortswechsel mit oder ohne Ziel

die Bedingung ist. Die Handlung ist damit linear auf den Helden zugeschnitten.8

2.2. Der doppelte Kursus

2.2.1. Überblick

Zum besseren Verständnis findet sich im Anhang eine graphische Darstellung des

doppelten Kursus.

Das Werk gliedert sich in zwei Teile: die Geschichte Erecs und Enites bis zur

Hochzeit und die spätere Abenteuerfahrt des Paares. Teil I beinhaltet vier

selbständige Geschichten (Jagd auf den weißen Hirsch; Zwergenbeleidigung;

Sperberpreis; arme Herberge), die so einander überlappen, dass die Exposition

der einen immer in die nächste führt. Der erste Teil endet mit der Hochzeit von

Erec und Enite. Der Teil II beginnt damit, dass sich Erec nach der Rückkehr nach

Karnant im Genuss der ehelichen Liebe ,,verliegt". Daraufhin verbietet er Enite zu

sprechen und reitet mit ihr auf die Suche nach âventiure. Nun folgen die einzelnen

7 Bumke (2006), S. 74

8 Cormeau/ Störmer (1985), S. 175


5

Abenteuerepisoden: doppeltes Räuberabenteuer, Burggraf, Guivreiz,

Zwischenstation Artushof, Riesen, Graf Oringles, Guivreiz, Zwischenstation

Penefrec, Joie de la curt. Am Ende des zweiten Teils kehren die beiden wieder

zurück nach Karnant und führen nun gemeinsam ein der Welt und Gott

wohlgefälliges Leben.9 Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass sich der

strukturelle Sinn der Handlungen erst im Gedanken des doppelten Weges erfüllen

kann. Der Held zieht aus, um ,,sich einen Namen zu machen". Indem er eine Frau

gewinnt und ritterliche Taten vollbringt, erobert er sich die êre und den Glanz der

Welt. Nachdem der Held von Artus unter die Seinen aufgenommen wurde,

brechen fast blitzartig Schuld, Schulderkenntnis oder Beschuldigung auf den

soeben erst Erhobenen herab. Nun muss auf einem zweiten Wege das Verlorene,

also Frau, Herrschaft und Heil, nocheinmal, aber diesmal zu immerwährendem

Besitz, erworben werden.10

Doch nun stel t sich die Frage, wie diese Komposition genau zu verstehen ist. Teil

1 hat seine vier Geschichten ineinander geschachtelt. Teil 2 bildet Reihen, so

dass lauter abgeschlossene Handlungen am Faden der Reise aneinander gefügt

sind. Interessant ist nun die epische Ordnung des zweiten Teils. Betrachtet man

die Episoden überblicksartig, fällt sofort die Motivdoppelung ins Auge. Besonders

klar scheint dabei das doppelte Räuberabenteuer hervor, aber es gibt weitere

Verdoppelungen. Enites Schönheit verleitet zweimal einen Grafen zu blinder

Minne, zweimal kämpft Erec gegen den Zwerg Guivreiz und das Paar kehrt

zweimal am Artushof ein.

Das Grafenabenteuer findet beim zweiten Mal mit gewissen Steigerungen statt.

Das in sich gedoppelte Räuberabenteuer und das Schlussabenteuer Joie de la

curt stehen als einzige al eine da, denn es lässt sich kein Handlungselement

finden, dass diese Ereignisse wiederholt. Das Riesenabenteuer wird als

Vorgeschichte zum zweiten Grafenabenteuer gesehen und findet somit sein

Pendant mit umgekehrtem Verhältnis in der Vorgeschichte zum ersten

Grafenabenteuer, wo ein Knappe Erec und Enite mit Wein, Brot und Schinken

versorgt. In der ersten Vorgeschichte (Knappe) ist Erec erschöpft und der Knappe

ist höfisch, bei der zweiten Vorgeschichte (Riesen) folgt Erec gepflegt und als

echter höfischer Ritter dem Âventiure-Schema. Der Unterschied ergibt sich damit

aus dem Gegensatz höfischer und unhöfischer Situation. Auch die beiden

9 Kuhn (1959), S. 133-138

10 Fromm, Hans: Doppelweg, in: Werk-Typ-Situation. Studien zu poetologischen Bedingungen in

der Älteren Deutschen Literatur. Hrsg. von Ingeborg Glier. Stuttgart 1969


6

Guivreiz-Abenteuer korrespondieren miteinander, was besonders deutlich wird

durch die gleichen Beteiligten und die gleiche Szenerie. Im ersten Fal ist Guivreiz

der vollendet höfische Ritter und Erec erscheint eher tölpelhaft. Bei der zweiten

Begegnung hingegen scheint es genau andersherum. Eigentlich müsste auf beide

Guivreiz-Abenteuer eine Einkehr am Artushof folgen. Es ist zumindest so geplant,

aber die parallele Anordnung wird durch das Abenteuer von Joie de la curt

durchbrochen. Welche Bedeutung ist also der Zwischeneinkehr am Artushof

beizumessen? Laut Kuhn besteht die Bedeutung der Zwischeneinkehr nur darin,

einen Kontrast (=Freudenferne) zur Schlusseinkehr, die Freude bringt, zu

schaffen.11

Der zweite Teil gliedert sich somit in eine A-Reihe (bis zur Zwischeneinkehr am

Artushof) und eine B-Reihe. Das Programm ist bei der ersten

ungemach

durch

arebeit

, bei der zweiten

vreude

. Damit entsteht der doppelte Kursus aus der

absichtlichen Kontrastierung zweier Daseinsstufen. Zunächst wird das Paar in

bewusst anti-höfischen Situationen gezeigt, um dann in der zweiten Reihe die

neuerworbene höfische Lebensform in den gleichen Abenteuern nur mit

umgekehrten Vorzeichen zu bewahren. Der Dichter führt das Paar auf seiner

Reise bewusst zweimal denselben Weg entlang.12

Problematisch sind nun noch die beiden al ein stehenden Episoden. Das doppelte

Räuberabenteuer liest Kuhn als epischen Doppelpunkt, als eine Art Mahnung an

den Hörer, dass dieser auf Wiederholungen achten sol . Auch findet er den

epischen Doppelpunkt beim zweiten Einsatz des zweiten Kursus wiederholt.

Zunächst wird Cadoc von seiner Freundin beweint, weil sie ihn für tot glaubt und

dann Erec von Enite beweint, weil diese ihn als tot ansieht. Das Joie de la curt-

Abenteuer wird als ein al egorischer Kampf um die rechte Minne angesehen. Der

Garten bedeutet die höfische Freude. Er ist zwar für al e offen, aber nur auf

besondere Weise zugänglich. Das allegorische Liebespaar verkörpert zwar die

vol kommene Freude eines Lebens in Minnegemeinschaft, aber diese Freude ist

unwirksam geworden, denn ihr fehlt die letzte Bedingung. Als wahrhaft

vol kommen kann eine Minne erst bezeichnet werden, wenn sie sich in der Welt

bewährt und bestätigt und nicht mit dem genießenden Besitz abschließt. Mit

dieser Episode ist der Bezug zum Schicksal von Erec und Enite hergestellt, denn

sie spiegelt das Ganze. Durch die Rückkehr nach Karnant am Ende wird dann die

11 Kuhn (1959), S. 139-141

12 s. Fn. 11, S. 142



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